Unaussprechliches aussprechen 

Es gibt Dinge, die ich jemandem sagen wollte, über die ich dann oft tage-/wochen-/monatelang nachgedacht habe. Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ich mit einer Frau in einer Beziehung bin? Wie beichte ich meiner Hausärztin die neue Selbstverletzung? Wie sage ich dies oder jenes? 

Und dann gibt es Momente, in denen wichtige Dinge plötzlich einfach ihren Raum brauchen, in denen wichtige Worte plötzlich einfach gesprochen werden müssen. 

Am Freitag saß ich in der Therapie. Erzählte von dem Klinikaufenthalt und von meiner Mutter. Erzählte, dass ich keine Kraft mehr habe dieses Geheimnis zu tragen, mich zu verstellen, ganz besonders nicht, wenn ich noch 5 Wochen halbwegs vernünftig und regelmäßig zu meiner Mutter fahren soll, solange sie immer noch mit dem Gips durch die Gegend hüpft. 

Und so sitze ich da heulend und wir reden darüber. Und ich fasse den Entschluss es ihr zu sagen. Gegen alles in meinem Kopf, das dagegen anschreit. Gegen die Zweifel und die Angst. 

Also erzähle ich meiner Mutter davon. Ich fasse in Worte was immer noch so unfassbar ist für mich. Zu dem Gespräch selber kann ich nicht mehr viel sagen. Es ist verschwommen, es hat getriggert und mich immer wieder in die Dissoziation katapultiert. Und ich will auch gar nicht viel dazu sagen. Es war schmerzhaft und anstrengend. Wegen der Thematik und wegen meiner Mutter, die nun mal so ist wie sie ist. Aber sie hat mir zugehört, sie hat mich in den Arm genommen, sie hat gesagt, dass sie mir glaubt. Es ist raus, endlich, es ist ausgesprochen. 

Ich kann noch nicht sagen, wie es mir nun damit geht. Ja, natürlich bin ich auf irgend eine Art erleichtert. Doch sonst? Ich muss wohl einfach abwarten, was die Zeit noch so bringt. 

Mein Leben läuft so dahin momentan. Ich soll die Erwerbsminderungsrente beantragen, habe aber die 5 Jahre Wartezeit nicht erfüllt. Interessiert aber das Arbeitsamt nicht. Und die Rentenversicherung auch nicht. Von meinen Zeugnis habe ich noch nichts gehört. Ich musste Geld ans Arbeitsamt zurück zahlen, dass sie mir über bezahlt haben. Das Geld für diesen Zeitraum sollte ich eigentlich von der Rentenversicherung kriegen. Darauf warte ich seit Januar. Es ist Chaos und es sind viele Baustellen und ich würde zu gerne einfach mal einen Tag nur im Bett verbringen. Doch dann ist da ein Theratermin, dort einer beim Psychiater, dazwischen noch Alltag und Mama mit Gipsbein. Ich würde mir zu gerne ein Loch graben und abwarten bis der Sturm um mich rum sich gelegt hat. Ich tue zu wenig für mich und ich merke es. Ich muss gegensteuern, sonst ist meine (kaum noch vorhandene) Stabilität bald wieder weg. 

Der Wunsch nach Selbstverletzung wird immer größer. Noch ist es erträglich. Der Druck ist selten so groß, dass ich deswegen skillen muss. Auch die Anspannung gipfelt nicht so oft in Selbstverletzungsdruck wie früher. Doch der Hintergrund momentan ist ein anderer. Ich will mich nicht verletzen um die Anspannung los zu werden. Ich will mich nicht verletzen um mich zu spüren. Ich will den Schmerz und das Gefühl. Zum runter kommen. Um Kraft zu sammeln. Um es durchzuhalten. Um mir eine Ladung Endorphine durch den Körper zu jagen. Um es einfach erträglich zu machen. 

Ich überlege mich zu verletzen und es für mich zu behalten. Einfach nicht zu sagen, so zu tun, als ob es nicht passiert wäre. Doch ich würde damit nur mich selbst belügen. Und es gibt schon genügend Menschen bei denen ich nicht ich selbst sein kann, genügend Orte, an denen ich nicht sein kann wie ich bin. 

