Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

The sun will come out, wait and see 

Nach der Achtsamkeit fühle ich mich merkwürdig. Ich bin nicht in meinem Körper, stehe irgendwo neben mir, habe Druck. Schwester Nathalie fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich schüttel den Kopf.
Wir gehen gemeinsam um den See. Reden, auch viel Blödsinn. Es wird langsam besser, es tut gut zu laufen und zu reden und zu lachen. „Schon allein deswegen dürfen Sie sich nichts antun. Ich brauche Sie doch zum Blödsinn reden und spazieren. Und Sie mich zum spazieren und Blödsinn anhören. Coexistenz. Oder, das wäre es doch.“ Ich bejahe das ganze und sie streckt mir die Hand hin. Ich gebe ihr meine. „Das ist doch mal eine gute Idee für einen Nonduizidvertrag. Wir laufen weiter um den See. Ich erzähle von A. und von Ostern, von gestern. Sie lobt mich, weil ich nicht geschnitten habe. Die Hexe mit den zwei Besen bringt mich also wieder runter, als wir nach einigen Runden wieder oben ankommen geht es mir besser. Die italienische ältere Dame schimpft vor sich hin, Nathalie meint nur „meine Zukunft…“ und ich lache. „Sie verstehen es. Ich sage doch, Coexistenz.“ Ich fühle mich wieder besser, deutlich. Es tut gut einfach draußen zu sein und die Sonne zu spüren und zu reden und zu gehen.
Mittags bin ich einfach nur müde und falle für 3 Stunden einfach ins Bett und schlafe. Ich will nicht mehr wach werden, mein ganzer Körper schreit nur nach Schlaf. Irgendwann kriege ich es doch hin mich aus dem Bett zu bewegen, gehe in den Supermarkt und schenke mir ein Eis, telefoniere mit J. und kriege Besuch von Bibi.
Den Rest des Tages verbringe ich mit der Nase im Buch. Erst draußen, dann am Ende des Flurs mit den Füßen auf der Fensterbank, während das Licht durch das große Fenster fällt und es draußen langsam dunkel wird.
Ich muss daran denken, wie ich vor über einem Jahr hier saß auf dieser Fensterbank. Im Februar, während es draußen kalt und grau war und in mir nicht besser aussah. Die Suizidgedanken hielten noch lange an nach dem Suizidversuch damals und ich hatte das Gefühl, dass sie gar kein Ende mehr finden werden. Manchmal scheint es so weit weg zu sein dieses damals. Manchmal scheint es auch noch viel zu nah. Faktisch liegen 14 Monate zwischen heute und damals. Und doch eine ganze Welt. Heute sitze ich am Fenster und lese, meine Gedanken kreisen um das Buch und um mein Leben, um Momente und Gefühle. Damals war da nur Dunkelheit und Leere und Anspannung und Selbstverletzung. Ich schneide viel weniger. Die letzten heftigen Suizidgedanken sind eine Weile her. Ich kriege den Großteil meines Alltags auf die Reihe. Und so viele andere kleine winzige Dinge, die sich zu einem Haufen an Veränderung auftürmen. Es ist enorm, was sich in einer solchen Zeit alles verändern kann.
In der Achtsamkeit ging es heute auch um Wünsche. Gesund sein. Das kam mir direkt als erstes in den Kopf.
Ich weiß, dass ich mit einer Krankheit lebe, die immer da sein wird. Ich weiß, dass mich immer wieder Bilder verfolgen werden. Ich weiß, dass es immer wieder dunkle Momente geben wird. Aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann mit dem allem zu leben. Ich kann es schaffen mich nicht zu verletzen, auch wenn es immer wieder als Möglichkeit im Kopf auftauchen wird. Ich kann mit diesen dunklen Momenten umgehen, ohne mir etwas anzutun. Ich kann es schaffen trotz allem zu leben. Oder gerade wegen allem. Und mit allem. Und irgendwie bin ich ja schon dabei.
In letzter Zeit schreibe ich viele positive Dinge. Manchmal habe ich Angst, dass es nur eine Phase ist, dass es bald wieder abwärts geht. Habe Angst davor, dass es sich immer weiter und weiter und weiter um einen Punkt dreht, mit Aufs und Abs und ich nicht weiter komme. Aber vielleicht versuche ich es einfach zu genießen, dass es gerade so ist. Dass viele Dinge in Bewegung sind, vieles anders wird. Einfach genießen, dass das Leben gerade im Großen und Ganzen einfach okay und gut ist. Ohne Angst vor dem Morgen. Ohne Angst vor dem was kommt und vor dem, was hinter mir liegt. Ohne Angst vor der Krankheit. Einfach nur leben. Leben und atmen und atmen und leben. Und wirklich leben, nicht überleben. Denn das sind einfach zwei unterschiedliche Dinge.

