hier & jetzt

Studium (lateinisch studere „[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen“)

Und so fühlt es sich auch an. Ich bemühe mich um einen geregelten Tagesablauf, um Kommunikation mit meinen Mitmenschen, um aktives Zuhören. Ich bemühe mich nicht durchzudrehen angesichts der Masse an Menschen, darum nicht einfach abzuschalten und zu dissoziieren.

Und ich muss oft an die Oberärztin aus der dbt denken, die von einem neuen Programm sprach im Bezug auf Borderlinetherapie. ACES – Accepting the Challenges of Exiting the System. Raus aus dem „System Krankheit“, so tun als ob man einfach gesund wäre. Denn genau das tue ich, ich tue so, als ob ich ein völlig normaler Student sei. Und vielleicht bin ich gar nicht so unnormal, also von der Norm abweichend, denn gerade im sozialen Bereich studieren viele mit der ein oder anderen Macke, bei einigen meiner Kommilitonen fielen mir auch schon eindeutige Narben auf. Vielleicht nicht so offensichtlich wie meine, da dezenter und weniger und nur an einer Stelle, aber dennoch.

Abseits vom ganzen Theoriekram, der einfach noch keinen Bezug zu meiner Lebenswirklichkeit und der sozialen Arbeit hat, ist es auch interessant und spannend. Es gefällt mir zu beobachten, wie wir über Gerechtigkeit diskutieren, wie die vielen verschiedenen Charaktere ihre Meinungen vertreten. Es macht Spaß mit verschiedenen Menschen die Raucherpause zu verbringen oder zu essen, mit Leuten die gerade erst von der Schulbank gefallen sind und mit welchen, die schon seit über 20 Jahren im Berufsleben stehen (oder standen), mit welchen die vorher etwas anderes studiert haben oder welchen, die nebenbei noch ihre Kinder großziehen.

Es fühlt sich gut und richtig an momentan. Vielleicht waren die drei Jahre „Umweg“ genau deswegen sinnvoll, weil hier und jetzt der richtige Zeitpunkt für das ist, was ich tue.

Ich war schon lange nicht mehr so fertig und an meinen Grenzen. Aber ich war auch schon lange nicht mehr so zufrieden und glücklich und habe mich schon lange nicht mehr so am richtigen Platz gefühlt.

This. Is. Worth. Fighting for.

Seit gestern nehme ich wieder meine „normale“ Dosis Medis. Und bisher ist es in Ordnung. Die Übelkeit ist nicht mehr oder weniger geworden, sie hält sich nun seit 1 ½ Wochen auf einem konstanten Level. Es strengt an, weil Übelkeit immer noch triggert, aber ich habe in den letzten Tagen gelernt halbwegs damit umzugehen, weil ich weiß, dass die Medis grade dieses Chaos veranstalten. Ich schlafe trotz allem gut, in der Nacht bei Muddi und in den Nächten bei A. und auch in den zwei Nächten bisher zuhause. Zwar viel, aber gut, daheim ab und an mal unterbrochen durch ein paar Sekunden aufwachen, weil das Katerkind über mich tapst oder mir laut ins Ohr schnurrt.

Und ich wache auch tatsächlich morgens auf wenn ich muss, zwar knatschig und zerknautscht und muffig, aber ich wache auf. So bin ich am Montag schon vor 8 Uhr unterwegs zur Klinik um mich von I. zu verabschieden, die nicht in Deutschland lebt und nur alle 3 Monate mal hier ist wegen Klinik. Gestern bin ich schon früh unterwegs, weil meine Gefühle mich an den Rand der Explosion bringen und ich gegensteuern muss, also ziehe ich über die Felder und bringe den Schweinchen Maisblätter mit.

Und heute purzel ich auch vor 8 aus dem Bett, weil ich zur arge muss. Ich hoffe, dass ich die unzähligen Unterlagen habe (bis auf die Vermieterbescheinigung, dafür brauche ich ein Formular, dass sie mir natürlich nicht mitgegeben haben…), ich hoffe, dass ich einen netten Menschen erwische, ich hoffe, dass ich nicht weiter geschickt werde, weil ich momentan keine Arbeit suche. Und ich hoffe, dass es nicht ewig dauert, denn ich muss weiter zur Therapie in die Hauptstadt.

Ich weiß gar nicht, auf welchem Stand meine Therapeutin ist. Sie war in Urlaub und wie immer, wenn zwischen den Stunden bei ihr eine längere Pause entsteht, passiert irgendwas. Meine Welt geht unter oder ich lande mal wieder in der Klapse oder oder oder. Irgendwas passiert immer und vielleicht sollte ich ihr einfach verbieten länger als 2 Wochen weg zu sein, weil die Termine mein Rahmen sind und ohne Rahmen alles aus dem Bild kippt.

