und irgendwann wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Und so wie es anfing hört es auch wieder auf. Plötzlich kommt da dieser Tag, an dem es besser ist. An dem das Aufstehen kein stundenlanger Kampf ist, an dem nicht direkt Selbstverletzungsdruck in meinen Kopf springt, noch bevor ich überhaupt aus dem Schlafzimmer bin, an dem nicht spätestens im Bad die ersten Suizidgedanken präsent sind.

Ich fühle mich anders. Es ist, als ob eine zähe und klebrige Masse, ähnlich wie Teer, an einem klebt und nach langer Zeit endlich beginnt an einem hinunter zu fließen. Es ist, als ob man gerade stundenlang einen schweren Gegenstand geschleppt hätte und ihn endlich abstellen kann. Ein wenig vergleichen kann ich es mit dem Gefühl vergleichen, welches ich habe, wenn ich im Flugzeug sitze und es startet. Die Schwere, die das Flugzeug und einen selbst auf dem Boden hält, verschwindet plötzlich und weicht einer unglaublichen Leichtigkeit. Oder dem Gefühl das mich durchströmt, wenn die ersten Blumenknospen aus der Erde schauen, wenn der Winter endlich dem Frühling weicht. Ja. Ungefähr so fühlt es sich an, wenn ich aus einer depressiven Phase wieder auftauche.

Rückblickend kann ich mir dann oftmals gar nicht mehr vorstellen, wie unglaublich schwer es war mich nicht zu verletzen. Wie unglaublich schwer es war weiter zu leben. Ich habe eine Ahnung davon, ein Gefühl, dass mich daran erinnert… Aber in der nächsten Phase oder Krise kann ich mir wieder nicht vorstellen, wie es jemals leichter sein konnte. Es ist besser geworden, nicht mehr ganz so aussichtslos und dunkel.

Meine erste so heftige Krise, bei der ich nicht in die Klinik musste, weil ich nicht mehr garantieren konnte mich an den Lebensvertrag zu halten. Das wird mir gerade erst beim Schreiben bewusst und ich muss lächeln. Und dann noch mehr, weil ich spüre, dass ich stolz auf mich bin, dass ich es auch schaffe stolz zu sein und das Gefühl so zu akzeptieren (und auch zu genießen!) wie es nun da ist, ohne es selbst direkt wieder klein reden zu wollen. Und dann sind es solche Dinge an denen ich sehen kann, dass ich mich weiter entwickle, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Und wenn ich doch grade bei dem positiven Kram bin… Ich kann länger garantieren, dass nichts passiert. Ich kann mich trotz einer 5, trotz nichts anderem im Kopf außer dem eigenen Tod, von Skill zu Skill, von Moment zu Moment hangeln, bis es wieder zu einer 4 wird, bis Atmen wieder ein wenig leichter fällt, bis da wieder ein Zentimeter weniger offene Notausgangstür möglich ist.

Gut sechs Wochen sind vergangen, seit es anfing schlechter zu werden. Vier Wochen davon war es eine ordentliche Krise. Vier Wochen hatte ich dauerhaft die Hand auf der Türklinke zum Notausgang Suizid, die Tür mal mehr, mal weniger geöffnet. Vier Wochen lang fast durchgehend Selbstverletzungsdruck. Doch es ist vorbei und wird hoffentlich nicht allzu schnell wieder so dunkel in mir.

Ein weiteres Mal gekämpft. Ein weiteres Mal eine Krise gemeistert. Ein weiteres Mal überlebt. Überlebende. Ein Wort, dass ich viel schöner und treffender finde als Opfer. Ich bin kein Opfer von Missbrauch. Ich habe Missbrauch überlebt. Ich lebe, trotz Missbrauch. Trotz allem, trotz dem ganzen Horror meiner Kindheit, trotz all dem Schmerz. Und mit alle dem.

