Unglaublich schwer

Mir fehlen die Worte um zu beschreiben wie es gerade ist. Es gibt keine Worte die ausdrücken können was in mir vor sich geht.

Ich will einfach nur noch, dass es vorbei geht. Die Suizidalität. Die Gedanken an die Selbstverletzung. Die Antriebslosigkeit. Die Schlaflosigkeit.

Die vierte Nacht in Folge finde ich nicht in den Schlaf. Keine einzige Nacht in diesem Jahr habe ich bisher einfach nur geschlafen.

Es ist jede Nacht aufs Neue eine Gratwanderung. Die Suizidalität ist bei 5, auf der höchsten Stufe. Es ist kein Platz mehr in meinem Kopf für andere Gedanken. 5, das heißt ich muss entscheiden ob es funktioniert. Jede Minute und jede Minute und jede Minute. Ständig frage ich mich, ob es noch funktioniert. 5 und die Verantwortung tragen können? 5 und es nicht mehr können?

Es gibt Augenblicke in denen ich mir sicher bin, dass ich die Verantwortung gerade nicht tragen kann. In denen ich eigentlich den sicheren Rahmen der Klinik aufsuchen müsste. Doch in diesen Momenten liege ich einfach nur bewegungslos im Bett, atme ein und atme aus und atme ein und atme aus, bis ich den winzigen Schritt zurück geschafft habe in die Verantwortung. Sobald diese Momente länger werden, sobald diese Momente auftauchen, wenn ich nicht gerade erstarrt im Bett liege… Ja, dann muss ich wohl in die Klinik.

Ich will es nicht. Ich will es nicht, weil ich weiß, dass es nicht besser werden wird. Die Klinik wird es nicht besser machen. Ich will es nicht noch schwerer haben durch das Eingesperrtsein, durch die wenigen Möglichkeiten der Ablenkung, durch einfach so vieles.

Es ist so schwer auszuhalten momentan. So unglaublich schwer. Ich kämpfe mich durch jeden einzelnen Augenblick. Ich atme und kämpfe und kämpfe und atme. Einzig und allein der Gedanke daran, dass es vorbei gehen wird, hält mich noch.

Won’t forget these days – And I never thought I would 

#into18. Da ist es nun also, das neue Jahr. Wenige Stunden alt und mit jedem Moment, jedem Atemzug doch wieder ein wenig kürzer, so neu und doch wieder vergänglich.

Manche Momente haben etwas magisches. So oft der Jahreswechsel, doch mein Highlight in den letzten Stunden fand noch in 2017 statt.

Auf dem Weg zur besten Freundin, mit 200 Sachen über die heimische Autobahn fliegen und im Radio singen Fury in the Slaughterhouse Won’t forget these days. Ein Lied, welches nicht treffender sein könnte in solch einem Moment, begleitet es mich doch nun ins 12. Jahr. Damals war es Sommer, es war WM in Deutschland und ich war in der Klapse. Zum ersten Mal in meinem Leben, damals noch in der KiJu. Abseits davon war es der erste Sommer meines Lebens in Freiheit, der erste Sommer außerhalb des Lebens, dass ich in den Jahren davor führte, der erste Sommer weg von meinem Vater. Es war eine gute Zeit. Eine schmerzhafte, anstrengende und extreme, aber eben auch gute Zeit. Und damals sangen Fury in the Slaughterhouse Won’t forget these days, wurden damit zu meinem Hit des Sommers, wurden Teil meines Lebens und bis heute höre ich dieses Lied immer mal wieder und es bringt ein wenig Sommer, Sonnenschein und das Gefühl endlich ich sein zu können mit sich.

I close my eyes and wait
Till the wind blows round the corner
Bringing back the memories to me

Mit den Erinnerungen fliege ich also über die Autobahn, weg vom alten Jahr und in Richtung des neuen Jahres. Ein besonderer Moment auf den letzten Metern in 2017.

