Weihnachten 

Zitrone rollt Geschenkpapier aus. Schiebt den Kater weg. Legt das Geschenk aufs Papier. Schiebt den Kater weg. Holt Klebestreifen. Schiebt den Kater weg. Schlägt das Papier um das Geschenk. Zieht den Kater aus dem Geschenk. Klebt die nächste Seite zu. Zieht den Kater aus dem Geschenk mitsamt Geschenk, stopft das Geschenk wieder rein. Klebt die letzte Seite zu. Streichelt das schnurrende Geschenk. 

Ungefähr so verläuft mein Morgen. Ich ziehe den Zitronenkater auch noch mehrfach aus meinem Rucksack, dann aus der Ikea-Tasche, dann aus der Schublade mit dem Futter, dann aus dem Kühlschrank. 

Ich schaffe es zur geplanten Uhrzeit aus dem Haus. Blutend an Händen, Ohr, Oberschenkeln, Armen und Bauch. Der Herr Kater wollte nämlich partout nicht in die Transportbox und so lieferten wir uns erst mal einen gewaltigen Kampf. 

Die Fahrt ist entspannt. Es sind nicht allzu viele Leute unterwegs, der Zitronenkater klettert zwischendurch aus der Box, kuschelt sich auf meinen Schoß und beobachtet fasziniert die vielen Menschen und die vorbeiziehende Landschaft. 

Ich verkrümel mich noch eine Weile zu meiner Schwester nach oben, während Mama kocht und vorbereitet. Ihr Freund kommt, das Katerkind erkundet begeistert die Schubladen unterm Bett meiner Schwester, wir hängen rum, plaudern, tauschen Neuigkeiten über ehemalige Klassenkameraden aus (der Freund meiner Schwester hat mir mir zusammen die Ausbildung gemacht), bespaßen den Herrn Kater. 

Nach dem Essen und der Bescherung hängen wir faul auf dem Sofa. Schwesters Freund fährt noch zu seiner Familie, wir beschlagnahmen den Fernseher und spielen Wii. Später schauen wir zusammen mit Mama Filme, spielen mit dem Zitronenkater, begutachten Geschenke näher, trinken Alkohol. Schwesters Freund trudelt wieder ein und um kurz vor 1 beschließe ich, dass so Zeit fürs Bett wird. Ich kuschel mich in die Decke und mein Katerkind folgt mir, rollt sich dicht an mir zusammen und lässt sich kraulen. 

Es war ein entspannter Heilig Abend. Erstaunlich entspannt, bis auf ein kurzes Familiendrama mit meinem Großonkel, der behauptete geklingelt zu haben und nun beleidigt daheim saß und einer traurigen Mama, weil er eben nicht mit uns gemeinsam feierte. Allerdings sehr zur Freude meiner Schwester und auch ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber. Immer wenn mehrere Teile meiner Familie zusammen kommen wird es kritisch und er ist auch eine dieser Personen, die immer und immer wieder nach meinem Vater fragt, nach dem Warum des nicht vorhandenen Kontakts, nach den Hintergründen meines Auszugs bei ihm und meinem Weggang aus BaWü, nach den Gründen für meine Narben und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die man generell nie und erst gar nicht an Weihnachten erzählen will. 

Ein wenig schwer war nur die Traurigkeit über das zweite Weihnachten ohne Tante M., den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihr zu verbringen war zwar eine anstrengende, aber doch schöne Tradition. Es fällt schwer dabei zuzusehen wie die Familie kleiner und kleiner wird und nur noch wenige übrig bleiben. Und obwohl wir eine so große Familie haben zerstreut es sich mehr und mehr, alle leben quer über die Welt verteilt, von Frankreich über Italien bis Japan und die USA. 

So geht ein weiterer 24.12. zu Ende. Weniger anstrengend als gedacht doch kräfteraubend genug für mich. Auch wenn ich merke, dass vieles einfacher und leichter ist. Durch die Therapie und auch durch die Medikament. 

