Pflegekräfte – die wahren Helden.

Immer wieder lese ich im Gruppen oder Foren die Frage, wie man eigentlich gesund wird. Wie es besser wird. Und natürlich sind es immer wieder die gleichen Ratschläge. Therapie. Medikamente. Klinik.

Wenn ich gefragt werde, was mir von professioneller Seite am meisten geholfen hat in den letzten Jahren, dann ist das mittlerweile für mich einfach zu beantworten: die Menschen, die mich nicht mit Fachbuchtexten versucht haben zu therapieren, die nicht nur wöchentlich eine Stunde Zeit mit mir verbracht haben.

Zu 95% waren das die Pflegekräfte. Die Menschen, die meine täglichen Kämpfe gegen mich mit mir ausgefochten haben und durchaus auch meine Kämpfe gegen sie selbst. Die Menschen, die nachts mit mir auf dem Balkon saßen, die Runde um Runde mit mir über die Station liefen, wenn der Druck kaum aushaltbar war, die sich immer und immer wieder die Diskussion mit mir über das für und wieder angetan haben, die mich vom Badboden aufkratzten und für die zerschnittenen Arme und mein Versagen nicht verurteilten, die mir nachgingen, wenn ich versuchte abzuhauen, die stundenlang mit mir Kniffel spielten, mit mir Runden ums Haus drehten wenn ich nicht alleine raus durfte, die mit mir auf den Balkon zum rauchen gingen, die mir abends noch einen Tee kochten, die mir Smileys auf die Arme malten, mich beim Nähen mit geocaching-Geschichten ablenkten. Es gibt so unendlich viele Situationen, so viele Momente, Erinnerungen und Geschichten, gerade aus meiner Zeit in der Akutpsychiatrie.

Ich war sicherlich nicht einfach. Ich kann bockig und stur sein, ich war oft suizidal, anti alles, wollte keine konstruktiven Dinge annehmen. Und doch haben die Pfleger und Schwestern mich als Menschen akzeptiert und auch so behandelt, haben nicht aufgegeben und mir die Möglichkeit gegeben mich an ihnen zu reiben, meine Kämpfe auszufechten und ihre Unterstützung immer angeboten und mir die Zeit gegeben sie dann anzunehmen als ich es konnte. Es waren keine Psychologen oder Ärzte, keine wissenschaftlich fundierte Methoden, sondern Menschlichkeit, der Kontakt und Geduld, Akzeptanz und Grenzen, die mir in dieser Zeit so viel Halt gegeben haben. Es waren „Sie können jederzeit anrufen!“ und „Wir sind hier.“, „Sie schaffen das!“ und „ich glaube an Sie“. An Punkten, an denen ich mich selber aufgegeben hatte, mit mir selbst kein Wort mehr geredet hätte, mich abgrundtief gehasst habe – sie waren da.

Auch heute sind es die Worte der Pflegekräfte, die mir so oft zeigen was ich erreicht habe. Die Momente, in denen ich auf Station am Pflegestützpunkt lehne und erzähle. Vom Studium, vom Leben, von der Zeit ohne Selbstverletzung. Die Geschichten von „damals“, über die wir heute teilweise lachen. Pfleger Arschkeks, der mir einfach so einen Smiley auf den Arm malt. Schwester Nathalie, die immer wieder „Hätten Sie das damals gedacht?!“ fragt, Tina, die mich mit „Gott sei Dank sieht man dich nicht mehr ständig!“ begrüßt, Pfleger Pascal, von dem ich vor ein paar Tagen „Du bist ein Grund warum ich das Gefühl hab, was gutes zu tun. ich freue mich unheimlich für dich. endlich lebst du frei und kannst der wunderbare Mensch sein, der du bist!“ geschrieben kriege. Es sind die Schwestern und Pfleger, die mir in der haltlosen Zeit meinen Halt wieder zurück gegeben haben. Dafür verdienen sie viel mehr Anerkennung, eine viel bessere Bezahlung und vor allem einen unglaublichen Dank. Denn sie sind es, die mir wieder auf die Beine geholfen haben, sie sind es, die tagtäglich mit (oder auch manchmal gegen) die Patienten kämpfen, viel mehr leisten als jeder Psychologe oder Psychiater dort, die für alltägliche Katastrophen und große Dramen ein offenes Ohr haben, die so viel mehr tun als 0815-Arbeit und so großen Anteil am Weg der Patienten haben. Mit ihnen steht und fällt das Gesundheitssystem.

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