Druck – Klappe, die trölfzigste

Es war okay, so viele Tage und Wochen. Die Selbstverletzung hat so wenig Raum in meinem Leben eingenommen, dass ich sie an manchen Tagen sogar ganz vergessen habe. Wenn der Druck mal kam, dann war er immer unterschwellig, nie so hoch, dass ich hätte skillen müssen.

Und dann wache ich auf, gerade in dem Moment als ich fertig bin mir im Traum beide Pulsadern aufzuschneiden. Ich sehe meine unverletzten Arme und gleichzeitig das Blut und die Wunden. Es dauert, bis ich sicher bin, dass ich noch lebe, dass es nur ein Traum war.

Was bleibt ist der Druck und die Suizidgedanken. Mit letzteren kann ich umgehen. Sie sind ein leises Hintergrundrauschen, ein geflüstertes „Es wäre so viel leichter“, dem ich aber nichts entgegen setzen muss, weil es okay ist. Die Gedanken dürfen da sein, denn ich bin mir momentan sicher, dass ich sie nicht umsetzen werde und sie sind auch nicht so drängenden, dass ich handeln müsste.

Der Druck hingegen flüstert nicht, er brüllt und tobt. Ich habe seit dem Aufwachen das Gefühl nur noch aus meinen beiden Armen zu bestehen. Alles Körpergefühl sammelt sich dort und ich habe das Gefühl es nur los zu werden, indem ich mir eine Klinge durch die Haut ziehe. Den ganzen Tag über ist der Druck da, manchmal stärker, in manchen Momenten schwächer, aber nie verschwindet der Gedanke an Selbstverletzung aus meinem Kopf. Welle um Welle rollt heute über mich, manchmal sanft und manchmal tosend und brausend. Früher bin ich in solchen Momenten direkt eskaliert. Konnte es nicht aushalten, keinen einzigen Augenblick. In der Klinik waren es die Momente, in denen ich heulend und zitternd am liebsten zusammengebrochen wäre, wenn es keine Möglichkeit gab mich zu verletzen.

Mittlerweile halte ich es aus. Ich halte es aus, weil ich weiß, dass es mich nicht umbringt. Dass ich weder explodieren noch implodieren werde. Und weil ich Mittel und Wege habe es aushalten zu können. Es funktioniert, doch nicht unbegrenzt. Ein Tag dem Druck standhalten kostet unglaublich viel Kraft. Ich will eine Pause, ich will durchatmen können, weil ich momentan eigentlich meine Energie für andere Dinge bräuchte.

Ich weiß nicht warum es nun plötzlich wieder so viel Raum einnimmt. Vielleicht, weil die letzten Wochen stressmäßig ein Balanceakt waren. Vielleicht weil ich die letzten Wochen eh schon angespannt und antriebslos war. Vielleicht weil ich nicht gut schlafe. Vielleicht, weil es einfach wie eine Welle mal mehr, mal weniger ist. Eigentlich ist es auch egal. Wichtig ist gerade durchzuhalten.

Weil ich es schon so lange geschafft habe.

Weil ich meine Postkarte von den Bahamas bei Pfleger Arschkeks abholen will ohne frische Narben.

Weil ich einen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir kämpft.

Weil ich Notaufnahmen und Wunden nähen lassen so satt habe.

Weil ich die letzten warmen Sommertage nicht mit Verband verbringen, sondern die Sonne auf meiner Haut spüren will.

Weil es nichts ändert, besser macht oder heilt.

Weil ich es einfach satt habe mein Leben davon so bestimmen zu lassen.

Ich pfeife mir jetzt Bedarf ein, denn für heute ist meine Kraft aufgebraucht. Ich mag nicht mehr kämpfen und stark sein, sondern mich nur noch in meine Decke wickeln, an meinen Schatz kuscheln, das Katerkind auf meinen Füßen liegen haben und mich fallen lassen.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

—————————————

Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

Unglaublich schwer

Mir fehlen die Worte um zu beschreiben wie es gerade ist. Es gibt keine Worte die ausdrücken können was in mir vor sich geht.

