Passierschein A38

Schlaf klappt natürlich überhaupt nicht. Ich tigere durch die Wohnung, gehe ins Bett und stehe wieder auf, unzählige Male. Der Zitronenkater hebt nur kurz den Kopf, dreht sich ein wenig und schläft weiter. Selbst die Möhrchen bewegen sich keinen Zentimeter. Irgendwann bin ich mit der letzten Folge meiner Serie fertig und weiß nicht, was ich nun kucken soll. Und ich bin verzweifelt. Die Antriebslosigkeit kombiniert mit Schlaflosigkeit, die natürlich noch weniger Antrieb und noch mehr Matsch als eh schon bringt, treiben mich in den Wahnsinn. Ich rufe in der Klinik an und quatsche Pfleger Andreas voll mit all dem Chaos derzeit. Es tut gut das ganze ein wenig loszuwerden. Und zu wissen, dass die Menschen dort einfach da sind. 

Draußen wird es hell, die Vögel fangen an zu brüllen. Der Herr Kater wird wach und beschließt, dass 5 Uhr die perfekte Uhrzeit ist um durch die Bude zu rennen bis sämtliche andere Mitbewohner hellwach und aus den Federn sind. Als ich mich dann mit den Augen auf Halbmast an einer Tasse Tee festhalte und die Möhris quietschen durch ihr Zuhause flitzen, rollt sich der Herr auf meinem Schoß zusammen und schläft wieder ein. Super. 

Doch ich schaffe es endlich jemanden im Ministerium zu erwischen, der auch tatsächlich zuständig ist und erfahre, dass die Schule mir ein Zeugnis ausstellen muss. Also packe ich kurzerhand meine Sachen, schnappe die Zeugnismappe und fahre hin. Dort muss ich der Dame im Sekretariat erst drei Mal erklären, dass ich an DIESER Schule den Abschluss gemacht habe (klar, wer kennt das nicht: für ein Zeugnis fährt man einfach mal zu irgend einer Schule in der Umgebung…), dann noch drei Mal, dass ich kein Duplikate meines Abschlusszeugnisses will sondern ein Zeugnis über die Fachhochschulreife, dann wieder, dass ich an DIESER FUCKING SCHULE den Abschluss gemacht habe, um dann zu erfahren, dass ich zur Abteilungsleiterin soll, die aber erst am Donnerstag wieder Sprechstunde hat. Asterix und der Passierschein A38… 

Da ich aber eh schon an der Schule bin besuche ich noch den Koffeindealer schräg gegenüber, der mir während der Schulzeit regelmäßig das Leben mit Koffein, Futter, Süßigkeiten und lieben Worten gerettet hat. 

Die liebe fylgja ruft zufällig gerade an, als ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof mache und versüßt mir ein wenig die Wartezeit mit quatschen und gemeinsamem Rauchen. 

Auf dem Weg zurück nach Hause, mit völlig fertigem Kreislauf und zitternd und hundemüde, bin ich dann so vertieft darin zu lesen, dass ich völlig an meiner Haltestelle vorbei fahre und fast im Nachbarbundesland lande. Also aussteigen und auf den Zug zurück warten. Dabei will ich einfach nur noch ins Bett, mir ist unglaublich kalt und ich bin unglaublich fertig. Eigentlich sollte ich versuchen wach zu bleiben, aber das schaffe ich beim besten Willen nicht. Also müssen wenigstens ein paar Stunden Schlaf sein, dann stehe ich auf und koche mir was zu mampfen, suche noch die Unterlagen, die ich für den Termin beim Psychiater morgen brauche, versorge die Tierchen und bespaße den Kater und kippe wieder ins Bett und kann hoffentlich dann die Nacht durchschlafen. Langsam aber sicher hab ich völlig die Nase voll. 

depressiv 1.2

Gerade merke ich mal wieder, wie labil dieses Konstrukt ‚Stabilität‘ eigentlich ist. In der Nacht auf Donnerstag fand ich keinen Schlaf. Erst am Mittag konnte ich für ein paar Stunden die Augen schließen und in Träume versinken. Und dementsprechend fertig war ich dann auch. Tag-Nacht-Rhythmus völlig im Eimer, Anspannung, Druck, Suizidgedanken, das volle Programm. Und obwohl ich dank Medis mittlerweile wieder einigermaßen ’normal‘ ins Bett gehe und aufstehe, so bin ich seitdem einfach noch kaputter als zuvor. 

In der letzten Nächten kämpfe ich mit mir, ob ich zum Telefon greifen soll, ob ich in der Klinik anrufe, ob ich ein wenig Erleichterung suchen soll von dem Chaos in mir. Doch ich tue es nicht. Zu sehr fühlt es sich nach Rückschritt an, zu sehr schmerzt der Gedanke Worte zu sprechen, die ich vor so langer Zeit so oft gesprochen habe. Ich weiß, rational, dass es Unsinn ist. Dass ‚gesund werden‘ keine gradlinige Sache ist. Dass es im Moment so ganz anders ist als früher, denn ich habe mich nicht verletzt und der Gedanke ans Aufgeben ist zwar im Kopf, aber ist absolut keine Option. Und dennoch… Es fühlt sich so sehr nach Rückschritt an. Doch zu sehr sind diese Gedanken und Gefühle in mir verwurzelt. Und für einen kleinen Moment blicke ich die Kiste mit den Tabletten an und denke mir, dass es doch vielleicht besser wäre still und leise aufzugeben, als diesen Rückschritt einzugestehen. In meinem Kopf ist so viel Grütze in diesen dunklen Momenten. 

