Druck – Klappe, die trölfzigste

Es war okay, so viele Tage und Wochen. Die Selbstverletzung hat so wenig Raum in meinem Leben eingenommen, dass ich sie an manchen Tagen sogar ganz vergessen habe. Wenn der Druck mal kam, dann war er immer unterschwellig, nie so hoch, dass ich hätte skillen müssen.

Und dann wache ich auf, gerade in dem Moment als ich fertig bin mir im Traum beide Pulsadern aufzuschneiden. Ich sehe meine unverletzten Arme und gleichzeitig das Blut und die Wunden. Es dauert, bis ich sicher bin, dass ich noch lebe, dass es nur ein Traum war.

Was bleibt ist der Druck und die Suizidgedanken. Mit letzteren kann ich umgehen. Sie sind ein leises Hintergrundrauschen, ein geflüstertes „Es wäre so viel leichter“, dem ich aber nichts entgegen setzen muss, weil es okay ist. Die Gedanken dürfen da sein, denn ich bin mir momentan sicher, dass ich sie nicht umsetzen werde und sie sind auch nicht so drängenden, dass ich handeln müsste.

Der Druck hingegen flüstert nicht, er brüllt und tobt. Ich habe seit dem Aufwachen das Gefühl nur noch aus meinen beiden Armen zu bestehen. Alles Körpergefühl sammelt sich dort und ich habe das Gefühl es nur los zu werden, indem ich mir eine Klinge durch die Haut ziehe. Den ganzen Tag über ist der Druck da, manchmal stärker, in manchen Momenten schwächer, aber nie verschwindet der Gedanke an Selbstverletzung aus meinem Kopf. Welle um Welle rollt heute über mich, manchmal sanft und manchmal tosend und brausend. Früher bin ich in solchen Momenten direkt eskaliert. Konnte es nicht aushalten, keinen einzigen Augenblick. In der Klinik waren es die Momente, in denen ich heulend und zitternd am liebsten zusammengebrochen wäre, wenn es keine Möglichkeit gab mich zu verletzen.

Mittlerweile halte ich es aus. Ich halte es aus, weil ich weiß, dass es mich nicht umbringt. Dass ich weder explodieren noch implodieren werde. Und weil ich Mittel und Wege habe es aushalten zu können. Es funktioniert, doch nicht unbegrenzt. Ein Tag dem Druck standhalten kostet unglaublich viel Kraft. Ich will eine Pause, ich will durchatmen können, weil ich momentan eigentlich meine Energie für andere Dinge bräuchte.

Ich weiß nicht warum es nun plötzlich wieder so viel Raum einnimmt. Vielleicht, weil die letzten Wochen stressmäßig ein Balanceakt waren. Vielleicht weil ich die letzten Wochen eh schon angespannt und antriebslos war. Vielleicht weil ich nicht gut schlafe. Vielleicht, weil es einfach wie eine Welle mal mehr, mal weniger ist. Eigentlich ist es auch egal. Wichtig ist gerade durchzuhalten.

Weil ich es schon so lange geschafft habe.

Weil ich meine Postkarte von den Bahamas bei Pfleger Arschkeks abholen will ohne frische Narben.

Weil ich einen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir kämpft.

Weil ich Notaufnahmen und Wunden nähen lassen so satt habe.

Weil ich die letzten warmen Sommertage nicht mit Verband verbringen, sondern die Sonne auf meiner Haut spüren will.

Weil es nichts ändert, besser macht oder heilt.

Weil ich es einfach satt habe mein Leben davon so bestimmen zu lassen.

Ich pfeife mir jetzt Bedarf ein, denn für heute ist meine Kraft aufgebraucht. Ich mag nicht mehr kämpfen und stark sein, sondern mich nur noch in meine Decke wickeln, an meinen Schatz kuscheln, das Katerkind auf meinen Füßen liegen haben und mich fallen lassen.

Why would you do that?

That’s every suicide. Every single one. An act of terror perpetrated against everyone who’s ever known you. Everyone who’s ever loved you. The people closest to you, the ones who cherish you are the ones who suffer the most pain, the most damage. Why would you do that? Why would you do that to people who love you?