Seit so vielen Jahren gehe ich nun zu ihr und sie kennt mich manchmal besser als ich mich selber. Ich weiß nicht, ob ich ansprechen soll, dass momentan so vieles in mir danach drängt nicht in der Realität zu sein. Aber nicht, weil ich vor der Realität fliehen möchte (doch, eigentlich schon, aber das ist wieder eine andere Baustelle), sondern dass ich diese Momente genieße in denen ich dann wieder in der Realität ankomme, diese Momente in denen ich sicher weiß, dass ich da bin und existiere und lebe. Das Gegenteil von weg eben, das Gegenteil von betrunken, einfach hier und lebendig. Es ist eine Flucht in Möglichkeiten mich lebendig zu fühlen ohne Selbstverletzung. Aber nicht besser oder schlechter, sondern genau so ein Problemverhalten wie mich zu verletzen.

Ich habe mit Schwester Sabine am Telefon gesprochen, weil ich weiß, dass sie es versteht. Sie oder Nathalie. Sie war da und ich war froh darüber. Skills sagt sie. Wie bei Anspannung, wie bei Selbstverletzung, wenn der Wunsch auftaucht nicht mehr in der Realität zu sein, um sie danach nur intensiver zu spüren.

Noch habe ich es unter Kontrolle. Noch. Ich bemühe mich nicht zu fliehen wenn es grade schwierig ist, sondern nur in den guten Momenten mal ein wenig Kontrollverlust zu genießen. Denn sonst wird es ganz schnell zum Ersatz der Selbstverletzung.

Das ganze zeigt mir, dass etwas fehlt. Dass ich Dinge brauche um mich lebendig zu fühlen, mich zu spüren. In der dbt-Stadt stand ich im Regen. Nass bis auf die Unterwäsche, die dicken Tropfen auf meiner Haut, die Kälte langsam in meinem Körper. Es gibt ein Bild davon und dieses Bild fängt genau das ein, was ich unter lebendig verstehe. Dieser Moment, in dem ich einfach nur da war, atmend, lebendig, da. Einfach da.

Nur kann ich eben nicht ständig im Regen stehen, erstens weil das Wetter mich da im Stich lässt, zweitens würde es irgendwann wohl die Wirkung verlieren, drittens brauche ich einfach etwas zuverlässiges, etwas, dass jederzeit verfügbar ist. Oder hat jemand eine Regenwolke zum mitnehmen im Angebot?

Also geht es in den nächsten Tagen wohl darum Dinge zu finden, die mich lebendig sein lassen. Raus aus dieser Watte, in der ich gefühlt seit Wochen klebe, die meine Realität unwirklich werden lässt. Spüren, mich und das Leben. Das wird das Ziel.

You’ve had enough… But just don’t give up… Stick to your guns, You. Are. Worth. Fighting for. You know we’ve all got battle scars. Keep marching on.

Wer zu nah zur Sonne fliegt, muss verstehen, dass manchmal das Feuer siegt

Dbt-Stadt. ❤️ Es ist ein Gefühl von „nach Hause kommen“, denn im letzten Jahr wuchs mir die Stadt ans Herz in den 3,5 Monaten, die ich hier verbrachte. Ich mag die Stadt mit der Fußgängerzone und dem vielen Grün überall, die Cafés und Plätze. Und nicht zuletzt liebe ich diese Stadt, weil hier einige wunderbare Menschen leben, die in den letzten Monaten mein Leben unglaublich bereichert und bunter gemacht haben. Ich mag den Dialekt hier, weil er mich an meine Kindheit erinnert und mittlerweile auch keine negativen Dinge mehr triggert, sondern mich schmunzeln lässt, weil ich den Dialekt mit dem ich so viele Jahre lang aufwuchs immer noch nicht ganz los bin, meinen Heimatdialekt oft noch damit ergänze und hier schnell wieder meinen Dialekt „vergesse“. Ich mag die Stadt, weil sie mein Leben verändert hat, nicht als Stadt selbst, sondern durch die dbt und die Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Das Klinikgelände, die Klinik und letztendlich die Station zu betreten, die für 14 Wochen mein „Zuhause“ war fühlt sich nach wie vor seltsam an. Eine Mischung aus Gewohnheit und fremdem, aus Sicherheit und Wehmut. Kein schlechtes Gefühl, aber immer noch merkwürdig und neu.

Es ist schön die bekannten Gesichter im Dienst auf Station zu treffen, Hände zu schütteln und die Freude zu spüren, dass man mal vorbei kommt und Positives berichtet.

Und am wertvollsten sind die Menschen, die ich drücke und umarme und knutsche und bei mir habe. Und dabei auch die beiden Mädels im Herzen dabei zu haben, die leider nicht hier sein können.