Ich will einfach nur noch, dass es vorbei geht. Die Suizidalität. Die Gedanken an die Selbstverletzung. Die Antriebslosigkeit. Die Schlaflosigkeit.

Die vierte Nacht in Folge finde ich nicht in den Schlaf. Keine einzige Nacht in diesem Jahr habe ich bisher einfach nur geschlafen.

Es ist jede Nacht aufs Neue eine Gratwanderung. Die Suizidalität ist bei 5, auf der höchsten Stufe. Es ist kein Platz mehr in meinem Kopf für andere Gedanken. 5, das heißt ich muss entscheiden ob es funktioniert. Jede Minute und jede Minute und jede Minute. Ständig frage ich mich, ob es noch funktioniert. 5 und die Verantwortung tragen können? 5 und es nicht mehr können?

Es gibt Augenblicke in denen ich mir sicher bin, dass ich die Verantwortung gerade nicht tragen kann. In denen ich eigentlich den sicheren Rahmen der Klinik aufsuchen müsste. Doch in diesen Momenten liege ich einfach nur bewegungslos im Bett, atme ein und atme aus und atme ein und atme aus, bis ich den winzigen Schritt zurück geschafft habe in die Verantwortung. Sobald diese Momente länger werden, sobald diese Momente auftauchen, wenn ich nicht gerade erstarrt im Bett liege… Ja, dann muss ich wohl in die Klinik.

Ich will es nicht. Ich will es nicht, weil ich weiß, dass es nicht besser werden wird. Die Klinik wird es nicht besser machen. Ich will es nicht noch schwerer haben durch das Eingesperrtsein, durch die wenigen Möglichkeiten der Ablenkung, durch einfach so vieles.

Es ist so schwer auszuhalten momentan. So unglaublich schwer. Ich kämpfe mich durch jeden einzelnen Augenblick. Ich atme und kämpfe und kämpfe und atme. Einzig und allein der Gedanke daran, dass es vorbei gehen wird, hält mich noch.

Why is everything so heavy?

Manchmal geht es einfach abwärts. Dieses manchmal passiert häufiger zu bestimmten Daten, in bestimmten Situationen, zu manchen Zeiten.

Ich kann momentan relativ klar sagen was die Krise ausgelöst hat. Das Studium ist stressig, die Wohnsituation anstrengend, es geht auf Weihnachten zu und ich habe drei Nächte quasi gar nicht geschlafen. Und schon stehe ich da, mitten in einer Krise.

Dass Krisen nicht immer etwas schlechtes sind lerne ich momentan. Auch im Studium. Eine Krise ist immer begleitet von einem Umbruch und damit auch einem Neuanfang. Es ist immer auch eine Chance und rückblickend kann ich das von jeder Krise meines Lebens sagen, dass immer auch Positives daraus entstand. Ob neue Bewältigungsmechanismen, neue Denkanstöße oder auch einfach nur das Gefühl eine Krise bewältig zu haben.

In einer Krise sehe ich diese Dinge natürlich nicht. Dann sehe ich nur das Versagen, sehe nur die Dunkelheit. Es gibt kein Davor und Danach. Es gibt nur den Moment, in dem nichts anderes mehr Platz im Kopf hat als die Gedanken an Selbstverletzung und daran das alles doch einfach hinzuwerfen.

Die Weihnachtszeit triggert. Sie triggert alte Erinnerungen an die Weihnachtszeit bei meinen Vater und die Feiertage, an denen ich bei meiner Mutter war. Bei meinem Vater vermisste ich sie furchtbar. Doch sobald ich zu ihr wollte erzählte er mir, wie schlimm es ist an Weihnachten alleine zu sein. Oder rief mich an Weihnachten dort an und sagte, dass er so gerne mit mir zusammen feiern würde und er sich schon freut wenn ich wieder bei ihm feiern werde. Zerrissen zwischen der Liebe und Sehnsucht zu meiner Mutter und den Schuldgefühlen gegenüber meinem Vater.

