Nie zurück, nur nach vorne gehen

Diesen Blumenstrauß bekam ich vor zwei Jahren und 4 Tagen von meiner besten Freundin. Nein, sie hat damals nicht schon früher zum Geburtstag gratuliert. Wobei? Eigentlich ja schon.

3 Jahre sind vergangen seit dem Suizidversuch. 3 Jahre und 4 Tage. Vor 3 Jahren und 4 Tagen lag ich auf der Intensivstation und wollte so sehr endlich ’ne Zigarette rauchen nach den merkwürdigen Stunden, die seit meinem Aufwachen zwischen Kabeln und Schläuchen vergangen waren.

Ein „ich bin froh, dass du lebst“ – Blumenstrauß.

Letzte Woche war ich kurz auf der Station. Denn die Verlängerung meines Lebensvertrags rückt langsam aber sicher näher und ich überlege schon, wer als Zeuge unterschreiben darf. Und zu meinem Glück ist auch genau die Person, die ich treffen wollte, im Dienst. Schwester Nathalie beantwortet meine Frage mit einem „Gerne“, fragt wie das Studium ist, wie es so läuft. Ich erzähle, dass es nur noch ungefähr 1,5 Monate sind bis zum 2. Jahr ohne Selbstverletzung.

„Hätten Sie das gedacht?“ Ich schüttel den Kopf und muss lächeln. „Frau Zitrone, ich kriege Gänsehaut!“ meint sie und schiebt „Es ist schön zu sehen, dass das was wir hier auf Station tun auch mal Früchte trägt!“ hinterher. Ihr bestelle bei Pfleger Arschkeks noch 682 Smileys to go und gehe zum ersten Mal seit langem wieder zur Achtsamkeit.

Es ist gut momentan. Da ist wieder Zeit für mich, Zeit für zwischenmenschlichen Kram wie mal Kaffee trinken, Zeit einfach daheim krank im Bett zu hängen (wobei ich das krank auch gerne los wäre), Zeit das Katerkind nach dem Aufwachen ausgiebig zu bekuscheln. Eigentlich sollte da auch Zeit zum lernen sein, doch in meinem aktuellen Fieberkopf ist dafür kein Platz.

Und trotzdem ist es manchmal einfach gar nicht gut. Trotzdem ist da manchmal kein Platz mehr in meinem Kopf vor lauter Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Aber vielleicht ist das okay. Vielleicht ist es okay, dass auch diese Dinge ihren Platz brauchen, immer noch und immer wieder. So oft sehe ich, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat und sehe in solchen Momenten dann doch nur das negative, nämlich dass der Druck immer noch kommt, die Gedanken immer noch manchmal tagelang meinen Kopf beschäftigen. Und trotzdem ist es so viel besser, schon allein die Tatsache, dass der Druck nicht zu Selbstverletzung wird und die Suizidgedanken nicht zu einer Impulshandlung.

29 Jahre Leben. Und 3 Jahre Leben. Irgendwie wirklich eine Art doppelter Geburtstag.

Niemand kann mir diktieren, wohin es für mich geht
Niemand über den Wolken und niemand der hier unten lebt

Ich wollte nie wie all die Ander’n sein
Ich weiß besser, was ich will
Das entscheide ich allein
Wer ich bin und was mit mir passieren wird, entscheide ich alleine
Lass Brücken brennen und Herzen glühen
Nie zurück, nur nach vorne gehen

und irgendwann wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

Und so wie es anfing hört es auch wieder auf. Plötzlich kommt da dieser Tag, an dem es besser ist. An dem das Aufstehen kein stundenlanger Kampf ist, an dem nicht direkt Selbstverletzungsdruck in meinen Kopf springt, noch bevor ich überhaupt aus dem Schlafzimmer bin, an dem nicht spätestens im Bad die ersten Suizidgedanken präsent sind.

