Skills

„Duuuuuu? Zitrone? Was sind eigentlich Skills?“ wurde ich in letzter Zeit oft gefragt. Und ich glaube, dass ich darüber tatsächlich noch nie einen ganzen Beitrag geschrieben habe, also ist es vielleicht mal an der Zeit dafür.

Ein Skill ist übersetzt eine Fähigkeit. Die Zocker kennen den Begriff sicherlich, denn auch viele Spiele erfordern gewisse Skills und man gewinnt mit dem Spielfortschritts immer mehr hinzu und kann vorhandene Skills verbessern.

Im Zusammenhang mit Borderline ist ein Skill eine Möglichkeit besser mit bestimmten Situationen klar zu kommen, meistens geht es um die Regulierung von Anspannung und Emotionen. Wichtig dabei ist, dass ein Skill kurzfristig hilft und langfristig nicht schadet. Selbstverletzung hilft beispielsweise kurzfristig, schadet aber langfristig, ist also kein Skill. Skills nutzt eigentlich jeder Mensch. Ob es nun ein entspannendes Bad nach einem stressigen Tag, eine Tasse Kaffee um besser in den Tag zu starten oder mit der besten Freundin quatschen ist. Jeder Mensch tut Dinge, damit es ihm besser geht, er sich besser fühlt, und das oftmals völlig unbewusst.

Mit Problemen bei der Emotionsregulation oder Impulsivität müssen solche Dinge aber bewusst eingesetzt werden und grade solche Dinge, die einem gut tun, müssen Borderliner oft erstmal lernen. Was also bei „normalen“ Menschen größtenteils automatisch und unbewusst abläuft, ist für Menschen mit Borderline ein harter Kampf.

Die Möglichkeiten an Skills sind quasi unbegrenzt und dabei nicht auf Dinge beschränkt. Weil es sonst den Rahmen sprengen würde beziehe ich mich hier hauptsächlich auf die Skills zur Anspannungsregulation und auf meine eigenen Erfahrungen. Eine Liste mit Skills findet man dank Internet heutzutage sehr einfach, da muss ich nicht eine weitere hinzufügen.

Im Bereich der unteren Anspannung muss ich eigentlich wenig tun. Da geht es hauptsächlich darum dieses Level zu halten, also alles zu tun, was mir auch gut tut. Lesen, mit Freunden etwas unternehmen, die Tierchen bekuscheln, all solche Dinge.

Wenn die Anspannung steigt geht es gezielter darum sie zu regulieren oder mich abzulenken. Ablenken funktioniert mit den verschiedensten Mitteln und Wegen. Serien, Puzzle, lesen, basteln, chatten, telefonieren, die Palette kann man endlos fortsetzen. Um die Anspannung in diesem Bereich zu halten oder sogar runter zu bekommen hilft es mir meinen Akupressurball zu „kneten“, raus zu gehen, mir Musik auf die Ohren zu knallen oder auch herauszufinden, was gerade eigentlich los ist. In der dbt habe ich gelernt beispielsweise ein Gefühlsprotokoll zu schreiben, um die Gefühle einzuordnen und zu entscheiden, wie ich gerade handeln sollte.

Interessant wird es im Bereich der hohen oder extrem hohen Anspannung. Bei hoher Anspannung helfen mir meistens nur starke Reize. Heiß oder kalt duschen, Eiswürfel, Finalgon. Im extrem hohen Bereich kann ich selbst nicht mehr klar denken und habe daher eine „Skillskette“, die automatisch abläuft mittlerweile. An erster Stelle steht der diving skill. To dive heißt übersetzt tauchen und quasi genau das tut man auch, allerdings nur mit dem Kopf. Am besten in richtig kaltes Wasser. Das ganze löst eine Körperreaktion aus, die automatisch die Anspannung runter fährt, den Tauchreflex. Der Körper fährt alle nicht unbedingt lebenswichtigen Tätigkeiten runter, denn man ist ja unter Wasser und könnte sterben, wenn man nun den Sauerstoff für so langweilige und sinnlose Dinge wie Anspannung vertut. Einfach aber effektiv.

Da man leider nicht jederzeit ein Waschbecken oder eine Plastikwanne mit Wasser dabei hat habe ich unterwegs Ammoniak dabei. Einmal unter die Nase und man hat eigentlich ganz andere Probleme als die Anspannung und kriegt es im besten Fall hin wieder denken und handeln zu können.

Im Anschluss folgt bei mir laute Musik auf die Ohren und raus. Eine Runde drehen, ein paar Mal um den Blog, bewegen, runter kommen. Meistens bin ich dann so weit unten, dass ich entweder rauskriegen kann was gerade nun los ist oder das skillen eben weiter geht. Zum Beispiel mit Finalgon, eine Salbe, die heiß wird und mir quasi irgendwie den Schmerz ersetzt, den die Selbstverletzung sonst brachte.

So sieht der Idealfall aus. Natürlich ist nicht in jeder Situation alles möglich, aber mit der Zeit lernt man sich anzupassen und zu variieren. Und genau so gibt es Situationen, in denen skillen völlig sinnlos ist bei mir, beispielsweise weil gerade akute Suizidalität im Vordergrund ist oder ich weiß, dass ich die Anspannung nicht runter regulieren kann. Im Ernstfall ist dann Bedarfsmedikamentation angesagt, wenn ich mich ausknocke habe ich auch keine Anspannung.

In meiner Skillstasche finden sich Skills für alle möglichen Situationen und Fälle. Igel- und Akupressurbälle, intelligente Knete und sonstiger Kram um die Hände zu beschäftigen, Sudoku und Rätsel zur Ablenkung, aber auch Kärtchen mit Sprüchen von Schwester Nathalie, Lavendel weil der Geruch mir gut tut und mich beruhigt, Tigerbalm, extrem saure Bonbons…

Mittlerweile nutze ich oft auch Skills, die nicht an Sachen gebunden sind. Zum Beispiel die zwischenmenschlichen Fertigkeiten, wie um etwas bitten, zum Beispiel einen Freund vorbei zu kommen oder anzurufen oder auch ein kurzfristiger Termin bei der Therapeutin.