Und die Zeit fängt wieder an
Das zu tun, was sie am besten kann
Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben
Und ich kann nur darauf warten
Dass sie sich beeilt und irgendwann
Wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Atmen

Ich komme vom Termin und es ist eigentlich okay. Trotz der schlaflosen Nacht, trotz den dröhnenden Schmerzen in meinem Kopf, trotz dem Wunsch mir einfach im nächsten Drogeriemarkt ein Päckchen Klingen zu kaufen. Es war gut zu reden, darüber, dass es mies ist, über Alltagskram, über Internetquatsch und einfach ich sein zu können. Im Gegensatz zu der Zeit in der Vorlesung kurz davor, wo ich versuche zu folgen, gnadenlos scheitere, Konversation betreibe und lächle, obwohl mir so sehr nach Zusammenbruch und Weinen ist.

Es ist okay bis ich den Bahnhof betrete. Dort pralle ich mit der Realität zusammen wie mit einer Wand. Menschen, die sich unterhalten, ein bellender Hund, ein brüllendes Kind, eine Durchsage, ein ejnfahrender Zug, das Quietschen der Räder eines Trolleys, eine quietschende Rolltreppe, Geruch von Zimtwaffeln und Pizza und Brötchen und Kaffee und betrunkenen Menschen und nach nassem Hund. Ohne Schlaf ist es mir kaum noch möglich Reize überhaupt noch zu filtern, noch viel weniger als sonst eh schon, ich will mich einfach nur noch in einer Ecke zusammen rollen und haltlos anfangen zu heulen.

An die Fahrt erinnere ich mich kaum. Vermutlich bin ich irgendwann einfach dissoziiert. So sehr ich diesen Zustand manchmal hasse, so willkommen ist er in anderen Momenten, wenn die Realität einfach unerträglich wird.

Zuhause umarme ich die Kloschüssel, das Katerkind springt mir auf den Rücken und setzt sich schimpfend auf meine Schulter, knabbert an meinem Ohr, miaut in den höchsten Tönen, bis ich endlich aufhöre mein Inneres nach außen zu befördern und ihn kraulen kann. Die Übelkeit begleitet mich nun schon seit dem letzten Abend in 2017 und es triggert Erinnerungen die wiederum Übelkeit triggern und wiederum Erinnerungen und wiederum Übelkeit. Es ist ein anstrengender Kreislauf und mein übermüdeter Körper macht es nicht besser.

Nun liege ich zusammengerollt im Bett mit dem Katerkind auf meinen Beinen, eingekuschelt in zwei Decken, mit Netflix und Wärmflasche. Ich bin müde, unglaublich müde, und will nur noch schlafen. Gleichzeitig brüllt in meinem Kopf eine Stimme immer und immer wieder, dass ich nicht schlafen kann, mich nicht im Bett vergraben, denn die Wohnung ist ein Schlachtfeld, ich müsste anfangen für die Prüfungen zu lernen, ich müsste dies und das und so viele Dinge und kann doch nicht einfach nur kaputt und müde sein. Es ist ein altbekannter Kampf gegen Glaubenssätze, gegen die alten Worte, die mir sagen, dass ich nur etwas wert bin wenn ich etwas leiste, wenn ich alles perfekt mache, wenn ich mir Anerkennung verdiene. Ich stehe mir selbst im Weg, fordere zu viel von mir und verurteile mich somit selbst zum Scheitern. Ich kann nur scheitern an diesen Glaubenssätzen, an diesen Anforderungen, die ich doch nie erfüllen konnte, weil sie unerfüllbar waren, schon immer. Weil ich es nie wert war, weil immer jemand besser, toller, schlauer war.

Ich versuche mir zu erlauben kaputt zu sein. Müde und zerschlagen und gerade einfach unfähig etwas zu leisten. Ich versuche mir selbst zu sagen, dass es okay ist, gegen die Worte meines Vaters im Kopf, gegen das starke Gefühl wertlos zu sein. Ich versuche einfach weiter zu atmen, ein und aus, versuche standhaft zu sein gegen die drängenden Suizidgedanken, versuche dem Selbstverletzungsdruck nicht nachzugeben. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Einatmen, ausatmen. Schritt für Schritt, Skill für Skill. Es geht vorbei.

depressiv 1.1

Vor der Türe noch lächelnd die Nachbarin grüßen und ein paar Worte wechseln. Hinter der Haustüre dann heulend auf den Boden sinken. Nach außen versuche ich den Schein zu wahren. Versuche so gut es geht das Bild aufrecht zu erhalten, dass die meisten Menschen von mir haben. Versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es gerade eigentlich in mir aussieht. Nur wenigen Menschen gegenüber bin ich ehrlich. Ein paar Freunde wissen es, die Pflegemenschen auf „meiner“ Station kriegen eine ehrliche Antwort, wenn sie fragen. Und die Anonymität des Internets lässt mich die Maske absetzen. Doch sonst versuche ich ein anderer Mensch zu sein als ich gerade eigentlich bin. 

