Es ist halb 5, als ich zum ersten Mal vor der Tür stehe und rauche. Die Stadt ist noch nicht ganz wach, gelegentlich fährt ein Auto vorbei, es sind kaum Menschen auf der Straße. Ich bin kein Morgenmensch, aber wenn ich mal wach bin, dann mag ich diese Zeit in großen Städten, wenn der alltägliche Trubel sich nur erahnen lässt, wenn die sonst so vollen und lauten Straßen noch nicht erwacht sind, wenn die meisten Menschen noch nicht ihre Häuser verlassen haben.

Gestern habe ich ein paar Dinge gepackt und bin in die Krisenpension gegangen. Aktuell ist es schwer, chaotisch, anstrengend. Ich schlafe zu wenig und denke zu viel, ich kämpfe mit der Dunkelheit und den bevorstehenden Weihnachtstagen, mit Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken, mit den Anforderungen des Studiums, mit den Anforderungen des Alltags. Alles fällt schwer und ist anstrengend, alles erfordert Kraft, die ich eigentlich nicht habe.

Es fühlt sich ein Stück weit nach Versagen an. Schon wieder schaffe ich es nicht alleine. Schon wieder brauche ich Unterstützung. Mein Kopf weiß, dass es anders ist. Zuletzt war ich vor ca. einem Jahr hier. Das ist ein Jahr, dass ich gemeistert habe. Vor 2 Jahren erst endete mein Klinikmarathon, die Zeit, in der ich nicht mal mehrere Monate am Stück ohne Krisenintervention geschafft habe. Ich habe gemerkt, dass es nicht funktioniert aktuell, habe mir Hilfe gesucht und bin nicht akut in der Psychiatrie gelandet. Ich habe viel geschafft seit damals, schaffe es neben dem ganzen Chaos zu studieren, dennoch ist es für mich schwer zu akzeptieren, dass ich aktuell nicht so funktioniere wie ich es möchte. Ich weiß, dass es besser wird, wenn ich es schaffe den Schritt zur Akzeptanz zu gehen. Wenn ich es schaffe damit klar zu kommen, dass es so ist wie es ist, dass der Selbstverletzungsdruck seine Berechtigung hat und auch die Suizidalität, dass es okay ist mir Hilfe und Unterstützung zu holen, dass es okay ist nicht okay zu sein. Doch es fällt schwer. Ich will so gerne einfach mehr leisten können.

Trotz allem Chaos, trotz der Sehnsucht nach Frau Schatz und meinen Viechern, es ist gut hier zu sein. Weil ich weiß, dass es zuhause gerade nicht besser wird. Ein wenig Abstand tut gut, zu wissen, dass jemand professionelles da ist und vieles mit auffangen kann, ein wenig mehr Sicherheit vor mir selbst und ein wenig mehr Halt in dem Chaos in meinem Kopf. Es tut gut ein Stück näher an der Fakultät zu sein und mir die langen Strecken zu ersparen, nicht in der Wohnung zu sein und zu sehen, dass ich gerne hier und da und dort etwas tun würde, es aber nicht schaffe.

Mein Ziel sind ein paar Nächte hier und dann wieder nach Hause. Kraft finden und weiter machen. Die nächste Nacht noch und vielleicht die Nacht drauf, je nachdem wie es ist.

Noch diese Woche und die nächsten beiden. Dann steht ein wenig vorlesungsfreie Zeit an, dann fällt der Druck des Studiums für ein paar Tage weg. Dann ist Weihnachten auch nicht mehr dieses große bedrohliche Ungeheuer, dass vor mir schwebt, sondern fast da und konkreter, dann kann ich damit ein wenig besser umgehen.

Atmen

Ich komme vom Termin und es ist eigentlich okay. Trotz der schlaflosen Nacht, trotz den dröhnenden Schmerzen in meinem Kopf, trotz dem Wunsch mir einfach im nächsten Drogeriemarkt ein Päckchen Klingen zu kaufen. Es war gut zu reden, darüber, dass es mies ist, über Alltagskram, über Internetquatsch und einfach ich sein zu können. Im Gegensatz zu der Zeit in der Vorlesung kurz davor, wo ich versuche zu folgen, gnadenlos scheitere, Konversation betreibe und lächle, obwohl mir so sehr nach Zusammenbruch und Weinen ist.