Überleben allein ist unzureichend.

So tell ‘em all I’m on my way 
New friends and new places to see 
And to sleep under the stars 
Who could ask for more 
With the moon keeping watch over me

Geh lieber durch die Wand als immer durch die Tür

Um kurz vor 3 wache ich auf und möchte der Uhr nicht glauben. Ich muss aufs Klo und krabbel schnell wieder ins Bett, in dem der Zitronenkater nach einem müden Blick einfach weiter schläft. Und genau das kann ich nicht mehr. Ich liege wach, höre Hörbuch, drehe mich von der linken Seite auf den Rücken und auf die rechte Seite und wieder zurück. Irgendwann nehme ich das Handy und klicke mich durch das Internet, lese interessante, banale und witzige Dinge, bin furchtbar müde, kann aber einfach nicht einschlafen. Kurz nach 5 stehe ich auf, was auch nur wieder mit einem müden Zitronenkater Block quittiert wird, koche mir einen Tee und rauche eine Zigarette, tapse wieder ins Bett, kuschel mich in die Decke und wickel mich um meine Schlafbanane, mache wieder das Hörbuch an und schließe die Augen. Nach einer Stunde beendet der Sleep-Timer das Hörbuch, ich will aber die Augen nicht öffnen um es wieder anzustellen. Also liege ich weiter im Bett, den warmen Zitronenkater an meinen Bauch gekuschelt, und höre den Vögeln zu, die den Tag begrüßen und merke, wie es vor meinen geschlossenen Augenlidern immer heller wird. Der Nachbar von ganz oben links verlässt das Haus und ich weiß, dass es nun kurz vor 7 ist. Kurz darauf ist es endlich still in mir und um mich und ich schlafe wieder.
Das Katerkind schwankt. Er läuft wirr in der Gegend rum, maut jämmerlich und kann sich dabei kaum auf den Beinen halten. Ich bin bei Menschen, die ich nicht kenne, die furchtbar betrunken sind und unter Drogen stehen. Sie fanden es lustig dem Kater auch welche zu geben und ich will nur noch schnell in die Tierklinik. Unterwegs hört sein kleines Herz auf zu schlagen und das warme und weiche Fell wird langsam kalt…
Ich schrecke auf und brauche einen Moment, um die Geräusche zu sortieren. Mein Wecker klingelt, die Meeris knabbern an was und ein warmes und weiches Fellknäuel liegt schnurrend auf meiner Brust und schaut mich mit goldbraunen Augen an. Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, atme ein und aus und vergrabe mein Gesicht im Zitronenkaterfell, atme seinen Geruch, spüre seine Wärme und langsam vergeht der Schreck des Traumes. Ich brauche einige Zeit um im Leben anzukommen und den Schlaf abzuschütteln. Ich kraule den warmen Fellhaufen, spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut und kriege einen Schreck, weil die Uhr unaufhaltsam Richtung elf läuft und ich in die Achtsamkeit muss. Zähneputzen und Anziehen funktioniert zeitgleich, schnell noch das Gesicht unter den Wasserhahn gesteckt, die Haare gekämmt, die Tiere gefüttert und raus. Draußen ist es schön. Die Sonne scheint und ich muss automatisch einfach lächeln. Ich laufe zur Klinik, treffe davor S. und wir drücken uns, T. läuft mir mit gepackten Koffern und Mann über den Weg und wir verabreden, dass wir uns bald mal auf einen Kaffee treffen.
Die Achtsamkeit tut gut. Ankommen im hier und jetzt. Beim Yoga knackt mein Rücken zwei Mal gewaltig und die Wirbel sind wieder an den dazugehörigen Orten. Ich atme, lebe, atme, bin da, im jetzt und hier, in meinem Körper, in der Gegenwart. Die Gedanken kommen und ich lasse sie einfach, sehe ihnen dabei zu wie sie kommen und gehen und sich abwechseln, lasse die Gefühle kommen und gehen und atme und fühle das erste Mal seit langem wieder die Bedeutung hinter „Ich bin nicht das Gefühl, ich habe ein Gefühl.“