Nur wenige kennen diese Dunkelheit momentan. Die Heftigkeit, mit der es mich gerade mal wieder umhaut und mir den Boden unter den Füßen wegzieht. 

Alles ist so ein Kampf derzeit, ein solcher Kraftakt. Selbst einfach nur zu atmen fällt so unglaublich schwer und ich sehne mich nach einer Klinge, die meine Haut zerteilt, die diese Leere füllt, die mich lebendig werden lässt. In meinem Kopf spielen die Gedanken verrückt, es geht um endgültige Auswege und Schlussstriche, die ich nicht nur auf meinen Armen ziehe. 

Es ist so schwer derzeit und ich weiß eigentlich nicht, wie ich das schaffen soll. Wie ich durchhalten soll, bis es endlich wieder besser wird. Und mit jedem Tag stapeln sich mehr und mehr Dinge, die ich erledigen sollte, die ich tun muss, die ich immer mehr vor mir her schiebe. 

Seit heute merke ich auch die körperlichen Folgen, die diese ganzen Tage haben. Ich merke, dass mein Körper dringend anständige und regelmäßige Nahrungszufuhr braucht. Doch ich schaffe es nicht, ich kriege es nicht hin. Wie gerne würde ich gerade flüchten, irgendwo hin in Sicherheit, und wenn diese Sicherheit die Klinik bedeutet. Aber es wäre ein Rückschritt, ein Versagen, ein weiteres Zeichen, dass ich es nicht schaffe. 

Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Bis es wieder heller wird, bis ich nicht mehr nur noch überleben muss. Weiter, einfach weiter. 

Mist. 

Mein letzter Blick in der Nacht, bevor ich endlich die Augen schließen und einschlafen konnte. Ich war schon kurz davor durchzudrehen, weil ich einfach nicht einschlafen konnte. 

Ich habe mich im Bett gedreht, von einer Seite zur anderen. Serie geschaut, Hörbuch gehört, ein wenig gespielt. Bin aufgestanden, habe eine geraucht und mir mit dem Kater ein paar Chips geteilt. Wieder ins Bett. So ging es endlose Zeit, bis ich dann zur Ruhe kam. 

Heute morgen weckt mich meine Klingel. DHL! Scheiße! Los! schießt mir durch den Kopf und ich hüpfe aus dem Bett und eile zur Tür. 

In der Klinik fand ich das Nachtlicht immer unglaublich beruhigend. Nicht nur nun während der DBT, sondern auch während meinen Aufenthalten hier in der Klinik. Eine kleine Lichtquelle, die da ist und einem Sicherheit gibt. Beim Einschlafen und auch, wenn ich mal zwischendurch aufwache. Lange hab ich im Internet gestöbert, habe unzählige Seiten und Rezensionen durchgeklickt, bis ich gefunden habe, was ich will. Eine Nachttischlampe sollte es nicht sein. Die meisten Nachtlichter für Kinder hatten eine Zeitschaltung mit 30 Minuten, nach der Zeit gingen sie dann aus. Etwas mit Bewegungsmelder ist sinnlos, dann wache ich jedes Mal auf, weil das Licht angeht wenn der Kater durch die Gegend latscht. Endlich habe ich etwas gefunden, dass meinen Vorstellungen am nächsten kam und nun kam mein neuer Mitbewohner an. 

Aufladen lässt sich der kleine dicke Geist durch eine Schale, in die er gestellt wird. Die Kugel ist relativ weich und lässt sich knautschen, an und aus geht er durch kippen. Ich bin verliebt. 

Übrigens braucht der Kugelgeist noch einen Namen, also her mit Vorschlägen! 