Auch vorbeugende Dinge sind Skills. Regelmäßig essen, genug schlafen, genug trinken, sich ausreichend bewegen.

Einen Skill zu erklären ist also ein endloses Thema. Und „den Skill“ gibt es nicht, denn jeder muss für sich selbst herausfinden, was einem hilft. So kann ich beispielsweise mit allem was über den Geschmackssinn geht nichts anfangen, außer mit sauren Bonbons. Es hilft mir persönlich auch nicht mir rote Striche auf den Arm zu malen um quasi etwas sichtbares zu haben. Die Erfahrungen anderer Menschen helfen mir sehr und haben mir auch schon sehr geholfen, aber seine eigenen Skills muss jeder selbst finden.

Wichtig ist dabei nur auch zu sehen, dass es nicht nur um den Hochspannungsbereich geht. Denn eigentlich ist es in den anderen Bereichen viel wichtiger, um langfristig überhaupt nicht mehr in die Hochspannung zu kommen.

Skills muss man ausprobieren und üben. Und zwar nicht erst wenn die Anspannung hoch ist, sondern im normalen Bereich. Die Feuerwehr übt ja schließlich auch nicht erst wenn’s brennt.

Davor und danach

Vor einem Jahr verließ ich mit gepackten Koffern mein Zuhause. Vor einem Jahr drückte ich den Zitronenkater fest an mich, weil vor mir 14 Wochen dbt lagen, weil ich 14 Wochen lang nur ab und an über Nacht heimkehren würde.

Morgen wird es ein Jahr her sein, dass ich die Klinik betrat und mich auf die 14 Wochen dort einließ.

Seit einem Jahr gibt es ein Davor und ein Danach.

Ich habe immer noch Borderline. Aber ich habe auch ein Leben damit. Nicht mehr dagegen, sondern trotz und mit.

Manchmal komme ich nicht mit. Manchmal geht mir das alles zu schnell. sagte ich heute in der Therapie. Denn was sich in diesen 14 Wochen und seitdem getan hat ist so viel, manchmal viel zu viel für mich. Es ist so neu, so positiv. Auch wenn es diese beschissenen Momente immer noch gibt. Natürlich. Sie gehen nicht weh, plötzlich. Aber sie sind seltener. Anders. Damals habe ich den neuen Weg vorsichtig betreten. Zaghaft. Schritt für Schritt. In den letzten Monaten fühlt es sich an, als würde ich diesen Weg entlang stürmen, sprinten, keinen Halt mehr einlegen. Es passiert so viel gesundes, dass ich es kaum schaffe hinterher zu kommen.

Es ist ein Balanceakt. Immer und immer wieder und immer noch. Die Balance finden zwischen Kranksein und Gesundsein. Zwischen es ist gut und es darf nicht gut sein. Es gibt etwas dazwischen, zwischen all diesen Extremen. Das habe ich gelernt. Und diesen Mittelweg versuche ich gerade zu finden, versuche den Tanz auf dem Seil, gehe auf dem schmalen Grad zwischen schwarz und weiß.

Und es ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu schnell passiert. Es ist okay, dass ich mich manchmal in die Sicherheit flüchten will, die mir die Selbstverletzung, die Suizidgedanken und all das gegeben haben. Es ist okay, dass ich mich nach dem sehne, dass so lange mein Leben bestimmt hat. Aber es ist auch okay, dass ich einen anderen Weg gehe. Und es ist okay Angst zu haben. Und es ist okay mich auch gleichzeitig darauf zu freuen.

Ein bisschen mehr als 5 Wochen. Dann geht es los. Dann startet, was vor einem Jahr nicht mehr als ein Gedanke in meinen Kopf war, ein Gedanke, der so unrealistisch schien.

1 Jahr ist vergangen. Seitdem habe ich eine zweite Heimat gefunden. Menschen, die für mich Halt und Familie sind. Und ich gehe meinen Weg. Den neuen Weg. Mit Angst. Aber auch mit Stolz.

Wer zu nah zur Sonne fliegt, muss verstehen, dass manchmal das Feuer siegt

Dbt-Stadt. ❤️ Es ist ein Gefühl von „nach Hause kommen“, denn im letzten Jahr wuchs mir die Stadt ans Herz in den 3,5 Monaten, die ich hier verbrachte. Ich mag die Stadt mit der Fußgängerzone und dem vielen Grün überall, die Cafés und Plätze. Und nicht zuletzt liebe ich diese Stadt, weil hier einige wunderbare Menschen leben, die in den letzten Monaten mein Leben unglaublich bereichert und bunter gemacht haben. Ich mag den Dialekt hier, weil er mich an meine Kindheit erinnert und mittlerweile auch keine negativen Dinge mehr triggert, sondern mich schmunzeln lässt, weil ich den Dialekt mit dem ich so viele Jahre lang aufwuchs immer noch nicht ganz los bin, meinen Heimatdialekt oft noch damit ergänze und hier schnell wieder meinen Dialekt „vergesse“. Ich mag die Stadt, weil sie mein Leben verändert hat, nicht als Stadt selbst, sondern durch die dbt und die Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Das Klinikgelände, die Klinik und letztendlich die Station zu betreten, die für 14 Wochen mein „Zuhause“ war fühlt sich nach wie vor seltsam an. Eine Mischung aus Gewohnheit und fremdem, aus Sicherheit und Wehmut. Kein schlechtes Gefühl, aber immer noch merkwürdig und neu.

