Es ist halb 5, als ich zum ersten Mal vor der Tür stehe und rauche. Die Stadt ist noch nicht ganz wach, gelegentlich fährt ein Auto vorbei, es sind kaum Menschen auf der Straße. Ich bin kein Morgenmensch, aber wenn ich mal wach bin, dann mag ich diese Zeit in großen Städten, wenn der alltägliche Trubel sich nur erahnen lässt, wenn die sonst so vollen und lauten Straßen noch nicht erwacht sind, wenn die meisten Menschen noch nicht ihre Häuser verlassen haben.

Gestern habe ich ein paar Dinge gepackt und bin in die Krisenpension gegangen. Aktuell ist es schwer, chaotisch, anstrengend. Ich schlafe zu wenig und denke zu viel, ich kämpfe mit der Dunkelheit und den bevorstehenden Weihnachtstagen, mit Selbstverletzungsdruck und Suizidgedanken, mit den Anforderungen des Studiums, mit den Anforderungen des Alltags. Alles fällt schwer und ist anstrengend, alles erfordert Kraft, die ich eigentlich nicht habe.

Es fühlt sich ein Stück weit nach Versagen an. Schon wieder schaffe ich es nicht alleine. Schon wieder brauche ich Unterstützung. Mein Kopf weiß, dass es anders ist. Zuletzt war ich vor ca. einem Jahr hier. Das ist ein Jahr, dass ich gemeistert habe. Vor 2 Jahren erst endete mein Klinikmarathon, die Zeit, in der ich nicht mal mehrere Monate am Stück ohne Krisenintervention geschafft habe. Ich habe gemerkt, dass es nicht funktioniert aktuell, habe mir Hilfe gesucht und bin nicht akut in der Psychiatrie gelandet. Ich habe viel geschafft seit damals, schaffe es neben dem ganzen Chaos zu studieren, dennoch ist es für mich schwer zu akzeptieren, dass ich aktuell nicht so funktioniere wie ich es möchte. Ich weiß, dass es besser wird, wenn ich es schaffe den Schritt zur Akzeptanz zu gehen. Wenn ich es schaffe damit klar zu kommen, dass es so ist wie es ist, dass der Selbstverletzungsdruck seine Berechtigung hat und auch die Suizidalität, dass es okay ist mir Hilfe und Unterstützung zu holen, dass es okay ist nicht okay zu sein. Doch es fällt schwer. Ich will so gerne einfach mehr leisten können.

Trotz allem Chaos, trotz der Sehnsucht nach Frau Schatz und meinen Viechern, es ist gut hier zu sein. Weil ich weiß, dass es zuhause gerade nicht besser wird. Ein wenig Abstand tut gut, zu wissen, dass jemand professionelles da ist und vieles mit auffangen kann, ein wenig mehr Sicherheit vor mir selbst und ein wenig mehr Halt in dem Chaos in meinem Kopf. Es tut gut ein Stück näher an der Fakultät zu sein und mir die langen Strecken zu ersparen, nicht in der Wohnung zu sein und zu sehen, dass ich gerne hier und da und dort etwas tun würde, es aber nicht schaffe.

Mein Ziel sind ein paar Nächte hier und dann wieder nach Hause. Kraft finden und weiter machen. Die nächste Nacht noch und vielleicht die Nacht drauf, je nachdem wie es ist.

Noch diese Woche und die nächsten beiden. Dann steht ein wenig vorlesungsfreie Zeit an, dann fällt der Druck des Studiums für ein paar Tage weg. Dann ist Weihnachten auch nicht mehr dieses große bedrohliche Ungeheuer, dass vor mir schwebt, sondern fast da und konkreter, dann kann ich damit ein wenig besser umgehen.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt

Suizidalität. Immer noch so ein Ding, mit dem ich einen Weg finden muss.

Ich bin chronisch suizidal. Eigentlich ist das kein Ja oder Nein, sondern eine konstante Grauzone. Auch an guten Tagen, an denen alles irgendwie okay ist, bin ich trotz allem suizidal.

Das bedeutet nicht, dass ich jeden Tag kurz davor bin mich von einer Brücke zu stürzen. An den meisten Tagen ist sogar relativ klar, dass ich es definitiv nicht tun werde. Trotz der Suizidalität. Es gibt diese Gedanken und Gefühle einfach jeden Tag. Mal mehr, mal weniger, aber sie sind da. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie über längere Zeit mal verschwunden waren. Aber es geht beides. Ich kann sowohl darüber nachdenken, dass ich eigentlich nicht mehr leben möchte, als auch leben. Ich kann trotz dieser Gedanken klar sagen, dass sie da sind, aber mich nicht zum Handeln zwingen.