Es ist okay bis ich den Bahnhof betrete. Dort pralle ich mit der Realität zusammen wie mit einer Wand. Menschen, die sich unterhalten, ein bellender Hund, ein brüllendes Kind, eine Durchsage, ein ejnfahrender Zug, das Quietschen der Räder eines Trolleys, eine quietschende Rolltreppe, Geruch von Zimtwaffeln und Pizza und Brötchen und Kaffee und betrunkenen Menschen und nach nassem Hund. Ohne Schlaf ist es mir kaum noch möglich Reize überhaupt noch zu filtern, noch viel weniger als sonst eh schon, ich will mich einfach nur noch in einer Ecke zusammen rollen und haltlos anfangen zu heulen.

An die Fahrt erinnere ich mich kaum. Vermutlich bin ich irgendwann einfach dissoziiert. So sehr ich diesen Zustand manchmal hasse, so willkommen ist er in anderen Momenten, wenn die Realität einfach unerträglich wird.

Zuhause umarme ich die Kloschüssel, das Katerkind springt mir auf den Rücken und setzt sich schimpfend auf meine Schulter, knabbert an meinem Ohr, miaut in den höchsten Tönen, bis ich endlich aufhöre mein Inneres nach außen zu befördern und ihn kraulen kann. Die Übelkeit begleitet mich nun schon seit dem letzten Abend in 2017 und es triggert Erinnerungen die wiederum Übelkeit triggern und wiederum Erinnerungen und wiederum Übelkeit. Es ist ein anstrengender Kreislauf und mein übermüdeter Körper macht es nicht besser.

Nun liege ich zusammengerollt im Bett mit dem Katerkind auf meinen Beinen, eingekuschelt in zwei Decken, mit Netflix und Wärmflasche. Ich bin müde, unglaublich müde, und will nur noch schlafen. Gleichzeitig brüllt in meinem Kopf eine Stimme immer und immer wieder, dass ich nicht schlafen kann, mich nicht im Bett vergraben, denn die Wohnung ist ein Schlachtfeld, ich müsste anfangen für die Prüfungen zu lernen, ich müsste dies und das und so viele Dinge und kann doch nicht einfach nur kaputt und müde sein. Es ist ein altbekannter Kampf gegen Glaubenssätze, gegen die alten Worte, die mir sagen, dass ich nur etwas wert bin wenn ich etwas leiste, wenn ich alles perfekt mache, wenn ich mir Anerkennung verdiene. Ich stehe mir selbst im Weg, fordere zu viel von mir und verurteile mich somit selbst zum Scheitern. Ich kann nur scheitern an diesen Glaubenssätzen, an diesen Anforderungen, die ich doch nie erfüllen konnte, weil sie unerfüllbar waren, schon immer. Weil ich es nie wert war, weil immer jemand besser, toller, schlauer war.

Ich versuche mir zu erlauben kaputt zu sein. Müde und zerschlagen und gerade einfach unfähig etwas zu leisten. Ich versuche mir selbst zu sagen, dass es okay ist, gegen die Worte meines Vaters im Kopf, gegen das starke Gefühl wertlos zu sein. Ich versuche einfach weiter zu atmen, ein und aus, versuche standhaft zu sein gegen die drängenden Suizidgedanken, versuche dem Selbstverletzungsdruck nicht nachzugeben. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Einatmen, ausatmen. Schritt für Schritt, Skill für Skill. Es geht vorbei.

Unglaublich schwer

Mir fehlen die Worte um zu beschreiben wie es gerade ist. Es gibt keine Worte die ausdrücken können was in mir vor sich geht.

Ich will einfach nur noch, dass es vorbei geht. Die Suizidalität. Die Gedanken an die Selbstverletzung. Die Antriebslosigkeit. Die Schlaflosigkeit.

