Die Welt außerhalb der Klinik

Nun liegt der letzte Aufenthalt zur Krisenintervention auch schon ein Jahr zurück. Vor ein paar Tagen lehne ich am Pflegestützpunkt der Haus- und Hofklinik, plaudere mit Pfleger Arschkeks und er lächelt, als ich ihm sage, dass ich es nun wirklich ein Jahr ohne Klinik geschafft habe. „Zwischenzeitlich dachten wir ja, dass Sie sich bald die Post hier her schicken lassen!“ Ich muss grinsen, denn auch wenn diese Worte wieder einmal zeigen, wie viel Zeit ich dort verbracht habe, so zeigen sie auch, dass es nun ganz anders ist. Die Station ist ein Ort, den ich gerne besuche. Nicht zuletzt wegen der Menschen dort, die mich so lange und intensiv begleitet haben. Aber sie ist eben nur noch das: ein Ort, den ich besuche. Ich schließe nicht völlig aus, dass ich vielleicht irgendwann in einer schweren Phase nochmals dort Hilfe suche, doch ich kann auch ganz gut mit dem Gedanken leben dort keine Nacht mehr zu verbringen. Ein Gedanke, der noch vor zwei Jahren so viel Angst gemacht hat.

Ich bin größtenteils stabil. Auch wenn es immer wieder Momente gibt, die mir ein wenig den Boden unter den Füßen wegziehen.

Als mein Katerkind verschwunden war hätte ich mir unglaublich gerne einfach nur wehgetan um den Schmerz auszuhalten.

Als mir die verdammten 2 Jahre Zwangstherapiepause einen Strich durch meine Traumatherapiepläne gemacht haben hätte ich vor lauter Wut und Enttäuschung und Verzweiflung gerne alles hingeworfen.

Als die Prüfungsphase mich wieder mal aus der Bahn warf hätte ich unglaublich gerne dem ganzen Selbsthass eine destruktive Plattform zum austoben geboten.

Doch ich habe weiter gemacht. Zwei Jahre und fünf Monate bin ich nun ohne Selbstverletzung. Und außer in den seltenen Momenten, in denen meine Welt wegen verschwundenem Katerkind, blöden Krankenkassenregelungen oder Prüfungen grade mal unter geht, habe ich auch kaum das Verlangen danach mich zu verletzen. Ich bin stabiler, nicht zuletzt weil ich einen wundervollen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir durch all diese Weltuntergänge geht und die Stürme durchsteht.

Vor einer Weile habe ich es endlich geschafft den letzten Rest Quetiapin abzusetzen. Vor ungefähr 4 Jahren habe ich damit angefangen, weil die Anspannung so unerträglich war, dass ich den ganzen Tag wie ein zum platzen gefüllter Ballon durch die Gegend rannte. Nachdem ich vor 2 Jahren anfing die Dosis während der dbt zu reduzieren bin ich nun endlich völlig auf 0. Ich schlafe seitdem zwar manchmal nicht ein und bin oft noch einige Stunden wach, wache auch ab und an mal auf, aber mittlerweile schlafe ich gut, wenn ich dann mal eingeschlafen bin und ich fühle mich morgens auch nicht mehr wie überfahren, wenn ich die abendliche Dosis sonst eigentlich noch nicht ausgeschlafen hatte. Ich gehe mal davon aus, dass auch das Einschlafen mit der Zeit besser werden wird.

Auch wenn es noch einige Baustellen gibt, die bearbeitet werden müssen, da noch viele Dinge sind, die mich stören und beeinträchtigen, so hab ich im letzten Jahr doch auch unglaublich viel Lebensqualität zurück gewonnen. Auch wenn da immer noch die guten und die schlechten Tage sind, so ist es insgesamt doch um einiges besser geworden.

Happy end.

120 Stunden voller Angst und Schmerz und Tränen liegen hinter mir.

Das Küchenfenster ist zu, nachdem es seit Dienstag aufstand. Seit Dienstag, seit Janosch wie so oft aus dem Fenster sprang und in den Garten verschwand… Aber nicht mehr heim kam.