Und so versuche ich mein Bestes. Ich skille, ich versuche mein Leben auf die Reihe zu kriegen, ich versuche den Kram zu erledigen, der erledigt werden muss. Und auch wenn es manchmal eher schlecht als recht klappt, so klappt es eben doch irgendwie. 

Heute steht Wohnung an. Endlich mal. Ich werde mir in den Hintern treten und anfangen damit, denn es muss endlich voran gehen, es muss endlich etwas passieren hier. Ich muss wieder zu mir selbst finden und mich hier wohl fühlen, ich muss produktiv sein, sonst gehe ich unter. 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Aufgeben. 

Ich mag aufgeben. Ich will einfach so gerne alles hinschmeißen. 

Am Donnerstag wollte der Supervisor, dass ich ihm und dem Therapeuten die Hand drauf gebe, dass ich am Freitag wieder komme. Heil. Und im Hinterkopf war direkt der Gedanke „Jo. Passt. Aber darüber hinaus, pf!“ Nicht wegen dem Therapeuten, sondern weil der Supervisor mich so angekotzt hat. 

Danach saß ich unten auf dem Sofa. Wütend, angespannt, erledigt. Der Therapeut kam nochmal vorbei. Er streckte mir die Hand hin, hielt meine bis ich ihm in die Augen sah. „Bis Montag.“ sagte er. Und ich erwiderte „Bis Montag.“ während ich ihn anblicke und weiß, dass ich das halten werde, denn dieses unausgesprochene Versprechen ist etwas anderes als die Worte zuvor im Büro des Supervisors. 

Und dennoch. Ich will gerade einfach alles hinwerfen. Es ist mehr als ein „ich will“, denn es gibt einen Plan, es gibt eine Lösung für meine Tiere. 

Meine Tiere. Da kann ich nicht mehr weiter denken. Die Schweinchen, klar, sie kennen mich und sind an mich gewöhnt, aber sie kämen auch ohne mich zurecht. Doch der Zitronenkater, dieses bekloppte Fellbündel, das so sehr an mir hängt… Wenn er sich irgendwo hin quetscht, egal wie wenig Platz da ist, nur um dicht an mir zu liegen. Wenn er alle paar Stunden nach Hause kommt vom draußen umherziehen, sich an mir reibt und kurz kraulen lässt und dann wieder verschwindet, als ob er nur nachschauen mag, ob ich noch da bin und auf ihn warte. Wenn er sich auf mir zusammen rollt und lieber in Kauf nimmt geweckt zu werden, wenn ich mich bewege, als irgendwo ohne mich in Ruhe zu schlafen. Wenn ich eine Weile nicht da war und er sich auf den Boden schmeißt, an mir reibt, mich ableckt und schnurrt wie ein Irrer… Nein. Ich kann ihn nicht alleine lassen. Und ich kann auch das unausgesprochene Versprechen nicht brechen und ich kann auch nicht übergehen, dass an meiner Wand ein Blatt mit Worten hängt, dass für mich mehr ist als nur ein Blatt mit Worten. Und ich kann auch nicht übergehen, dass ich der Traumagruppentherapeutin gesagt habe, dass der Lebensvertrag existiert und steht. Und dann ärgere ich mich wieder über meine Psychologin in der DBT, denn sie wusste genau, dass ich irgendwann so hier sitzen werde und mich diese Worte halten, dieses Versprechen mir gegenüber, bezeugt von ihr und der Oberärztin und meiner ambulanten Thera. Und ich sehe ihr Gesicht vor mir, als ich ihr damals schon sagte, dass ich mich irgendwann ärgern werde. Und ich muss lächeln. Denn diese Gedanken machen es gerade ein wenig leichter, weil ich weiß, dass ich nicht aufgeben kann. Egal wie sehr ich es möchte. 

