Skills

„Duuuuuu? Zitrone? Was sind eigentlich Skills?“ wurde ich in letzter Zeit oft gefragt. Und ich glaube, dass ich darüber tatsächlich noch nie einen ganzen Beitrag geschrieben habe, also ist es vielleicht mal an der Zeit dafür.

Ein Skill ist übersetzt eine Fähigkeit. Die Zocker kennen den Begriff sicherlich, denn auch viele Spiele erfordern gewisse Skills und man gewinnt mit dem Spielfortschritts immer mehr hinzu und kann vorhandene Skills verbessern.

Im Zusammenhang mit Borderline ist ein Skill eine Möglichkeit besser mit bestimmten Situationen klar zu kommen, meistens geht es um die Regulierung von Anspannung und Emotionen. Wichtig dabei ist, dass ein Skill kurzfristig hilft und langfristig nicht schadet. Selbstverletzung hilft beispielsweise kurzfristig, schadet aber langfristig, ist also kein Skill. Skills nutzt eigentlich jeder Mensch. Ob es nun ein entspannendes Bad nach einem stressigen Tag, eine Tasse Kaffee um besser in den Tag zu starten oder mit der besten Freundin quatschen ist. Jeder Mensch tut Dinge, damit es ihm besser geht, er sich besser fühlt, und das oftmals völlig unbewusst.

Mit Problemen bei der Emotionsregulation oder Impulsivität müssen solche Dinge aber bewusst eingesetzt werden und grade solche Dinge, die einem gut tun, müssen Borderliner oft erstmal lernen. Was also bei „normalen“ Menschen größtenteils automatisch und unbewusst abläuft, ist für Menschen mit Borderline ein harter Kampf.

Die Möglichkeiten an Skills sind quasi unbegrenzt und dabei nicht auf Dinge beschränkt. Weil es sonst den Rahmen sprengen würde beziehe ich mich hier hauptsächlich auf die Skills zur Anspannungsregulation und auf meine eigenen Erfahrungen. Eine Liste mit Skills findet man dank Internet heutzutage sehr einfach, da muss ich nicht eine weitere hinzufügen.

Im Bereich der unteren Anspannung muss ich eigentlich wenig tun. Da geht es hauptsächlich darum dieses Level zu halten, also alles zu tun, was mir auch gut tut. Lesen, mit Freunden etwas unternehmen, die Tierchen bekuscheln, all solche Dinge.

Wenn die Anspannung steigt geht es gezielter darum sie zu regulieren oder mich abzulenken. Ablenken funktioniert mit den verschiedensten Mitteln und Wegen. Serien, Puzzle, lesen, basteln, chatten, telefonieren, die Palette kann man endlos fortsetzen. Um die Anspannung in diesem Bereich zu halten oder sogar runter zu bekommen hilft es mir meinen Akupressurball zu „kneten“, raus zu gehen, mir Musik auf die Ohren zu knallen oder auch herauszufinden, was gerade eigentlich los ist. In der dbt habe ich gelernt beispielsweise ein Gefühlsprotokoll zu schreiben, um die Gefühle einzuordnen und zu entscheiden, wie ich gerade handeln sollte.

Interessant wird es im Bereich der hohen oder extrem hohen Anspannung. Bei hoher Anspannung helfen mir meistens nur starke Reize. Heiß oder kalt duschen, Eiswürfel, Finalgon. Im extrem hohen Bereich kann ich selbst nicht mehr klar denken und habe daher eine „Skillskette“, die automatisch abläuft mittlerweile. An erster Stelle steht der diving skill. To dive heißt übersetzt tauchen und quasi genau das tut man auch, allerdings nur mit dem Kopf. Am besten in richtig kaltes Wasser. Das ganze löst eine Körperreaktion aus, die automatisch die Anspannung runter fährt, den Tauchreflex. Der Körper fährt alle nicht unbedingt lebenswichtigen Tätigkeiten runter, denn man ist ja unter Wasser und könnte sterben, wenn man nun den Sauerstoff für so langweilige und sinnlose Dinge wie Anspannung vertut. Einfach aber effektiv.

Da man leider nicht jederzeit ein Waschbecken oder eine Plastikwanne mit Wasser dabei hat habe ich unterwegs Ammoniak dabei. Einmal unter die Nase und man hat eigentlich ganz andere Probleme als die Anspannung und kriegt es im besten Fall hin wieder denken und handeln zu können.

