Let ‚em say we’re crazy, what do they know?

2 Wochen. 14 Tage. So viel Zeit bleibt mir noch hier. Nur noch. 

Und ich wundere mich ständig aufs neue. Ich erinnere mich noch, als mein Aufnahmetermin kam. Noch 5 Wochen bis zur Klinik. Das war so unglaublich viel Zeit. Und plötzlich waren es nur noch 14 Tage, 7 Tage, 2 Tage… Und 3 ½ Monate schienen so unendlich lang, so unvorstellbar, der Dezember so weit weg. Und nun sitze ich hier mit Schal und Jacke bei Minusgraden draußen, denke an den September, meine ersten Tage hier, die Sonne und die Hitze, und frage mich, wo die Zeit hin ist.

Gestern sitze ich mit meinem Puffreiskügelchen draußen und fange an zu heulen. Wir reden über Gefühle und den Lebensvertrag und es kommen Worte aus meinem Mund, die vor 3 Monaten noch so unvorstellbar gewesen sind. Und ich kann da sitzen und sagen warum ich heule, kann die Gefühle dahinter benennen und etwas anderes als Gefühlschaos fühlen oder Leere. Da sind Gefühle, mehrere, gleichzeitig, und sie sind alle da und dürfen da sein und ich darf weinen, weil es okay ist und angemessen. 

Später, nach der Skillsgruppe, sitze ich mit F. auf der Bank und heule schon wieder. Und wir reden und schauen uns an und müssen lachen, weil es so absurd ist auf der Bank zu sitzen und sich zu freuen weil man heult. Aber wir können sagen was wir fühlen: Stolz, Freude und auch Traurigkeit, weil unsere Zeit hier zuende geht. 

Und nun sitze ich schon wieder draußen und heule. Weil ich kaum fassen kann, was die Zeit hier verändert hat. Weil ich traurig bin, dass die Zeit zuende geht, glücklich so tolle Menschen kennen gelernt zu haben, stolz auf uns alle und auch weil ich Angst habe vor der Zeit zuhause. Und ich bin unglaublich froh, dass F. genau einen Tag nach mir kam, dass wir diese ganzen 14 Wochen gemeinsam erleben und am gleichen Tag gehen, denn ich könnte sie nicht hier lassen, zurück lassen oder gar erst nach ihr gehen. 

Es war der richtige Zeitpunkt. Einfach genau der richtige Zeitpunkt um hier her zu kommen. Einerseits für mich, weil einfach alles gepasst hat, weil ich einigermaßen stabil war und an einem Punkt, an dem ich bereit war meine Kraft zu opfern für den Kampf um mein Leben. Und weil die äußeren Umstände einfach so gut waren, weil ich in eine tolle Gruppe kam mit genau den richtigen Menschen, mit genau den richtigen Mitpatienten, die mittlerweile ein Stück kleine Familie sind. 

Es war genau so gut und richtig und wichtig. Und ich wünsche mir so sehr, dass ich all diese Erfahrungen und Fähigkeiten mitnehmen kann in mein Leben, dass ich genau so weiter machen und weiter kämpfen kann. Um mich und für mich. Mit ein paar mehr Menschen im Hintergrund, die mir so wichtig und so nah sind. 

2 Wochen. Zeit, die ich nutzen will und werde um noch zu tun was ich kann. Mir Weichen zu stellen für die Zukunft, Momente sammeln, die mir Kraft geben, genießen, mir Gutes tun, die positiven Dinge aufsaugen. 

Und es einfach auch okay finden, dass ich wohl in den nächsten Wochen einfach immer mal wieder anfangen werde zu heulen. Denn ich darf das und es ist völlig okay. Und Gefühle sind vielleicht doch nicht ganz so furchtbar und beängstigend und ungreifbar. 

Und hätte mir jemand das am Anfang der Therapie hier gesagt, dann hätte ich ihm das Skillsmanual an den Kopf geschmissen. Und in Zukunft werde ich das jedesmal tun, wenn eine von uns zweifelt. An sich oder am Leben oder an Gefühlen. 

Denn wir können alles erreichen. 

And we can build this dream together
standing strong forever
nothing’s gonna stop us now
and if this world runs out of lovers

we’ll still have each other
nothing’s gonna stop us, nothing’s gonna stop us,

All my windows still are broken but I’m standing on my feet

Ich lese meine Beiträge von letztem Jahr um diese Zeit. Und ich muss lächeln, denn es ist einiges anders. Und manches doch gleich. 

Vor einem Jahr kam ich grade aus einem Klinikintervall. War körperlich krank, antriebslos und habe stundenlang gegen Anspannung gekämpft. 

Die Angst, die die Weihnachtszeit mit sich bringt, ist immer noch da. Wieder. Wie jedes Jahr. Und ich denke an die Arbeit hier mit Glaubenssätzen. „Was hat sich seitdem geändert?“ wird dort gefragt. Die Zeiten, in denen ich Angst vor Weihnachten hatte und diese Angst auch berechtigt war, sind vorbei. Ich kann selbst entscheiden, wo ich mein Weihnachten verbringe. Ich kann frei zu meiner Mutter und meiner Schwester fahren, ich muss danach nicht zurück zu meinem Vater. Ich muss nicht darum betteln fahren zu dürfen, muss keine Angst haben, dass er plötzlich anders entscheidet und mich doch nicht fahren lässt. Was bleibt ist mein schlechtes Gewissen. Ich lasse ihn alleine. Ganz alleine an einem solchen Tag. Die Gefühle kann ich nicht ändern, sie sind da. Aber ich kann sie abschwächen. Realitätsüberprüfung. Lasse ich ihn wirklich im Stich? Nein. Ich bin gegangen um mich selbst zu schützen und ich schütze mich weiterhin, indem ich keinen Kontakt zu ihm habe. Ich tue das richtige, ich sorge für mich, ich achte auf meine Bedürfnisse. Er hat das nie getan und ich habe das Recht mich zu entscheiden und auch dementsprechend zu handeln. Trotzdem hat die Weihnachtszeit einfach einen bitteren Nachgeschmack. 

