Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Unaussprechliches aussprechen 

Es gibt Dinge, die ich jemandem sagen wollte, über die ich dann oft tage-/wochen-/monatelang nachgedacht habe. Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ich mit einer Frau in einer Beziehung bin? Wie beichte ich meiner Hausärztin die neue Selbstverletzung? Wie sage ich dies oder jenes? 

Und dann gibt es Momente, in denen wichtige Dinge plötzlich einfach ihren Raum brauchen, in denen wichtige Worte plötzlich einfach gesprochen werden müssen. 

Am Freitag saß ich in der Therapie. Erzählte von dem Klinikaufenthalt und von meiner Mutter. Erzählte, dass ich keine Kraft mehr habe dieses Geheimnis zu tragen, mich zu verstellen, ganz besonders nicht, wenn ich noch 5 Wochen halbwegs vernünftig und regelmäßig zu meiner Mutter fahren soll, solange sie immer noch mit dem Gips durch die Gegend hüpft. 

Und so sitze ich da heulend und wir reden darüber. Und ich fasse den Entschluss es ihr zu sagen. Gegen alles in meinem Kopf, das dagegen anschreit. Gegen die Zweifel und die Angst. 

Also erzähle ich meiner Mutter davon. Ich fasse in Worte was immer noch so unfassbar ist für mich. Zu dem Gespräch selber kann ich nicht mehr viel sagen. Es ist verschwommen, es hat getriggert und mich immer wieder in die Dissoziation katapultiert. Und ich will auch gar nicht viel dazu sagen. Es war schmerzhaft und anstrengend. Wegen der Thematik und wegen meiner Mutter, die nun mal so ist wie sie ist. Aber sie hat mir zugehört, sie hat mich in den Arm genommen, sie hat gesagt, dass sie mir glaubt. Es ist raus, endlich, es ist ausgesprochen. 

Ich kann noch nicht sagen, wie es mir nun damit geht. Ja, natürlich bin ich auf irgend eine Art erleichtert. Doch sonst? Ich muss wohl einfach abwarten, was die Zeit noch so bringt. 

Mein Leben läuft so dahin momentan. Ich soll die Erwerbsminderungsrente beantragen, habe aber die 5 Jahre Wartezeit nicht erfüllt. Interessiert aber das Arbeitsamt nicht. Und die Rentenversicherung auch nicht. Von meinen Zeugnis habe ich noch nichts gehört. Ich musste Geld ans Arbeitsamt zurück zahlen, dass sie mir über bezahlt haben. Das Geld für diesen Zeitraum sollte ich eigentlich von der Rentenversicherung kriegen. Darauf warte ich seit Januar. Es ist Chaos und es sind viele Baustellen und ich würde zu gerne einfach mal einen Tag nur im Bett verbringen. Doch dann ist da ein Theratermin, dort einer beim Psychiater, dazwischen noch Alltag und Mama mit Gipsbein. Ich würde mir zu gerne ein Loch graben und abwarten bis der Sturm um mich rum sich gelegt hat. Ich tue zu wenig für mich und ich merke es. Ich muss gegensteuern, sonst ist meine (kaum noch vorhandene) Stabilität bald wieder weg. 

Der Wunsch nach Selbstverletzung wird immer größer. Noch ist es erträglich. Der Druck ist selten so groß, dass ich deswegen skillen muss. Auch die Anspannung gipfelt nicht so oft in Selbstverletzungsdruck wie früher. Doch der Hintergrund momentan ist ein anderer. Ich will mich nicht verletzen um die Anspannung los zu werden. Ich will mich nicht verletzen um mich zu spüren. Ich will den Schmerz und das Gefühl. Zum runter kommen. Um Kraft zu sammeln. Um es durchzuhalten. Um mir eine Ladung Endorphine durch den Körper zu jagen. Um es einfach erträglich zu machen. 

Ich überlege mich zu verletzen und es für mich zu behalten. Einfach nicht zu sagen, so zu tun, als ob es nicht passiert wäre. Doch ich würde damit nur mich selbst belügen. Und es gibt schon genügend Menschen bei denen ich nicht ich selbst sein kann, genügend Orte, an denen ich nicht sein kann wie ich bin. 

Und so versuche ich mein Bestes. Ich skille, ich versuche mein Leben auf die Reihe zu kriegen, ich versuche den Kram zu erledigen, der erledigt werden muss. Und auch wenn es manchmal eher schlecht als recht klappt, so klappt es eben doch irgendwie. 

Heute steht Wohnung an. Endlich mal. Ich werde mir in den Hintern treten und anfangen damit, denn es muss endlich voran gehen, es muss endlich etwas passieren hier. Ich muss wieder zu mir selbst finden und mich hier wohl fühlen, ich muss produktiv sein, sonst gehe ich unter. 

Zu viel

Seit der verwirrenden Nacht auf Montag bin ich ziemlich neben der Spur. Ich schlafe eine Nacht halbwegs gut, dann eine Nacht gar nicht, eine Nacht halbwegs gut, dann nur wenige Stunden… So zieht es sich seitdem und langsam ziehen mir diese seltsamen Nächte den Boden unter den Füßen weg. Ich bin müde und in einem seltsamen Zustand von Dauerdissoziation in den meisten Stunden des Tages. 