Nach der Achtsamkeit steige ich die Stufen empor zu „meiner“ Station und setze mich zu I., rede mit ihr, während sie ihr Mittagessen verputzt und gehe dann mit ihr gemeinsam raus in die Sonne auf drei, vier Zigaretten. Ich sitze auf der Bank, um mich rum grün und Blüten und Vogelzwitschern, spüre die Sonne im Gesicht und auf meinen nackten Armen. Ich betrachte sie und wundere mich, dass ich die letzten Tage überstanden habe, ohne mich zu verletzen und muss dann lächeln, weil ich doch ein klein wenig stolz darauf bin. Also sitzen wir rauchend und redend in der Sonne, diskutieren, wer vom Personal am süßesten ist, müssen dann beide beim Gedanken lachen, ständig einen Fachmenschen um uns zu haben. Sie meint, dass eine der Ärztinnen ganz süß sei und ich nicke. Sie meint die knuffige von der Station unten drunter. Sie sagt mir, dass ich eine so hübsche junge Frau bin und ich werde rot. Ich mag I. gerne, aber sie wäre absolut nicht mein Typ. Wir reden noch eine Weile bevor sich unsere Wege vor der Zufahrt zur Pforte trennen und sie nach links auf die Klinik zusteuert und ich den rechten Weg nehme um das Klinikgelände zu verlassen. Ich tapse zum Supermarkt und einmal hindurch und komme mit Zitronen, Avocado und dem Stern bewaffnet wieder raus um mich auf den Weg nach Hause zu machen. Unterwegs treffe ich meine Nachbarin und eine Bekannte, die ein paar Ecken weiter wohnt, wir gehen ein Stück gemeinsam und reden über meine Fahrt nach Berlin und nach Hannover und nach Hamburg.
Daheim setze ich mich auf die Mauer vor der Türe, packe den Stern aus und lese in der Sonne die Titelstory. Es geht um den Flug 4U9525, Hinterbliebene erzählen und es gibt einen kurzen Text über die Krankheit des Piloten. Und wie vor fast einem Jahr kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie man so viele Menschen bei einem Suizid töten kann.  Ich frage mich oft, ob man den Begriff Suizid überhaupt verwenden kann dabei. Erweiterter Suizid klingt genauso falsch. Fachmenschen reden von einem Homozid-Suizid, was die Auslöschung vieler Menschenleben impliziert. Ich denke oft, dass Mord doch ziemlich treffend ist. Aber wie auch immer man es nennen mag, es ist ein Horror für die Hinterbliebenen, für all die Menschen, die jemanden dabei verloren. Ich schreibe hier oft davon, dass ich die Beweggründe hinter einer Selbsttötung verstehen kann, ich stand mehr als einmal selbst an diesem Punkt. Auch wenn ich generell denke, dass man so wenig Menschen wie möglich da mit involvieren sollte, so kann ich es doch verstehen, wenn es aus einer Kurzschlussreaktion geschieht. Manche Menschen kann man nicht ausschließen, Angehörige und Freunde und Bekannte leiden immer darunter, genau wie Rettungsdienst, Polizei und alle anderen Menschen, die bei sowas hinzugezogen werden. Wenn man an einem solchen Punkt angekommen ist, an dem es scheinbar keinen anderen Ausweg mehr gibt, dann verstehe ich auch, dass man dem Impuls nachgibt sich vor einen Zug zu werfen, wenn diese Möglichkeit gerade gegeben ist. Etwas, dass ich nicht verstehen kann ist, wie man bewusst und geplant trotz Krankenschein in ein Flugzeug steigt mit weiteren 149 Menschen an Bord, um es gegen einen Felsen zu steuern. Da weigern sich bei mir sämtliche Gehirnzellen auch nur einen Funken Verständnis aufzubringen. Wir leben in einer Welt und einer Region dieser, die es uns ermöglicht größtenteils freibestimmt zu tun und zu lassen wonach uns ist. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch mit seinem Leben anfangen kann was er mag. Ich stehe oft der Einweisung in eine Klinik wegen Suizidalität kritisch gegenüber, denn es schränkt die Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen ein, auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es in ausweglosen Situationen eine Hilfe sein kann, wenn man daran gehindert wird das eigene Leben vorzeitig zu beenden. Jeder, der für sich selbst entschieden hat, dass er nicht mehr leben will, kann das meiner Meinung nach gerne zuende bringen. Aber mit sich selbst. Selbstmord. Der Mord am eigenen Ich, an einem selbst und an keinem anderen.
Und ich sitze kopfschüttelnd in der Sonne und denke mir, wie so oft, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die ich nicht verstehen kann und auch nicht will.
Ich schließe meine Wohnungstüre auf und werde vom Katerkind umgerannt, der erst mal durch das Treppenhaus flitzt und überall schnuppert. Ich kraule ihn, als er wieder in die Küche kommt, kippe den Meeris noch ein wenig Futter in die Näpfe und sitze seitdem auf dem Sofa, schlafendes Katerkind zusammengerollt auf meinem Schoß, und schreibe. Gleich werde ich mich aufmachen in die Hauptstadt zur Therapie. Ich wollte noch ein paar Dinge machen, wenn ich schon mal dort bin, habe es aber vergessen. Momentan vergesse ich ständig Dinge, weswegen mir meine Hand beispielsweise als Notizzettel dient.