– The Blacklist

Suizidalität ist ein großes Thema momentan. In mir ist unglaublich viel Schmerz und Traurigkeit.

Manchmal frage ich mich, wo diese Traurigkeit und der Schmerz in den ganzen letzten Jahren waren. Klar, immer mal wieder da und auch intensiv da, doch aktuell trifft es mich immer wieder mit einer solchen Wucht, dass kein Raum mehr für etwas anderes bleibt.

Ich möchte schneiden, weil ich diese Gefühlswucht nicht aushalte. Weil ich es gut dosiert in kleinen Häppchen zwar schaffe, aber nicht in dieser Intensität, nicht, wenn es mich mit solcher Wucht trifft. Es erinnert mich an die Abende in meinem Kinderzimmer, an die feinen roten Linien auf meinem Arm, an die Tränen, die sich in mir aufstauen und niemals alle geweint werden können.

Die Selbstverletzung fehlt. Sie fehlt mir so unglaublich und gerade in den Momenten, in denen ich mit der Panik kämpfe, mag ich sie nur aus mir raus schneiden. Alles andere wird so klein, wenn meine Welt auf mein hämmerndes Herz in meiner Brust zusammen schrumpft, wenn da nichts mehr ist als die Angst, der rasende Puls, die Kälte und das Zittern. Dann ist es plötzlich so egal, dass es bald zwei Jahre ohne Schneiden sind, dann ist egal, dass ich es eigentlich nicht mehr will, dann ist egal, dass es letztendlich nur eine kurze Erlösung bringt. Dann will ich einfach nur, dass es aufhört, und der Preis ist dabei egal.

Und dann kommen noch die anderen Dinge dazu. Mein Untermieter, der seit 10 Stunden eigentlich nicht mehr mein Untermieter ist. Der sich aber nicht dazu herablässt, seinen Kram hier abzuholen, der gestapelt in der Küche steht. Der mir also auch meinen Schlüssel noch nicht wieder gebracht hat. Zwischen dessen Sachen ich beim rausräumen noch mehr leere Blister Medikinet entdecke, eins mit dem Aufkleber aus der Klinikzeit. In der Klinik war ich zuletzt letzten Sommer, also muss er sich schon damals an meinen Medikamenten bedient haben. Wut, unglaubliche Wut und Enttäuschung und das Gefühl hintergangen worden zu sein. Gefühle, die sich potenzieren, aufschaukeln und schließlich in Selbsthass umschlagen, weil man doch nicht wütend sein darf, keine Gefühle haben, nicht existieren, nicht aufmucken. Glaubenssätze. Heimatfilm.

Schwester Nathalie rettet mir vorgestern mal wieder den Hintern, als ich nur noch eskalieren möchte, als alles in mir schreit und ich vor Anspannung nicht mehr denken kann. Ich bin unglaublich froh, dass sie Dienst hat und ich sie am Telefon habe. Sie sagt mir, dass es das richtige Gefühl ist. Dass ich wütend sein darf. Und enttäuscht und verletzt. Aber vor allem auch wütend. Dass es da hin gehört, absolut passt, absolut angemessen ist. Während dem Reden kommen die Tränen und die Anspannung weicht, wird erträglicher, aushaltbarer. Ich kotze mich aus, lasse meine Wut raus, meine Tränen, das ganze Chaos. „708 Tage Frau Zitrone!“ sagt sie immer wieder und ich muss lächeln.

Wir reden noch kurz übers Studium. Darüber, dass ich mir gerade mein Leben aufbaue, in dem solche Menschen einfach keinen Platz mehr haben. Und wir verabreden uns für Ende März, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, denn dann kann ich ihr den Lebensvertrag vorbei bringen und stolz sagen, dass es tatsächlich 2 Jahre ohne Selbstverletzung sind.

Viel Chaos momentan. Doch immer und immer wieder und weiter kämpfen und es schaffen. Mit jedem Moment, der eigentlich unaushaltbar schien, ein Stück mehr wachsen.

Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

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Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

#welcometomidnight

„Bis nächstes Jahr!“ sagte ich vor einer Woche zum ersten Mal. Und gleichzeitig mit diesen Worten manifestiert sich die Endgültigkeit dieses Jahres. Und wie so oft frage ich mich wohin die Zeit verflogen ist. Gerade war ich doch noch in der dbt, kam das neue Jahr, wurde es Frühling und Sommer und das Studium fing an.

Die Zeit ist eine seltsame Sache. Momente, die man anhalten möchte, vergehen viel zu schnell. Momente, die man einfach nur hinter sich bringen will, stehen gefühlte Ewigkeit um Ewigkeit vor einem und wenn sie dann da sind vergehen sie nur in Zeitlupe.

Mit dem Ende des Jahres kommt auch das übliche Zurückdenken. Und da ich das eh ständig tue wird es Zeit für den Jahresrückblick, geliebte Tradition aus dem Forum seit nun 13 Jahren. Ich schreibe ihn gerne, wenn auch nur noch selten dort, aber so doch hier. Also wird es hier in den nächsten Tagen wieder einen Jahresrückblick geben. Ich schreibe ihn wohl gestückelt, denn das labile Konstrukt meiner Psyche möchte ich gerade nicht wirklich strapazieren. Es hat momentan was von „auf kleines Kind aufpassen“ sage ich heute bei der Krisenbetreuung (und ich glaube ich kürze das in Zukunft mit KB ab) und das trifft es wirklich gut. Ständig muss ich aufpassen, dass nichts passiert, das Kind keinen Unfug macht, sich nicht verletzt… Nur dass ich das kleine Kind bin. Es ist anstrengend ständig so auf Hut sein zu müssen.

Die Nächte sind besonders schlimm. Ein altbekanntes Problem. Wenn der Kopf keine Ruhe findet, der Körper sich nur nach Schlaf sehnt, ich aber einfach nicht runter komme, dass werden die Suizidgedanken drängender. Konkreter. Schwerer kontrollierbar. Ich habe manchmal Angst, dass ich in solchen Momenten keine Kontrolle über die Impulsivität habe. In den Momenten, in denen es sich nicht anschleicht, sondern mich mit einem Satz einfach anspringt. Momente, in denen ich kaum eine Möglichkeit habe zu denken, weil es mich so überrollt, so umwirft. In solchen Momente sehne ich mich nach der Sicherheit der Klinik. Nach der Möglichkeit diese Verantwortung einfach abzugeben und nicht mehr selbst dafür verantwortlich zu sein zu überleben. Doch letztendlich bleibt es meine Aufgabe, meine Sache, mein Leben. Ich kann mir nur Unterstützung suchen, um Hilfe bitten, doch letztendlich bin ich alleine für mich verantwortlich.

Weihnachten war gut. Besser als in so vielen anderen Jahren. Am Samstag saß ich im Zug, um mich rum so viele Menschen auf dem Weg zu ihrer Familie, und musste schmunzeln. Es erinnerte mich an die Zeiten, in denen ich mit dem Zug in meine Heimat fuhr, zu meiner kleinen Familie.

Ich bin froh, dass es seit Jahren keine Frage mehr ist wo ich feiern werde. Es fühlt sich so viel besser an, weil ich mich einfach nicht verstellen muss, weil ich sein kann wie ich bin. Ich überlege in der letzten Zeit, ob ich es meiner Schwester erzählen soll. Ob ich erzählen soll was damals passiert ist, einfach damit sie es weiß und vielleicht ein wenig versteht warum ich so bin wie ich bin. Der Gedanke daran, dass sie meine kleine Schwester ist und ich sie einfach beschützen möchte, hindert mich noch daran. Ich würde so gerne alles Schlechte und Böse dieser Welt von ihr fern halten.

Momentan wünsche ich mir so sehr einfach für eine Weile nicht aufpassen zu müssen. Mich fallen zu lassen, zu entspannen, durchzuatmen. Es wird wieder leichter werden. Das weiß ich, das wurde es immer. Nur ist es in solchen Momenten immer so unglaublich schwer daran festzuhalten, weil es in solchen Momenten noch wie eine Ewigkeit erscheint, bis es wieder einfacher wird.