Vorhin hört man 4 Pfoten auf dem Küchenboden landen und wie selbstverständlich steht mein Katerkind da und brüllt nach Futter. Er hat Hunger, er hat Durst, eine dreckige Nase, aber sonst geht es ihm gut. Er hat wie immer nur Blödsinn im Kopf, lässt sich kraulen zwischen den Ausflügen zum Trinkbrunnen, erzählt fleißig und jagt Bällchen hinterher.

Vermutlich war er irgendwo eingesperrt. Er ist nicht dreckig, hat keine Zecken, ist nicht müde. Nicht verletzt, nicht verstört. Nur Futter und Wasser und Kraulen haben ihm gefehlt.

Er ist wieder da. Der schnurrende Haufen Fell, der mir so unendlich viel bedeutet. Die endlosen Stunden sind vergessen mit einem Miauen. Die Tränen der Angst und des Schmerzes sind zu Freudentränen geworden und ich kann nicht mehr aufhören in sein Fell zu weinen.

Er ist zuhause. ❤️

I’m a survivor

Ich mag das Wort „Opfer“ nicht. Spätestens seit es in den letzten Jahren unter Jugendlichen gebräuchlich wurde als Synonym für uncool, aber eigentlich schon immer. Ich muss dabei automatisch an Opfergaben denken, welche Götter besänftigen sollten.

Ich fühle mich nicht als Opfer. Für mich impliziert dieses Wort automatisch Hilflosigkeit, keine Möglichkeit zu handeln. Natürlich war es so. Natürlich war ich hilflos, hatte keine Möglichkeit mich zu wehren. Doch neben diesen Dingen habe ich eins geschafft – zu überleben. Das wiegt für mich so viel mehr. Es zeigt Stärke und Kraft, Resilienz und Lebenswillen. So viel wichtiger, denn diese Dinge kommen von mir. In die Rolle der Hilflosigkeit wurde ich gedrängt. Doch überlebt habe ich aus eigener Kraft.

Ich bin kein Missbrauchsopfer. Ich habe Missbrauch überlebt.

Nicht unbeschadet, nein. Da ist vieles zerstört worden, da gab es viele ungesunde Wege damit umzugehen. Teilweise gibt es die bis heute. Aber, trotz allem, ich lebe. Ich bin hier, ich atme, ich überlebe nicht nur, sondern lebe mein Leben und versuche jeden Tag das Beste daraus zu machen. Trotz oder gerade wegen meiner Vergangenheit.

Man bleibt nicht einfach hilflos zurück. Missbrauch weckt so viel mehr. Wut, Hass, Aggression, nicht nur passive Gefühle. Und natürlich fühle ich mich manchmal grausam, habe manchmal das Gefühl, dass ich das alles verdient habe, zerfließe in Selbstmitleid. Doch da ist so viel mehr. Die Wut und die Stärke, der Drang mein Leben zurück zu gewinnen.

Ich schweige nicht mehr. Ich rede und schreibe über die Dinge die passiert sind. Ich handle, ich kämpfe gegen die Dämonen. Ich kämpfe für mich. Ich bin kein passives Opfer mehr.

Ich habe überlebt.

I’m a survivor, I’m not gon‘ give up
I’m not gon‘ stop, I’m gon‘ work harder
I’m a survivor, I’m gonna make it
I will survive, keep on survivin‘

10 Jahre

Wie viele Jahre brauchen manche Verletzungen eigentlich, bis sie heilen? Heilen sie jemals? Wird es irgendwann okay sein? Fragen, die ich mir stelle, während ich schlaflos im Bett liege.

Über 10 Jahre sind vergangen, seit ich meinen Vater gesehen habe. Wenn ich mir vor Augen führe, wie lange 10 Jahre sind, dann kommt es mir unglaublich ewig vor. Dann fühlt es sich so weit weg an. Doch eigentlich kommt es mir überhaupt nicht so lange vor. Eigentlich ist es furchtbar schwer zu glauben, dass wirklich so viel Zeit vergangen sein soll.

