Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

And supergirls don’t hide

Gestern war Chefarztvisite. Ich möchte davor schon kotzen, weil ich es hasse.
Doch dann ist es eigentlich ganz okay. „Ihre Arme sehen zwar schlimmer aus, aber man merkt, da ist mehr Spiel. In der Mimik. In den Gefühlen. Im Vergleich zu noch vor einem halben Jahr. “ Ich lächle. Wir reden über Skills, der Psychopeut lobt mich wieder.“ Na dann lohnt sich das ganze hier ja“ meint der Chefarzt zum Schluss.
Vor der Visite hatte ich Achtsamkeit. Ich kämpfe bei der Meditation noch mit mir, komme beim Qigong dann ein weniger mehr bei mir an und beim Bodyscan bin ich irgendwann so tiefenentspannt, dass ich mich einfach nur noch von der Stimme des Therapeuten tragen lasse, während wir nach und nach durch den Körper wandern. Später am Tag kriege ich dann doch wieder Druck, mag eigentlich nur schneiden.
„Nicht in meinem Dienst!“ meint Pfleger Kai. Ich schleppe mich mit Eiswürfeln, Finalgon, spazieren und jammern durch den Nachmittag und Abend. Dann kann ich nicht einschlafen. Irgendwann gegen kurz vor 1 klappt es dann doch, mit brennenden Armen vom Finalgon und je einem Eiswürfel in der Hand.
Der Tag heute war relativ entspannt. Ich habe viel gehäkelt und anschließend Schwester Nathalie die fertige Eule geschenkt, die ich ihr beim letzten Aufenthalt versprochen habe. Natürlich inklusive zwei Besen.
Nachmittags macht sie mit ein paar Menschen und mir eine Gesprächsrunde. Es ist interessant, es geht um Angst und Panik. Mit Panikattacken hatte ich zu tun, bis ich bei meinem Vater auszog und noch ein paar Monate danach. Dann war es größtenteils gut, nur zeitweise überkommt es mich. Bei Menschenmassen, im Zug oder Bus. Dann verabschiedet sich relativ schnell auf mein Kreislauf und ich bin einfach weg. Ich bin froh, dass ich nicht mehr mit dieser ständigen Panik lebe, gegen die ich damals auch 2 Jahre lang Medikamente nahm. Wenn ich angespannt bin, dann kommt es natürlich deutlich häufiger vor, dass mich bestimmte Situationen ängstigen und Panik machen. Dann ist irgendwo hin fahren oder einkaufen gehen quasi unmöglich. Aber die meiste Zeit über kriege ich es doch ganz gut unter Kontrolle. Als eine Mitpatientin von einem Überfall erzählte steigt die Spannung rapide an. Sie fällt aber genauso schnell wieder ab, da die Atmosphäre im Raum einfach nichts beängstigendes hat, da Nathalie auf der einen Seite und meine Zimmernachbarin auf der anderen Seite sitzt.
Als ich vor die Tür gehe, um meine Hausärztin anzurufen, sehe ich A. Und direkt bin ich wieder angespannt, weil ich mich über das Kindergartenverhalten aufrege. Mit Nathalie gehe ich dann um den See. „Also Frau Zitrone, Sie haben was besseres verdient!“ meint sie und ich muss lächeln. Laufend und redend und mit Eiswürfel in der Hand sinkt die Anspannung dann wieder. Blödsinn reden und auch sinnvolle Dinge, laufen während die Sonne scheint, einfach eine Weile Aas Chaos im Kopf vergessen. Es hilft und ich gehe deutlich entspannter wieder auf die Station und es macht mir später auch nichts aus, dass A. ewig vor der Klinik steht und mit jemandem redet, während ich nochmals versuche meine Hausärztin zu erreichen und auf N. warte. Der Rest des Abends verläuft ruhig. Ich quatschen mit Pfleger Arschkeks und Schwester Sonja, gemeinsam mit einer Mitpatientin. Pfleger Arschkeks verpasst mir auf jedem Arm einen Smiley, natürlich darf ich nicht schneiden, sonst werden die traurig und suchen mich nachts heim. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit bis zum nächsten Aufnahmetermin und meint, dass ich ja zu seinem Kinoabend kommen kann, wenn ich mag.
Und so liege ich nun im Klinikbett, meine letzte Nacht für diesen Aufenthalt. Es war diesmal gut, ich habe einiges gelernt und kann vieles mitnehmen, es tat gut ein wenig Auszeit zu haben und Unterstützung zu bekommen. Mitte bin ich 4 Wochen ohne schneiden und ich mag so gerne zum nächsten Aufenthalt kommen und sagen, dass ich es geschafft habe mich nicht zu verletzen.

