Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

Passierschein A38

Schlaf klappt natürlich überhaupt nicht. Ich tigere durch die Wohnung, gehe ins Bett und stehe wieder auf, unzählige Male. Der Zitronenkater hebt nur kurz den Kopf, dreht sich ein wenig und schläft weiter. Selbst die Möhrchen bewegen sich keinen Zentimeter. Irgendwann bin ich mit der letzten Folge meiner Serie fertig und weiß nicht, was ich nun kucken soll. Und ich bin verzweifelt. Die Antriebslosigkeit kombiniert mit Schlaflosigkeit, die natürlich noch weniger Antrieb und noch mehr Matsch als eh schon bringt, treiben mich in den Wahnsinn. Ich rufe in der Klinik an und quatsche Pfleger Andreas voll mit all dem Chaos derzeit. Es tut gut das ganze ein wenig loszuwerden. Und zu wissen, dass die Menschen dort einfach da sind. 

Draußen wird es hell, die Vögel fangen an zu brüllen. Der Herr Kater wird wach und beschließt, dass 5 Uhr die perfekte Uhrzeit ist um durch die Bude zu rennen bis sämtliche andere Mitbewohner hellwach und aus den Federn sind. Als ich mich dann mit den Augen auf Halbmast an einer Tasse Tee festhalte und die Möhris quietschen durch ihr Zuhause flitzen, rollt sich der Herr auf meinem Schoß zusammen und schläft wieder ein. Super. 

Doch ich schaffe es endlich jemanden im Ministerium zu erwischen, der auch tatsächlich zuständig ist und erfahre, dass die Schule mir ein Zeugnis ausstellen muss. Also packe ich kurzerhand meine Sachen, schnappe die Zeugnismappe und fahre hin. Dort muss ich der Dame im Sekretariat erst drei Mal erklären, dass ich an DIESER Schule den Abschluss gemacht habe (klar, wer kennt das nicht: für ein Zeugnis fährt man einfach mal zu irgend einer Schule in der Umgebung…), dann noch drei Mal, dass ich kein Duplikate meines Abschlusszeugnisses will sondern ein Zeugnis über die Fachhochschulreife, dann wieder, dass ich an DIESER FUCKING SCHULE den Abschluss gemacht habe, um dann zu erfahren, dass ich zur Abteilungsleiterin soll, die aber erst am Donnerstag wieder Sprechstunde hat. Asterix und der Passierschein A38… 

Da ich aber eh schon an der Schule bin besuche ich noch den Koffeindealer schräg gegenüber, der mir während der Schulzeit regelmäßig das Leben mit Koffein, Futter, Süßigkeiten und lieben Worten gerettet hat. 

Die liebe fylgja ruft zufällig gerade an, als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache und versüßt mir ein wenig die Wartezeit mit quatschen und gemeinsamem Rauchen. 

Auf dem Weg zurück nach Hause, mit völlig fertigem Kreislauf und zitternd und hundemüde, bin ich dann so vertieft darin zu lesen, dass ich völlig an meiner Haltestelle vorbei fahre und fast im Nachbarbundesland lande. Also aussteigen und auf den Zug zurück warten. Dabei will ich einfach nur noch ins Bett, mir ist unglaublich kalt und ich bin unglaublich fertig. Eigentlich sollte ich versuchen wach zu bleiben, aber das schaffe ich beim besten Willen nicht. Also müssen wenigstens ein paar Stunden Schlaf sein, dann stehe ich auf und koche mir was zu mampfen, suche noch die Unterlagen, die ich für den Termin beim Psychiater morgen brauche, versorge die Tierchen und bespaße den Kater und kippe wieder ins Bett und kann hoffentlich dann die Nacht durchschlafen. Langsam aber sicher hab ich völlig die Nase voll. 

Fuck you

Schlaf wird völlig überbewertet. 

Meine Nacht war gegen halb 2 zu Ende. Da beschloss nämlich Lilly, das verfressenste Schweinchen meiner Bande, dass es in die Heutüte klettern muss. Durch das Rascheln wurden sowohl ich, als auch der Zitronenkater wach. Und wenn der Herr Kater erstmal wach ist, dann kann man das Schlafen auch sein lassen. Also stand ich auf, fischte das verfressene Meeri aus der Tüte bevor der Kater es getan hätte und wanderte auf mein Sofa. Und auch wenn ich noch 3 Mal ins Bett ging und versuchte zu schlafen, mit Hörbuch und mit Serie und ohne alles, mit und ohne Katerkind, mit Rollo oben und unten, so schlief ich einfach nicht mehr ein. 