Stattdessen werde ich der Psychologin gleich eine Mail schreiben. Sie sagte, dass ich ihr schreiben kann, wenn ich mich ärgere und dass sie sich darüber freuen wird. Und dann werde ich meine Medis nehmen, mich ins Bett kuscheln und die Wärme des Zitronenkaters auf mir genießen. Am Montag werde ich den Therapeuten wieder sehen. In zehn Tagen werde ich der Traumagruppentherapeutin schreiben, dass ich es geschafft habe. Und Pfleger Arschkeks wird eine Postkarte von mir bekommen. Ich werde wieder einen Termin bei meiner Therapeutin haben, einen der letzten. Es wird Frühling werden und Sommer und Herbst und Winter und wieder Frühling und ich werde weiterhin kämpfen und atmen und leben. Denn Aufgeben ist keine Option. Manchmal leider. Manchmal zum Glück. 

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Rückhalt 

Zum ersten Mal seit Monaten tippe ich die Nummer der Station ins Telefon und drücke auf den Hörer. Am anderen Ende meldet sich Herr W., ein Pfleger, der nur wenige Stunden dort arbeitet, den ich aber gerne mag (wobei dort niemand arbeitet, von dem ich sagen würde, dass ich ihn absolut nicht leiden kann). Er war bei einer meiner letzten Selbstverletzungen mit mir zum Nähen im Krankenhaus, hat mich damals vorm Abdriften mit Gesprächen über geocaching und alles mögliche abgelenkt. Auch heute tut er das und ich komme endlich langsam aus der Anspannung raus und der Selbstverletzungsdruck nimmt ab. Er fragt nach den Skills, die ich schon ausprobiert habe. Wir reden über Musik, dann über Bücher. Fantasy, Science-Fiction, über Autoren, die Scheibenwelt und kurz über das Dschungelcamp, weil Schwester Tina das im Hintergrund kuckt, landen dann bei Zwangserkrankungen und schließlich beim Schlösser knacken. Nach gut 45 Minuten ist es halbwegs okay. Ich fühle mich besser. 

Der Selbstverletzungsdruck ist um einiges geringer, die Suizidgedanken haben sich verflüchtigt. Die Stunden zuvor habe ich mich im Bett von einer auf die andere Seite gedreht. Überlegt, ob es eine Selbstverletzungsart gibt, die ich vor mir selbst als „keine Selbstverletzung“ rechtfertigen kann, weil ich die 10 Monate ohne nicht hinwerfen will. Ob ich das Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut vielleicht noch vor mir als Ausrutscher rechtfertigen könnte. Oder ob ein wenig Medikamente überdosieren vielleicht reicht um den Selbstverletzungsdruck zu vertreiben. Doch dann wäre wieder die Frage gewesen welche, denn es fällt fast alles flach, wenn ich in 6 Stunden schon wieder aufstehen soll. Dann überlege ich, ob kotzen eine Möglichkeit wäre, doch seit 16 Uhr habe ich nichts mehr gegessen, mehr als Flüssigkeit und Galle würde also nicht kommen und das würde den Druck keineswegs nehmen. Es bleiben also eigentlich keine Möglichkeiten, außer wirklich zur Klinge zu greifen und damit die ganze Zeit ohne über den Haufen zu werfen. Mitten in der Nacht ins Krankenhaus? Nähen? Das morgen, spätestens Montag, in der Klinik sagen? A. erklären, dass wir das Jahr nicht zusammen feiern werden? Pfleger Arschkeks irgendwann sagen, dass er sich nichts für die 365 Tage ausdenken muss? Nein. Nein. Nein. 

Und so nutze ich den Weg, der mir schon so oft in Situationen geholfen hat, in denen ich alleine nicht mehr weiter konnte. Die Klinik. Es tut gut zu wissen, dass sie da ist. Auch wenn ich den stationären Rückhalt (zumindest derzeit und hoffentlich auch weiterhin) nicht mehr in dem Maße brauche wie vor der DBT, sie sind da. Wie so oft, wie in so vielen Momenten. Und ich bin froh und dankbar, denn die Menschen dort haben mit mir schon so viele Schlachten gekämpft, waren in dunklen Stunden an meiner Seite und oftmals denke ich daran, was mir Schwester Nathalie oder Pfleger Kai oder Schwester Laura oder Schwester Sabine  oder jemand anderes des tollen Teams mir dort nun sagen würde. Und es hilft zu wissen, dass sie da sind, dass ich jederzeit dort Unterstützung finden kann, wenn es nicht mehr geht. Und es hilft auch zu wissen, dass sie mich im Notfall vor mir selbst schützen werden, wie auch schon in der Vergangenheit. 