Es ist schön die bekannten Gesichter im Dienst auf Station zu treffen, Hände zu schütteln und die Freude zu spüren, dass man mal vorbei kommt und Positives berichtet.

Und am wertvollsten sind die Menschen, die ich drücke und umarme und knutsche und bei mir habe. Und dabei auch die beiden Mädels im Herzen dabei zu haben, die leider nicht hier sein können.

Am Donnerstagmorgen bin ich mehr aus der Wohnung und Richtung Hauptstadt getorkelt als gegangen und gefahren. Die Nacht war mit 1 ½ Stunden Schlaf viel zu kurz. Mit Mühe schaffe ich den Weg vom daheim zum Bus, zum Bahnhof, zur Straßenbahn und zum Psychiater. Als ich aus dem Aufzug trete renne ich in eine Menschenmasse. Ich möchte in Tränen ausbrechen, umdrehen und fliehen. Doch auf die letzten Meter des Dauerkrankenscheins nun eine Lücke haben ist blöd, also bahne ich mir meinen Weg in die Praxis und ziehe eine Nummer. 035. Die Arzthelferin, die schon kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, weil sie die Flut an Patienten allein bewältigen muss, ruft nach der Nummer 8. Und ich muss wieder die Tränen nieder kämpfen, denn es überfordert mich völlig zwischen diesen ganzen Menschen zu sein, warten zu müssen.

„Ich hab ein wenig Mist gebaut“ murmle ich, als ich meinem Psychiater gegenüber sitze. Sein Blick fällt automatisch auf meine Arme, er zieht skeptisch eine Augenbraue hoch, als ihm auffällt, dass ich lange Ärmel trage.

„Nee. Nicht diesen Mist.“ Und dann erzähle ich ihm von den vergessenen Medis, von den Symptomen und von der Krisenintervention. Er schüttelt immer wieder den Kopf, fragt nach, ob ich tatsächlich von der Dosis komplett auf 0 bin, fragt mehrfach nach ob die in der Klinik wirklich so schnell wieder hoch gegangen sind. Ich soll mir Zeit lassen mit der letzten Dosissteigerung meint er, wenn ich merke, dass mein Körper nicht mit macht.

Danach zu meiner Mutter zu kommen stellt sich als große Herausforderung dar. WM-Rallye. Der deutsche Lauf findet bei uns statt, die Stadtautobahn ist gesperrt, die Innenstadt auch teilweise. Über eine Stunde warte ich auf einen Bus, der eigentlich alle 10 Minuten fährt.

Um 16.30 Uhr bin ich verabredet mit dem Mann einer Mitpatientin aus der dbt. Doch auch er muss mit der gesperrten Stadt kämpfen und bis wir endlich mit dem Auto raus sind aus der Stadt vergehen gefühlt mehrere Stunden.

Abends kann ich dann endlich die Muddi an mich drücken und quietschen und mit ihr draußen sitzen und reden und lachen und mich einfach gut fühlen.

Am Freitagmorgen fahren wir gemeinsam in die Dbt-Stadt, überraschen Puffi und treffen auf A. und B., sagen der Station Hallo und verbringen einen tollen Tag gemeinsam, rennen durch den Regen und verstecken uns im Raucherpavillon vor dem Unwetter, dass über die Stadt fegt.

Bei A. und Puffi schlafe ich dann auch, wir machen uns schöne Stunden daheim und in der Stadt und beim Kartenspielen draußen in der Sonne. Es tut gut tolle Menschen um mich zu haben, einfach ich sein zu können, nichts erklären zu müssen.

Nun sitze ich im Bus auf der altbekannten Linie in Richtung nach Hause. Bald werden wir über die Grenze fahren und mit jeder Minute bin ich weiter weg von der Dbt-Stadt und näher an meiner Heimat. Die Tage taten unglaublich gut, haben mich auftanken und durchatmen lassen, grade nach dem Chaos der letzten Woche. Lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt wie in diesen Tagen hier. Wenn ich wieder komme, dann werde ich offiziell Studentin sein.

Und so lasse ich mit der Stadt auch ein Stück Vergangenheit hinter mir und starte in die letzten Wochen „krank sein“.

Und die Zeit fängt wieder an das zu tun, was sie am besten kann

Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben

Und ich kann nur darauf warten, dass sie sich beeilt und irgendwann wird im Vorbeigehen

Schwarz-Weiß wieder Farbe

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

Wegfahren und Heimkehren 

Auf dem Weg zur Klinik renne ich fast in meine ehemalige Therapeutin, weil sie gerade den Supermarkt verlässt, in den wir rein wollen. Ich quietsche erst mal und freue mich, dass ich ihr zufällig nun schon über den Weg laufe und mir so die spätere Suche nach ihr spare. Wir reden ein wenig und es ist schön ein paar Worte mit ihr zu wechseln, ihr zu sagen, dass es wirklich okay ist momentan, es ist schön zu sehen, dass sie sich freut. 

Mich von Puffi zu verabschieden ist schmerzhaft, denn ich würde sie so gerne viel öfter sehen, ihr Halt geben und für sie da sein, nicht nur so aus der Entfernung. Ich drücke sie fest an mich mit Tränen in den Augen und wir versprechen uns, dass wir uns nächsten Monat wieder sehen. 

Als ich kurz auf der Station vorbei schneie, treffe ich im Pflegestützpunkt auf gefühlt die halbe Belegschaft der Station, freue mich, dass auch meine Bezugspflegerin da ist, erzähle ein wenig und ziehe noch kurz mit Mira vor die Türe um ein wenig zu quatschen und sie dann zum Abschied zu drücken. Wenn ich das nächste Mal in die dbt-Stadt fahre,l wird niemand mehr auf der Station sein den ich kenne, alle sind entlassen. 