Meine lieben Leser, ich hoffe ihr hattet einen schönen Tag. Und ich wünsche euch noch zwei weitere tolle Weihnachtstage. 

Es weihnachtet. (mehr oder minder) 

Gestern war ein absoluter Tag für in die Tonne. 

In der Nacht wache ich kurz vor halb 3 auf und schieße aus dem Bett. Eins der Schweine zwitschert und das ist generell kein gutes Zeichen. Normalerweise machen sie das bei Stress oder Krankheit. Doch beim Blick ins Meerizuhause schauen mich nur 6 Augen an, der Übeltäter ist leise und lässt sich auch nicht ausmachen. Soweit ich es feststellen kann geht es allen gut und ich muss erst mal eine rauchen, um mich von dem Schrecken zu erholen. Und dann bin ich wach. Pendel zwischen Sofa und Bett hin und her, gefolgt vom Zitronenkater. Erst kurz vor 9 finde ich endlich ein wenig Schlaf, um 10 weckt mich meine Blase, auf der der Kater grade rumtrampelt. 

Und dementsprechend fertig bin ich den ganzen Tag und hänge rum. Ich will so viel machen, doch ich schaffe es nicht. Mein Kopf schmerzt, meine Augen tun weh, mein ganzer Körper schreit nach Schlaf. Doch der lässt sich einfach nicht finden. Also quäle ich mich durch den Tag. Schaffe es irgendwann wenigstens mal Nudeln ins heiße Wasser zu kippen und mir  eine Soße zu kochen. Während mein Essen auf dem Herd steht, räume ich ein wenig in meiner Wohnung rum. Sortiere die Post der letzten 3 Monate, trage die 5 kg Heu mal zu den Schweinen, räume die Dinge, die ich beim Heimkommen einfach auf dem Küchentisch gestapelt habe, an ihren Platz. Und dann esse ich erst mal. Das erste mal was anständiges seit über 30 Stunden – genau das fällt mir dabei ein. Ohne Hungergefühl wird das also wohl wirklich zur Herausforderung. Irgendwie muss ich dafür wohl einen Plan entwickeln. Vorher war es ja schon sicher, wenn man nicht mehr in der Lage ist den Hunger zu spüren, dann wird das Ganze doch etwas problematisch. 

Abends beginnt der Selbsthass. Weil ich nicht die Dinge erledigt habe, die ich erledigen wollte. Weil ich mich nach der Nacht mit nicht mal 3 Stunden Schlaf einfach nur miserabel fühle. Weil es mich ankotzt, dass ich das Essen so völlig vergesse. Weil es sich anfühlt, als ob ich den Weg meiner Fortschritte grade rückwärts zurückpurzel. 

Und mitten drin beschließe ich es zu lassen. Ich will aufhören mich selbst zu zerpflücken. Also koche ich mir noch eine Tasse Tee und verziehe mich ins Bett. Es ist zwar noch nicht mal 7, aber das ist mir egal. 

Heute morgen wache ich kurz nach 6 auf. Ich stehe auf, füttere meine Schweinchen und den Zitronenkater, trinke einen Kaffee und trolle mich nochmal für 2 Stunden ins Bett. Beim zweiten Aufstehen fühle ich mich endlich wieder halbwegs in Ordnung. Ich wusel ein wenig in der Wohnung rum, kehre (mal wieder) Heu und Streu zusammen, telefoniere mit Puffpuff und mit meiner Mama, fange an Geschenke einzupacken, kraule das Katerkind. N. kommt kurz vorbei und hüpfe danach unter die Dusche, ziehe mich an und mache mich auf den Weg in die Hauptstadt. Eigentlich wollte ich absagen, habe ständig hin und her überlegt und dann beschlossen doch zu fahren. Schließlich habe ich meine Schwester schon lange nicht mehr gesehen und noch länger nichts mit ihr alleine unternommen. Und wenn nicht für sie, für wenn soll ich mich dann aus dem Haus bewegen?