Ich bin nun wieder in mein Bett gekrabbelt, habe mich unter meinen beiden Decken verkrochen. Mir geht es nicht gut. Die Nacht steckt mir noch in den Knochen. Und die Sorge um eine Mitpatientin aus der dbt, die verdammte Ohnmacht, weil ich nichts tun kann, das Aushalten müssen und Abwarten machen mich wahnsinnig. Ich wollte so viel heute erledigen, stattdessen hänge ich einfach durch und bin am Boden. Suizidgedanken, Selbstverletzungsdruck. 

Selbstfürsorge. Kuscheldecke, Serie, einrollen, ein wenig dösen oder schlafen. Auf mich achten, mir Gutes tun. In ein paar Stunden sieht die Welt hoffentlich wieder anders aus. 

Hinfallen – aufstehen – Krönchen richten – weiter machen 

Ich zerpflücke mich mal wieder selbst. Weil ich heute nicht so produktiv war wie gewollt. Weil ich so viel von mir erwarte und mich das ärgert und ich mich dann ärgere, dass ich mich ärgere. Weil ich dabei bin das alles zu ändern, aber es einfach nicht von jetzt auf gleich funktioniert. 

Geduld. Kleine Schritte. Ich weiß es eigentlich und trotzdem kotzt es mich an. Seit so vielen Jahren kämpfe ich. Ich habe einfach keine Geduld mehr in manchen Momenten. „Mit dem Kopf durch die Wand. Das Gegenteil von innerer Bereitschaft.“ Die Worte meiner Bezugspflegerin hallen in meinem Kopf. 

Ich weiß es. Ich weiß, dass sich nicht alles von heute auf morgen ändert. Ich weiß es und genau deswegen ärgert es mich, dass ich trotzdem einfach nicht geduldig sein kann. Und dann ärgere ich mich wieder, weil ich mich ärgere. 

Es ist anstrengend. Ich habe Druck. Ich habe Suizidgedanken. Und ich schaffe es das ganze durch die Wut auf mich selbst und den dadurch entstehenden Selbsthass immer weiter zu steigern. Trotz Skills. Trotz Ablenkung. Ich komme nicht raus aus der Spirale. 

Irgendwann schreibe ich in unseren Chat. Puff fragt, ob wir telefonieren wollen. Das lenkt mich ab, hilft mir. Währenddessen hänge ich meine Magnetwörter, die Schwesterherz mir zu Weihnachten geschenkt hat, an den Kühlschrank, nachdem ich die beiden Türen ordentlich abgewischt habe. Danach ist es ein wenig besser. Ich versuche mir zu sagen, dass ich heute doch wenigstens einige kleine Dinge geschafft habe. Einkaufen gehen. Meinen Kühlschrank aufräumen und auswischen. Ein wenig den Küchentisch aufräumen. Durchlüften. Kleine Dinge, wenn man bedenkt was ich eigentlich alles noch tun müsste. Aber immerhin. Erfolge sehen anstatt mich selbst zu zerpflücken. 

Es ist anstrengend heute. Furchtbar anstrengend produktiv zu sein. Ich muss an die Entscheidung für den neuen Weg denken. Es ist eine Entscheidung, die man immer und immer und immer wieder treffen muss, das sagte meine Bezugspflegerin damals, als sie mit mir darüber redete. Und das spüre ich gerade deutlich. In jedem Moment muss ich mich momentan entscheiden, ob ich den alten oder den neuen Weg gehen will. Also versuche ich aufzuhören mich selbst zu zerpflücken, zu hassen. Entgegengesetzt handeln. Ganz entgegengesetzt funktioniert es bei Selbsthass nicht, aber es funktioniert eine Art Waffenstillstand mit mir selbst auszuhandeln. Zu akzeptieren, dass es gerade einfach ist wie es ist. Den Körper entspannen. Mir zumindest nicht weiter schaden. 

Also atme ich weiter ein und aus. Minute für Minute. Kraule das schlafende Katerkind. Schaue TV. Schreibe mir einen Plan für die nächsten Tage, unterteilt in kleine und machbare Häppchen. 

Große Probleme macht mir das Thema Essen. Als ob nicht genug anstrengend wäre. Aber ohne Appetit und ohne Hungergefühl fällt es einfach unglaublich schwer. Über Weihnachten ging es. Da gab es eben Essen. Zuhause wäre auch etwas zu essen da, aber ich müsste es machen. Und da ich keinen Appetit habe bin ich auch planlos, was ich mir nun machen soll. 