Bei meiner Therapeutin erzähle ich von der Nacht. Erzähle von Erinnerungen, die nicht mit Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Verhalten meines Vaters, mit Invalidierung und so wenig Verständnis für ein kleines Mädchen, eine beginnende Jugendlichen, für eine Tochter, die einfach Anerkennung und Zuneigung sucht. Diese Momente schmerzen mich immer noch mehr als alles andere. All diese Momente, in denen ich nicht ich sein durfte, in denen ich nicht zählte, in denen ich kein eigenes atmendes Wesen sein durfte. 

Morgen, eigentlich heute, will ich zur Schule. Denn nach vielem hin und her und Chaos weiß ich nun, dass die Auskunft, die ich immer bekommen habe, völliger Käse ist. Für den Abschluss der Ausbildung steht mir ein Zeugnis über die Fachhochschulreife zu, in BaWü habe ich nie etwas anerkennen lassen, die Auskunft der Schule damals war totaler Käse. Dafür haben sie mich dann morgen an der Backe. Und hoffentlich bin ich danach dann schlauer, habe bestenfalls ein Zeugnis bzw. ein Zeugnis in Arbeit. Das ganze geht mir nämlich auch gewaltig an die Substanz. 

Am Freitag steht dann der Rentenversicherungstermin auf dem Plan. Ich bin unglaublich nervös deswegen, unsicher, ängstlich. Ich weiß nicht, ob dort ein netter Mensch sein wird oder ein Bürokratenidiot, der keinerlei Verständnis für mich hat. 

So viel Chaos derzeit und so wenig Kraft aktuell. Und es ist schon wieder mitten in der Nacht und ich mag einfach nur schlafen. Es ist mir einfach zuviel. Leben, atmen, Behördenkram, Haushalt, soziale Kontakte… Zu wenig Löffel für zu viel Kram. 

Die letzten Tage 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich irgendwann mal über Kopfschmerzen freue. Denn damit erwache ich am Sonntag morgen. Leichte Kopfschmerzen. Im Vergleich zu den Schmerzen der zwei Tage zuvor ist es eine enorme Erleichterung. Auch die Übelkeit hält sich in Grenzen. 

Und so kann ich doch ein wenig produktiv sein. Ich drucke eine Ladung diary cards aus, ich spüle mein Geschirr, ich koche mir Spaghetti Bolognese und mampfe eine Portion mit viel Käse. Zwischendurch kraule ich immer wieder das Katerkind, telefoniere mit meinem Püffchen, schaue Serie. 

Nicht mal mehr 1 ½ Wochen. Dann kommt der Tag, vor dem ich letztes Jahr echt Angst hatte. Auch dieses Jahr kriege ich ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke. An diesem Tag vor zwei Jahren wurde ich auf der Intensivstation wieder wach. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Ergebnisse davor. An den RTW, an die Polizei, an den Notarzt der kam und an seine Worte, an die magischen zehn Minuten, die mich davor bewahrt haben nun nicht mehr da zu sein. Ich erinnere mich an meine Mutter neben meinem Bett. Und am deutlichsten an Schwester Nathalie und Schwester Sabine in der Klinik, an ihre Worte. 

Als es in der DBT um meine Behandlungsziele ging, da war eins für mich klar. Ich will nicht mehr an diesen Punkt. Ich will das nicht nochmal durchleben. Und die Suizidalität wurde dann auch zum obersten Therapieziel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so viel ändern kann. Als es am Anfang darum ging, die Notausgangstür zu schließen, da dachte ich mir nur „jaja, is klar“. Mir war schon klar, dass ich daran arbeiten muss, ich wollte diese Türe auch schließen, aber das sich wirklich so viel daran ändern kann… Niemals hätte ich das geglaubt. Tja. Wie bei so vielen Dingen. 

Klar ist die Türe nie komplett zu. An manchen Tagen stehe ich mit der Klinke in der Hand da und werfe einen Blick durch den Spalt. Aber mehr passiert nicht. Die Türe öffnet sich nicht so weit, dass ich durchpassen würde. Ich stehe auch nicht mehr ständig daneben um raus zu springen und zu flüchten. Und so oft vergesse ich, dass es diese Option überhaupt gibt. 

Es macht vieles leichter. Ich merke, wieviel Kraft es mich immer gekostet hat diese Gedanken an Suizid auszuhalten, wieviel Kraft mich diese ständig offene Tür gekostet hat. Nun ist klar, dass es keine Option ist. Nicht mehr. Auch wenn die Gedanken da sind, auch wenn sie extrem werden, ich habe einen Lebensvertrag, ich habe klare Handlungsabfolgen bei hoher Suizidalität. Ich habe ein großes Stück mehr Sicherheit im Umgang mit mir in solchen Situationen. 

Gestern war ich zum ersten Mal wieder bei meiner Therapeutin. Ich habe ihr von der Klinik erzählt, von den Dingen, die seitdem anders sind, habe ihr den Lebensvertrag zum unterschreiben gegeben. Sie sagt mir, dass man mir ansieht, dass es besser ist, dass ich entspannter wirke, dass es nicht mehr so aussieht, als würde ich ständig mit aller Kraft gegen die Dinge in mir kämpfen. 