Es sind nur noch ein paar Tage, bis ich meine Sachen erneut packe und in die dbt-Stadt fahre. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass wir wirklich unsre ‚Gang‘ zusammen gekriegt haben und wir aus allen möglichen Ecken dort hin fahren und uns sehen. Ich freue mich unheimlich auf meine Mädels, freue mich darauf F., meine Nachbarin aus der Klinik, wirklich wieder drücken zu können, denn ich hab sie seit der Entlassung nicht mehr gesehen, genauso wie M., und natürlich die anderen, die ich zwar zwischendurch gesehen habe, aber genauso schmerzlich vermisse. Ich höre jetzt schon das Quietschen, wenn wir uns sehen und freuen und in die Arme fallen. 

Der Gedanke ans Wochenende lässt mich momentan durchhalten. Die Feiertage haben mich viel Kraft gekostet, außerdem habe ich seit Sonntag mörderische Kopfschmerzen und beginnende Anzeichen einer Erkältung. Ich hoffe, dass sie sich im Beginn wieder verflüchtigt. Denn zusätzlich zur kaputten Psyche kann ich einen völlig streikenden Körper gerade wirklich nicht brauchen, es reicht schon, dass er sowieso ziemlich im Eimer ist gerade. 

Es ist so anstrengend jeden einzelnen Tag zu kämpfen. Ich hoffe Tag für Tag, dass es besser wird, einfacher, heller. Vielleicht hilft das Wochenende, ein wenig woanders sein, wunderbare Menschen um mich rum haben, raus aus dem Alltag. Und bis dahin gibt es eben soviel Selbstfürsorge wie ich gerade hinkriege, ohne in Selbsthass zu versinken. 

Drifting like a feather

Ich frage mich seit irgendwann in der letzten Nacht, wie ich eigentlich jahrelang mit einem schmerzenden Arm klar kam. Und zwar genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nacht aufgewacht bin, weil es eben weh tat. Der Schmerz unterscheidet sich nur wenig von dem Schmerz frischer Schnitte. Die Schrift tut überhaupt nicht weh, dafür die farbigen Schattierungen umso mehr. Teilweise genieße ich den Schmerz auch, denn – ja verdammte scheiße – es hat mir gefehlt. Aber auf der anderen Seite stört es mich auch. Beim schlafen, beim Einkaufen und dabei den Arm ausstrecken um nach etwas zu greifen, beim einfach-nur-da-sitzen, bei irgendwie fast allem. Vielleicht ist das wieder ein Punkt, der mir zeigt, dass ich weiter bin. 

Draußen schien gestern wieder mal die Sonne. Es war schön und warm und ich war auch vor der Türe und einkaufen (Applaus!) und in der Reha+Nachsorge (nochmal Applaus!). 

Der Rückweg wurde dann allerdings zur Herausforderung. Als ich aus dem Bus steige,  um dort die Straßenseite zu wechseln und auf der anderen Seite auf den Anschlussbus zu warten, fanden meine Knie an zu zittern und ich weiß nicht, ob meine Beine mich tragen werden. Im Anschlussbus wird mir schlecht. Der Fahrer fährt wie ein Idiot, jemand stinkt und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Den Weg von der Haltestelle nach Hause lege ich wie in Trance zurück, bemüht einfach weiter zu atmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Daheim muss ich mich an der Arbeitsplatte festhalten, während ich eine Dose öffne, einen Teil in den Teller schaufel und diesen dann in die Mikrowelle schiebe. Ich muss essen, unbedingt, sofort. Und beim besten Willen fällt mir nicht ein, wann ich zum letzten Mal „richtig“ gegessen habe. 

Ich habe dann den Rest des Abends auch in der Horizontalen verbracht. Mit Katerkind und Tee und Carcassonne auf dem Handy. 

Heute geht es meinem Kreislauf wieder besser. Ich werde wach, als das Katerkind anfängt mit meinen Füßen zu kämpfen und tobe mit ihm noch ein wenig im Bett, ständig auf der Hut, dass er meinem rechten Arm nicht zu nahe kommt. 

Die Sonne mag heute leider nicht so anwesend sein wie gestern, es sind fast 10 Grad weniger und ich werde wohl mit etwas langärmligen vor die Türe müssen später. Hmpf. Mein Tattoo findet frische Luft sicherlich besser als Stoff. 

Und ich hatte auch schon fast vergessen, wie nervig Wundpflege sein kann. Aber das ganze ist ja für eine gute Sache, auch wenn es derzeit aussieht wie ein schimmliger bunter Bluterguss. 

Ich bin unglaublich froh, dass ich nachher ein Date mit meinem Psychiater habe. Es gibt so vieles, das gerade einfach so furchtbar verkehrt läuft. Und kaum habe ich diesen Satz getippt merke ich, dass ich schon wieder mitten in Selbsthass und Perfektionismus stecke. Denn es gibt noch mehr Dinge, die trotz allem einfach funktionieren, teilweise sogar gut funktionieren. 

Mir bleiben noch 2 ½ Stunden, bevor ich aus der Haustür fallen und in Richtung Hauptstadt ziehen muss. Und ich versuche es zu nutzen, dass ich heute nicht ganz so furchtbar antriebslos bin und werde versuchen ein wenig produktiv zu sein. Beginnend mit Wundversorgung am schimmelnden Bluterguss. 

She lives in the clouds and talks to the birds.
Hopeless little one, she’s not like the other girls I know.

Voller Tag

Aktuell frage ich mich, ob das Ding auf meinem Hals eigentlich auch einen Nutzen hat. Mein Hirn ist ein Sieb, ein verdammt großmaschiges Exemplar. 