Die vierte Nacht in Folge finde ich nicht in den Schlaf. Keine einzige Nacht in diesem Jahr habe ich bisher einfach nur geschlafen.

Es ist jede Nacht aufs Neue eine Gratwanderung. Die Suizidalität ist bei 5, auf der höchsten Stufe. Es ist kein Platz mehr in meinem Kopf für andere Gedanken. 5, das heißt ich muss entscheiden ob es funktioniert. Jede Minute und jede Minute und jede Minute. Ständig frage ich mich, ob es noch funktioniert. 5 und die Verantwortung tragen können? 5 und es nicht mehr können?

Es gibt Augenblicke in denen ich mir sicher bin, dass ich die Verantwortung gerade nicht tragen kann. In denen ich eigentlich den sicheren Rahmen der Klinik aufsuchen müsste. Doch in diesen Momenten liege ich einfach nur bewegungslos im Bett, atme ein und atme aus und atme ein und atme aus, bis ich den winzigen Schritt zurück geschafft habe in die Verantwortung. Sobald diese Momente länger werden, sobald diese Momente auftauchen, wenn ich nicht gerade erstarrt im Bett liege… Ja, dann muss ich wohl in die Klinik.

Ich will es nicht. Ich will es nicht, weil ich weiß, dass es nicht besser werden wird. Die Klinik wird es nicht besser machen. Ich will es nicht noch schwerer haben durch das Eingesperrtsein, durch die wenigen Möglichkeiten der Ablenkung, durch einfach so vieles.

Es ist so schwer auszuhalten momentan. So unglaublich schwer. Ich kämpfe mich durch jeden einzelnen Augenblick. Ich atme und kämpfe und kämpfe und atme. Einzig und allein der Gedanke daran, dass es vorbei gehen wird, hält mich noch.

Zu viel

Seit der verwirrenden Nacht auf Montag bin ich ziemlich neben der Spur. Ich schlafe eine Nacht halbwegs gut, dann eine Nacht gar nicht, eine Nacht halbwegs gut, dann nur wenige Stunden… So zieht es sich seitdem und langsam ziehen mir diese seltsamen Nächte den Boden unter den Füßen weg. Ich bin müde und in einem seltsamen Zustand von Dauerdissoziation in den meisten Stunden des Tages. 

Bei meiner Therapeutin erzähle ich von der Nacht. Erzähle von Erinnerungen, die nicht mit Gewalt zu tun haben, sondern mit dem Verhalten meines Vaters, mit Invalidierung und so wenig Verständnis für ein kleines Mädchen, eine beginnende Jugendlichen, für eine Tochter, die einfach Anerkennung und Zuneigung sucht. Diese Momente schmerzen mich immer noch mehr als alles andere. All diese Momente, in denen ich nicht ich sein durfte, in denen ich nicht zählte, in denen ich kein eigenes atmendes Wesen sein durfte. 

Morgen, eigentlich heute, will ich zur Schule. Denn nach vielem hin und her und Chaos weiß ich nun, dass die Auskunft, die ich immer bekommen habe, völliger Käse ist. Für den Abschluss der Ausbildung steht mir ein Zeugnis über die Fachhochschulreife zu, in BaWü habe ich nie etwas anerkennen lassen, die Auskunft der Schule damals war totaler Käse. Dafür haben sie mich dann morgen an der Backe. Und hoffentlich bin ich danach dann schlauer, habe bestenfalls ein Zeugnis bzw. ein Zeugnis in Arbeit. Das ganze geht mir nämlich auch gewaltig an die Substanz. 

Am Freitag steht dann der Rentenversicherungstermin auf dem Plan. Ich bin unglaublich nervös deswegen, unsicher, ängstlich. Ich weiß nicht, ob dort ein netter Mensch sein wird oder ein Bürokratenidiot, der keinerlei Verständnis für mich hat. 