Und ich glaube auch, dass ich deutlich stabiler bin als noch vor einem Jahr. Nein. Ich weiß es. Ich fühle mich handlungsfähiger, nicht mehr so furchtbar mir selbst ausgeliefert. 

Und anders als letztes Jahr gibt es nun Pläne, Möglichkeiten, Hoffnung. Auch wenn noch einige Zeit vergehen wird bis zu einem möglichen Studium, so ist es doch ein Haltepunkt, ein Licht am Horizont, ein Ziel. Bis dahin werde ich von Zwischenziel zu Zwischenziel wandern, als erstes steht die Reha an. 

Trotz allem habe ich Angst. Angst, dass ich zuhause wieder in ein Loch falle. Dass ich es nicht schaffe. Dass Depression mich lähmt und Suizidgedanken mich wieder fesseln. Doch ich versuche so gut es geht für diese Fälle noch hier einen Plan zu entwickeln. 

Morgen will meine Psychologin mit mir den Lebensvertrag angehen. Ich habe im letzten Einzel angesprochen, dass ich einen Plan brauche für solche Momente wie Donnerstag, für eine 5 auf der diary card, für Momente in denen ich nicht einsehe, dass ich grade was tun muss, weil der Selbsthass überwiegt und ich es gerne bis zum Extrem treiben will. Und sie meinte, dass wir das ja super auch in den Lebensvertrag schreiben können. Möp. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich sicherlich einige Male verfluchen werde dafür, dass ich ihr das gesagt habe. „Schreiben Sie mir dann doch mal ’ne Mail!“ meint sie dazu und lächelt. Ich weiß, dass ich mich so selbst kriegen kann, mich selbst austricksen. Ich mache keine halben Sachen. Und auch das weiß meine Psychologin und lächelt noch mehr, als ich mich genau darüber aufrege. Wenn ich etwas zusichere, dann halte ich mich daran. So hat schon Frau S. mich vor über 10 Jahren immer und immer wieder gekriegt und mich lebend von einem Termin zum anderen gezogen. So hat Schwester Nathalie mich schon oft gekriegt, auch andere vom Pflegepersonal. Und so kriegen sie mich hier auch immer, das haben sie mittlerweile gemerkt. Der Therapievertrag hält mich, wenn sonst nichts mehr hält. Und so sehr ich mich manchmal darüber ärgere, so sehr bin in anderen Momenten froh darüber, denn es ist mein eigenes persönliches Rettungsnetz, meine Notbremse. 

Also wird wohl etwas ähnliches, was hier bei einer 5 auf der diary card anläuft, in Zukunft auch zuhause anlaufen. Kann ich garantieren, dass ich es schaffe weiter zu leben? Wenn nein wird wohl die Klinik folgen, wenn ja dann eine VA und dementsprechend handeln. Ohne wenn und aber. Und ich hoffe, dass es mir helfen wird. Mich halten wird. Und das wird es vermutlich auch tun. 

Irgendwo wollen wir wohl noch die Gefühlsprotokolle unterkriegen. Damit auch das irgendwo steht, damit ich mich auch daran halte, wenn es nötig wird. 

Und ich werde auch die diary cards weiter führen (müssen), denn es steht in meinen Zielen für das nächste Jahr. Und diese Ziele werden Voraussetzung sein für eine eventuelle Wiederaufnahme als „Wiederkommer“ für 8 Wochen in frühstens einem Jahr. Diese Chance möchte ich eigentlich gerne nutzen, bis dahin schauen wie es ist und an was es noch hapert, bei welchen Dingen ich noch Unterstützung brauche. 

Vielen orientiert sich derzeit auf die Zukunft. Das ist neu für mich, denn so lange ging es nun ums Überleben, darum Tag um Tag um Tag irgendwie zu überstehen. Einen Monat zu planen, manchmal auch nur eine Woche, war kaum möglich. Und zu überlegen was in 3 Monaten, in 6 Monaten oder sogar in einem Jahr sein wird – ein Unding. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich leben will. Und wenn ja, dann wie ich das überhaupt schaffen soll. Ob ich leben will frage ich mich manchmal immer noch. Es gibt diese Momente durchaus und es wird sie wohl immer wieder geben. Doch sie sind weniger geworden und die Tage, an denen ich nur wenig oder manchmal sogar gar nicht an Suizid denke, werden immer mehr. Und vermutlich werde ich diese Frage selten definitiv beantworten können. Doch ich glaube ich kann es, mit Unterstützung, soweit schaffen, dass ich die Beantwortung dieser Frage auf die guten Tage verschiebe und an den schlechten einfach weiter mache. So gut es eben geht, vielleicht manchmal einfach nur mit weiteratmen und weiteratmen und von Minute zu Minute hangeln. Aber ich glaube ich baue mir gerade und in den kommenden 2 Wochen genug Wege um es zu schaffen und ziehe Mauern um Schlupflöcher und Notausgänge. Und vielleicht ist genau das wichtig. Nicht unbedingt die Tür zum Suizid komplett zu schließen (zumindest derzeit), sondern genug Hindernisse einzubauen um die Türe soweit zu öffnen, dass ich durchschlüpfen kann. 

Um die Frage nach dem Leben derzeit zu beantworten: ja. Ja, ich will leben. Ich will atmen und lachen und weiter machen und die schönen Momente genießen und die schlechten so unbeschadet wie möglich überleben. Ich will weiter gehen und weiter machen und gesünder werden und nach und nach immer mehr und mehr Tage ohne Suizidalität und Selbstverletzungsdruck haben. 

Ja. Ich will leben. 

You can take everything I have
You can break everything I am
Like I’m made of glass
Like I’m made of paper
Go on and try to tear me down
I will be rising from the ground
Like a skyscraper
Like a skyscraper

Wenn ich mit mir alleine bin, gibt es keine Chance zu flieh’n.