Ich fühle mich anders. Es ist, als ob eine zähe und klebrige Masse, ähnlich wie Teer, an einem klebt und nach langer Zeit endlich beginnt an einem hinunter zu fließen. Es ist, als ob man gerade stundenlang einen schweren Gegenstand geschleppt hätte und ihn endlich abstellen kann. Ein wenig vergleichen kann ich es mit dem Gefühl vergleichen, welches ich habe, wenn ich im Flugzeug sitze und es startet. Die Schwere, die das Flugzeug und einen selbst auf dem Boden hält, verschwindet plötzlich und weicht einer unglaublichen Leichtigkeit. Oder dem Gefühl das mich durchströmt, wenn die ersten Blumenknospen aus der Erde schauen, wenn der Winter endlich dem Frühling weicht. Ja. Ungefähr so fühlt es sich an, wenn ich aus einer depressiven Phase wieder auftauche.

Rückblickend kann ich mir dann oftmals gar nicht mehr vorstellen, wie unglaublich schwer es war mich nicht zu verletzen. Wie unglaublich schwer es war weiter zu leben. Ich habe eine Ahnung davon, ein Gefühl, dass mich daran erinnert… Aber in der nächsten Phase oder Krise kann ich mir wieder nicht vorstellen, wie es jemals leichter sein konnte. Es ist besser geworden, nicht mehr ganz so aussichtslos und dunkel.

Meine erste so heftige Krise, bei der ich nicht in die Klinik musste, weil ich nicht mehr garantieren konnte mich an den Lebensvertrag zu halten. Das wird mir gerade erst beim Schreiben bewusst und ich muss lächeln. Und dann noch mehr, weil ich spüre, dass ich stolz auf mich bin, dass ich es auch schaffe stolz zu sein und das Gefühl so zu akzeptieren (und auch zu genießen!) wie es nun da ist, ohne es selbst direkt wieder klein reden zu wollen. Und dann sind es solche Dinge an denen ich sehen kann, dass ich mich weiter entwickle, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Und wenn ich doch grade bei dem positiven Kram bin… Ich kann länger garantieren, dass nichts passiert. Ich kann mich trotz einer 5, trotz nichts anderem im Kopf außer dem eigenen Tod, von Skill zu Skill, von Moment zu Moment hangeln, bis es wieder zu einer 4 wird, bis Atmen wieder ein wenig leichter fällt, bis da wieder ein Zentimeter weniger offene Notausgangstür möglich ist.

Gut sechs Wochen sind vergangen, seit es anfing schlechter zu werden. Vier Wochen davon war es eine ordentliche Krise. Vier Wochen hatte ich dauerhaft die Hand auf der Türklinke zum Notausgang Suizid, die Tür mal mehr, mal weniger geöffnet. Vier Wochen lang fast durchgehend Selbstverletzungsdruck. Doch es ist vorbei und wird hoffentlich nicht allzu schnell wieder so dunkel in mir.

Ein weiteres Mal gekämpft. Ein weiteres Mal eine Krise gemeistert. Ein weiteres Mal überlebt. Überlebende. Ein Wort, dass ich viel schöner und treffender finde als Opfer. Ich bin kein Opfer von Missbrauch. Ich habe Missbrauch überlebt. Ich lebe, trotz Missbrauch. Trotz allem, trotz dem ganzen Horror meiner Kindheit, trotz all dem Schmerz. Und mit alle dem.

Und die Zeit fängt wieder an
Das zu tun, was sie am besten kann
Im Vorbeigehen heilt sie meine Narben
Und ich kann nur darauf warten
Dass sie sich beeilt und irgendwann
Wird im Vorbeigehen Schwarzweiß wieder Farbe

this is where the healing begins

Es ist 3.23 Uhr, als ich leise die Wohnungstür aufschließe und die Wohnung betrete. Ich schlüpfe ins Schlafzimmer meiner Mutter, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise „ich bin daheim“.

