*t* Vom Kinderspiel zum Albtraum

Mädchen fangen. Ich weiß nicht, ob es ein typisches Spiel einer Kindheit der 90er war, ob Kinder es heute noch spielen oder ob es vielleicht nur örtlich begrenzt gespielt wurde. Jedenfalls erinnere ich mich noch gut daran, es wurde auf dem Pausenhof gespielt, bei der Stadtranderholung (warum die so hieß, wo ich doch auf dem Land groß wurde, ohne etwas drumrum dass den Namen Stadt verdient hat, frage ich mich auch gerade…), bei allen möglichen Anlässen mit einem Haufen gelangweilter Kinder.

Die Jungs fangen die Mädchen. Und „sperren“ sie bevorzugt irgendwo ein, ein abgetrennter oder vorher definierter Bereich, aus dem man erst wieder raus darf wenn ein anderes Mädchen einen abklatscht.

In einem Sommer meiner Kindheit wurde aus dem Kinderspiel für mich ein Albtraum. Denn da war D., der Sohn meiner Tagesmutter, der mich fing und zum abgesperrten Bereich brachte und mich dabei anfasste. An Stellen, an denen ich nicht angefasst werden wollte.

Bei der Stadtranderholung war das Gefängnis ein riesiges schwarzes Zelt, dass dort hinterm Haus auf der Wiese stand. Darin dunkel und perfekt, um einen in eine Ecke zu ziehen, festzuhalten, anzufassen. Schreien war sinnlos, schließlich quietschen und brüllten überall Mädels, die von Jungs geschnappt wurden.

Für mich war schlimm, dass man sich dem Ganzen nicht entziehen konnte. Ein „Ich will nicht mitspielen“ war eine Ausrede, weil man nicht gefangen werden wollte. Wehren und weglaufen und schreien ein Teil des Spiels und somit ein Zeichen, dass man mitspielt. Und Stillhalten und nichts tun gleichzeitig auch wieder ein Zeichen, dass man nichts dagegen hatte. Es war also furchtbar egal was ich tat, alles war eine Zustimmung.

So wie es damals begann ging es weiter. Mich wehren war für ihn ein Zeichen, dass ich Spaß an seinem kranken Spiel hatte. Dass ich wollte, dass er mich festhält, festbindet. Schreien natürlich auch. Ein Zeichen wie toll ich es finde, später ein Grund mir irgendwas in den Mund zu stecken. Und wenn ich nichts tat, dann war es natürlich das stillschweigende Einverständnis, dass es okay ist was er macht.

Was mit einem Kinderspiel begann (und für mich in meinem Kopf lange unter „war doch nicht so schlimm“ abgespeichert war) wurde irgendwann zu kranken Sexspielchen. Bis heute fällt es mir unglaublich schwer die Gedanken daran überhaupt zuzulassen, weil ich mich so sehr schäme für die Dinge, die passiert sind. Weil ich das Gefühl habe, dass ich es eben „erlaubt“ habe. Weil er immer gesagt hat, dass ich durch mein Handeln (egal welches) zeige, dass ich es auch will. Und weil ich in meiner Kindheit und Jugend gelernt habe, dass „solche Dinge“ pervers sind. Dass man sie irgendwo in einer dunklen Kammer macht, wenn man irre ist.

Über D. spreche ich deshalb nicht gerne. Und auch nicht, weil er nur wenige Jahre älter war als ich, selbst noch eigentlich ein Kind, ein Teenager, und ich mich frage, wieviel er damals überhaupt davon verstand, was er mit mir tat. Und auch, weil ich ihn gerne mochte. Weil da zwar nicht unbedingt sowas wie Verliebtheit war, aber Zuneigung. Er war älter, damit gleichzeitig cooler, er mochte mich, er nahm mich mit zum heimlichen Rauchen unter der Brücke, er war mit den (für mich damals) coolen Leuten befreundet, die alle älter und mehrfach sitzen geblieben waren, die taten was sie wollten ohne sich drum zu kümmern was ihre Eltern sagten. So wollte ich auch sein. Frei. Einfach frei.

D. war der mittlere Sohn einer dominanten Mutter und eines „unterdrückten“ Vaters. Seine Mutter hatte zuhause die Hosen an, verprügelte gerne mal ihre Söhne, wenn diese etwas ausgefressen hatten. Ihr Mann hatte wenig zu melden. Im elterlichen Schlafzimmer lief das ganze allerdings wohl andersrum. Und so fand D. Irgendwann nach jenem Sommer Heftchen mit Bildern und später auch Videokassetten und diverses Spielzeug im Schlafzimmer seiner Eltern. Fesseln. Knebel. Peitschen. Kerzen. So viele Sachen, die manchen gut sortierten Sexshop hätten neidisch werden lassen. Und natürlich wollte er das ausprobieren.