Und es war die richtige Entscheidung. Es ist schön mit ihr unterwegs zu sein, mit ihr zu quatschen und zuerst den einen Glühweinstand, dann den Crêpestand und dann den nächsten Glühweinstand zu überfallen, im Supermarkt nach Alkohol für Weihnachten zu stöbern und einfach durch die Straßen zu laufen. Und noch schöner ist es, dass nun sie mal spendiert, ich muss mal nicht die große Schwester sein, denn der Zwerg ist nun tatsächlich schon so groß und verdient ihr eigenes Geld. Es ist merkwürdig, denn seit ich mit ihr unterwegs bin (da war sie ungefähr 8) habe ich immer bezahlt, wenn wir gemeinsam etwas getrunken oder gegessen haben. 14 Jahre später genieße ich es nun, dass wir beide erwachsen sind. Zumindest meistens. 

Am Abend mache ich nicht mehr viel. Zum ersten Mal, seit meiner Entlassung aus der Klinik, schalte ich meinen Fernseher an. Es ist merkwürdig, denn ohne die Medikinet habe ich immer das Geräusch des Fernsehers gebraucht, während ich irgendetwas getan habe. Sonst hat mich jedes Geräusch abgelenkt, jedes Poltern im Treppenhaus, jedes hupende Auto, jedes Quietschen der Meeris. Nun kann ich tatsächlich auch mal ’ne Stunde dasitzen und etwas tun, ohne dass etwas nebenbei laufen muss, ohne dass ich ständig etwas anderes tun muss. 

Morgen ist Heiligabend. Ich bin nicht wirklich in Weihnachtsstimmung. Vielleicht auch, weil die letzten 3 Monate so schnell vergangen sind. Weil ich kurz davor noch mit Salz in den Haaren am Strand lag. Aber ich freue mich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Vielleicht auch, weil ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl habe, dass ich es schaffen kann, dass es gut werden kann. Und das liegt zum großen Teil an dem Gespräch über die Weihnachtsplanung mit Frau K., meiner Psychologin aus der Klinik. Die Tatsache, dass sie mir am Ende sagte, dass ich die Planung und Skills und alles quasi alleine gemacht habe. Das gibt mir viel Mut und Kraft. 

Und nach Weihnachten wird das Jahr unaufhaltsam zuende gehen. Im Forum läuft schon eine meiner liebsten Traditionen, der Jahresrückblick. Mal sehen wann ich meinen schreiben werde. Und in welcher Form, ob öffentlich oder nur für mich, ob hier oder im Forum oder beides. 

Morgen muss ich noch die restlichen Geschenke einpacken, meine und Katerkinds Sachen packen (und natürlich auch das Katerkind), die Schweine für 3 Tage versorgen und dann geht es über die Feiertage zur Familie. 