Irgendwo zwischen Montag und heute ist es gekippt. Irgendwo lag der point of no return ab dem ich nicht mehr handeln konnte. Teilweise, weil ich mir furchtbar selbst im Weg stehe. Teilweise, weil ich nicht weiß wie. Und teilweise, weil ich einfach so furchtbar kraftlos und motivationslos bin. Also sitze ich irgendwann mit Frau K., meiner Psychologie, Frau O., meiner Ärztin, Frau K. vom Frühdienst und Herrn N. vom Spätdienst im Pflegestützpunkt. Überfordert und hilflos. Mit einer 5 auf der diary card, mit Angst und Scham und Selbsthass und Traurigkeit. Steht der Therapievertrag? Kann ich auf einer offenen Station bleiben? Was tu ich nun? Auf die vielen Fragen eine Antwort zu finden fällt mir schwer. Mein Kopf ist so leer und gleichzeitig so voll und die Gedanken schreien so laut. Kann ich auf mich selbst aufpassen gerade? Kann ich wirklich dafür garantieren, dass der Therapievertrag steht? Was ist, wenn ich einfach „ja“ sage, aber trotzdem einfach etwas mache? Ich kämpfe mit mir. Gegen mich. Ringe um eine Antwort, um Ehrlichkeit. Letztendlich versichere ich, dass ich es schaffe, dass sie sich auf mich verlassen können. Ich kämpfe die Stimmen in meinem Kopf nieder, die Gedanken, die so laut wüten und um Aufmerksamkeit kämpfen. Mit dem „ja“ schiebe ich mir selbst einen Riegel vor, hindere mich selbst daran doch etwas zu tun. Besser macht es die Gedanken nicht. Ich hänge in einer Spirale aus Selbsthass, Scham, Wut, Selbstverletzungsdruck und Suizidalität fest und drehe mich immer weiter und weiter um die eigene Achse, von Gefühl zu Gefühl und Ende letztendlich immer wieder bei der Suizidalität. 

Später, als ich mit eingeschränktem Ausgang und einer VA am Tisch sitze und über die letzten Tage und die Situation nachdenke, fällt mir manches auf. Dass der Ärger über mich selbst, den Selbstverletzungsdruck und die Suizidgedanken mich nun schon seit ein paar Tagen begleitet. Dass ich die ganze Zeit gegen mich selbst kämpfe und mir selbst im Weg stehe, weil ich wütend bin, dass diese Gefühle da sind und nicht verschwinden. Ich invalidiere mich ständig selbst und mache es damit alles andere als besser. Ein kleiner Teil von mir schreit auch danach es immer weiter und weiter zu provozieren. Bis zur Eskalation. Als Beweis, dass ich es nicht wert bin. Dass ich es nicht schaffen kann. Dass ich schwach bin und unfähig. Und so drehe ich mich eigentlich schon seit Tagen im Kreis, immer weiter und weiter und schraube mich in der Spirale höher und höher. 

Morgen werde ich die VA mit meiner Psychologin besprechen. Ich weiß ein paar Dinge, die ich hätte anders tun können. Und ich glaube ich brauche einen Plan. Sowas wie hier anläuft, wenn eine 5 auf der diary card auftaucht. Ein „wenn das und das passiert, dann musst du das und das tun. Ohne wenn und aber“. Eine Möglichkeit mir selbst die Tür vor der Nase zuzuhauen. Quasi das, was hier von außen kommt. Vielleicht werde ich das ansprechen. Und vielleicht brauche ich sowas auch schon für einen früheren Punkt. Für Momente, in denen ich mir selbst so sehr im Weg stehe, mir so sehr wünsche, dass es schlimmer und schlimmer wird und alte Glaubenssätze bestätigt werden und doch gleichzeitig gegen mich kämpfe,weil ich genau das eigentlich nicht will. Ich werde morgen mal mit ihr überlegen. 

Ich hoffe einfach, dass es morgen besser ist. Dass die Gedanken sich weiter verziehen, dass ich besser handeln kann. Dass ich wieder in die Handlungsfähigkeit komme. Und meinen Ausgang wieder kriege, unbegrenzt und ohne Anmeldung und die ständige Panik, dass ich zu spät zurück komme und schon alles in Aufruhr ist. Und dass ich mit mir selbst einen Weg finde. Einen funktionalen, gesunden Weg. 


Das ist der Moment,
In dem ich weiß:
Ich selber bin
Mein größter Feind. 

2 Jahre – 10 Wochen 

Sonntagmorgen zuhause. Um halb 7 beißt der Zitronenkater mir beherzt in den großen Zeh, weil ich auf sein Mauzen und auf-mir-spazieren-gehen bisher nicht reagiert habe. Er krabbelt unter meine Decke und bekommt eine Ladung Streicheleinheiten, bevor ich mich aus dem Bett kippe und überlege was ich frühstücken soll, damit meine Medis nicht im leeren Magen landen. 

Gestern habe ich einen Abstecher zur Klinik gemacht. Es fühlt sich merkwürdig an durch die Vorhalle zu gehen, in den Aufzug und dann den Flur entlang bis zur Stationstür und dann bis zum Tagesraum. So lange war dieser Ort Halt und Auffangsort für mich, so vertraut und doch in den letzten Wochen fremd geworden. Ich rede ein wenig mit Pfleger Andreas und Schwester Angelika bevor ich mich meinem Besuch und einem Latte widme. Und es stimmt mich ein wenig traurig, dass so viele bekannte Gesichter dort sind, so viele immer und immer wiederkehrende Geschichten und Probleme. Zum Mittagsdienst tauchen dann Laura und Kai auf und ich freue mich auch ihnen ein wenig etwas erzählen zu können. Letztendlich stehe ich am Pflegestützpunkt, genau wie so unzählige Male davor und rede lange mit Laura. Und es tut gut, denn sie kennt so viele der Kämpfe, die ich seit Anfang 2015 auf dieser Station gekämpft habe. Gegen die Dämonen, gegen mich selbst, manchmal auch gegen das Personal. „Wie viele Verbände haben wir gemacht, wie viele Tuben Finalgon verbraucht?!“ sagt sie lächelnd zu mir. Wie viele Stunden habe ich dort gekämpft, manchmal gewonnen, manchmal verloren, doch immer irgendwie weiter gemacht. Sie erinnert mich daran, dass es von Aufenthalt zu Aufenthalt besser wurde, stabiler. Und das es nun so sehr anders ist, ich so sehr anders. Und es tut so gut das alles zu hören, denn sie sieht es nochmal ein wenig anders als die Menschen auf Station nun. Sie sieht fast 2 Jahre. Und selbst in den letzten 10 Wochen ist so unglaublich viel passiert. 