The choice made new each morning. Will you fight?

Ein neues Jahr mit vielen neuen Tagen, an denen es jedes Mal eine Wahl geben wird. Werde ich kämpfen? Kämpfen gesund zu sein, kämpfen frei zu sein, kämpfen für meine Geschichte, kämpfen um die Hilfe, die ich brauche. Und eigentlich ist es selten eine Frage, denn in den meisten Momenten ist klar, dass Aufgeben keine Option ist, vielleicht im Kopf manchmal, aber nicht in der Realität. Für die anderen Momente ist es jeden Tag, manchmal auch jede Minute aufs Neue ein Kampf, eine Entscheidung. Im letzten Jahr wurden diese Kämpfe weniger, aber sie sind dennoch da. Auch im neuen Jahr werden sie da sein. Aber vielleicht werden sie auch in diesem neuen Jahr ein wenig weniger werden.

Ich hoffe, dass ihr alle gut im neuen Jahr angekommen seid. Ich wünsche euch ein fantastisches neues Jahr voller Abenteuer, voller Mut und Stärke und gewonnener Kämpfe.

Es ist geschafft. Aus #welcometomidnight wird #into18. Ein weiteres Jahr, eine weitere Chance. Macht was draus! ♥️

#welcometomidnight

„Bis nächstes Jahr!“ sagte ich vor einer Woche zum ersten Mal. Und gleichzeitig mit diesen Worten manifestiert sich die Endgültigkeit dieses Jahres. Und wie so oft frage ich mich wohin die Zeit verflogen ist. Gerade war ich doch noch in der dbt, kam das neue Jahr, wurde es Frühling und Sommer und das Studium fing an.

Die Zeit ist eine seltsame Sache. Momente, die man anhalten möchte, vergehen viel zu schnell. Momente, die man einfach nur hinter sich bringen will, stehen gefühlte Ewigkeit um Ewigkeit vor einem und wenn sie dann da sind vergehen sie nur in Zeitlupe.

Mit dem Ende des Jahres kommt auch das übliche Zurückdenken. Und da ich das eh ständig tue wird es Zeit für den Jahresrückblick, geliebte Tradition aus dem Forum seit nun 13 Jahren. Ich schreibe ihn gerne, wenn auch nur noch selten dort, aber so doch hier. Also wird es hier in den nächsten Tagen wieder einen Jahresrückblick geben. Ich schreibe ihn wohl gestückelt, denn das labile Konstrukt meiner Psyche möchte ich gerade nicht wirklich strapazieren. Es hat momentan was von „auf kleines Kind aufpassen“ sage ich heute bei der Krisenbetreuung (und ich glaube ich kürze das in Zukunft mit KB ab) und das trifft es wirklich gut. Ständig muss ich aufpassen, dass nichts passiert, das Kind keinen Unfug macht, sich nicht verletzt… Nur dass ich das kleine Kind bin. Es ist anstrengend ständig so auf Hut sein zu müssen.

Die Nächte sind besonders schlimm. Ein altbekanntes Problem. Wenn der Kopf keine Ruhe findet, der Körper sich nur nach Schlaf sehnt, ich aber einfach nicht runter komme, dass werden die Suizidgedanken drängender. Konkreter. Schwerer kontrollierbar. Ich habe manchmal Angst, dass ich in solchen Momenten keine Kontrolle über die Impulsivität habe. In den Momenten, in denen es sich nicht anschleicht, sondern mich mit einem Satz einfach anspringt. Momente, in denen ich kaum eine Möglichkeit habe zu denken, weil es mich so überrollt, so umwirft. In solchen Momente sehne ich mich nach der Sicherheit der Klinik. Nach der Möglichkeit diese Verantwortung einfach abzugeben und nicht mehr selbst dafür verantwortlich zu sein zu überleben. Doch letztendlich bleibt es meine Aufgabe, meine Sache, mein Leben. Ich kann mir nur Unterstützung suchen, um Hilfe bitten, doch letztendlich bin ich alleine für mich verantwortlich.