Then she’d laugh
The night time into day
Pushing her fear further long

And then she’d say, “It’s okay
I got lost on the way
But I’m a supergirl
And supergirls don’t cry”

The sun will come out, wait and see 

Nach der Achtsamkeit fühle ich mich merkwürdig. Ich bin nicht in meinem Körper, stehe irgendwo neben mir, habe Druck. Schwester Nathalie fragt, ob alles in Ordnung ist. Ich schüttel den Kopf.
Wir gehen gemeinsam um den See. Reden, auch viel Blödsinn. Es wird langsam besser, es tut gut zu laufen und zu reden und zu lachen. „Schon allein deswegen dürfen Sie sich nichts antun. Ich brauche Sie doch zum Blödsinn reden und spazieren. Und Sie mich zum spazieren und Blödsinn anhören. Coexistenz. Oder, das wäre es doch.“ Ich bejahe das ganze und sie streckt mir die Hand hin. Ich gebe ihr meine. „Das ist doch mal eine gute Idee für einen Nonduizidvertrag. Wir laufen weiter um den See. Ich erzähle von A. und von Ostern, von gestern. Sie lobt mich, weil ich nicht geschnitten habe. Die Hexe mit den zwei Besen bringt mich also wieder runter, als wir nach einigen Runden wieder oben ankommen geht es mir besser. Die italienische ältere Dame schimpft vor sich hin, Nathalie meint nur „meine Zukunft…“ und ich lache. „Sie verstehen es. Ich sage doch, Coexistenz.“ Ich fühle mich wieder besser, deutlich. Es tut gut einfach draußen zu sein und die Sonne zu spüren und zu reden und zu gehen.
Mittags bin ich einfach nur müde und falle für 3 Stunden einfach ins Bett und schlafe. Ich will nicht mehr wach werden, mein ganzer Körper schreit nur nach Schlaf. Irgendwann kriege ich es doch hin mich aus dem Bett zu bewegen, gehe in den Supermarkt und schenke mir ein Eis, telefoniere mit J. und kriege Besuch von Bibi.
Den Rest des Tages verbringe ich mit der Nase im Buch. Erst draußen, dann am Ende des Flurs mit den Füßen auf der Fensterbank, während das Licht durch das große Fenster fällt und es draußen langsam dunkel wird.
Ich muss daran denken, wie ich vor über einem Jahr hier saß auf dieser Fensterbank. Im Februar, während es draußen kalt und grau war und in mir nicht besser aussah. Die Suizidgedanken hielten noch lange an nach dem Suizidversuch damals und ich hatte das Gefühl, dass sie gar kein Ende mehr finden werden. Manchmal scheint es so weit weg zu sein dieses damals. Manchmal scheint es auch noch viel zu nah. Faktisch liegen 14 Monate zwischen heute und damals. Und doch eine ganze Welt. Heute sitze ich am Fenster und lese, meine Gedanken kreisen um das Buch und um mein Leben, um Momente und Gefühle. Damals war da nur Dunkelheit und Leere und Anspannung und Selbstverletzung. Ich schneide viel weniger. Die letzten heftigen Suizidgedanken sind eine Weile her. Ich kriege den Großteil meines Alltags auf die Reihe. Und so viele andere kleine winzige Dinge, die sich zu einem Haufen an Veränderung auftürmen. Es ist enorm, was sich in einer solchen Zeit alles verändern kann.
In der Achtsamkeit ging es heute auch um Wünsche. Gesund sein. Das kam mir direkt als erstes in den Kopf.
Ich weiß, dass ich mit einer Krankheit lebe, die immer da sein wird. Ich weiß, dass mich immer wieder Bilder verfolgen werden. Ich weiß, dass es immer wieder dunkle Momente geben wird. Aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann mit dem allem zu leben. Ich kann es schaffen mich nicht zu verletzen, auch wenn es immer wieder als Möglichkeit im Kopf auftauchen wird. Ich kann mit diesen dunklen Momenten umgehen, ohne mir etwas anzutun. Ich kann es schaffen trotz allem zu leben. Oder gerade wegen allem. Und mit allem. Und irgendwie bin ich ja schon dabei.
In letzter Zeit schreibe ich viele positive Dinge. Manchmal habe ich Angst, dass es nur eine Phase ist, dass es bald wieder abwärts geht. Habe Angst davor, dass es sich immer weiter und weiter und weiter um einen Punkt dreht, mit Aufs und Abs und ich nicht weiter komme. Aber vielleicht versuche ich es einfach zu genießen, dass es gerade so ist. Dass viele Dinge in Bewegung sind, vieles anders wird. Einfach genießen, dass das Leben gerade im Großen und Ganzen einfach okay und gut ist. Ohne Angst vor dem Morgen. Ohne Angst vor dem was kommt und vor dem, was hinter mir liegt. Ohne Angst vor der Krankheit. Einfach nur leben. Leben und atmen und atmen und leben. Und wirklich leben, nicht überleben. Denn das sind einfach zwei unterschiedliche Dinge.

Überleben allein ist unzureichend.