Im Anschluss folgt bei mir laute Musik auf die Ohren und raus. Eine Runde drehen, ein paar Mal um den Blog, bewegen, runter kommen. Meistens bin ich dann so weit unten, dass ich entweder rauskriegen kann was gerade nun los ist oder das skillen eben weiter geht. Zum Beispiel mit Finalgon, eine Salbe, die heiß wird und mir quasi irgendwie den Schmerz ersetzt, den die Selbstverletzung sonst brachte.

So sieht der Idealfall aus. Natürlich ist nicht in jeder Situation alles möglich, aber mit der Zeit lernt man sich anzupassen und zu variieren. Und genau so gibt es Situationen, in denen skillen völlig sinnlos ist bei mir, beispielsweise weil gerade akute Suizidalität im Vordergrund ist oder ich weiß, dass ich die Anspannung nicht runter regulieren kann. Im Ernstfall ist dann Bedarfsmedikamentation angesagt, wenn ich mich ausknocke habe ich auch keine Anspannung.

In meiner Skillstasche finden sich Skills für alle möglichen Situationen und Fälle. Igel- und Akupressurbälle, intelligente Knete und sonstiger Kram um die Hände zu beschäftigen, Sudoku und Rätsel zur Ablenkung, aber auch Kärtchen mit Sprüchen von Schwester Nathalie, Lavendel weil der Geruch mir gut tut und mich beruhigt, Tigerbalm, extrem saure Bonbons…

Mittlerweile nutze ich oft auch Skills, die nicht an Sachen gebunden sind. Zum Beispiel die zwischenmenschlichen Fertigkeiten, wie um etwas bitten, zum Beispiel einen Freund vorbei zu kommen oder anzurufen oder auch ein kurzfristiger Termin bei der Therapeutin.

Auch vorbeugende Dinge sind Skills. Regelmäßig essen, genug schlafen, genug trinken, sich ausreichend bewegen.

Einen Skill zu erklären ist also ein endloses Thema. Und „den Skill“ gibt es nicht, denn jeder muss für sich selbst herausfinden, was einem hilft. So kann ich beispielsweise mit allem was über den Geschmackssinn geht nichts anfangen, außer mit sauren Bonbons. Es hilft mir persönlich auch nicht mir rote Striche auf den Arm zu malen um quasi etwas sichtbares zu haben. Die Erfahrungen anderer Menschen helfen mir sehr und haben mir auch schon sehr geholfen, aber seine eigenen Skills muss jeder selbst finden.

Wichtig ist dabei nur auch zu sehen, dass es nicht nur um den Hochspannungsbereich geht. Denn eigentlich ist es in den anderen Bereichen viel wichtiger, um langfristig überhaupt nicht mehr in die Hochspannung zu kommen.

Skills muss man ausprobieren und üben. Und zwar nicht erst wenn die Anspannung hoch ist, sondern im normalen Bereich. Die Feuerwehr übt ja schließlich auch nicht erst wenn’s brennt.

Der Schädel schmerzt, your heart is beating.

Mir laufen sie Tränen über das Gesicht, während ich die Meerivilla sauber mache. Ich weine und weine, denn nun ist nichts mehr da von Flocke.

Eine Woche ist vergangen seit ich sie fand. Entspannt auf der Seite liegend, die Augen halb geöffnet, wie so oft, wenn sie vor sich hin döste. Doch dieses eine Mal wacht sie nicht auf, als ich sie anstupse. Der Schmerz wurde zu einem ersticken Schrei, während ich sie an mich drücke, auf dem Boden zusammen sinke und weine, weine, weine. Bis ihr Fell nass ist von meinen Tränen. Wie so oft. Nur leckt sie mir diesmal nicht die Feuchtigkeit von den Wangen, beißt mir nicht auffordernd in den Finger.

Ich habe sie begraben, oben am Waldrand. Mich von ihr verabschiedet und sie auf ihren Weg über die Regenbogenbrücke geschickt. So viele Jahre war sie an meiner Seite, seit dem Tag, an dem sie auf die Welt kam. Sie war die letzte von Rainis Kindern, das letzte übrig gebliebene Schweinchen, dass jahrelange an meiner Seite war.