Es wird weiter gehen. Auch wenn ich an diesem Wochenende viel zweifel. In meiner Wohnung, in der ich so viele Kämpfe ausgefochten habe. Ein Ziel zwischen nach-Hause-kommen und Weihnachten wird für mich werden, dass ich hier etwas tue. In dann bald über 3 Monaten hat sich hier vieles gesammelt (vor allem Staub), ich will von Grund auf mal sauber machen, umräumen, aufräumen. Mir irgendwo ganz groß „neuer Weg“ an die Wand schreiben, Monster aufhängen und Sprüche und Erinnerungen an die Dinge, die ich schaffen will. Ich will so viel wie möglich tun, damit ich hier einen sicheren und positiven Ort habe der mir Halt gibt. 

Und während mein kleines Fellmonster friedlich auf meinem Schoß schlummert und nach Katzenfutter riecht und aus dem Meerizuhause das zufriedene Schmatzen der drei Fellnäschen zu hören ist, sitze ich mit Zigarette und Kaffee auf dem Sofa, atme ein und aus, habe Angst vor dem was kommt aber auch Zuversicht und Hoffnung. Ich kann das schaffen. Und ich will es schaffen. Schritt für Schritt, Tag für Tag, manchmal auch Skill für Skill und Minute für Minute. Aber es wird weitergehen. Chakka! 

und jetzt geht der Fallschirm auf

Ich fahre nach Hause. Vielleicht zum letzten Mal. Es sind nur noch drei Wochenenden bis zur Entlassung. Und ich würde sie gerne mit meinen Mitpatienten, ehemaligen Mitpatienten und Freunden verbringen, möchte die Zeit nutzen, die schönen Momente bewahren und aufsaugen. Fest steht, dass ich wieder kommen werde. Nach Freiburg. Ich will im Januar nochmal auf der Station vorbei schauen und meine zwei bis dahin noch verbliebenen Mitpatientinnen besuchen, der lieben Mira mal Hallo sagen, A. treffen, die trotz ihrer Entlassung immer noch Teil von uns ist, mein Puffreiskügelchen besuchen und Fylgja. Und ich werde versuchen das regelmäßig zu tun, ich möchte die Kontakte behalten, möchte die lieben Menschen weiterhin in meinem Leben haben, trotz der Distanz. Und ich werde wohl dann auch nach Bayern fahren, F. besuchen und sie nötigen mich zu besuchen. 😉 

Viele Mitglieder des Teams sagen, dass wir uns nicht so sehr aneinander gewöhnen sollen. Wir würden uns eh nicht mehr sehen. Ich glaube nicht daran. Unsere „Truppe“ war und ist etwas besonders und ich glaube, dass einige von uns es schaffen werden den Kontakt aufrecht zu erhalten. Denn wir wollen es. Und ich habe erlebt, dass solche Kontakte lange halten können. Mit S. habe ich seit nun 10 Jahren Kontakt, seit wir aus der KiJu entlassen wurden. Auch von den anderen dort höre ich immer noch einige Male im Jahr etwas. Mit einigen Menschen aus der Psychiatrie verbindet mich seit nun auch bald zwei Jahren auch eine Freundschaft. Klar ist es anstrengend soziale Kontakte über die Distanz aufrecht zu erhalten, klar werden sich manche Kontakte verlaufen, aber einige werden bestehen bleiben. 

Nach Hause. Ich freue mich. Ich werde heute meinen üblichen Kram erledigen. Ankommen, Mama irgendwie wieder los werden, meine Tierchen versorgen, meine Wohnung ein wenig vom Katerchaos befreien. Ich will einen Freund in der Klinik besuchen (soviel zu Klinikfreundschaften), der leider grade wieder dort ist, auf dem Rückweg einkaufen. Und dann einen gemütlichen Abend verbringen auf dem Sofa, mit TV und Katerkind und Nichtstun. 

Morgen werde ich mit Bibi zu N. fahren, Geburtstag nachfeiern. Und dann geht es auch fast schon wieder zurück in Richtung Klinik. 

Gestern Abend saß ich mit Herrn N. beim Abendkontakt. Er blickte auf meine diary card, lächelte, begann den Satz mit seinem üblichen „Hey“ und erzählte mir, dass es doch wirklich gut läuft. Dinge, die manchmal nicht gesehen werden meint er, denn normalerweise schaut man doch ständig wo es grade brennt und wenn es dann mal läuft, dann beachtet es keiner. Ich muss lächeln und sage ihm, dass meine Psychologin es schon sieht, anerkennt, mich darauf hinweist, damit ich es auch sehe. 

Ich erzähle ihm von der Plötzlichkeit, mit der vormittags auf einmal Suizidgedanken in meinem Kopf waren, drängend und aus dem Nichts. Er meint, dass ich es vielleicht anders sehen muss. Ich soll mich nicht fragen, warum sie nun plötzlich da waren, sondern eher sehen, dass sie eben so lange nicht da waren. Vielleicht manchmal unterschwellig, vielleicht für Momente ein wenig mehr, manchmal sogar gar nicht. Aber sie sind weniger, deutlich. „Ich kann mich erinnern, dass wir andere Gespräche schon geführt haben an einem solchen Punkt. Da ging es dann um eine 5 auf der diary card. Und so erlebe ich Sie gerade nicht. Es belastet Sie, aber Sie sind klar, Sie wissen was zu tun ist, es geht um keine 5.“ Er fragt mich, ob ich das Monster am Wegesrand kenne. Ich schüttel den Kopf und er kramt in seinem Fach, legt mir ein Blatt vor die Nase und verdeckt den unteren Teil. 