So viel Chaos derzeit und so wenig Kraft aktuell. Und es ist schon wieder mitten in der Nacht und ich mag einfach nur schlafen. Es ist mir einfach zuviel. Leben, atmen, Behördenkram, Haushalt, soziale Kontakte… Zu wenig Löffel für zu viel Kram. 

depressiv 1.2

Gerade merke ich mal wieder, wie labil dieses Konstrukt ‚Stabilität‘ eigentlich ist. In der Nacht auf Donnerstag fand ich keinen Schlaf. Erst am Mittag konnte ich für ein paar Stunden die Augen schließen und in Träume versinken. Und dementsprechend fertig war ich dann auch. Tag-Nacht-Rhythmus völlig im Eimer, Anspannung, Druck, Suizidgedanken, das volle Programm. Und obwohl ich dank Medis mittlerweile wieder einigermaßen ’normal‘ ins Bett gehe und aufstehe, so bin ich seitdem einfach noch kaputter als zuvor. 

In der letzten Nächten kämpfe ich mit mir, ob ich zum Telefon greifen soll, ob ich in der Klinik anrufe, ob ich ein wenig Erleichterung suchen soll von dem Chaos in mir. Doch ich tue es nicht. Zu sehr fühlt es sich nach Rückschritt an, zu sehr schmerzt der Gedanke Worte zu sprechen, die ich vor so langer Zeit so oft gesprochen habe. Ich weiß, rational, dass es Unsinn ist. Dass ‚gesund werden‘ keine gradlinige Sache ist. Dass es im Moment so ganz anders ist als früher, denn ich habe mich nicht verletzt und der Gedanke ans Aufgeben ist zwar im Kopf, aber ist absolut keine Option. Und dennoch… Es fühlt sich so sehr nach Rückschritt an. Doch zu sehr sind diese Gedanken und Gefühle in mir verwurzelt. Und für einen kleinen Moment blicke ich die Kiste mit den Tabletten an und denke mir, dass es doch vielleicht besser wäre still und leise aufzugeben, als diesen Rückschritt einzugestehen. In meinem Kopf ist so viel Grütze in diesen dunklen Momenten. 

Es sind nur noch ein paar Tage, bis ich meine Sachen erneut packe und in die dbt-Stadt fahre. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir wirklich unsre ‚Gang‘ zusammen gekriegt haben und wir aus allen möglichen Ecken dort hin fahren und uns sehen. Ich freue mich unheimlich auf meine Mädels, freue mich darauf F., meine Nachbarin aus der Klinik, wirklich wieder drücken zu können, denn ich hab sie seit der Entlassung nicht mehr gesehen, genauso wie M., und natürlich die anderen, die ich zwar zwischendurch gesehen habe, aber genauso schmerzlich vermisse. Ich höre jetzt schon das Quietschen, wenn wir uns sehen und freuen und in die Arme fallen. 

Der Gedanke ans Wochenende lässt mich momentan durchhalten. Die Feiertage haben mich viel Kraft gekostet, außerdem habe ich seit Sonntag mörderische Kopfschmerzen und beginnende Anzeichen einer Erkältung. Ich hoffe, dass sie sich im Beginn wieder verflüchtigt. Denn zusätzlich zur kaputten Psyche kann ich einen völlig streikenden Körper gerade wirklich nicht brauchen, es reicht schon, dass er sowieso ziemlich im Eimer ist gerade. 

Es ist so anstrengend jeden einzelnen Tag zu kämpfen. Ich hoffe Tag für Tag, dass es besser wird, einfacher, heller. Vielleicht hilft das Wochenende, ein wenig woanders sein, wunderbare Menschen um mich rum haben, raus aus dem Alltag. Und bis dahin gibt es eben soviel Selbstfürsorge wie ich gerade hinkriege, ohne in Selbsthass zu versinken. 

Drifting like a feather

Ich frage mich seit irgendwann in der letzten Nacht, wie ich eigentlich jahrelang mit einem schmerzenden Arm klar kam. Und zwar genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nacht aufgewacht bin, weil es eben weh tat. Der Schmerz unterscheidet sich nur wenig von dem Schmerz frischer Schnitte. Die Schrift tut überhaupt nicht weh, dafür die farbigen Schattierungen umso mehr. Teilweise genieße ich den Schmerz auch, denn – ja verdammte scheiße – es hat mir gefehlt. Aber auf der anderen Seite stört es mich auch. Beim schlafen, beim Einkaufen und dabei den Arm ausstrecken um nach etwas zu greifen, beim einfach-nur-da-sitzen, bei irgendwie fast allem. Vielleicht ist das wieder ein Punkt, der mir zeigt, dass ich weiter bin. 