Ich rolle mich wieder im Bett zusammen. Der Zitronenkater tut das gleiche auf meinen Füßen. Ich hoffe, dass ich nun endlich Schlaf finden kann. Denn morgen ist eigentlich schon heute und mein Wecker wird viel zu früh dafür sorgen, dass die Nacht vorbei ist. 

Der Rest der Überforderung 

Um kurz vor 6 verlasse ich die Klinik. Kaputt, müde, am Ende meiner Kräfte. Der Bus hat Verspätung, ich bange um den Anschluss. Der wartet, das führt aber dazu, dass ich meinen anderen Anschluss nicht kriege. Vor der Stunde in der Kälte warten rettet mich N., heute schon zum zweiten Mal meine Rettung. Wir machen kurz im Supermarkt halt und dann hin ich endlich daheim. Ich sinke auf mein Sofa und heule erstmal.  Der Zitronenkater ist ein wenig beleidigt. Schließlich war ich einfach so weg. Dann bringt er mir eine Spielzeugmaus und apportiert begeistert, flitzt durch die Wohnung, stürzt sich auf das Plüschteil, faucht, knurrt, kämpft. Dann kommt er endlich kuscheln, er hat entweder beschlossen nicht mehr beleidigt zu sein oder hat vergessen, dass er es war. Ich kraule ihn, schreibe mit meinen Mädels, telefoniere ein wenig mit der kleinen Hexe. Dann schmeiße ich mich in die Schlafklamotten und ins Bett. Ich habe heute definitiv meine Grenzen erreicht. Ich habe stundenlang geskillt und geskillt und geskillt, die Anspannung ausgehalten, meine impulse nieder gekämpft. Als ich um 17 Uhr dann meinen Therapeuten kennen lerne, bin ich einfach Matsch. Er fragt ein wenig nach, wie lange manche Dinge schon bestehen, fragt nach Trauma, sagt mir, dass ich jederzeit sagen kann, dass es zuviel ist, ist begeistert über die DBT, geht mit mir verschiedene Therapien durch, erklärt mir ein paar Dinge. Er ist sehr nett, kennt sich mit den Grundlagen der DBT aus (juhu, ich muss ihm nicht erklären was eine 5 auf der diary card ist!), hat Erfahrungen mit Traumabearbeitung. Er fragt auch, ob es für mich okay ist, dass ich einen Mann als Therapeuten habe. Ich frage zurück, ob er sich denn umoperieren lässt, wenn ich es nicht okay  finde. Aber es macht mir nichts aus, denn er ist mir direkt sympathisch. 

Wir klären kurz die Suizidalität ab, ich erkläre ihm meinen Lebensvertrag. Ich sage ihm auch, wie furchtbar es heute war für mich. Er versteht das, sagt, dass ich auch zwischendurch jederzeit an seiner Türe klopfen kann, er versucht sich dann wenigstens ein paar Minuten Zeit zu nehmen um zu klären, was ich tun kann, wenn es grade kacke ist. Er sagt mir auch, an welche Stellen ich mich sonst wenden kann. Und fragt, wie meine ärztliche Untersuchung war. 

Abgesehen davon, dass die Ärztin sich als Arzt heraus stellte, war es ganz okay. Wir hatten zwar zwischendurch mal Verständigungsprobleme wegen der Medikamente, aber sonst war er nett. Bei der Untersuchung durfte ich die Kleider anlassen, er bat nur dass ich mal kurz hochhebe, damit er mit dem Stethoskop abhören kann, aber alles unter dem Pulli. Er fragt, ob er die Narben sehen kann. Auch, ob es mir was ausmacht, wenn er die Oberschenkel mal ankuckt wegen den Narben. Es war okay für mich, solange er nur kuckt. 