„Wo wollen Sie hin?“ fragt er mich. „Hinter das Monster, dorthin wo die Sonne scheint“ antworte ich ihm. „Und wie machen Sie das?“ will er wissen. Ich überlege. „Monster verjagen?“ Er schüttelt den Kopf. „Funktioniert nicht.“meint er.“ Außerdem geht die Sonne bald schon unter. Sie haben nicht ewig Zeit um für heute an dem Monster vorbei zu kommen.“ Also überlege ich weiter. „Mit Schokolade bestechen? Schokolade funktioniert immer! Oder… Hmmmm. Vielleicht frage ich es einfach, ob es mitkommen mag?“ Herr N. lächelt. Und deckt den Rest der Seite auf. 

„Wow. Dass Sie da so schnell drauf gekommen sind!“ sagt er lächelnd. „Kopieren Sie mir das? Ich will es mir daheim aufhängen.“ sage ich zu ihm und er drückt mir wenige Augenblicke später die Kopie in die Hand. Wir reden noch kurz und ich gehe mit einem besseren Gefühl wieder den Flur entlang in den Aufenthaltsraum. 

Ich bin mit Hoffnung im September in die Klinik gefahren. Mit der Hoffnung auf Möglichkeiten mit mir und meinem Leben besser umzugehen, mit der Hoffnung manche Situationen besser meistern zu können. Und heute fahre ich in mein Wochenende mit der Gewissheit, dass es da ein lebenswertes Leben vor mir gibt, mit der Sicherheit, dass ich vieles meistern kann, mit der Sicherheit, dass ich leben und meinen Weg gehen kann. Mit dem Monster. Mit Borderline.

 

Aufstehen, Atmen, Anziehen und Hingehen.
Zurückkommen, Essen und Einsehen
zum Schluss:
dass man weitermachen muss

Und wir rennen um unser Leben, Du davon und ich entgegen.

Seit gestern ist es leichter. Endlich. 

Am Freitag bin ich ein wenig mit einer Mitpatientin aneinander geraten, die ich eigentlich sehr gerne hab. Durch ein doofes Missverständnis war sie sauer auf mich, als ich versuchte das ganze zu klären, schoss sie um sich und ich in meiner Verletztheit und Wut schoss eben zurück. Borderliner, Impulsivität, extreme Gefühle. Wie das ganze eben so läuft. Ich weiß, dass ich sie verletzt habe. Sie sieht nicht, dass sie mich auch verletzt hat. Sie hat sich leider hinter dieser Mauer aus Wut und Kränkung verschanzt und war nicht zu einer Klärung bereit. Das tat mir sehr weh, ich habe mich entschuldigt, ihr gesagt, dass es nicht gewollt war, aber sie sah nur ihre Verletztheit und sonst nichts. Und (vielleicht unbewusst) hat sie mich weiter verletzt. Dadurch, dass sie mich völlig ignorierte, sich demonstrativ an einen anderen Tisch setzte und dort lautstark Gespräche führte und lachte. Dadurch, dass sie am Abend vorher anfing sich immer dann von Menschen zu verabschieden, sie zu umarmen und alles, wenn ich in die Nähe kam. Dadurch, dass sie erzählte, dass Team steht hinter ihr und unterstützt sie völlig und findet ihre Reaktion angemessen. Dadurch, dass sie einfach nicht in der Bezugsgruppe erschien und damit auch die anderen irgendwie verletzte. Es waren so viele kleine Dinge, die die letzten Tage für mich unglaublich schwer und anstrengend machten. 

Meine Bezugspflegerin legte unser Einzel dann zum Glück genau so, dass ich den Abschied umgehen konnte. Ich habe sie nochmal umarmt und ihr alles Gute gewünscht, weil sie mir einfach wichtig ist und ich sie mag, trotz meinem Schmerz. Es war mir wichtig das zu tun und es tat mir auch gut, aber ich war froh ihren Weggang nicht zu erleben. 

Im Einzel habe ich auch thematisiert, wie sehr mich ihre Äußerungen verletzt haben. Wie weh es tat, als sie Menschen, die ich mag, erzählte dass ich total falsch reagiere und das Team das auch sagt. Meine Bezugspflegerin musste lachen, denn es ist eigentlich andersrum. Das Team sieht, wie sehr ich kämpfe und mich bemühe um Funktionalität. Und sie haben sich bemüht ihr zu helfen das Ganze zu klären, anders zu handeln, aber sie blockte ab. Ich wusste zwar, dass ihre Äußerungen ziemlich die Tatsachen verdrehen, trotzdem tat es gut es auch nochmal von der Pflege zu hören. 

Heute kam Herr E. nochmal auf mich zu, das hat er auch vorgestern schon getan, um mit mir über die Situation zu sprechen, zu fragen, ob ich etwas brauche, ob das Team mich unterstützen kann. Heute wollte er wissen wie es nun ist, wie es mir geht und daraufhin dann nochmal genau die Punkte, an denen es mir möglich war anders zu handeln, den neuen Weg zu gehen, funktional zu handeln. Und größtenteils war es eine Sache, die sich zwar unglaublich einfach anhört, aber unglaublich schwer ist: die Entscheidung für den neuen Weg. Ich will anders handeln. Ich will etwas verändern. Und er sagt auch, dass man das merkt. Und das sagt auch meine Psychologin. Und meine Bezugspflegerin. Und die anderen Pfleger. Und die Ärzte. Und sowieso und überhaupt. Da ist meine „Sturheit“ auch mal ganz positiv. Wenn ich etwas wirklich will, dann will ich es eben. Auch wenn da zwischendurch Momente sind, in denen ich kämpfen muss und auch Momente, in denen ich es anders sehe, aber im Großen und Ganzen will ich es dann schaffen. Vielleicht schreibe ich doch noch eine funktionale Anders-VA zu einer (oder auch mehreren) Situation(en) der letzten Tage. 