Ich erzähle ihr auch von dem Treffen mit meiner Kinder- und Jugendtherapeutin. Dass dieses Treffen einige Dinge geändert hat. Dass ihre Worte mir geholfen haben zu akzeptieren, dass die Dinge Wirklichkeit waren. Zu wissen, dass ihr bereits vor fast 14 Jahren klar war, was in mir tobt, hat es ein Stück weit mehr Realität werden lassen und mir geholfen es anzunehmen. Und es hat mir gezeigt, wie sehr sie damals an meiner Seite stand, wie viel sie mich unterstützt und mir geholfen hat und auch geschützt. 

Meine Therapiestunden sind aufgebraucht. Ich kann nur noch alle 4 Wochen kommen. „Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel.“ sagt sie zu mir. Im Notfall wird sie da sein, das weiß ich. Wenn es brennt, dann wird sie mich unterstützen und mir helfen. 

Morgen bin ich mit M. verabredet, wir werden wohl unser übliches Programm machen, die Zweier-Bordi-Gang on Tour. Und am Donnerstag wird meine Reha starten. Ich bin gespannt. Ich habe erstmal einen Berg Fragen für dort. Wie das mit den Medis laufen wird, wie es mit „Urlaub“ aussieht, mit den Terminen, die ich sonst noch so habe, wie die Therapien laufen werden und, und, und. 

Und bald steht dann unweigerlich mein Geburtstag vor der Tür. Vielleicht sollte ich ihn zweimal feiern. Am Tag des Suizidversuchs und am eigentlichen Tag. Ich könnte auch einfach dann gleich 3 Tage durchfeiern. 

Auch heute war ich relativ produktiv, ich war einkaufen, habe meine Schweinchen mit Salat und Gurke bombardiert (bei den Preisen derzeit werde ich definitiv arm), hab mit dem Katerkind gespielt, in meinem Schlafzimmer ein wenig weiter das Chaos bekämpft, habe mit der Krankenkasse telefoniert und versucht bei meinem Internetanbieter jemanden zu erreichen zwecks Kündigung bzw. Angebot für eine Verlängerung, habe mit der kleinen Hexe telefoniert und mit Puffi und mit Mama, habe meine Medikament sortiert und alle in der Schublade verstaut, damit sie nicht ständig an tausend Orten liegen, mir eine Pizza in den Ofen geschmissen und sie dann gemampft (und gleichzeitig vor dem Zitronenkater verteidigt), Wäsche sortiert und geduscht. Es war heute eine gute Mischung aus etwas tun und rumgammeln. 

Bevor ich mich mit M. treffe muss ich morgen noch beim Psychiater vorbeischauen, ich brauche MPH, ich hab ja keinen Plan wie das bei der Reha läuft, ob ich meine Medis von dort kriege oder nicht oder wie oder was. 

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass kein Absturz kam. Dass nicht wieder alles über mir zusammen bricht. Klar gibt es beschissene Momente, aber es sind eben Momente, kein Dauerzustand. Es erleichtert so viel. Und ich hoffe es wird so bleiben. Ich wünsche es mir so sehr. 

erschöpft. 

Mein Sprunggelenk bringt mich um. Bei -5 Grad (gefühlt sollen es angeblich -12 sein, ich empfinde es eher als -20) hat es, verständlicherweise, wohl einfach keinen Bock. Es tut weh, es knackst, es schwillt an. Mittlerweile ist der Bruch so viele Jahre her, dass ich nur noch selten daran denke. Aber ab und an meldet sich jede Bruchstelle (waren ja nur 8) und ich könnte schwören, dass auf die Nahten der Bänder und Sehnen schmerzen. Und natürlich die Narben. Auch die an meinen Armen schmerzen und ziehen derzeit, ich muss immer wieder cremen, weil sie so trocken sind und jucken. Da ist mir der Sommer deutlich lieber, da kriege ich höchstens mal einen Sonnenbrand auf den Narben. 

Ich mag den Winter nicht. Es ist grau und dunkel und kalt. Ich habe nichts gegen einen kalten Sonnentag mit Schnee, über die Felder stapfen, mit Sunny und Joline habe ich das schon oft gemacht und genossen. Aber ich mag die Dunkelheit nicht, Matschschnee und Nässe und Glätte und in so viele Schichten einpacken, dass man kugelrund ist und trotzdem friert. Obwohl ich im Winter geboren bin, möchte ich ihn immer wieder ganz schnell los werden. Und wenn ich überlege, dass der Frühlingsbeginn noch über 2 Monate entfernt ist… Bäh. Der Frühling ist so wundertollig. Die Natur erwacht, die ersten warmen Tage, zum ersten Mal wieder nur im T-Shirt raus… Dann wird es auch in mir drin heller. Im Winter habe ich immer das Gefühl, dass ich in eine Winterstarre verfalle, nicht mehr richtig funktioniere, halb erfroren bin innerlich. 