Und was immer ich gerade such

Ich wache auf und blicke in blaue Augen, habe blonde Haare im Gesicht, die mich kitzeln. Meine Schwester flüstert mir ins Ohr, dass sie nun fährt. Ich bin einen kurzen Moment verwirrt, frage wohin, und wünsche ihr dann viel Spaß und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Ich drehe mich um, bis ich an der Bettkante ankomme und wanke in Richtung Bad, wanke kurz darauf mit immer noch halb geschlossenen Augen in die Küche und plumse neben meiner Mutter auf einen Stuhl. Nach einer Portion Tee bin ich halbwegs wach, blicke auf die Uhr und finde, dass es zu früh ist für einen Samstag an einem Osterwochenende. Und dass mir etwas flauschiges auf meinem Schoß fehlt.
Mama fährt weg und ich wandere mit Kindle aufs Sofa und lese. Als sie zurück kommt frühstücken wir ausgiebig und ich schlüpfe eine Stunde darauf in meine Kleider und Schuhe und gehe die zwei Etagen nach unten zur Bushaltestelle. In der Hauptstadt angekommen ist mir mehr danach durch die Fußgängerzone zum Bahnhof zu laufen als die Straßenbahn zu nehmen. Kurz darauf bereue ich diese Entscheidung, denn es scheint als ob sämtliche Einwohner der Hauptstadt und des angrenzenden Auslands auf den Beinen sind und durch die Geschäfte streifen. So suche ich mir also einen Weg zwischen Kinderwägen, Hunden, Familien und Jugendlichen, laufe Slalom durch die Straße und dann hoch zum Bahnhof. Es ist dieses Wetter, dass zu warm ist für Jacke und zu kalt ist ohne.
Am Bahnhof suche ich mir eine Bank und rauche, versuche erfolglos einen Bericht zu lesen, da das Handy die App ständig beendet und höre Musik. Ich vermisse mein Handy, das größtenteils einfach tut was ich möchte, nicht mit der Helligkeit der Sonne blinkt, wenn es mir etwas mitteilen will und meine Musik sowie andere Apps nicht einfach beendet. Ich hoffe, dass ich es übernächste Woche abholen kann und nicht noch eine Woche darauf warten muss. Und ich hoffe, dass ich mich auf die Datensicherung verlassen kann und wieder alles drauf ist was ich benötige. Vielleicht habe ich auch Glück und sie haben es nicht zurückgesetzt, vermutlich aber schon, da es an ohne Sim nach 5 Minuten ganz laut piepst und schreit, dass das Handy vermutlich gestohlen ist und sich nur durch Eingabe einer Pin zum verstummen bringen lässt. Beim Abholen muss ich mal nachfragen, wie sinnvoll eine Verlängerung der Versicherung ist, oder ob das Handy nach zwei Jahren im Reparaturfall eher nicht mehr repariert wird, sondern ich den Wert ausgezahlt bekomme. Aber auch das wäre ja etwas.
Ich freue mich aufs Heimkommen, auf meinen Zitronenkater, auf die Möhris und einfach meine Wohnung.
Vor einem Jahr habe ich begonnen umzuziehen. Nun wohne ich also fast ein Jahr schon dort. Und ich fühle mich unglaublich wohl dort in meinen vier Wänden.

Oh Heimat, schön wie du mich anlachst
Du bist immer da, wenn ich keinen zum Reden hab
Oh Heimat, wie du wieder aussiehst
Ich trag dich immer, immer bei mir
Wie’n Souvenir