Die Weihnachtszeit triggert auch den Wunsch nach einer intakten Familie. Ich habe Sehnsucht nach den schönen Momente, nach einem Vater, mit dem ich reden kann und lachen und schöne Dinge erleben. Und damit kommen die Gedanken, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er vielleicht nicht dran Schuld ist an all diesen Dingen, dass es meine Schuld war. Dass ich einfach damals ein krankes Kind war so wie ich heute eine kranke junge Frau war. Dass ich es verdient hab geschlagen zu werden, verdient habe so behandelt zu werden, dass ich selbst mit meiner Art und meinem Verhalten Schuld trage an dem Missbrauch. Oder doch vielleicht so krank bin, dass ich mir sowas einbilde.

Am Montag bin ich in die Krisenwohnung meiner Krisenbetreuung gegangen. Es ist besser, irgendwie, und doch irgendwie auch in jeder Hinsicht schlimmer. Ich habe schon lange nicht mehr über einen solchen Zeitraum hinweg so einen Selbstverletzungsdruck gehabt, gepaart mit solchen Suizidgedanken. Heute bin ich nach Hause. Es tut gut wieder hier zu sein und tut doch gar nicht gut hier zu sein. Es ist schwerer jemanden zu kontaktieren als einfach nur an der Tür nebenan zu klopfen. Es ist noch schwerer das nun zu tun und zuzugeben, dass ich es nicht schaffe. Es ist ein Rückschritt. Ein Versagen. Ich habe zugesichert mich zu melden bevor ich mich verletze oder mir etwas antue. Antun, okay. Es existiert immer noch der Lebensvertrag. Doch auch zuzusichern das zu tun vor einer Selbstverletzung war unheimlich schwer. Wie soll ich es dann schaffen dort anzurufen, „nur“ weil ich das Gefühl habe gleich zu sterben vor Schmerz und Druck und Scham und Schuldgefühlen. Weil ich Angst habe, dass ich es nicht schaffe mich zu melden und weil ich Angst habe dass ich in die Klinik soll, weil ich das gerade so gar nicht möchte, weil das gerade so gar nichts helfen würde?

Es ist so schwer das gerade auszuhalten.

I keep dragging around what’s bringing me down
If I just let go, I’d be set free
Holding on
Why is everything so heavy?

Weltbester Psychiater

Mein Wecker klingelt kurz nach 6 zum ersten Mal und ich bin mir sicher, dass irgendwas daran falsch ist. Es kann noch nicht Morgen sein, die Nacht kann noch nicht zuende sein. Zwei Stunden Schlaf liegen hinter mir und ich schäle mich mit viel Mühe aus meiner Decke, bin kurz verwirrt über den Schmerz in meinem Fuß, bis mein Hirn den Zitronenkater, der wild mit meinem Fuß kämpft, mit dem Schmerz assoziieren kann. Dem Herrn scheint es nichts auszumachen, dass die Nacht unruhig und kurz war, er flitzt mir voraus in die Küche, jagt dann meine Füße auf dem Weg ins Bad, wo ich den Wasserhahn aufdrehe, um das Blut von meinen Armen zu waschen.

Moment. Blut? Erst in diesem Moment wird mir klar, dass meine Arme nicht zerschnitten sind, meine Beine auch nicht. Dabei waren sie es vor wenigen Augenblicken noch. Und wieder dauert es, bis mein Hirn seine Arbeit tut, bis ich begreife, dass es ein Traum war. Und ich beginne zu weinen, weil es mich zerreißt zwischen heilige Scheiße, es war zum Glück nur ein Traum und verdammt, es war nur ein Traum.

