Bin ich doch da, solang‘ die Band noch spielt

Es gibt wenige Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Vor allem im Bereich psychischer Macken und Probleme. Doch es gibt Dinge, die verstehe ich einfach nicht. Dazu gehört definitiv Alkoholmissbrauch. Ich verstehe, dass es eine Sucht ist, dass es schwer ist damit aufzuhören, dass es einfach ist seine Probleme so zu lösen.
Aber dennoch ist es für mich einfach nicht begreiflich, wie man immer und immer und immer wieder rückfällig werden kann, wie man sich immer und immer wieder, und zwar nicht wöchentlich, sondern täglich, ins Delirium trinken kann. Vielleicht ist das auch ganz gut so, denn so komme ich selbst nicht auf die Idee. Ich trinke ab und an mal, ich habe auch schon getrunken, wenn es nicht mehr zu ertragen war. Doch morgens direkt Wodka trinken und erst wieder damit aufhören, wenn man nicht mal mehr sitzen kann… Unbegreiflich für mich.
Heute morgen stand eine Freundin aus der Klinik vor meiner Tür.
Aus der Langzeit flog sie raus – Alkohol. Die Nächte danach hat sie in diversen Hotels verbracht, betrunken und am Ende vor die Tür gesetzt, weil sie nicht bezahlen konnte.
Und so stand sie eben vor meiner Tür, weil auch ihre Mutter mittlerweile die Nase voll hat, verständlicherweise.
Und ich kann dann nicht Nein sagen, ich kann nicht sagen „verschwinde wieder“. Und so liegt sie nun auf meinem Sofa und schläft ihren Rausch aus.
„Morgen höre ich auf! “ sagt sie. Morgen wird sie aufhören oder sich eine andere Bleibe suchen müssen. Ich mache das nicht mit, ich unterstütze sie nicht dabei sich selbst zu zerstören. Vor allem, weil ich derzeit selbst so sehr kämpfen muss. Am 12. kann sie zum Entzug in die Klinik, ich finde, sie sollte direkt dort hin.
Vielleicht bin ich auch einfach zu sehr beeinflusst von meinem Vater. Ich habe es damals schon nicht verstehen können, wie ein Mensch sich so sehr mit Alkohol zuschütten kann und mir geschworen, dass ich sowas niemals machen werde.

Und obwohl ich heute morgen einfach nur dachte, dass ich Amok laufe, als sie vor meiner Tür stand (übrigens inklusive Freund…), weil ich müde war ohne Ende, schlecht gelaunt und dringend Zeit für mich gebraucht hätte, trotz all dem ist es okay gerade. Ich habe mein Geschirr gespült, meine Küche ein wenig aufgeräumt und auch mein Schlafzimmer ein wenig in Ordnung gebracht. Ich habe mit Katerkind gekämpft (und sehe auch dementsprechend aus…), habe ein wenig gelesen, war beim Dönermenschen und werde gleich mit Chrissie noch eine Hundrunde Machen . Ich habe immer noch unglaublichen Selbstverletzungsdruck, immer noch enorm Suizidgedanken. Ich sitze hier und atme, was heißt dass ich noch lebe. Meine Arme und Beine sind bis auf Krallen- und Zahnspuren unversehrt. Eigentlich eine gute Bilanz für einen Tag, der so furchtbar begonnen hat.
Den Rest des abends verbringe ich nach Chrissiebesuch wohl einfach damit, dass ich mich in mein Schlafzimmer zurück ziehe und den Tatort nachschaue, ein wenig lesen, Kater kuscheln, schlafen. Hoffentlich einen weiteren Abend und eine weitere Nacht überstehen. Einfach weiter machen. Es geht auch wieder vorbei.

Atme ganz tief, den Moment ein – lass ihn dann nie los
Spür‘ wie dein Herz grad ’nen Schlag überspringt und wenn es – Kick Kick
Alle Wände beben dann
Glaub ich fest, dass ein Text noch immer Leben retten kann
Dass den Liedern die man liebt, immer Frieden inne liegt
Noten ewig leben, kein Grab zu tief für die Musik

Huren und Trinken, vergessene Kinder.

Um kurz nach 6 hat heute morgen mein Wecker geklingelt, nun bin ich auf dem Weg zu meiner Ärztin, damit die Fäden endlich raus kommen. Darüber bin ich gewaltig froh, es fängt nämlich schon an zu ziepen und weh zu tun. Klarer Fall von selber Schuld.
Danach fahre ich zu Mama und hole mein verbliebenes Meeri ab. Timmy ist vor 2 Tagen gestorben, nun ist Struppi alleine und darf ab heute dann den Rest seiner Tage mit meinen 2 Mädels verbringen. Von den 4 Babys, die bei mir zur Welt kamen, leben nun also nur noch die 2 Mädels. Es macht mich unglaublich traurig und ich muss wirklich bald schauen, dass wieder mehr leben in die Schweinevilla kommt. Aber erst mal schauen wie meine zwei sich mit ihrem (Teil-) Papa verstehen.

Nächste Woche habe ich einen neuen Aufnahmetermin in der Klinik. Vielleicht finde ich die Möglichkeit das mit der Selbstverletzung anzusprechen, die Frage was bleibt, wenn sie weg fällt. Und eine Möglichkeit diese Suizidgedanken anders auszuhalten als mit schneiden.

Wenn mein Weg mich in die Hauptstadt führt und ich nicht ganz dringend irgendwo hin muss, dann mache ich immer erstmal Halt im Drogeriemarkt um mir etwas zu trinken zu holen.
Und ich finde es immer wieder erschreckend, wie viele Menschen dort morgens Alkohol kaufen. Kein Bier, sondern Flaschen mit Schnaps. Alle möglichen Leute, von Obdachlosen bis zu Männern in Anzügen. Wenn ich mit kurzen Ärmeln da durch laufe wird geschaut. Ein Mann mit Anzug und 4 kleinen Flaschen Schnaps hingegen wird kaum beachtet. Verrückte Welt.

Ansonsten steht für heute nicht viel an. Ich muss mal wieder durchkehren, das bleibt eben nicht aus wenn der Kater ständig Streu und Heu verteilt.
Und vielleicht kriege ich es auch endlich mal wieder hin etwas halbwegs vernünftiges zu essen, am besten auch irgendwas mit Vitaminen.
Vielleicht kriege ich später Besuch, morgen treffe ich mich in der Stadt mit einer Freundin. Soziale Kontakte pflegen, das predigte mein Psychiater unter anderem. Versuche ich ja eh so gut es geht, manchmal klappt es aber nicht so wirklich. Vielleicht wird das nun auch besser, nun da ich mehr Antrieb habe.

Bist du dir sicher
dass sich das Blut bei dir bewegt?
Du solltest dich kümmern
hast du heute schon gelebt?
Und wenn es keinen Morgen gibt
hast du heute schon gelebt?