Am Donnerstagmorgen bin ich mehr aus der Wohnung und Richtung Hauptstadt getorkelt als gegangen und gefahren. Die Nacht war mit 1 ½ Stunden Schlaf viel zu kurz. Mit Mühe schaffe ich den Weg vom daheim zum Bus, zum Bahnhof, zur Straßenbahn und zum Psychiater. Als ich aus dem Aufzug trete renne ich in eine Menschenmasse. Ich möchte in Tränen ausbrechen, umdrehen und fliehen. Doch auf die letzten Meter des Dauerkrankenscheins nun eine Lücke haben ist blöd, also bahne ich mir meinen Weg in die Praxis und ziehe eine Nummer. 035. Die Arzthelferin, die schon kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, weil sie die Flut an Patienten allein bewältigen muss, ruft nach der Nummer 8. Und ich muss wieder die Tränen nieder kämpfen, denn es überfordert mich völlig zwischen diesen ganzen Menschen zu sein, warten zu müssen.

„Ich hab ein wenig Mist gebaut“ murmle ich, als ich meinem Psychiater gegenüber sitze. Sein Blick fällt automatisch auf meine Arme, er zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, als ihm auffällt, dass ich lange Ärmel trage.

„Nee. Nicht diesen Mist.“ Und dann erzähle ich ihm von den vergessenen Medis, von den Symptomen und von der Krisenintervention. Er schüttelt immer wieder den Kopf, fragt nach, ob ich tatsächlich von der Dosis komplett auf 0 bin, fragt mehrfach nach ob die in der Klinik wirklich so schnell wieder hoch gegangen sind. Ich soll mir Zeit lassen mit der letzten Dosissteigerung meint er, wenn ich merke, dass mein Körper nicht mit macht.

Danach zu meiner Mutter zu kommen stellt sich als große Herausforderung dar. WM-Rallye. Der deutsche Lauf findet bei uns statt, die Stadtautobahn ist gesperrt, die Innenstadt auch teilweise. Über eine Stunde warte ich auf einen Bus, der eigentlich alle 10 Minuten fährt.

Um 16.30 Uhr bin ich verabredet mit dem Mann einer Mitpatientin aus der dbt. Doch auch er muss mit der gesperrten Stadt kämpfen und bis wir endlich mit dem Auto raus sind aus der Stadt vergehen gefühlt mehrere Stunden.

Abends kann ich dann endlich die Muddi an mich drücken und quietschen und mit ihr draußen sitzen und reden und lachen und mich einfach gut fühlen.

Am Freitagmorgen fahren wir gemeinsam in die Dbt-Stadt, überraschen Puffi und treffen auf A. und B., sagen der Station Hallo und verbringen einen tollen Tag gemeinsam, rennen durch den Regen und verstecken uns im Raucherpavillon vor dem Unwetter, dass über die Stadt fegt.

Bei A. und Puffi schlafe ich dann auch, wir machen uns schöne Stunden daheim und in der Stadt und beim Kartenspielen draußen in der Sonne. Es tut gut tolle Menschen um mich zu haben, einfach ich sein zu können, nichts erklären zu müssen.

Nun sitze ich im Bus auf der altbekannten Linie in Richtung nach Hause. Bald werden wir über die Grenze fahren und mit jeder Minute bin ich weiter weg von der Dbt-Stadt und näher an meiner Heimat. Die Tage taten unglaublich gut, haben mich auftanken und durchatmen lassen, grade nach dem Chaos der letzten Woche. Lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesen Tagen hier. Wenn ich wieder komme, dann werde ich offiziell Studentin sein.

Und so lasse ich mit der Stadt auch ein Stück Vergangenheit hinter mir und starte in die letzten Wochen „krank sein“.

Und die Zeit fängt wieder an das zu tun, was sie am besten kann

Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben

Und ich kann nur darauf warten, dass sie sich beeilt und irgendwann wird im Vorbeigehen

Schwarz-Weiß wieder Farbe

Wer hätte das gedacht…

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“ meint Pfleger Kai heute lächelnd, als ich am Pflegestützpunkt lehne und ihm von den 491 Tagen ohne Selbstverletzung berichte. „Und wer hätte das vor 2 ½ Jahren gedacht, dass ich nun studieren gehe…“ antworte ich, ebenfalls lächelnd.

Er meint, dass ich mir was drauf einbilden kann, dass ich einen der Studienplätze habe, auf den sich über 10 Menschen beworben haben. Über 1000 Bewerber auf ungefähr 100 Plätze, ich fasse es immer noch nicht wirklich.

Und so stehe ich auf der Station, die so lange quasi Mittelpunkt meines Lebens war, werde ein kleines bisschen sentimental und bin stolz auf mich.

„Vielleicht haben wir dann ja doch irgendwas richtig gemacht“ meint Pfleger Kai. Und das haben sie. Auch wenn es manchmal heute noch beschissen ist und ich alles hinwerfen mag, so ist es doch so sehr anders als damals. Ich bin dem Team unglaublich dankbar. Für all die Momente, in denen ich sie gehasst habe. Und natürlich für all die Momente, in denen sie einfach da waren. Vielleicht schreibe ich ihnen das. Wenn das Studium beginnt, wenn ich tatsächlich in der Uni sitze, wenn mein Leben tatsächlich weiter geht.