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Meine Hand kann ich wenigstens nirgends liegen lassen, wenn mein Kopf schon zum Sieb mutiert.
Ich fahre mit ein paar konkreten Dingen im Kopf zur Therapie, die ich hoffentlich nicht unterwegs wieder vergesse, mit guter Laune und Sonnenschein. Sobald die Tage wieder länger werden und die Sonne die Kraft hat alles zu erwärmen geht es mir auch besser. Es hebt meine Stimmung und ist einfach eines der besten Antidepressiva.
Morgen muss ich ein paar Dinge erledigen, Anrufe tätigen, die Wutzis sauber machen und ein wenig Haushaltskram und treffe mich abends dann mit Bibi zum Sushi futtern. Samstagmorgen fahre ich zu Mama und mit ihr Garten kucken, irgendwann am WE wollen K. und S. vorbei kommen und wir wollen Die Minions schauen. Montag muss ich zur Ärztin, durch die Stadt für Teile von Mamas Geburtstagsgeschenk, Freitag und vermutlich das komplette Ostern werde ich mich im Hotel Mama einquartieren. Vermutlich werde ich aber am Samstag nach Hause fahren und sonntags wieder kommen, 4 Tage am Stück sind mir dann doch ein wenig zu viel und ich versuche da auf meine eigenen Grenzen zu achten, denn vier Tage durchgehende Kraftanstrengung bringen mich auch nicht weiter. Zum Glück kann ich immer noch sagen, dass ich nach meinen Tierchen kucken muss.

Fütter Deine Angst
denn sie wird niemals satt
verschwende Deine Wut
Dein Leben schreit danach
Balsam für die Seele
ist die Ruhe für den Sturm
erliege der Versuchung
denn sie gibt Dir Kraft
Fütter Deine Angst