Mein PC hat es gestern endlich geschafft auf Win 10 zu laufen. 30 Stunden für ein Update, ich bin mir sicher er hat einfach eine Pause eingelegt. Oder einen Winterschlaf. Jedenfalls funktioniert nun alles wieder (abgesehen von meiner Grafikkarte, die jammert ständig über nicht vorhandene Treiber, dabei sind sie da. Da muss ich nochmal schauen.), nun ist er dabei sämtliche Dinge upzudaten. Denn je nachdem ob sie vom PC sind (der ist nun 2 Jahre alt) oder vom Betriebssystem (das ist nun ungefähr 9 Monate alt) hat er einiges zu tun, um die Dinge auf den neusten Stand zu bringen. Ich muss nun nur noch die Dinge wieder installieren, die ich brauche. Das neue Office wieder drauf, ein paar Spiele, Dropbox und Skype und diese Dinge. Und dann ein Backup machen. Am besten an 3 verschiedenen Orten. Meine Daten liegen nun sowieso alle auf der externen Festplatte. Und da muss ich mal ausmisten. 800 GB sind nun belegt, ich bin mir sicher, dass manche Dinge auch mehrfach vorhanden sind. Und manche Dinge brauche ich sicherlich nicht mehr, ich hab noch das halbe System von Vista drauf liegen, weil ich nach meinem letzten PC-Tod einfach die komplette Festplatte rübergezogen habe. Aber sowas mach ich einfach total gerne. 

Auch gestern bei J. den Laptop einrichten hat mir Spaß gemacht. Erstmal das doofe Anti-Viren-Programm runter werfen, ein neues drauf, die Firewall anschalten, Office installieren und registrieren, Edge runter schmeißen und Chrome drauf, Startseite einrichten… Ich liebe es. 

Vielleicht hänge ich meine Festplatte auch einfach wieder ans Netzwerk, das erspart das ständige Suchen nach ihr. Allerdings braucht sie eine externe Stromversorgung, dann müsste ich sie immer an lassen. Oder ich hänge die kleine ins Netzwerk mit den wichtigsten Dingen. Aber dann habe ich am TV keine mehr zum Aufnehmen… Die Probleme mit der lieben Technik. 

Ich überlege schon länger mir einen neuen TV anzuschaffen. Ich habe noch einen alten Röhrenfernseher. Und hätte gerne einen neuen, flachen, der weniger Platz weg nimmt und mehr kann. Beispielsweise die Filme direkt darauf streamen. Oder den PC verbinden und ein Spiel mal auf dem großen Bildschirm zocken. Mal sehen, was meine Nebenkostenabrechnung so dazu sagt, wenn ich sie endlich mal bekomme. Letztes Jahr war es April oder Mai. Für 9 Monate habe ich 300 Euro zurück bekommen. Nun werden es 12 Monate, aber davon war ich auch über 4 Monate in Kliniken. Also besteht Hoffnung, dass diesmal auch wieder etwas dabei raus kommt, dass mich glücklich macht. Und vielleicht ist dann auch ein bisschen was für einen neuen TV drin, denn das meiste Geld mag ich in ein neues Tattoo investieren. 

Heute morgen bin ich früh aus dem Bett, habe meine Tiere gefüttert, die Festplatte formatiert, die ich Mama bringen wollte und bin los gezogen. Nun bin ich auf dem Rückweg. Es ist kalt und ich bin müde. Und erschöpft. Ich hänge immer noch ein wenig durch, gestern und vorgestern haben an meinen Kräften gezehrt. Stark sein ist anstrengend und kräfteraubend, Situationen aushalten, in denen man nichts tun kann auch, gegen Anspannung und Selbstverletzungsdruck kämpfen und Suizidgedanken im Zaum halten nicht weniger. 

Ich empfinde Menschen heute wieder als furchtbar anstrengend. Ständig bleiben sie im Weg stehen, gründen Plaudergrüppchen mitten im Weg, laufen am Ende der Rolltreppe nicht weiter, bleiben direkt hinter der Tür in der Straßenbahn stehen, sie sind ja schließlich drin und die Menschen vor der Tür können kucken, wie sie noch rein kommen… Es kostet unglaublich viel Kraft unterwegs zu sein. Im Zug fallen mir immer wieder die Augen zu. Ich fühle mich unglaublich energieleer und kraftlos. Mir ist kalt, mein Kopf schmerzt, mir ist übel. Ich will nur noch in mein Bett. 

Im Bett verkriechen scheint für heute eine gute Option zu sein und vermutlich auch die beste Lösung. Vielleicht mit Finalgon gegen den Drang mich zu verletzen. Ich finde es furchtbar, wenn ich nicht so funktioniere wie ich meiner Meinung nach soll, dann steigt der Selbstverletzungsdruck immer unglaublich an. Also tue ich eben die Dinge, die nötig und sinnvoll sind. Mir Ruhe gönnen, akzeptieren, dass es grade mies ist, auf meine eigenen Bedürfnisse achten und auch ihnen entsprechend handeln. 

Winterschlaf und Frühlingsantrieb 

Vor einer ganze Weile habe ich mich ja mal ziemlich darüber amüsiert, dass jemand „Kater schläft auf diary card“ bei Google eingab und dadurch wohl auf meinem Blog gelandet ist. Aber der Kater hält sich daran. Heute bekam ich die diary card zum Ausfüllen von der Studie, und prompt liegt das Katerkind drauf und macht ein Schläfchen. 

Ich hab es heute eeeeendlich geschafft mir in den Hintern zu treten und den Kram für die Reha und die Rentenversicherung auszufüllen. Für die Rentenversicherung muss ich jetzt erst noch was von der Krankenkasse ausfüllen lassen. Also habe ich den Brief an die Krankenkasse und den für die Reha eingetütet und bringe die beiden morgen zur Post. Wieder etwas weniger auf der to-do-Liste. 

