Just try 

Ich habe verschlafen. Verdammte Scheiße! Beeilen, Hektik, schnell alles erledigen. Die Kids sind ja ganz alleine… Moment? Kids? 

Ich wache auf und stelle fest, dass ich keineswegs verschlafen habe. Auch wenn das Katerkind das anders sieht, denn von ihm aus hätte ich schon vor 4 Stunden zum Frühstück antreten können. 

Ich quäle mich aus dem Bett. Heute fällt es mir enorm schwer. Gleichzeitig bin ich verwundert, dass ich es nun schon seit zwei Wochen schaffe morgens aufzustehen, obwohl ich der absolute Morgenmuffel bin und mein Rhythmus eher einer Eule entspricht als einem Vögelchen. Faszinierend, aber dran gewöhnen werde ich mich nie. 

Gestern war ich echt produktiv. Ich habe einen Haufen Kartoffelsuppe eingefroren, denn wenn ich schonmal dabei bin Suppengrün zu putzen und Kartoffeln zu schälen, dann mache ich auch eine große Ladung. Ich habe den Kater viel bespaßt, den Meeris zugeschaut, war einkaufen und habe meinen Haaren endlich wieder Farbe in Spitzen verpasst. Und dann mit Tee auf dem Sofa gegammelt und gezockt, einfach mir etwas Gutes tun und abschalten. Und davor eben noch Klinik. 

Grade eben habe ich mal in den Spiegel geschaut und mich vom Panda wieder in einen Menschen verwandelt. Im Einzel haben wir eine Traumalandschaft gemacht. Die Dinge, die belastend waren am Zeitstrahl mit nach oben hin der „Belastung“ die es war und ist. Teilweise mit Gefühlen und eben auch die Dinge, die Halt gaben. Natürlich musste ich heulen, deswegen auch der Pandalook. 

Bei den Dingen, die Halt gaben, steht auch die Selbstverletzung. Und genau das ändert sich in den letzten Jahren in meinem Umgang damit. Viele Jahre war es ein Feind, den es zu bekämpfen galt. Teilweise ist es das auch heute noch. Aber eigentlich ist es eben auch ein Halt gewesen in all den Jahren. Ich hätte es ohne nicht geschafft. Ich hätte keine Möglichkeit gehabt diesen Schmerz auszuhalten. 17 Jahre lang begleitet mich die Selbstverletzung nun schon und vielleicht ist sie eher ein guter Freund, der zwar da ist aber in den Hintergrund rückt, als ein Feind. 

Seit der DBT sind die Momente, in denen ich das Gefühl habe wahnsinnig zu werden, wenn ich mich nicht direkt verletze, viel seltener geworden. Ich merke die Anspannung früher und habe noch ein paar Möglichkeiten mehr damit umzugehen. Und auch meine Einstellung ist anders geworden. Ich versuche nicht mehr mit aller Macht dagegen zu kämpfen, sondern es einfach auszuhalten, die Momente zu überbrücken, bis es wieder besser wird. Leider klappt es nicht immer und in letzter Zeit merke ich, dass die Suizidalität direkt auf der Matte steht, wenn der Druck zu lange da ist. Aber da steht der Lebensvertrag als Bremse zwischen mir und der Handlung. So vieles ist anders geworden in diesen 14 Wochen. 

Jedenfalls merke ich mit jedem Gespräch mehr, dass ich wirklich nicht daran sterbe, wenn ich die Dinge ausspreche. Es tut zwar weh, aber es befreit auch. Und D., der immer sagte, er bringt mich um wenn ich den Mund aufmache, ist so weit weg, dass die Angst mich nur noch selten packt. 

„Warum messen Sie sich selbst mit einem anderen Maßstab als alle anderen?“ fragte die Psychologin in der DBT irgendwann. Und das ist auch eine Sache, die ich seitdem lerne, mich selbst zu validieren, an mir kein anderes Maß anzulegen als an anderen Menschen. Ich darf weinen, ich darf mich scheiße fühlen, es darf wehtun. Die alten Glaubenssätze spuken immer wieder im Kopf, doch sie haben keine so große Kraft mehr über mich. Ich darf atmen und leben. Ich darf mich schlecht fühlen und ich darf Gefühle haben, ich darf eine eigenständige Person sein. Ich darf. Mir selbst etwas erlauben, etwas gönnen, gut zu mir sein, es ist immer wieder eine neue Erfahrung. 

Heute habe ich mich tatsächlich mal zum Mittagessen getraut. Die ganze Woche habe ich mich irgendwie darum gedrückt, zu viele Menschen, zu laut, bäh. Aber heute meldet sich auch der Magen zu Wort und ich habe versucht die Menschen und den Raum auszublenden und trotz allem achtsam zu essen. 

Zuhause will ich mal die Liste aus der DBT in die Hand nehmen, die wir jeden Abend ausfüllen sollten. Unterschiedliche Skills und Übungen, ob wir sie gemacht haben und wie es half. Ich überlege, ob ich es irgendwie in die diary card integrieren kann oder sonst so, dass ich öfter mal darüber nachdenke was ich gemacht habe und welche Dinge ich öfter anwenden sollte. Vieles läuft automatisch, aber einiges auch noch nicht. Und für morgen habe ich mir fest vorgenommen endlich die restlichen Fotos auszudrucken, damit meine „Therapiewand“ endlich einen Anfang finden kann. Die Fotos von uns werden dort einen Platz finden, außerdem der Lebensvertrag und das Zertifikat über die abgeschlossene dbt. Ich würde noch gerne das Bild mit dem Monster am Wegesrand dazu hängen und den Spruch von Herrn E., den er mir ausgedruckt hat. Und vielleicht noch ein paar der Dinge, die mich nach Hause begleitet haben, mal sehen. Das Ganze wird seinen Platz über meinem Bett finden, es ist zu persönlich um quasi „öffentlich“ in meinem Wohnzimmer zu hängen. 

Außerdem steht aufräumen für das Wochenende auf dem Programm, irgendwas leckeres kochen, ich will den Strickkram suchen, damit ich die Sachen auch mal mit in die Klinik nehmen kann. 

Im Großen und Ganzen ist es derzeit echt okay. Ich schwanke zwar ab und an auch in die Tiefe, aber es ist aushaltbar und ich kann mich doch relativ gut selbst auffangen mittlerweile. Der Selbstverletzungsdruck begleitet mich zwar doch unterschwellig etwas mehr als sonst, aber er lässt sich aushalten und auch unterschwellig halten, bis auf einige Momente, in denen der Druck und die Anspannung doch so extrem werden, dass ich kämpfen muss. 

Vielleicht schreibe ich demnächst mal was über Skills. Die sind zurzeit ein großes Thema in meinem Alltag und vielleicht lernt jemand ja noch was dazu. Außerdem hilft das Schreiben mir auch enorm dabei mir manche Sachen selbst nochmal bewusst zu machen. 

It’s not enough to survive
You’re not living if you don’t feel alive.
Just try
You’re not gonna loose your will to fly

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