Ich bin mehr oder weniger die meiste Zeit über „symptomfrei“. Ich verletze mich nicht, ich bin nicht akut suizidal, ich habe selten Flashback und auch momentan selten Panik. Und doch fühle ich mich in manchen Momenten unglaublich kaputt. In den Momenten, in denen ich mich mittlerweile zum Beispiel beherrschen kann. Ich denen ich weiß, dass ich in Sicherheit ist und die Vergangenheit vorbei. In den Augenblicken, in denen ich mir gern eine Klinge in den Arm stecken möchte, aber so viel Raum zwischen dem Wunsch und der Tat liegt. Ich weiß, dass ich weiter bin. Gesünder. Nicht mehr ganz so kaputt. Doch wo fängt das „Gesund-Sein“ denn an? Ist es das? Die Kontrolle nicht mehr ständig verlieren, in der Realität bleiben können, meinen Impulsen nicht nachgeben? Wird es immer so bleiben? Oder wird es besser werden, einfacher, werden die Momente in denen ich mir die Selbstverletzung herbeisehne weniger werden oder fast ganz verschwinden? Wird es besser, wenn nochmal 10 Jahre vergehen? Und bin ich gesund, wenn 20 oder 30 Jahre vergangen sein werden?

Bald hat er wieder Geburtstag. Der Tag wird kommen und gehen und vielleicht merke ich es nicht einmal. Vielleicht fällt es mir ein paar Tage später beim Blick aufs Datum auf. Doch egal wieviel Zeit vergangen ist, in mir taucht wieder der Wunsch auf mich zu melden. Und damit auch die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass mein Kopf doch nur wirres Zeug produziert und meine Gefühle seltsamen Kram machen. Dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war. Ich versuche mich in die Gedanken zu flüchten, die mir jahrelang das Überleben ermöglicht haben. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagte meine Therapeutin immer. Ich versuche die Schuld bei mir zu finden. Versuche sein Verhalten und seine Taten mit meinen Fehlern zu erklären. Vielleicht bin ich doch einfach nur verrückt und schlecht und undankbar.

Doch in mir sitzt der Teil, der dabei den Kopf schüttelt. Ich weiß, dass ich nur versuche zu überleben, indem ich diese Dinge denke. Ich weiß, dass ich nur so überlebt habe. Eigentlich wusste ich es schon immer, doch ich habe es so tief vergraben, dass Jahre vergehen mussten, bis ich es schaffe all die Erinnerungen zuzulassen.

Und ich weiß, dass es okay ist. Dass es okay ist mich nicht zu melden, diese Schutzmauer um mich zu ziehen, ihn nicht in meinem Leben haben zu wollen. Und trotzdem tut es weh, weil ich mir einen Vater wünsche, der da ist. Der stolz auf mich ist, der mir zur Seite steht und mich unterstützt, der die Dinge tut, die ein Vater tun sollte.

Ich weiß nicht, ob es jemals aufhören wird wehzutun. Ob ich mich jemals nicht auch gleichzeitig furchtbar fühlen werde, weil ich meine Grenzen schütze. 10 Jahre sind dafür scheinbar nicht genug Zeit.

Two lovers stand together now.

Es ist ein wenig still geworden hier.

Weil plötzlich andere Dinge viel mehr Raum einnehmen als all die schlimmen Sachen.

Weil plötzlich so wenig Zeit ist für alles, was mit Krankheit und Krisen zu tun hat.

Weil plötzlich jede freie Sekunde anders genutzt wird.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, der so viel Liebe und Wärme in mein Leben bringt, dass ich es immer noch kaum glauben kann.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, der mein Herz zum hüpfen bringt.

Weil da plötzlich dieser Mensch ist, mit dem alles so leicht erscheint, mit dem alles möglich scheint, mit dem so viel Geborgenheit und Angekommen-Fühlen Einzug in mein Leben hält.

Barefoot through the sinking sand.
You and me just hand in hand.
Say we’ve got the strength to fight.
Come walk with me…

Worte zerstören mehr als Taten

In den letzten Wochen kommt es immer häufiger vor, dass plötzlich seine Worte in meinen Kopf hallen. Wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich im Zug unterwegs bin, wenn ich in einer Vorlesung sitze.

Ohne konkreten Trigger, sie sind einfach plötzlich da. Sie dröhnen in meinem Kopf, so unglaublich laut, wiederholen sich immer und immer wieder. Worte, die tief in mir verwurzelt sind, die durch die Jahre zu einer Gewissheit wurden, zu Wahrheit, zu Realität. Aber auch Worte, die ich aus meinen Erinnerungen verbannt habe, an Stellen, aus denen sie plötzlich hervor schießen und sich nicht mehr vergraben lassen.