Also werde ich mir dafür wohl auch einen Plan machen müssen. Jeden Tag wenigstens zwei Mal essen. Kochen, denn das tut mir gut. 

Neuer Weg. Minute für Minute, Schritt für Schritt, Skill für Skill. 

Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Auch wenn es gerade einfach so furchtbar schwer ist. Auch wenn so vieles gerade unglaublich anstrengend ist und ein Teil von mir nur nach Selbstzerstörung schreit. 

Manchmal frage ich mich wirklich, woher ich die Kraft und den Mut nehme immer wieder aufzustehen und weiter zu machen. Hoffentlich ist es morgen einfach nur besser. 

The deeper you cut it only gets worse 

Es ist miserabel. Seit Tagen. Seit Nächten. Es ist einfach nur furchtbar und ich mag mich verkriechen, mag mich verstecken vor der Welt. Aber vor allem vor mir selbst, vor meinen Gefühlen, vor dem Chaos in mir. Und noch lieber würde ich einfach aufgeben. 

In der letzten Nacht kam ich wenigstens mal zum schlafen. Dank zwei Dipis wurde ich erst nach fast 16 Stunden wieder wach. Das war auch absolut nötig. Und wenigstens meinem Körper geht es nun besser, auch wenn ich scheinbar eine Erkältung ausbrüte. Doch psychisch… Psychisch ist es einfach nur miserabel. Ich fühle mich leer. Taub. Dunkel. Verletzt. Unfähig. Unnötig. Unnütz. Und alleine. Obwohl ich es nicht bin, aber innerlich sterbe ich einfach jeden Tag ein wenig, weil es sich so einsam anfühlt in mir drin. Verlassen und leer. 

Die Tage vergehen. Sie ziehen an mir vorüber, Tag um Tag, und hinterlassen mich leer. Sie verschwimmen zu einem grauen Wirrwarr, lassen mich Einzelheiten vergessen und Ereignisse durcheinander werfen. 

Ich schaffe es nicht mich bei Leuten zu melden. Ich schaffe es nicht in meiner Wohnung weiter zu machen. Ich schaffe es nicht vor die Türe zu gehen, außer ab und an mal zum einkaufen. Ich schaffe es nicht mir Gutes zu tun, mich um mich zu kümmern. Und vielleicht ist das derzeit eines der grundlegenden Probleme. Ich muss mit Gutes tun, das weiß ich. Ich brauche es, es hilft mir weiter zu machen, zu atmen, zu leben. Aber ich schaffe es nicht. Ich schaffe es nicht mal zu weinen, auch wenn mir so sehr danach ist derzeit, auch wenn alles in mir schreit vor Schmerz und Traurigkeit. 

Ich sitze da und  fahre mir mit dem Finger über die Arme. Spüre die Narben, spüre die Haut, spüre den Schauer, den es mir versetzt. Ich will mit einer Klinge dort lang fahren. Will meine Haut zerteilen, will das Blut stehen. Will tiefer und tiefer in meine eigenen Arme schneiden, bis da nur noch Blut ist. Blut und Erleichterung. Endlich aufatmen können. Endlich frei fühlen. Endlich nachgeben. 

Then she closed her eyes

And found relief in a knife

The blood flows as she cries

All alone the way she feels

Left alone to deal with all the pain-drenched sorrow relief

Bite the lip just forget the bleeding

Then she closed her eyes

And found relief in a knife

Wir brennen selten für das Leben, das sich nur in unserem Herz versteckt

Falls jemand sich schon immer fragte, wann die Vögel anfangen zu zwitschern zu dieser Zeit im Jahr: 4.35 Uhr! 

Vorgestern konnte wieder nicht einschlafen. Ich lag wach, bis es irgendwann hell wurde, die Vögel zwitscherten und die Welt langsam erwachte. Als ich dann doch langsam in Richtung Schlaf sank… Wer hier öfter liest weiß es. Der Zitronenkater wurde putzmunter, öffnete meinen Kleiderschrank und begann ihn auszuräumen, hat mir dann ein paar Socken ins Bett getragen und mich erwartungsvoll angemaut. 