Als ich mich schließlich am Bahnhof auch von A. verabschiede und in den Bus steige, würde ich am liebsten noch bleiben. So schön waren die Tage, so gut tat mir die Zeit. Doch ich muss wieder nach Hause, muss zu meinen Tierchen, muss mich um meinen Kram kümmern. 

Doch ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut mir Wegfahren tut. Einfach ein paar Tage etwas anderes sehen, Dinge tun, die mir gut tun und etwas gestärkter wieder nach Hause kommen. Und ich werde das definitiv beibehalten, Kurztrips durch die Gegend, andere Orte und liebe Menschen sehen. 

Und so sitze ich lächelnd im Bus, lasse mich von der Sonne bescheinen, genieße die Musik auf den Ohren, während wir Kilometer um Kilometer zurück legen und die französische Landschaft am Fenster vorbei zieht. 

Laut Busfahrer liegen wir gut in der Zeit und erreichen meine Hauptstadt früher als geplant. Je nach Uhrzeit und Verbindung nach Hause hüpfe ich dann vielleicht noch kurz in der Hauptstadt in den Supermarkt und besorge etwas kleines zu essen für heute abend und Grünzeug für die Fellpopos. Der Herr Kater wird bei meinem Eintreffen zuhause vermutlich nur Millimeter entfernt vom Hungertod sein, also eigentlich wie immer. Ich freue mich auf ihn und sein Fell und seinen Geruch und sein Schnurren, freue mich auf das Quietschen der Fellpopos und auf meine Wohnung. Mittlerweile ist dieser Ort für mich Zuhause geworden, nicht zuletzt durch die Tiere. Und genauso wie ich das Wegfahren genieße, genieße ich auch das Heimkehren. 

In nicht mehr ganz einem Monat werde ich den Weg wieder in die andere Richtung fahren, werde die dbt-Stadt und die Menschen dort besuchen und mit A. gemeinsam unser Jahr ohne Selbstverletzung feiern. 

Wofür es sich zu leben lohnt

Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, atme ein und aus und blicke auf den großen Baum vor meiner Nase. So oft saß ich an dieser Stelle während der dbt, in sämtlichen Gefühlslagen und Anspannungszustände. 

So sitze ich da, mit Zigarette und Energy, atme ein und aus und denke an den Moment, als ich zum ersten Mal dort saß, vor dem Vorgespräch, angespannt, panisch, kurz davor die Flucht zu ergreifen. 

Nun bin ich fast genauso lange wieder zuhause wie ich in der Klinik war. Fast 14 Wochen sind seit meiner Entlassung vergangen und es fühlt sich nach so viel mehr an. 7 Monate sind vergangen seit dem Beginn der dbt, 7 Monate, in denen so vieles passiert ist, sich so viel bewegt hat. Und auch in der Zeit danach hat sich so viel getan. Es ist teilweise für mich immer noch nicht nachvollziehen, dass sich in so kurzer Zeit soviel ändern kann und ich frage mich oft, ob da nicht doch irgendwann wieder der große Knall kommt und mich zurück wirft. Ich wage es kaum dem Frieden zu trauen, weil es so ungewohnt ist so zu leben. Ohne die 24/7 an Anspannung, ohne ständigen Selbstverletzungsdruck, ohne ständige Suizidgedanken. 

Ich sitze auf der Bank, lächle und bin tatsächlich einfach nur stolz. Ohne das Gefühl direkt wieder wegschieben zu wollen, ohne direkt Gründe zu suchen, die mir zeigen, dass ich noch so viel an mir arbeiten muss. Ich sitze einfach nur da und bin stolz auf mich, auf die vergangenen Wochen zuhause, auf die Traumatherapie, auf die dbt, auf die ganzen Jahre, die ich nun schon kämpfe und nicht aufgebe. Einfach stolz auf mich. 

Es fühlt sich merkwürdig an auf die Station zu gehen, die 14 Wochen meine Heimat war. Es fühlt sich merkwürdig an dort zu sein, auf den so bekannten Knopf im Aufzug zu drücken, die so bekannte Tür zu öffnen. Fremd und doch gleichzeitig so vertraut. 

Seit ich am Samstag hier ankam genieße ich jede Sekunde. Ich genieße die Zeit mit A., ich genieße die Momente alleine, die Zeit mit der lieben Mira, die Zeit mit Puffi und die Zeit, die C., A., Puffi und ich auf der Geschlossenen und dort im Garten verbringen. Ich genieße jeden Augenblick mit den tollen Menschen um mich rum und in dieser Stadt, die für mich ein Stück Freiheit bedeutet, weil hier der Weg in ein neues Leben seinen Anfang fand. 

Ich genieße es einfach zu lachen und verrückt zu sein und zu atmen und zu leben. Und es ist so unglaublich schön, dass ich das kann, dass ich weiter gekämpft habe für solche Momente. Denn genau diese Momente sind es, für die ich leben möchte. 

Just try 

Ich habe verschlafen. Verdammte Scheiße! Beeilen, Hektik, schnell alles erledigen. Die Kids sind ja ganz alleine… Moment? Kids? 

Ich wache auf und stelle fest, dass ich keineswegs verschlafen habe. Auch wenn das Katerkind das anders sieht, denn von ihm aus hätte ich schon vor 4 Stunden zum Frühstück antreten können. 

Ich quäle mich aus dem Bett. Heute fällt es mir enorm schwer. Gleichzeitig bin ich verwundert, dass ich es nun schon seit zwei Wochen schaffe morgens aufzustehen, obwohl ich der absolute Morgenmuffel bin und mein Rhythmus eher einer Eule entspricht als einem Vögelchen. Faszinierend, aber dran gewöhnen werde ich mich nie. 