Es wird immer wieder Abstürze geben. Tiefpunkte. Doch da ist nun ein neuer Halt. Ein neues Ziel. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Kämpfen für meinen Traum, für mein Ziel. Es geht weiter und ich bin froh darüber.

Ich habe diese Zeit gebraucht. Ich habe Zeit gebraucht um wieder auf die Beine zu kommen, um klar zu kommen, um mich selbst zu finden und einen Weg mit dem Trauma umzugehen, es zu akzeptieren, anfangen es zu verarbeiten. So scheiße es war so komplett abzustürzen, so hatte es nicht nur negative Seiten. Ich habe unglaublich viel gekämpft in diesen ganzen Monaten, unglaublich viel gelernt und wundervolle Menschen kennen gelernt. Ich bin stärker geworden und ich weiß, welchen Weg ich gehen möchte.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nur ein Traum ist. Dass ich aufwache und feststelle, dass ich doch nicht studieren gehe, dass ich doch immer noch in so einem Loch hänge. Es wird noch dauern, bis ich das wirklich realisiert habe. Vermutlich werde ich es erst richtig fassen können, wenn ich dann tatsächlich auf dem Campus stehe, wenn ich in meiner ersten Vorlesung sitze.

Zwischendurch blitzt immer wieder der Gedanke auf, dass es nicht sein kann. Dass es nicht sein darf. Dass es mir nicht gut gehen darf, dass ich das nicht aushalte. Ich kämpfe dagegen, versuche diese Gedanken auszuhalten und mir zu sagen, dass die Gefühle da nicht hin gehören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Früher hätte ich mich verletzen müssen, weil ich das nicht aushalte. Weil es nicht sein kann, dass es gut läuft. Dass es funktioniert.

Ich habe so viel gelernt in dieser ganzen Zeit.

„Wer hätte das vor 492 Tagen gedacht?“

Es endet. Es beginnt neu.

Seit Januar 2015 bin ich krank geschrieben.

Im Februar 2015 versuchte ich mir das Leben zu nehmen.

Im März 2015 bekam ich die Kündigung.

Ich war unzählige Male zur stationären Krisenintervention.

Ich war unzählige Male in der Notfallchirurgie zum Nähen und habe mich noch öfter selbst verletzt.

Ich habe keine Zukunft gesehen, keine Hoffnung gehabt.

Ich habe 14 Wochen DBT gemacht.

Ich habe 7 Wochen Reha mit Traumatherapieschwerpunkt gemacht.

Über 2 Jahre sind vergangen. Über 2 Jahre, in denen ich „hauptberuflich krank“ war. Über 2 Jahre, in denen meine Krankheit mein Leben bestimmte.

Es endet. Es beginnt neu.

Ich werde studieren gehen. Ich habe tatsächlich eine Zusage bekommen. Ich habe einen Studienplatz und kann mich immatrikulieren.

Neuanfang. Fortschritt. Weiter gehen.

Es endet.

Es beginnt neu.

Weiter machen

Meine Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld par excellence. Meine Kraft in den letzten Tagen ging völlig drauf für atmen und durchhalten. Doch das will ich heute ändern, denn ich fühle mich nicht mehr wohl. Und ich brauche vielleicht ein wenig äußere Ordnung gegen das innere Chaos. Und außerdem will ich meinen Kopf beschäftigen, damit ich nicht an Selbstverletzung denken muss. 

Also werde ich gleich erstmal meine Tasche schnappen und zum Supermarkt ziehen. Seit nun 6 Wochen habe ich kein Geld mehr bekommen, die Rentenversicherung lässt sich Zeit. Also kratze ich die letzten Reste zusammen, denn ich sollte was essen und die Meeris und der Herr Kater sowieso. Bevor meine Tierchen hungern ernähre ich mich lieber nur von Nudeln ohne Soße. 

Und dann ist die Frage aller Fragen: wo fange ich an? Vermutlich ist das Wohnzimmer am sinnvollsten, der Mittelpunkt meines Lebens hier. Und von dort ausgehend dann in beide Richtungen. Mit Hörbuch oder Serie. Ich muss es endlich in Angriff nehmen. 

Draußen beginnt der Frühling. Wie sehr habe ich die Sonne vermisst, wie sehr hat mir die Wärme gefehlt. Von mir aus kann es direkt so in den Sommer übergehen. 

Und nun lege ich los, starte in den Tag, beschäftige mich, atme weiter, halte weiter aus. Bis ich wieder lebe und nicht mehr nur überlebe, bis es endlich wieder einfacher wird. Bis ich nicht mehr nur das Gefühl habe aus Traumafolgen zu bestehen, sondern wieder ein freier und atmender Mensch bin. Der andere Weg wäre wieder zu schweigen, wieder zu verdrängen. Doch das möchte ich nicht. Ich will nicht mehr schweigen. Ich will leben, damit leben. Laut und nicht lautlos. 

