Spontane 740 Kilometer

19.01.2015 – 11.05 Uhr

Ich kann nicht veröffentlichen, was ich heute und morgen früh schreiben werde. Zumindest jetzt noch nicht. Denn ich fahre nach Berlin, in 8 Stunden werde ich mich auf den Weg machen. Und in Berlin will ich die kleine Hexe überraschen, die dort nach einer OP im Krankenhaus rumhängt. Da sie jeden meiner Einträge liest kann ich es eben erst veröffentlichen, wenn ich bei ihr bin.
Nach Berlin zu fahren war erst ein wirrer Gedanke in meinem Kopf. Als es dann anfing psychisch schlimmer zu werden, wurde der Gedanke, dass ich raus muss, immer stärker. Und so habe ich nun einfach kurz entschlossen Hin- und Rückfahrt gebucht, habe im Hostel für zwei Nächte reserviert und werde morgen früh gegen 7 Uhr in Berlin ankommen.
Es fühlt sich gut an, einfach völlig spontan mal weg zu fahren. Nicht großartig planen, einfach dem Impuls raus zu müssen zu folgen.
Die kranke Keksdame allein zu lassen fällt mir schon schwer, aber ich habe meiner Nachbarin erklärt, wie sie ihr die Schmerzmittel geben muss, habe ihr zwanzig Mal versichert, dass Keks nun nicht in den nächsten 3 Tagen sterben wird, habe ihr gesagt wann ich fahre und wann ich wieder komme, meinen Haustürschlüssel hat sie sowieso seit einiger Zeit.
Und so sitze ich hier und freue mich und kann noch gar nicht richtig glauben, dass ich morgen in Berlin sein werde. Ich habe sie vermisst, die große Stadt. Auch wenn ich dort nicht auf Dauer leben mag, so ist es doch schön durch die Straßen zu streifen, mit der Bahn zu fahren, zu wissen, dass so viele Menschen dort von A nach B unterwegs sind und ein paar davon die gleichen Gedanken im Kopf haben wie man selbst. In München habe ich das schon immer so gern getan. Einfach durch die Stadt laufen, mich treiben lassen. Das hat mir immer unglaublich gut getan und ich glaube auch die Tage in Berlin werden mir gut tun.
Nun bleibe ich noch ein wenig auf dem Sofa hängen, mit Katerkind und Dschungelcamp am PC, schreibe eine Liste mit Dingen, die ich mitnehmen will und nicht vergessen sollte. Medis zum Beispiel, ohne die wäre es ziemlich doof.

19.01.2015 – 15.42 Uhr

In zwei Stunden bin ich schon aus der Türe raus und warte auf den Bus. Ich habe extra so geplant, dass ich auch bei Verspätung von Bus und Bahn noch rechtzeitig ankomme. Ich werde noch am Bahnhof etwas kleines zum Knabbern für die Fahrt kaufen und mich dann zum Fernreisebusbahnhof aufmachen. Über Mainz, Frankfurt und Leipzig werde ich dann nach Berlin fahren. Ich bin so hibbelig, mag am Liebsten jetzt direkt schon los. Aber ich habe extra so geplant, dass ich über Nacht fahre. Hoffentlich kann ich ein wenig schlafen, mit Seroquel sollte es eigentlich möglich sein. Ich bin gespannt, wie viele Leute mit mir unterwegs sein werden. Und ob der Busfahrer auch halbwegs anständig fahren kann. Und wie immer finde ich es schade, dass ich beim fahren nicht lesen kann, weil mir sonst furchtbar schlecht wird. (und vorsorglich stopfe ich mir grade mcp in die Tasche…) Also muss ich mir die Zeit mit Hörbuch, Musik, Filmen/Serien oder aus dem Fenster schauen vertreiben. Aber auch das kriege ich hin. Dafür kann ich einfach sitzen bleiben, muss nicht umsteigen und kein Gepäck von Gleis 1 zu Gleis 18 schleppen. Die Strecke vom ZOB zum Hostel kenne ich, vom Hostel zur Charite sind es zu Fuß ca. 20 Minuten. Ich werde morgen früh vermutlich erst mal mein Gepäck im Hostel abladen, einchecken kann ich erst gegen Nachmittag. Aber mein Gepäck bin ich dann los und kann Richtung Charite tapsen und die kleine Hexe überraschen. Ich freue mich unglaublich auf ihr Gesicht!
Gleich mache ich mich daran, den Rest meiner Liste abzuarbeiten, damit ich nachher keine Zeitprobleme kriege, werde Müll, gelben Sack und Meeristreu raus bringen (weil sonst der Zitronenkater das alles bestimmt verteilt), mich langsam anziehen (extra 2 Hosen, denn da oben ist es noch eine Idee kälter als hier…), Katerkind knuddeln und von den Meeris verabschieden, nochmal überlegen, ob ich alles habe und dann losziehen. Voooorfreudeeee!