Gestern war ich echt produktiv. Ich habe einen Haufen Kartoffelsuppe eingefroren, denn wenn ich schonmal dabei bin Suppengrün zu putzen und Kartoffeln zu schälen, dann mache ich auch eine große Ladung. Ich habe den Kater viel bespaßt, den Meeris zugeschaut, war einkaufen und habe meinen Haaren endlich wieder Farbe in Spitzen verpasst. Und dann mit Tee auf dem Sofa gegammelt und gezockt, einfach mir etwas Gutes tun und abschalten. Und davor eben noch Klinik. 

Grade eben habe ich mal in den Spiegel geschaut und mich vom Panda wieder in einen Menschen verwandelt. Im Einzel haben wir eine Traumalandschaft gemacht. Die Dinge, die belastend waren am Zeitstrahl mit nach oben hin der „Belastung“ die es war und ist. Teilweise mit Gefühlen und eben auch die Dinge, die Halt gaben. Natürlich musste ich heulen, deswegen auch der Pandalook. 

Bei den Dingen, die Halt gaben, steht auch die Selbstverletzung. Und genau das ändert sich in den letzten Jahren in meinem Umgang damit. Viele Jahre war es ein Feind, den es zu bekämpfen galt. Teilweise ist es das auch heute noch. Aber eigentlich ist es eben auch ein Halt gewesen in all den Jahren. Ich hätte es ohne nicht geschafft. Ich hätte keine Möglichkeit gehabt diesen Schmerz auszuhalten. 17 Jahre lang begleitet mich die Selbstverletzung nun schon und vielleicht ist sie eher ein guter Freund, der zwar da ist aber in den Hintergrund rückt, als ein Feind. 

Seit der DBT sind die Momente, in denen ich das Gefühl habe wahnsinnig zu werden, wenn ich mich nicht direkt verletze, viel seltener geworden. Ich merke die Anspannung früher und habe noch ein paar Möglichkeiten mehr damit umzugehen. Und auch meine Einstellung ist anders geworden. Ich versuche nicht mehr mit aller Macht dagegen zu kämpfen, sondern es einfach auszuhalten, die Momente zu überbrücken, bis es wieder besser wird. Leider klappt es nicht immer und in letzter Zeit merke ich, dass die Suizidalität direkt auf der Matte steht, wenn der Druck zu lange da ist. Aber da steht der Lebensvertrag als Bremse zwischen mir und der Handlung. So vieles ist anders geworden in diesen 14 Wochen. 

Jedenfalls merke ich mit jedem Gespräch mehr, dass ich wirklich nicht daran sterbe, wenn ich die Dinge ausspreche. Es tut zwar weh, aber es befreit auch. Und D., der immer sagte, er bringt mich um wenn ich den Mund aufmache, ist so weit weg, dass die Angst mich nur noch selten packt. 

„Warum messen Sie sich selbst mit einem anderen Maßstab als alle anderen?“ fragte die Psychologin in der DBT irgendwann. Und das ist auch eine Sache, die ich seitdem lerne, mich selbst zu validieren, an mir kein anderes Maß anzulegen als an anderen Menschen. Ich darf weinen, ich darf mich scheiße fühlen, es darf wehtun. Die alten Glaubenssätze spuken immer wieder im Kopf, doch sie haben keine so große Kraft mehr über mich. Ich darf atmen und leben. Ich darf mich schlecht fühlen und ich darf Gefühle haben, ich darf eine eigenständige Person sein. Ich darf. Mir selbst etwas erlauben, etwas gönnen, gut zu mir sein, es ist immer wieder eine neue Erfahrung. 

Heute habe ich mich tatsächlich mal zum Mittagessen getraut. Die ganze Woche habe ich mich irgendwie darum gedrückt, zu viele Menschen, zu laut, bäh. Aber heute meldet sich auch der Magen zu Wort und ich habe versucht die Menschen und den Raum auszublenden und trotz allem achtsam zu essen. 

Zuhause will ich mal die Liste aus der DBT in die Hand nehmen, die wir jeden Abend ausfüllen sollten. Unterschiedliche Skills und Übungen, ob wir sie gemacht haben und wie es half. Ich überlege, ob ich es irgendwie in die diary card integrieren kann oder sonst so, dass ich öfter mal darüber nachdenke was ich gemacht habe und welche Dinge ich öfter anwenden sollte. Vieles läuft automatisch, aber einiges auch noch nicht. Und für morgen habe ich mir fest vorgenommen endlich die restlichen Fotos auszudrucken, damit meine „Therapiewand“ endlich einen Anfang finden kann. Die Fotos von uns werden dort einen Platz finden, außerdem der Lebensvertrag und das Zertifikat über die abgeschlossene dbt. Ich würde noch gerne das Bild mit dem Monster am Wegesrand dazu hängen und den Spruch von Herrn E., den er mir ausgedruckt hat. Und vielleicht noch ein paar der Dinge, die mich nach Hause begleitet haben, mal sehen. Das Ganze wird seinen Platz über meinem Bett finden, es ist zu persönlich um quasi „öffentlich“ in meinem Wohnzimmer zu hängen. 

Außerdem steht aufräumen für das Wochenende auf dem Programm, irgendwas leckeres kochen, ich will den Strickkram suchen, damit ich die Sachen auch mal mit in die Klinik nehmen kann. 

Im Großen und Ganzen ist es derzeit echt okay. Ich schwanke zwar ab und an auch in die Tiefe, aber es ist aushaltbar und ich kann mich doch relativ gut selbst auffangen mittlerweile. Der Selbstverletzungsdruck begleitet mich zwar doch unterschwellig etwas mehr als sonst, aber er lässt sich aushalten und auch unterschwellig halten, bis auf einige Momente, in denen der Druck und die Anspannung doch so extrem werden, dass ich kämpfen muss. 