Seit ich nicht mehr ständig mit ihr konfrontiert bin und (unbewusst) verletzt werden ist es eben nun deutlich besser. Ich habe das Gefühl endlich wieder genug Raum und Luft zum Atmen zu haben, fühle mich nicht mehr so furchtbar hin und her gerissen zwischen „um ihre Entschuldigung betteln“ und „auf mich achten“. Gehandelt habe ich funktional, getan was nötig war aber auch nicht mehr und an dem Punkt laut „Stop“ gerufen, als sich Entschuldigen zu betteln und rechtfertigen geworden wäre. Ich habe auf meine Selbstachtung Wert gelegt, habe mich selbst geschützt und habe das auch geschafft. Und darauf bin ich stolz. 

Morgen ist mein Therapieplan leer und ich nutze die Möglichkeit und treffe mich mit der lieben Fylgja. Wir wollen kochen und zusammen ein wenig Zeit verbringen, ich freue mich schon drauf. Abends ziehe ich dann noch mit F. ein bisschen durch die Stadt. Am Samstag geht es dann auf in Richtung Heimat. Ich freue mich unendlich auf meine Tiere und meine eigenen 4 Wände und auf meine Freunde. 

Es sind nun noch 4 Wochen hier. Nur. Ich möchte nicht schon gehen. Auf der anderen Seite freue ich mich auf zuhause, auf mein Umfeld, meine Freunde, meine Tiere, meine Familie. Und darauf die Dinge, die ich hier gelernt habe, auch zuhause umzusetzen. Aber es macht auch Angst. Angst, dass es hier so gut klappt und daheim nicht. Angst, dass ich wieder abstürze. Aber das ist auch etwas, was ich ganz gut hier in den nächsten Wochen noch besprechen kann und auch mit meiner Psychologin gemeinsam anschauen werde. Präventionsstrategien entwickeln. Handlungsstrategien. Krisenpläne. Ich bin optimistisch. Trotz der Angst. 

Um das hier zu versteh’n
Braucht es Hirne und Herzen
Von nie da gewesener Größe,
Braucht es Tränen und Schmerzen.
Ich müsst‘ es selber seh’n,
um das hier zu versteh’n.
Um das hier zu versteh’n,
braucht es Arme und Hände
Von nie da gewesener Stärke,
braucht es Fäuste, braucht es Wände.
Und dann nach Hause geh’n,
um das hier zu versteh’n.

Coming back to where you started is not the same as never leaving.

Ich sitze gestern im Einzel und bespreche mit Frau O. die funktionale VA von Samstag. Anders-VA nannte Frau S. sie und auch ich finde das momentan noch besser. Denn das ist Fakt, ich habe anders gehandelt. Wir besprechen einige Punkte genauer. Wie das war, als ich da auf dem Boden saß mit der Klinge am Arm. Was mich davon abhielt. Und sie sagt etwas, das für mich sehr wichtig ist. „Sie haben eine Wahl.“ Denn genau so ist es. Ich kann mittlerweile entscheiden. Nicht Stunden vorher schon, sondern wirklich bis kurz davor. Und damit kann ich auch handeln, eine Option, die ich lange nicht hatte. Als sie fragt, wie ich mich im Anschluss fühlte, kommt bei mir die automatische Standardantwort. Gefühlswirrwarr. Doch direkt nachdem ich es ausgesprochen habe stelle ich fest, dass es gar nicht so war. Da waren Gefühle, unterschiedliche, und ich kann sie wirklich differenzieren und benennen. Einerseits Ärger, weil ich doch schon quasi dabei war und es nicht getan habe. Der destruktive Teil, der sich zu Wort meldet. Dann aber auch Traurigkeit, weil es die Option der Selbstverletzung in meinem Leben überhaupt gibt. Und damit verbunden auch Wut, Wut auf meinen Vater, weil er war wie er war und die Option der Selbstverletzung erst zu einer Option machte. Und, ganz minimal und wie ein winziges Flämmchen, dass beim kleinsten Lufthauch erlischt, ist da auch Stolz. Und ich habe ihn wahrgenommen und angenommen. Nicht weggeschoben, nicht kleingeredet, er durfte da sein und seinen Platz haben. 

Die Tage sind schwierig. Ich kämpfe und skille und skille und kämpfe. Heute Abend gibt es ein High Five von meiner Bezugspflegerin beim Abendkontakt, weil ich noch eine Stunde zuvor heulend vor ihr stand, mich nicht beruhigen konnte, so voller Selbstverletzungsdrang und Selbsthass und Schuld und Traurigkeit. Sie sagt, dass ich weinen soll. Weinen darf. Dass es toll ist, dass ich zu ihr komme, mir erlaube schwach zu sein und Hilfe annehme. Und sie sagt, dass es auch okay sein darf. Dass ich okay sein darf. Dass ich skillen darf und muss und soll, egal wie laut gerade alles in mir brüllt, dass ich die Anspannung steigen lassen soll bis zur Explosion, bis zur unvermeidbaren Selbstverletzung. 

Ich bekomme viel positive Rückmeldung in den letzten Tagen. Weil es zwar beschissen ist, aber dennoch gut läuft. Weil ich kämpfe gegen unglaublich tief verankerte Glaubenssätze, weil ich kämpfe für mich und für mein Leben. Und ich versuche es anzunehmen, versuche zu verstehen, dass es Menschen gibt, die mich mögen, dass ich okay sein kann und okay sein darf, dass ich mich selbst wertschätzen darf, so viele Dinge, die sich neu anfühlen, ungewohnt, irgendwie falsch aber dennoch richtig und auch gut. 

Ich habe heute morgen begonnen ein weiteres Medikament zu nehmen. Gegen/wegen adhs. Vielleicht macht es einige Dinge in meinem Leben leichter, die vorher einfach noch nebenbei wahnsinnig anstrengend waren. 

