Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

Angst

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sorge und Angst nicht schlafen konnte, wann ich zum letzten Mal mein Handy laut neben mir im Bett liegen hatte, wann ich zum letzten Mal so sehr hoffte, dass kein Anruf kommt.

Ich bin mit meinem kleinen Babymeeri in die Tierklinik gefahren und musste sie dort lassen. Ich musste fahren, voller Angst und Tränen, voller Ungewissheit.

Ich weiß nicht was die kleine Maus angestellt hat. Sie fraß, verschluckte sich wohl und schluckaufte dann vor sich hin. Eine Weile später lag sie schwach an Caramell gepresst, schnappte nach Luft.

Wasser in der Lunge sagt das Röntgenbild. Der Herzschlag viel zu langsam sagt das Abhören. Versuchen, alles, alles mögliche, sagt mein Mund. Und unter Tränen folgt ein „Sobald sie leidet, sobald sie sich zu sehr quält, erlösen.“

Sauerstoff und Entwässerung und hoffen sagt die Ärztin. Sie drückt meine Hand und meint, dass sie das gut findet. Dass ich mein kleines Meeri retten will, auch nachdem sie von den Kosten gesprochen hat. Doch mir ist es egal, ob dieses Wesen in eine Hand passt oder mich um 3 Meter überragt. Sie ist mein Tierchen, ob mit 300 Gramm oder 300 Kilo, sie ist ein Lebewesen, sie ist es wert um sie zu kämpfen.

Und so schlafe ich unruhig, nur leicht und erwache oft, neben mir mein Katerkind, schnurrend und immer wieder nass von meinen Tränen.

„Wenn sie die nächsten zwei Stunden überhaupt schafft…“ sagt die Ärztin und gute 3 Stunden später dann „stabilisiert und Kot und Urin, aber abwarten, immer noch nach Luft schnappend“ und ich habe ein wenig mehr Hoffnung, dass das kleine Kämpferherz es schafft, dass sie durchhält, dass sie zu mir zurück kehren kann.

Und so fließt Träne um Träne, rauche ich Zigarette um Zigarette, vergeht Sekunde um Minute um Stunde in der Hoffnung, dass alles gut wird.

Lange war ich nicht mehr so nah dran an Selbstverletzung und gleichzeitig so weit entfernt.

Es hilft nur hoffen und beten und die Daumen drücken und an das kleine Leben glauben, dass so tapfer kämpft.

und die Folgen der Konfrontation… 

Trotz meiner völligen Erschöpfung schaffe ich es etwas kleines zu kochen und zu essen. Seitdem ist mir zwar unglaublich übel, aber mein Magen protestiert nicht mehr lautstark. Warum muss dieses verdammte Essen nur mit dem Mund gemacht werden? Heute war das absolut triggernd, aber was soll man machen…

Und dann… Tja. Dann liege ich im Bett und habe Angst. Angst vor der Nacht, Angst zu träumen, Angst mit Flashbacks aufzuwachen, Angst vor der Dunkelheit, Angst die Augen zu schließen, Angst die Kontrolle zu verlieren. 

Ich rolle mich an der äußersten Bettkante zusammen, die Wand im Rücken, den Blick zur Tür. Meine Haustüre habe ich 2 Mal abgesperrt und noch 2 Mal kontrolliert, ob auch wirklich zu ist. Mein Nachtlicht brennt, ich kann die Nacht nicht in völliger Dunkelheit verbringen. Mein Katerkind hat sich an meinen Füßen zusammen gerollt. Auf dem Tablet läuft eine Krimiserie. Damit der eigene Horror im Kopf nicht mehr so laut ist. 