Vielleicht schreibe ich demnächst mal was über Skills. Die sind zurzeit ein großes Thema in meinem Alltag und vielleicht lernt jemand ja noch was dazu. Außerdem hilft das Schreiben mir auch enorm dabei mir manche Sachen selbst nochmal bewusst zu machen. 

It’s not enough to survive
You’re not living if you don’t feel alive.
Just try
You’re not gonna loose your will to fly

Denn der Weg ist lang

Musik. Wie oft habe ich schon darüber geschrieben… In der letzten Zeit habe ich meine Angewohnheit mit Liedtexten zu bloggen etwas vernachlässigt. Vorsatz für das neue Jahr: öfter mal wieder tun. 

Mein erstes Konzert habe ich mit ungefähr 4 Jahren besucht. Auf den Schultern meines Vaters. Die Liedtexte konnte ich fast alle mitsingen, sehr zur Belustigung der umstehenden Menschen. 

Vielleicht hat sich schon damals gezeigt, dass mein Gehirn irgendwann zu 80% von Lyrics eingenommen sein wird. Manchmal ist es furchtbar, Lieder, die ich ewig nicht mehr gehört habe, sind in irgendwelchen Gehirnwindungen eingebrannt. 

Und um den Bogen von meinem allerersten Konzert zu der Gegenwart zu ziehen: für eben jenen Künstler habe ich vorhin Tickets bestellt. 

Klaus Lage. 

Meine Sympathie für seine Musik beruht definitiv auf den Musikvorlieben meiner Eltern. Denn „1000 mal berührt“ und auch Schimanski gehören in ihre Zeit und so auch Klaus Lage. Seine CDs aus der früheren Zeit kenne ich von vorne bis hinten auswendig. Inklusive Text. 

An dem Tag, an dem meine Uroma beerdigt wurde, lief seine CD auf der Rückfahrt. Ich weiß es noch ganz genau. An diesem Tag fuhren wir von BaWü in meine Hauptstadt. Ich bettelte, dass ich meine Mama sehen darf. Als ich vor der Tür stand, klingelte und sie öffnete, wusste ich genau, dass etwas nicht stimmte. Und so war es. Meine andere Uroma war gestorben. So war dies ein trauriger Tag für mich. Ich verlor meine beiden ältesten Verwandten innerhalb kurzer Zeit. Auf dem Rückweg, es war schon dunkel, blickte ich aus dem Autofenster, sah die Sterne, und Klaus Lage lief. 

Solche Momente brennen sich ins Hirn und kommen immer wieder hoch. Mittlerweile schmerzt es nicht mehr so sehr, auch wenn ich meine beiden Uromas oftmals sehr vermisse. 

Musik war schon immer ein Teil in meinem Leben. Ob bei den Autofahrten als Kind, wenn ich laut Lieder mitsang, später um die Gedanken in meinem Kopf zu übertönen, bei Konzerten und Festivals, in schönen und in schlechten Momenten. Mit Musik kann ich mich selbst unglaublich beeinflussen. Ob ich bei Ska-P durch die Wohnung tanze, mit den Broilers um die Wette brülle oder dem Soundtrack vom Herrn der Ringe auf dem Bett liege und nur atme. 

Viele Lieder meide ich. Oder höre sie nur in bestimmten Situationen. So gibt es Lieder, die mich an jeden Liebeskummer meines Lebens erinnern, Lieder, die mit verschiedenen Situationen zusammen hängen, Lieder, die in schweren Zeiten in meinen Ohren dröhnten. 

Ich freue mich, wenn ein neues Album erscheint, manchmal sehne ich den Tag herbei und bin unglaublich neugierig. Ich singe bei meinen liebsten Künstlern laut auf Konzerten mit, ich bin traurig, wenn sich eine Band auflöst, die ich gerne mag. Und in der letzten Zeit trauere ich um tolle Künstler, die sterben. 

Meine Mama sagte vorhin am Telefon zu mir, dass man ja nicht wisse, wie lange man noch die Gelegenheit hat, einen Künstler zu sehen. Und bei vielen der Helden meiner Kindheit und Jugend trifft das zu, einige sind schon gestorben. Was von ihnen bleibt ist die Musik. 

Ja. Musik. Musik und Bücher, ohne könnte ich nicht leben. 

Oftmals habe ich beim Schreiben von etwas plötzlich den Songtext aufgeschrieben, weil ich währenddessen Musik gehört habe. In der Schule hat es mich oft gerettet, dass ich stundenlang Texte von allen möglichen Liedern auf den Block gekritzelt habe, um mich in der Realität zu halten, um mich abzulenken. Es gibt Texte, die sind so sehr Teil meines Lebens geworden, Lieder, die mir viel bedeuten. Sei es nun „ganz egal ob ich Blut schwitz, bittere Tränen wein, alles erträglich, es muss nur immer Musik da sein“ aus 33rpm ist oder „tell everybody I’m on my way and I’m loving every step I take“ von Bärenbrüder, „du bist zu weit um umzudrehen“ von Rosenstolz. Oder wenn Jennifer Rostock in meine Ohren brüllt oder Nicholas Müller mich mit seiner Stimme und seinen Texten einnimmt. 

Ach, ich könnte stundenlang über Musik und Texte schreiben. Ich muss öfter mal die Musik aufdrehen. Und öfter mal zu Konzerten gehen. Und zu Festivals. Schließlich habe ich noch ein wenig (wenn auch nicht mehr allzu viel) Platz für Bändchen an meinen Handgelenken. 

Nun werde ich aber, natürlich untermalt von Musik, ein wenig in meiner Wohnung rumwuseln. Kurz einkaufen muss ich noch, vor allem Grünzeug für die Quietschies (ist dieser Scheiß so teuer im Winter! Ich geh noch bankrott an Futter für meine Viecher!). N. will später vorbei kommen. Heute Abend will ich mal wieder lange mit meiner kleinen Hexe telefonieren. Und am Wochenende muss ich wohl zu Mama, ihr Handy (bzw mein altes Handy) unterstützt nun kein WhatsApp mehr und ich muss mal schauen, ob ich mit einem custom rom ein neueres Android draufspielen kann. 