Morgen habe ich nur wenige Dinge auf dem Plan stehen und kann vermutlich auch schon am Nachmittag wieder heim. Dafür muss ich um halb 8 schon da sein zur Blutabnahme, juhu. N. hat angeboten mich zu fahren (die dritte Rettung heute), sonst hätte ich schon um 5.50 Uhr zuhause losfahren müssen. So ist es erst um kurz nach 7.

Nun rolle ich mich einfach nur noch ein und versuche zu schlafen. Ich bin durch. Völlig. 

Überforderung. 

Verschlafen. Radikal. Am ersten Tag der Tagesklinik. Fängt super an. In der Nacht lag ich 4 Stunden wach. Eins der Meeris zwitscherte wieder, nachdem ich aufgestanden und nachgeschaut habe war dann zwar Ruhe, einschlafen funktionierte aber nicht mehr. 

Meinen ersten Wecker stelle ich aus, in Vertrauen auf die anderen 3. Pustekuchen. N. rettet mich und fährt mich zur Klinik, ich bin noch halbwegs rechtzeitig da. Ich melde mich an und warte. Und warte. Und warte. Die Panik, für die heute morgen keine Zeit war, steigt auf. Anspannung. 50. 60. 70. 80. 90. Kurz vor 100 ziehe ich die Reißleine und werfe mir Bedarf ein. Ich sehne mich nach einer Rasierklinge. Nach einer ruhigen Ecke zum Verkriechen. Ich will mich auflösen, auf der Stelle. Überall sind Menschen, es laufen Patienten und Angestellte vorbei, Leute mit Koffern kommen rein, ich warte und warte. 

Irgendwann sammelt mich eine Frau auf, von der ich mittlerweile weiß, dass sie eine meiner Co-Therapeuten ist. Was auch immer das sein soll. Sie zeigt mir meinen Spint, den Ort an dem ich später zur Ärztin muss, den Speiseraum. Kurz darauf treffe ich einen Patienten, der mein Pate ist. Er ist nett und ungefähr in meinem Alter, begleitet mich erst zum Essen und zeigt mir dort alles. Ich will weg. Nur weg. Die ganze Klinik isst in einem Raum. Es ist voll und laut und zuviel. 

Danach zeigt er mir die Ergotherapie und die Physio, unseren Teamraum, den Aufenthaltsraum. Er verschwindet zur Therapie und ich sinke auf eines der Sofas in einer Ecke im Foyer. Ich will mich verstecken, verschwinden, verletzen. 

Es gibt keine Stationen hier. Nur Teams, denen werden die Patienten zugeteilt. Alles ist im ganzen Gebäude verteilt. Ich kann mir kaum merken, wohin wir laufen. Bin verwirrt mit den ganzen Fluren und Etagen. 

Ich warte auf den Termin bei der Ärztin. Hoffe, dass ich danach verschwinden kann. Nach Hause, in Sicherheit. Ich hoffe es wird besser in den nächsten Tagen. Ich hoffe, dass Routine eintritt, die Überforderung verschwindet. 

Doch gerade will ich mich einfach nur auflösen. 

erschöpft. 

Mein Sprunggelenk bringt mich um. Bei -5 Grad (gefühlt sollen es angeblich -12 sein, ich empfinde es eher als -20) hat es, verständlicherweise, wohl einfach keinen Bock. Es tut weh, es knackst, es schwillt an. Mittlerweile ist der Bruch so viele Jahre her, dass ich nur noch selten daran denke. Aber ab und an meldet sich jede Bruchstelle (waren ja nur 8) und ich könnte schwören, dass auf die Nahten der Bänder und Sehnen schmerzen. Und natürlich die Narben. Auch die an meinen Armen schmerzen und ziehen derzeit, ich muss immer wieder cremen, weil sie so trocken sind und jucken. Da ist mir der Sommer deutlich lieber, da kriege ich höchstens mal einen Sonnenbrand auf den Narben. 