Familienwahnsinn

Familie. Anstrengend. Schon mit meiner Mutter alleine komme ich oftmals an meine Grenzen. Als mein Großonkel dann noch auftaucht möchte ich am Liebsten fliehen. Er muss immer stundenlang alle möglichen Familiendinge diskutieren. Das ist neben anstrengend auch teilweise einfach triggernd, da er von meinem Vater anfängt, da er alte Geschichten erzählt. Und weil er mich manchmal an meinen Vater erinnert, auch wenn zwischen ihnen keine Verwandtschaft besteht.
Er redet und redet und redet. Irgendwann zwischendurch schwenkt er um zu der aktuellen Lage in Deutschland. „Ich bin ja kein Nazi, aber…“. Da ist der Punkt erreicht, an dem ich mich auf das Sofa verziehen, mich meinem Kindle widme, ein wenig spiele und versuche mich abzulenken. Ich möchte nach Hause. In meine Sicherheit, zu meinem Katerkind und meinen Meerchen. Ich mag mich verletzen. Ich bin einfach an meinen Grenzen angelangt.
Aber natürlich bleibt es nicht dabei. Irgendwann ziehe ich meine Weste aus, weil ich das Gefühl habe mich in einer Sauna zu befinden. Und natürlich zieht das einen Rattenschwanz hinter sich her. Am Ende davon sitze ich heulend in der Küche, den Kopf voller Erinnerungen an meinen Vater. Meine Mutter versteht nicht, warum ich mir das selbst antue und ich versuche schon gar nicht mehr mich irgendwie zu erklären. Vielleicht schaffe ich es irgendwann ihr klar zu machen, dass sie es einfach akzeptieren soll, weil alles andere mich wahnsinnig macht.
Und nun liege ich im Bett. Fühle mich leer und müde und ausgelaugt. Ich weiß, warum ich so Familienkram nicht mag.
Lang und breit erklärt mir meine Mutter, dass ich verzeihen muss. Dass Fachmenschen in Sachen Psychiatrie einfach niemals helfen können, sondern alles noch schlimmer machen. Ich denke an meine erste Therapeutin, an meine aktuelle, an meinen Psychiater, den Psychopeut aus der Klinik, an das Pflegepersonal. Und schüttel in Gedanken den Kopf. Und dann beginnt in meinem Kopf „Der Tag war gut und er bleibt auch gut.“ immer und immer wieder abzulaufen. Es war schön, bevor es anstrengend wurde, und ich möchte es auch so ausklingen lassen. Also liege ich im Bett, versuche die Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben, atme vor mich hin. Und merke dabei, dass mein Knie weh tut, mit dem ich heute morgen irgendwo dagegen stieß. Und dann muss ich an Pfleger Arschkeks denken, weil er sich immer so köstlich amüsiert, wenn ich über Schmerzen jammer. Morgen nachmittag werde ich wieder in mein kleines Reich fahren. Werde deb Zitronenkater bekuscheln und die Meeris kraulen, werde auf meinem Sofa sitzen und in meinem Bett schlafen. Ich freue mich darauf, auf die kurze Auszeit, bevor der Familienwahnsinn wieder beginnt. Am Montag ist es vorbei. Dann kann ich erst einmal durchatmen und zur Ruhe kommen.
Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Und ich werde es hinkriegen mich nicht zu verletzen. Schritt für Schritt und Skill für Skill, bis ich endlich einschlafe.

Bäumchen

Meine Nacht war viel zu kurz. Als ich ins Bett bin war es schon spät, vorher kam ich aber einfach nicht runter. Dann lag ich im Bett und stand wieder auf und lag wieder im Bett. Zog mich an und lief die Straße ein wenig entlang und zurück, bin wieder ins Bett, wieder aufgestanden und durch die Wohnung, wieder ins Bett. Um kurz nach 5  habe ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut. 2 Stunden später klingelte mein Wecker und ich konnte mich einfach nicht aus dem Bett bewegen, bis es schon zu spät war zum duschen und ich nur noch in meine Klar stieg, Katzenwäsche machte und zu Mama fuhr.
Der Garten ist schön aber es ist vieles zu tun. Er war lange „alleine“. Und ich bin nun stolze Besitzerin eines kleinen Kirschbäumchens, dass hoffentlich irgendwann ein großer Kirschbaum wird. Sobald kein Risiko von Bodenfrost mehr besteht wird das Bäumchen einen Platz in der Erde im Garten bekommen. Ich freue mich schon drauf mit Mama und Schwesterherz rumzubuddeln und zu schneiden und all den Kram und dann im Sommer abends die kommende Kühle zu genießen und zu grillen. Und ich freue mich noch mehr darauf, weil Mama sich dann so freut. Als Kind lebte sie auf einem riesen Grundstück, meine Oma hatte Pferde und Hühner. Bis sie dann irgendwann in die Stadt zogen und seitdem hatte sie quasi keinen eigenen Garten mehr.
Dort wo ich aufwuchs gab es mehr Wald als Häuser, mehr Wiesen als Straßen und nicht mal ein Geschäft, nur einen kleinen Bäcker. Auch ich könnte nicht in einer Stadtwohnung leben ohne grün, ohne die Möglichkeit mich auf einen Balkon zu setzen, von dem aus ich nicht mehr als Straßen und Häuser sehe. Ich liebe Städte, noch mehr Großstädte und besonders meine Hauptstadt, aber direkt in der Mitte wohnen wäre nichts für mich. Nur Autos und Menschen und Straßenbahn, kein Garten, kein grün, keine Natur, das alles könnte ich auf Dauer nicht.
Nachdem ich wieder Zuhause ankam und die Augen nur mühsam aufhalten konnte, bin ich wieder in mein Bett. Kurz vorm einschlafen meldete sich meine Blase sehr eindringlich. Dann lag ich wieder wach, dachte, dass gleich der Punkt zum einschlafen erreicht ist… Hörbuch aus. Ich also wieder wach. Hörbuch wieder angestellt, nochmals umgedreht… Wieder die Blase. Also nochmals raus aus dem Bett und dann blieb ich auch direkt draußen, denn es war wohl wirklich sinnlos es weiter zu versuchen. Stattdessen bin ich zum Supermarkt getapst, habe ein paar Dinge eingekauft, bin wieder heim getapst, habe die Sachen weggeräumt und die Schweinchen umgetopft, das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig in der Küche aufgeräumt.
Den Abend habe ich mit K. und S. und dem Minionsfilm und bestelltem Essen verbracht und es war wirklich schön sie hier zu haben und zu reden und über den Kater zu lachen und Film zu schauen.
Nur danach sprang mich der Schmerz und die Einsamkeit und die innere Leere aus dem Nichts an und ich brauchte eine Weile, um da irgendwie raus zu kommen und einigermaßen klar im Kopf ins Bett zu krabbeln. Und dort bin ich nun seit einer Weile, habe den Zettel von Schwester Nathalie mit „Der Tag war gut und er bleibt auch gut“ neben mir liegen und nehme ihn immer wieder in die Hand und lese die Worte und sage sie mir wie ein Mantra vor. Im Bett ist es warm und kuschelig und ich kann mich einfach sicher fühlen unter meiner Decke und umhüllt von der Wärme. Das tut gut. Und vielleicht zeigt die Dosis an Medis, die ich mir heute gegönnt habe, ja bald Wirkung und ich kann endlich schlafen, tief und fest und lange.