Mir geht es gut. Vieles ist anstrengend, aber es funktioniert zuhause größtenteils wirklich gut. Ich hätte das nicht gedacht und ich bin immer wieder aufs neue erstaunt, wieviel sich in diesen 14 Wochen DBT geändert hat. Vieles zeigt sich nun erst im Alltag, vieles wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, es wird sich zeigen, ob auch langfristig etwas anders ist, ob ich im Alltag bestehen kann mit den Anforderungen einer Arbeit oder eines Studiums. Aber ich bin guter Dinge. Ich lebe. Ich bin vom Überleben zum Leben gewechselt, das Verhältnis der Tage hat sich gedreht. Die Tage, an denen ich früher um jeden Atemzug kämpfen musste sind so viel seltener, die Tage an denen ich einfach lebe und genieße und klar komme sind so viel mehr. Es ist schön das zu spüren. So unglaublich schön. 

Und der Weg ist lang
und der Aufstieg schwer
seit ich auf diesen Weg kam
ist schon so lange her
ja, der Weg ist lang
und er windet sich sehr
und dem Glück das begann,
schau ich hinterher.

Möp

Es gibt ja so ein paar Dinge, die man ständig benutzt und trotzdem immer irgendwo hin räumt und dann nicht mehr findet. So geht es mir mit meiner externen Festplatte. Ständig brauche ich sie, ständig suche ich sie. Und wenn ich sie gefunden habe mache ich mich immer auf die Suche nach Stromkabel und USB-Kabel. 

Dann sitze ich vor meinem PC und schaue dem Programm zu, während meine Bilder wiederhergestellt werden. Das Programm hat einige gefunden und ich stelle einfach radikal alles wieder her, das potenziell ein Foto sein könnte. Danach schaue ich dann mal, was an interessanten Daten noch sonst so da ist, vielleicht ist da auch noch was rettbares dabei, dass ich brauche. Mit den Bildern habe ich aber zumindest einen großen Teil des wichtigsten Krams wieder. 

Wenn das vorbei ist kann ich endlich mit dem schönen Teil anfangen: PC einrichten. Ich liebe es technische Geräte einzurichten, alle möglichen Sachen wieder einzustellen, runter zu laden… Als erstes muss mal wieder das Betriebssystem drauf, momentan läuft Win 8.1 wieder, das mag ich absolut nicht. Doch damit muss ich warten, bis die Daten gerettet sind, denn beim Installieren und Updaten ist das Risiko groß, die Überbleibsel zu überschreiben und die Daten wären futsch. Also in Geduld üben, dem Fortschrittsbalken zuschauen, wie er sich viel zu langsam füllt, irgendwas anderes tun bis dahin. Der Download des neuen Betriebssystems lässt sich sowieso gewaltig Zeit, seit gestern Mittag mag die Prozentzahl sich nur alle paar Stunden verändern. 

Gestern morgen war ich schon früh wach. Habe meine Tiere versorgt, das Katerkind gekrault, etwas gegessen und mich wieder ins Bett gekuschelt, weil mir noch zwei Stunden Zeit blieben. Um kurz vor halb zehn bin ich wieder aufgewacht und beim Blick aufs Handy aus dem Bett geschossen, denn mein Bus fuhr um viertel vor. Aber ich habe es geschafft und bin in die Hauptstadt gefahren, in Ruhe bis ins Viertel gelaufen und habe mich dort mit J. getroffen. Zur Feier des Tages spendierte sie mir sogar noch ein Frühstück. Unser Tee-Deal läuft nun seit 201 Tagen wieder, solange ich mich nicht verletze muss sie den Tee bezahlen. Ansonsten wieder jeder seinen. Den Deal haben wir schon lange, doch zwischenzeitlich gab es eine große Pause, schließlich hatte ich ja mehr Tage mit Selbstverletzung als ohne. Irgendwann wollte ich ihn erneuern und wir haben uns auf eine Zeit ab 100 Tagen ohne festgelegt und die habe ich ja auch geschafft. Es ist eine kleine Sache mit großer Wirkung. Ich freue mich immer auf unsere Tee-Dates und dann stolz zu sein, dass ich immer noch „clean“ bin, ist eben auch toll. Und selbst wenn es nicht mehr so sein sollte haben wir trotzdem unsere Treffen, ich muss nur selber zahlen. 

Genauso ist es mit der Verabredung zur 1-Jahr-Feier mit A., wir haben in der Klinik festgestellt, dass unsere „letzten Male“ genau eine Woche auseinander liegen und gemeinsam das halbe Jahr gefeiert und gesagt, dass wir auch das ganze Jahr feiern wollen. Auch das unterstützt mich, denn ich freue mich natürlich darauf mit ihr anzustoßen und überlege mir nun noch einmal mehr, ob ich mich verletze. 

Ich bin froh um die Menschen in meinem Leben, die mich auf alle möglichen Arten unterstützen. Sei es nun mit solchen Verabredungen, oder die DBT-Mädels in unserer Gruppe, die einfach da sind mit Rat oder einem offenen Ohr oder einfach nur zum Quatschen, meine Freunde, die ich volljammern kann oder die mit mir was unternehmen und auch nicht böse sind, wenn ich es mal nicht schaffe mich zu melden oder vor die Türe zu gehen. Es tut gut diese Menschen zu haben und ich bin froh und glücklich, dass es sie gibt. 