Draußen schien gestern wieder mal die Sonne. Es war schön und warm und ich war auch vor der Türe und einkaufen (Applaus!) und in der Reha+Nachsorge (nochmal Applaus!). 

Der Rückweg wurde dann allerdings zur Herausforderung. Als ich aus dem Bus steige,  um dort die Straßenseite zu wechseln und auf der anderen Seite auf den Anschlussbus zu warten, fanden meine Knie an zu zittern und ich weiß nicht, ob meine Beine mich tragen werden. Im Anschlussbus wird mir schlecht. Der Fahrer fährt wie ein Idiot, jemand stinkt und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Den Weg von der Haltestelle nach Hause lege ich wie in Trance zurück, bemüht einfach weiter zu atmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Daheim muss ich mich an der Arbeitsplatte festhalten, während ich eine Dose öffne, einen Teil in den Teller schaufel und diesen dann in die Mikrowelle schiebe. Ich muss essen, unbedingt, sofort. Und beim besten Willen fällt mir nicht ein, wann ich zum letzten Mal „richtig“ gegessen habe. 

Ich habe dann den Rest des Abends auch in der Horizontalen verbracht. Mit Katerkind und Tee und Carcassonne auf dem Handy. 

Heute geht es meinem Kreislauf wieder besser. Ich werde wach, als das Katerkind anfängt mit meinen Füßen zu kämpfen und tobe mit ihm noch ein wenig im Bett, ständig auf der Hut, dass er meinem rechten Arm nicht zu nahe kommt. 

Die Sonne mag heute leider nicht so anwesend sein wie gestern, es sind fast 10 Grad weniger und ich werde wohl mit etwas langärmligen vor die Türe müssen später. Hmpf. Mein Tattoo findet frische Luft sicherlich besser als Stoff. 

Und ich hatte auch schon fast vergessen, wie nervig Wundpflege sein kann. Aber das ganze ist ja für eine gute Sache, auch wenn es derzeit aussieht wie ein schimmliger bunter Bluterguss. 

Ich bin unglaublich froh, dass ich nachher ein Date mit meinem Psychiater habe. Es gibt so vieles, das gerade einfach so furchtbar verkehrt läuft. Und kaum habe ich diesen Satz getippt merke ich, dass ich schon wieder mitten in Selbsthass und Perfektionismus stecke. Denn es gibt noch mehr Dinge, die trotz allem einfach funktionieren, teilweise sogar gut funktionieren. 

Mir bleiben noch 2 ½ Stunden, bevor ich aus der Haustür fallen und in Richtung Hauptstadt ziehen muss. Und ich versuche es zu nutzen, dass ich heute nicht ganz so furchtbar antriebslos bin und werde versuchen ein wenig produktiv zu sein. Beginnend mit Wundversorgung am schimmelnden Bluterguss. 

She lives in the clouds and talks to the birds.
Hopeless little one, she’s not like the other girls I know.

depressiv 1.1

Vor der Türe noch lächelnd die Nachbarin grüßen und ein paar Worte wechseln. Hinter der Haustüre dann heulend auf den Boden sinken. Nach außen versuche ich den Schein zu wahren. Versuche so gut es geht das Bild aufrecht zu erhalten, dass die meisten Menschen von mir haben. Versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es gerade eigentlich in mir aussieht. Nur wenigen Menschen gegenüber bin ich ehrlich. Ein paar Freunde wissen es, die Pflegemenschen auf „meiner“ Station kriegen eine ehrliche Antwort, wenn sie fragen. Und die Anonymität des Internets lässt mich die Maske absetzen. Doch sonst versuche ich ein anderer Mensch zu sein als ich gerade eigentlich bin. 