Ich denke daran, dass es irgendwann leichter werden wird. Dass es irgendwann einfacher wird damit zu leben. Trotzdem zu atmen. Doch gerade ist das schwer zu glauben. Ich sehne mich nach der Erleichterung der Schnitte und der Ruhe, die die Selbstverletzung im Kopf hinterlässt. Doch ich werde den Kampf ein weiteres Mal gewinnen, denn heute werde ich nicht nachgeben. Ich werde nicht nachgeben, weil ich einen weiteren Schritt gegen das Schweigen und gegen diese Macht in meinem Leben gegangen bin. Ich werde mich nicht verletzen, weil ich kämpfe gesund zu werden. Es gibt genügend Gründe zu schneiden, aber diese Schritte werden kein Grund dafür sein, egal wie laut es in mir schreit. Ich habe heute einen weiteren Kampf gewonnen, eine weitere Schlacht geschlagen, gegen meinen Vater, gegen die Vergangenheit, gegen das Schweigen. Und dieser heutige Kampf wird gewonnen bleiben. 

Und trotzdem fühlt es sich furchtbar an. Und trotzdem möchte ich alles hinwerfen und aufgeben und schreien und mich zerschneiden. 

Was für ein Scheiß. 

ich kann’s nicht sehen, kann’s nur fühlen

Freitag . Quasi Wochenende, zumindest hier in der Klinik. Freitags steht meist wenig auf dem Plan, mein Psychologen-Einzel ist normalerweise mittags, fand aber schon gestern statt, weil sie heute frei hat. Also bin ich heute morgen nur kurz aus dem Bett gepurzelt um zu rauchen, zu frühstücken und Medis zu nehmen und dann noch mal unter den Decken verschwunden bis zu meinem Termin mit der Sozialarbeiterin. Dort hat sie über meinen Widerspruch für die Rentenversicherung drüber gelesen, einen Satz mit mir zuende geschrieben, bei dem mir keine Formulierung einfiel, ein Wort geändert und das ganze ausgedruckt. Ich habe unterschrieben und den Brief direkt eingetütet und weggeschickt. Fürs erste ist das also mal erledigt. 

Danach war ich kurz einkaufen und habe bis zum Essen gepuzzlet. Bis um 3 Uhr kann ich mich jetzt nochmal im Bett vergraben. Körperlich fühle ich mich unfit. Ich glaube eine Erkältung ist im Anmarsch, mein Kopf schmerzt, mein Hals kratzt, meine Nase läuft. Das trägt dazu bei, dass die letzten Tage anstrengender waren. Aber dennoch okay. Es tut gut einfach mal mehrere Tage ohne Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck durch die Gegend zu laufen, gut zu schlafen und nicht ständig unter hoher Anspannung zu stehen. Auch wenn ich Angst habe vor dem Zeitpunkt, an dem es wieder kippt. Ich habe Angst wieder abzustürzen. Wieder jede Minute kämpfen zu müssen. Angst vor den allmächtig erscheinenden Suizidgedanken, vor dem Selbstverletzungsdruck. Trotz allem versuche ich es zu genießen, versuche nicht daran zu denken. Die Angst lähmt mich nur, führt dazu, dass es noch viel früher dazu kommt als eh schon. 

Angst ist sowieso ein großes Thema. Ich habe Angst vor der Entlassung. Angst vor der Zukunft. Angst vor all diesen unbekannten Dingen, die vor mir liegen. Und auch Angst vor den Dingen, die in mir sind, vor den Dingen, die sich momentan in mir ändern, vor den Dingen, die sich noch ändern werden. Aber neben der Angst ist mittlerweile auch ein wenig Mut da. Mut und Hoffnung und Zuversicht. Und Neugier und Abenteuerlust. Es wird werden. Ganz bestimmt. 

Es gibt ’nen Weg hier raus,
doch der ist steinig und lang
und gesäumt von Geschichten
und dem altbekannten Zwang,
sich das Schweigen zu erklären
und die Blicke und die Fragen
die den Kopf nicht ruhen lassen,
an schier endlos langen Tagen.

Auf und davon. 

Guten Morgen Welt. Heute ist der Tag vor dem Tag der Tage. Heute fahre ich nach Freiburg, morgen werde ich aufgenommen. 

Ich bin wach seit halb 2. Kann nicht mehr schlafen, kriege nichts hin. Ich sitze einfach nur hier und atme und hoffe, dass die Stunden nicht vergehen, dass der Zeitpunkt an dem ich fahren muss einfach nicht kommt. 