Weihnachten war gut. Besser als in so vielen anderen Jahren. Am Samstag saß ich im Zug, um mich rum so viele Menschen auf dem Weg zu ihrer Familie, und musste schmunzeln. Es erinnerte mich an die Zeiten, in denen ich mit dem Zug in meine Heimat fuhr, zu meiner kleinen Familie.

Ich bin froh, dass es seit Jahren keine Frage mehr ist wo ich feiern werde. Es fühlt sich so viel besser an, weil ich mich einfach nicht verstellen muss, weil ich sein kann wie ich bin. Ich überlege in der letzten Zeit, ob ich es meiner Schwester erzählen soll. Ob ich erzählen soll was damals passiert ist, einfach damit sie es weiß und vielleicht ein wenig versteht warum ich so bin wie ich bin. Der Gedanke daran, dass sie meine kleine Schwester ist und ich sie einfach beschützen möchte, hindert mich noch daran. Ich würde so gerne alles Schlechte und Böse dieser Welt von ihr fern halten.

Momentan wünsche ich mir so sehr einfach für eine Weile nicht aufpassen zu müssen. Mich fallen zu lassen, zu entspannen, durchzuatmen. Es wird wieder leichter werden. Das weiß ich, das wurde es immer. Nur ist es in solchen Momenten immer so unglaublich schwer daran festzuhalten, weil es in solchen Momenten noch wie eine Ewigkeit erscheint, bis es wieder einfacher wird.

It’s possible to change.

Wie so oft geben die Worte von twloha mir Kraft und Mut. Ein weiteres Jahr mit #welcometomidnight, ein weiteres Jahr, dass ich überlebt habe. Bald ist es vorbei und Vergangenheit und ein ganzes neues Jahr steht vor mir.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

this is where the healing begins

Es ist 3.23 Uhr, als ich leise die Wohnungstür aufschließe und die Wohnung betrete. Ich schlüpfe ins Schlafzimmer meiner Mutter, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise „ich bin daheim“.

Wie gerne hätte ich solche Erinnerungen an meine Jugend. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit nur zwei Mal gefeiert. Kein einziges Mal betrat ich danach die Wohnung und sagte diese Worte zu meiner Mutter. Stattdessen bin ich seit 10 Jahren volljährig und sage diese Worte zum ersten Mal, nachdem ich vom Feiern heimkomme.

Es macht mich traurig, dass ich solche Erlebnisse in meiner Jugend verpasst habe. Zum einen das Feiern, zum anderen heim zu kommen und zu wissen, dass meine Mutter zwar schläft, aber erst in den beruhigten Tiefschlaf fallen wird, wenn ich wirklich zuhause bin.

Auf der anderen Seite ist es schön. Ich habe es jetzt. Lange war es schwierig für mich hier zu sein, hier zu schlafen. Doch seit ich meiner Mutter erzählt habe, was damals alles passiert ist, seit sie Details kennt und seit ich bei ihr weinen kann, weil ich nicht den Vater habe, den ich mir so sehr wünsche, seitdem fühlt es sich so viel besser an hier zu sein. Es ist ein Stück Geborgenheit und Heimkommen. Mehr als früher, mehr als jemals seit meiner Kindheit, als meine Mutter nur Zuflucht für den Moment war und ich jeden Moment in mich aufgesaugt habe um die nächsten Monate zu überstehen.

Auch wenn es so viele Jahre zu spät kommt, nun ist es da. Und es heilt ein klein wenig die tiefen Wunden der ganzen Jahre.

So vieles ist immer noch in Bewegung, auch wenn mein altes Leben nun schon so viele Jahre und Kilometer weit weg liegt. Doch in manchen Momenten spüre ich die Heilung, die nun passiert. Ein Stück ganz werden, ein Stück Klebestreifen, dass die kaputten Teile wieder zusammenhält.