Was mir bleibt von der Nacht ist also keine Erholung, kein Ausgeruhtsein, sondern Druck, Anspannung und Sehnsucht, eine solche Sehnsucht nach dem Gefühl, dass so real war und immer noch ist. Ich spüre die nicht vorhandenen Wunden, ich spüre das feine Brennen, ich spüre die Erleichterung und will in diesem Moment nur die Tür des Badschranks öffnen, in dem eine unbenutzte Klinge liegt. Ironischerweise mit dem Namensaufkleber der Psychiatrie drauf, mit dem die persönlichen Dinge und die Akte dort gekennzeichnet werden. Wer damals auf die Idee kam mir die abgegebenen Klingen in den Entlassungsbrief zu stecken ist für mich bis heute ein Rätsel.

Also stehe ich heulend in meinem Bad um kurz nach 6, sehe das Wasser ins Waschbecken laufen und sehe doch eigentlich ganz andere Dinge. Bis der Zitronenkater in die nächsthöhere Oktave wechselt und so laut und erbärmlich jammert, dass ich schon Angst habe meine Nachbarn würden den Tierschutz rufen. Er will Futter und gekrault werden und versteht nicht, was ich da so lange und heulend im Bad mache, beißt mir auffordernd in die Wade und ist schon fast dabei noch eine Tonlage höher zu schreien, als ich den Wasserhahn wieder zudrehe und ihm in der Küche sein Frühstück verpasse, noch eine Gurke vom Tisch angel um die Schweinchen zu füttern und dann auf das Sofa sinke und mir erstmal eine Zigarette anzünde.

Ich nehme mir die Zeit durchzuatmen und dann den nicht mehr ganz so hungrigen Kater auf meinem Schoß zu kraulen, ich nehme mir sogar noch etwas mehr Zeit und lasse Haare ordnen und Schminken ausfallen, vergrabe lieber meine Nase im Fell des Zitronenkaters.

Dann purzel ich aus dem Haus, nehme Bus und Bahn und meine Füße tragen mich fast automatisch zum Drogeriemarkt am Bahnhof, denn ich könnte ja doch eigentlich Klingen kaufen und so ein ganz kleines bisschen verletzten, bevor ich beim Psychiater im Wartezimmer sitze zwischen all den Menschen und den Druck gar nicht mehr aushalte. Doch ich lasse es, vertröste mich selbst mit dem Gedanken, dass ich ja nachher noch kann, nach dem Termin.

Und so sitze ich dann im Wartezimmer. Angespannt, verkrampft, schreibe mit der lieben fylgja und lenke mich so ab.

Wie isses heute? fragt der Psychiater und ich muss mit den Tränen kämpfen. Ich erzähle von der Nacht, von den Träumen, von dem unglaublichen Druck. Und was tun wir nun mit Ihnen fragt er und ich zucke nur hilflos mit den Schultern. Er lehnt sich zurück, blickt mich über den Rand seiner Brille an und hat dann eine Idee. Akupunktur mal probiert? fragt er und ich erzähle ihm von der Akupunktur in der Klinik und das es meistens schon was brachte.

Also piekst er mir Nadeln ins Ohr. Ohne dass ich dafür bezahlen muss, denn die Krankenkasse übernimmt das ja nicht, aber er will mir ja helfen und zwar jetzt. Ich liebeliebeliebe diesen wunderbaren Psychiater!

Er parkt mich im Nebenraum und ich lausche auf die Geräusche in der Praxis und draußen, spüre meinen eigenen Herzschlag und meinen Atem. Und ich spüre, dass die Anspannung nachlässt, dass der Druck nachlässt, dass mein Körper nicht mehr nur aus den Stellen auf meinen Armen besteht, an denen ich mich immer verletzt habe.

20 Minuten später fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Es tut so gut die Anspannung verschwinden zu sehen, zu spüren, dass es besser ist, dass ich es schaffen werde der noch übrig gebliebenen Sehnsucht standzuhalten.

Nun gehe ich erstmal wieder ins Bett. Ein wenig Schlaf nachholen, Selbstfürsorge. Und die werde ich auch den Rest vom Tag so gut wie möglich betreiben, denn ich habe es heute wirklich verdient.