Gestern stehe ich schon vorm Supermarkt, als mir einfällt, dass ich meinen Geldbeutel zuhause vergessen habe. Also wieder zurück, Geldbeutel holen, einkaufen und wieder zurück, weil ich die Unterlagen zuhause habe liegen lassen. Und auch heute morgen wieder ein ähnliches Spiel, im Supermarkt stelle ich fest, dass meine Fahrkarte noch zuhause liegt. Zum Glück bin ich früh dran, denn ich werde kurz nach der Weckzeit für die Klinik von alleine wach, habe aber noch über eine Stunde, bis überhaupt mal der Wecker klingelt. Der Termin beim Psychiater ist ausnahmsweise mal nicht mitten in der Nacht. 

Ich brauche also definitiv wieder eine Handyhülle mit Fächern. Aktuell habe ich eine Tasche zum reinstecken, die lasse ich aber gerne liegen. Die Klapphülle war da praktischer, denn die ist eben am Handy dran. Allerdings gibt es noch nicht wirklich viel Auswahl, da das Handy seit noch nicht mal ganz 4 Wochen auf dem Markt ist. Hmpf. 

Und während ich zum zweiten Mal aus dem Haus gehe, piepst das Handy und zeigt mir eine neue Mail. „Ihr Kontowecker hat geklingelt!“ steht da und ich mache einen Luftsprung, denn ich habe endlich Geld bekommen. Nach 7 Wochen auch definitiv mal Zeit. Ich frage mich zwar für welchen Zeitraum das nun ist, denn die Höhe ist für die kompletten 7 Wochen echt ziiiiemlich gering, aber da werde ich wohl auf den Bescheid im Briefkasten warten müssen. Falls es wirklich nur der Betrag für die Zeit ist, dann habe ich ein Problem, denn es ist deutlich weniger als mir beispielsweise mit alg2 zustehen würde. Aber ich hoffe einfach, dass es erstmal ein Teilbetrag war und hoffe weiter, dass der Rest nicht wieder Ewigkeiten auf sich warten lässt. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, auch wenn das angesichts der Bürokratie der Rentenversicherung ziemlich schwer fällt. 

Bei meinem Psychiater warte ich erst einmal. Und warte. Und warte. Als ich endlich dran bin sind fast 3 Stunden vergangen seit meinem eigentlichen Termin. Ich weiß ja, dass es immer etwas länger dauert, aber heute ist es extrem. Dennoch bin ich gut gelaunt, denn ich habe die Wartezeit mit Handy und Buch gut überstanden. 

Mein Psychiater schaut mich mit großen Augen an, als ich erzähle, dass ich ‚einfach mal so‘ am Trauma gearbeitet habe und immer noch selbstverletzungsfrei bin. Er sagt, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen kann, dass das von großem Kämpfergeist zeigt. Meine Erwiderung unterbindet er direkt, denn er weiß, dass ich sowieso nur etwas sagen werde um es runter zu spielen. Und ich muss lächeln, denn er hat einfach recht. 

Da die Arzthelferinnen mittlerweile in der Pause sind, versucht der Psychiater selber das Btm-Rezept zu drucken und scheitert. Also bittet er mich später nochmal zu kommen und ich mache mich auf den Weg Richtung Jugendzentrum, denn ich war lange nicht mehr dort und mag meine ehemaligen Kollegen sehen und ein paar der Kids. 

Es tut gut dort zu sein und zu quatschen, ein paar der Kids zu drücken, in Erinnerungen zu schwelgen und Neues zu erfahren. Mir fehlt es zu arbeiten, doch ich merke auch, dass es mich überfordern würde derzeit. Die Lautstärke, der Trubel, es ist viel. Aber dennoch schön. 

Einige Stunden später ziehe ich wieder zum Psychiater, inklusive Rezept dann zur Stadtbibliothek, um mir dort einen Ausweis zu besorgen und dann zum Bahnhof. Auf dem Weg merke ich, dass mein Kreislauf langsam versagt und mir fällt auf, dass ich (mal wieder) völlig vergessen habe zu essen. Prima. Also nichts wie heim, kurz noch im Supermarkt vorbei im Ort und einkaufen und dann Sofa und was essen. So zumindest der Plan. Doch mein Körper hat langsam wohl keine Lust mehr darauf so sträflich vernachlässigt zu werden. Auf dem Weg die Treppen hoch zum Bahnsteig (die Rolltreppe ist natürlich ausgerechnet heute kaputt…) ist dann eben Ende und ich finde mich kurze Zeit später auf den Stufen wieder, umringt von ein paar Menschen. Während ich versuche meinen wirren Kopf zu sortieren und mich zu erinnern, wie zum Teufel ich nun auf den Stufen gelandet bin, versuche die fragenden Menschen zu beruhigen, dass es nur der Kreislauf ist und eigentlich wieder von den Stufen aufstehen möchte, steht plötzlich ein Sanitäter vor mir, den ein besorgter Mensch gerufen hat. Nachdem er mich kurz einige Sachen gefragt (was ist los, sind Sie okay, wie heißen Sie) und die Menschentraube ein wenig verscheucht hat, will er mich gemeinsam mit meinem Kollegen zum Krankenwagen bringen, woraufhin ich protestiere. „Mir ist nur der Kreislauf kurz abgestürzt, mir geht’s gleich besser.“ sage ich und will das demonstrieren, indem ich aufstehe, doch meine zitternden Beine machen da nicht mit und es beginnen schwarze Punkte vor meinen Augen zu tanzen, also stoppe ich auf halbem Weg und lasse mich wieder auf die Stufen sinken. „Ja, ich seh’s.“ erwidert der Sanitäter und so lande ich doch im Krankenwagen mit Blutdruck- und Pulsmessung und noch einem Berg Fragen. Mein Blutdruck ist viel zu niedrig, mein Puls zu hoch. Nach der Fragerunde, den Infos über meine Medikamente (vermutlich von allem wegen BTM…), meiner Äußerung, dass meine letzte Mahlzeit ein klein wenig länger zurück liegt, meinen Narben auf den Armen und meinem wirren Kreislauf ist es den Sanitätern wohl ein wenig zu heikel mich ziehen zu lassen und sie karren mich ins Krankenhaus. Dort beginnt das Fragespiel von neuem, bis ich irgendwann unterbreche, weil mir so unglaublich übel ist. Daraufhin kommt eine nette Ärztin, fragt nochmal kurz, hängt mich an eine Infusion und setzt dann die Fragerei fort. Sie erkennt letztendlich, dass es wirklich nur der Kreislauf ist, ich weder Drogen genommen habe noch sonst was angestellt, bittet mich nach Ende der Infusion nicht alleine heimzufahren, sondern jemanden anzurufen zum Abholen, ermahnt mich besser auf mich zu achten und zieht von dannen. 