Damit irgendwie umzugehen, sie zu akzeptieren und vor allem eben nicht zu handeln, das war ein weiter Weg. Mittlerweile weiß ich, dass meine Gefühle nicht immer zwingend eine Handlung erfordern, manchmal sogar im Gegenteil. Manchmal ist es gesünder eben nicht zu handeln. Und damit meine ich auch dagegen anzukämpfen. Denn es ist ein Kampf gegen Windmühlen, ein Anrennen gegen mich selbst, das ich nur verlieren kann.

Die Gedanken sind da und es ist okay. Ich schaffe es damit zu leben, sie zu bemerken und meistens zu akzeptieren und einfach Gedanken sein zu lassen.

Das funktioniert allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Ich merke mittlerweile eigentlich relativ gut, wann der Wendepunkt kommt, an dem diese Gedanken mehr sind als meine alltäglichen Begleiter. Sie werden lauter, intensiver, häufiger. Und: sie bleiben keine Gedanken. Sie werden zu Überlegungen, zu Plänen, zu einer Option.

Und ich weiß auch, wann es passiert. In den Momenten, in denen mir die Kraft fehlt, einen Ausgleich zu finden. In den Stunden, in denen mich Dunkelheit beherrscht und ich kämpfen muss um die kleinsten Dinge zu schaffen. An den Tagen, die nur aus aufstehen, Fassade aufrecht erhalten und wieder schlafen gehen bestehen. Wenn alles schwer wird und unglaublich anstrengend und ich es nicht schaffe etwas positives in dem endlosen Aufeinanderfolgen der Minuten zu finden. Wenn alles eine Qual ist, vom Aufstehen am Morgen übers Anziehen bis zum Schlafengehen, wenn allein die Vorstellung etwas zu kochen oder einzukaufen oder auch nur irgendwas zu tun mich schon völlig verzweifeln lässt. In Krisen werden die Gedanken so unglaublich laut, das alles andere so klein wird.

Ich weiß, dass es vorbei geht. Doch mit jedem Tag scheint es unerträglicher zu werden, schmerzhafter, dunkler. Bis ich das Gefühl habe, dass die Dunkelheit der Gedanken mir jedes Licht nimmt, jedes bisschen Sauerstoff durch die Schwere aus meinen Lungen gepresst wird, jede Hoffnung auf eine Besserung von Schmerz betäubt ist.

Ich habe Angst davor. Ich habe Angst nicht rechtzeitig zu bemerken, wann meine Kraft zuende ist. Ich habe Angst davor, dass es mich plötzlich umwirft und ich nicht mehr in der Lage bin zu handeln. Ich habe Angst, dass ich auf diesem scheinbar ausweglosen Fall nach unten den letzten Halt verpasse.

Gerade ist alles trüb und dunkel und schwer. All die Dinge, die sonst Spaß machen, versinken in einem endlosen Nebel aus Schmerz und Suizidgedanken und Hoffnungslosigkeit.

Noch ist da dieser kleine Teil in mir, der brüllend kämpft, der um jeden schönen Moment ringt, der mit aller Macht versucht sich gegen die Dunkelheit zu stemmen. Doch mit jedem Tag in diesem Chaos aus Gedanken und Gefühlen wird er schwächer und schwächer und die Angst, der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit fressen Löcher in ihn.

Es ist ein unglaublich labiles Konstrukt derzeit, auf dem mein Leben vor sich hin balanciert. Ich bin unglaublich müde vom Kämpfen und Starksein und würde so gerne einfach nur schlafen. Schlafen, bis es vorbei ist, bis es wieder besser wird, bis ich wieder die Kraft habe zu leben.

Noch klammere ich mich daran, dass es enden wird. Dass es immer geendet hat, dass es immer wieder vorbei ging. Das ist mein Halt, mein Rettungsanker. Und ich hoffe einfach, dass es vorbei geht, bevor ich die Kraft und die Hoffnung verliere.