Aber er wird kommen und deswegen muss ich bald die letzten Vorbereitungen treffen. Brötchen aufbacken und belegen für die Fahrt. Die restlichen Sachen vom Wäscheständer pflücken und in den Koffer packen. Das gespülte Geschirr in den Schrank räumen. Die Stecker ziehen von den Dingen, die nicht laufen müssen während ich weg bin. Die Tiere wieder und wieder kraulen und wieder und wieder die Tränen vom Gesicht wischen. Etwas mehr als 3 Wochen wird es dauern bis ich wieder hier sein werde. Nur kurz, aber immerhin. Es werden lange Wochen ohne meine Tierchen. 

Nun wo es bald los geht ist die Panik ein wenig verflogen. Ich würde am liebsten direkt los fahren, damit ich es hinter mir habe. Ich hätte am aller liebsten schon Mittwoch und das ganze hinter mir. 

Mal sehen, vielleicht schaffe ich es am Mittwoch ja einen Beitrag zu tippen. Falls ich den Tag überlebe… 

Angst. Panik. Horror. 

Ich packe meinen Koffer und nehme mit… 

Den Herrn Kater. 

 

Zumindest würde ich gerne. Leider muss ich ihn zurücklassen. 

Stattdessen suche ich Klamotten zusammen, schmeiße noch eine Ladung Wäsche an, plünder mein Bad, rolle meine Kuscheldecke zusammen, schmeiße Block und Stifte in den Koffer und packe noch Briefumschläge drauf. Zwischendurch sinke ich immer wieder mit Zigarette aufs Sofa. Drücke mich davor die Wohnung aufzuräumen, das Geschirr zu spülen. Drücke mich vor den letzten Vorbereitungen. Fülle immerhin den Befreiungsantrag für die Krankenkasse aus. Schmeiße die Finalgon in den Kulturbeutel, man weiß ja nie ob die sowas haben, packe ein paar Migränetabletten in das Döschen am Schlüsselbund, man weiß ja nie wie lange ich dort fragen muss, bis ich welche kriege. Meine Klinikberichte müssen noch mit. Habe ich Shampoo eingepackt? Wo ist eigentlich meine Wimperntusche? Welche Bücher nehme ich eigentlich mit? Und welche Kuscheltiere? Und wo zum Teufel ist meine Powerbank? Reichen zwei Tüten Heu für die nächsten 14 Tage? Und soll ich nicht sicherheitshalber für den absoluten Notfall ein paar Rasierklingen mitnehmen? 

Ich möchte mich verkriechen. Ich will nicht packen, ich will nicht vorbereiten und ich will schon gar nicht morgen fahren. Ich will dort anrufen und absagen. Brauche ich das überhaupt? Bin ich wirklich so krank? Krank genug um so viele Wochen stationär behandelt werden zu müssen? Nehme ich nicht jemandem einen Platz weg, der es viel nötiger braucht? Schaffe ich das alles überhaupt? Kriege ich das hin? Wenn ich doch nun am liebsten schon absagen will, macht es dann überhaupt einen Sinn? 

Ich weiß, dass diese Gedanken völliger Müll sind. Mein Kopf weiß, dass diese Gedanken nur entstehen, weil ich wahnsinnige Angst vor diesem Schritt habe. Vor dem Unbekannten. Vor der langen Zeit. Vor dem ganzen Neuen und der ganzen Konfrontation mit mir und meiner Krankheit. Vor der Nähe zu den Orten meiner Kindheit. Vor fremden Menschen. Vor so quasi allem was mich dort erwartet. 

Ich sitze auf meinem Sofa. Zitternd. Ich kann nicht aufhören. Ich fühle mich, als würde ich gleich zusammenbrechen. Ich schlucke eine Seroquel. Ich muss runter kommen, sonst drehe ich hier durch. Vielleicht hilft es. Hoffentlich hilft es. Packen. Aufräumen. Weiter machen. Handeln. Nicht durchdrehen, nicht zusammenbrechen. Einatmen und ausatmen. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich schaffe das. Aber was wenn nicht? 