Also rufe ich Mama an, sage ihr, dass sie unterwegs noch etwas essbares aufgabeln soll und mich dann bitte abholen und heim bringen. 

Nun liege ich endlich in meinem Bett. Erledigt vom Tag und dem kurzen Krankenhausintermezzo. Eigentlich war es völlig unnötig, ich kann aber auch verstehen, dass die Sanitäter auf Nummer sicher gehen wollten. 

Vielleicht war so eine Warnung meines Körpers auch mal nötig, ich muss wirklich mehr auf mich achten. 

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Ich öffne die Augen und schaue, beleuchtet von meinem Nachtlicht, in weit aufgerissen Kateraugen, die Pupillen tief schwarz und so riesig, dass sich die Augenfarbe nicht mehr erkennen lässt. Der Zitronenkater hat seinen Schwanz aufgeplustert, die Haare entlang der Wirbelsäule stehen zu Berge und lassen ihn ein wenig sie einen Stegosaurus aussehen, er faucht mir ins Gesicht und schickt ein tiefes Grollen hinterher. Erst da wird mir bewusst, dass ich von meinem eigenen Schrei erwacht bin und dabei das Katerkind wohl ziemlich erschreckt habe. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich nicht mal eine Stunde geschlafen habe. Katerkind miaut mich an, stubst mich mit seiner kleinen kalten Nase an, schiebt seinen Kopf unter meine Hand und lässt sich kraulen. Dann kämpft er einen Moment mit der Decke, bis er den Weg darunter findet und schmiegt sich dicht an meine Brust, sein Gesicht an meine Backe gedrückt. Er mauzt mir leise ins Ohr und wieder einmal bin ich so glücklich über den Fellhaufen, der mir so viel Wärme und Liebe gibt. 

Eingeschlafen bin ich gegen 3 Uhr. Nun ist es kurz nach 4, meine Nacht ist gelaufen. Mein Herzschlag beruhigt sich langsam, mein Atem wird ruhiger. Ich tippe auf den Bildschirm des Tablets und starte eine Folge „Orange is the new black“. Ich schließe die Augen, lausche den Stimmen und Geräuschen. So liege ich 3 Stunden im Bett, das Katerkind schläft mit meiner Hand auf seinem Rücken und zuckt ab und an mit den Pfoten. Dann drehe ich mich zweimal um, bis ich die Bettkante erreiche und stelle meine Füße auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich meinen Beinen vertrauen kann, weiß nicht, ob sie mich tragen. Mit zitternden Beinen schaffe ich es ins Bad, füttere auf dem Rückweg zum Wohnzimmer den Kater und schnappe zwei Äpfel, um sie den Meeris kleimzuschneiden. Flocke kommt wie immer angeflitzt und schnappt sich ein Stück aus meiner Hand, Caramell traut sich nicht so ganz, nimmt aber ein Stück, als ich meine Hand vorsichtig direkt vor ihre Nase halte, Caro versteckt sich ganz hinten in der Ecke und kommt erst hervor, als ich auf dem Sofa sitze. 

Irgendwann mache ich mich fertig, ziehe mich an und fahre zu meiner Ärztin. Ich bin kaputt, müde und mein Kopf dröhnt. Ich tue also heute genau das, was ich seit der dbt immer wieder aufs neue lerne und versuche: meine eigenen Grenzen achten. Ich fühle mich zu kaputt und zu labil, um heute Sport, Traumagruppe und Körpererfahrung zu machen. 

Die Ärztin ist so lieb wie immer und ich bin wieder einmal froh, dass ich bei ihr gelandet bin. Als ich mich auf den Weg zurück nach Hause mache fängt es draußen an zu schneien. 

Ich versuche zu schlafen, doch es funktioniert nicht. Obwohl ich einfach nur müde bin, mein Kopf dröhnt und mein Körper nicht mehr will. Also krieche ich wieder aus dem Bett, N. kommt mit einer Kiste Cola und Leckereien für die Meeris vorbei. 

Danach hänge ich einfach nur kraft- und lustlos auf dem Sofa. Wandere wieder ins Bett, doch Schlaf lässt sich immer noch keiner finden. Meine Augen sind rot, als ich in den Spiegel kucke, der Rest sieht auch nicht besser aus. Trotzdem gehe ich aus der Türe und in Richtung Supermarkt, denn ich habe das Gefühl wenigstens ein paar Minuten lang sowas wie Normalität aufrecht erhalten zu müssen. Versteckt unter meiner Kapuze besorge ich ein paar Dinge, die ich brauche, und ziehe wieder nach Hause zu meinem Sofa. Dort bekuschel ich das Katerkind und merke nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit scheint etwas sehr merkwürdiges zu sein im Moment. Einige Minuten ziehen sich bis ins Unendliche, Stunden verfliegen wie Sekunden. Ich mag mich verletzen, einfach nur weil ich weiß, dass ich danach entspannt bin und definitiv schlafen kann. Doch selbst dazu bin ich zu kraftlos. Der Gedanke das Ganze dann versorgen zu müssen, vermutlich sogar versorgen lassen zu müssen, schreckt mich ab. Es ist mir zu viel, zu anstrengend. Außerdem sind es doch nur noch einige Wochen bis zum Jahr. Und das will ich so gerne feiern, feiern mit A. und Pfleger Arschkeks stolz davon berichten und einfach stolz auf mich sein. Das mag ich nicht aufgeben. So sehr ich mich auch nach Ruhe und Schlaf und Entspannung sehne, es ist der falsche Weg. Stattdessen werde ich mir gleich einfach eine Tablette mehr als üblich zum Schlafen einwerfen und darauf zählen, dass der Schlafmangel und die Dosis mich zuverlässig weghauen. Morgen kann ich ausschlafen, ich brauche nicht aufstehen. Und dann habe ich genug Zeit in meiner Wohnung ein paar Dinge zu machen und vielleicht in die Stadt zu fahren und die Fotos entwickeln zu lassen. 