So tell ‘em all I’m on my way 
New friends and new places to see 
And to sleep under the stars 
Who could ask for more 
With the moon keeping watch over me

mit jeder Welle reiten neue Leichen an Land 

Seit gestern bin ich wieder in der Klinik.
Tagsüber ist es okay. Ich schiebe zwar mehr Panik als sonst, versuche mir das aber nicht anmerken zu lassen. Zu viele Menschen und eine zu hohe Lautstärke machen allerdings dann meist so viel Anspannung, dass ich mich zurückziehen muss. Aber auch das ist in Ordnung. Abends wird es schwerer. Die Panik nimmt mehr Raum ein, oftmals kommen Flashbacks dazu. Gestern hat einfach nur das Geräusch des Fernsehers gereicht, um alte Erinnerungen zu triggern. In meinem Kopf war nur noch der Gedanke an schneiden. Dann mischte sich ein wenig „raus aus dem Zimmer, einfach nur raus und zum Schwesternsitz“ darunter und das habe ich dann auch getan. Heulend und zitternd und mit enormer Anspannung. Irgendwann wurde mir von den Flashbacks so übel, dass ich mich übergeben habe. Und das hat dann auch den Strom aus Bildern unterbrochen, ich konnte Bedarf nehmen, habe die Übelkeit mit Kamillentee und Wärmekompresse bekämpft und bin irgendwann ins Bett und auch direkt eingeschlafen.
Heute ist es immer wieder anstrengend . Zu viele Menschen, zu laut, zu stickig. Zu viel Kopfchaos. Ich bin immer noch unglaublich müde vom Bedarf gestern, versuche mich aber so gut es geht wachzuhalten, nachdem ich heute morgen dann zwei Mal aus dem Schlaf gerissen wurde, zuerst durch einen Anruf meiner Krankenkasse, dann durch Klopfen an der Türe und Zimmerwechselei.
Die Flashbacks waren wieder extrem. Ich habe mich verletzt, danach war es aushaltbar, bis ich mich in meinem Bett zusammen gerollt und mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt habe. Dann habe ich mich wieder im Bad verkrochen, die Klinge ausgepackt, geheult ohne Ende und irgendwann den roten Knopf gedrückt. Nathalie kam und hat mit mir geredet. Über die Suizidgedanken in meinem Kopf. Über die Flashbacks und das Chaos und meinen Wunsch danach, dass es endet. Danach waren wir draußen und sind um den See spaziert, während mir immer noch die Tränen liefen und haben weiter geredet. Über die Möglichkeiten, die helfen könnten derzeit. Was hilft ist reden. Und raus gehen und dabei reden. Das Gefühl zu haben nicht alleine zu sein und erzählen können, was in meinem Kopf ist. Sie meint, ich soll doch mal Wellenreiten als Skill versuchen. Mir beispielsweise morgen früh, wenn es mies ist, immer wieder denken, dass Nathalie mittags kommt und ich mit ihr raus und reden kann. Und mich immer wieder daran erinnern und festhalten. Und gegen die Panik, dass mein Vater plötzlich da stehen könnte, soll ich versuchen das ganze zu splitten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Mutter ihm meine Adresse gibt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie über einen anderen Weg raus kriegt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dort auf mich wartet und mir bis zur mir nach Hause folgt? All diese Dinge sind relativ unwahrscheinlich und es hilft ein wenig gegen die Panik. Nathalie sagt immer wieder, dass es auch wieder besser wird. Dass ich die Kraft habe das zu schaffen. Es tut gut das zu hören, weil ich es selbst nicht schaffe daran zu glauben. Und sie fragt, ob ich will, dass sie mich dann findet. Möglicherweise ohne Puls. Sie oder Pfleger Arschkeks oder Pfleger Kai. Und ich schüttel den Kopf, denn natürlich will ich das nicht. „Und ich sage wieder den berühmten Satz: vor einem Jahr wäre das alles noch nicht möglich gewesen. Und es ist eben nur ein Jahr bisher.“ Ja. Vor einem Jahr hätte ich vermutlich schon längst versucht das ganze zu beenden. Auch wenn ich es in diesen Momenten, in denen ich heulend und zitternd mit dem Kopf voller Flashbacks irgendwo hänge, einfach nicht sehen kann. Dann sehe ich da keinen Fortschritt und keine Entwicklung, dann ist da nur der augenblickliche Horror und die Panik und die Angst und der Wille aufzugeben, nichts anderes. „Das ist wie ein Boxkampf. Nur eben da oben. Und ich glaube daran, dass Sie sich nicht umhauen lassen.“ sagt sie, als ich wieder einigermaßen bei mir bin und wir wieder auf der Station sind.
Danach ist es besser. Reden und gehen und gehen und reden hat geholfen, hat mich aus der Hochspannung und den Flashbacks geholt. Die Suizidgedanken sind immer noch da, aber so weit besser, dass ich nicht mehr das Gefühl habe direkt auf der Stelle einen Weg suchen zu müssen mir das Leben zu nehmen. Etwas Erleichterung in dem aktuellen Chaos.
Nun sitze ich mit Musik und Schokolade im Flur und schreibe. Und mit Nathalies Zetteln.
Tag für Tag.
Minute für Minute.Schritt für Schritt.
Skill für Skill.
Chakka!
Langsam komme ich auch wieder mehr runter und in der Realität an, fühle mich nicht mehr so extrem aufgewühlt und furchtbar. Auch wenn die Anspannung immer noch hoch ist und die Gedanken kreisen.
Bibi war dann noch kurz da und es tat gut mal in den Arm genommen zu werden, da in bisschen zu reden und zu rauchen.
Und manchmal kommt momentan dann auch der Gedanke in den Kopf, dass ich es vielleicht doch schaffe durch die aktuelle Krise, durch die furchtbaren Gedanken und den Horror, ohne dass ich daran sterbe. Vielleicht kann ich das Ganze doch durchstehen, aushalten, durchhalten, ohne dass ich mich ständig verletze oder mir sonst irgendwie schade.