It’s possible to change.

Wie so oft geben die Worte von twloha mir Kraft und Mut. Ein weiteres Jahr mit #welcometomidnight, ein weiteres Jahr, dass ich überlebt habe. Bald ist es vorbei und Vergangenheit und ein ganzes neues Jahr steht vor mir.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

irgendwas mit Menschen…

Ich habe in den letzten Tagen so oft gedanklich den Kopf geschüttelt. Fragt man quer durch meine Kommilitonen durch, dann findet man immer wieder die Aussage „Ich will irgendwas mit Menschen machen.“ als Antwort auf die Frage, wie sie nun an dieser Fakultät gelandet sind. Und so kam es heute auch zu der ersten Verwunderung, als nach der Vorlesung die Frage auftauchte, ob das denn „nun immer so sein“. Als der Dozent dann darauf hinwies, dass es sich um ein wissenschaftliches Studium handelt, herrschte plötzliche Stille im Raum.

Viele der Menschen, die mit mir in den Vorlesungen sitzen, kommen grade von der Schule. 18 oder 19 Jahre alt und wollen halt nix mit Büro machen. Ich spreche keinem ab, dass er das Studium rockt und es wirklich auch eine Arzt Berufung ist, dennoch bin ich mir sicher, dass einige davon schon nach diesem Semester nicht mehr da sein werden.

Mein Hirn fühlt sich tot an. Aber trotzdem gut, denn es gab Input, unglaublich viel zwar, aber Input. Es ist anstrengend für mich mit so vielen Menschen so lange Zeit zusammen zu sein, es strengt an zuzuhören und gleichzeitig zu denken und die Geräusche um mich herum auszublenden. Doch da muss ich mich einfach zuerst dran gewöhnen.

Ich bin derzeit froh um meine Vorkenntnisse, auch wenn die schulischen Inhalte schon weit zurück liegen, doch oftmals klingelt da was im Hinterkopf. Ich bin froh um meine Lebenserfahrung und meine Allgemeinbildung und um die praktischen Erfahrungen aus dem Berufsleben. Es macht manche Dinge ein wenig entspannter.

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Heute bin ich einfach nur noch im Eimer, völlig und ganz. Doch die Momente der Anspannung waren erstaunlicherweise nicht so häufig und heftig wie befürchtet, auch wenn manche Dinge mich inhaltlich doch getriggert haben. Aber machbar und mit einer professionellen und theoretischen Haltung den Dingen gegenüber sicherlich auch in Zukunft meisterbar.

Skills

„Duuuuuu? Zitrone? Was sind eigentlich Skills?“ wurde ich in letzter Zeit oft gefragt. Und ich glaube, dass ich darüber tatsächlich noch nie einen ganzen Beitrag geschrieben habe, also ist es vielleicht mal an der Zeit dafür.

Ein Skill ist übersetzt eine Fähigkeit. Die Zocker kennen den Begriff sicherlich, denn auch viele Spiele erfordern gewisse Skills und man gewinnt mit dem Spielfortschritts immer mehr hinzu und kann vorhandene Skills verbessern.

Im Zusammenhang mit Borderline ist ein Skill eine Möglichkeit besser mit bestimmten Situationen klar zu kommen, meistens geht es um die Regulierung von Anspannung und Emotionen. Wichtig dabei ist, dass ein Skill kurzfristig hilft und langfristig nicht schadet. Selbstverletzung hilft beispielsweise kurzfristig, schadet aber langfristig, ist also kein Skill. Skills nutzt eigentlich jeder Mensch. Ob es nun ein entspannendes Bad nach einem stressigen Tag, eine Tasse Kaffee um besser in den Tag zu starten oder mit der besten Freundin quatschen ist. Jeder Mensch tut Dinge, damit es ihm besser geht, er sich besser fühlt, und das oftmals völlig unbewusst.