long way home

Ich sitze im Bus und fahre wieder Richtung Süden.
Heute war ich wieder mal viel unterwegs. Irgendwann zwischen Dunkelheit und hell werden fing es an zu schneien und hörte bis in den Nachmittag auch nicht mehr auf. Ich war im Schneetreiben unterwegs, habe mich zwischendurch beim bummeln durch die verschiedenen Shoppingcenter aufgewärmt. Dann bin ich los Richtung Tempelhof. Und es war einfach der Wahnsinn. Mitten im Schneegestöber stehen, um einen herum nichts als Schnee und Weite und Weite und Schnee. Ich hab mich so unglaublich frei gefühlt, so unglaublich gut. Ich hätte ewig auf den Landebahnen und den Wiesen rumlaufen können. Wenn es nicht so verdammt kalt gewesen wäre… Aber es war einfach wirklich unglaublich.
Gegen Abend bin ich dann los meinen Cousin besuchen. Wirklich gesehen haben wir unsere letzte Mal, als ich ein Kind und er ein Teenager war. Wir sind uns danach ein paar Mal in der Hauptstadt über den Weg gelaufen, aber auch nicht mehr. Es war schön ihn mal wieder zu sehen, über die Familie zu quatschen (und festzustellen, dass wir eigentlich noch relativ normal sind, wenn man sich den irren Haufen unserer Verwandtschaft mal so ansieht) und einfach beisammen zu sein.
Dann bin ich Richtung Hostel, habe meinen Kram geschnappt und los zum ZOB. Das war ziemlich abenteuerlich, denn der gefallene Schnee hat nachmittags begonnen zu tauen und ist am Abend dann gefroren. Ich bin froh, dass ich mit ein paar blauen Flecken davon gekommen bin und mir statt meiner Knochen nur die Flasche Pfeffi zerdeppert habe. Nun riecht meine Tasche samt Inhalt wenigstens schön frisch nach Pfefferminz (ja, man kann sich prinzipiell alles schönreden.).
Wir fahren nun auf Leipzig zu, während über der Autobahn gerade ein Flugzeug im Landeanflug ist. Ein toller Anblick bei Nacht.
Und so werde ich nun weiterhin die Aussicht vom Platz in der ersten Reihe im oberen Deck des Busses genießen, bis mir vielleicht endlich mal die Augen zufallen.
Berlin war ein Träumchen und es war mir, wie immer, ein Fest. Auf Bald, du Haupthauptstadt, ich fahre nun wieder in meine Hauptstadt.