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Unaussprechliches aussprechen 

Es gibt Dinge, die ich jemandem sagen wollte, über die ich dann oft tage-/wochen-/monatelang nachgedacht habe. Wie erkläre ich meiner Mutter, dass ich mit einer Frau in einer Beziehung bin? Wie beichte ich meiner Hausärztin die neue Selbstverletzung? Wie sage ich dies oder jenes? 

Und dann gibt es Momente, in denen wichtige Dinge plötzlich einfach ihren Raum brauchen, in denen wichtige Worte plötzlich einfach gesprochen werden müssen. 

Am Freitag saß ich in der Therapie. Erzählte von dem Klinikaufenthalt und von meiner Mutter. Erzählte, dass ich keine Kraft mehr habe dieses Geheimnis zu tragen, mich zu verstellen, ganz besonders nicht, wenn ich noch 5 Wochen halbwegs vernünftig und regelmäßig zu meiner Mutter fahren soll, solange sie immer noch mit dem Gips durch die Gegend hüpft. 

Und so sitze ich da heulend und wir reden darüber. Und ich fasse den Entschluss es ihr zu sagen. Gegen alles in meinem Kopf, das dagegen anschreit. Gegen die Zweifel und die Angst. 

Also erzähle ich meiner Mutter davon. Ich fasse in Worte was immer noch so unfassbar ist für mich. Zu dem Gespräch selber kann ich nicht mehr viel sagen. Es ist verschwommen, es hat getriggert und mich immer wieder in die Dissoziation katapultiert. Und ich will auch gar nicht viel dazu sagen. Es war schmerzhaft und anstrengend. Wegen der Thematik und wegen meiner Mutter, die nun mal so ist wie sie ist. Aber sie hat mir zugehört, sie hat mich in den Arm genommen, sie hat gesagt, dass sie mir glaubt. Es ist raus, endlich, es ist ausgesprochen. 

Ich kann noch nicht sagen, wie es mir nun damit geht. Ja, natürlich bin ich auf irgend eine Art erleichtert. Doch sonst? Ich muss wohl einfach abwarten, was die Zeit noch so bringt. 

Mein Leben läuft so dahin momentan. Ich soll die Erwerbsminderungsrente beantragen, habe aber die 5 Jahre Wartezeit nicht erfüllt. Interessiert aber das Arbeitsamt nicht. Und die Rentenversicherung auch nicht. Von meinen Zeugnis habe ich noch nichts gehört. Ich musste Geld ans Arbeitsamt zurück zahlen, dass sie mir über bezahlt haben. Das Geld für diesen Zeitraum sollte ich eigentlich von der Rentenversicherung kriegen. Darauf warte ich seit Januar. Es ist Chaos und es sind viele Baustellen und ich würde zu gerne einfach mal einen Tag nur im Bett verbringen. Doch dann ist da ein Theratermin, dort einer beim Psychiater, dazwischen noch Alltag und Mama mit Gipsbein. Ich würde mir zu gerne ein Loch graben und abwarten bis der Sturm um mich rum sich gelegt hat. Ich tue zu wenig für mich und ich merke es. Ich muss gegensteuern, sonst ist meine (kaum noch vorhandene) Stabilität bald wieder weg. 

Der Wunsch nach Selbstverletzung wird immer größer. Noch ist es erträglich. Der Druck ist selten so groß, dass ich deswegen skillen muss. Auch die Anspannung gipfelt nicht so oft in Selbstverletzungsdruck wie früher. Doch der Hintergrund momentan ist ein anderer. Ich will mich nicht verletzen um die Anspannung los zu werden. Ich will mich nicht verletzen um mich zu spüren. Ich will den Schmerz und das Gefühl. Zum runter kommen. Um Kraft zu sammeln. Um es durchzuhalten. Um mir eine Ladung Endorphine durch den Körper zu jagen. Um es einfach erträglich zu machen. 

