Life’s better now than it was back then

Während ich durch die Hauptstadt laufe auf dem Weg zu meinem Psychiater und in Gedanken beginne meine Sachen für die Klinik zu packen, fällt mir plötzlich auf, dass ich schon seit einiger Zeit nicht mehr ständig mit einer Klinge unterwegs bin. Quasi seitdem ich mein Handy in Reparatur gab. Denn die Klingen befanden sich grundsätzlich in der Handyhülle, die dann lange Zeit einfach zuhause lag und vor der Wiederbenutzung mal ausgeräumt wurde. Dabei fielen mir zwar die Klingen auf, aber ich räumte sie wie selbstverständlich einfach weg, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich ja eigentlich immer welche dabei habe. Das ist seltsam und neu, denn sonst war es immer ein Kampf sie auszuräumen. Schon damals vor 13 Jahren, als der Vertrauenslehrer mich fragte, ob ich sie ihm anvertraue. Dann waren da viele Momente, in denen ich es immer wieder versucht habe aber nie lange durchhielt ohne welche im Gepäck. Und diese Momente, die mich viel Überwindung kosteten, in denen ich sie J. in die Hand drückte.
In der Nacht habe ich von Selbstverletzung geträumt. Von den Klingen und dem feinen Schmerz und dem Blut. Als der Wecker zum ersten Mal klingelt fühle ich mich nicht in der Lage aufzustehen, ohne dass ich mich verletze. Also drehe ich mich nochmal um, drücke die Kuschelschildkröte, die meine erste Therapeutin mir schenkte, fest an mich und schließe die Augen. Der Zitronenkater macht es sich auf meinen Fußgelenken bequem, ich spüre die Vibration seines Schnurrens durch die Decke. Als der Wecker wieder klingelt ist es besser. Ich bleibe noch ein paar Minuten im Bett liegen, höre dem Radio zu, kraule den Zitronenkater, der mit seiner Nase in meinem Gesicht hängt und atme ein und aus. Der Gedanke an die Selbstverletzung und das Gefühl im Traum sind nicht verflogen, aber weniger intensiv und drängend.
Ich stehe auf, gehe ins Bad, gehe in die Küche und mache mir einen Tee, füttere den Kater und dann die Meeris, trinke meinen Tee, rauche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt.
Während ich im Wartezimmer sitze mustere ich die Menschen. Neben mir sind 12 weitere Personen da. Alle deutlich älter als ich und ich überlege, warum sie wohl hier sind. Ob es psychische Ursachen hat oder sie neurologisch in Behandlung sind. Manchmal fühle ich mich unwohl, wenn ich im Aufzug stehe und die Etage drücke, neben der das Schild auf die Praxis hinweist. Ich frage mich, was die Menschen um mich denken, die in andere Etagen unterwegs sind. Im Sommer sieht man mir an, warum ich hier aussteige. Die Narben auf meinen Armen sprechen eine deutliche Sprache. Heute sehe ich aus wie eine normale junge Frau. Chucks, Jeans, die Weste einer Band, den Beutel über der rechten Schulter, die Kopfhörer in den Ohren. Ungeschminkt und mit bad hair day und Piercings im Gesicht. Ich würde nicht auffallen unter der Masse der Menschen in der Stadt. Doch mit dem drücken des Knopfs im Aufzug gebe ich viel über mich Preis. Genau wie im Sommer. Ich gebe Preis, dass ich einen Kampf kämpfe, den man nicht sieht, der aber deutliche Spuren hinterlässt. Ich gebe Preis, dass ich Libellen mag und Tattoos.
Während ich warte, dass mein Psychiater die Überweisung, Einweisung und Rezepte unterschreibt, muss ich an das erste Mal denken, den ersten Besuch hier. Das ist einige Jahre her und ich fühlte mich furchtbar und ängstlich zwischen all diesen Menschen, nicht wissend wie der Psychiater so ist, ob ich mit ihm klar komme. Heute bin ich froh, dass ich damals diese Praxis aufgesucht habe, denn ich liebe meinen Psychiater für seine Art und sein Fachwissen und seine Kompetenz, sowohl im therapeutischen als auch im psychiatrischen und neurologischen Bereich.
Auf dem Weg zurück nach Hause mache ich einen Abstecher in den Bahnhofsdrogeriemarkt. Als ich an den Klingen vorbei laufe muss ich kurz lächeln. Oftmals brachte allein der Anblick mich völlig aus dem Konzept. Oft habe ich genau hier an dieser Stelle eine Packung aus dem Regal genommen, bin damit zur Kasse und nach Hause. Mit dem Gefühl etwas verbotenes getan zu haben.
Die ersten Male Rasierklingen kaufen haben meinen Puls in enorme Höhen getrieben. Immer noch ein paar Sachen dazu, damit es vielleicht nicht so auffällt zwischen den anderen Dingen. Nie gleichzeitig Klingen und Verbandszeug.
