Plötzlich hält die Welt an

Es gibt diese Tage, an denen die Welt plötzlich stehen bleibt und sich genauso plötzlich wieder weiter dreht. Ähnlich dem Gefühl auf einer Achterbahn, wenn es plötzlich abwärts geht und man einen kurzen Moment schwebt, bevor man wieder in den Sitz gepresst wird. Ein Ruck, der bis ins tiefste Innere geht und alles zum wanken bringt.

„Heute kam die Erkenntnis, dass mein Vater doch mehr getan hat…“ schreibt Frau Schatz und ich bin für einige Momente nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern ein paar Jahre zurück geworfen, an meinem eigenen Punkt der Erkenntnis, der Bilderflut ausgeliefert, die über mich herein bricht.

In J.s Büro sammelt mich eine Dozentin auf, weil ich die Tränenflut nicht mehr zurück halten kann und J. gerade nicht da ist. Sie lässt mich weinen und erzählen, lenkt mich ab, bis ich den Halt in der Welt wieder habe, bis J. da ist, mir ihren Schlüssel gibt.

Mit dem Krisenmensch hatte ich eh einen Termin vereinbart, er holt mich ab, wir gehen in den Park, schauen dem Krisenhund zu, reden. Es wird besser und der Schmerz über meine eigene Vergangenheit fängt an kleiner zu werden. Was bleibt ist der Schmerz, dass sie sowas erleben musste. Die Wut. Die Hilflosigkeit.

Für mich ist es schwer damit umzugehen. Denn bisher war unsere Geschichte zwar ähnlich, aber anders. Da gibt es Worte, die man sagen kann, Trost und Zuversicht, dass es besser wird. Doch was tut man mit dem eigenen Trauma, das immer noch so oft verschlossen in einer Kiste im Keller steht, was tut man mit dem eigenen Schmerz, für den es viel zu oft keinen Weg gibt.

Ich weiß nur, dass es anders wird. Besser klingt irgendwie falsch in diesem Kontext. Aber es wird anders. Irgendwann wirft es einen nicht mehr mehrmals am Tag aus der Bahn, trifft einen nicht ständig mit voller Wucht. Irgendwann tut es nicht mehr ständig weh.

Bis dahin bleibt nicht viel. Dasein, halten, mit tragen.

Passenderweise ist gerade irgendwie der ungünstigste Zeitpunkt um Medikamente runter zu dosieren, doch was läuft schon nach Plan? Und so hänge ich körperlich in den Seilen, kämpfe mit Schwindel und Übelkeit und dem Gefühl, dass ich nicht ganz da bin. Ich kenne die Symptome von meinem unfreiwilligen Absetzen der Medis vor zwei Jahren, als ich sie einfach mal mehrere Tage vergessen habe. Doch mit der Zeit verblasst der Schrecken und es war ja gar nicht so schlimm. Dass es das doch war merke ich gerade wieder, obwohl ich nur um die kleinste Dosis reduziert habe. Hallo SSRI-Absetzsyndrom, du bist ein Arsch.

Alles auf Anfang klingt wie Aufbruch doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

~ Jupiter Jones

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