Am Abend bin ich dann ein wenig abgestürzt. Mit Skills und allen möglichen Dingen, die ich in der DBT gelernt habe, konnte ich mich halbwegs auffangen, habe mit dem Katerkind gekuschelt und bin irgendwann ins Bett gefallen. Die Nacht war unruhig und alles andere als erholsam. Heute morgen kam ich nur unglaublich schwer in die Gänge, bin nur kurz durchs Bad, in die Klamotten und zum Psychiater. Eigentlich wollte ich noch zu Mama, mich mit P. treffen und danach zu J. um ihr beim Einrichten des neuen Laptops zu helfen. (haha, habe ich ja nun gerade echt Übung drin…) 

Mama habe ich abgesagt. Und P. auch. Ich will einfach nur noch heim auf mein Sofa, die Decke um mich wickeln und mich vergraben. Meine Psyche streikt, mein Körper zieht mit. Meine Augen brennen, mein Kopf schmerzt, mein Magen produziert einen Krampf nach dem anderen. Heute Abend will ich aber zu J. fahren, bis dahin bin ich hoffentlich wieder halbwegs in der Spur und es tut mir auch gut dann nochmal raus zu kommen. 

Meine eigenen Bedürfnisse achten. Fühlt sich neu und ungewohnt an. Aber ich will einfach nur noch nach Hause. 

Ich bin müde. Ich will in mein Bett. Doch gerade befinde ich mich nicht mal im selben Land wie mein Bett. Mich trennen noch etwa 100 km von meiner Hauptstadt. Noch über eine Stunde. Und dann muss ich von der Hauptstadt erst mal nach Hause kommen. Je nach Ankunft dauert das entweder etwas mehr als eine Stunde, oder auch fast 3. Ich hoffe, dass ich den früheren Zug noch kriege. 

Gestern morgen habe ich mit Fylgja gefrühstückt und bin dann in Richtung Klinik gezogen um mich mit Mira zu treffen. Wir waren im Café und im botanischen Garten und es war schön, den Menschen hinter den Wörtern ein wenig kennen zu lernen. 

Später saß ich hauptsächlich mit Puffi im Foyer, habe aber auch noch ein paar andere Mitpatienten immer mal wieder dabei gehabt. Schon vorher bin ich zum Büro meiner Psychologin, aber sie war leider nicht da. Als ich später eine Mitpatientin in die Richtung laufen sah, die auch bei ihr ist, habe ich einfach gehofft sie nach dem Termin dann zu erwischen und stapfte also nochmal in Richtung Büro, als die Mitpatientin zurück kam. Gerade als wir vor der Tür ankamen, kam meine Psychologin raus und ich verschwand mit ihr für ein paar Minuten im Büro, erzählte ein bisschen. Ich fand es schön, dass ich sie erwischt habe und dass ich ihr berichten konnte, dass es zuhause eigentlich echt ganz gut klappt. 

Später zogen wir ins Café, insgesamt zu sechst. Es war schön mit ein paar Menschen der „alten Truppe“ zusammen zu sitzen. Abends ging es dann zurück zu Fylgja, wir haben Flammkuchen gemacht und unseren IQ mit Dschungelcamp ein wenig gesenkt. 

Heute morgen hätte ich am liebsten einfach weiter geschlafen. Doch irgendwann habe ich mich aus dem Bett gequält, mit Fylgja erst mal geraucht und dann gefrühstückt und gequatscht. Anschließend brachte sie mich noch bis zur Bahn und wir haben uns voneinander verabschiedet. 

In der Klinik habe ich Puffpuff dann aufgesammelt und wir sind in die Stadt um uns dort mit U., einer ehemaligen Mitpatientin von uns, zu treffen. Wir waren im Café, sind durch die Stadt gebummelt. Mit Puffi bin ich dann zurück zur Klinik und wir haben dort noch ein wenig Zeit verbracht, bevor ich meinen Rucksack wieder aus ihrem Zimmer holte, Frau B. von der Pflege noch Tschüss sagte und wir zur Straßenbahn gingen. Beim letzten Drücken und Verabschieden musste ich mit den Tränen kämpfen. Als ich aus der Bahn ausstieg und die Treppen zum ZOB hinunter stieg, kullerten ein paar Tränen. Als ich dann im Bus sitze und wir los fahren,  höre ich auf gegen die Traurigkeit anzukämpfen und lasse die Tränen einfach laufen. Ich verlasse wieder einige Menschen, die mir unglaublich wichtig sind. Und ich vermisse die, die ich nicht sehen konnte. Und F. fehlt mir, weil sie die ganzen 14 Wochen an meiner Seite war und nun so weit weg ist. 

Es ist okay. Ich darf mich grade scheiße fühlen. Ich weiß, dass es auch wieder anders werden wird und ich lächeln kann, wenn ich an die tollen Menschen denke. Doch gerade kotzt mich die Entfernung einfach an. Außerdem bin ich müde und deswegen eh knatschig, hab keine Lust eventuell noch eine Stunde auf den Zug warten zu müssen, ich vermisse mein Katerkind und die Schweine und ich will Sommer. 

Vor der DBT hätte ich mich jetzt so lange selbst zerpflückt, weil mir diese Gefühle so gar nicht in den Kram passen, bis ich entweder unglaublichen Selbstverletzungsdruck oder extreme Suizidgedanken (oder beides) gehabt hätte. Ich wäre abgestürzt, weil die Tage so schön waren, es aber einfach nicht gut sein darf. 

Und nun fühle ich mich zwar grade ziemlich beschissen, aber ich akzeptiere es einfach und belasse es dabei. Ich zerpflücke mich nicht, reiße mich nicht in kleine Fetzen. Morgen wird es wieder besser sein, nach einer großen Portion Schlaf und dem ersten Abflachen der Traurigkeit und des Vermissens. Nun ist es eben wie es ist. Und ich sehne mich nach meinem Bett und meinen Fellnasen.