Du bist nichts wert.

Aus dir wird nie etwas werden.

Du wirst nur Bäckereifachverkäuferin oder Putzfrau bei McDonalds.

Du bist eine Schlampe.

Du bist genauso gestört wie deine Mutter.

Du hast niemanden außer mir. Niemand will dich.

Wenn du weg gehst bist du ganz allein. Du hast niemanden.

Du bist Schuld, dass ich dich geschlagen habe.

XY ist so ein liebes und hübsches Mädchen. Die Eltern haben bestimmt keinen Ärger mit ihr. Nimm dir ein Beispiel.

In deinem Alter hat man keine Probleme. Ich habe wirkliche Probleme, deine sind lächerlich.

Du bist ganz schön fett.

Worte, die ich so oft gehört habe. Neben den Situationen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden.

Sommer, durch die offene Terrassentür kommen Fliegen in die Wohnung. Ich verscheuche welche. Fliegen fliegen eben immer zu Scheiße. sagt er.

Die erste Englischarbeit in der fünften Klasse. Wie er da sitzt und mich abwechselnd auslacht und beschimpft. Wie dumm kann man sein das Wort falsch zu schreiben.

Wie er reagiert, als er erfährt, dass meine Mutter wieder schwanger ist. Deine Mutter hat ein neues Kind. Sie braucht dich nicht mehr.

Als ich ein Bild für einen Malwettbewerb malen soll in der Grundschule. Dir muss doch klar sein, dass man die Striche nicht in eine Richtung macht, da sieht man ja die einzelnen Striche. Das sieht scheiße aus! Du bist zu nichts zu gebrauchen.

So viele Momente, in denen er mich mehr verletzt hat, als die körperliche Gewalt es jemals konnte. Worte, die über 14 Jahre mein Selbstbewusstsein zerfressen haben, die auch heute noch mein Bild von mir selbst bestimmen.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt

Suizidalität. Immer noch so ein Ding, mit dem ich einen Weg finden muss.

Ich bin chronisch suizidal. Eigentlich ist das kein Ja oder Nein, sondern eine konstante Grauzone. Auch an guten Tagen, an denen alles irgendwie okay ist, bin ich trotz allem suizidal.

Das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag kurz davor bin mich von einer Brücke zu stürzen. An den meisten Tagen ist sogar relativ klar, dass ich es definitiv nicht tun werde. Trotz der Suizidalität. Es gibt diese Gedanken und Gefühle einfach jeden Tag. Mal mehr, mal weniger, aber sie sind da. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie über längere Zeit mal verschwunden waren. Aber es geht beides. Ich kann sowohl darüber nachdenken, dass ich eigentlich nicht mehr leben möchte, als auch leben. Ich kann trotz dieser Gedanken klar sagen, dass sie da sind, aber mich nicht zum Handeln zwingen.

Damit irgendwie umzugehen, sie zu akzeptieren und vor allem eben nicht zu handeln, das war ein weiter Weg. Mittlerweile weiß ich, dass meine Gefühle nicht immer zwingend eine Handlung erfordern, manchmal sogar im Gegenteil. Manchmal ist es gesünder eben nicht zu handeln. Und damit meine ich auch dagegen anzukämpfen. Denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, ein Anrennen gegen mich selbst, das ich nur verlieren kann.

Die Gedanken sind da und es ist okay. Ich schaffe es damit zu leben, sie zu bemerken und meistens zu akzeptieren und einfach Gedanken sein zu lassen.

Das funktioniert allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich merke mittlerweile eigentlich relativ gut, wann der Wendepunkt kommt, an dem diese Gedanken mehr sind als meine alltäglichen Begleiter. Sie werden lauter, intensiver, häufiger. Und: sie bleiben keine Gedanken. Sie werden zu Überlegungen, zu Plänen, zu einer Option.