Irgend eine gesunde Mischung aus Gammeln und halbwegs produktiv sein. Weiter machen und weiter atmen. Es wird wieder bessere Tage geben. Tag für Tag, Schritt für Schritt, Skill für Skill sagt die Stimme von Schwester Nathalie in meinem Kopf. Und sie hat verdammt recht. 

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Es ist zu früh. Ich fühle mich zerschlagen. Mein Kopf schmerzt. Das tut er nun den dritten Tag in Folge und ich glaube ich werde krank. 

Schon bevor ich los fahre weiß ich, dass ich heute nicht den ganzen Tag aushalten werde. Ich werde bleiben bis zur letzten Blutzuckermessung und dann PMR und Körpererfahrung sausen lassen. Morgen und Donnerstag sieht mein Plan zum Glück etwas leerer aus und ich habe bis dahin hoffentlich auch wieder mehr Kraft und weniger Kopfschmerzen. 

Nach dem Frühtreff spreche ich die Co-Therapeutin an und sage ihr, dass ich das heute nicht schaffe. Ich sage ihr, dass ich nach der Blutzuckermessung gehen werde und sie lächelt mich an und wünscht mir, dass es morgen besser sein wird. 

Ich habe endlich etwas gegessen. Vor der Messung durfte ich ja nicht. Nun bin ich gespannt, was mein Blutzucker so mitteilen wird. Bei der Blutabnahme zu Beginn hier war der Wert leicht erhöht, vermutlich habe ich zu spät noch irgendwas gegessen, jedenfalls war hier erstmal Drama. Genauso interessant fand die Oberärztin aber auch den Drogentest. Erstmal war sie verwirrt über die Anordnung (der Arzt war der Meinung, dass „vor ungefähr einem Jahr mal gekifft“ sicherlich einen regelmäßigen Drogenkonsum bedeutet) und dann noch verwirrter darüber, dass er negativ ausfiel. Einen Arzt, der sich über einem negativen Drogentest beschwert, habe ich zuvor auch noch nicht erlebt. Aber es ist verständlich, denn eigentlich müsste der Test auf Amphetamine positiv sein, ich nehme immerhin Methylphenidat. Naja. 

Nun hänge ich im Eingangsbereich auf dem Sofa. Ich fühle mich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Einzig positiv: ich bin zu Matsch für Anspannung. 

Ich warte auf den Beginn der Bewegungsgruppe. Aber auch nur, damit ich mich abmelden kann. Warum die Gruppe für draußen bei mir auf dem Plan steht verstehe ich absolut nicht, ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bei unebenem Gelände Probleme habe mit dem Sprunggelenk, bei den Temperaturen erst recht. Draußen rumzujoggen ist also das letzte was ich machen werde, erst recht an einem solchen Tag wie heute. 

Stattdessen werde ich in aller Ruhe nach Hause fahren. Mich eine Weile im Bett verkrümeln, ein wenig schlafen, Kraft tanken. Dann Gemüse schnibbeln und Kartoffeln schälen und Kartoffelsuppe kochen. Den Kater ein wenig bespaßen, bekuscheln. Vielleicht das Außengehege der Schweinenasen in der Wohnung aufbauen und ihnen ein wenig Auslauf gönnen. Und dem Kater vermutlich ein wenig Spaß. 

Gutes tun. Heute ganz viel. Ich brauche es so sehr, Selbstfürsorge, auf mich achten. An solchen Tagen sehne ich mich unglaublich danach einfach nochmal Kind zu sein, mich im Bett verkriechen zu können, mir von Mama Kamillentee bringen zu lassen, Geschichten auf Kassette zu hören und mir von ihr etwas vorlesen zu lassen. Das sind die einzigen positiven Erinnerungen, die ich an Kranksein als Kind habe, die Momente, in denen ich bei ihr war. Bei meinem Vater musste ich immer zur Schule, egal wie es mir ging. Nur eine Sache ist mir positiv im Gedächtnis hängen geblieben, als ich einmal völlig fertig abends im Bett lag und mich fühlte als würde ich sterben, brachte er mir eine CD-Sammlung mit Kindergeschichten vom Einkaufen mit. Für mich war das wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag gleichzeitig. 

In den letzten Tagen denke ich oft darüber nach, dass ich doch auch mal die positiven Erinnerungen aufschreiben müsste. Doch da ist so wenig, dass nicht von irgendwas getrübt ist. 

Mein Vater hatte die Angewohnheit sich mittags hinzulegen am Wochenende. Diese Stunden waren für mich als Kind immer qualvoll, weil ich mich so beschäftigen musste, dass er nicht aufwacht. Raus gehen fiel deswegen auch oft flach, denn das war zu laut. Und in den ersten Jahren hatte ich noch nicht mal ein eigenes Zimmer. 