Jahresrückblick

​Der Jahresrückblick. Liebgewonnene Tradition und immer ein schönes Resümee. 2016 war wild und turbulent und voller Höhen und Tiefen. Aber es endet mit Hoffnung und Zuversicht und genau das zählt letztendlich. 

Kommt gut hinüber ins neue Jahr meine lieben Leser. Feiert (oder feiert nicht) wie ihr es möchtet, achtet auf euch. Wir lesen uns in 2017.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen

Ich bin gewachsen an der DBT. Ich habe gelernt, dass Gefühle okay sind und manchmal sogar positiv. Gelernt meine Glaubenssätze zu hinterfragen und entgegengesetzt zu handeln. Gelernt meine Anspannung besser einzuschätzen und sie mit noch mehr Möglichkeiten zu handhaben. Gelernt die Notausgangstüre ein gewaltiges Stück zu schließen und Suizid nicht mehr als ständige Notlösung im Kopf zu haben. Gelernt auch mal nein zu sagen. Gelernt meine eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen und vor allem gegenüber mir selbst zu vertreten. Gelernt, dass es Menschen gibt, die mich nehmen wie ich bin und genau so mögen. Gelernt ein Stück weit mehr meine Vergangenheit zu akzeptieren. Gelernt mich öfter einfach mal okay zu finden und nicht ständig selbst zu zerpflücken. Gelernt den neuen Weg zu gehen. Gelernt stolz auf mich sein zu können. 


Womit hast du angefangen? 

Damit meine Zukunft zu planen und damit auch ein Leben, in dem ich mich wohlfühlen und leben kann.  Mit Gefühlen und Stolz sein und all dem Kram. Mit Verreisen. Mit Medis für/gegen/bei ADHS und der Auseinandersetzung mit dem Thema. Mit Selbstvalidierung.  


Worauf bist du stolz?

Auf mich. Darauf, dass ich all meinen Mut zusammen genommen habe, dass ich die 14 Wochen Therapie durchgezogen habe, obwohl ich mehr als einmal nicht mehr konnte und wollte, darauf, dass ich mich mit den schweren Themen auch auseinander gesetzt habe und bereit war daran zu arbeiten. Stolz, dass ich stolz sein kann. 


Womit aufgehört/abgeschlossen? 

Mit der Selbstverletzung. Damit mich zu sehr für andere zu verbiegen und dabei meine eigenen Grenzen zu überschreiten. Abgeschlossen mit dem Anspruch an mich selbst ein Leben zu führen wie alle anderen und mich ständig an „der Norm“ zu messen. Aufgehört zu schweigen. 


Schönster Moment des Jahres? 

Stolz sein können auf mich und die Dinge, die ich erreicht habe nach 14 Wochen DBT. Stolz sein können und es akzeptieren können, mich freuen können, es okay finden. Mit einem Schlag all die Veränderungen sehen, spüren, weinen vor Freude. 


Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)

Die letzte Selbstverletzung. Die drängenden Suizidgedanken, die unglaubliche Anspannung, die selbst dadurch nicht wirklich besser wurde. Erkenntnis daraus, dass es so nicht weiter gehen kann, dass es anders werden muss, dass ich so nicht mehr weiter leben kann und will. 


Wem sagst du danke – und wofür?

Der kleinen Hexe. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein, für alles. 

J., für viel Tee, für die Worte, für die Unterstützung, für ein weiteres Jahr da sein, für deine Mitfreude über meine Entwicklung, für unzählige WhatsApp-Nachrichten und dafür, dass du den Glauben an mich nie verloren hast. 

Chrissie. Fürs weltbeste beste Freundin sein. 

Meiner Therapeutin. Weil. 

Dem Team der Station P2. Fürs Mittragen und Unterstützen und mit mir den Weg gehen. 

Fylgja für viele schöne Momente, backen, kochen, quatschen, Känguru. 

Bibi für die Freundschaft, fürs zuhören, fürs dasein.

Genauso N. für die Freundschaft, für viele schöne Momente, Spaziergänge und für die tolle Kater- und Meeriversorgung in den 14 Wochen Klinik. 

Dem Team der Station 8. Besonders Frau K. Für alles. 

Und last but noch least: Puffpuff, F., L., A., K., C. und M., meinem Club der schwarzen Bänder, für die gemeinsame Zeit, weil ihr die Tollsten, Besten, Mutigsten und Verrücktesten seid. <3 


Was bringt 2017/ Was wünschst du dir für 2017?

Die Reha. Und damit hoffentlich noch ein Stückchen mehr Stabilität. 

Möglichkeiten den neuen Weg zu gehen, zu probieren und zu üben und zu schauen was funktioniert und was nicht. 

Ich wünsche mir, dass alles so klappt wie ich es möchte und ich anfangen kann zu studieren. 


Unvergessenswertes?

Die 14 Wochen Klinik. 

Hannover und Hamburg und H. endlich mal live treffen. 

Den Lieblingsösi wiedersehen. 

Die kleine Fee wiedersehen. 

Fylgja kennen lernen und viele tolle Momente gemeinsam. 