Und dann musste ich quasi schon los zum Amt, also hat sich schlafen erst mal erledigt für die nächsten Stunden, auch wenn ich nun umgehend ins Bett fallen und bestimmt tief und fest schlafen könnte. 

Der Tag gestern war gut, bis mich gegen Nachmittag ein Migräneanfall in die Knie zwang. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Umgebung bei meiner Mutter das ganze verstärkt. Also nicht meine Mutter, sondern die Tatsache, dass es bei ihr in der Wohnung im Frühling und Sommer immer unglaublich warm ist,  da die nach außen gelegene Seite des großen Wohnzimmers quasi fast komplett von Fenstern und Balkontüren eingenommen wird und die Wohnung außerdem unterm Dach liegt. Und sie wohnt an einer viel befahrenen Kreuzung. 

Wir haben zusammen zu Mittag gegessen, ich war mit meinem Schwesterherz noch einkaufen (ich habe mir ein „Erwachsenenmalbuch“ geschenkt zur Feier meiner 100 Tage), danach haben wir auf ihren Freund gewartet und dann großes Geburtstagskuchenessen veranstaltet. Die beiden haben praktischerweise am gleichen Tag Geburtstag, da muss man sich nicht zwei Tage merken und auch nur einmal backen. 

Danach bin ich direkt nach Hause gefahren, erfolgreich bemüht nicht in den Zug zu kotzen und beim Gehen nicht umfallen, weil mir bei Migräne oft das Gleichgewicht flöten geht und meine Sicht verschwimmt. Um halb 9 war ich dann mit Migränetabletten im Bett. Bis halb 2 eben. 

Mein Termin beim Amt hat die Angst vor dem Arzttermin am Montag nicht gerade gebessert. Denn wenn der meint, dass ich arbeiten könnte, dann kann ich vermutlich die DBT auch vergessen, denn das Arbeitsamt bezahlt im Falle des stationären Aufenthaltes dann nur 6 Wochen. Eben wie ein Arbeitgeber bei Krankheit. Danach käme Krankengeld, was bei mir ja wegfällt, da ich ab nächster Woche ausgesteuert bin. Tja. Und dann? Eigentlich die Rentenversicherung, meinte der Amtsmensch. Aber das tun die nur bei einer Reha. Und dazu zählt die DBT eben nicht. Ficken, echt! Ich mag den Kopf in den Sand stecken, mag am liebsten total destruktiv sein. Nach der Achtsamkeit war ich kurz auf Station und erzählte Schwester Tina von der ganzen Sache. Sie meinte ich solle mir nicht so einen Kopf machen, der Arzt würde ja an meinen Armen schon sehen, dass es mir nicht gut geht. „Ja, am Besten schneide ich noch, damit er es auch wirklich sieht.“antworte ich ihr. Und genauso fühle ich mich auch, denn ich habe die Befürchtung, dass der Arzt absolut nichts davon verstehen wird, wie es mir geht und was mit mir los ist. Zumal er ja nicht vom Fach, sondern Internist ist. Muss auch keiner verstehen, wieso ich zu einem Internisten soll. 

Meine Berichte sind natürlich nicht fertig. Selbst die von vor 1,5 Jahren sind nicht unterschrieben, da frage ich mich echt was da schief läuft. Die Sekretärin versucht ihr Bestes, dass sich bis morgen vielleicht noch was tut, konnte mir aber nichts versprechen. Prima, ist ja nicht so als ob ich die dringend bräuchte. 

Blöder Tag bisher, angefangen von der Schlaflosigkeit bis zu dem Termin grade. Außerdem habe ich wieder Migräne, die Schmerzen sind Dank Tabletten zwar auszuhalten, aber mir ist furchtbar schlecht. Vielleicht gehe ich einfach wieder in mein Bett und schlafe eine Weile, danach ist es hoffentlich besser und wenn nicht, dann kann ich immer noch handeln. Die Destruktivität einfach aufschieben, mir einfach sagen, dass ich später immer noch schneiden kann. Und dann wieder später, und später und später und später, bis der Gedanke daran entweder verschwindet oder sich das Grundproblem erledigt hat. Scheiße alles! 

Fuck you (fuck you)
Fuck you very, very much