Wie gerne hätte ich solche Erinnerungen an meine Jugend. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit nur zwei Mal gefeiert. Kein einziges Mal betrat ich danach die Wohnung und sagte diese Worte zu meiner Mutter. Stattdessen bin ich seit 10 Jahren volljährig und sage diese Worte zum ersten Mal, nachdem ich vom Feiern heimkomme.

Es macht mich traurig, dass ich solche Erlebnisse in meiner Jugend verpasst habe. Zum einen das Feiern, zum anderen heim zu kommen und zu wissen, dass meine Mutter zwar schläft, aber erst in den beruhigten Tiefschlaf fallen wird, wenn ich wirklich zuhause bin.

Auf der anderen Seite ist es schön. Ich habe es jetzt. Lange war es schwierig für mich hier zu sein, hier zu schlafen. Doch seit ich meiner Mutter erzählt habe, was damals alles passiert ist, seit sie Details kennt und seit ich bei ihr weinen kann, weil ich nicht den Vater habe, den ich mir so sehr wünsche, seitdem fühlt es sich so viel besser an hier zu sein. Es ist ein Stück Geborgenheit und Heimkommen. Mehr als früher, mehr als jemals seit meiner Kindheit, als meine Mutter nur Zuflucht für den Moment war und ich jeden Moment in mich aufgesaugt habe um die nächsten Monate zu überstehen.

Auch wenn es so viele Jahre zu spät kommt, nun ist es da. Und es heilt ein klein wenig die tiefen Wunden der ganzen Jahre.

So vieles ist immer noch in Bewegung, auch wenn mein altes Leben nun schon so viele Jahre und Kilometer weit weg liegt. Doch in manchen Momenten spüre ich die Heilung, die nun passiert. Ein Stück ganz werden, ein Stück Klebestreifen, dass die kaputten Teile wieder zusammenhält.

So you thought you had to keep this up
All the work that you do
So we think that you’re good
And you can’t believe it’s not enough
All the walls you built up
Are just glass on the outside

So let ‚em fall down
There’s freedom waiting in the sound
When you let your walls fall to the ground
We’re here now

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

Wunder

Mein kleines Wunder. Meine kleine Kämpferin.

Heute Mittag kam der erlösende Anruf. Sie hat es geschafft, tatsächlich, und trotz nur 30%iger Chance zu Überleben ist sie heute wieder so fit und munter, dass ich sie zu mir holen konnte.

Ein Wunder. Mein Wunder. ❤️

hier & jetzt

Studium (lateinisch studere „[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen“)

Und so fühlt es sich auch an. Ich bemühe mich um einen geregelten Tagesablauf, um Kommunikation mit meinen Mitmenschen, um aktives Zuhören. Ich bemühe mich nicht durchzudrehen angesichts der Masse an Menschen, darum nicht einfach abzuschalten und zu dissoziieren.

Und ich muss oft an die Oberärztin aus der dbt denken, die von einem neuen Programm sprach im Bezug auf Borderlinetherapie. ACES – Accepting the Challenges of Exiting the System. Raus aus dem „System Krankheit“, so tun als ob man einfach gesund wäre. Denn genau das tue ich, ich tue so, als ob ich ein völlig normaler Student sei. Und vielleicht bin ich gar nicht so unnormal, also von der Norm abweichend, denn gerade im sozialen Bereich studieren viele mit der ein oder anderen Macke, bei einigen meiner Kommilitonen fielen mir auch schon eindeutige Narben auf. Vielleicht nicht so offensichtlich wie meine, da dezenter und weniger und nur an einer Stelle, aber dennoch.