Also flüchtete ich mich in meine Phantasiewelt. Spielte Geschichten nach, stundenlang, begleitet von Kassetten und den Geschichten. 

Später waren diese Stunden für mich eine Erlösung. Ich musste nicht aufpassen, nicht auf der Hut sein. Ich las stundenlang, später schlich ich leise ins Wohnzimmer und holte das Telefon, telefonierte heimlich mit meiner Mama oder mit meiner Therapeutin, wenn ich die Welt gerade nicht aushielt. 

In einer Stunde habe ich Traumagruppe. Dann Essen, ein wenig warten, Blutzuckermessung, ab nach Hause. Es zieht sich, aber es ist absehbar und es macht es mir leichter, dass ich nicht so lange aushalten muss heute, mich nicht quälen muss. 

Die letzten Tage 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich irgendwann mal über Kopfschmerzen freue. Denn damit erwache ich am Sonntag morgen. Leichte Kopfschmerzen. Im Vergleich zu den Schmerzen der zwei Tage zuvor ist es eine enorme Erleichterung. Auch die Übelkeit hält sich in Grenzen. 

Und so kann ich doch ein wenig produktiv sein. Ich drucke eine Ladung diary cards aus, ich spüle mein Geschirr, ich koche mir Spaghetti Bolognese und mampfe eine Portion mit viel Käse. Zwischendurch kraule ich immer wieder das Katerkind, telefoniere mit meinem Püffchen, schaue Serie. 

Nicht mal mehr 1 ½ Wochen. Dann kommt der Tag, vor dem ich letztes Jahr echt Angst hatte. Auch dieses Jahr kriege ich ein komisches Gefühl im Bauch, wenn ich daran denke. An diesem Tag vor zwei Jahren wurde ich auf der Intensivstation wieder wach. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Ergebnisse davor. An den RTW, an die Polizei, an den Notarzt der kam und an seine Worte, an die magischen zehn Minuten, die mich davor bewahrt haben nun nicht mehr da zu sein. Ich erinnere mich an meine Mutter neben meinem Bett. Und am deutlichsten an Schwester Nathalie und Schwester Sabine in der Klinik, an ihre Worte. 

Als es in der DBT um meine Behandlungsziele ging, da war eins für mich klar. Ich will nicht mehr an diesen Punkt. Ich will das nicht nochmal durchleben. Und die Suizidalität wurde dann auch zum obersten Therapieziel. Ich hätte nicht gedacht, dass ich da so viel ändern kann. Als es am Anfang darum ging, die Notausgangstür zu schließen, da dachte ich mir nur „jaja, is klar“. Mir war schon klar, dass ich daran arbeiten muss, ich wollte diese Türe auch schließen, aber das sich wirklich so viel daran ändern kann… Niemals hätte ich das geglaubt. Tja. Wie bei so vielen Dingen. 

Klar ist die Türe nie komplett zu. An manchen Tagen stehe ich mit der Klinke in der Hand da und werfe einen Blick durch den Spalt. Aber mehr passiert nicht. Die Türe öffnet sich nicht so weit, dass ich durchpassen würde. Ich stehe auch nicht mehr ständig daneben um raus zu springen und zu flüchten. Und so oft vergesse ich, dass es diese Option überhaupt gibt. 

Es macht vieles leichter. Ich merke, wieviel Kraft es mich immer gekostet hat diese Gedanken an Suizid auszuhalten, wieviel Kraft mich diese ständig offene Tür gekostet hat. Nun ist klar, dass es keine Option ist. Nicht mehr. Auch wenn die Gedanken da sind, auch wenn sie extrem werden, ich habe einen Lebensvertrag, ich habe klare Handlungsabfolgen bei hoher Suizidalität. Ich habe ein großes Stück mehr Sicherheit im Umgang mit mir in solchen Situationen. 

Gestern war ich zum ersten Mal wieder bei meiner Therapeutin. Ich habe ihr von der Klinik erzählt, von den Dingen, die seitdem anders sind, habe ihr den Lebensvertrag zum unterschreiben gegeben. Sie sagt mir, dass man mir ansieht, dass es besser ist, dass ich entspannter wirke, dass es nicht mehr so aussieht, als würde ich ständig mit aller Kraft gegen die Dinge in mir kämpfen. 

Ich erzähle ihr auch von dem Treffen mit meiner Kinder- und Jugendtherapeutin. Dass dieses Treffen einige Dinge geändert hat. Dass ihre Worte mir geholfen haben zu akzeptieren, dass die Dinge Wirklichkeit waren. Zu wissen, dass ihr bereits vor fast 14 Jahren klar war, was in mir tobt, hat es ein Stück weit mehr Realität werden lassen und mir geholfen es anzunehmen. Und es hat mir gezeigt, wie sehr sie damals an meiner Seite stand, wie viel sie mich unterstützt und mir geholfen hat und auch geschützt. 

Meine Therapiestunden sind aufgebraucht. Ich kann nur noch alle 4 Wochen kommen. „Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel.“ sagt sie zu mir. Im Notfall wird sie da sein, das weiß ich. Wenn es brennt, dann wird sie mich unterstützen und mir helfen. 

Morgen bin ich mit M. verabredet, wir werden wohl unser übliches Programm machen, die Zweier-Bordi-Gang on Tour. Und am Donnerstag wird meine Reha starten. Ich bin gespannt. Ich habe erstmal einen Berg Fragen für dort. Wie das mit den Medis laufen wird, wie es mit „Urlaub“ aussieht, mit den Terminen, die ich sonst noch so habe, wie die Therapien laufen werden und, und, und. 

Und bald steht dann unweigerlich mein Geburtstag vor der Tür. Vielleicht sollte ich ihn zweimal feiern. Am Tag des Suizidversuchs und am eigentlichen Tag. Ich könnte auch einfach dann gleich 3 Tage durchfeiern. 