Morgen muss ich unbedingt waschen. Ansonsten muss ich nämlich nackig weg fahren. Und dafür ist es mir ein wenig zu kalt. 

Heute hat es geschneit. Und geschneit. Die ersten Dinge, die ich heute morgen zu sehen bekam, waren Schnee (vor dem Fenster), Schnee (auf einem Foto von Mama), Schnee (auf Facebook) und querstehende LKWs auf den Straßen unseres Bundeslandes, insgesamt 8 Stück. Zum Glück musste ich heute nirgendwo hin. Doch bis zum Supermarkt habe ich mich getraut, durch den Schnee und den Schneematsch. Das Projekt „ich kauf ab jetzt jeden Tag ein anstatt für ne Woche“ funktioniert ganz gut, so gehe ich immerhin vor die Türe. Auch das mit der diary card ausfüllen funktioniert. Genauso wie der Kram, der mit dem Lebensvertrag zusammen hängt. Und, ein Wunder, Selbstvalidierung. So viel selbst validiert wie in den letzten Monaten habe ich mich in über 20 Jahren nicht. 

Der Zitronenkater scheint in den Winterschlaf zu fallen. Jedenfalls rollt er sich auf mir zusammen, sobald ich sitze, und schließt die Augen. Und es ist ihm egal, ob ich gerade bequem da sitze, oder ob er nur über einem Bein oder auf einem Fuß liegt. Hauptsache auf mir, der Rest ist ihm egal. 

Langsam habe ich das Gefühl, dass die Antriebslosigkeit und das Durchhängen weniger werden. Ich schlafe nicht mehr ganz so viel, bin nicht mehr ganz so Matsch und antriebslos. Gefühlsmäßig ist es so, dass ich es mir langsam wieder zutraue etwas zu tun. Arbeiten vielleicht noch nicht so wirklich, aber vielleicht ein paar Stunden. Oder etwas ähnliches. Deswegen denke ich, dass Tagesklinik eine gute Sache wird und auch zum richtigen Zeitpunkt. Ich hab mehr Vertrauen in mich selbst, traue mir eher wieder zu irgendwas zu schaffen. Nicht mehr alles ist schwarz und hoffnungslos. Ein schönes Gefühl. Vielleicht kriege ich ja verfrühten Frühlingsantrieb. 

Und nun schnappe ich mir das kleine Schlafmonster und kuschel mich in mein Bettchen. In der Hoffnung, dass der Herr Kater morgen früh nicht wieder um halb 6 der Meinung ist, dass er vom zwei Meter hohen Kleiderschrank auf mich springen und dann wie ein Irrer durch die Wohnung galoppieren muss. Aber kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nur schläft, dann ist man eben früh wach. Faules Fellknäuel. 

mit jedem Stolperstein hast du den Schritt in Richtung Ziel gemacht.

5 Uhr. Ich sitze wach auf dem Sofa. Die Nacht war eher unruhig, zum ersten Mal auf die Uhr geschaut habe ich gegen halb 4, mich dann aber doch nochmal umgedreht, das Katerkind ein wenig zwischen den Ohren gekrault und weiter geschlafen. 

Mein Wecker hätte um 6 geklingelt. Ich muss zum Psychiater, um kurz nach 8 habe ich einen Termin. Sonst ist es immer eine Qual mich aus dem Bett zu kämpfen, gefühlt noch mitten in der Nacht. Und nun habe ich sogar noch genug Zeit um meinen Fahrtkostenerstattungsantrag zu suchen, auf dem der Herr Psychiater etwas ausfüllen muss. Und um eine Kleinigkeit zu frühstücken. 

Vorgestern war ich einfach Matsch. Ich fand keinen Schlaf, erst irgendwann gegen 9 Uhr gelang es mir dann endlich einzuschlafen. Um halb 4 wurde ich wach, müde, zerschlagen, mit dem Gefühl den Abend vorher ein Saufgelage veranstaltet zu haben. Und dementsprechend verlief auch mein Tag, zumindest die paar Stunden, die davon noch übrig waren. Ich fiel kurz vor die Türe um mir etwas zu essen zu besorgen, dass ich nur in die Mikrowelle schmeißen muss, denn nach kochen war mir definitiv nicht zumute. Zuhause dann essen und Sofa. Rumhängen. Irgendwie im Tag ankommen. Und dann vor 12 wieder ins Bett purzeln, damit mein Schlafrhythmus nicht völlig im Eimer ist. Funktionierte sogar. 

Gestern war ich dann deutlich fitter und produktiver. Ich habe das Katerfutter aus meiner großen Schublade unter der Bank geholt, die Kartons weggeworfen und alles in seiner Futterkiste verstaut, das Trockenfutter in die Box umgefüllt und immer wieder den Zitronenkater gejagt, der sich mit einer Packung Leckerlis aus dem Staub machte. Meine Küche gekehrt, um den Futterplatz geputzt (manchmal frage ich mich, wie man so viel Sauerei beim fressen machen kann. Erinnert mich immer ein wenig an ein kleines Kind mit einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße) und dann gekocht. Zwischendurch mal mit F. geskypet, mit meiner Mama telefoniert, das Katerkind von der Arbeitsplatte geschoben, geraucht. Und dann relativ früh geschlafen, weil ich ja heute morgen früh raus musste. Mit dem Gefühl, dass ich vielleicht doch nicht ganz so furchtbar unnütz und unproduktiv bin. 