Abseits vom ganzen Theoriekram, der einfach noch keinen Bezug zu meiner Lebenswirklichkeit und der sozialen Arbeit hat, ist es auch interessant und spannend. Es gefällt mir zu beobachten, wie wir über Gerechtigkeit diskutieren, wie die vielen verschiedenen Charaktere ihre Meinungen vertreten. Es macht Spaß mit verschiedenen Menschen die Raucherpause zu verbringen oder zu essen, mit Leuten die gerade erst von der Schulbank gefallen sind und mit welchen, die schon seit über 20 Jahren im Berufsleben stehen (oder standen), mit welchen die vorher etwas anderes studiert haben oder welchen, die nebenbei noch ihre Kinder großziehen.

Es fühlt sich gut und richtig an momentan. Vielleicht waren die drei Jahre „Umweg“ genau deswegen sinnvoll, weil hier und jetzt der richtige Zeitpunkt für das ist, was ich tue.

Ich war schon lange nicht mehr so fertig und an meinen Grenzen. Aber ich war auch schon lange nicht mehr so zufrieden und glücklich und habe mich schon lange nicht mehr so am richtigen Platz gefühlt.

Und gerad‘ deswegen: auf das Leben!

Die Zeit fliegt. Vor einem Jahr saß ich noch halbwegs verwirrt und orientierungslos angesichts der Zukunft ungefähr um diese Uhrzeit auf einem Klinikflur und wartete auf die Visite. Heute sitze ich ziemlich verwirrt und müde in einem Zug, auf dem Weg in die Hauptstadt und von dort dann zum Campus. Ich studiere. Tatsächlich, wahrhaftig. Ich zeige den Studentenausweis statt der Fahrkarte, die mich in den letzten 3 Jahren begleitet hat. Ich fahre nicht mehr nur in die Hauptstadt, weil ich zur Therapie muss oder zum Psychiater oder jemanden treffe. Mein Psychiater hat mir den letzten Krankenschein ausgestellt. Mit einem erleichterten Seufzer, da die fast dreijährige Routine von monatlichem Termin und Krankenschein nun ein Ende hat. Gefühlt steht mein Leben grade Kopf. Umbruch, Neuanfang, Ende, was auch immer. So viel gleichzeitig und so gesund. Fortschritte noch und nöcher könnte man sagen. „Fortschritt“ sagt auch der Psychiater, als ich anspreche, dass ich die Medis zur Nacht reduzieren möchte. Ich frage mich, wie ich eigentlich mit der viel höheren Dosis und dann auch noch morgens, mittags, abends und nachts, funktionieren konnte. Arbeiten konnte. „Fortschritt“ sagt er und vermutlich ist es das. Schon in der dbt habe ich die Medis reduziert, weil ich gemerkt habe, dass da keine hohe Anspannung mehr ist, die sie runter holen könnten. Nun habe ich also die Hälfte der Minidosis und schlafe trotzdem. Die ersten Nächte waren blöd und zu kurz und unruhig, aber nun schlafe ich eigentlich genauso gut (oder vielleicht auch besser). Vielleicht, wenn das mit dem Studium ein wenig mehr Routine ist, vielleicht lasse ich den Rest dann auch weg. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich richtig an. So im Großen und Ganzen. Vielleicht bin ich angekommen. Vielleicht ist das hier und jetzt genau der richtige Weg. Der neue Weg. Der gesunde Weg. Und weil es grade so gut passt gibt es laut und mit voller Wucht nun auf das Leben umme Ohren.

„Normal ist auch nur ein Wort.“

555 Tage ohne Selbstverletzung. Eine weitere schöne Zahl, ein weiterer Grund stolz zu sein und zu feiern.

Und passend dazu ein paar tolle Worte von Nicholas Müller.

Sie haben einmal gesagt: ‚Normal ist auch nur ein Wort.‘ Hat der Begriff für Sie überhaupt eine Bedeutung?:

Nur in Alltagsdingen. Normal druckt man auf Waschmittelverpackungen, wenn 25 Prozent mehr Inhalt ‚als normal‘ drin steckt. Klar, ich habe mir zwischenzeitlich nichts mehr als Normalität gewünscht. Aber letzten Endes ist das eine Definitionssache. So, wie ich jetzt bin, wie ich lebe, fühle ich mich normal. Aber das passt bestimmt nicht in die Schemata anderer Menschen. Normal ist ein Begriff, der impliziert, dass man funktioniert. Deswegen mag ich das Wort nicht. Wie man funktioniert, das fragen die wenigsten.