du lässt die Wellen vor dir brechen 
Wenn du deine Fesseln sprengst
Ich will das Meer sehen 
Will in die Freiheit gehen 
Will über den Dingen stehen 
Ich will Wellen reiten

Du bist frei.

Dinge, die man so tut, wenn man Geburtstag hat.
Aufwachen und erstmal ’ne Menge Nachrichten lesen und lächeln und dabei den Zitronenkater kraulen. Kuchen backen und dabei Teig naschen. Weitere Nachrichten bekommen und lächeln. Das Geschirr spülen. Ein wenig auf dem Sofa hängen und House schauen. Sich fertig machen und einkaufen gehen. Lächeln. Das Sofa von Hundehaaren befreien. Die Wohnungstüre aufstehen lassen, weil das Katerkind im Flur spazieren geht. Die Salatmonster füttern. Nachrichten lesen und lächeln. Die Wohnung fegen. House schauen. Lächeln. Alle Psychomedis in der Wohnung zusammensuchen und vor der Mutter verstecken. Kuchen naschen. Katerkind kraulen. Kuchen naschen. Besuch bekommen. Tee trinken. Reden. Lachen. Sekt trinken. Über Geschenke freuen. Noch mehr Besuch kriegen. Über noch mehr Geschenke freuen. Kuchen essen. Noch mehr Kuchen essen. Noch mehr Sekt trinken. Reden. Lachen. Glücklich sein. Nochmal Kuchen essen. Katerkind bespaßen. Schwester knuddeln. Glücklich sein. Geschenk zusammenbauen. Lachen. Reden. Gäste irgendwann verabschieden.
Und dann heulend auf dem Sofa sitzen irgendwann, weil es einfach mal wieder so ein Tag ist, an dem ich mir meinen Vater wünsche. Meinen Vater, so wie er in den schönen Momenten war, die wir hatten. Und dann noch mehr weinen, weil ich ihn so sehr für die anderen Momente hasse. Und für die schönen, weil er mir damit gezeigt hat, wie anders er auch sein kann. Und heulen, weil man einfach gerne einen Vater hätte der da ist und sich kümmert und einfach hinter einem steht und nicht solche Dinge getan hat. Einen Vater, der kommt und mit einem anstößt und sich mit einem freut und lacht und einen umarmt, keinen Vater der trinkt und prügelt und einen fertig macht und sonstiges. Und sich dann selbst hassen, weil man mit diesem Gefühlschaos nicht klar kommt. Und heulen und Druck haben und schneiden wollen. Stattdessen rufe ich in der Klinik an. Erzähle Schwester Nathalie von dem Chaos in meinem Kopf, von Berlin, von heute und den letzten Tagen. Und kriege Lob. Weil eben „erst“ ein Jahr zwischen damals und heute liegt. „Einfach so mal nach Berlin fahren, das wäre vor einem Jahr doch noch undenkbar gewesen. Abgesehen davon, dass Sie da auf der Intensivstation lagen…“ Ja. So vieles war vor einem Jahr noch undenkbar. Zum Beispiel hier zu sitzen und über den Missbrauch zu reden und zu heulen. Anstatt im Bad zu sitzen und mir die Arme aufzuschneiden. Sie sagt, ich muss mich nicht dafür hassen, dass ich ihn eben doch mag und gerne einen Vater hatte. Dass ich diese Gedanken akzeptieren soll. Radikale Akzeptanz (ich hasse es!). Aber sie hat Recht und es hilft, dass zu hören. Dass diese Gedanken eben auch okay sind, dass sie auch da sein und ihren Platz haben dürfen. Dass es okay ist und ich okay bin und nicht völlig irre, weil ich ihn trotz allem als Vater liebe. Und auch nochmal zu hören, dass eine Kontaktaufnahme derzeit absolut nicht gut wäre. Ich weiß es, rational gesehen, selber. Trotzdem habe ich so oft das Bedürfnis danach, das Bedürfnis nach ihm, das Gefühl, dass ich es ihm dann doch irgendwie schulde. Es tut gut das alles zu hören und zu reden und nochmal von außen gesagt zu bekommen, wie viel sich in diesem einen Jahr doch getan hat. Klar bin ich trotzdem immer noch instabil und habe teilweise wochenlang nur furchtbare Tage, aber es ist eine enorme Entwicklung gewesen in dieser Zeit. Lob, eine Sache, die ich mittlerweile annehmen kann und die es auch schafft wirklich bei mir anzukommen und nicht irgendwo kleben zu bleiben und von Selbstvorwürfen und Selbsthass zerfressen zu werden. Zwar auch nicht immer, aber viel öfter als zuvor. Auch eine Entwicklung. Und obwohl ich furchtbare Angst davor habe, dass wieder beschissene Tage voller Selbsthass und Suizidgedanken kommen werden, weiß ich doch, dass ich ein Stück des Weges zum Gesundwerden geschafft habe. Und das mir das niemand nehmen kann, auch ich selbst nicht, selbst wenn ich mich wieder verletzen sollte oder sonst was. Und auch wenn ich das in den Momenten dann nicht sehen kann, so ist dieses Gefühl in den guten Momenten da. Und das alleine tut schon unglaublich gut. Sollen Sie nur kommen, die scheiß Momente. Auch die schaffe ich. Ich hab schon so viel geschafft.
„Denken Sie dran, radikale Akzeptanz. Und an meine Zettel.“ sagt Nathalie, und ich verdrehe schon wieder die Augen, weil ich radikale Akzeptanz nicht mehr hören kann. Nach dem Auflegen krabbelt der Zitronenkater verschlafen und mit Käsekuchenbauch auf meinen Schoß und ich sitze da und schaue auf die Zettel an meiner Wand. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Chakka. Der Tag war gut und bleibt auch gut. Du bist frei. Und ich muss lächeln und es ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich wirklich frei fühle und in denen ich auch wirklich das Gefühl habe, dass ich das alles schaffen kann. Trotz meiner Vergangenheit, trotz Borderline, trotz Selbstverletzung und Suizidgedanken. Ich werde diesen Weg weiter gehen. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt

Katerkind sitzt aufgeregt am Fenster und miaut. Ich kucke raus und verkrieche mich wieder in meinem Bett. Schnee. Überall Schnee. Ich drehe mich nochmal rum und schlafe weiter. Irgendwann werde ich wach, weil der Zitronenkater jämmerlich schreit. Er sitzt auf dem Kleiderschrank (wie auch immer er da hoch kam…) und traut sich nicht mehr runter zu springen. Irgendwann landet er dann mit einem *plums* doch mitten auf meinem Bauch. Morgen werde ich blaue Flecken haben…
Mama schafft es trotz Schnee einigermaßen pünktlich bei mir aufzutauchen. „Schatz, deine Haare!“ ist ihr erster Satz und die folgenden zehn Minuten fummelt sie in diesen rum und sagt immer wieder „ach, dein schönes blond“. Ich bin wieder erblondet, ein wenig dunkler als meine „Sommerhaarfarbe“ (wenn ich im Sommer am Meer bin werden meine Haare richtig hellblond) und keine Mama ist glücklich, dass ich wieder mit meiner Naturfarbe rumlaufe. Mir gefällt es auch, lange genug hatte ich nun von hellem bis zu dunklem Rot alles drin. Nur die Spitzen sollen wieder bunt werden.
Der Einkauf verlief einigermaßen problemlos und dauerte ausnahmsweise keine Ewigkeit. Katerkind hilft beim auspacken, indem er alles was gut riecht schon mal aus der Tüte zieht.
Mama erzählt mir noch 20 Mal, dass sie mich viel zu selten sieht, bevor sie sich nach Kaffee und Zigaretten wieder auf den Weg durch den Schnee nach Hause macht. Und ich packe mich mit Kuscheldecke und Katerheizung aufs Sofa und spiele Zelda. Später werde ich ein wenig aufräumen, die Wii samt Kabeln mal an ihren zukünftigen Platz stellen, vielleicht kriege ich es ja auch hin mal zu kochen. Außerdem muss ich mich bei einem großen Onlineversand mal beschweren, weil meine Pakete neuerdings kommen wann sie wollen.
Zitronenkater findet den Schnee zu kalt und zu nass. Er liegt lieber bei mir auf dem Sofa und döst vor sich hin. Recht hat er, ich mag auch nicht nach draußen.