So you thought you had to keep this up
All the work that you do
So we think that you’re good
And you can’t believe it’s not enough
All the walls you built up
Are just glass on the outside

So let ‚em fall down
There’s freedom waiting in the sound
When you let your walls fall to the ground
We’re here now

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

Wunder

Mein kleines Wunder. Meine kleine Kämpferin.

Heute Mittag kam der erlösende Anruf. Sie hat es geschafft, tatsächlich, und trotz nur 30%iger Chance zu Überleben ist sie heute wieder so fit und munter, dass ich sie zu mir holen konnte.

Ein Wunder. Mein Wunder. ❤️

Angst

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sorge und Angst nicht schlafen konnte, wann ich zum letzten Mal mein Handy laut neben mir im Bett liegen hatte, wann ich zum letzten Mal so sehr hoffte, dass kein Anruf kommt.

Ich bin mit meinem kleinen Babymeeri in die Tierklinik gefahren und musste sie dort lassen. Ich musste fahren, voller Angst und Tränen, voller Ungewissheit.

Ich weiß nicht was die kleine Maus angestellt hat. Sie fraß, verschluckte sich wohl und schluckaufte dann vor sich hin. Eine Weile später lag sie schwach an Caramell gepresst, schnappte nach Luft.

Wasser in der Lunge sagt das Röntgenbild. Der Herzschlag viel zu langsam sagt das Abhören. Versuchen, alles, alles mögliche, sagt mein Mund. Und unter Tränen folgt ein „Sobald sie leidet, sobald sie sich zu sehr quält, erlösen.“

Sauerstoff und Entwässerung und hoffen sagt die Ärztin. Sie drückt meine Hand und meint, dass sie das gut findet. Dass ich mein kleines Meeri retten will, auch nachdem sie von den Kosten gesprochen hat. Doch mir ist es egal, ob dieses Wesen in eine Hand passt oder mich um 3 Meter überragt. Sie ist mein Tierchen, ob mit 300 Gramm oder 300 Kilo, sie ist ein Lebewesen, sie ist es wert um sie zu kämpfen.

Und so schlafe ich unruhig, nur leicht und erwache oft, neben mir mein Katerkind, schnurrend und immer wieder nass von meinen Tränen.

„Wenn sie die nächsten zwei Stunden überhaupt schafft…“ sagt die Ärztin und gute 3 Stunden später dann „stabilisiert und Kot und Urin, aber abwarten, immer noch nach Luft schnappend“ und ich habe ein wenig mehr Hoffnung, dass das kleine Kämpferherz es schafft, dass sie durchhält, dass sie zu mir zurück kehren kann.

Und so fließt Träne um Träne, rauche ich Zigarette um Zigarette, vergeht Sekunde um Minute um Stunde in der Hoffnung, dass alles gut wird.

Lange war ich nicht mehr so nah dran an Selbstverletzung und gleichzeitig so weit entfernt.

Es hilft nur hoffen und beten und die Daumen drücken und an das kleine Leben glauben, dass so tapfer kämpft.

hier & jetzt

Studium (lateinisch studere „[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen“)

Und so fühlt es sich auch an. Ich bemühe mich um einen geregelten Tagesablauf, um Kommunikation mit meinen Mitmenschen, um aktives Zuhören. Ich bemühe mich nicht durchzudrehen angesichts der Masse an Menschen, darum nicht einfach abzuschalten und zu dissoziieren.

Und ich muss oft an die Oberärztin aus der dbt denken, die von einem neuen Programm sprach im Bezug auf Borderlinetherapie. ACES – Accepting the Challenges of Exiting the System. Raus aus dem „System Krankheit“, so tun als ob man einfach gesund wäre. Denn genau das tue ich, ich tue so, als ob ich ein völlig normaler Student sei. Und vielleicht bin ich gar nicht so unnormal, also von der Norm abweichend, denn gerade im sozialen Bereich studieren viele mit der ein oder anderen Macke, bei einigen meiner Kommilitonen fielen mir auch schon eindeutige Narben auf. Vielleicht nicht so offensichtlich wie meine, da dezenter und weniger und nur an einer Stelle, aber dennoch.