Eins habe ich in diesen zehn Wochen hier bisher definitiv gelernt: ich werde nie wieder an bestimmten Punkten ankommen, denn ich gehe einen anderen Weg, einen neuen Weg. Ich habe zu viel gelernt um wieder am Anfang zu stehen. Ich werde vielleicht stolpern, vielleicht hinfallen, vielleicht auch mal eine Weile liegen bleiben, aber es wird nie wieder so sein wie es mal war. Und es fühlt sich verdammt richtig an. 

Dorthin zurückzugehen, wo man begonnen hat, ist nicht das Gleiche, wie nie zu gehen. 

Coming back to where you started is not the same as never leaving.
~Terry Pratchett – A hat full of sky

Vielleicht sieht man gleich schon das Meer

Heute habe ich etwas getan, was ich wirklich schon lange Zeit nicht mehr gemacht habe. Ich bin einfach in den Supermarkt marschiert, schnurstracks in die Drogerieabteilung, ab zur Kasse und zurück in die Klinik. Und dort dann zielstrebig über den Flur und direkt ins Bad. 

Tja. Und dann saß ich da eben, mit der Klinge in der Hand. Setzte sie auf meine Haut… Und heulte los. 

Kurz danach sitze ich vorm Pflegestützpunkt und warte auf die Schwester. Ihr drücke ich die Klingen in die Hand und wir überlegen, was mir helfen könnte. Schon mittags hat sie mir ein Peeling gemixt mit Lavendelduft, nachdem sie nicht gefragt hatte, welchen Duft ich gerne mag. Also verziehe ich mich nach einem kurzen Heulausbruch im Zimmer unter die Dusche, dusche abwechselnd heiß und kalt und bearbeite meine Arme, die förmlich nach neuen Schnitten schreien, einfach mit Peeling. Und danach ist es tatsächlich ein wenig besser. Wir reden noch viel über den Abend verteilt. Ich mag sie und ihre Art wirklich gerne und die Dinge, die sie mir sagt, tun mir auch wirklich gut und helfen mir weiter. Ich bin froh, dass sie meine Bezugspflege vertreten hat, denn ich kann mit ihr wirklich offen und ehrlich reden über die Dinge, die in mir los sind. 

Wir reden auch über das ätzende Thema Suizidalität und Notausgang schließen. Sie versteht, dass es mir Angst macht, sagt aber auch nochmal, wie sehr dieses Offenhalten mich hindert. Denn es ist wirklich so, ich habe ständig eine Hand am Türgriff, will diesen Weg nicht schließen aber kann so auch nicht weit weg von dieser Tür. Es ist immer im Hinterkopf, wenn ich mich auf neue Dinge einlasse, wenn Unbekanntes vor mir liegt. „Und vielleicht können Sie irgendwann ja nicht nur die Steine auf dem neuen Weg sehen. Sondern auch Margeriten. Und Gänseblümchen.“ Ich muss lächeln. 

Auch im Einzel am Freitag war der Notausgang Thema. Und ich fange an zu weinen. Die Psychologin fragt was los ist. Und da ist einfach ganz viel Angst. Angst, dass ich noch etwas loslassen muss. „Ich bin doch schon dabei die Selbstverletzung loszulassen.“ sagte ich dort und auch heute nochmal. „Suizidalität hat Vorrang vor Selbstverletzung.“sagte Frau S. vorhin. Und dass ich das doch auch für mich nochmal überdenken soll. Und sie hat Recht und vielleicht macht es weniger Angst, dass alles so zu sehen. Dass ich die Suizidalität loslasse uns gleichzeitig versuche mit Situationen anders umzugehen. Denn ich kann wohl besser damit leben zu sagen, dass es möglich ist, dass ich mich nochmal verletze als mit der Option nochmal einen Suizidversuch hinzulegen. „Hinfallen ist keine Schande. Aber es geht darum wieder aufzustehen. Nicht liegenzubleiben und noch Purzelbäume rückwärts zu schlagen auf den alten Weg.“ sagt Frau S. und hat wieder mal so verdammt Recht. 

Die Psychologin lobt mich viel. Dafür, dass ich das Thema Gefühle durchgezogen habe, dass ich mich sogar mit Selbstwert auseinander gesetzt habe, dass ich in der Skillsgruppe nicht einfach aufgestanden und gegangen bin, obwohl sie gemerkt hat, wie schwer mir das fiel. Sie meint, dass ich die Notausgangstüre schon um so viel weiter zu habe als noch am Anfang. Dass wirklich nur noch das letzte bisschen fehlt um sie ins Schloss fallen zu lassen. Es ist tatsächlich so und wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, werden wir schauen, was mir noch helfen kann auf den letzten Millimetern. 

Und ich sage ihr, dass ich eigentlich die Nase voll habe von Selbstwert und all dem. Aber das doofe ist einfach, dass ich aus der Sache nicht mehr raus komme. Der neue Weg ist noch zu ungewohnt, um ihn als okay und angenehm zu empfinden, der alte Weg ist aber quasi schon verlassen. Und egal wie ich handel und was ich tue, es ist eben der neue Weg und damit automatisch etwas Gutes für mich. „Seien Sie ein wenig netter zu sich selbst.“ wünscht sie mir für mein Wochenende. 

Und obwohl es gerade schwer ist und obwohl ich richtig viel tun muss, damit es gerade nicht dysfunktional wird, schaffe ich es irgendwie. Ich habe es geschafft mich nicht zu verletzen und sitze halbwegs okay auf dem Sofa. Ich atme und atme und versuche mein Bestes und versuche mich und meine Entscheidung für den neuen Weg einfach okay zu finden. 

So lange der Weg sich auch anfühlt
So steil dieser Aufstieg auch ist
Ich bin mir sich er beginnt immer mit dem ersten Schritt

“Wo die Angst ist, da geht es lang.”