Die wenigen Stunden Schlaf waren unruhig. Eine meiner Bettdecken habe ich aus dem Bett geworfen während dem Schlaf, genau wie meine Schlafbanane. Den Zitronenkater hat es wenig gestört, denn er war ja müde vom Kleidersortieren und schlummerte selig quer über einem meiner Beine, egal wie ich mich drehte, er wanderte eben mit. Gegen halb 10 war ich dann wieder wach. Zumindest hatte ich die Augen auf und kein Bedürfnis nach weiteren unruhigen Stunden. Eine Weile habe ich damit verbracht in meiner Wohnung Pokemon zu jagen (ich habe als Kind Stunden mit dem Gameboy und Pikachu auf der Jagd und in Kämpfen verbracht und finde die neue App einfach tollig), ein wenig Ordnung geschaffen, Katerkind gekrault und mir was zu essen gekocht. Dann konnte ich der Anziehungskraft meines Bettes einfach nicht mehr widerstehen, habe noch ein paar Stunden geschlafen und bin anschließend mit N. in die Hauptstadt gefahren. Auf dem Markt habe ich mich fleißig selbst beschenkt. Ein Tascheneumel, eine neue bunte Hose, ein Airbrush-Tattoo und Libellen-Ohrstecker. 

 
Anschließend haben wir meine Mama eingesammelt und sind Richtung Konzert gezogen. Das war richtig klasse, wir hatten alle sehr viel Spaß. 

Gestern habe ich dann die meiste Zeit im Bett verbracht. Ich fühle mich wieder unglaublich kraftlos und mag einfach nur den ganzen Tag schlafen. Ich bin gespannt, was meine Hausärztin morgen meint. Denn gesund fühle ich mich absolut nicht. 

Heute war ich dann nach nur 5 Stunden Schlaf wieder wach. Der Zitronenkater beschloss, dass meine Füße super schmecken und begann reinzubeißen, dabei weiter zu schlafen ist quasi nicht möglich. Also bin ich aus dem Bett gepurzelt, habe mich angezogen und fertig gemacht und gefrühstückt, mein Oberteil von Katerhaaren befreit (was völlig sinnlos war, da er sich beim rausgehen an die Wand hängte und an mir rieb) und bin dann los Richtung Hauptstadt. 

Die typische Uhrzeit, zu der 80% der Bevölkerung unterwegs sind und ich mag schon nach 5 Minuten eskalieren. Wegen der Frau im Bus, die so übel riecht, dass mir direkt schlecht wird. Wegen den Leuten im Zug, die einen Mann mit Behinderung anstarren, als ob er ein Alien wäre. Wegen den Menschen, die während dem Gehen plötzlich stehen bleiben und einen zum Slalom zwingen. Wegen den zwei Frauen, die sich im Wartezimmer so laut unterhalten, dass die halbe Hauptstadt es hört. 

Ich erzähle meinem Psychiater von der Antriebslosigkeit, von den Schlafproblemen und von Freiburg. Wir besprechen, dass die Dosis vom Antidepressivum erhöht wird, es wirkt auf zwei verschiedene Rezeptoren und auf die zweiten scheinbar erst ab einer höheren Dosis. Und genau das probieren wir nun aus. Er fragt, wie es früher immer war mit den ADs, erinnert mich an die erhöhte Gefahr der Selbstverletzung und des Suizids und ich erkläre ihm, dass er sich da keine Gedanken machen muss und ich das schon hin bekomme. 

Nun bin ich mal gespannt und hoffe, dass die Antriebslosigkeit bald ein Ende findet. Denn es sieht hier aus wie nach einem Tornado und obwohl ich es selbst richtig furchtbar finde, kriege ich es einfach nicht hin etwas dagegen zu tun. Dabei muss es diese Woche erledigt werden, denn am Sonntag fahre ich zu Mama und von dort geht es am Montag in den Urlaub. 

Einen Anfang will ich heute machen. Und gleich einkaufen. Und mich heute Abend mal ein wenig um mich kümmern, Chrissie wollte vielleicht noch vorbei schauen. 