Abseits vom ganzen Theoriekram, der einfach noch keinen Bezug zu meiner Lebenswirklichkeit und der sozialen Arbeit hat, ist es auch interessant und spannend. Es gefällt mir zu beobachten, wie wir über Gerechtigkeit diskutieren, wie die vielen verschiedenen Charaktere ihre Meinungen vertreten. Es macht Spaß mit verschiedenen Menschen die Raucherpause zu verbringen oder zu essen, mit Leuten die gerade erst von der Schulbank gefallen sind und mit welchen, die schon seit über 20 Jahren im Berufsleben stehen (oder standen), mit welchen die vorher etwas anderes studiert haben oder welchen, die nebenbei noch ihre Kinder großziehen.

Es fühlt sich gut und richtig an momentan. Vielleicht waren die drei Jahre „Umweg“ genau deswegen sinnvoll, weil hier und jetzt der richtige Zeitpunkt für das ist, was ich tue.

Ich war schon lange nicht mehr so fertig und an meinen Grenzen. Aber ich war auch schon lange nicht mehr so zufrieden und glücklich und habe mich schon lange nicht mehr so am richtigen Platz gefühlt.

irgendwas mit Menschen…

Ich habe in den letzten Tagen so oft gedanklich den Kopf geschüttelt. Fragt man quer durch meine Kommilitonen durch, dann findet man immer wieder die Aussage „Ich will irgendwas mit Menschen machen.“ als Antwort auf die Frage, wie sie nun an dieser Fakultät gelandet sind. Und so kam es heute auch zu der ersten Verwunderung, als nach der Vorlesung die Frage auftauchte, ob das denn „nun immer so sein“. Als der Dozent dann darauf hinwies, dass es sich um ein wissenschaftliches Studium handelt, herrschte plötzliche Stille im Raum.

Viele der Menschen, die mit mir in den Vorlesungen sitzen, kommen grade von der Schule. 18 oder 19 Jahre alt und wollen halt nix mit Büro machen. Ich spreche keinem ab, dass er das Studium rockt und es wirklich auch eine Arzt Berufung ist, dennoch bin ich mir sicher, dass einige davon schon nach diesem Semester nicht mehr da sein werden.

Mein Hirn fühlt sich tot an. Aber trotzdem gut, denn es gab Input, unglaublich viel zwar, aber Input. Es ist anstrengend für mich mit so vielen Menschen so lange Zeit zusammen zu sein, es strengt an zuzuhören und gleichzeitig zu denken und die Geräusche um mich herum auszublenden. Doch da muss ich mich einfach zuerst dran gewöhnen.

Ich bin derzeit froh um meine Vorkenntnisse, auch wenn die schulischen Inhalte schon weit zurück liegen, doch oftmals klingelt da was im Hinterkopf. Ich bin froh um meine Lebenserfahrung und meine Allgemeinbildung und um die praktischen Erfahrungen aus dem Berufsleben. Es macht manche Dinge ein wenig entspannter.

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Heute bin ich einfach nur noch im Eimer, völlig und ganz. Doch die Momente der Anspannung waren erstaunlicherweise nicht so häufig und heftig wie befürchtet, auch wenn manche Dinge mich inhaltlich doch getriggert haben. Aber machbar und mit einer professionellen und theoretischen Haltung den Dingen gegenüber sicherlich auch in Zukunft meisterbar.