Nun ist es leerer in der Schweinevilla. Caro und Caramell sind in dem einen Jahr das sie nun bei mir leben zwar zutraulicher geworden, aber immer noch schreckhaft und nicht so lebendig wie Flocke es war. Doch seit ein paar Tagen beginnen auch sie morgens lauthals zu quietschen, wenn ich aufstehe oder kommen nach vorne gerannt, wenn ich zur Haustür rein komme.

Es wird wieder ein Schweinchen hier einziehen. Eins oder mehrere, mal sehen. Vielleicht bald, vielleicht auch erst nach dem (hoffentlich bald funktionierenden) Umzug. Es wird wieder lauter werden in der Schweinevilla und Flocke hat ihren Platz bekommen in meinem Fotorahmen. Den Platz in meinem Herzen wird sie immer behalten.

Das Katerkind ist verwirrt über meine Trauer und mein Weinen. Vor einer Woche und auch heute. Er schmiegt sich an mich und beißt mir sanft in die Arme, klettert auf meinen Schoß und schiebt seinen Kopf unter meine Hand, damit ich ihn kraule. Er gibt mir so viel Wärme und Liebe, dass mein kleines trauriges Herz manchmal überlaufen möchte vor Zuneigung zu ihm. Ich bin so unendlich froh ihn in meinem Leben zu haben, hoffentlich noch viele viele Jahre lang.

Um mich rum dreht die Welt sich weiter, während ich aktuell manchmal das Gefühl habe, dass mein Leben still steht. Es ist so viel derzeit und es fordert so viel Kraft. Die Ämtersachen, die Angst vor dem Neubeginn, der Alltag. Ich sehne mich nach der Selbstverletzung, vermisse die Zeit, in der sie da war und Halt und Kraft gab, mir half solche Phasen durchzustehen. Mir fehlt das positive daran, denn es war nicht immer schlecht, sonst hätte ich mich nicht so viele Jahre verletzt. Und mir fehlt es auch, dass diese Leichtigkeit nicht mehr da ist, mit der ich früher zur Klinge greifen konnte, denn da ist so viel negatives mittlerweile, dass die Selbstverletzung mir nie wieder so helfen würde und könnte wie früher.

Und trotzdem wünsche ich mir, dass es passiert. Ich wünsche mir einen Moment der Unachtsamkeit, einen Moment des Kontrollverlusts, einfach, weil ich mich so sehr nach der Erleichterung sehne.

Und trotzdem mache ich weiter. Skill für Skill, Tag für Tag. Ich halte durch und kämpfe und Schwester Nathalie zog vorhin ihren imaginären Hut, als ich ihr von dem derzeitigen Chaos berichte.

Auch diese Phase wird wieder vorbei gehen. Es wird wieder besser werden, denn das habe ich gelernt aus den ganzen schlimmen Phasen. Es geht vorbei. Immer. Auch wenn es sich nicht so anfühlt und alles in mir nach aufgeben schreit.

Doch statt mir selbst zu schaden sorge ich für mich so gut es geht. Ich vergrabe mich unter der Kuscheldecke, schalte netflix an und genieße die Wärme des Katerkinds, das friedlich auf mir schlummert, den Bauch voller Maus und Futter.

Und das ist ernst gemeint: Es geht bis zum Ende weiter!
Keinen kümmerts was, aber es hält was es verspricht.

Davor und danach

Vor einem Jahr verließ ich mit gepackten Koffern mein Zuhause. Vor einem Jahr drückte ich den Zitronenkater fest an mich, weil vor mir 14 Wochen dbt lagen, weil ich 14 Wochen lang nur ab und an über Nacht heimkehren würde.

Morgen wird es ein Jahr her sein, dass ich die Klinik betrat und mich auf die 14 Wochen dort einließ.

Seit einem Jahr gibt es ein Davor und ein Danach.

Ich habe immer noch Borderline. Aber ich habe auch ein Leben damit. Nicht mehr dagegen, sondern trotz und mit.