Mit Problemen bei der Emotionsregulation oder Impulsivität müssen solche Dinge aber bewusst eingesetzt werden und grade solche Dinge, die einem gut tun, müssen Borderliner oft erstmal lernen. Was also bei „normalen“ Menschen größtenteils automatisch und unbewusst abläuft, ist für Menschen mit Borderline ein harter Kampf.

Die Möglichkeiten an Skills sind quasi unbegrenzt und dabei nicht auf Dinge beschränkt. Weil es sonst den Rahmen sprengen würde beziehe ich mich hier hauptsächlich auf die Skills zur Anspannungsregulation und auf meine eigenen Erfahrungen. Eine Liste mit Skills findet man dank Internet heutzutage sehr einfach, da muss ich nicht eine weitere hinzufügen.

Im Bereich der unteren Anspannung muss ich eigentlich wenig tun. Da geht es hauptsächlich darum dieses Level zu halten, also alles zu tun, was mir auch gut tut. Lesen, mit Freunden etwas unternehmen, die Tierchen bekuscheln, all solche Dinge.

Wenn die Anspannung steigt geht es gezielter darum sie zu regulieren oder mich abzulenken. Ablenken funktioniert mit den verschiedensten Mitteln und Wegen. Serien, Puzzle, lesen, basteln, chatten, telefonieren, die Palette kann man endlos fortsetzen. Um die Anspannung in diesem Bereich zu halten oder sogar runter zu bekommen hilft es mir meinen Akupressurball zu „kneten“, raus zu gehen, mir Musik auf die Ohren zu knallen oder auch herauszufinden, was gerade eigentlich los ist. In der dbt habe ich gelernt beispielsweise ein Gefühlsprotokoll zu schreiben, um die Gefühle einzuordnen und zu entscheiden, wie ich gerade handeln sollte.

Interessant wird es im Bereich der hohen oder extrem hohen Anspannung. Bei hoher Anspannung helfen mir meistens nur starke Reize. Heiß oder kalt duschen, Eiswürfel, Finalgon. Im extrem hohen Bereich kann ich selbst nicht mehr klar denken und habe daher eine „Skillskette“, die automatisch abläuft mittlerweile. An erster Stelle steht der diving skill. To dive heißt übersetzt tauchen und quasi genau das tut man auch, allerdings nur mit dem Kopf. Am besten in richtig kaltes Wasser. Das ganze löst eine Körperreaktion aus, die automatisch die Anspannung runter fährt, den Tauchreflex. Der Körper fährt alle nicht unbedingt lebenswichtigen Tätigkeiten runter, denn man ist ja unter Wasser und könnte sterben, wenn man nun den Sauerstoff für so langweilige und sinnlose Dinge wie Anspannung vertut. Einfach aber effektiv.

Da man leider nicht jederzeit ein Waschbecken oder eine Plastikwanne mit Wasser dabei hat habe ich unterwegs Ammoniak dabei. Einmal unter die Nase und man hat eigentlich ganz andere Probleme als die Anspannung und kriegt es im besten Fall hin wieder denken und handeln zu können.

Im Anschluss folgt bei mir laute Musik auf die Ohren und raus. Eine Runde drehen, ein paar Mal um den Blog, bewegen, runter kommen. Meistens bin ich dann so weit unten, dass ich entweder rauskriegen kann was gerade nun los ist oder das skillen eben weiter geht. Zum Beispiel mit Finalgon, eine Salbe, die heiß wird und mir quasi irgendwie den Schmerz ersetzt, den die Selbstverletzung sonst brachte.

So sieht der Idealfall aus. Natürlich ist nicht in jeder Situation alles möglich, aber mit der Zeit lernt man sich anzupassen und zu variieren. Und genau so gibt es Situationen, in denen skillen völlig sinnlos ist bei mir, beispielsweise weil gerade akute Suizidalität im Vordergrund ist oder ich weiß, dass ich die Anspannung nicht runter regulieren kann. Im Ernstfall ist dann Bedarfsmedikamentation angesagt, wenn ich mich ausknocke habe ich auch keine Anspannung.