Berlin. Mitten im Schnee auf dem Flughafen Tempelhof stehen und sich so frei fühlen. 

Die kleine Hexe mal wieder treffen. 

Kreta. 

Der Umzug von WordPress auf meine eigene Seite. 

N. kennen lernen. 

Meine Kinder- und Jugendtherapeutin wieder treffen. 


Abwärts? 

Heute ist es komisch. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Es ist weder gut, noch schlecht. Irgendwas dazwischen, dass sich aber weder eindeutig in Richtung gut, noch in Richtung schlecht einordnen lässt. Es ist einfach komisch. 

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich selbst heute extrem nutzlos finde. Ich hänge durch, habe keinerlei Motivation und so den ganzen Tag über nicht wirklich viel sinnvolles gemacht. Erst am Nachmittag habe ich mich mal in Richtung Stadt bewegt, war im großen Supermarkt um zu kucken, ob sie eine spezielle Bohnensorte aus dem Nachbarland dort haben, die Mama an Weihnachten machen wollte (natürlich nicht, also musste Mama auf die Suche gehen) und war dann mit Bibi und N. auf dem Weihnachtsmarkt. Für mich gab’s dann den ersten Alkohol seit langem (Kakao mit Baileys und Sahne). Und nun hänge ich wieder durch. 

Ich stöbere durch alte Blogbeiträge. Lese von Suizidgedanken, Selbstverletzungsdruck, Selbstverletzungen, stationären Aufenthalten. Es ist seltsam. Es scheint so weit weg. Und gleichzeitig so nah. Manchmal fühlt es sich an, als wäre diese Zeit in einem anderen Leben gewesen. Ich verstehe wie es damals war und warum. Doch es liest sich wie ein Blog eines anderen Menschen. Und doch weiß ich genau, dass ich es bin, spüre die Dunkelheit von damals immer noch in mir, sehe die Suizidgedanken immer und immer wieder durch meinen Kopf ziehen, spüre den Schmerz der Selbstverletzung, fühle den unaushaltbaren Druck. Es sind Welten und doch nur Momente zwischen heute und damals. 

Und ich kriege Angst. Angst davor, dass es wieder so wird. Waren die letzten zwei Tage, an denen ich erst wenig und heute dann kaum etwas hinbekommen habe, schon der Beginn? Oder ist es eben grade einfach so? Ist da unterschwellig etwas am brodeln? Sind da alte Glaubenssätze, die mich gerade hindern, ohne dass ich es merke? Sehnt ein Teil von mir sich unbewusst nach diesen Zeiten zurück, in denen mir die Verletzungen und die Konsequenzen egal waren? Und in denen es auch egal war, ob eine meiner Handlungen tödlich endet? 

Und dann frage ich mich, ob ich mir nicht zuviel Gedanken darüber mache. Ob ich damit nicht schon fast herbeiführe, dass es wieder schlechter wird. Ob ich gerade nur nach einem Grund suche mich wieder „selbst zu zerpflücken“, wie meine Psychologin in der Klinik es immer so schön nannte. 

Fragen über Fragen. Und vermutlich gibt es keine wirkliche Antwort auf eine von ihnen. Am sinnvollsten wird es wohl sein, wenn ich das alles im Blick behalte. Schaue, wie es in den nächsten Tagen so ist. Aktiv versuche zu schauen, ob da gerade was los ist, oder ob es eben einfach nur eine etwas motivationslose Phase ist. 

Abwarten. Tee trinken. Nicht direkt den Teufel an die Wand malen. Und mich selbst akzeptieren, so wie ich gerade bin. Und akzeptieren wie es gerade nun mal ist. 

Helligkeit & Dunkelheit 

Heute war Weihnachten. Zumindest für meine 4 Fellmonster. 

Der Herr Zitronenkater wusste natürlich direkt, dass in dem Paket was für ihn sein muss. Klar, er wohnt ja auch schließlich hier, ich bin nur zum Bespaßen und Füttern angestellt. Dass die Meeris auch noch was kriegen konnte er dann grade noch so dulden. 

Meine Mampfmaschinen sind also vorerst mal versorgt. 5 Kilo Heu, 6 Kilo Meerifutter, 6 Kilo Katertrockenfutter, 8,8 Kilo Katernassfutter, 10 Packungen Leckerlis und weil das ganze ja irgendwo wieder raus muss auch noch 6 Packungen Katerstreu. Die Supermärkte können nun also getrost mal vier Wochen schließen, meine Tiere sind versorgt. 

Den ganzen Kram habe ich erst mal verstaut, da der Zitronenkater sich natürlich direkt mal eine der Leckerlipackungen geklaut hat. Nun ist es zumindest alles sicher vor ihm, Selbstbedienung hat ja mehr oder minder 14 Wochen lang hier geherrscht (wozu habe ich eigentlich eine Kiste, wenn Frau Nachbarin sie offen lässt?). 