Auch heute war ich relativ produktiv, ich war einkaufen, habe meine Schweinchen mit Salat und Gurke bombardiert (bei den Preisen derzeit werde ich definitiv arm), hab mit dem Katerkind gespielt, in meinem Schlafzimmer ein wenig weiter das Chaos bekämpft, habe mit der Krankenkasse telefoniert und versucht bei meinem Internetanbieter jemanden zu erreichen zwecks Kündigung bzw. Angebot für eine Verlängerung, habe mit der kleinen Hexe telefoniert und mit Puffi und mit Mama, habe meine Medikament sortiert und alle in der Schublade verstaut, damit sie nicht ständig an tausend Orten liegen, mir eine Pizza in den Ofen geschmissen und sie dann gemampft (und gleichzeitig vor dem Zitronenkater verteidigt), Wäsche sortiert und geduscht. Es war heute eine gute Mischung aus etwas tun und rumgammeln. 

Bevor ich mich mit M. treffe muss ich morgen noch beim Psychiater vorbeischauen, ich brauche MPH, ich hab ja keinen Plan wie das bei der Reha läuft, ob ich meine Medis von dort kriege oder nicht oder wie oder was. 

Ich bin immer noch erstaunt darüber, dass kein Absturz kam. Dass nicht wieder alles über mir zusammen bricht. Klar gibt es beschissene Momente, aber es sind eben Momente, kein Dauerzustand. Es erleichtert so viel. Und ich hoffe es wird so bleiben. Ich wünsche es mir so sehr. 

Zum kotzen 

Mein Tag gestern verlief einfach furchtbar. Nach ein wenig Schlaf ging es mir eigentlich besser. Ich stand auf, voller Tatendrang, begann damit die Wohnung zu fegen… Migräne. Bäh. Also aufs Sofa, Medis nehmen. Eine Weile später bin ich mit der kleinen Hexe am Telefon zum Einkaufen, ein paar kleine Dinge, um mich über den Abend zu retten. Die Migräne wird schlimmer. Zuhause lege ich auf, nehme noch was, schlafe auf dem Sofa ein. Ich werde wach von Übelkeit. Später ziehe ich quasi auf meinem Badvorleger ein, Decke um die Schultern, kotzen, zittern, kotzen. Das Katerkind springt mir auf den Rücken, schaut beim kotzen über meine Schulter, miaut laut, reibt sich an mir. Er bleibt an meiner Seite, kuschelt sich in den kotzfreien Momenten auf meinen Schoß, miaut mich an, wenn ich der Kloschüssel mehr Beachtung schenken als ihn. Irgendwann wird es besser. Ich fühle mich leer und kraftlos. Ich friere und zittere völlig unkontrolliert. Irgendwann traue ich mich erst ein wenig Fruchtkompot, dann noch einen Pudding und eine Banane zu essen. Und werfe noch eine Tablette hinterher, denn die anderen habe ich während dem Drama der letzten Stunden immer wieder ausgekotzt. Ich ziehe wieder auf mein Sofa. Schnappe mir noch eine Decke. Das Katerkind wärmt zusätzlich. Ich döse vor mich hin. Zu müde und kraftlos für alles. 

Kurz vor zwölf ist es ein wenig besser. Ich topfe meine Meeris noch um, bombardiere sie mit Heu und Paprika und falle ins Bett. Einschlafen geht zum Glück schnell, nur um kurz vor 4 werde ich wach und nutze den Kugelgeist als Lichtquelle für den Weg aufs Klo. Als der Wecker klingelt bin ich einfach nicht in der Lage die Augen zu öffnen. Es dauert lange, bis ich tatsächlich aus dem Bett komme. Eigentlich wollte ich mich auf den Weg machen zu meiner Mutter. Doch ich bin noch nicht wirklich in der Welt angekommen und verschieben meine Abfahrt um eine Stunde, dann rufe ich Mama an, weil der Bus eine Stunde später einfach nicht kommt und sie holt mich ab. 

Die Zeit bis dahin nutze ich und mache Ordnung. Bringe das Streu raus, putze den Boden in Wohnzimmer und Küche. 

Bei Mama gibt es erstmal was vom Chinamann. Dann sitzen wir über ihrem neuen Handy. Ich erkläre ihr dies und das, installiere und deinstalliere und stecke die Speicherkarte ins neue Handy. Als ich einige Stunden später aus der Türe gehe um wieder nach Hause zu fahren,  verschwimmen die Treppenstufen vor meinen Augen. Hinter meinem linken Auge beginnt es zu pulsieren. Mir wird übel. 

Die Migräne, die den ganzen Morgen unterschwellig da war, schlägt wieder zu. Ich vergrabe mein Gesicht in meinem Schal, schließe die Augen und versuche nicht in den Bus zu kotzen. In der Hauptstadt gehe ich ins Einkaufszentrum und dort schnurstracks zur Apotheke. Ich frage was sie mir empfehlen bei Migräne und schmeiße mir direkt eine Tablette ein um es überhaupt irgendwie bis nach Hause zu schaffen. Es ist zu laut. Zu hell. Zu viel. Ich will nur noch die Decke über den Kopf ziehen. Stille. Dunkelheit. 