Nur wenige kennen diese Dunkelheit momentan. Die Heftigkeit, mit der es mich gerade mal wieder umhaut und mir den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Alles ist so ein Kampf derzeit, ein solcher Kraftakt. Selbst einfach nur zu atmen fällt so unglaublich schwer und ich sehne mich nach einer Klinge, die meine Haut zerteilt, die diese Leere füllt, die mich lebendig werden lässt. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt, es geht um endgültige Auswege und Schlussstriche, die ich nicht nur auf meinen Armen ziehe. 

Es ist so schwer derzeit und ich weiß eigentlich nicht, wie ich das schaffen soll. Wie ich durchhalten soll, bis es endlich wieder besser wird. Und mit jedem Tag stapeln sich mehr und mehr Dinge, die ich erledigen sollte, die ich tun muss, die ich immer mehr vor mir her schiebe. 

Seit heute merke ich auch die körperlichen Folgen, die diese ganzen Tage haben. Ich merke, dass mein Körper dringend anständige und regelmäßige Nahrungszufuhr braucht. Doch ich schaffe es nicht, ich kriege es nicht hin. Wie gerne würde ich gerade flüchten, irgendwo hin in Sicherheit, und wenn diese Sicherheit die Klinik bedeutet. Aber es wäre ein Rückschritt, ein Versagen, ein weiteres Zeichen, dass ich es nicht schaffe. 

Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Bis es wieder heller wird, bis ich nicht mehr nur noch überleben muss. Weiter, einfach weiter. 

depressiv 

Am Montag war ich zum ersten Mal bei der Nachsorge in der Reha-Klinik. Es ist eine Gruppe mit allen möglichen Menschen, ich bin mal gespannt was noch so auf mich zukommt dort. Die Therapeutin mag ich auf jeden Fall. 

Heute stand um halb 8 ein Arzttermin auf dem Plan. Vermutlich wird meine Hausärztin ’nen Koller kriegen, wenn sie meine Blutwerte sieht. Essen klappt derzeit nämlich quasi gar nicht. 

Vor 3 Tagen fiel mir dann auf, dass ich die letzte Zeit versehentlich nur die Hälfte meiner Abendmedis genommen habe. Es wäre eine mögliche Erklärung für das aktuelle Loch. Und auch für mich die ‚einfachste‘, denn daran kann ich ja relativ schnell etwas ändern. Beziehungsweise habe ich schon, denn direkt abends habe ich dann wieder die richtige Dosis genommen. 

Neben der Erleichterung, dass es einen so logischen Grund für das Loch geben könnte, sind da auch Selbstvorwürfe. Wie dämlich konnte ich denn sein? Ich weiß, welche Konsequenzen es hat Medis zu vergessen oder falsch zu nehmen und ich bin so froh, dass es mit der aktuellen Medikation so gut funktioniert. Und dann nehm ich die falsche Dosis, Glückwunsch. Ich könnte mir echt selber in den Hintern beißen. 

Und da wären wir dann mal wieder beim leidigen Thema Selbsthass. Momentan könnte ich unendlich viele Dinge aufzählen, die nicht funktionieren. Die ich nicht schaffe, die mich überfordern, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann dies nicht und das nicht, müsste hier und dort, sollte man dieses und jenes. 

Doch ich versuche es nicht zuzulassen. Ich versuche die Dinge zu sehen, die gut funktionieren. Ich bin immer noch selbstverletzungsfrei. Die Suizidgedanken sind relativ leise und gut auszuhalten. Und obwohl es so schwer ist war ich bisher doch irgendwie jeden Tag vor der Türe, ob nun ’nur‘ zum Einkaufen oder um einen Freund in der Klinik zu besuchen. Und ich habe es auch geschafft jeden Tag mindestens ein wenig im Haushalt zu tun. Ich bin also eigentlich nicht völlig unfähig derzeit, auch wenn es sich so anfühlt. 

Morgen bin ich mit Mama verabredet und am Sonntag kriege ich mein Tattoo. Ich freue mich schon total. 