Ich mag den Winter nicht. Es ist grau und dunkel und kalt. Ich habe nichts gegen einen kalten Sonnentag mit Schnee, über die Felder stapfen, mit Sunny und Joline habe ich das schon oft gemacht und genossen. Aber ich mag die Dunkelheit nicht, Matschschnee und Nässe und Glätte und in so viele Schichten einpacken, dass man kugelrund ist und trotzdem friert. Obwohl ich im Winter geboren bin, möchte ich ihn immer wieder ganz schnell los werden. Und wenn ich überlege, dass der Frühlingsbeginn noch über 2 Monate entfernt ist… Bäh. Der Frühling ist so wundertollig. Die Natur erwacht, die ersten warmen Tage, zum ersten Mal wieder nur im T-Shirt raus… Dann wird es auch in mir drin heller. Im Winter habe ich immer das Gefühl, dass ich in eine Winterstarre verfalle, nicht mehr richtig funktioniere, halb erfroren bin innerlich. 

Mein PC hat es gestern endlich geschafft auf Win 10 zu laufen. 30 Stunden für ein Update, ich bin mir sicher er hat einfach eine Pause eingelegt. Oder einen Winterschlaf. Jedenfalls funktioniert nun alles wieder (abgesehen von meiner Grafikkarte, die jammert ständig über nicht vorhandene Treiber, dabei sind sie da. Da muss ich nochmal schauen.), nun ist er dabei sämtliche Dinge upzudaten. Denn je nachdem ob sie vom PC sind (der ist nun 2 Jahre alt) oder vom Betriebssystem (das ist nun ungefähr 9 Monate alt) hat er einiges zu tun, um die Dinge auf den neusten Stand zu bringen. Ich muss nun nur noch die Dinge wieder installieren, die ich brauche. Das neue Office wieder drauf, ein paar Spiele, Dropbox und Skype und diese Dinge. Und dann ein Backup machen. Am besten an 3 verschiedenen Orten. Meine Daten liegen nun sowieso alle auf der externen Festplatte. Und da muss ich mal ausmisten. 800 GB sind nun belegt, ich bin mir sicher, dass manche Dinge auch mehrfach vorhanden sind. Und manche Dinge brauche ich sicherlich nicht mehr, ich hab noch das halbe System von Vista drauf liegen, weil ich nach meinem letzten PC-Tod einfach die komplette Festplatte rübergezogen habe. Aber sowas mach ich einfach total gerne. 

Auch gestern bei J. den Laptop einrichten hat mir Spaß gemacht. Erstmal das doofe Anti-Viren-Programm runter werfen, ein neues drauf, die Firewall anschalten, Office installieren und registrieren, Edge runter schmeißen und Chrome drauf, Startseite einrichten… Ich liebe es. 

Vielleicht hänge ich meine Festplatte auch einfach wieder ans Netzwerk, das erspart das ständige Suchen nach ihr. Allerdings braucht sie eine externe Stromversorgung, dann müsste ich sie immer an lassen. Oder ich hänge die kleine ins Netzwerk mit den wichtigsten Dingen. Aber dann habe ich am TV keine mehr zum Aufnehmen… Die Probleme mit der lieben Technik. 

Ich überlege schon länger mir einen neuen TV anzuschaffen. Ich habe noch einen alten Röhrenfernseher. Und hätte gerne einen neuen, flachen, der weniger Platz weg nimmt und mehr kann. Beispielsweise die Filme direkt darauf streamen. Oder den PC verbinden und ein Spiel mal auf dem großen Bildschirm zocken. Mal sehen, was meine Nebenkostenabrechnung so dazu sagt, wenn ich sie endlich mal bekomme. Letztes Jahr war es April oder Mai. Für 9 Monate habe ich 300 Euro zurück bekommen. Nun werden es 12 Monate, aber davon war ich auch über 4 Monate in Kliniken. Also besteht Hoffnung, dass diesmal auch wieder etwas dabei raus kommt, dass mich glücklich macht. Und vielleicht ist dann auch ein bisschen was für einen neuen TV drin, denn das meiste Geld mag ich in ein neues Tattoo investieren. 

