Stein um Stein 

Ich bin furchtbar müde. Ich könnte schlafen, den ganzen Tag, die ganze Nacht und dann noch einen Tag. Und vermutlich dann noch eine Nacht und noch einen Tag. Ich weiß nicht, woran es liegt. An dem wenigen Schlaf in Berlin, an dem Wetter oder einfach an was anderem. Trotzdem versuche ich morgens aufzustehen und erst abends wieder ins Bett zu gehen, versuche meinen Rhythmus aufrecht zu erhalten.
Ich war einkaufen und habe nach einer Minute das Bedürfnis mich auszuziehen. Es ist so warm. Normalerweise bin ich ja ein absoluter Wärmemensch und finde alles unter 20 Grad ja schon unmenschlich. Nun kriege ich bei 10° schon Hitzewallungen. Verrückt.
Jedenfalls habe ich meinen Möhrchen nun Salat besorgt und sie sitzen glücklich da und mampfen.
Mein Kaugummizitronenkater hat auch am dritten Tag, den ich nun wieder hier bin, immer noch nicht genug von mir und liegt, sobald ich mich hinsetze, auf meinem Schoß. Im Bett krabbelt er sofort auf mich, wenn ich durch die Wohnung laufe folgt er mir im Abstand von 2 Zentimetern, was öfter mal zu Kunststücken meinerseits führt bei dem Versuch, nicht auf ihn zu treten oder über ihn zu fallen. Wenn ich koche möchte er am liebsten zwischen Messer und zu schnibbelnde Nahrungsmittel krabbeln, aufs Klo kann ich nicht alleine und auch hoch zur Nachbarin folgt er mir (und futtert dort dem Hund das Fressen weg.). Nur unter die Dusche kommt er nicht mit, sitzt aber erwartungsvoll auf dem Badvorleger und maunzt mir etwas vor. Er schläft auf mir, putzt sich auf mir und trägt sein Fressen aus dem Napf auf mich und frisst auf mir. Immerhin benutzt er noch sein Katzenklo, das wäre mir dann nämlich wirklich zuviel der Liebe.
Mein krankes Kekspfötchen humpelt auf den Hinterbeinchen immer noch, ist aber deutlich fitter als noch vor einer Woche. Sie schläft gemeinsam mit Struppi im Häuschen, quietscht laut vor sich hin und beteiligt sich am Geplauder der anderen Heunasen. Sie scheint glücklich zu sein in ihrem neuen Zuhause.
Ich drücke mich immer noch davor, mein Geschirr zu spülen. Ich weiß, dass es schnell erledigt ist und das es eigentlich sinnlos ist es aufzuschieben, weil es damit quasi immer schlimmer wird. Aber trotzdem schiebe ich es weiter vor mir her. Später will ich Flammkuchen machen, dazu brauche ich eigentlich den Platz in der Küche. Verdammte Motivationslosigkeit.
Immerhin riecht meine Küche nicht mehr nach Pfeffi und das Meeristreu ist in der Meerivilla und nicht mehr überall in meiner Wohnung.
Gestern hatte ich um kurz nach halb zehn einen Motivationsschub, natürlich nachdem ich meine Medis schon genommen hatte und anfing noch müder zu werden als eh schon. Tolles Timing.
Gleich muss ich mal an den üblichen wichtige Dokumente-Orten nach meinem Impfpass suchen, denn morgen muss ich zur Hausärztin zur Besprechung meiner Blutwerte (die mittlerweile definitiv nicht mehr so miserabel sein sollten wie beim letzten Mal.) und ich brauche Impfungen. „Wissen Sie denn auswendig, was aufgefrischt werden muss?“ fragt die Arzthelferin. „Tetanus auf jeden Fall. Das ist mir auch am wichtigsten.“ – „Ja, das ist sinnvoll, wegen den Wunden.“ meint sie. Ich antworte, dass er im Moment aber eigentlich echt friedlich ist. Wir schauen uns kurz verwirrt an. Dann lachen wir. „Sie meinen Ihren Kater?“ – „Und Sie die Selbstverletzung…“. Ja, so ist das. Im Moment denke ich nicht allzu oft daran. Wenn ich meine Arme sehe möchte ich jedes Mal anfangen zu weinen, weil die Narben so furchtbar deutlich zu sehen sind. Ich vermisse die Zeit, in der es nur so wenige dickere Narben waren und diese schon so verblasst, dass sie nicht mehr so auffällig waren. Manchmal denke ich darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich damals ein anderes Ventil gefunden hätte um zu überleben. Eins, dass nicht so deutliche Zeichen hinterlässt. Aber Drogen zum Beispiel wären vermutlich auffälliger gewesen, die Narben konnte ich verstecken, dass man völlig drauf ist merkt man einem ja schon oftmals an. Naja. Über das „was wäre wenn“ nachzudenken, habe ich mir ja eigentlich abgewöhnt.
Nun kraule ich noch ein wenig den liebesbedürftigen Zitronenkater, dann kämpfe ich weiter mit mir rum, bis ich mich endlich an mein Geschirr mache.

Ich grabe im Geröll mit beiden Händen 
Meine Finger taub, die Augen brennen 
Baue mir Berge aus Schmerz und Fragen 
Sollen sie mich unter sich begraben 
Ich geh mit dem Hammer in zerfurchte Felsen 
Mache keine Pause, muss Jahre wälzen 
Haue Löcher in die Angst, in mein Gewissen 
Erste Brocken sind aus Kindheit und Vermissen 
Und dann sitz ich auf’m Bett und esse Steine 
Deine, meine, große, kleine 
Beiß mir die Zähne aus, wenn ich sie zermalme 
Ich denk nur so geht es vorbei 

1 Comment

  • *Grins*
    Bei dem Teil mit der Tetanusimpfung musste ich echt schmunzeln.
    Ich drücke dir die Daumen, dass die Motivation sich bald erholt hat.

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