Braucht man eigentlich das was man vergessen kann

Ich bin erledigt. Ich war bis 3 Uhr wach, dann fiel mir ein, dass ich meine Medis vergessen habe. Um 3 Uhr nehmen wenn man um 9 Uhr spätestens aufstehen muss ist dann auch sinnfrei. Also habe ich relativ unruhig geschlafen und eher vor mich hin gedöst. Das Katerkind schlief an meinen Rücken gekuschelt bis ich aufstand und ließ sich auch nicht von meiner Unruhe stören.
Dennoch bin ich relativ fit. Ich war in der Achtsamkeit, obwohl ich wenig Lust hatte, und es tat wie fast immer ziemlich gut. Danach bin ich kurz auf der Station vorbei und habe einem Freund dort eine Ladung von meinem Kuchen mitgebracht. Pfleger Arschkeks hatte Dienst und sagte mir, dass er sich sehr über meine Karte gefreut hat.
Nun bin ich wieder Zuhause und werde ein wenig auf meinem Sofa hängen, dann die Überreste der Feier gestern mal etwas beseitigen und meine neue schicke Lampe aufhängen. Eine Freundin will vorbei schauen, später kommen noch K. und ihre Freundin, weil sie es gestern nicht geschafft haben. Ansonsten werde ich heute nur rum hängen, nicht viel tun und mich von gestern erholen. So viele Menschen auf einmal strengen mich immer noch an, auch wenn es wirklich schön war.
Am Samstag werde ich den Herrn V aufsammeln in der Hauptstadt und mit hier her nehmen, Chrissie wird eventuell vorbei schauen. Sonst habe ich nicht wirklich etwas geplant, werde mir einfach erstmal viel Gutes tun und mir Zeit für mich nehmen und meine Tierchen.
Morgen werde ich in der Klinik anrufen und einen Termin für die Aufnahme machen für in zwei Wochen. Die werde ich so wie es aktuell aussieht noch schaffen. Statt mittwochs werde ich dienstags gehen, da ich an dem Dienstag darauf auf ein Konzert gehe, für das Schwesterherzchen und Schwesterherzchens Freund mir eine Karte geschenkt haben. Ich freue mich schon.
Katerkind schlummert friedlich auf meinem Schoß, es läuft Dr. House. Ich fühle mich erledigt, aber gut.
Die Gedanken an meinen Vater sind immer noch da, aber ich kann sie etwas mehr von außen betrachten und akzeptieren, dass sie da sind. Am Tag ist es meistens gut auszuhalten, die Abende und Nächte sind schwerer. Aber auch die werde ich schaffen.
Heute morgen beim Aufwachen hatte ich das unglaubliche Bedürfnis mich zu verletzen. Zu schneiden, meine Haut bluten zu sehen, den feinen Schmerz zu spüren, der da und doch nicht da ist. Dieses Gefühl war so stark, dass ich im ersten Moment einfach nachgeben wollte, einfach ins Bad gehen und eine Klinge suchen und sie in die Haut drücken. Dann kam der Rest an Gefühlen, der Kopf ging an, mein Verstand hat eingesetzt. Es wird nicht mit ein paar Schnitten getan sein. Dadurch wird der Wunsch danach zwar für eine Weile verschwinden, aber die Dinge, die dahinter liegen, werden nicht verschwinden. Und so sehr ich es mir auch wünsche, so sehr ich die Schmerzen vermisse und die Linien auf meinem Arm, gerade schaffe ich es noch mich davon abzuhalten.
In der Achtsamkeit habe ich meinen Arm betrachtet, die Narben darauf, die tiefe Furchen bilden, wenn ich den Arm drehe und die Haut sich spannt. Ich habe daran gedacht, wie er vor 13 Monaten noch aussah. Ohne diese Narben. Und ich weiß dann nie, ob ich mich hassen soll oder nicht. Es bringt nichts, das weiß ich. Davon werden die Narben nicht verschwinden.
Also einatmen, ausatmen. Radikale Akzeptanz. Es ist nun eben so und wird nicht anders werden, nur weil ich es will oder mich selbst hasse.
Und nun werde ich meinen Tag weiter gestalten, positiv denken und atmen. Minute für Minute.

Hinter der Maske gibt’s wenig zu atmen
Und ohne sie zu viel zu sehen
Hinter der Masken gibt’s viel zu verraten
Das würden die Leute nicht verstehen

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Der Achtsamkeitstherapeut packt immer mal wieder die Geschichte von den Bohnen aus. Es gibt sie mit einer Fürstin, einem Bauern, einem Grafen und vermutlich auch sonst noch allen möglichen Protagonisten. Im Prinzip ist sie aber immer gleich.

In Italien kursiert die Geschichte von einem Grafen, der sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war. Niemals verließ er das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tage bewusster wahrnehmen und um sie besser zählen zu können.

Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel eine nette Konversation auf der Straße, das Lächeln seiner Frau und Lachen seiner Kinder, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines – kurz: für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manche Begebenheit war ihm gleich zwei oder drei Bohnen wert.

Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich des Lebens. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.“

Ich finde die Geschichte immer wieder aufs neue schön. Besonders den Schluss.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Viel zu oft vergisst man all die schönen Dinge, die einem so passieren oder weiß sie nicht zu würdigen, weil die Momente so klein erscheinen.
Mir geht es auch oft so. Natürlich vor allem an schlechten Tagen. Dann sitze ich abends oft vor der diary card (ich hab schon länger keine mehr geschrieben, ich muss unbedingt wieder anfangen!) und überlege, was ich bei positiven Erlebnissen eigentlich schreiben soll. Und oftmals sind es dann aber genau die Kleinigkeiten, die den Tag schön gemacht haben. Ein liebes Wort, ein guter Tee, Sonnenschein, das Katerkind und die Quietschnasen, ein schönes Lied, ein Lächeln… All diese Momente, die oftmals einfach untergehen. Nun probiere ich es mal mit den Bohnen. Drei Stück sind schon in die linke Hosentasche gewandert. Eine für die Achtsamkeitsstunde, eine für liebe Menschen in der Klinik treffen (einen alten Bekannten, liebes PP und einen Freund) und eine für das glückliche Katerkind, dass sich auf meiner Fußmatte wälzt als ich heimkomme und danach auf meinem Schoß glücklich schnurrt. Mal sehen, wie viele heute Abend in der linken Hosentasche gelandet sind.
Jedenfalls war die Achtsamkeit gut, danach war ich kurz einkaufen, nun bin ich Zuhause und werde mich gleich daran machen das Bad zu putzen. Lust habe ich natürlich wenig (wobei es heute nicht ganz so schlimm ist wie sonst, das muss ich nutzen), vorher werfe ich noch schnell die Waschmaschine an (meine Lieblingskuscheldecke war ja mit in Berlin, die hat es nötig. Fiona, meine Kuschelrobbe, ebenso.), mecker mit meiner Schwester (die mir im fünf-Minuten-Takt unter die Nase reibt, dass sie weiß, was ich zum Geburtstag kriege) und stöpsel meinen Badlautsprecher mal an den Strom (jedes Mal unter der Dusche jammere ich, weil er nun schon seit Wochen leer ist und ich immer vergesse, ihn aufzuladen). Mal sehen, wie groß die Motivation nach dem Bad dann noch ist, vielleicht kriege ich ja noch mehr geschafft.
Mein linker Oberarm hat ein Ei wachsen lassen, die Stelle um den Impfeinstich ist dick, rot, juckt und tut weh. Bäh. Schade, dass der Pfleger Arschkeks heute nicht da war, er muss immer lachen, wenn ich über Wehwehchen jammere. „Aber sich dann den Arm bis fast auf den Knochen aufschneiden…“ sagt er immer. „Und da soll ich Ihnen nun glauben, dass das wehtut?“ Tja, so ist das eben.
Schwester Katrin meinte, dass sie grade über mich gesprochen hätten, als ich kam. „Wir haben überlegt, wann Sie wieder kommen.“ Ich antworte ihr, dass die 5 Wochen eigentlich am 9. vorbei wären, ich aber so, wie es gerade aussieht, auf 6 Wochen gehen werde. „Wenn es so klappt, dass freut mich.“ meint sie. Ich warte mal noch ab bis Mitte nächster Woche und entscheide dann je nach aktueller Lage. Diese Flexibilität tut mir gut, es liegt in meinem Ermessen zu entscheiden, wie lange ich es schaffe. Vorher war es immer blöd, wenn beispielsweise 4 Wochen angepeilt waren, ich nach 3 Wochen aber einfach nicht mehr konnte. Nun kann ich selber schauen, ob 5 oder 6, und es würde sich vermutlich auch nicht nach Versagen anfühlen, wenn ich nur 5 Wochen aushalte. Oder eventuell auch nur 4. Gerade ist es aber okay und ich mag das dann auch probieren, mag meine eigenen Grenzen ein wenig ausloten, will es einfach versuchen. Außerdem macht der Pfleger Arschkeks wieder einen Filmabend, den ich verpassen würde, wenn ich nach 5 Wochen hin ginge. Noch ein Ansporn. 🙂 Es tut gut, einfach selbst entscheiden zu können, mich selbst zu motivieren und dann stolz zu sein, dass es geklappt hat. Es tut gut so wieder ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich brauche und wie weit ich gehen kann. Und das ganze auf einem konstruktiven Weg, und nicht meine Grenzen auszutesten, indem ich jedes Mal tiefer schneide oder mehr als zuvor.
Und nun mache ich mich ans produktiv sein, belohne mich danach mit Tee (von Teekanne gibt es 3 neue Sorten. Apple Pie, Lemoncake und Blueberry Muffin. Unbedingte Probierempfehlung!) und schaue mal, was ich sonst noch so auf die Reihe kriege heute.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Der mir die Luft zum Atmen nimmt