Irgendwann wurde es ein wenig selbstverständlicher, auch wenn ich mich oft gefragt habe, was die Verkäuferinnen sich wohl denken. Ein junges Mädel, manchmal mit Verband am Arm, meistens jedoch mit langen Ärmeln, dass Klingen, Kompressen und Verband kauft. Damals wurde wenig darüber berichtet, heute hat fast jeder mal von Selbstverletzung gehört. Und ich muss an damals denken, den Moment vor 16 Jahren, an dem ich mir zum ersten Mal bewusst in die Haut schnitt und daran, dass ich damals dachte, dass ich völlig verrückt bin, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der sowas tut. Damals hatte ich kein Internet, im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet, das Forum gab es noch nicht. Erst 4 Jahre später stieß ich in der Schulbibliothek im Internet auf das Forum, auf Menschen, die genau das selbe taten wie ich. Und fühlte mich so unglaublich erleichtert, zum ersten Mal verstanden. Und ich überlege, ob es etwas geändert hätte damals, wenn ich gewusst hätte was ich da mache, dass es dafür einen Fachbegriff gibt und dass ich durchaus nicht der einzige Mensch war, der das macht.
Später lernte ich dann Menschen persönlich kennen, die sich auch selbst verletzten. Zwei Klassen unter mir auf dem Gymnasium war ein Mädel, dass sich auch in die Arme schnitt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie waren einige, die so versuchten mit ihren Gefühlen umzugehen. Mittlerweile habe ich viele wunderbare Menschen aus dem Forum getroffen, die ähnliche Kämpfe austragen. Ich weiß, dass ich eine von vielen bin. Es beruhigt einerseits, auf der anderen Seite schmerzt es, dass einfach so viele Menschen diesen Weg kennen lernen und nicht anders damit umgehen können.
Manchmal begegne ich Menschen mit eindeutigen Narben. Auf dem Weg durch die Hauptstadt, in der Bahn, auf Konzerten. Und oftmals blicken wir uns dann an und lächeln beide, weil wir wissen, dass der andere einen Krieg führt in sich.
Beim Warten auf den Zug läuft ein Mann an mir vorbei, mittleres Alter, Bierdose in der einen und Zigarette in der anderen Hand, die Haare schmierig und die Kleidung dreckig und ein übler Geruch nach Alkohol umgibt ihn. Er murmelt etwas von „diese Borderliner“ vor sich hin, als er mit einem Blick auf meine Arme, die mittlerweile sichtbar sind durch Ausziehen der Weste, an mir vorbei geht. Ich überlege, ob ich „diese Alkoholiker“ zurückmurmeln soll, lasse es dann aber und lächle einfach nur, was ihn deutlich irritiert. Auch in der Bahn und im Bus werde ich angestarrt, manche blicken nicht einmal weg, als sie bemerken, dass ich ihre Blicke bemerkt habe.
Auf dem Rückweg steige ich eine Station früher aus der Bahn, nehme den Bus zum ZOB und von dort aus weiter zum Supermarkt, der heute Fliegenschutz im Angebot hat. Fürs Schlafzimmer gibt es einen Rahmen mit stabilem Fliegennetz, damit Katerkind nicht durch das Fenster ausbüchsen kann und direkt auf der Straße steht. Das Küchenfenster kriegt ein normales Netz mit einer Ecke unbefestigt, damit Katerkind rein und raus kann.
Den Rest des Tages habe ich dann damit verbracht das Ding zusammen zu bauen. Ich bin handwerklich wirklich nicht unbegabt, aber die Anleitung hat mich schon zum Wahnsinn getrieben, das Sägen und Zusammenstecken (was mehr ein Zusammenhämmern war…) waren dann nicht wirklich besser. Nun ist das Ding aber am Fenster und hält auch Katerkind aus, meine Hände und Arme tun weh und ich bin erledigt.
Als ich das Fenster für einen winzigen Moment öffnete um zu messen, schlüpfte Katerkind an mir vorbei und war weg. Wunderbar. Genau dort, wo er nicht hin soll, direkt an der Straße, die durch eine Umleitung momentan relativ viel befahren wird. Also bin ich hinterher und habe ihn nach ein paar Minuten dann aus dem Gebüsch im Nachbarvorgarten geangelt, was er mit lautem Protest quittierte. Den ganzen Tag war das Fenster nach hinten zu Hof und Garten offen, dass fand er bei weitem nicht so spannend wie das Schlafzimmerfenster. Manchmal bringt er mich wirklich ein wenig zur Verzweiflung.
Den Rest des Abends verbringe ich nun entspannt auf dem Sofa mit TV. Es war wirklich genug für einen Tag, vor allem das blöde Netzding.
Morgen muss ich in die Apotheke und Tierfutter für 3 Tage besorgen, am Samstag werde ich dann ja Zuhause sein und abends zum Konzert fahren. Ich muss meinen Kram packen und will ein wenig Ordnung machen, bevor ich am Mittwoch weg bin. N. will am Abend vorbei schauen, ansonsten werde ich mir einfach viel Gutes tun und für mich sorgen. Das ist manchmal auch wirklich schwer genug.

If I could relive those days
I know the one thing that would never change

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