Manchmal komme ich nicht mit. Manchmal geht mir das alles zu schnell. sagte ich heute in der Therapie. Denn was sich in diesen 14 Wochen und seitdem getan hat ist so viel, manchmal viel zu viel für mich. Es ist so neu, so positiv. Auch wenn es diese beschissenen Momente immer noch gibt. Natürlich. Sie gehen nicht weh, plötzlich. Aber sie sind seltener. Anders. Damals habe ich den neuen Weg vorsichtig betreten. Zaghaft. Schritt für Schritt. In den letzten Monaten fühlt es sich an, als würde ich diesen Weg entlang stürmen, sprinten, keinen Halt mehr einlegen. Es passiert so viel gesundes, dass ich es kaum schaffe hinterher zu kommen.

Es ist ein Balanceakt. Immer und immer wieder und immer noch. Die Balance finden zwischen Kranksein und Gesundsein. Zwischen es ist gut und es darf nicht gut sein. Es gibt etwas dazwischen, zwischen all diesen Extremen. Das habe ich gelernt. Und diesen Mittelweg versuche ich gerade zu finden, versuche den Tanz auf dem Seil, gehe auf dem schmalen Grad zwischen schwarz und weiß.

Und es ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu schnell passiert. Es ist okay, dass ich mich manchmal in die Sicherheit flüchten will, die mir die Selbstverletzung, die Suizidgedanken und all das gegeben haben. Es ist okay, dass ich mich nach dem sehne, dass so lange mein Leben bestimmt hat. Aber es ist auch okay, dass ich einen anderen Weg gehe. Und es ist okay Angst zu haben. Und es ist okay mich auch gleichzeitig darauf zu freuen.

Ein bisschen mehr als 5 Wochen. Dann geht es los. Dann startet, was vor einem Jahr nicht mehr als ein Gedanke in meinen Kopf war, ein Gedanke, der so unrealistisch schien.

1 Jahr ist vergangen. Seitdem habe ich eine zweite Heimat gefunden. Menschen, die für mich Halt und Familie sind. Und ich gehe meinen Weg. Den neuen Weg. Mit Angst. Aber auch mit Stolz.

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Löffel-Liste 

Manchmal werfe ich einen Blick in die Statistik und klicke dann Beiträge an, die von anderen gelesen wurden, lese sie auch nochmal, erinnere mich zurück, was zu diesem oder jenem Zeitpunkt grade aktuell war in meinem Leben. Manchmal sind es schmerzhafte Erinnerungen, manchmal aber auch Dinge, die mich lächeln lassen. 

Und so lese ich einen Beitrag vom letzten Frühling. Lese, dass ich mich seit 3 Wochen nicht mehr verletzt habe, dass sie letzte ’schlimmere‘ Selbstverletzung nun 6 Wochen zurück liegt. Ich lese, dass ich so gerne den Sommer ohne frische Wunden und Verbände und Nähte erleben möchte. Und ich lächle, denn ich habe den Sommer unverletzt verbracht, den Herbst, den Winter und wieder einen Frühling. Und wieder wünsche ich mir einen Sommer ohne frische Wunden, aber im Gegensatz zum letzten Jahr bin ich zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann. 

Auch wenn gerade so viel chaotisch ist. Auch wenn ich eigentlich nicht weiß wo mir wirklich der Kopf steht. Aber es wird weiter gehen, das tat es bisher immer. Ich muss nur darauf achten, dass ich selbst nicht unter gehe dabei. 

Mit der Gänseblümchenmama schreibe ich also gestern eine Liste mit nur 5 Punkten. 5 Dinge, die es zu erledigen gilt. Nachdem mein Körper einen Haufen Schlaf einforderte stapfe ich heute also zur Apotheke und einkaufen, hüpfe unter die Dusche, mache mir etwas zu essen, schreibe den Brief an die Rentenversicherung und kraule das Katerkind. Zwischendurch kommt N. noch zu Besuch und bringt mir meinen Zweitschlüssel wieder. Und ich bringe noch meine Küchentheke in Ordnung. Es gibt noch ein wenig telefonieren, ein wenig zocken und dabei ein wenig Dokus schauen und dann ist es auch schon halb 2 und ich trolle mich in mein Bett. Müde bin ich nicht. Aber ich muss schlafen. Für morgen gibt es schon eine neue Liste. Ich werde zu Mama fahren und in den Garten. Und dann den restlichen Kram auf der Liste erledigen. 