Ich bin gespannt wie es in zwei Wochen wird, wenn ich jeden Morgen früh raus muss. In der Klinik war es okay, da schmiss einen zur Not ja auch jemand aus dem Bett. Während meiner letzten Schulzeit war es meistens K., die sich über das Klingeln meines Weckers beschwerte, weil sie noch nicht so früh raus musste. Und mein liebster Arbeitsbereich ist glücklicherweise ja nichts für Frühaufsteher, also bin ich auch nach der Ausbildung nur selten früh aufgestanden.

Mein Problem ist nicht, dass ich nicht wach werde. Sondern dass ich dann nicht aufstehe. Ich wache kurz auf, stelle den Wecker weiter (oder manchmal auch aus, was ziemlich unklug ist), drehe mich um und bin wieder eingeschlafen. Wobei ich auch manchmal wirklich einfach nicht wach werde, weil der Wecker einfach nicht klingelt oder ich ihn in meine Träume einbaue. 

Mal sehen. Ich werde definitiv mal verschlafen und in der Reha anrufen müssen deswegen. 

Bisher bin ich nicht wirklich nervös. Ich muss nicht dort schlafen, das nimmt viel meiner sonstigen Aufregung vor solchen Situationen. Auch wenn die Leute doof sind, ich muss mit ihnen nur den Tag verbringen und habe abends und am Wochenende meine Ruhe. Ich frage mich, ob ich irgendwas neues dort lernen werde, wie mein Therapeut oder meine Therapeutin wohl sein wird, wie das Programm dann genau aussehen wird. 

Gerade habe ich noch meine Fahrt gebucht für nächste Woche. Die Menschen in der DBT-Stadt besuchen. Ich freue mich darauf. 

13 Stunden später sitze ich wieder auf dem Sofa. Ich habe ein kleines Mittagsschläfchen gemacht, weil mein Bedürfnis nach Wärme und Bett so groß war. Ich bekam nicht warm, trotz zwei Decken und Wärmflaschenkater. Momentan friere ich ziemlich oft und ziemlich viel. Sonst bin ich gar nicht so eine Frostbeule, außer draußen in dieser Jahreszeit. Aber daheim habe ich sonst selbst im Winter nur selten einen Pulli oder Socken an. Nun ist die Standardausstattung Pulli, Schal, dicke Socken, auf dem Sofa meistens noch mindestens eine Decke. Ätzender Mist. Meine Nebenkostenabrechnung für dieses Jahr wird bestimmt ansehnlich bei dem Verbrauch an Heizung.  

Mein Herr Psychiater ist übrigens krank. Seine Arzthelferinnen haben versucht mich anzurufen, allerdings unter der Nummer, die ich seit 6 Jahren nicht mehr habe. Aber ich hätte eh hin gemusst wegen Krankenschein und Rezept. Zum Glück, denn sonst wäre ich vermutlich explodiert und mein ganzer Tag wäre im Eimer gewesen. So bin ich danach noch einkaufen gegangen und dann wieder nach Hause. 

Und ich stürze ab. Ich weiß nicht wieso. Der Drang mich zu verletzen nimmt mich ein. Tiefe Schnitte, im Krankenhaus versorgt werden, entspannt schlafen danach. Ich vermisse es. Ich würde es so gerne tun. Doch es gibt Dinge, die mich davon abhalten. Nach einer SV darf ich meine Mädels, die noch auf Station sind, zwei Wochen nicht besuchen. Wobei ich es ja niemandem vom Personal erzählen müsste, aber ich würde mich einfach scheiße fühlen. Außerdem will ich mit A. doch so gerne auf das Jahr anstoßen. Auf ihr ganzes und mein ganzes Jahr. Und ich will auf Pfleger Arschkeks erzählen können, dass ich es tatsächlich ein Jahr geschafft habe. 

Ich möchte mich verkriechen. Mich unter den Decken eingraben, weinen, schreien. Schneiden. 

Stattdessen werde ich skillen. Mit Finalgon auf den Arm klatschen. Mich mit aufräumen ablenken. Durchhalten, stark bleiben. 

Hast Schiss das alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt.
Doch bleib auf Kurs,
die Richtung stimmt,
auch wenn diese Zeit dich in die Knie zwingt.
Gib alles, nur nicht auf,
es gibt immer Einen, der an dich glaubt.
Gib alles, nur nicht auf,
es geht immer weiter, lauf Baby, lauf.

Juckende Schlaflosigkeit 

Ich liege im Bett und werde fast wahnsinnig. Mein ganzer Körper juckt. Ich verfalle schon in völlige Flohpanik, doch eigentlich ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass plötzlich 100 Flöhe mich an sämtlichen Körperstellen gebissen haben. Ich hab ein neues Waschmittel, das vielleicht? Doch dann wäre es schon früher aufgetreten, immerhin habe ich meine Decke damit gewaschen und in der auch die Nacht geschlafen. Ich überlege hin und her, überlege, ob ich sowas schon mal hatte… Und erinnere mich an eine Nacht, in der ich K. fast in den Wahnsinn trieb, weil mein ganzer Körper juckte. Mittlerweile weiß ich, dass ich gegen Kartoffelstärke allergisch bin. Und was habe ich heute gegessen? Nein, keine Kartoffeln, aber Pastinaken. Auch ein Knollengewurzelding, enthält viel Stärke. Also gut möglich, dass ich auch darauf allergisch reagiere. Prima. Aber das macht es nicht besser. Meine Flohpanik ist zwar damit erstmal beseitigt, aber mein Körper hört trotz dieser Erkenntnis nicht auf zu jucken. Ein Bad in Fenistil wäre jetzt eine schöne Option. 