Ich könnte jetzt lang und breit spekulieren warum er das tat. Sein Vorbild, der Vater, hatte scheinbar nur dabei was zu melden. Sein großer Bruder war auf dem Gymnasium und wurde gelobt, der jüngere war das Nesthäkchen. Für ihn blieb kaum Liebe und noch mehr Gewalt als für die anderen beiden. Doch all das rechtfertigt die Dinge nicht, die er mit mir tat.

Bis heute wird mir übel, wenn ich diese blauen Nylonseile sehe, mit denen dort damals die Heuballen festgebunden wurden. Bis heute wache ich manchmal auf und kriege keine Luft, weil ich gerade geträumt habe, dass mir jemand ein Kissen aufs Gesicht drückt. Bis heute verzweifle ich, wenn es in einer Situation kein klares ja oder nein gibt.

Und auch heute noch triggert es mich, wenn am Bahnhof ein paar Jungs unbeschwert hinter Mädchen her rennen und sie einfangen, so wie vor ein paar Stunden.

Albtraum

Die Dämonen der Vergangenheit haben sich wieder mal in meine Träume geschlichen. Ich wache schreiend auf, mit Herzrasen, Panik, Zittern. Breche im gleichen Moment in Tränen aus und heule und schluchze unkontrolliert, während der Zitronenkater mir vor Schreck über meinen Schrei in den Arm beißt und dann verwirrt und mit großen Augen vor mir sitzt, mich anbrüllt, weil er nicht versteht was plötzlich los ist.

Wenig später krabbelt er auf meinen Schoß, miaut erbärmlich, will gekrault werden und holt mich mit seinem Schnurren ein wenig in die Realität zurück, die mir gerade so sehr entgleitet.

In meinem Traum vermischen sich Realität und Vergangenheit. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, sondern so alt wie jetzt. Dennoch finde ich mich in meinem alten Kinderzimmer wieder, verändert aber doch so vertraut. Mein Vater flippt aus, zerstört in seiner Raserei Dinge, bis ich fliehe, raus aus der Wohnung, wie vor so vielen Jahren. Der Schlüssel zur Wohnung ist seltsamerweise der zur Wohnung meiner Mutter, am Schlüsselband und mit dem Anhänger, den mein Schlüssel von ihr in der Gegenwart hat.

Ich rufe die Polizei um mich zu schützen. Anders als in den ganzen Jahren, in denen ich keine Möglichkeit hatte mich zu schützen. Während ich warte sehe ich gleichzeitig, wie er mein Zimmer durchwühlt, Briefe liest, meinen Laptop öffnet (der auch nur in der Gegenwart existiert) und Mails liest. Ich fühle mich hilflos ausgeliefert und will nicht, dass er sich bis in mein Innerstes vorarbeitet, Dinge liest, die so intim sind, die nichts zu suchen haben im Kontext mit ihm.

Als ich hochschrecke bleibt das Gefühl der Angst vor ihm, die Angst vor seinen Ausbrüchen und das Gefühl völlig schutzlos zu sein, weil er so tief in meine Privatsphäre eingedrungen ist. Ich bin gefangen in den Bildern der Vergangenheit, in der alten Angst. Es fällt mir unglaublich schwer in der Realität zu bleiben, während Träne um Träne fließt.

Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.