In meiner Skillstasche finden sich Skills für alle möglichen Situationen und Fälle. Igel- und Akupressurbälle, intelligente Knete und sonstiger Kram um die Hände zu beschäftigen, Sudoku und Rätsel zur Ablenkung, aber auch Kärtchen mit Sprüchen von Schwester Nathalie, Lavendel weil der Geruch mir gut tut und mich beruhigt, Tigerbalm, extrem saure Bonbons…

Mittlerweile nutze ich oft auch Skills, die nicht an Sachen gebunden sind. Zum Beispiel die zwischenmenschlichen Fertigkeiten, wie um etwas bitten, zum Beispiel einen Freund vorbei zu kommen oder anzurufen oder auch ein kurzfristiger Termin bei der Therapeutin.

Auch vorbeugende Dinge sind Skills. Regelmäßig essen, genug schlafen, genug trinken, sich ausreichend bewegen.

Einen Skill zu erklären ist also ein endloses Thema. Und „den Skill“ gibt es nicht, denn jeder muss für sich selbst herausfinden, was einem hilft. So kann ich beispielsweise mit allem was über den Geschmackssinn geht nichts anfangen, außer mit sauren Bonbons. Es hilft mir persönlich auch nicht mir rote Striche auf den Arm zu malen um quasi etwas sichtbares zu haben. Die Erfahrungen anderer Menschen helfen mir sehr und haben mir auch schon sehr geholfen, aber seine eigenen Skills muss jeder selbst finden.

Wichtig ist dabei nur auch zu sehen, dass es nicht nur um den Hochspannungsbereich geht. Denn eigentlich ist es in den anderen Bereichen viel wichtiger, um langfristig überhaupt nicht mehr in die Hochspannung zu kommen.

Skills muss man ausprobieren und üben. Und zwar nicht erst wenn die Anspannung hoch ist, sondern im normalen Bereich. Die Feuerwehr übt ja schließlich auch nicht erst wenn’s brennt.

Weltbester Psychiater

Mein Wecker klingelt kurz nach 6 zum ersten Mal und ich bin mir sicher, dass irgendwas daran falsch ist. Es kann noch nicht Morgen sein, die Nacht kann noch nicht zuende sein. Zwei Stunden Schlaf liegen hinter mir und ich schäle mich mit viel Mühe aus meiner Decke, bin kurz verwirrt über den Schmerz in meinem Fuß, bis mein Hirn den Zitronenkater, der wild mit meinem Fuß kämpft, mit dem Schmerz assoziieren kann. Dem Herrn scheint es nichts auszumachen, dass die Nacht unruhig und kurz war, er flitzt mir voraus in die Küche, jagt dann meine Füße auf dem Weg ins Bad, wo ich den Wasserhahn aufdrehe, um das Blut von meinen Armen zu waschen.

Moment. Blut? Erst in diesem Moment wird mir klar, dass meine Arme nicht zerschnitten sind, meine Beine auch nicht. Dabei waren sie es vor wenigen Augenblicken noch. Und wieder dauert es, bis mein Hirn seine Arbeit tut, bis ich begreife, dass es ein Traum war. Und ich beginne zu weinen, weil es mich zerreißt zwischen heilige Scheiße, es war zum Glück nur ein Traum und verdammt, es war nur ein Traum.

Was mir bleibt von der Nacht ist also keine Erholung, kein Ausgeruhtsein, sondern Druck, Anspannung und Sehnsucht, eine solche Sehnsucht nach dem Gefühl, dass so real war und immer noch ist. Ich spüre die nicht vorhandenen Wunden, ich spüre das feine Brennen, ich spüre die Erleichterung und will in diesem Moment nur die Tür des Badschranks öffnen, in dem eine unbenutzte Klinge liegt. Ironischerweise mit dem Namensaufkleber der Psychiatrie drauf, mit dem die persönlichen Dinge und die Akte dort gekennzeichnet werden. Wer damals auf die Idee kam mir die abgegebenen Klingen in den Entlassungsbrief zu stecken ist für mich bis heute ein Rätsel.