Es hilft mich auf 5 Dinge zu beschränken, es hilft mit den Spoons zu haushalten und es hilft einen kleinen Überblick über das Chaos zu haben, eine Anleitung, einen Plan. In den kommenden Tagen werde ich mich also daran entlang hangeln. Meine eigene kleine Löffel-Liste zum Durchhalten. Vielleicht ergänze ich sie noch um ein wenig Ausgleich, um Dinge, die mir gut tun und im Idealfall keinerlei spoons erfordern. 

Wortlos. 

Weil ich es momentan einfach nicht schaffe, weil es sich so scheiße anfühlt, weil da so viel Chaos ist, weil mir tatsächlich einfach die Worte fehlen, hier einfach ein Auszug aus einer Mail, die ich an die liebe Traumagruppentherapeutin geschrieben habe… 

[…] 

Nach 7 Tagen bin ich am Freitag wieder heim gekommen. Eigentlich relativ guter Dinge. Stabiler, nicht mehr akut suizidal. Und dann brach sich meine Mutter vorgestern den Fuß. 

Und nun sitze ich heulend auf meinem Sofa, überfordert mit mir und der Welt. Ich komme mit meiner eigenen Wohnung momentan nicht auf einen grünen Zweig, sobald ich ein Ende halbwegs ordentlich habe ist es am Anfang wieder ein Chaos und ich schaffe es nicht dagegen anzukommen. Und dann ist da meine Mutter, die alleine kaum etwas schafft momentan, die nicht mal einkaufen kann und der Garten, der Pflege braucht. Es überfordert mich, gnadenlos. Meine eigenen Baustellen und dann dazu noch meine Mutter und alles dort. Meine Schwester arbeitet und steht kurz vorm Kolloquium, sie tut schon was sie kann nach der Arbeit, aber alles andere bleibt an mir hängen. 

Ich würde mich so gerne in die Sicherheit der Selbstverletzung flüchten, darin meinen Halt finden in der ganzen haltlosen Situation, ich verliere einfach wieder den Boden unter den Füßen, den ich mir in der Klinik so mühsam zurückerobert habe und es macht mich wahnsinnig. Es scheint momentan so endlos, eine Aneinanderreihung von Scheiße an Chaos an Scheiße mit viel zu kurzen Pausen dazwischen um mal Luft zu holen. So gerne würde ich einen Teil davon wegschneiden um irgendwie zu funktionieren, irgendwie klar zu kommen, einfach nur, damit ich nicht untergehe. Ich denke darüber nach stattdessen in die Sorglosigkeit aus Drogennebel zu verschwinden, mich einfach aus der Welt zu beamen, Hauptsache es irgendwie aushalten. Das aktuelle Chaos und die ganze Traumascheiße und die Vergangenheit. 

Und gleichzeitig schreit in mir drin alles, weil ich so gerne etwas positives schreiben würde, weil ich den ganzen Text nun zum vierten Mal tippe und es sich so miserabel anfühlt zuzugeben, dass ich gerade einfach nicht mehr kann und die Gedanken an Destruktivität so viel Raum einnehmen. Ich schaffe es nicht mal mehr zu bloggen aktuell, weil es sich anfühlt wie versagt zu haben, dass er gerade ist wie es ist. 

Sorry für den langen Text, aber ich glaube es ist gut, dass es mal raus ist. Und ich schicke es nun einfach ab, bevor ich alles wieder lösche und stattdessen ein „ach, es läuft ganz okay“ schreibe. 

[…] 

Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

Ziele und Chaos 

Das doofe an erreichten Zielen ist einfach, dass man sie erreicht hat. Und dann? Tja. 

Die Frage nach dem nächsten Ziel stellte gestern die Traumagruppentherapeutin in einer Mail, als Antwort auf meine Mail, dass ich das Jahr geschafft habe. Und wieder einmal sitze ich da und überlege. Ja, was ist es denn, das nächste Ziel? Klar, natürlich, das oberste Ziel ist mich nie wieder zu verletzen. Doch nie wieder ist nicht greifbar, ist Milliarden Lichtjahre entfernt. Und es ist ein Ziel, das nicht in die SMART-Methode passt. Denn die habe ich in der Ausbildung gelernt und auch im dbt war sie Thema. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Also wird das nächste Etappenziel Ostern sein. Denn an Ostern wollen A. und ich unser Einjähriges feiern. Und wir versuchen alle zusammen zu kommen zu dem Termin in der dbt-Stadt. Meine ganzen Mädels wieder sehen, das ist absolut ein lohnenswertes Ziel um durchzuhalten. Und danach werde ich die 500 Tage in Angriff nehmen. Und dann irgendwann die 2 Jahre. Damit kann ich aktuell ganz gut leben, auch wenn natürlich gerade im Moment der Gedanke an „ach, einmal könnte ich doch…“ sehr intensiv im Kopf rumspukt. 