Ich versuche einfach weiter zu machen und zu hoffen, dass es schnell wieder vorbei geht. Auch wenn es sich gerade so endlos anfühlt, ich weiß, dass es wieder vorbei gehen wird. Ich muss nur da durch. Ich muss ’nur‘ den Druck aushalten und die Grütze in meinem Kopf. Es wird besser. Es wird besser. Es wird besser. Nur nicht aufgeben.  

Möp. 

Ich fühle mich leer. Ich habe wieder Selbstverletzungsdruck. Und Suizidgedanken. 

Ich habe Angst, dass ich auf dem besten Weg bin wieder in einer depressiven Phase zu landen. Ich habe Angst davor, doch ich schaffe es auch nicht etwas dagegen zu tun. 

Ich habe es immerhin geschafft mich anzuziehen und einzukaufen. 5 Stunden habe ich nach dem Aufstehen gebraucht bis dahin. Dann habe ich tatsächlich noch was gekocht und gegessen. Und das war’s dann auch schon wieder mit produktiv sein. 

Viel zu wenig für meine Ansprüche. Doch ich kann es nicht ändern. Alles schimpfen und toben und wütend auf mich sein bringt nichts. Ich schaffe es nicht irgendwas zu tun. 

Es ist nun der zweite Tag in Folge. Ich versuche mich nicht im Selbsthass zu verlieren, versuche es einfach zu akzeptieren, versuche die Gefühle einfach da sein zu lassen. Versuche einfach zu atmen. 

Morgen wird es besser. Das sage ich mir immer und immer wieder, versuche mich daran festzuhalten, versuche mich damit durch die Stunden zu retten. Ich versuche den Berg an Dingen, der vor mir liegt, einfach zu vergessen, weil ich sonst vermutlich die totale Krise kriege. 

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Minute für Minute, Skill für Skill. Einfach weiter machen. 

Kraftlos 

Vor genau zwei Jahren sah meine Wohnung noch ein wenig anders aus als jetzt. Nämlich so:

Damals waren gerade einige meiner Bücher hier eingezogen. Auch heute stapeln sie sich noch gerne irgendwo auf dem Boden. Ich habe einfach zu wenig Regal und zu wenig Platz für noch mehr Regal. 

Vor zwei Jahren habe ich begonnen umzuziehen. Mittlerweile bin ich definitiv hier angekommen in diesen 4 Wänden und fühle mich wohl. Vor allem auch wegen den 4 flauschigen Mitbewohnern. 

Die Zeit bei meiner Mutter war anstrengend. Nicht zuletzt durch den Besuch meines Großonkels, der sich vier Stunden lang mit unglaublich blödem Gerede in Mamas Wohnung breit machte. Ich habe das Gefühl, dass er mit jedem Lebensjahr mehr noch anstrengender wird. 

Die Zeit bei ihr hat mich eine Menge Kraft gekostet. Vor allem der Herr Großonkel mit seiner Lautstärke, seinen doofen Aussagen und seinem ständig irgendwo berühren und knutschen und Krams. Bäh. Und dementsprechend hänge ich gerade auch rum. Völlig Matsch. Und mit gleichzeitig völligem Unverständnis für mich selbst, weil es mich ankotzt so kraftlos zu sein. Und der Ärger über mich selbst kostet dann die wenige Energie, die ich überhaupt habe. 

Also habe ich mich nun für einen Neustart des Tages entschieden. Einfach nochmal ins Bett und nachher nochmal aufstehen, mit der Hoffnung, dass es dann besser ist. 

Es ist anstrengend, dieses kaputte Leben mit einer kaputten Psyche und viel zu wenig Energie für die alltäglichen Dinge. Ich muss dabei immer an die Löffel-Theorie denken und es bestätigt sich immer wieder, dass ich eben nur eine begrenzte Anzahl Löffel habe. Und wenn ich mehr nutze als eigentlich zur Verfügung stehen, dann fehlen sie in den darauffolgenden Tagen. 

Also einfach reset und reboot. Vielleicht funktioniert es, vielleicht ist der Tag nachher nicht mehr ganz so düster.