Auch sonst war ich relativ fleißig. Ich habe begonnen mein Schlafzimmer aufzuräumen und erstmal alles aus dem Bett geworfen was da nicht hin gehört. Kazerspielzeug, meinen Hammer habe ich endlich wieder entdeckt, einzelne Socken, Klamotten. Der Nachteil an einem großen Bett, man neigt dazu einiges auf der leeren Seite zu stapeln. Nun ist sie nur noch von meinem Berg aus Kuscheltieren blockiert, von einem Haufen Kissen und gelegentlich vom Katerkind. 

Außerdem habe ich viele Unterlagen weggeworfen. Von der Ausbildung und alle möglichen Dinge, die im Regal rumtrollten. 

N. kam zu Besuch, wir waren gemeinsam bei der Bank und einkaufen und bei der Post und bei mir daheim. 

Als es beginnt Dunkel zu werden steigt auch die Dunkelheit in mir. Ich fühle mich matschig, ausgelaugt, erledigt und unwohl. Physisch und psychisch. Vielleicht hängt das mit gestern mir doch noch ein wenig nach. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur erledigt. Ich versuche es zu akzeptieren und nicht mich selbst zu zerpflücken. Auf meine Bedürfnisse zu achten. „Manchmal ist es auch okay ein wenig dysfunktional zu sein. Etwas zu tun mit dem Wissen, dass es einem danach nicht unbedingt besser geht. Solange es nicht schlimmer wird.“ sagte meine Psychologin in der Klinik vor einiger Zeit. Sie bezog sich dabei auf mein Bedürfnis mich einfach nur im Bett zu vergraben. Und genau das werde ich nun tun. Mit Wärmflasche und Wärmetierchen, mit Serie und Kuscheldecke und dem Zitronenkater. 

Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. 

Der neue Weg. 

Vorhin war ich bei meiner Nachbarin. Ich wollte mich bedanken, dass sie sich um meine Tierchen gekümmert hat. Wollte ihr ein wenig erzählen, wie die Therapie war und es mir geht und erfahren, was es bei ihr so Neues gibt. Wir haben lange zusammen gesessen, geredet, Kaffee getrunken. 

Dann kam ihr Mann. Eigentlich mag ich ihn ganz gerne, wobei es manchmal schon schwierige Situationen gab mit ihm. Er ist (manchmal trockener) Alkoholiker, saß eine ganze Weile im Knast wegen häuslicher Gewalt und unbezahlten Alimenten, war im Entzug. Er war schon oft hilfsbereit, es gab aber auch ein paar Situationen, in denen es wie gesagt schon schwierig war. 

Er fragte zuerst relativ nett, wie es mir geht, und dann in einem merkwürdigen Ton nach meinen Tieren. Und dann ging es los. Er sei im Tierschutz und bei Greenpeace, es wäre Tierquälerei was ich mit meinen Tieren mache. Ich stand erst mal etwas verwirrt da. Er machte aber postwendend weiter: in die Klinik gehen und nach mir kucken wäre völlig gestört, wenn es meinen Tieren doch so schlecht geht. Mein Kater würde ständig den Kopf gegen die Glasscheibe hauen. Er sei im Knast gewesen, er wisse schließlich wie es ist eingesperrt zu werden. „Ähm. Moment. Mein Kater schlägt nicht den Kopf gegen die Scheibe, er tut, was alle Katzen gerne tun: aus dem Fenster schauen. Und klar kommt er angerannt und kuckt was los ist, wenn er draußen etwas hört.“ Auf diese Erwiderung meinerseits fing er an laut zu werden. Mein Kater würde nicht raus schauen, er würde bei mir gequält und eingesperrt und haut den Kopf gegen die Scheibe! Da wurde es mir zu blöde. Und auch zu gefährlich, denn ich kann nicht einschätzen wie er reagiert, wusste nicht, ob er was getrunken hatte. Und das Lautwerden, die Aggressivität in der Stimme, das ganze erinnerte mich so an meinen Vater, es triggerte ungemein und ich musste aufpassen, dass ich nicht völlig in die Dissoziation rutsche. Also raus. Weg. In meine Wohnung. Meiner Nachbarin kurz tschüss sagen und weg. 

Auf dem Weg nach unten kamen mir schon die Tränen. In meiner Wohnung schließe ich hinter mir ab und will eigentlich nur noch im Bad auf den Boden sinken und mich verletzen. Ich fühle mich schuldig, weil ich meine Tiere alleine gelassen habe, auch wenn mir rational klar ist, dass Welten mich von Tierquälerei trennen. Gefühlsmäßig ist es anders. Neben den Schuldgefühlen steigt die alte Angst und Hilflosigkeit von früher in mir auf. Ich werde angebrüllt, ich hab also etwas falsch gemacht. Ich bin falsch. Ich muss mich bestrafen. 

„Bewegen statt erstarren.“ertönt mit der Stimme unserer Physiotherapeutin in meinem Kopf. Handeln. Ich muss etwas tun. 

