sie hat viel zu früh gelernt, dass der Tod auch zum Leben zählt

Heute Morgen war ich vor dem Wecker wach. Draußen hat es fröhlich vor sich hin geregnet, mein Kopf tat weh, mein Hals auch und meine Nase ist immer noch zu. Perfekter Start in den Tag.
Natürlich hat die Bahn beschlossen nun keinen Ersatzfahrplan für heute zu veröffentlichen, die live-Auskunft soll helfen. Dumm nur, dass die aber eben nur live funktioniert und einem nicht sagen kann, ob der Zug in 2 Stunden nun fährt oder nicht. Ein Hoch auf die Bahn, ich bewege mich den Rest des Streiks nur noch dort hin, wo ich ohne Bahn hin komme. Doof nur, dass Hausarzt und Therapie heute eben nötig ist, ich also definitiv aus dem Haus muss. Meine Nacht war wirklich nicht schön, Suizidgedanken en masse, mal wieder. Vielleicht sollte ich sie beim nächsten Mal einfach mit einem fröhlichen „ach, ihr mal wieder, schön, dass ihr da seid, herzlich willkommen“ begrüßen. Eventuell verschwinden sie davon ja einfach.
Jetzt versuche ich also im Leben anzukommen, immer noch vor meinem Wecker. Vielleicht wäre Frühstück eine gute Idee, Medis nehmen, und den Kleiderschrank mal öffnen, um zu kucken was ich denn bei diesem seltsamen Wetter anziehen soll. Ich will mich aber nicht bewegen, nicht raus aus der Wärme meiner Decken, nicht raus in die Welt.
Wahrscheinlich mache ich später Zuhause eine meiner Kisten offiziell zur Borderline-Kiste. Ausnahmsweise nicht für Klingen, sondern für den ganzen Kram den man so braucht. Verband, Salben, Steristrips, Medis und sowas. Das ist nämlich überall verteilt und wie es so oft ist, wenn man’s braucht findet man es nicht. Verband ist im Bad, die Salben irgendwo im Wohnzimmer, Medis wahlweise im Nachttisch, im Bad und auf dem Wohnzimmerregal. Die Steristrips, tja, da fängt es schon an. Keine Ahnung wo die sind. Also gibt es nachher eine Kiste für den ganzen Kram.
Aufräumen will ich die Küche heute mittag, Papier weg bringen und heute abend zu S. (Nachbarin), weil sie mir vom Termin erzählen wollte den sie hatte.
Mal sehen wieviel ich davon auf die Reihe kriege.