It’s the final countdown

In 30 Stunden werde ich schon unterwegs sein. Kurz vor der Grenze, fast schon in Frankreich, um am Ende in BaWü anzukommen. Dort werde ich eine Nacht im Hotel verbringen und in 54 Stunden schon in der Klinik stehen und aufgenommen sein. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Gerade fühle ich einfach nur nichts. 

Es gibt noch scheinbar endlos viel zu erledigen. Gestern hat Migräne mich ausgeschaltet, ich war nur zu wenig in der Lage. Heute muss ich fertig packen und die Wohnung in Ordnung bringen, zumindest soweit, dass ich in etwas mehr als 3 Wochen hier auftauchen kann ohne einen Schock zu kriegen. 

Gerade wurde ich wach, bewegte mich und bekam vom auf den Füßen schlafenden Kater eine Pfote samt Krallen in den Zeh gehauen, da der wohl unter der Bettdecke hervor schaute. Nett, wirklich. Und so liege ich mit schmerzendem Zeh und leerem Kopf in meinem Bett. Zum Aufstehen ist es noch viel zu früh, denn sonderlich viel kann ich um diese Uhrzeit eh noch nicht machen. Der Supermarkt öffnet erst um 7, Wäsche waschen ist zu früh, fürs aufräumen habe ich die Augen noch nicht weit genug auf. Also bleibe ich eben noch im Bett, versuche noch ein wenig weiter zu schlafen, trotz der Angst, die langsam in mir hochkriecht. Die Zeit vergeht viel zu schnell. 

We’re leaving ground
Will things ever be the same again?

Klar hab ich Angst und klar weiß ich’s besser

Mein unglaubliches Talent mich selbst von den zu erledigenden Dingen abzulenken und so einen ganzen Tag zu vertrödeln wurde heute auf eine enorme Probe gestellt. Mein neues Baby kam an, ein neues Tablet.

Mein letztes ging leider beim Einbruch drauf und durch die wunderbare Unterstützung der Frau Sozialarbeiterin aus der Klinik habe ich ein neues finanziert bekommen. Es gibt bei uns im Landkreis einen Verein, der Unterstützung in solchen Fällen leistet, allerdings nur zweckgebunden. Beim Gespräch mit der Mitarbeiterin dort kam die Frage auf, was ich den gerne ersetzen würde. Angesichts des anstehenden Klinikaufenthalts war die Frage nicht schwer zu beantworten. Ein neues Tablet sollte her. Nach Absprache mit der Chefin sagte mir die Mitarbeiterin finanzielle Unterstützung zu und so begann ich im Internet zu forschen. Bei der Vielzahl an verfügbaren Geräten fällt die Auswahl schwer. Welche Anforderungen stelle ich überhaupt? Auf dem Kindle stört mich am meisten die fehlende Möglichkeit der mobilen Datenverbindung und Speichererweiterung. Das musste also gegeben sein. Klar mit Android OS, iOS mag ich aus Prinzip nicht und mit Windows auf dem PC bin ich genug bedient. Toll wäre eine externe Tastatur. Und natürlich ein gutes Display, tolles Soundsystem, !möglichst unendlich Speicher… das Gerät meiner Wünsche wäre vermutlich unbezahlbar. Nach einigem Suchen stieß ich dann auf das Gerät, mit dem ich nun diesen Beitrag tippe. Über den Herstellershop selber hätte es keine finanziellen Möglichkeiten deutlich gesprengt, außerdem ist die zusätzlich erhältliche Tastatur mit integriertem Soundsystem dort nicht mehr verfügbar. Also ab in die bekannten Online-Shops und dort stieß ich tatsächlich auf eine unglaublich günstige Kombination des Wunschgerätes inklusive Tastatur. Verkauft als B-Ware, also entweder Ausstellungsstück oder beschädigte Verpackung, alles Dinge mit denen ich für rund 100 Euro Ersparnis durchaus leben kann. Und so bin ich nun stolze Besitzerin eines neuen feinen Tablets. Die meisten Apps habe ich schon installiert, das Gröbste ist eingerichtet. Eine wunderbare Möglichkeit sich davor zu drücken endlich mal beginnen zu packen oder die Wohnung in einen verlassbaren Zustand zu versetzen. Wozu auch? Ich werde mich unter der Bettdecke verstecken und den Termin einfach sausen lassen. Denn immerhin fahre ich am Dienstag. Eventuell. 