Ich überlege mich zu verletzen und es für mich zu behalten. Einfach nicht zu sagen, so zu tun, als ob es nicht passiert wäre. Doch ich würde damit nur mich selbst belügen. Und es gibt schon genügend Menschen bei denen ich nicht ich selbst sein kann, genügend Orte, an denen ich nicht sein kann wie ich bin. 

Und so versuche ich mein Bestes. Ich skille, ich versuche mein Leben auf die Reihe zu kriegen, ich versuche den Kram zu erledigen, der erledigt werden muss. Und auch wenn es manchmal eher schlecht als recht klappt, so klappt es eben doch irgendwie. 

Heute steht Wohnung an. Endlich mal. Ich werde mir in den Hintern treten und anfangen damit, denn es muss endlich voran gehen, es muss endlich etwas passieren hier. Ich muss wieder zu mir selbst finden und mich hier wohl fühlen, ich muss produktiv sein, sonst gehe ich unter. 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Albträume ohne Albträume 

Ich wache auf und bin nass. Alles an mir klebt. Das Shirt, die Bettdecke, die Unterwäsche. Ich schäle mich aus den Klamotten und schlüpfe in neue und tapse mit unsicheren Schritten und zitternden Knien in die Küche, füttere das Katerkind, dann ins Wohnzimmer um die Meeris zu versorgen und sinke dann aufs Sofa. Einen kurzen Moment später sprinte ich ins Bad und schaffe es gerade noch rechtzeitig, bevor mein Magen sich seines Inhaltes entledigt. Ich sinke auf die kalten Fliesen. Zu zittrig um aufzustehen, zu sehr neben der Spur für alles. 

Ich habe von meinem Vater geträumt. Und von D. Es war kein Albtraum im eigentlichen Sinn, trotzdem lässt die Nacht mich entkräftet, durchnässt und kotzend zurück. In meinem Kopf entsteht der Wunsch nach Selbstverletzung, ich weiß, dass im Badschrank Klingen sind, doch selbst die wenigen Zentimeter bis dorthin schaffe ich nicht, schaffe es nicht aufzustehen, schaffe es nicht mich zu bewegen, sitze einfach nur zitternd auf dem Boden. Das Katerkind kommt und miaut mich an, versucht sich zwischen meine Arme zu quetschen, die ich um meine Knie geschlungen habe, reibt sich schnurrend an mir und beginnt mich zu putzen. 

Mein Körper schreit nach Selbstverletzung. Alternativ nach einer Dusche. Doch ich habe keine Kraft, ich kann mich kaum auf den Beinen halten und so gerne ich nun das Wasser auf mir spüren würde, so gerne ich die Fetzen der Nacht von mir waschen würde, ich schaffe es nicht. Später vielleicht. Vielleicht nachdem ich mich verletze habe, vielleicht geht es mir danach endlich besser. 

Irgendwann schaffe ich es gegen die Schwerkraft anzukommen. Schaffe es von Türrahmen zu Tisch zu Türrahmen zu Regal zu Türrahmen zu Bett. Ich müsste auch das Bett frisch beziehen. Und ich müsste was essen, müsste kochen, müsste produktiv sein, müsste duschen, müsste dies und das, mich verletzen, duschen, duschen und nochmal duschen, doch nichts geht. Ich habe meinen zitternden Körper kaum unter Kontrolle. Also falle ich einfach wieder ins Bett, rolle mich auf der Bettseite zusammen, die ich eigentlich nicht benutze, wickel mich in eine frische Decke und dann noch in die frische Kuscheldecke, atme, zittere, sehne mich so sehr nach einer Klinge auf der Haut. 

Vielleicht kann ich schlafen. Vielleicht kann ich meinem durchdrehenden Körper noch ein wenig Ruhe geben, vielleicht ist es danach besser. Vielleicht hört das Chaos im Kopf dann auf, vielleicht ist es dann einfach besser in ein paar Stunden.