Die Musik aus meinen Kopfhörern rettet mich wenigstens vor dem Lärm der Menschen. Nur noch 35 Minuten durchhalten, dann bin ich zuhause. Weiter atmen, durchhalten, durchhalten… 

Neuer Weg 

Wieder hier anzukommen fiel mir ein wenig schwer. Da sind die Haare meines Katers auf meinem Pulli und ein paar Meerihaare, ich sitze über 200 Kilometer entfernt von ihnen und habe furchtbar Sehnsucht. Aber es war dann irgendwann okay. Gestern mit D. ein wenig unterwegs zu sein war schön und hat mich abgelenkt, auch wenn ich mich seit gestern sehr zombiemäßig fühle. Ich werde (wieder krank). Vermutlich durch die Klimaanlage im Bus. Auch heute war es wieder heftig. Mittags bin ich total abgestürzt, inklusive unglaublichem Selbstverletzungsdruck, weil mein Körper nicht tut was er soll, weil alles schmerzt, weil ich genervt bin von mir und allem, weil einfach bäh. Ich habe dann zwischen Einzelgespräch und Achtsamkeit einfach geschlafen, war noch kurz einkaufen als ich wach wurde (Erkältungsbad, Schokolade, Schokolade, Schokolade und Schokolade, und ein wenig Zeug für aufs Brot, so zur Abwechslung). Nach dem Schlafen war es auf jeden Fall besser. Sowohl körperlich, als auch psychisch. 

Am Donnerstag steht meine Teamvorstellung an. Ich muss meine Kurz-VA vorstellen (Panik!) und meine Therapieziele (Panik!). Wobei ich die Kurz-VA als schlimmer empfinde. Ich kann erzählen was passiert ist, gar kein so sonderlich großes Thema. Aber meine innersten Gefühle, Gedanken und die Glaubenssätze, die mich mein Leben lang schon begleiten, vor anderen preisgeben… Vor vielen Menschen preisgeben… Vor vielen Menschen preisgeben, von denen nur ein oder zwei so weit mein Vertrauen genießen, dass ich es ihnen mehr oder weniger ohne Probleme erzählen könnte… Ich habe Panik. Ich fühle mich furchtbar bei dem Gedanken. 

Dann komme ich aber endlich in Stufe 2. Zusammen mit F., die einen Tag nach mir kam, nächste Woche folgt dann noch eine Mitpatientin, sodass wir in den meisten Gruppen dann zu fünft, in einer immerhin zu dritt sein werden. 

Ich bin froh, wenn der Donnerstagmorgen vorbei ist. Wenn ich das hinter mir habe und den Raum verlassen kann. Wenn ich nicht mehr so vielen Menschen so furchtbar intime Dinge erzählen muss. 

Heute schon meinte die Psychologin, dass ich überlegen soll was ich mir dann gönne. Und genau das ist ja ein schweres Thema. Manchmal funktioniert es. Und manchmal überhaupt nicht. Dann schaffe ich es noch nicht mal genügend zu essen und zu trinken um für mich zu sorgen. Und nun soll ich auf mich achten wegen der Erkältung, soll mir überlegen, mit was ich mich dann belohne. 

Auch gestern mit D. habe ich darüber geredet. Dass es sich merkwürdig anfühlt sich für etwas zu belohnen, dass eigentlich für den Rest der Menschheit selbstverständlich ist. Selbstfürsorge. Sich nicht verletzen. Einen Tag überleben. Es ist einfach merkwürdig und zeigt auch wieder, wie schwer es einfach ist so ein psychisches Päckchen mit sich rum zu tragen. 

Und so kämpfe ich mich nun eben grade ziemlich durch. Manchmal mag ich am liebsten in alte Verhaltensweisen und Muster zurückfallen, aber ich habe mich ja entschieden einen anderen Weg zu gehen. Einen neuen Weg. 

Katergeschenke & Nachtgedanken 

Ich mag Geschenke. Vor allem Kleinigkeiten, die von Herzen kommen, die eine Bedeutung haben. Manchmal bekommt man Geschenke, die einem einfach nur pure Liebe vermitteln. 

Gestern brachte mir das Katerkind erst eine Maus, dann eine kleine Schlange. Hach. <3 Es ist schon etwas besonderes, wenn man sowas vor die Füße gespuckt bekommt, begleitet von stolzem Miauen und großen Augen, die einen anschauen. Auch wenn ich es ganz klar bevorzuge, wenn er hier mit Plüschmäusen durch die Gegend rennt, so werde ich ihm doch nicht den Spaß am Jagen nehmen. Vor allem wird er mal ein wenig seiner überschüssigen Energie los und schläft wie ein Steinchen. 

Dafür konnte ich in der Nacht nicht wirklich schlafen. Um halb 4 meldete sich meine Blase und danach fand ich keine Ruhe mehr im Bett. In manchen Monaten schlafe ich nur bei wirklichem Vollmond schlecht, in anderen wiederum habe ich das Gefühl, dass ich schon 5 Tage vorher schlecht schlafe und auch die 5 Tage danach. Hinzu kamen dann noch Unterleibschmerzen des Todes. Also habe ich einen Großteil der Nacht mit Heizkissen auf dem Bauch (und Kater auf dem Heizkissen) im Bett verbracht, mit Dr. House und lesen und einfach nur daliegen. Manche Stunde verging quälend langsam, andere hingegen waren von einem Moment auf den anderen verflogen. 

Mein Tag war trotz dem wenigen Schlaf eigentlich echt gut. Ich war mit M. in der Hauptstadt, wir haben unser übliches Shisha-Rauchen genossen und geredet über alles mögliche. 

Daheim hänge ich durch. Ich fühle mich körperlich einfach nur furchtbar. Auf den Film, den ich sehen wollte, kann ich mich nicht konzentrieren. Mein Kopf schmerzt, meine Augen brennen, mein ganzer Körper fühlt sich müde an und schmerzt. Trotzdem kann ich nicht einschlafen, ich komme nicht zur Ruhe. Trotz Dipi. Also habe ich gerade noch eine genommen, ich will einfach nur noch schlafen. Tief und lange, ohne schlechte Träume, ohne nach wenigen Stunden wieder aufzuwachen…