Wenn ich meine Tiere betrachte mag mein Herz fast zerspringen. Ich werde sie über 3 Wochen lang nicht sehen. Ich weiß, dass sie in guten Händen sind. Aber vor lauter Sehnsucht könnte ich nun schon anfangen zu heulen. Ich mag sie nicht verlassen, nicht so lange nicht sehen. Ich sehne den Dezember herbei, den Tag an dem ich zurück komme, die Türe schließe und nie wieder so furchtbar lange ohne sie sein werde. Die Schweinchen kommen sicherlich besser ohne mich klar als der Herr Kater. Er wird alleine im leeren Bett schlafen, wird alleine aufwachen. Er wird 3 Monate älter werden und das alles ohne mich. Ich bin froh, dass er regelmäßig Besuch zum spielen und kuscheln bekommen wird, ansonsten wäre ich auch nicht gefahren. 

Während ich packe und Kram sortiere und suche, wandert der Herr Kater in meinen Koffer, macht es sich dort gemütlich und schaut mich mit großen Augen an. Und am liebsten würde ich den Deckel zu machen und ihn mitnehmen. 

Momentan ist es weniger die Angst, die mir zu schaffen macht, als die jetzt schon beginnende Sehnsucht. Nach den Tieren, nach meiner Wohnung, nach meinen Freunden, meiner Familie, nach all den gewohnten Dingen hier. Aber ich weiß, dass es mich weiter bringen wird, dass die Wochen dort mich ein Stück weiter an den Punkt bringen, an dem ich ein halbwegs normales Leben führen kann. Es ist nötig und gut und wichtig. Und ich werde dann hin kriegen. Chakka, wie Schwester Nathalie nun sagen würde. 

Hab gesung und ich hab geschrie’n,
hab gehasst und verflucht und das Weite gesucht,
um am Ende hier zu steh’n:
Den Kopf im Wind, den Arm um’s Glück gelegt,
die Beine am Boden und Tonnen Geduld,
weil’s immer zu früh ist zu geh’n.

Die Reise geht weiter. 

In die Ergotherapie gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Am Ende drücken die Therapeutin und ich uns fest. Es war meine letzte Ergotherapie bei ihr, denn wenn ich wieder komme wird sie in Rente sein und jemand neues die Ergo leiten. Ich mochte ihre Stunden sehr, denn sie ließ es einem frei zu tun wonach einem stand. Wollte man etwas neues probieren so half sie einem, nahm sich Zeit. Oftmals saß ich auch antriebslos dort und habe einfach nur Kaffee getrunken. Oder ein offenes Ohr gesucht, dass sie einem immer bot. Sie hat eine unglaubliche ruhige Art an sich, die mir immer gut tat. Sie drückt mir einen Zettel mit ihrer Adresse in die Hand. „Ich freue mich über viele Karten aus Freiburg!“ sagt sie. Denn Freiburg war früher immer ihr Traum, dort zu leben und zu arbeiten. „Dann kann ich wieder träumen und vielleicht ist es ja so, als ob ich doch dort gewesen wäre.“ 

Insgesamt stimmen die Tage mich sehr melancholisch. Über allem hängt der Aufbruch, das Weitergehen, das Ende von etwas und der Neubeginn. Es ist nicht unbedingt ein negatives Gefühl, eher eine Mischung aus Wehmut und Hoffnung, Schmerz und Zuversicht, Traurigkeit und Mut, Schmerz und Stärke. 