Und während ich noch überlege, ob in die Apotheke einbrechen nicht doch eine gute Option ist und auch, ob die Polizei mich mit einem „ich wurde fast wahnsinnig“ wohl als unzurechnungsfähig in die Psychiatrie einweisen würde, fällt mir ein, dass ich vom letzten Stechmückenüberfall noch irgendwo ein Antihistaminikum rumliegen habe. Nach kurzem suchen habe ich es dann auch tatsächlich gefunden und knapp eine Stunde später ist es endlich erträglich. Und trotzdem liege ich wach im Bett. Drehe mich hin und her, Serie an, Serie aus, Hörbuch an, Hörbuch aus, Serie wieder an. Ich finde keinen Schlaf. Der Zitronenkater schlummert friedlich an meinen Füßen, zuckt ab und an mit den Pfötchen im Traum. 

Heute morgen war ich schon früh wach. Gegen halb 7 fing der Zitronenkater an auf meiner Blase rumtrampeln. Da war kein Schlaf mehr möglich, ich musste aufs Klo. Irgendwann war ich kurz einkaufen. Beißende Kälte empfing mich draußen, vereiste Stellen auf dem Boden, Eiskristalle in den Bäumen. Die Wärme zuhause war danach um so schöner. Ansonsten habe ich mir heute einen Tag mit Rumhängen gegönnt. Außer einkaufen und kochen war nichts sonderlich produktives dabei, aber das war mal ganz gut so. Ohne schlechtes Gewissen, ohne das Gefühl nun etwas tun zu müssen. 

Und obwohl ich einfach nur noch müde bin, meine Augen brennen und ich seit fast 20 Stunden wach bin, kann ich einfach nicht einschlafen. Da ich es nun seit mehreren Stunden erfolglos versuche, werde ich gleich wohl vorerst aufgeben. Aufstehen, eine rauchen, vielleicht einen Tee trinken (natürlich achtsam!), vielleicht auch etwas essen. Mal sehen, manchmal hilft es mir. Einfach mal kurz weg vom ständigen kreisen der Gedanken ums einschlafen. 

Gestern bekam ich den Link zur ersten Nachbefragung der Oxytocin-Studie. Und beim durchlesen und anklicken wurde mir nochmal bewusst, wieviel sich geändert hat. Auch wenn ich es manchmal gar nicht so sehe, nicht sehen kann. Vor allem nicht in den Momenten, in denen es dunkel und chaotisch ist. Aber die Stunden, in denen ich um jede Minute ohne Selbstverletzung kämpfen muss, sind seltener geworden. Die endlosen Sekunden, die zu Minuten und Stunden wurden, in denen ich nur atmen konnte, einatmen und ausatmen, weil es die einzige Möglichkeit war am Leben zu bleiben, weil alles in mir nur noch weg sein wollte, sind seltener geworden. Und so viel ist einfach anders. 

Während der Studie gab es immer eine Reihe von Fragen, bei denen ich den Kopf schütteln musste über die fehlende Destruktivität in meinem Leben. Keine Selbstverletzung, kein Suizidversuch, kein Hochrisikoverhalten… Mit Herrn V. witzelte ich immer, dass ich die BPS-Diagnose nicht mehr bekommen würde, wenn man nur diese Momentaufnahme nehmen würde. Diesmal konnte ich dann doch etwas anderes als „nein“ ankreuzen, denn ich war tatsächlich einmal betrunken. Sowas aber auch. 😉 

Neues Jahr 

Die Tage tröpfeln so dahin. Feiertage sind eine merkwürdige Sache. Ich vergesse die Wochentage und das Datum. Und auch mit dem Ende der Feiertage finde ich noch nicht zurück. 

Mein Silvester war schön, auch wenn es mich im Vorfeld einige Kraft gekostet hat. Ich komme immer noch schwer mit plötzlichen Änderungen und der daraus entstehenden Enttäuschung zurecht. N. ging es leider nicht gut, später dann die Absage. Planungschaos, wie und ob Bibi nun kommt. Letztendlich haben wir dann zu dritt hier gefeiert und hatten einen ruhigen und gemütlichen Abend. 

Mein neues Jahr begann dann damit den Zitronenkater zu beruhigen. Er war nicht unbedingt völlig verängstigt, nur furchtbar verwirrt und wusste gar nicht wohin mit sich. So saß er mal auf dem Kühlschrank, unter dem Bett, bei den Meeris und unter dem Küchentisch, mit großen Augen und roten Öhrchen. Später schlief er dann einige Stunden neben mir, bis ich gegen 5 Uhr in mein Bett wanderte und dort schlaflos rumlag. Seit ich andere Medikamente nehme, blieb die Schlaflosigkeit bis zu dieser Nacht aus. Also lag ich im Bett, schaute Outlander und versuchte den Schlaf zu finden, den mein Körper so dringend brauchte. 