Feels like I’m caught in the middle

Irgendwann in diesem ganzen Studiumsanfangschaos sitze ich zwischen vielen Menschen in der Aula. Der Dekan steht da und spricht, heißt uns alle willkommen. „Dass Sie hier sitzen haben Sie nicht dem Glück zu verdanken, naja, ein winzig kleines bisschen vielleicht, sondern Ihrer Leistung.“ Es gab so viele Bewerber und so wenig Plätze wie eh und je, ich sitze dort zwischen all diesen Menschen, die es geschafft haben. Und wie in einer Rückblende im Film erscheint Frau K. vor mir, die Therapeutin aus der dbt, und redet von Stolz und ich kann es kaum aushalten. Und dann Herr H. aus der Traumatherapie und wieder dieses Wort und dieses Gefühl, mit dem ich doch immer noch viel zu wenig anfangen kann. Und dann sitze ich dort und muss die Tränen zurück halten, denn ja verdammt, stolz, das bin ich.

Stolz, weil ich hier sitze, zwischen Kommilitonen, die sich teilweise mehrfach hier beworben haben, teilweise mehrfach woanders. Und stolz, weil ich eben hier sitze, immer noch atme und lebe und weil ich wieder atme und lebe nach den fast 3 Jahren, die hinter mir liegen.

Stolz fühlt sich immer noch neu und fremd an. Merkwürdig und trotzdem nicht mehr ganz so furchtbar, manchmal sogar fast gut.

In meiner Nase ist der Geruch von feuchtem Laub und Spätsommer oder auch schon Herbst, als ich im Dunkeln zum Bus laufe. Vor einem Jahr lag dieser Geruch abends um mich, wenn ich auf der Bank vor der Klapse saß und eine Zigarette rauchte. Damals schien ein Jahr so endlos weit weg. So weit voraus denken, planen wie es weitergeht, sogar unterschreiben, dass ich dann (und sogar noch ein paar Monate länger) immer noch lebe… Und nun frage ich mich, wie so oft in der letzten Zeit, wo dieses Jahr hin ist, vorhin die Tage und Wochen und Monate verschwunden sind.

Und dann sitze ich wenige Momente später auf dem Boden in meinem Bad und heule. Weil ich nicht mitkomme, weil ich da stehe in diesem Leben, das nun weder Scherbenhaufen noch okay noch eine Mischung aus beidem ist, weil es doch irgendwie okay ist und ich stehe da und will laut schreien, will schreien, dass ich nicht gesund bin, dass da in mir immer noch ein Scherbenhaufen ist, dass ich das so nicht kann und das doch so auch nicht funktioniert und dass ich so doch nicht studieren kann und leben und alles. Ich will schreien und zusammenbrechen und krank sein, oder eben gesund, und nicht diese wirre Mischung daraus, die weder was Halbes noch was Ganzes ist. Wann will ich einfach wieder zurück in die Sicherheit aus Zusammenbruch und Selbstverletzung und Suizidgedanken, weil das so gewohnt ist, so sicher.

Und so sitze ich da auf dem Boden in meinem Bad und blicke direkt auf den Badschrank, weiß genau, dass sich dort in dieser mittleren Schublade Rasierklingen befinden und weiß auch genau, dass ich sie nicht benutzen werde, so sehr ich es auch will.

Vielleicht muss ich mich mit diesem seltsamen Zwischending abfinden. Vermutlich bleibt mir wenig anderes übrig. Eine Kranke auf dem Weg zum Gesundsein. Eine Gesunde mit Krankheit irgendwo. Ich, zwischen hier und dort. Vielleicht wird es nie nur das eine oder das andere geben. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass ich gesund bin. Vielleicht bin ich irgendwann mehr gesund als krank. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Ich weiß nur, dass sie kommen wird. Und vielleicht werde ich auch weiterhin in der Mitte bleiben, zwischen den Extremen, zwischen Schwarz und Weiß. Wenn, dann aber nicht grau, sondern bunt.

But if you look at me closely
You will see it in my eyes
This girl will always find
Her way