Ich sitze bei meinem Einzel und wir überlegen, an was man noch arbeiten müsste und könnte. Ich kann besser mit Anspannungszustände umgehen und habe nun einige Skills an der Hand, um es besser auszuhalten. Ich kann mit einigen Gefühlen besser umgehen, lasse Gefühle zu und kann auch für mich klar kriegen, ob sie nun angemessen sind oder nicht. Ich schaffe es auch immer besser meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen entsprechend zu handeln. Probleme macht das alles allerdings immernoch, wenn es um meine Glaubenssätze geht. Wenn ich mich als falsch empfinde, denke, dass ich das Problem bin, dass ich Schuld an etwas habe, dass es mir nicht gut gehen darf. Also wird das nochmal Thema werden. Und damit verbunden auch das Thema Selbstwert. 

Und das auch schon enorm auf die Probe gestellt. Nach dem Essen am Montag baten mich vier Mitpatientinnen, dass ich doch noch kurz dableiben soll. In meinem Kopf ging natürlich direkt wieder das Chaos los. Was habe ich angestellt, was ist nur los? Und dann bekam ich ein Päckchen in die Hand gedrückt. Drinnen war ein Einhornkissen. 

„Weil du bist wie du bist.“ bekomme ich als Antwort auf meine Frage, womit ich das denn verdient habe. Und ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll dazu, ich kann nur noch quietschen und mich freuen. 

Dienstag war der Selbstwert dann auch Thema in der Skillsgruppe. Jeder schrieb seinen Namen auf einen Zettel und dieser Zettel wanderte dann einmal durch die Runde und jeder schrieb etwas positives zu der Person. Und am Ende kam da ein Zettel an mir lieben Dingen von 3 Mitpatienten, meiner Therapeutin und meiner Bezugspflegerin. Das überfordert mich dann endgültig und es kippt. Ich sitze mit einem solchen Selbstverletzungsdruck den Rest des Abends im Aufenthaltsraum, ist will mich vor lauter Selbsthass nur noch zerschneiden. Doch ich habe es überstanden und mittlerweile ist es nicht mehr ganz so schlimm. 

Heute in der Bezugspflege war es dann wieder Thema. Und ich bekam so viel Lob und positive Rückmeldung, dass ich irgendwann „Stop!“ sagen musste, weil es mir echt zu viel wurde. Aber ich konnte es teilweise tatsächlich annehmen und es tat gut zu wissen, was die Personalseite und besonders meine Bezugspflegerin so über mich denkt.  

In der nächsten Woche habe ich Vertretung der Einzel bei meiner Ärztin. Die Psychologin ist weg und wir werden in der Woche wohl in Richtung Stufe 3 planen. In Richtung Zukunft. Es macht Angst, aber nicht mehr so sehr wie noch vor ein paar Wochen. Auch wenn ich wahnsinnige Angst vor der Entlassung hier habe, so ist da doch Zuversicht und Mut. Und in Stufe 3 wird es um die Dinge gehen, die mir helfen können, dass es daheim auch gut klappt. 

Ich bin seit 9 Wochen hier. Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell und manchmal trotzdem quälend langsam. Ich versuche mir viel Zeit für mich zu nehmen. Zeit, in der ich nicht mindestens 3 Dinge gleichzeitig tue, um meinen Kopf zu beschäftigen und Ruhe zu haben. Achtsamer sein. Mal nur eine Sache tun. Es fällt mir oftmals immer noch schwer, aber es klappt immer besser. Einfach nur in der Wanne liegen und lesen. Einfach mal vor dem Fernseher hängen und sonst nichts tun. Einfach mal im Zimmer sitzen und Musik hören. Es sind die kleinen Dinge, die mir momentan Halt geben und gut tun, die mir zeigen, wie viel sich verändert hat in den letzten Wochen.

“Wo die Angst ist, da geht es lang.” Das habe ich nun schon öfter gehört in der letzten Zeit. Dass genau die Dinge, die sich total falsch und merkwürdig anfühlen, manchmal eben genau der richtige Weg sind. Und ich glaube genau dahin will ich. Dorthin wo die Angst ist. Und darüber hinaus. 

Wochenende 

Ich bin wieder in der Klinik angekommen und liege im Bett. Es war ein schönes Wochenende, auch wenn es etwas turbulent war gestern. 

Ich fuhr nicht alleine los, sondern mit F. gemeinsam zu mir. In der Hauptstadt angekommen gingen wir erst mal shoppen, bevor Mama und aufgabelte und wir irgendwann endlich bei mir zuhause waren. Als ich meine Möhrenschweine zum Krallenschneiden aus ihrem Zuhause holte, stellte ich fest, dass Flöckchens Vorderpfötchen größer waren als normal. Um einiges größer. Nach viel Blut (und auch Eiter) war dann klar, dass ich die kleine Fellnase wohl zum Tierarzt bringen muss, denn sie hat beide Füßchen entzündet. Und samstags am Nachmittag einen Tierarzt brauchen endet in der Tierklinik. Also auf dorthin, zum Glück hab ich tolle Freunde, die mich dann auch bei sowas unterstützen und mich fahren. Bibi sammelte uns ein und ab ging es, nach ewigem Warten und Untersuchung und ’ner Menge Geld waren wir dann irgendwann auch endlich wieder zuhause. Ich fühle mich gar nicht gut bei dem Gedanken, dass mein Schweinchen nun Medikamente und Fürsorge braucht und ich nicht da bin. Ich bin mir zwar sicher, dass N. das ganze gut machen wird, trotzdem wäre ich lieber da und würde die Quietschnase versorgen. *seufz*

Der heutige Tag war dann relativ ruhig. Viel gammeln und Kater kraulen und Shisha rauchen. Das tat unglaublich gut und war auch echt nötig. 

Und nun bin ich eben wieder hier. Teilweise froh und teilweise traurig. Meine Tiere fehlen mir enorm, es fehlt mir selbst zu kochen und in der Nähe meiner Freunde zu sein, ich vermisse es auch mal alleine zu sein (denn die Möglichkeit hat man hier ja kaum…). Trotzdem bin ich froh, dass ich noch ein paar Wochen hier habe um weiter zu kommen und an mir zu arbeiten.