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Das Gefühl einfach raus zu müssen ist immer noch da. Ich mag vor mir selbst weglaufen, mag einfach mal ohne das ganze Paket an Krankheit und kämpfen und allem sein. Nur funktioniert das ja leider nicht…
Also einfach weiter machen. Weiter atmen. Weiter skillen. Schritt für Schritt und Tag für Tag. Es wird auch wieder besser, die Dunkelheit im Inneren geht auch wieder vorbei. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Aufgeben ist keine Option.
Obwohl ich in meiner Wohnung knapp über zwanzig Grad habe, friere ich die ganze Zeit. Vielleicht liegt es daran, dass ich so wenig und so unregelmäßig esse. Vielleicht ist es auch einfach meine derzeit mehr als üblich kaputte Psyche.
In der Nacht habe ich wieder mit den Dämonen gekämpft. Mittlerweile wundere ich mich nicht mehr, wenn mein Bett am Morgen völlig zerwühlt ist und ich völlig erledigt aufwache. Die Nächte bieten keinerlei Erholung mehr. Die Tage sind dementsprechend von Müdigkeit gekennzeichnet und voller Antriebslosigkeit. Ich hoffe, dass es sich bald wieder bessert, denn ich brauche endlich wieder erholsamen Schlaf. Vielleicht werfe ich mir heute Abend noch zusätzlich Dipi ein zu meinen Tabletten, mal sehen ob ich dann eventuell schlafen kann ohne mich dabei nur hin und her zu wälzen und wasweißich zu tun, anstatt tief und fest und erholsam zu schlummern. Es ist den Versuch auf jeden Fall wert, denn ich muss morgen nicht früh aufstehen und nichts dringendes erledigen. Schneiden fällt schließlich aus wegen is nich.
Schwester Nathalies Zettel kriegen nachher einen neuen Platz, seit ich in der Klinik war kleben sie in meinem Ordner und nach dem Umräumen kann ich sie nicht mehr dort an die Wand kleben, wo sie zuvor hingen. Und ich werde mir einfach immer und immer wieder sagen, dass es weiter geht. Dass es vorbei geht. Es geht weiter. Es geht vorbei.

Wenn die Angst dich in die Enge treibt
es fürs Gegenhalten nicht mehr reicht
du es einfach grad nicht besser weißt
dann bleib
es geht vorbei

2015. Ein Rückblick.

In „meinem“ Forum gibt es seit Jahren die Tradition des Jahresrückblicks. Ich habe diese Tradition liebgewonnen, habe eigentlich jedes Jahr einen Jahresrückblick geschrieben, manchmal im Forum, manchmal im Blog, manchmal nur für mich.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen für dieses Jahr schreiben möchte. Vor Silvester war es mir zu heikel, weil es ja doch ein wenig von melancholisch werden hat. Doch nun habe ich Lust darauf, mag zurückblicken und schreiben.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen?
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht immer weiter.
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Viele Grundlagen, um mit mir und der Selbstverletzung und den Suizidgedanken umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, denen ich vertrauen kann und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe gelernt offener durchs Leben zu gehen, mich auf fremde Situationen eher einzulassen. Ein wenig auch mehr auf mich stolz zu sein und auf mich zu achten. Und auch mir Gutes zu tun.

Womit hast du angefangen?
Damit mir Hilfe zu suchen, die Weichen zu stellen für eine DBT. Damit, alleine zu leben und mein Leben alleine zu gestalten. Ich habe angefangen, aktiv etwas gegen die Dämonen der Vergangenheit zu tun und mich nicht mehr nur davor zu verstecken. Damit, mir Gutes zu tun, egal wie schwer es fällt.

Worauf bist du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe mir Hilfe zu suchen und diesen Weg auch gehe, so schwer es manchmal ist. Ich bin stolz auf die Entwicklung, die ich im letzten Jahr gemacht habe. Ich bin stolz auf jeden Moment ohne Selbstverletzung, auf jeden Moment, der nicht von der Vergangenheit bestimmt wurde. Stolz auf jede Minute, die ich völlig unter Hochspannung ausgehalten habe. Stolz darauf, dass ich jeden Tag aufs neue atme und lebe.

Womit aufgehört/abgeschlossen?
Mit vielen Freundschaften habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass es manchmal an der Zeit ist alleine weiter zu gehen. Ich habe aufgehört mich selbst zu vernachlässigen bei dem Versuch möglichst normal zu sein und zu funktionieren. Abgeschlossen mit der Beziehung und dem dazugehörigen Liebeskummer, der sich noch durch das Jahr zog. Und endgültig damit aufgehört, meine Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen, denn es ändert nichts daran, dass es geschehen ist.

Schönster Moment des Jahres?
Einen schönsten Moment gab es nicht, eher mehrere kleine, für mich aber unglaublich schöne Momente.
Der Einzug in meine vier Wände. Als das kleine Fellbündel bei mir einzog. Neue Menschen kennen lernen und in meinem Leben haben. „Alte“ Menschen wieder in meinem Leben haben. Und noch so viele mehr…

Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)
Der 2. Februar, als ich voller Schläuche und Kabel auf der Intensivstation vollends zu mir kam. Der Moment, in dem die Erinnerungen an die Stunden davor wieder kamen, an das, was ich getan habe. Meine Schwester danach zu sehen, ihre Augen voller Angst und Sorge. Chrissie danach zu sehen, zu hören welche Angst sie in dieser Nacht um mich hatte. Schwester Nathalie und Schwester Sabine danach zu sehen, die in dieser Nacht Dienst hatten und mich zu erklären.
Die Erkenntnis daraus ist, dass ich an diesen Punkt nicht mehr kommen möchte. Dass ich nie wieder so sehr die Kontrolle über mich verlieren will, nie wieder in eine Situation kommen mag, in der ich völlig der Kontrolle anderer unterworfen bin. Und auch die Erkenntnis, dass ich wahnsinnig verständnisvolle Menschen um mich habe. Meine Schwester, die mir verzeiht, Chrissie, die einfach nur froh ist, und Nathalie und Sabine, die mir zwar mehrmals eindringlich erzählen, was hätte schief gehen können, mir aber keine Vorwürfe machen.