Also stehe ich heulend in meinem Bad um kurz nach 6, sehe das Wasser ins Waschbecken laufen und sehe doch eigentlich ganz andere Dinge. Bis der Zitronenkater in die nächsthöhere Oktave wechselt und so laut und erbärmlich jammert, dass ich schon Angst habe meine Nachbarn würden den Tierschutz rufen. Er will Futter und gekrault werden und versteht nicht, was ich da so lange und heulend im Bad mache, beißt mir auffordernd in die Wade und ist schon fast dabei noch eine Tonlage höher zu schreien, als ich den Wasserhahn wieder zudrehe und ihm in der Küche sein Frühstück verpasse, noch eine Gurke vom Tisch angel um die Schweinchen zu füttern und dann auf das Sofa sinke und mir erstmal eine Zigarette anzünde.

Ich nehme mir die Zeit durchzuatmen und dann den nicht mehr ganz so hungrigen Kater auf meinem Schoß zu kraulen, ich nehme mir sogar noch etwas mehr Zeit und lasse Haare ordnen und Schminken ausfallen, vergrabe lieber meine Nase im Fell des Zitronenkaters.

Dann purzel ich aus dem Haus, nehme Bus und Bahn und meine Füße tragen mich fast automatisch zum Drogeriemarkt am Bahnhof, denn ich könnte ja doch eigentlich Klingen kaufen und so ein ganz kleines bisschen verletzten, bevor ich beim Psychiater im Wartezimmer sitze zwischen all den Menschen und den Druck gar nicht mehr aushalte. Doch ich lasse es, vertröste mich selbst mit dem Gedanken, dass ich ja nachher noch kann, nach dem Termin.

Und so sitze ich dann im Wartezimmer. Angespannt, verkrampft, schreibe mit der lieben fylgja und lenke mich so ab.

Wie isses heute? fragt der Psychiater und ich muss mit den Tränen kämpfen. Ich erzähle von der Nacht, von den Träumen, von dem unglaublichen Druck. Und was tun wir nun mit Ihnen fragt er und ich zucke nur hilflos mit den Schultern. Er lehnt sich zurück, blickt mich über den Rand seiner Brille an und hat dann eine Idee. Akupunktur mal probiert? fragt er und ich erzähle ihm von der Akupunktur in der Klinik und das es meistens schon was brachte.

Also piekst er mir Nadeln ins Ohr. Ohne dass ich dafür bezahlen muss, denn die Krankenkasse übernimmt das ja nicht, aber er will mir ja helfen und zwar jetzt. Ich liebeliebeliebe diesen wunderbaren Psychiater!

Er parkt mich im Nebenraum und ich lausche auf die Geräusche in der Praxis und draußen, spüre meinen eigenen Herzschlag und meinen Atem. Und ich spüre, dass die Anspannung nachlässt, dass der Druck nachlässt, dass mein Körper nicht mehr nur aus den Stellen auf meinen Armen besteht, an denen ich mich immer verletzt habe.

20 Minuten später fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Es tut so gut die Anspannung verschwinden zu sehen, zu spüren, dass es besser ist, dass ich es schaffen werde der noch übrig gebliebenen Sehnsucht standzuhalten.

Nun gehe ich erstmal wieder ins Bett. Ein wenig Schlaf nachholen, Selbstfürsorge. Und die werde ich auch den Rest vom Tag so gut wie möglich betreiben, denn ich habe es heute wirklich verdient.

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Unaussprechliches aussprechen 

Es gibt Dinge, die ich jemandem sagen wollte, über die ich dann oft tage-/wochen-/monatelang nachgedacht habe. Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ich mit einer Frau in einer Beziehung bin? Wie beichte ich meiner Hausärztin die neue Selbstverletzung? Wie sage ich dies oder jenes? 

Und dann gibt es Momente, in denen wichtige Dinge plötzlich einfach ihren Raum brauchen, in denen wichtige Worte plötzlich einfach gesprochen werden müssen. 