Aber was wenn alles gut geht
Was wenn jeder Plan gelingt
Was ist wenn wir feiern können
Weil jetzt endlich alles stimmt
Und was wenn wir ganz oben stehen
Und dabei bleiben wer wir sind
Was wenn alles gut geht

Du bewegst dich aufgelöst im Vakuum

Antriebslosigkeit ist schon seit Jahren ein riesiges Problem für mich. Oft wurde ich dafür belächelt oder sogar als faul bezeichnet. Dass ich dann einfach nicht kann haben nur wenige verstanden.
Dabei ist es dann relativ egal, ob es sich um Dinge handelt, die ich gern oder ungern mache. In solchen Phasen schaffe ich es weder ein tolles Buch zu lesen oder aufzuräumen, wegzugehen oder das Geschirr zu spülen. Manchmal schaffe ich es noch nicht mal zu essen und zu trinken, weil ich mich fühle als würde ich festkleben und mich überhaupt nicht bewegen zu können. Alles erscheint so schwer und absolut und möglich zu schaffen.
Die Mail einer Freundin, die ich beantworten will. Die 2 Teller, die eigentlich einfach nur in die Küche getragen werden müssen. Die Wäsche, die ich in die Maschine werfen müsste. Die Pflanzen, die gegossen werden sollten.
Ich könnte ewig so weiter machen. Es ist egal was, aus welchem Lebensbereich, ich kriege es einfach nicht hin.
Seit ich Medikamente nehme ist es nicht mehr so schlimm wie früher. Manchmal aber habe ich diese Phasen immer noch, gehe mir damit selbst auf die Nerven und verfluche mich, weil ich nichts schaffe und versinke dadurch natürlich noch tiefer. Es ist anstrengend und raubt mir Kräfte, die ich eigentlich für andere Dinge bräuchte.
Nach solchen Tagen bin ich erledigt. Obwohl ich eigentlich nichts getan habe. Aber der ständige innere Kampf, die Wut auf mich selbst, diese Dinge sind so unglaublich kräftezehrend, dass ich abends ins Bett falle wie nach einem vollen und aktiven Tag.
Und so sitze ich seit einer Stunde auf dem Sofa und versuche mich aufzuraffen. Versuche die Dinge zu tun, die ich unbedingt tun sollte. Und mache nichts davon.
Ich will meinen Matcha Latte trinken, noch eine rauchen und dann endlich anfangen. Hörbuch an und los. Ich weiß nur nicht, wo ich beginnen soll. Und da fängt es dann schon wieder an…
Ich will das heute hinkriegen. Will heute Abend stolz auf mich sein, dass ich endlich das Chaos beseitigt habe. Stolz sein und nicht sauer auf mich, weil ich es wieder nicht geschafft habe.

3 Stunden später:
Ich hab mein Bücherregal abgestaubt, den Fernseher und den anderen Kram der dort steht, die Fensterbank geputzt, meinen Drachenbaum von seinen braunen Blättern befreit, die Sofadecken in die Waschmaschine geworfen (und dabei mein Sofa entrümpelt, den Tisch aufgeräumt und geputzt.
Und war dann duschen.
Gleich mache ich mich auf in die Stadt südlich, treffe mich mit N. und wir wollen in der Bücherei stöbern, danach heim und dann kommt Bibi vorbei.
Auf dem Weg zum Bus werde ich noch meinen Müll in die Tonne stopfen. Spätestens morgen will ich eeeeendliiiiiichhhh mal ausmessen, wie lang die Balken für den Umbau meines Wohnzimmers sein müssen, damit die Meeris mit ihrem zuhause umziehen können (und ich weiß immer noch nicht, wo ich den Fernseher dann hin stellen soll…), vielleicht kriege ich das ja sogar noch diese Woche hin.
Kochen muss ich unbedingt, gestern habe ich erst abends gemerkt, dass ich noch gar nichts gegessen hatte. Und weiter Ordnung machen eben. Aber ich habe einen Anfang gefunden, dass tut schon mal gut.

Du hängst völlig abgefuckt und interessenlos bei dir daheim, für dich allein.
Und fühlst dich einsam und verlassen wie ein Eskimo. Und nichts als Schnee und Eis soweit dein Auge reicht.

Motivation?!