Und alles Schlechte lässt man zieh’n

Sobald ich mich irgendwo hinsetze krabbelt der Zitronenkater auf meinen Schoß. Ich schaue ihn an und muss daran denken, dass dieser schnurrende Haufen Fell mal so klein war, dass ich ihn beim spielen mit einer Hand hochheben konnte. Jetzt ist der Herr schon 8 Monate alt, passt nicht mehr in jede kleine Ecke und verursacht blaue Flecken, wenn er von der Fensterbank auf mich springt, während ich im Bett liege. Ich hab mich damals sofort in seine großen Kulleraugen verliebt. Seine Ängstlichkeit ist mittlerweile fast ganz verflogen. Während er früher unter das Bett sprintete, wenn im Flur etwas zu hören war, läuft er mittlerweile zur Tür und freut sich, wenn jemand hier klingelt und er etwas zum beschnuppern hat. Den Hund meiner Nachbarin faucht er mutig an und stellt sich ihm in den Weg, früher hat er sich möglichst weit vor ihm versteckt. Die Meeris findet er immer noch toll, er schläft gerne bei ihnen, klaut ihnen immer noch gerne den Salat und die Gurken und stubst sie manchmal mit der Pfote an und freut sich, wenn sie protestierend quietschen. Er kämpft immer noch liebend gerne mit meinem Drachenbaum und trägt die Blätter wie eine Kriegsbeute durch die Gegend, springt immer noch frech in den Kühlschrank und würde beim kochen am liebsten in den Topf oder die Pfanne springen, er räumt immer noch gerne den gelben Sack aus und verteilt den Inhalt in der ganzen Wohnung. Er ist ein freches, verfressenes und neugieriges Katzenkind. Ich liebe ihn unglaublich. So unerwartet wie er Teil meines Lebens wurde, so wunderbar ist es nun ihn in ebendiesem zu haben. Er bringt mich zum lachen, zum lächeln, zum wütend werden und zur Verzweiflung, wenn er den ganzen Tag in seiner Katzensprache vor sich hin plaudert. Er macht mein Leben bunter, chaotischer und wärmer. Und jedes Mal, wenn er auf meinem Schoß, meinem Bauch oder meinen Beinen einschläft, voller Vertrauen, dass ihm bei mir nichts passiert, weiß ich, dass es die absolut richtige Entscheidung war ihn bei mir aufzunehmen.