Wem sagst du danke – und wofür?
Chrissie. Wie eigentlich in jedem Jahr. Du bist und bleibst die beste beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Danke für all diese Momente mit dir. Danke für diese eine Nacht. Danke für ein weiteres Jahr mit dir an meiner Seite.
Kat. Danke, dass wir immer noch Kontakt haben und normal miteinander umgehen können, danke für viele lustige Momente, danke, dass du immer noch ein Teil meines Lebens bist.
Meiner Schwester. Dafür, dass sie einfach da ist, dass sie mich nach dieser Nacht im Februar so oft besuchen kam. Für ihr Verständnis, dass ich unserer Mutter nicht alles erzählen möchte. Für ihr stillschweigendes Mitwissen über neue Narben und Klinikaufenthalte. Für die unerschütterliche Liebe zwischen uns.
J. dafür, dass du ein weiteres Jahr da warst, mir liebe Worte und manchmal auch Arschtritte geschickt hast, für Tee und Filmabende und Besuche und einfach dafür, dass du du bist.
Lili. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein in schönen und schlechten Momenten, dafür, dass unsere Freundschaft auch nach langer Zeit der Stille immer noch so wunderbar und tief ist.
M. fürs shishen und essen gehen und trinken und Borderline-Witze machen und für die ganzen schönen Treffen im letzten Jahr.
J. & K. für die letzten Wochen und die Momente, dafür, dass ihr da seid und es sich anfühlt, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.
Dem ganzen Team der Station , dafür, dass sie immer an mich glauben, auch wenn ich es manchmal nicht tue. Für Telefonate mitten in der Nacht, fürs mich in Hochspannung aushalten und mit mir gemeinsam durchhalten, für viele lustige Momente und viele Tiefs, dafür, dass sie Tag für Tag (und manchmal auch Nacht für Nacht) so viel mehr machen als nur einen Job, sondern mit so viel Verständnis, Geduld und Spaß da sind, auch wenn es manchmal richtig turbulent und anstrengend ist auf Station. (Das dürfen Sie auch gerne weitergeben Nathalie. 😉 )
Und sonst allen Menschen, die mich im letzten Jahr unterstützt und begleitet haben, hier im Blog liebe Worte hinterlassen haben oder mir aufmunternde Nachrichten schickten. Danke.

Was bringt 2016/ Was wünschst du dir für 2016?
Weitergehen. Ein Stück mehr in meinem Leben ankommen. Ein Stück gesunder werden. Kämpfen, atmen, weitermachen, weniger selbst verletzen. Tag für Tag, Schritt für Schritt.

Unvergessenswertes?
Der Sommer im Garten, mit Meeris und Katerkind.
Die erste Nacht in meiner Wohnung.
Einige Teedates.
Die Telefonate mit Lili.
Der Besuch vom kleinen Bruder.
Die Frankfurter Buchmesse mit P.
Das erste Mal den Zitronenkater sehen und mich sofort verlieben.
Nevas Besuche.
Und noch so viele Momente mehr…

 

Insgesamt gesehen war 2015 ein sehr turbulentes Jahr, ein Jahr mit vielen Tiefpunkten, aber auch wunderbaren Momenten, die mir gezeigt haben wie lebenswert das alles ist. Ich war ganz unten und bin da wieder raus gekommen, habe vieles erreicht und bin nun an einem Punkt, der vor genau einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht weiter. Auch wenn ich manchmal zweifle und falle und aufgeben mag. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

 