Ich fühle mich überfordert. Es stehen so viele Dinge an in dieser Woche, die ich regeln muss. Arzt und Psychiater uns Therapie. Mit meiner Schwester Mathe lernen. Aufräumen. Waschmaschine. Und essen. Denn das klappt absolut gar nicht. Ich überlege den Kliniktermin zu verschieben. Auch wenn ich es definitiv brauche, aber ich weiß nicht wie ich das alles hinkriegen soll. Ich warte mal ab, wann der Waschmaschinenmensch sich meldet. Und den Termin dann vielleicht um 2 oder 3 Tage verschieben. Gerade dominiert absolute Überforderung und die lähmt mich irgendwas überhaupt anzufangen. Und das macht es nicht besser, denn so schiebe ich nur auf. Ich möchte kotzen. Stattdessen werden ich mir gleich in den Arsch treten und wenigstens anfangen aufzuräumen. Am Nachmittag kommt Bibi und wir fahren zum Tierarzt. Bis dahin will ich wenigstens in der Wohnung einigermaßen Ordnung haben. Auf Zitrone, auf.
Wach bin ich schon lange, gegen 8 fing der Zitronenkater an meine Zehen zu jagen und ich habe kurz darauf beschlossen, dass es wenig Sinn macht  zu versuchen noch ein wenig zu schlafen. Nicht mit Zähnen in den Zehen. Und so bin ich nun wach und überfordert und esse ein paar Himbeeren. Und muss anfangen etwas zu tun. Und genau das mache ich jetzt.

we will never be, never be anything but loud 

Ich lebe noch. Oder wieder. Den Sonntag habe ich größtenteils im Bett verbracht. Montag habe ich mich dann mal aus dem Haus bewegt, mein Handy weggebracht und ein paar Dinge eingekauft. Gestern war ich wieder unglaublich Matsch und zu nichts fähig. Heute muss ich unbedingt nochmal los ziehen um Katerkindfutter zu besorgen und Möhrikram, muss ein wenig in meiner Wohnung Ordnung schaffen, denn in den letzten Tagen habe ich einfach alles stehen und liegen gelassen, weil mir die Kraft gefehlt hat.
Und ich werde krank. In der Nacht bin ich von meinem eigenen Husten wach geworden, meine Nase kriege ich nicht mehr frei.
Seit letztem Donnerstag ist mir immer wieder furchtbar schlecht und ich muss mich übergeben. Meistens kurz nachdem ich etwas gegessen habe, ich hoffe es gibt sich langsam, aber nächste Woche muss ich eh zu meiner Ärztin wegen Krankenschein, da kann ich das auch mal ansprechen falls es nicht besser ist.
Nachher habe ich einen Termin beim Psychopeuten in der Klinik (mein Handy schlägt mir jedes mal „Psychopathen“ vor…), statte danach T. noch einen Besuch ab und kann auf dem Rückweg dann einkaufen. Morgen steht Achtsamkeit auf dem Plan, mittags habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Freitag will ich mit Bibi zum Sushimenschen. Alles Dinge, die mir vielleicht den Boden unter den Füßen wieder geben, mich wieder im Leben ankommen lassen.
Im Schlafzimmer muss ich den Rollo mal aufhängen, den ich Samstag gekauft habe. Der Rollladen selbst ist noch mit Kettenzug und springt immer wieder raus, das macht mich jedes mal wahnsinnig, weil dann der Hausmeister kommen muss, Dreck in meinem ganzen Schlafzimmer hinterlässt und es dann wieder nur ein paar Mal funktioniert. Außerdem müsste ich den komplett runter machen, um das Katerkind daran zu hindern die Lichter an der Wand zu fangen, da die ja durch die Rillen trotzdem durchscheinen. Und dann kann ich nicht mehr schlafen, weil es zu dunkel ist. Deswegen ist ein Rollo eine gute Alternative, den kann ich unten ein Stück offen lassen, dort wo eh keine Lichter durch scheinen von den vorbeifahrenden Autos, Katerkind kann den Kopf dahinter stecken zum rauskucken und wir beide sind hoffentlich froh. Zumindest so lange, bis er das Ding zerlegt hat.
Plan für heute also Ordnung schaffen, Boden finden, atmen, Psychopeut, einkaufen. Machbar. Alltag, weiter machen, atmen.

So raise your glass if you are wrong, 
in all the right ways, 
all my underdogs, 
we will never be never be anything but loud 
and nitty gritty dirty little freaks 
won’t you come on and come on and raise your glass, 
just come on and come on and raise your glass