19.01.2015 – 18.11 Uhr

Ich bin unterwegs. Der Bus hatte Verspätung, die Bahn hatte Verspätung. Aber da ich den ÖPNV hier kenne, bin ich extra eine Stunde früher los. Und so sitze ich nun voller Aufregung im Zug in die Hauptstadt. Vermutlich wird die Aufregung sich erst legen, wenn ich morgen vor der kleinen Hexe stehe. Zuletzt gesehen haben wir uns 2009 gesehen. Das scheint Ewigkeiten her…

19.01.2015 – 23.50 Uhr

Hallo Frankfurt. Die Fahrt war bis hier her eigentlich wirklich angenehm. Ich habe einen Film geschaut, mittlerweile höre ich in die Kuscheldecke gewickelt Hörbuch. Ich fahre mit einem Doppeldecker und habe einen Platz oben in der ersten Reihe ergattert und so eine wunderbare Aussicht. Wenn wir hier wieder starten werde ich versuchen ein wenig zu schlafen, damit ich morgen halbwegs fit bin und nicht den ganzen Tag in den Seilen hänge. Es tut unglaublich gut unterwegs zu sein, zu wissen, dass ich in 7 Stunden in Berlin sein werde. Ich freue mich.

20.01.2015 – 1.51 Uhr

Ich öffne die Augen und alles ist weiß. Schnee, überall Schnee. Beim Blick auf die Autobahnschilder bin ich mir nicht ganz so sicher, ob wir in uns noch in Deutschland befinden (und ich habe nur noch G als Handyverbindung. Ich bin ja relativ 4G verwöhnt und freunde mich auch mit H an, E lässt mich fluchen, aber G?! Das hatte ich seit Jahren nicht mehr). Dann lese ich Eisenach und weiß nun also, dass wir im Osten Deutschlands rumfahren und in der Nähe von Erfurt sind. Das nächste Schild sagt 372 km bis Berlin. An der nächsten Raststätte vertrete ich mir die Beine, rauche und kaufe mir eine heiße Schokolade. Mit der sitze ich nun wieder im Bus und es geht weiter durch verschneite Landschaften. Ganz selten sieht man einen Autofahrer, es sind fast nur Lkws unterwegs. Der Mann auf der anderen Seite des Ganges lässt immer wieder einen lauten Schnarcher von sich hören.
Und ich lächle. Ich sitze hier, fahre durch Schnee und lächle und trinke heiße Schokolade und fühle mich das erste Mal seit langem wieder völlig okay. Es war die richtige Entscheidung.
Nächster Halt: Leipzig. In ca. 2 ½ Stunden.

20.01.2015 – 4.50 Uhr

Guten Morgen Leipzig. Ich überlege, ob ich die Augen einfach auflassen soll. Effektiv geschlafen habe ich vielleicht eine Stunde. Den Rest der Zeit gedöst oder Hörbuch/Musik gehört. 2 Stunden noch. Vielleicht bleibe ich wirklich wach und schaue dabei zu, wie Berlin immer näher rückt.
Vermutlich werde ich dann erst mal ins Backwerk fallen und etwas essen. Nachdem das Rumhibbeln und die Aufregung nun ein wenig besser geworden ist, kann ich vielleicht auch was essen.
Kurz vor Leipzig hat es begonnen zu schneien. Der Wetterbericht sagt, dass es auch in Berlin schneit. Ich bin gespannt.
Vor allem freue ich mich einfach unglaublich darauf wieder in Berlin zu sein.

20.01.2015 – 11.22 Uhr

Ich glaube, dass ich nun endlich da bin wo ich hin wollte. Wenn nicht, dann werfe ich mich hier auf den Boden und schreie.
Ich habe mein Gepäck im Hostel abgeladen und habe in der Charité angerufen. Die haben ja mehrere Gebäude in Berlin verteilt. „Ja, genau, die liegt bei uns im Haupthaus.“ Ich also auf Richtung Mitte. Dort angekommen erklärt mir eine unfreundliche Dame, dass es weder die Patientin noch die Station in ganz Berlin gibt. Ich bitte sie nochmals zu schauen, buchstabiere den Namen und schreibe ihn schließlich auf. Sie sagt mir, dass ich in das Haus in Steglitz muss. Also mache ich mich auf den Weg nach Steglitz. Irgendwann vibriert die fitbit, meine 10000 Schritte habe ich voll. In Steglitz tapse ich an die Info und habe einen netten Pförtner vor mir, der verständnislos den Kopf schüttelt und was von Kollegen murmelt, die keine Lust auf ihren Job haben. Er schreibt mir die Adresse in Wedding auf, zu der ich muss, und ruft sicherheitshalber nochmal dort an. Dann erklärt er mir noch freundlich, wie ich am schnellsten dort hin komme.
Nun sitze ich erst mal hier und schreibe. Die kleine Hexe hat Physio und ich hoffe sie ahnt noch nicht, dass ich wirklich in Berlin bin. Zwischendurch war mir echt nach Heulen und Schreien zumute. Ich bin übermüdet, will endlich meine kleine Hexe drücken, brauche Koffein und Wärme.
Aber trotz allem ist es unglaublich schön hier zu sein, auch wenn ich völlig gestresst bin grade und mich nun erst mal zehn Minuten setze und durchatme und Achtsamkeitsübungen mache. Und wenn ich mich hier mitten in die Eingangshalle stellen muss und Qi Gong mache, mir egal. Herr Achtsamkeitstherapeut fände es bestimmt toll.

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