Nach der Ergo und dem Patientenforum verziehe ich mich wieder unter meine Decken. Mein Kopf dröhnt seit dem Aufstehen und ich habe das Gefühl, dass er jeden Moment explodieren könnte. Ein Mitpatient, der einfach nur redet wie ein Wasserfall, während dem Frühstück, der Ergo und dem Forum, macht das ganze nicht besser. Ich finde jedoch keine Ruhe, draußen ist es laut und dann stehen ständig Leute im Zimmer auf der Suche nach meiner Zimmernachbarin. Als ich endlich einschlafe kommt auch schon Pfleger Jan und weckt mich sanft fürs Mittagessen. Auch da redet der Wasserfall weiter und mir vergeht der Appetit. Trotzdem zwinge ich mich ein wenig zu essen und verkrümel mich danach mit einer erneuten Ladung Ibu wieder ins Bett. 

Morgen geht es nach Hause. Ich freue mich drauf nach nun fast 3 Wochen wieder in meinem Bett schlafen zu können mit meinem Katerkind, auf das Quietschen der Meeris und auf meine 4 Wände. Es steht vermutlich erstmal aufräumen an, denn während meines Urlaubs hat das Miaumonster meinen Kleiderschrank ausgeräumt und sonst auch Chaos angestellt, dass ich wieder beseitigen muss. Aber hauptsächlich werde ich einfach erst mal genießen wieder zuhause zu sein. 

Während ich draußen vor der Türe sitze, mit einer Zigarette in der Hand und Musik auf den Ohren, klingelt mein Telefon. Die Nummer versetzt mir erstmal einen kleinen Schock, denn bei jeder 7 vorne denke ich sofort an Bawü und meinen Vater. Aber die Nummer ist mir bekannt. Es ist Freiburg. Und so sitze ich kurz darauf völlig überfordert auf der Bank, immer noch mit Zigarette in der Hand. Ich habe einen Termin. Anfang September wird es nun sicher losgehen. Das macht erstmal Anspannung. Und Angst. „Was macht Ihnen den Angst?“ fragt Pfleger Kai. „Dass ich das nicht schaffe…“ antworte ich ihm. „Sie schaffen das! Da bin ich mir absolut sicher!“ meint er. Er ermutigt mich, sagt mir nochmal, dass ich mich jederzeit melden darf und die Klinik nach meinem Aufenthalt da sein wird. Schwester Sabine macht mir Mut und redet mir gut zu, sie sagt auch, dass ich ja anrufen kann wenn bis dahin etwas ist und auch wenn ich dort bin. 

Am Abend stürzt mein Kreislauf ab. Und ausnahmsweise nicht, weil der Blutdruck zu niedrig, sondern weil er viel zu hoch ist. Ich klappe zusammen und Kai befördert mich ins Bett. Als ich aufstehen will, weil mir übel wird, kollidiere ich mit dem Schrank und dem Boden und sehe plötzlich 4 Beinpaare vor meinen Augen. Sonja schimpft, während ich wieder ins Bett bugsiert werde. „Klingeln Sie wenn etwas ist!“ ermahnt sie mich. Als ich später auf wackeligen Beinen an den Schwesternsitz wanke schimpft sie wieder los. „Zitrone, also wirklich! Du sollst doch ins Bett!“ Aber es geht mir schon besser. Sie misst mir nochmals den Blutdruck, der deutlich besser, aber immer noch zu hoch ist. „Ach, ich muss Ihnen was sagen Frau Zitrone. Gestern als Sie da so standen sagte ich zu Angelika, dass Sie ja immer hübscher werden. So richtig mit Strahlen in den Augen. Und dass ich Ihnen das unbedingt sagen muss! Es ist doch schon so viel besser, oder nicht? Sie machen das prima!“ Ich muss lächeln. Ich mag Schwester Sonja gerne, sie hat eine herzliche und witzige Art an sich und war bei meinem allerersten Aufenthalt hier im Nachtdienst und nahm mir die Angst vor der Klinik. Sie kann manchmal auch richtig toben, aber das ist grundsätzlich nie böse gemeint. 

Und so liege ich nun im Bett. Vieles hat sich getan in der Woche hier. Ich gehe mit einer Perspektive für die Zukunft hier raus, mit Angst –  aber auch mit Zuversicht.