Heute morgen bin ich früh aus dem Bett, habe meine Tiere gefüttert, die Festplatte formatiert, die ich Mama bringen wollte und bin los gezogen. Nun bin ich auf dem Rückweg. Es ist kalt und ich bin müde. Und erschöpft. Ich hänge immer noch ein wenig durch, gestern und vorgestern haben an meinen Kräften gezehrt. Stark sein ist anstrengend und kräfteraubend, Situationen aushalten, in denen man nichts tun kann auch, gegen Anspannung und Selbstverletzungsdruck kämpfen und Suizidgedanken im Zaum halten nicht weniger. 

Ich empfinde Menschen heute wieder als furchtbar anstrengend. Ständig bleiben sie im Weg stehen, gründen Plaudergrüppchen mitten im Weg, laufen am Ende der Rolltreppe nicht weiter, bleiben direkt hinter der Tür in der Straßenbahn stehen, sie sind ja schließlich drin und die Menschen vor der Tür können kucken, wie sie noch rein kommen… Es kostet unglaublich viel Kraft unterwegs zu sein. Im Zug fallen mir immer wieder die Augen zu. Ich fühle mich unglaublich energieleer und kraftlos. Mir ist kalt, mein Kopf schmerzt, mir ist übel. Ich will nur noch in mein Bett. 

Im Bett verkriechen scheint für heute eine gute Option zu sein und vermutlich auch die beste Lösung. Vielleicht mit Finalgon gegen den Drang mich zu verletzen. Ich finde es furchtbar, wenn ich nicht so funktioniere wie ich meiner Meinung nach soll, dann steigt der Selbstverletzungsdruck immer unglaublich an. Also tue ich eben die Dinge, die nötig und sinnvoll sind. Mir Ruhe gönnen, akzeptieren, dass es grade mies ist, auf meine eigenen Bedürfnisse achten und auch ihnen entsprechend handeln. 

Datenverlust 

Mein PC hat sich suizidiert und für einen Moment möchte ich es ihm gerne gleich tun. Meine Daten sind weg, alle Möglichkeiten des Reparierens oder Wiederherstellens habe ich erfolglos ausprobiert. 

Nun läuft ein recovery-Programm, vielleicht schaffe ich es ja wenigstens ein paar Daten noch zu retten, doch meine Hoffnung ist nicht allzu groß. Besonders die Bilder wiederherzustellen ist keine einfache Sache, ich befürchte sie sind weg. Und genau das schmerzt mich am meisten. Erst vor einer Weile habe ich die Bilder vom Handy auf den PC gepackt und mir dabei noch gedacht, dass ich bald mal eine Sicherung machen muss. Hmpf. 

Ein positives hat die ganze Sache aber. Ich habe mich aus extremer Anspannung und extremen Selbstverletzungsdruck raus geholt, auch wenn ich gedacht hätte, dass mich dieser Mist nun echt an die Grenzen meiner Möglichkeiten bringt. Es hat trotzdem funktioniert. So bescheuert es auch ist sich wegen verlorener Daten verletzen zu wollen, vor allem die Fotos sind mir einfach unglaublich wichtig und bedeuten mir viel. 

Gestern war ich um kurz vor Mitternacht endlich zuhause, hundemüde und erledigt. Ich habe meine Tierchen gefüttert und das Katerkind noch eine Weile gekrault und bin dann ins Bett gekippt. Und dort war ich plötzlich wach. Super, denn mein Hirn war trotzdem einfach nicht mehr funktionsfähig und auch mein Körper wollte nicht mehr wirklich. Also lag ich bis 4 Uhr noch wach, bevor ich endlich einschlief. 

Und wegen dem wenigen Schlaf der letzten Tage, meiner miesen Laune wegen meinem PC und einer Verabredung morgen früh hab ich mir nun meine Medis eingeworfen und mich ins Bett verkrochen. Außerdem friere ich, trotz genügend Essen heute. Also gibt es nun Kuscheldecke und Kuschelkater und Wärmflasche und Serie. 

Und morgen ist ein neuer Tag.