Monster verkriechen sich, die Schätze gehoben

Nach fast 3 Wochen wieder zuhause zu sein fühlt sich gut an. Mit dem Katerkind auf dem Schoß und der Schweinebande, die gerade Möhren knabbert, sitze ich im Wohnzimmer und werde wach. Das Wachwerden klappt seit der Reduzierung der Quetiapin deutlich besser, ich habe nicht mehr das Gefühl völlig ausgeknockt zu sein und schlafe trotzdem gut. Ab und an wache ich zwar nachts auf, aber meist schlafe ich direkt weiter. So wie heute Nacht, als der Zitronenkater um kurz nach 4 anfing mir ins Ohr zu miauen und unter mein Shirt zu kriechen. Der Herr ist seit ich wieder da bin sehr gesprächig, als ob er mir von jeder Einzelheit der vergangenen Tage erzählen mag.

Meine Wohnung hat die grandiose Fähigkeit sich in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ob ich nun da bin oder nicht. Also werde ich heute wohl mal ans Aufräumen gehen, aber erst gegen Nachmittag oder Abend.  Um 1 bin ich mit J. verabredet zum Tee, ich freue mich schon drauf. Auch das Wochenende werde ich wohl zum großen Teil dazu nutzen, morgen will ich mit N. zu Rock gegen Rechts gehen, sonst steht nicht viel an. In der nächsten Woche muss ich dann wohl einiges an Kram klären. Mein Internet/Telefon pausieren lassen für die Zeit, in der ich nicht da bin. Meine Fahrkarte kündigen. Bei der Fluggesellschaft Terror schieben wegen der Entschädigung und der Erstattung der Kosten und dem Öffnen der Koffer und den dadurch entstandenen Schäden. Mir einen Plan schreiben, welche Dinge ich noch tun muss, was ich einpacken muss. Montags zur Therapie. Bei der Hausärztin anrufen wegen Impfungen. Den Reha-Antrag ausfüllen und wegschicken. Die Tage werden definitiv gefüllt sein. Aufbruchstimmung. Weitergehen.

Ich muss unwillkürlich an meinen Aufbruch damals denken, als ich so viele Kilometer weit weg ging und endlich wieder Zuhause ankam. Weg aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Zurück in mein geliebtes Bundesland, zu den Orten und Straßen, die ich so sehr liebe. Damals war nichts geplant. Es ging Knall auf Fall. Ich war 19, kurz vor meinem 20. Geburtstag, hatte eine stationäre DBT in Aussicht und wollte mit der Schule weiter machen. Mein Abi schreiben. Mein Großonkel starb und ich beschloss bei meiner Mutter zu bleiben, bis der Termin zur DBT anstand. Denn alleine Zuhause, mehrere hundert Kilometer entfernt, funktionierte nichts mehr. Ich ging nicht mehr vor die Türe, ich verletzte mich mehrfach täglich. Ich vergrub mich und die Tage vergingen wie in Watte. Doch es kam alles anders. Die Klinik verschob den Aufnahmetermin immer weiter und weiter. Die Zeit, die mir noch blieb,  um zurück in die Schule zu gehen und mich auf das Abi vorzubereiten, wurde immer kürzer und kürzer. Bis es schließlich zu spät war. Es schmerzte, es schmerzte unglaublich. Doch damit stand fest, dass es kein Zurück geben wird. An einem Tag ging es zu meiner Wohnung, meine Sachen kamen in den Transporter und es ging zurück. Nicht mal 24 Stunden dauerte es die Gegend zu verlassen, in der ich fast 17 Jahre gelebt habe.

Rückblickend war es die beste Entscheidung. Auch wenn es sich damals nicht so anfühlte. Zu krank um das Abitur zu schaffen, hängen gelassen von der Klinik (die sich übrigens nie wieder gemeldet hat für einen Termin), weg von meiner Therapeutin. Doch es war auch ein Weggehen von Erinnerungen, die schmerzten, von meinem Vater, es war ein Neuanfang. Bis ich wieder anfing zu leben, zurück in meiner Heimat, dauerte es eine ganze Weile. K. hat damals viel dazu beigetragen, der Beginn der Ausbildung, der Beginn einer neuen Therapie. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass ich völlig am Boden bin, so waren diese Tage und Wochen und Monate damals ein Tiefpunkt meines Lebens.

„Alles hat einen Sinn“ sagte meine ehemalige Vermieterin immer zu mir. Und sie hat Recht. Es kommt, wie es kommt und man muss damit umgehen und weiter gehen. Und rückblickend hat sich doch alles so entwickelt, wie es sich eben entwickelt hat, dass es nun so ist, wie es ist. Ich mag nicht großartig über ein was wäre wenn nachdenken. Früher habe ich das oft getan. Gedacht, dass alles so viel besser wäre nun. Doch vermutlich wäre es das nicht. Sogar ziemlich wahrscheinlich.

Der Zitronenkater schläft fest an mich gekuschelt und ich genieße es in Ruhe wach zu werden. Alleine. Bald werde ich mich anziehen und fertig machen und in Richtung Hauptstadt ziehen. Mit Musik auf den Ohren, einem Lächeln im Gesicht. Und Aufbruchstimmung in mir. Alles fühlt sich so sehr nach Veränderung an derzeit, es kribbelt ein wenig vor Aufregung und ich versuche die Angst und die Panik einfach auszuhalten. Es wird so kommen wie es kommt. Es bringt nichts sich nun schon Sorgen zu machen. Es ist okay Angst zu haben.

Weitergehen.

Immer und immer wieder weitergehen.

Niemals aufgeben. Niemals stehen bleiben.

Weitergehen.

Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen
Genug ist zuwenig – oder es wird so wie es war
Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders
Der erste Stein fehlt in der Mauer
Der Durchbruch ist nah, der Durchbruch ist nah
Der Durchbruch ist nah
Kein Ersatz – Deine Droge bist Du, bist Du

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