Und es gibt so Tage, an denen ich daran denke wie das alles anfing. Hätte mir jemand damals, als ich mit 11 das erste Mal in meine Haut schnitt, gesagt wo das alles hinführt, hätte ich anders gehandelt? Anders handeln können? So viele Jahre hat das schneiden einfach geholfen zu überleben. Wenn es in der Schule mal wieder Horror war. Wenn es Zuhause mal wieder Horror war. Wenn in mir nur Horror war. Aus den oberflächlichen Schnitten sind tiefe Wunden geworden über die Jahre. Bei ein paar Narben weiß ich, dass sie zu den allerersten tieferen Schnitten gehörten, damals für mich unglaublich heftig und schlimm. Dass ich heute bei weitem mehr und tiefer schneide war damals so weit weg, so unvorstellbar. Die ersten Wunden, die genäht wurden, waren damals für mich die absolute Ausnahme, nie wieder so schlimm, nie wieder so tief! Tja.
Und ich muss daran denken, als ich das erste Mal bewusst versucht habe mein Leben zu beenden. Der Psychologe in der Klinik fragte beim letzten Mal, wie oft ich schon daran gedacht habe. Ich hab ihn nur angeschaut und geantwortet, dass ich nicht mal mehr weiß wie oft ich es versucht habe. Das erste Mal mit 14, das weiß ich noch. Damals war es für mich irgendwie logisch, dass man stirbt wenn man eine ganze Packung Tabletten schluckt. Dass man eben nur ziemlich lange (besser gesagt: ziemlich sehr lange) davon schläft war dann die Erkenntnis am Ende. Und meine Therapeutin hat sich geweigert mir jemals wieder Medis zu verschreiben, mit denen es auch nur im entferntesten schief gehen könnte. Und irgendwann habe ich aufgehört zu zählen wie oft ich schon die Tabletten in der Hand hatte, wie oft ich auf einer Brücke stand.
In den letzten Tagen habe ich es geschafft dem Druck mich zu verletzen nicht nachzugeben. Doch ich habe das Gefühl er wird immer größer, staut sich an und wird bald den Damm brechen.
Ich muss an die Momente denken, in denen ich damals auf dem Gymnasium während der Stunden aufs Klo verschwunden bin, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Das ging am Anfang der Ausbildung auch noch so, irgendwann wurde es besser. Mittlerweile habe ich wieder Momente, in denen ich das Gefühl habe mich jetzt sofort verletzen zu müssen. Derzeit kriege ich es relativ gut damit hin, dass ich es ja könnte wenn ich wollte und einfach verschiebe. In schlimmen Momenten um fünf Minuten, und wieder um fünf. In besseren bis zur nächsten Werbung im Film. Und wieder bis zur nächsten. Und in guten Momenten einfach auf morgen. In der Klinik wird es, spätestens wenn nach dem letzten Mal dort verletzen die Klingen weg sind, schwerer, denn dann weiß ich „ich kann nicht“. Besonders schlimm ist es dann abends, wenn ich auch nicht mehr raus könnte und welche holen. Allerdings lassen die mich, wenn ich suizidal bin, auch nicht einfach Klingen behalten. Verständlicherweise. Und das Personal kennt mich inzwischen gut genug um zu wissen, dass ich sie wirklich abgebe, alle, wenn sie mir das Versprechen abnehmen, dass ich keine mehr hab. Verdammte Ehrlichkeit, ich kann das dann auch nicht, wenn sie vor mir stehen und sagen „Sie wissen, dass das hier nur mit Vertrauen funktioniert.“ ich erwarte in vielen Situationen, dass sie mir vertrauen. Wenn ich das ausnutze ist es hinüber. Und ich brauche dieses Vertrauen, brauche es, dass ich dann mal raus kann, auch wenn es gerade richtig scheiße ist, dass ich trotzdem mit Rasierer unter die Dusche darf, dass ich durchaus einfach mal mehr als zehn Minuten im Zimmer verschwinden kann, ohne dass mich jemand da wieder raus holt. Das alles ist gewachsen in den letzten Aufenthalten und wäre dann einfach zerstört. Also bin ich eben ehrlich. Und es ist auch besser so, denn dann kann ich nichts anstellen. Auch wenn ich wollen würde.

Und auf Facebook haben sie gerade veröffentlicht, dass sie die 22-Jährige, die vor einer Woche verschwand, gefunden haben. Unter einer hohen Brücke. Mehr muss ich dazu ja wohl nicht schreiben.
Und ich sitze hier und überlege, warum die Fahndung nicht direkt öffentlich gemacht wurde. Wir sind ein kleines Bundesland, eine kleine Stadt, und Menschen die nachts unterwegs sind zu Brücken müssen doch irgend jemandem auffallen. Wenn man weiß, da rennt eine Suizidgefährdete rum, dann kuckt man anders. Vielleicht hätte es verhindert werden können. 2 Tage später erst öffentlich machen, dass sie gesucht wird, war auf jeden Fall zu spät. Ich wünsche ihr, dass sie nun den Frieden gefunden hat den sie suchte.

wo Rosen regnen, da wäre sie so gern,
wo Felder blühen, eine Welt so nah und fern,
wo Milch und Honig fließt, das ist ihre Welt,
kann ich noch etwas sehen, Hoffnung!

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