Ich werde krank. Heute morgen bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht, bisher bin ich sie noch nicht los geworden. Also war heute ganz viel schlafen und unter Decken vergraben angesagt.
Auch jetzt hänge ich mit Kuscheldecke und Kuschelsocken auf dem Sofa, habe Kerzen angezündet und schaue Star Wars.
Gleich werde ich mir noch meine lebende Wärmflasche schnappen und mich auf dem Sofa ausstrecken.

Die Achtsamkeit gestern tat sehr gut. Auch wenn ich bei einer Übung anfing zu disoziieren, als ich die Augen dann offen ließ und mich hingesetzt hatte ging es wieder.
Nächste Woche ist es schon wieder so weit, dass ich in der Klinik anrufen werde für einen neuen Aufnahmetermin. Vielleicht schaffe ich es wirklich die ganzen 5 Wochen lang.

Vor einiger Zeit habe ich unter anderen Betroffenen gefragt, was man gegen dieses abendliche/nächtliche abstürzen tun könnte. Eine Bekannte, die ich aus dem Forum kenne, antwortete mir daraufhin, dass sie es mit Struktur relativ gut hin bekommt.
Ich habe es oft schon angedacht, ein Abendritual einzuführen, weil einem das bei Schlafstörungen ja häufig geraten wird.
Nun werde ich das ganze wohl tun, nicht nur im Bezug auf das schlafengehen, sondern auch auf den Abend.
Um halb 7 sollte ich eigentlich ja meine Medikamente nehmen, vielleicht kann ich das als Ansatzpunkt nehmen. Ab da etwas tun, dass mir gut tut. Abends mit Decke und Kater und Kerzen aufs Sofa kuscheln. Meistens gehe ich ja gegen 22 Uhr ins Bett, da wäre dann noch ein Tee vorm schlafen eine Idee. Mal sehen wie ich das ganze gestalten kann. Die diary cards würden so vielleicht auch ein fester Bestandteil werden und ich würde es nicht ständig vergessen.
Und vor allem will ich versuchen, nicht mehr so viele Dinge auf einmal zu tun, besonders abends. Nicht TV und Handy und PC und eventuell noch das Telefon am Ohr. Achtsamer sein.

Morgen will ich mit K. kurz zu ikea und in den Baumarkt. Der Kater soll mehr Platz zum klettern und schlafen kommen, also erweitere ich den Kratzbaum in Richtung oben. 2 Kratzmatten brauchen Bretter und Befestigungen für an die Wand, bei der Schlafmatte ist schon alles da.

Und so läuft mein Leben weiter und ich weiß manchmal gar nicht, wohin die Tage verschwinden. In letzter Zeit wird der Druck wieder schlimmer, ich träume von tiefen Wunden, will mich verletzen, bis es richtig tief ist. An manchen Tagen fehlt es mir sehr und ich freue mich darüber, dass es kälter wird und ich die Wunden unter langen Ärmeln verstecken könnte. Und dann denke ich zurück an die Zeit, in der die Selbstverletzung noch täglich war, in der der Herbst jedesmal eine Erlösung brachte, weil das Verstecken einfacher wurde.
Da will ich eigentlich nicht mehr hin.
Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich fünfzehn Jahre später immer noch damit kämpfe, ich hätte den Kopf geschüttelt. So überzeugt war ich damals, dass es einfach sein wird, damit wieder aufzuhören.

Für die, die sich nicht trauen
Im Sturm nach vorn zu schauen
Die in sich so gefangen sind

Ich weiß gar nicht mehr
Wie schön das Fliegen war
Ist schon viel zu lange her