Am Freitag saß ich in der Therapie. Erzählte von dem Klinikaufenthalt und von meiner Mutter. Erzählte, dass ich keine Kraft mehr habe dieses Geheimnis zu tragen, mich zu verstellen, ganz besonders nicht, wenn ich noch 5 Wochen halbwegs vernünftig und regelmäßig zu meiner Mutter fahren soll, solange sie immer noch mit dem Gips durch die Gegend hüpft. 

Und so sitze ich da heulend und wir reden darüber. Und ich fasse den Entschluss es ihr zu sagen. Gegen alles in meinem Kopf, das dagegen anschreit. Gegen die Zweifel und die Angst. 

Also erzähle ich meiner Mutter davon. Ich fasse in Worte was immer noch so unfassbar ist für mich. Zu dem Gespräch selber kann ich nicht mehr viel sagen. Es ist verschwommen, es hat getriggert und mich immer wieder in die Dissoziation katapultiert. Und ich will auch gar nicht viel dazu sagen. Es war schmerzhaft und anstrengend. Wegen der Thematik und wegen meiner Mutter, die nun mal so ist wie sie ist. Aber sie hat mir zugehört, sie hat mich in den Arm genommen, sie hat gesagt, dass sie mir glaubt. Es ist raus, endlich, es ist ausgesprochen. 

Ich kann noch nicht sagen, wie es mir nun damit geht. Ja, natürlich bin ich auf irgend eine Art erleichtert. Doch sonst? Ich muss wohl einfach abwarten, was die Zeit noch so bringt. 

Mein Leben läuft so dahin momentan. Ich soll die Erwerbsminderungsrente beantragen, habe aber die 5 Jahre Wartezeit nicht erfüllt. Interessiert aber das Arbeitsamt nicht. Und die Rentenversicherung auch nicht. Von meinen Zeugnis habe ich noch nichts gehört. Ich musste Geld ans Arbeitsamt zurück zahlen, dass sie mir über bezahlt haben. Das Geld für diesen Zeitraum sollte ich eigentlich von der Rentenversicherung kriegen. Darauf warte ich seit Januar. Es ist Chaos und es sind viele Baustellen und ich würde zu gerne einfach mal einen Tag nur im Bett verbringen. Doch dann ist da ein Theratermin, dort einer beim Psychiater, dazwischen noch Alltag und Mama mit Gipsbein. Ich würde mir zu gerne ein Loch graben und abwarten bis der Sturm um mich rum sich gelegt hat. Ich tue zu wenig für mich und ich merke es. Ich muss gegensteuern, sonst ist meine (kaum noch vorhandene) Stabilität bald wieder weg. 

Der Wunsch nach Selbstverletzung wird immer größer. Noch ist es erträglich. Der Druck ist selten so groß, dass ich deswegen skillen muss. Auch die Anspannung gipfelt nicht so oft in Selbstverletzungsdruck wie früher. Doch der Hintergrund momentan ist ein anderer. Ich will mich nicht verletzen um die Anspannung los zu werden. Ich will mich nicht verletzen um mich zu spüren. Ich will den Schmerz und das Gefühl. Zum runter kommen. Um Kraft zu sammeln. Um es durchzuhalten. Um mir eine Ladung Endorphine durch den Körper zu jagen. Um es einfach erträglich zu machen. 

Ich überlege mich zu verletzen und es für mich zu behalten. Einfach nicht zu sagen, so zu tun, als ob es nicht passiert wäre. Doch ich würde damit nur mich selbst belügen. Und es gibt schon genügend Menschen bei denen ich nicht ich selbst sein kann, genügend Orte, an denen ich nicht sein kann wie ich bin. 

Und so versuche ich mein Bestes. Ich skille, ich versuche mein Leben auf die Reihe zu kriegen, ich versuche den Kram zu erledigen, der erledigt werden muss. Und auch wenn es manchmal eher schlecht als recht klappt, so klappt es eben doch irgendwie. 

Heute steht Wohnung an. Endlich mal. Ich werde mir in den Hintern treten und anfangen damit, denn es muss endlich voran gehen, es muss endlich etwas passieren hier. Ich muss wieder zu mir selbst finden und mich hier wohl fühlen, ich muss produktiv sein, sonst gehe ich unter.