Ich greife zum Telefon. Tippe heulend auf den Namen meiner Mutter im Telefonspeicher und warte, dass am anderen Ende jemand abnimmt. Ich heule. Ich rede. Ich erzähle ihr von der Situation, erzähle ihr von der Angst, die das Ganze ausgelöst hat in mir. Gleichzeitig schreibe ich in unserer Whatsapp-Gruppe meinen ehemaligen Mitpatientinnen. Schreibe, dass ich unglaublichen Druck habe. Es tut gut ihre Nachrichten zu lesen. Zu wissen, dass sie da sind. Mit ihnen gemeinsam zu planen, dass sie her kommen und ihm mal eins auf die Nase geben. Irgendwann muss ich lächeln. 

Einige Stunden später sitze ich nun relativ entspannt auf dem Sofa. Die Angst, die Selbstvorwürfe und der Selbstverletzungsdruck sind verschwunden. Ich habe meine Gefühle zugelassen, habe angemessen gehandelt, habe mir selbst immer wieder gesagt, dass seine Wahrnehmung keine Realität ist. Natürlich waren die letzten 14 Wochen keine optimale Zeit für meine Tierchen. Wobei es die Schweine vermutlich relativ wenig interessiert hat. Sie hatten Futter, Wasser und ein sauberes Zuhause, damit sind sie schon glücklich. Mein Kater war natürlich viel mehr alleine, hatte aber auch genug zu fressen, seinen Trinkbrunnen, saubere Klos, Möglichkeiten sich selbst zu beschäftigen, konnte die Schweine ärgern, und auch immer wieder N. hier zum spielen und kämpfen und schmusen, am Schluss durch krankes Meeri sogar täglich. Es war nicht optimal, aber es ging ihnen gut. Das ist die Realität. Mein Kater hat in der Wohnung alle Möglichkeiten sich auszutoben, die er auch gerne nutzt. Wand hoch und runter, unters Bett, über die Schränke. Klar findet er es noch toller, wenn er auch raus kann und dort rumflitzen. Aber er ist auch so glücklich. Nein Zitrone. Du tust alles für deine Tiere, was dir möglich ist. Deine Tiere sind gesund und glücklich. Und überhaupt, wenn es meinen Tieren nicht gut gehen würde, warum werden meine Schweinchen fast alle um einige Jahre älter als Schweinchen im Durchschnitt werden. Ich bin eine gute Tiermama. Realität. Punkt. 
Und mit Unterstützung meiner tollen Mädels, mit den Worten meiner Mama, mit der kleinen Hexe und ihren Worten und dem Zitronenkater, der mich miauend anschaut, weil ich so verzweifelt schluchze und mir schließlich in meine Nase beißt, weil ich ihn nicht kraule, gelingt es mir aus dem Gefühlschaos raus zu kommen. Ich schaffe es mich nicht zu verletzen. Schaffe es die Gefühle gegen mich umzudrehen in die Richtung, in die sie gehören. Nämlich wütend auf ihn zu sein, weil er ein Arsch und ein richtiger Vollidiot ist. Und dann bin ich stolz. Weil ich es geschafft habe. Weil ich im ersten Moment, in dem der Druck so überwältigend war, niemals gedacht hätte, dass ich einige Stunden später entspannt auf dem Sofa sitzen werde (natürlich mit schnurrendem Zitronenkater auf dem Schoß), ohne Wunden, mit dem Gefühl von Stolz. Bämm! Ich habe es geschafft. Es war unglaublich anstrengend anders zu handeln, es war ein Kampf, aber ich habe den Kampf gewonnen. 

Ich überlege, wie es vor 4 Monaten gewesen wäre. Sicherlich um einiges schwerer. Anders. Vermutlich hätte es mit einer Selbstverletzung geendet. Weil es genau meine Schuldgefühlen getroffen hat, meine Selbstzweifel, meinen Selbsthass. Und weil Wut auf jemand anderen haben nicht erlaubt war. Weil ich selbst nur falsch handeln kann. Weil ich nicht okay sein darf. 

Und während ich schreibe erreicht mich die Nachricht von Berlin. Zuerst bin ich fassungslos. Dann schaue ich, ob meine Freunde und meine Familie dort in Sicherheit sind. Es geht allen zum Glück gut. Und dann werde ich wütend, weil ich Kommentare und Posts lese in den social medias, die das ganze als gefundenes Fressen nutzen. Also klappe ich den Laptop zu, schließe die Apps auf meinem Handy und werde für heute dem Medienkram keinen Platz mehr einräumen. 

Mein Tag lief anders als geplant. Aber auch das ist okay. Denn ich sitze immer noch unverletzt hier, dafür darf dann auch mal die Planung scheitern. Mein Wohnungschaos läuft ja (leider) nicht weg. Also verschiebe ich alles um einen Tag, gebe den Möhrenschweinchen noch eine Portion Heu und Salat, kuschel mich mit meinem Katerkind ins Bett und versuche eine möglichst gute Nacht zu haben.