Schöne Scheiße. 

Da ist das Ding. Uff. Ich kann es immer noch kaum glauben, kaum fassen, dass ich es wirklich hier liegen habe, dass ich es wirklich unterschrieben habe. 

Gestern im Einzel ruft meine Psychologin einfach mal kurz bei der Oberärztin an und bestellt sie rüber. Sie liest und unterschreibt den Vertrag. „Respekt.“ sagt sie und ich muss lächeln. Vor ein paar Wochen wäre es noch unvorstellbar gewesen. Sowas zu unterschreiben auf der einen Seite. Und sowas für so lange zu unterschreiben auf der anderen Seite. 

16 Monate sind lange. Aber durchdacht. Mein Ziel war ein Jahr. Weil in einem Jahr so vieles anders sein wird und ich weiß, dass ich ein Jahr schaffen kann. Doch in einem Jahr steht Weihnachten vor der Türe. Erfahrungsgemäß eine schwere Zeit. Genau wie der Jahreswechsel, der Februar mit meinem Geburtstag und dem „Jahrestag“ meines letzten Suizidversuchs und der März mit Ostern und der letzten Selbstverletzung. Also April. Da ist das größte Chaos rum. Der Frühling ist im Gange, die Welt wird wieder heller und wärmer und besser. Ein guter Zeitpunkt um zu beschließen, dass ich vielleicht doch noch ein Jahr, oder zwei oder drei oder vier, weiterleben will. 

Der Lebensvertrag war eine längere Sache. Ein Aushandeln von Möglichkeiten und auch viel „mir selber Steine in den Weg legen“. Ich habe kein Schlupfloch mehr. Ich muss in jedem Fall handeln, muss etwas tun und wenn alles nichts bringt ist der letzte Schritt dir Klinik. Es steht da, schwarz auf weiß, meine Bezugspflegerin wird ihn noch unterschreiben und meine ambulante Therapeutin. 4 Menschen, die als Zeugen meine Unterschrift bestätigen, die den Vertrag kennen, mich daran erinnern und halten werden. Es gibt keinen Ausweg aus dem Ding. Und ich weiß jetzt schon, dass der Moment kommen wird, an dem ich mich furchtbar aufrege, schimpfe und tobe, mich selbst, meine Psychologin und die Therapie hier verfluche, weil dieses doofe Ding mich am Leben hält. Und ich muss darüber lächeln, denn einfach sagen „ach scheiß auf den Wisch“ kann ich einfach nicht. Und genau das weiß meine Psychologin auch und findet es toll und sie weiß auch, dass ich mich  furchtbar ärgern werde. Und lächelt und findet es gut. Schöne Scheiße. 

Mein letztes Wochenende hier bricht an. Es werden immer mehr letzte Momente. Ich bin traurig und sentimental und mag eigentlich gar nicht gehen. Ich will die lieben Menschen hier nicht verlassen, will keine Distanz zwischen uns haben. 

Auf der anderen Seite freue ich mich aber auch. Ich bin therapiemüde, vermisse meine Wohnung, mein Bett und vor allem meine Schweinchen und meinen Zitronenkater einfach furchtbar, meine Freunde, meine Familie und meine Hauptstadt. Ich will die Dinge, die ich hier gelernt habe, endlich zuhause ausprobieren. Ich will leben, will mit beiden Beinen in meine Zukunft springen, will neu beginnen und weiter machen und beenden. 

Beides darf da sein. Die Traurigkeit und die Freude. Beides hat seinen Platz und seine Berechtigung. Und ich akzeptiere es und nehme es an und finde es sogar gut. 

So viel ist anders geworden in diesen letzten Wochen. Und das wird mir nochmal mit aller Wucht bewusst, als ich mit meiner Psychologin Weihnachten plane. „Wissen Sie, was ich dazu nun beigetragen habe?“  fragt sie nach dem Durchplanen und besprechen. „Ziemlich wenig.“ antworte ich ihr nach einem kurzen Moment. „Ich hätte eigentlich auch aufstehen und gehen können.“ erwidert sie. 

Und dann sage ich etwas, dass ich seit so vielen Jahren nicht mehr gesagt oder gedacht habe. „Dieses Weihnachten nehme ich keine Rasierklingen mit.“ Es wird das erste Weihnachten seit 16 Jahren sein, an dem ich mich ganz bewusst entscheide mich nicht zu verletzen, komme was wolle. Ich werde ohne Klingen hinfahren und es ohne Selbstverletzung durchstehen. Sonst war es zumindest immer eine Option, ein Strohhalm im Hintergrund, an den ich mich klammern konnte, ein Notausgang, ein Fluchtweg. 

14 Wochen finden ein Ende. Gleichzeitig findet ein neuer Abschnitt meines Lebens einen Anfang. Ich glaube nicht, dass ab nun alles gut sein wird. Ich werde beschissene Momente haben, tiefschwarze Stunden und furchtbar anstrengende Minuten. Ich werde weiterhin kämpfen müssen, manchmal um jeden Atemzug, manchmal vielleicht auch nur um jeden Tag oder jede Woche. Aber es gibt neue Wege. Neue Möglichkeiten. Neue Dinge. Es gibt Hoffnung und Lichtblicke und Kraft und Mut und Zuversicht. Ich glaube nicht, dass ab jetzt alles gut sein wird. Aber ich glaube daran, dass ich es schaffen kann. Mehr als sonst, mehr als an einem anderen Punkt jemals in meinem Leben

Schöne Scheiße.  

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