Gestern war ich einen Freund in der Vor-Ort-Klinik besuchen. Ich habe lange mit Schwester Sabine am Tisch gesessen und geredet, erzählt von der dbt, von der Reha, von mir und von den Plänen. Und auch sie sagt, wie schon andere vom Personal zuvor, dass da so ein großer Unterschied ist zwischen damals und jetzt. Dass sie das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch vor ihr steht. Und es tut diese Worte zu hören, aber es schmerzt gleichzeitig auch. Denn es zeigt mir, an welchen Punkten ich noch vor 2 Jahren stand, es erinnert mich an die dunklen Stunden, in denen keinerlei Lebenswille und Hoffnung in mir war. Und ich bin ein weiteres Mal unendlich dankbar für die Unterstützung, die ich dort erfahren habe, dafür, dass ich nicht aufgegeben wurde, dass ich vor Aufgaben gestellt wurde, die für mich so unmöglich schienen und die ich dann doch erreicht habe. Wenn alles klappen sollte mit dem Studium und den Plänen, die ich habe, dann werde ich ihnen einen Brief schreiben, werde ihnen danken für all diese Tage dort. 

Und Schwester Sabine sagt mir auch nochmals, dass sie ja nur einen Anruf weit entfernt sind, dass ich anrufen kann und vorbei kommen und dass ich zur Not auch auf der Station aufgefangen werde. Diese Sicherheit im Hintergrund tut gut. Und es tut auch gut zu merken, dass ich diesen Halt nicht mehr in diesem Maße brauche wie noch vor einigen Monaten. Damals unvorstellbar, heute umso schöner zu spüren. 

Die Hälfte der Station ist von Patienten belegt, die ich kenne. Manche nur von einem meiner unzähligen Aufenthalte dort, mit einigen habe ich auch schon mehrere Aufenthalt dort verbracht. Und es stimmt mich teilweise traurig, dass so viele immer und immer wieder dort landen, weil sie immer und immer wieder die gleichen Fehler machen, immer und immer wieder ihren alten Weg gehen und auf alte Verhaltensweisen zurückgreifen. Und gleichzeitig merke ich, wieviel Glück ich hatte, wieviel Kraft und wieviele Menschen und Möglichkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es gab auch Fachmenschen, die mich vor zwei Jahren oder auch noch vor einem Jahr an diesem Ort gesehen haben, als Drehtürpatient in der Akutpsychiatrie, als immer und immer wiederkehrend, als ‚hoffnungslosen Fall‘. 

Bevor ich gehe, hinterlasse ich noch einen kurzen Brief für Pfleger Arschkeks. Das Bild mit dem Smiley vom Frühling letzten Jahres mit ein paar Worten, mit meinem erreichten Ziel, mit einem Dankeschön für die Idee damals und der Ankündigung, dass ich irgendwann meine 365 Smileys einfordern werde. 

Morgen habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt viel zu erzählen, von der Reha, von den Fortschritten und den noch vorhandenen Schwierigkeiten, von mir und den Plänen. Ich sehe sie erst zum zweiten Mal seit der Entlassung aus der dbt. Und es wird auch eine unserer letzten Stunden sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, seit so vielen Jahren ist sie nun da, hat mit mir gearbeitet und mich unterstützt. 

Und gleich werde ich mir gewaltig in meinen Po treten, denn das Projekt ‚Wohnung wieder zu Wohnung machen‘ schiebe ich nun seit so langer Zeit vor mir her, immer mit dem Vorhaben es anzugehen, teilweise auch mit der beginnenden Umsetzung, aber wirklich Hinbekommen habe ich es in den letzten Wochen nicht. Und nun ist es wirklich an der Zeit und absolut nötig, denn sonst kann ich bald rtl2 und das Messie-Team zu mir bestellen. Wie sehr mir die Antriebslosigkeit und die depressiven Momente einfach auf die Nerven gehen. Immer noch und immer wieder.