Und ich weiß auch, wann es passiert. In den Momenten, in denen mir die Kraft fehlt, einen Ausgleich zu finden. In den Stunden, in denen mich Dunkelheit beherrscht und ich kämpfen muss um die kleinsten Dinge zu schaffen. An den Tagen, die nur aus aufstehen, Fassade aufrecht erhalten und wieder schlafen gehen bestehen. Wenn alles schwer wird und unglaublich anstrengend und ich es nicht schaffe etwas positives in dem endlosen Aufeinanderfolgen der Minuten zu finden. Wenn alles eine Qual ist, vom Aufstehen am Morgen übers Anziehen bis zum Schlafengehen, wenn allein die Vorstellung etwas zu kochen oder einzukaufen oder auch nur irgendwas zu tun mich schon völlig verzweifeln lässt. In Krisen werden die Gedanken so unglaublich laut, das alles andere so klein wird.

Ich weiß, dass es vorbei geht. Doch mit jedem Tag scheint es unerträglicher zu werden, schmerzhafter, dunkler. Bis ich das Gefühl habe, dass die Dunkelheit der Gedanken mir jedes Licht nimmt, jedes bisschen Sauerstoff durch die Schwere aus meinen Lungen gepresst wird, jede Hoffnung auf eine Besserung von Schmerz betäubt ist.

Ich habe Angst davor. Ich habe Angst nicht rechtzeitig zu bemerken, wann meine Kraft zuende ist. Ich habe Angst davor, dass es mich plötzlich umwirft und ich nicht mehr in der Lage bin zu handeln. Ich habe Angst, dass ich auf diesem scheinbar ausweglosen Fall nach unten den letzten Halt verpasse.

Gerade ist alles trüb und dunkel und schwer. All die Dinge, die sonst Spaß machen, versinken in einem endlosen Nebel aus Schmerz und Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit.

Noch ist da dieser kleine Teil in mir, der brüllend kämpft, der um jeden schönen Moment ringt, der mit aller Macht versucht sich gegen die Dunkelheit zu stemmen. Doch mit jedem Tag in diesem Chaos aus Gedanken und Gefühlen wird er schwächer und schwächer und die Angst, der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit fressen Löcher in ihn.

Es ist ein unglaublich labiles Konstrukt derzeit, auf dem mein Leben vor sich hin balanciert. Ich bin unglaublich müde vom Kämpfen und Starksein und würde so gerne einfach nur schlafen. Schlafen, bis es vorbei ist, bis es wieder besser wird, bis ich wieder die Kraft habe zu leben.

Noch klammere ich mich daran, dass es enden wird. Dass es immer geendet hat, dass es immer wieder vorbei ging. Das ist mein Halt, mein Rettungsanker. Und ich hoffe einfach, dass es vorbei geht, bevor ich die Kraft und die Hoffnung verliere.

~ Sei nicht so hart zu dir selbst
Auch wenn dich gar nichts mehr hält
Du brauchst nur weiter zu gehen
Komm nicht auf Scherben zum Stehen ~

Albtraum

Die Dämonen der Vergangenheit haben sich wieder mal in meine Träume geschlichen. Ich wache schreiend auf, mit Herzrasen, Panik, Zittern. Breche im gleichen Moment in Tränen aus und heule und schluchze unkontrolliert, während der Zitronenkater mir vor Schreck über meinen Schrei in den Arm beißt und dann verwirrt und mit großen Augen vor mir sitzt, mich anbrüllt, weil er nicht versteht was plötzlich los ist.

Wenig später krabbelt er auf meinen Schoß, miaut erbärmlich, will gekrault werden und holt mich mit seinem Schnurren ein wenig in die Realität zurück, die mir gerade so sehr entgleitet.

In meinem Traum vermischen sich Realität und Vergangenheit. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, sondern so alt wie jetzt. Dennoch finde ich mich in meinem alten Kinderzimmer wieder, verändert aber doch so vertraut. Mein Vater flippt aus, zerstört in seiner Raserei Dinge, bis ich fliehe, raus aus der Wohnung, wie vor so vielen Jahren. Der Schlüssel zur Wohnung ist seltsamerweise der zur Wohnung meiner Mutter, am Schlüsselband und mit dem Anhänger, den mein Schlüssel von ihr in der Gegenwart hat.