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Ich habe mal wieder eine unruhige Nacht hinter mir. Mein Bett sieht aus, als ob darin ein Kampf stattgefunden hätte. Das Bettlaken ist halb von der Matratze unten, die Kissen sind verstreut, genauso wie die Kuscheltiere, die Schlafbanane hat beschlossen außerhalb des Bettes zu wohnen und ich wache müde, mit Rückenschmerzen und völlig verstrubbelt auf. Mein Schlafphasenwecker erzählt mir, dass ich fast gar nicht im Tiefschlaf war, fitbit sieht es nicht anders und Katerkind sitzt auch mit vorwurfsvollem Blick neben meinem Kopfkissen. Ich weiß nicht was das ist, das mich derzeit zu solch unruhigen Nächten bringt. Ich weiß auch nicht, ob ich es wissen will. Seit ich die Quetiapin nehme, vorallem seit die Dosis erhöht wurde, habe ich eigentlich meistens tief geschlafen und bin kaum aufgewacht. Davor war ich nachts mindestens einmal wach. Problematisch war meist eher das einschlafen, aber wenn ich mal geschlafen habe dann schlief ich auch. Nun könnte ich vermutlich genauso gut einfach wach bleiben und wäre dann genauso erholt. Nämlich gar nicht. Dafür bin ich dann gegen 18 Uhr so müde, dass ich die Augen kaum noch aufhalten kann. Morgen muss ich in die Hauptstadt, ich brauche eine Überweisung vom Psychiater. Vielleicht versuche ich heute Abend länger durchzuhalten, morgen muss ich dann früh aufstehen und wenn ich dann wach bleibe bis mindestens 22 Uhr, vielleicht schlafe ich dann mal tiefer und ruhiger.
Wenn ich träume, dann verfolgt mich in den letzten Nächten immer der selbe Traum. Ich fahre an meinem Geburtstag zu Mama und da steht mein Vater im Wohnzimmer. Immer und immer wieder träume ich das und überlege mittlerweile, ob ich wirklich zu Mama fahre oder ihr nicht einfach erkläre, dass sie hier her kommen soll. Er hat weder meine neue Adresse, noch meine neue Telefonnummer, auf dem Handy ist er blockiert. Wenn meine Mutter nicht so wäre wie sie ist, dann würde ich mir keine Sorgen machen. „Ach C., ich will ihr doch nur was kleines schicken.“ Ich kenne meinen Vater und ich kenne meine Mutter. Bisher hat die Drohung, dass ich dann nicht mehr mit ihr rede, sie davon abgehalten etwas Preis zu geben. Ich glaube ich würde vor Wut alles erreichbare durch die Gegend pfeffern, wenn sie ihm wirklich meine Adresse geben sollte. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird meine Angst, und das will ich nicht.
Stattdessen verkrümel ich mich noch ein wenig auf mein Sofa, räume dann ein wenig auf und kehre (die Meerchen könnten ihren Dreck echt mal selbst weg machen), spüle mein Geschirr und beschenke mich gegen Abend dann mit einer Wii, die ich super günstig bei den eBay Kleinanzeigen entdeckt habe. Juhu.

Es sind die guten Zeiten
Die uns am Ende noch erhalten bleiben
Und zusammen schweißen für ein Leben lang
Es sind die guten Tage
Und nur die Besten der Momente bleiben dir und mir am Ende

Driving home for Christmas

24. Dezember. Wie so oft fahre ich mit Geschenken bewaffnet in mein zweites Zuhause, zu Mama. In Jogginghose und Chucks. Weihnachten. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, wir haben 11 Grad. Es wird das erste Weihnachten sein, an dem wir nur Zuhause feiern, das erste Weihnachten, an dem wir nicht bei Tante Maria eingeladen sind. Abgesehen von letztem Jahr, da habe ich gearbeitet, ist es das erste Weihnachten seit zehn Jahren, dass ich nicht bei ihr sitzen werde. Aber ich bin sicher, dass sie bei uns sein wird, genauso wie Onkel Norbert.
Weihnachten. Die Tage, vor denen ich seit Wochen Panik schiebe, sind nun also da und werden auch unaufhaltsam vorbei gehen. Ich wünsche mir, dass ich die Tage einfach genießen kann. Ohne fiese Erinnerungen, ohne Angst und Panik.
Letztes Jahr um diese Zeit war ich psychisch im Prinzip völlig am Ende. Das ist nun nicht mehr so schlimm, es tut nicht mehr alles so furchtbar weh, die Nächte sind nicht mehr nur Horror, die Tage sind nicht mehr nur schrecklich. Es wird besser, in kleinen Schritten.
Weihnachten. In einer Stunde werde ich in Mamas Küche sitzen, werde vermutlich immer noch nicht verstehen können, dass heute schon heilig Abend ist. Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Vielleicht ist es einfach nur wichtig schöne Momente mit meiner Familie zu erleben, die Momente in mich aufzunehmen und sie bewahren, als Gegensatz zu den vielen dunklen Momenten.

Meine lieben Leser, ich wünsche Euch schöne Feiertage, eine schöne Zeit mit Euren Liebsten und ganz viele schöne Momente!

I am driving home for Christmas
Driving home for Christmas
With a thousand memories