Nicholas Müller im stern-Interview.

Lebenszeichen

Ja, ich weiß. Es ist ein wenig still geworden um mich, aber in den letzten Tagen weiß ich nicht, wohin die Stunden eigentlich verschwinden. 

Gestern fiel mein Blick auf das Datum und ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Ich frage mich, seit wieviel Jahren ich ihm nun nicht mehr gratuliert habe. 5? Oder doch schon mehr? Ich stelle mir vor wie das ist. Wenn das eigene Kind einem nicht gratuliert. Und dann denke ich daran, wie sehr er mich verletzt hat. Es ist okay, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Es ist okay und es war und ist die richtige Entscheidung. Für mich, denn allein um mich geht es dabei, nicht darum, dass ich dafür sorge, dass es ihm besser geht. Und auch wenn meine Gefühle dagegen anbrüllen, immer wieder und speziell an solchen Tagen, so weiß ich, dass es richtig ist. 
Ich habe übrigens, Wunder über Wunder, nun tatsächlich meine Fachhochschule in Händen. Dienstags rief ich die Schulleiter an und fragte nach, sie erklärte mir, dass sie eine Bescheid der alten Schule brauchen, dass ich da keine Fachhochschulreife gemacht hab. Prima. Also rief ich direkt dort an, aber die Schulleitung war nicht da. Nachdem ich schonmal auf der Homepage der Schule war wegen der Nummer, habe ich mich ein wenig durch meine alten Lehrer geklickt. Viele sind nicht mehr da. Aber Frau B. noch, deren erste Klasse als Referendarin wir waren in Geschichte. Und meine ehemihe Tutorin aus der Oberstufe ist auch noch da. Froh bin ich darüber, dass die Schulleitung gewechselt hat. Aber die Dame im Sekretariat ist immer noch die selbe. Und während ich die Namen so lese und die Fotos sehe bin ich plötzlich wieder 17 und am Ende, spüre Wunden auf meinen Armen brennen und in mir zieht sich alles zusammen. Ich brauche einige Momente um dagegen anzukommen, um wieder in die Realität zu finden. 

Am Mittwoch erreiche ich endlich die Schulleitung der alten Schule, am Donnerstag gehe ich mit der Bescheinigung von dort hier zur Schule und hole dann am Freitag endlich mein Zeugnis ab. Es fühlt sich gut an es in den Händen zu halten. Der Abschluss der Ausbildung ist zwar schon 3 Jahre her, aber das Zeugnis mit dem Vermerk nach dem ganzen Drama endlich in den Händen zu halten, fühlt sich mindestens nochmal genauso gut an. 

Den Kram für die Uni habe ich noch am selben Tag fertig gemacht. Nun heißt es warten, ob ich einen Platz kriege und Daumen drücken. 

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

Ein wenig Farbe

Heute gab es ein wenig Licht in der Dunkelheit, ein wenig Farbe in der aktuellen Schwärze. 

Ich war zuerst mit N. in der Stadt Eis essen und die Sonne genießen, anschließend ging es dann zum Tintenmann. Nun habe ich also wieder frisch Farbe unter der Haut, habe meine Belohnung für das Jahr auf dem Arm. 

Die Farbe sieht momentan noch nicht so ‚gut‘ aus, das letztendliche Resultat gibt es erst in 3 bis 4 Wochen, wenn es verheilt ist. Aber es gefällt mir trotzdem schon. 

Und so gehe ich heute zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder mit schmerzenden Wunden ins Bett. Wenn auch aus anderen Gründen.