Ich rufe die Polizei um mich zu schützen. Anders als in den ganzen Jahren, in denen ich keine Möglichkeit hatte mich zu schützen. Während ich warte sehe ich gleichzeitig, wie er mein Zimmer durchwühlt, Briefe liest, meinen Laptop öffnet (der auch nur in der Gegenwart existiert) und Mails liest. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert und will nicht, dass er sich bis in mein Innerstes vorarbeitet, Dinge liest, die so intim sind, die nichts zu suchen haben im Kontext mit ihm.

Als ich hochschrecke bleibt das Gefühl der Angst vor ihm, die Angst vor seinen Ausbrüchen und das Gefühl völlig schutzlos zu sein, weil er so tief in meine Privatsphäre eingedrungen ist. Ich bin gefangen in den Bildern der Vergangenheit, in der alten Angst. Es fällt mir unglaublich schwer in der Realität zu bleiben, während Träne um Träne fließt.

2 Jahre.

und plötzlich sind es 730 Tage. 2 Jahre. Noch so unvorstellbar damals, heute trotzdem noch unwirklich.

Ich kann mich nicht mehr an die letzte Selbstverletzung erinnern. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich damals überhaupt im Kopf hatte, dass es eventuell die letzte sein könnte. Ich wusste nur, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass ich nicht will, dass es so weiter geht. Ohne Kontrolle darüber, ohne die Möglichkeit etwas zu steuern. Mit Chirurgie nach Chirurgie nach Chirurgie, ständigen Wunden und Fäden, mit einem Leben zwischen Wunden versorgen, Verband wechseln und dem Gedanken an den nächsten Schnitt.

2 Jahre. 730 Tage. Unwirklich, ja. Aber ich bin stolz. Unglaublich stolz auf jeden Tag, an dem ich gekämpft und nicht nachgegeben habe.

Kurzurlaub

Draußen lassen der Schnee und die Lichter der Großstadt die Nacht nicht dunkel erscheinen. Ich betrachte die vorbeiziehenden Häuser und Tramhaltestellen und bin froh, dass ich im Warmen bin.

Etwas mehr als 7 Stunden trennen mich von meiner Hauptstadt. 450 km sind es von München bis Zuhause.

Am Freitag bin ich losgefahren, in strahlendem Sonnenschein. Nun liegt Schnee, sowohl hier als auch daheim. Hinter mir liegt ein tolles Wochenende, dass einfach nur gut tat. Liebe Menschen, mich einfach nur willkommen und okay fühlen, so wie ich bin. Lachen, trinken, quatschen. Und schlafen, ich konnte endlich wieder schlafen! Die Tage haben mir viel Kraft zurück gegeben, die mir in den Wochen vorher abhanden gekommen ist. Es war genau der richtige Zeitpunkt zum Wegfahren. Genau der richtige Zeitpunkt für liebe Menschen.

Am Sonntag habe ich mich auch mit meiner Tante getroffen, wir waren frühstücken und haben viel geredet. Über meinen Vater, mich, sie, meine Familie. Auch über meine Oma und ich kann in dem Moment die Tränen nicht mehr zurück halten. Es schmerzt, dass da kein Kontakt mehr ist. Ich verstehe, dass sie nicht vergessen kann, dass ich es über einige Jahre hinweg einfach nicht geschafft habe mich zu melden. Und ich kann auch verstehen, dass es zuviel ist, was ich da mitbringe. Immerhin ist es ihr Sohn, der all diese Dinge getan hat. Ich verstehe es und akzeptiere es, aber es schmerzt dennoch, denn sie bedeutet mir viel.

Umso mehr freue ich mich, dass es zwischen mir und meiner Tante wieder sowas wie Kontakt gibt. Es tut gut sie zu sehen und mit ihr zu reden, denn auch sie bedeutet mir viel und hat gerade in den letzten Horrorjahren bei meinem Vater vieles für mich getan und mich unterstützt.

Es waren gute Tage in München. Eine gute Zeit, die mich ein Stück gestärkter heim fahren lässt. Gestärkter und froh, um die Menschen, die ich in meinem Leben habe.

Danke Nc und Rauschkugel und Zwerg fürs Obdach gewähren und feines Essen und die gemeinsame Zeit. Und an Bimsi für den schönen gemeinsamen Abend. ❤️