Heute habe ich meinen Besuch an den Bahnhof gebracht. Immerhin kam ich so ein wenig an die frische Luft. Nun habe ich mich ins Bett verkrochen, ich friere, aber mein Kopf glüht. Meine Nase läuft, ich huste so sehr, dass ich ständig mein Essen erbreche und mein ganzer Körper schmerzt. Ich hasse es krank zu sein. Mein Kopf funktioniert nicht richtig, mein Körper noch weniger. Ich fühle mich unnütz und unproduktiv. Also versuche ich meinem Körper mit Schlaf zu helfen. Falls ich mich heute nochmal aus dem Bett bewegt kriege, dann gibt es noch Obst und heiße Zitrone zur Unterstützung. 

Morgen will ich mich (nochmal) an die Sachen für die Reha machen. Die Unterlagen für die Klinik und die für die Rentenversicherung. Und ein wenig das Chaos in der Wohnung beseitigen, Wäsche waschen, kochen. 

Immerhin hat der heutige Tag mir schon zwei nette Überraschungen beschert. Auf dem Weg zum Bahnhof wollte ich mir eine Internetflat fürs Handy buchen. Die allnet-flat habe ich auslaufen lassen, da ich sie eigentlich nur für die Zeit der Klinik genutzt hatte. Zuhause habe ich Festnetz mit Flatrate. Also rief ich die App meines Anbieters auf um nachzusehen, wieviel Guthaben ich noch habe und wieviel ich aufladen muss, um meine Flatrate zu buchen. Und dann habe ich ziemlich überrascht festgestellt, dass ich derzeit die allnet-flat nutze. Sehr nette Sache. Einmal ’ne Ladung Highspeedvolumen und alles Telefonieren und Simsen frei für umsonst. Könnte ich jeden Monat haben. 

Beim Heimkommen habe ich dann noch ein Gratispäckchen Zigaretten aus meinem Briefkasten geangelt, als Probe für die neue Sorte konnte man sie kostenlos anfordern, sofern man bei der Firma registriert ist, ich hatte völlig vergessen, dass ich da mitgemacht hatte. Nette Sache Nummer 2.

Und nun liege ich eingekuschelt mit dem Zitronenkater im Bettchen, habe auf dem Tablet Serie an und genieße einfach, dass ich mir Ruhe und Schlaf gönnen kann. Ich versuche es zumindest, denn ein kleiner Teil von mir schreit laut, dass ich das nicht darf, dass ich etwas tun muss, dass ich mir rumhängen und Ruhe nicht erlauben darf. Aber der Stimme gebe ich einfach keinen Raum. 

And is it possible to change? 

Ein weiteres Jahr geht langsam zuende. 

Ich finde, dass es unglaublich schnell verging. In Rückblick gesehen. Denn manche Momente und Tage und Wochen dauerten gefühlt ewig. Letztes Jahr habe ich Silvester in der Klinik verbracht. Weil ich wusste, dass es für mich schwer werden wird. Aus Selbstschutz. 

Dieses Jahr werde ich zuhause sein. Mit Freunden feiern. Ich freue mich darauf. 

Und trotzdem macht es Angst. Es ist so ein furchtbar sentimentaler Moment, es sind so furchtbar sentimentale Tage davor und danach. Dabei ändern sich eigentlich nur ein Datum. Sonst nichts. 

Manchmal würde ich Silvester einfach gern verschlafen. Den Tag davor und danach einfach verbringen wie jeden Tag und den Jahreswechsel einfach nicht mitbekommen und am nächsten Morgen aufstehen wie jeden anderen Morgen. Mich einfach vergraben, die Sentimentalität betäuben und einfach ignorieren, dass fast die ganze Welt feiert. 

Wouldn’t it be nice if change took just a moment?
Wouldn’t it be nice if it were that easy?
Midnight and we’re new. Midnight and the past erased. Midnight and we’re free. 

~twloha

Gestern  war ich dann doch produktiv. Ich habe gemeinsam mit der telefonischen Unterstützung der kleinen Hexe mein Altpapier klein gemacht und raus gebracht, meinen Küchentisch entchaotisiert, meine Kramschublade in der Küche aufgeräumt, die Meeris und das Katerklo sauber gemacht, die Wäsche angeschmissen und gerade in einem Anfall von „ich muss noch was tun“ das Bad geputzt.  

Heute wache ich mit fiesen Halsschmerzen auf und merke, dass Nase und Nebenhöhlen dicht sind. Prima. Neben den Weihnachtsgeschenken gab es von Mama also auch eine Runde Bazillen. Hmpf. Ich finde Kranksein einfach zum kotzen. Ich fühle mich schwach und angeschlagen und matschig. Ich bin absolut nicht auf der Höhe und funktioniere noch weniger als sonst schon. Bäh. 

Gleich muss ich mich wenigstens aufraffen und noch ein wenig weiter Ordnung schaffen, bevor ich irgendwann in die Hauptstadt fahre und meinen Silvesterbesuch aufsammel. Vielleicht kaufe ich unterwegs noch 3 Kilo Zitronen um meine Krankheit in Schach zu halten.