~ Sei nicht so hart zu dir selbst
Auch wenn dich gar nichts mehr hält
Du brauchst nur weiter zu gehen
Komm nicht auf Scherben zum Stehen ~

Every street light a reminder

Es ist bald halb 5 und ich liege immer noch wach. Ich komme einfach nicht zur Ruhe, drehe mich von einer Seite auf die andere, probiere es mit Hörbuch und Serie und ohne alles, aber nichts scheint mich zum schlafen zu bringen. Dabei bin ich unglaublich müde, meine Augen fallen ständig zu, aber es reicht nicht um im Schlaf anzukommen. 

Heute habe ich versucht den Moment zu genießen, ohne an das Danach und einen möglichen Absturz zu denken. Und es hat sogar relativ gut funktioniert. Ich war mit N. spazieren, wir haben Maisblätter die Meeris geklaut auf dem Maisfeld, Löwenzahn gepflückt und frische Brombeeren vom Strauch genascht. Es tat gut draußen zu sein und den Wind auf der Haut zu spüren, den Moment zu leben und einfach nur okay zu sein. 

Für morgen bin ich mit dem Herrn V zum Minigolf verabredet in der Hauptstadt. Ich freue mich immer, wenn er hier her kommt wegen lilu, denn eigentlich wohnt er eine Ecke weit weg. Beide kenne ich schon Jahre aus dem Forum, es ist schön, dass einige Kontakte seit Jahren bestehen. Also steht morgen auch etwas schönes an. 

Ansonsten war ich heute ein wenig produktiv zuhause, habe hauptsächlich dem Kater hinterher gekehrt, habe mein Bett (schon wieder) umgestellt, Wäsche gewaschen und aufgehängt und die trockene Wäsche weggeräumt, ich war einkaufen und hab meine Tierchen verwöhnt. Langsam aber sicher sieht meine Wohnung wieder aus wie eine Wohnung, auch wenn ich so gerne so viel mehr tun würde. Aber ich habe immer noch Probleme mich aufzuraffen, auch wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist. Das sind die Momente, in denen ich mir selbst furchtbar auf den Keks gehe. Ich denke mir immer, dass es ja nicht so schwer sein kann einfach den Hintern hoch zu kriegen, aber das kann es leider. Depressive Phasen sind zum kotzen. Manchmal hätte ich zum Ausgleich gerne eine Manie, wäre gerne voller Energie und würde so viele Dinge gerne erledigen. Aber ich habe höchstens mal ein paar manische Minuten, ansonsten tendiere ich eher in die depressive Richtung. 

Ich hoffe ich finde bald noch ein wenig Schlaf. Ich brauche Ruhe und mein Körper braucht Ruhe, mein Kopf schmerzt und meine Augen brennen. Bald wird es draußen hell, die Vögel werden anfangen zu zwitschern, die Menschen beginnen wach zu werden. Oftmals kann ich dann einschlafen, weil die Nacht vergangen ist, weil die Dunkelheit und die Stille verschwindet, weil die Angst vom der Helligkeit vertrieben wird. 

Nächte waren schon immer schwer. Oftmals lag ich wach und weinte, lag wach und verletzte mich, saß in irgendwelchen Notaufnahmen rum oder versuchte einfach nur weiter zu atmen. Nachts ist niemand da, es kann so viel passieren. Mit der Dunkelheit verschwinden die Menschen, die einem Schutz und Sicherheit bieten könnten. Und mit dem Abend und jeder weiteren Stunde stieg sein Alkoholpegel und damit seine Unberechenbarkeit. Vieles sind Ängste aus meiner Kindheit, die mich bis heute verfolgen, die so tief sitzen, dass ich sie nicht los werden kann. Dazu kamen dann irgendwann die Schlafprobleme, Nächte voller Qual weil ich so dringend Schlaf gebraucht hätte für die Schule, für den Tag, Kraft um weiter zu machen und durchzuhalten. Spätestens seitdem sind Nächte häufig meine Feinde, auch wenn es ab und an Nächte gibt, in denen ich die Stille genieße, die Leere, die Dunkelheit. Am schönsten sind Sommernächte, wenn es draußen warm genug ist um einfach irgendwo zu sitzen, durch die Gegend zu ziehen, das Fenster aufzulassen. Und am tollsten sind Nächte sowieso am Meer, mit dem Rauschen im Hintergrund und den Füßen im Sand. 

Nightswimming,
remembering that night
September’s coming soon
I’m pining for the moon
And what if there were two
Side by side in orbit around the fairest sun?
The bright tide forever drawn
Could not describe nightswimming