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over

Ich bin wieder daheim. Juhu! Auch wenn es hier aussieht wie Kraut und Rüben (Arschkeks von Zitronenkater!).
Aber Zuhause. Katerkind und Meeris, mein Bett, mein Sitzsack, mein Sofa und WLAN.
Gleich werfe ich mich erst mal ins Bett. Ich habe seit gestern unterschwellig Kopfschmerzen (kein Wunder bei der Heulerei) und bin seit dem Mittagessen auch furchtbar müde. Da hatte ich auf Station allerdings schon kein Bett mehr…
Übrigens: niemals Nathalie von Neujahrsvorsätzen erzählen. Sie streckte mir direkt die Hand hin, als ich gestern erzählte, dass ich weniger Energydrinks trinken will. „Und das Zeug lassen Sie auch weg!“ Tja, nun habe ich ihr also die Hand drauf gegeben.
Der Herr Psychopeut hat heute noch mit mir gesprochen und ich habe ihm auch von der Angst erzählt, die ich habe vor dem „danach“. Vor dem, was nach der DBT kommt. Er hat mir nochmals versichert, dass ich auch danach jederzeit kommen kann und die Türen für mich offen stehen, ich habe gesagt, dass ich eventuell eine Traumatherapie anhängen möchte und er meinte, dass man im Team und im Gespräch ja auch kucken kann, ob ich nach der DBT weiterhin Intervalltherapie machen kann bis eventuell zu einer Traumatherapie, dann mit größeren Abständen als derzeit, wenn es passt.
Ich werde diesmal versuchen 6 Wochen daheim anzustreben. Wenn es nicht klappt, dann ist es auch okay, ich werde mich da selbst nicht total unter Druck setzen, weil ich dann letztendlich zwar 6 Wochen schaffe, aber das ganze vermutlich mit zerschnittenen Armen und völlig am Ende. Und das ist ja nicht der Sinn der Sache.
Und nun kuschel ich mich erst mal in mein Bett, bevor ich dann das Zitronenkaterchaos beseitige. Einkaufen und Meeris mache ich morgen, dafür habe ich heute gar keinen Nerv und das Wetter ist mir auch viel zu schlecht um nochmal vor die Türe zu gehen. Es läuft ja nicht weg. Heute ist ankommen angesagt, Gutes tun und das aushalten. „Chakka, Sie schaffen das!“ sagt Nathalie zum Abschied.

I’m back in the picture,
back in the picture

My world is upside down

Ich sitze mit Hochsprung auf dem Bett und heule und sage, dass ich schneiden will. Und dann muss ich lachen, weil Nathalie sagt, dass ich an meinen Blog denken soll,  „Klammer auf, dann muss ich eine VA schreiben, Klammer zu“.
Davor saß ich heulend mit der Klinge in der Hand im Bad, weil manche Dinge einfach furchtbar weh tun. Freundschaft zum Beispiel, oder was davon übrig bleibt, wenn die eine Hälfte der Freundschaft völlig am abdrehen ist. „Das dürfen Sie nicht ernst nehmen, Sie ist derzeit eben so“ sagt Nathalie. Das fällt schwer, wenn man befreundet ist, die Schwachstellen und Geschichten des anderen kennt und in den letzten Tagen einfach unglaublich viel für den anderen getan hat. „Machen Sie einen Schnitt“ sagt Nathalie, und ich muss wieder lachen. „Schreiben Sie das in Ihren Blog! Nathalie hat gesagt…“ Mittlerweile habe ich aufgehört zu heulen und die Anspannung ist wenigstens ein bisschen gesunken.
M. hat zu den anderen Patienten gesagt, dass sie nicht mit mir reden sollen. Sie sagt ich bin das Böse, bin eine Hexe. Nathalie ist übrigens auch eine. Sie steht neben mir (also M., nicht Nathalie) und fängt an mit Gesprächen über Freunde, die andere verraten und schaut dabei zu mir. Sie fährt mich an, ohne dass ich etwas sage. Vor ein paar Tagen erklärte sie mir schon, dass ich bei ihr unten durch sei, weil ich scheinbar etwas ruppig gesagt habe, dass ich noch mit dem Pfleger rede, weil sie etwas von mir wollte. Gestern war ich dann scheinheilig, weil ich eine Mitpatientin tröstete. Wieso auch immer. Was ich ihr heute getan habe weiß ich nicht, ich war schließlich gar nicht da. Aber egal. Ich versuche mich abzugrenzen, versuche es nicht an mich ran zu lassen.
Heute Mittag war ich mit Nathalie im rewe. Auf dem Weg erzähle ich ihr, dass mein Psychiater mir einen Termin einen Tag vor meinem Geburtstag gegeben hat, mit der Bemerkung „dann können Sie nicht wie letztes Jahr auf der Intensivstation liegen, Sie haben schließlich einen Termin bei mir!“ Nathalie erzählt, dass sie Nachtdienst hat dann. Ich sage, dass ich ja dann anrufen und sie vollmüllen kann, bevor ich Mist baue. „Gut. Mit wem sollte ich sonst Blödsinn machen? Wohin denn dann mit dem ganzen Quatsch?!“.
Nachdem ich fertig geheult hatte durfte sie mich vollkleben mit Pflastern und sie eine Weile später wieder abziehen. Auaaa! Und sie hatte Spaß dabei. Und meine Anspannung ging zum Glück relativ gut runter. Dann kam J. noch vorbei und sie und K. haben mir liebe Nachrichten bei WhatsApp geschrieben. Danke euch. <3
Und Danke an die Hexe mit den zwei Besen.
Nachdem ich aus dem Bad kam und Nathalie die Klingen gegeben hatte meinte sie, dass sie stolz sei, dass ich das ohne schneiden geschafft habe. Ich möchte bitte einen Zettel davon! 😜

I trusted you, broke me down
and you screwed me over
Don’t try to deny it
you cannot hide it
I’ll be ignited
When I get to watch you
Burn Burn Burn