Skills

„Duuuuuu? Zitrone? Was sind eigentlich Skills?“ wurde ich in letzter Zeit oft gefragt. Und ich glaube, dass ich darüber tatsächlich noch nie einen ganzen Beitrag geschrieben habe, also ist es vielleicht mal an der Zeit dafür.

Ein Skill ist übersetzt eine Fähigkeit. Die Zocker kennen den Begriff sicherlich, denn auch viele Spiele erfordern gewisse Skills und man gewinnt mit dem Spielfortschritts immer mehr hinzu und kann vorhandene Skills verbessern.

Im Zusammenhang mit Borderline ist ein Skill eine Möglichkeit besser mit bestimmten Situationen klar zu kommen, meistens geht es um die Regulierung von Anspannung und Emotionen. Wichtig dabei ist, dass ein Skill kurzfristig hilft und langfristig nicht schadet. Selbstverletzung hilft beispielsweise kurzfristig, schadet aber langfristig, ist also kein Skill. Skills nutzt eigentlich jeder Mensch. Ob es nun ein entspannendes Bad nach einem stressigen Tag, eine Tasse Kaffee um besser in den Tag zu starten oder mit der besten Freundin quatschen ist. Jeder Mensch tut Dinge, damit es ihm besser geht, er sich besser fühlt, und das oftmals völlig unbewusst.

Mit Problemen bei der Emotionsregulation oder Impulsivität müssen solche Dinge aber bewusst eingesetzt werden und grade solche Dinge, die einem gut tun, müssen Borderliner oft erstmal lernen. Was also bei „normalen“ Menschen größtenteils automatisch und unbewusst abläuft, ist für Menschen mit Borderline ein harter Kampf.

Die Möglichkeiten an Skills sind quasi unbegrenzt und dabei nicht auf Dinge beschränkt. Weil es sonst den Rahmen sprengen würde beziehe ich mich hier hauptsächlich auf die Skills zur Anspannungsregulation und auf meine eigenen Erfahrungen. Eine Liste mit Skills findet man dank Internet heutzutage sehr einfach, da muss ich nicht eine weitere hinzufügen.

Im Bereich der unteren Anspannung muss ich eigentlich wenig tun. Da geht es hauptsächlich darum dieses Level zu halten, also alles zu tun, was mir auch gut tut. Lesen, mit Freunden etwas unternehmen, die Tierchen bekuscheln, all solche Dinge.

Wenn die Anspannung steigt geht es gezielter darum sie zu regulieren oder mich abzulenken. Ablenken funktioniert mit den verschiedensten Mitteln und Wegen. Serien, Puzzle, lesen, basteln, chatten, telefonieren, die Palette kann man endlos fortsetzen. Um die Anspannung in diesem Bereich zu halten oder sogar runter zu bekommen hilft es mir meinen Akupressurball zu „kneten“, raus zu gehen, mir Musik auf die Ohren zu knallen oder auch herauszufinden, was gerade eigentlich los ist. In der dbt habe ich gelernt beispielsweise ein Gefühlsprotokoll zu schreiben, um die Gefühle einzuordnen und zu entscheiden, wie ich gerade handeln sollte.

Interessant wird es im Bereich der hohen oder extrem hohen Anspannung. Bei hoher Anspannung helfen mir meistens nur starke Reize. Heiß oder kalt duschen, Eiswürfel, Finalgon. Im extrem hohen Bereich kann ich selbst nicht mehr klar denken und habe daher eine „Skillskette“, die automatisch abläuft mittlerweile. An erster Stelle steht der diving skill. To dive heißt übersetzt tauchen und quasi genau das tut man auch, allerdings nur mit dem Kopf. Am besten in richtig kaltes Wasser. Das ganze löst eine Körperreaktion aus, die automatisch die Anspannung runter fährt, den Tauchreflex. Der Körper fährt alle nicht unbedingt lebenswichtigen Tätigkeiten runter, denn man ist ja unter Wasser und könnte sterben, wenn man nun den Sauerstoff für so langweilige und sinnlose Dinge wie Anspannung vertut. Einfach aber effektiv.

Da man leider nicht jederzeit ein Waschbecken oder eine Plastikwanne mit Wasser dabei hat habe ich unterwegs Ammoniak dabei. Einmal unter die Nase und man hat eigentlich ganz andere Probleme als die Anspannung und kriegt es im besten Fall hin wieder denken und handeln zu können.

Im Anschluss folgt bei mir laute Musik auf die Ohren und raus. Eine Runde drehen, ein paar Mal um den Blog, bewegen, runter kommen. Meistens bin ich dann so weit unten, dass ich entweder rauskriegen kann was gerade nun los ist oder das skillen eben weiter geht. Zum Beispiel mit Finalgon, eine Salbe, die heiß wird und mir quasi irgendwie den Schmerz ersetzt, den die Selbstverletzung sonst brachte.

So sieht der Idealfall aus. Natürlich ist nicht in jeder Situation alles möglich, aber mit der Zeit lernt man sich anzupassen und zu variieren. Und genau so gibt es Situationen, in denen skillen völlig sinnlos ist bei mir, beispielsweise weil gerade akute Suizidalität im Vordergrund ist oder ich weiß, dass ich die Anspannung nicht runter regulieren kann. Im Ernstfall ist dann Bedarfsmedikamentation angesagt, wenn ich mich ausknocke habe ich auch keine Anspannung.

In meiner Skillstasche finden sich Skills für alle möglichen Situationen und Fälle. Igel- und Akupressurbälle, intelligente Knete und sonstiger Kram um die Hände zu beschäftigen, Sudoku und Rätsel zur Ablenkung, aber auch Kärtchen mit Sprüchen von Schwester Nathalie, Lavendel weil der Geruch mir gut tut und mich beruhigt, Tigerbalm, extrem saure Bonbons…

Mittlerweile nutze ich oft auch Skills, die nicht an Sachen gebunden sind. Zum Beispiel die zwischenmenschlichen Fertigkeiten, wie um etwas bitten, zum Beispiel einen Freund vorbei zu kommen oder anzurufen oder auch ein kurzfristiger Termin bei der Therapeutin.

Auch vorbeugende Dinge sind Skills. Regelmäßig essen, genug schlafen, genug trinken, sich ausreichend bewegen.

Einen Skill zu erklären ist also ein endloses Thema. Und „den Skill“ gibt es nicht, denn jeder muss für sich selbst herausfinden, was einem hilft. So kann ich beispielsweise mit allem was über den Geschmackssinn geht nichts anfangen, außer mit sauren Bonbons. Es hilft mir persönlich auch nicht mir rote Striche auf den Arm zu malen um quasi etwas sichtbares zu haben. Die Erfahrungen anderer Menschen helfen mir sehr und haben mir auch schon sehr geholfen, aber seine eigenen Skills muss jeder selbst finden.

Wichtig ist dabei nur auch zu sehen, dass es nicht nur um den Hochspannungsbereich geht. Denn eigentlich ist es in den anderen Bereichen viel wichtiger, um langfristig überhaupt nicht mehr in die Hochspannung zu kommen.

Skills muss man ausprobieren und üben. Und zwar nicht erst wenn die Anspannung hoch ist, sondern im normalen Bereich. Die Feuerwehr übt ja schließlich auch nicht erst wenn’s brennt.

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