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Der Abend war okay. Ich saß irgendwann mit dem Tatort auf dem Sofa und hatte das schnurrende und später schlafende Katerkind auf dem Bauch. Im Schlaf hat er Mäuse gejagt oder Bäume erklommen, ich muss immer lächeln wenn sich seine Pfoten und der Schwanz bewegen oder dann ein Ruck durch den ganzen Körper geht. Und ich muss lächeln, weil er mir so sehr vertraut, dass er auf mir in Tiefschlaf verfällt und träumt und sich sicher ist, dass ihm nichts passiert. Wenn ich an seine Vorgeschichte denke und die Dinge, die er in seinem jungen Alter schon erleben musste, dann ist es für mich immer noch ein Wunder, dass er sich so sehr auf einen Menschen einlassen kann.
Seit gestern ist eine seiner Pfoten blau, weil er natürlich wie immer viel zu neugierig war. Als ich meine Haarspitzen wieder bunt gemacht habe musste er natürlich ins Waschbecken hüpfen und durch die Farbe laufen. So brachte er mich gestern mehrere Stunden lang immer wieder zum lachen, denn es sieht einfach nur lustig aus.
Vorsorglich habe ich gestern dann ein wenig mehr meiner Abendmedis genommen und bin auf dem Sofa langsam immer müder geworden und schließlich ins Bett geplumst. Dort habe ich es gerade noch so geschafft mir mein Hörbuch anzumachen, bevor ich keine Kraft mehr hatte die Augen aufzuhalten und habe mich in meine Decken gekuschelt, den Zitronenkater auf mir. Und dann bin ich auch relativ schnell eingeschlafen. Die Träume waren ein wenig wirr und gegen 4 Uhr wurde ich wach, weil mein Vater durch meine Träume lief. Auch ohne ihn waren die Träume anstrengend, ich habe von der Klinik geträumt, von einigen Schwestern und dem Versuch, immer wieder an Klingen zu kommen und mich zu verletzen. Und trotz Medikamenten wache ich um kurz nach 8 dann wieder von alleine auf und bewege mich aus dem Bett und unter die Dusche. Ich bin mal wieder klatschnass geschwitzt, was nach Träumen von meinem Vater oft vorkommt. Also wander ich unter die Dusche und mein Bettzeug in die Waschmaschine. Ich überlege ob und was ich frühstücken soll, habe aber weder große Lust noch Appetit dazu und schnappe mir einfach nur eine Banane und falle auf mein Sofa. Von dort will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und schon gar nicht in die kalte und graue Welt vor meinen Fenstern. Am liebsten würde ich wieder in mein Bett krabbeln und mir die Decke über den Kopf ziehen, was leider ja nicht geht. Ich muss mich anziehen und los in die Hauptstadt, muss zum Psychiater und einkaufen, muss heute noch Kuchen backen und Geschirr spülen und Chrissie kommt mit dem Hundemädchen. Und weil Katerkind beginnt mit viel Enthusiasmus und Milchtritt auf meinem Magen meine Banane wieder aus mir heraus zu befördern, stehe ich also auf bevor sie meinen Körper wieder verlässt und ziehe mich an. Dabei muss ich daran denken, dass ich morgen besser etwas mit langen Ärmeln anziehe, zumindest solange Mama da ist. Auf Diskussion und erschrocken-vorwurfsvolle Blicke habe ich an meinem Geburtstag definitiv noch weniger Lust als an sonstigen Tagen.
Letztes Jahr um diese Zeit lag ich noch auf der Intensivstation und habe gejammert, weil ich unbedingt rauchen wollte aber natürlich nicht durfte und konnte, habe mich auch davon abgesehen richtig furchtbar gefühlt mit Herzrasen und Übelkeit und immer noch bedöppelt von der Überdosis Tabletten. Und sonst waren um diese Zeit im Jahr die Hunde oft bei mir und K., weil Chrissie mit ihrem Freund in den USA war. Facebook zeigt mir in den letzten Tagen bei den Erinnerungen immer wieder Bilder von den zweien und ich schwanke jedes Mal zwischen lächeln und losheulen. Ich bin gespannt wie es heute wird mit Chrissie.
Mein Psychiater war wie immer einfach toll. Wir haben auch über meine momentan eher weniger vorhandene Therapie geredet und er hat mir ein wenig geholfen, bei der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Vermutlich werde ich der Therapeutin schreiben und um einen Termin bitten, um mit ihr zu reden. Ich will die Dinge, die in unserer letzten Sitzung geschehen sind, besprechen und schauen, ob wir die paar letzten verbliebenen Stunden nicht noch etwas auf die Reihe kriegen. Und während ich das schreibe habe ich ihr eine SMS gesendet und nach einem Termin gefragt und auch direkt erwähnt, dass ich über die Stunde im September reden möchte. Ich habe Bammel davor, aber ich glaube ich kriege das hin. Vielleicht mal nicht beleidigter Borderliner spielen sondern mich konstruktiv den Dingen stellen.
Und nun werde ich gleich mal schauen was ich essen soll heute und ob ich mich noch an den Kuchen mache oder das auf morgen verschiebe. Auf jeden Fall muss ich meine Wohnung noch hundesicher machen, also alles schokoladige außer Reichweite bringen (zum Glück findet der Zitronenkater Schokolade gar nicht toll, sonst hätte ich ein Problem…) und auch das Katerfutter außer Reichweite bringen.
Und währenddessen schaue ich „und täglich grüßt das Murmeltier“ (denn der 2. Februar ist Murmeltiertag! Also auch der Tag in dem Bill Murray im Film festhängt.) und trinke Tee. Dieser Tag ist definitiv besser als der 2. Februar im letzten Jahr.

Wer immer auf dem Boden bleibt, hat nichts was Ihn nach vorne treibt.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Stell dich quer, lass sie spür’n dass wir am Leben sind.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.
Lass los, lass los, lass los was dich nicht los lässt