Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

Auf dem Heimweg von der Klinik überflutet mich das unglaubliche Bedürfnis mir etwas Gutes zu tun. Das kommt völlig überraschend und ich brauche auch eine Weile, bis mir klar wird, was das grade ist. Es kommt selten vor, dass dieser Gedanke nicht bewusst in meinem Kopf entstehen in Richtung „ich muss/müsste mir mal was Gutes tun“ sondern als ein Bedürfnis auftaucht wie Durst oder Schlaf. Und ich weiß auch, dass es wirklich nötig ist, wenn dieses Bedürfnis so durchschießt durch die Wand aus Glaubenssätzen, die mir sagen, dass ich das nicht darf, dass es nicht okay und schon gar nicht gut sein darf. Also nehme ich es ernst und verschwinde, nach Telefonat mit der kleinen Hexe und Meeris ausmisten, im Bad. Fast eine Stunde verbringe ich unter der heißen Dusche und lasse das Wasser über mich laufen, genieße das Gefühl und stelle mir vor, dass all der Schmutz und der Ekel und die Scham von mir herunter fließen und im Abfluss verschwinden. Ich gönne mir die Zeit, gönne mir eine Haarkur und genieße den Duft von Duschzeug, Shampoo und allem, creme mich danach in aller Ruhe ein und schlüpfe in bequeme Hose und Lieblingspulli. Dann kuschel ich viel und lange mit dem Kater, füttere ihn und die Meeris, schmeiße mir Camembert in den Ofen, weil ich total Lust darauf habe, esse in Ruhe und liege nun eingekuschelt im Bett. Mich selbst ernst nehmen und mir viel Gutes tun, vor Freiburg quasi undenkbar ohne danach komplett durchzudrehen und mich zu verletzen. 

Zwischendurch suche ich nach der Datei, die ich vor einigen Jahren geschrieben und nie wieder geöffnet habe. Als die erste Erinnerung hochkam, die erste klare Erinnerung mit Bildern und Geräuschen und Gerüchen und dem Wissen, wer dieser Mensch ist, musste ich das aufschreiben, denn mir war klar, dass ich es lange, vielleicht auch niemals, aussprechen werden kann, was genau da passiert ist. Außerdem wollte ich dieses absolut Unfassbare einfach aus mir raus haben. Ich habe es damals mit in die Therapie genommen, meiner Therapeutin gegeben, ich wollte es nur weg haben, dieses böse Blatt Papier voller böser Worte, ich konnte es auch nicht vorlesen oder mir nochmal von ihr anhören. Ich wollte eigentlich nur von ihr hören, dass es Einbildung ist, ein völliger Blödsinn meines Hirns, doch den Gefallen tat sie mir damals nicht. 

Heute ist es die erste Erinnerung von vielen, die aus den Tiefen meines Ichs aufgetaucht ist. Heute weiß ich, dass diese Erinnerung real ist, auch wenn ich sie mir oft weg wünsche und sie viel lieber als Krankenhaus Phantasie meines Kopfes sehen würde. 

Ich will die Worte nicht lesen, als ich die Datei öffne, doch mein Blick fällt automatisch auf sie. Und mir fällt auf, dass ich vieles nicht benennen kann, weil ich die Worte in diesem Kontext einfach nicht finde. Es sind Worte, die zwar existieren in meinem Sprachgebrauch, die ich auch benutze, doch ich schaffe es nicht, wenn ich mich an diese Situation erinnere. Sie scheinen wie ausgebrannt, wie schwarze Stellen in meinem Gehirn, als ob ich wieder das kleine Mädchen wäre, dass diese Worte damals noch nicht kannte. Selbst ohne Dissoziation und Flashback, mit voller Realität um mich herum und als Erwachsene, bin ich sprachlich gesehen in diesem Moment das kleine Mädchen und kann nicht aussprechen, was es eigentlich ist. Ich kann umschreiben, kann sagen das da etwas ist, aber ich kann es nicht benennen. Nicht mit diesem Kontext. Und es macht mich ziemlich wahnsinnig, wo Worte doch genau das sonst ermöglichen beim Schreiben, Dinge zu benennen, die ich nicht aussprechen kann. Wo Worte so oft mein Halt waren und sind, mir Realität geben und ausdrücken, was ich kaum auszudrücken vermag. 

Verdammter Mist. 

Jedenfalls liegt das Blatt nun ausgedruckt da, denn der Therapeut wollte wissen, welche Situation mich am Wochenende da so herrlich als Flashback begrüßte. Ich bin gespannt auf die Stunde morgen und ich weiß, dass es alles andere als leicht werden wird. 

Die dunkle Nacht wird mal vergeh’n.

Ich träume vom Ertrinken. Ich kriege keine Luft. Um mich rum ist nur Wasser. Dann wache ich auf und wache doch nicht wirklich auf. Das Bild verändert sich. Es wird dunkler, verwischter. Ich kriege wieder kaum Luft, denn in meinem Mund ist etwas und ich muss kämpfen mich nicht zu übergeben. Ich höre seine Stimme, höre, dass ich mich nicht so anstellen soll, höre, dass das doch schön ist. Ich finde es ganz und gar nicht schön. Aber das kann ich ja nicht sagen, denn ich habe etwas im Mund und ich darf es auch nicht sagen, weil ich sonst wieder Schläge kriege. Mir ist so übel, so unglaublich übel, und ich ringe um jedes winzige bisschen Sauerstoff zwischen den Tränen und Schluchzern. Ich verstehe nicht, was da passiert, ich weiß nur, dass ich es nicht will. Ich kämpfe um die Luft dort in diesem Raum und gleichzeitig in meinem Schlafzimmer. Es gibt mich dort und es gibt mich hier, in der Realität und für einen kurzen Augenblick erkenne ich den Flashback und schaffe es zu handeln. Stechender Geruch reißt mich zurück in die Realität, in der ich zitternd und nach Luft schnappend auf meinem Bett sitze, das Fläschchen Ammoniak in der Hand. Kurze Zeit später hänge ich über meiner Kloschüssel und versuche den Geschmack und das Gefühl der Erinnerung aus mir raus zu befördern. 

Eine Weile und sämtliche Anti-Disso-Skills später sitze ich erschöpft auf dem Sofa und lasse mich von der Wärme und dem Schnurren des Katers in der Realität halten. Ich hasse diese Flashbacks, die mich direkt nach dem Aufwachen überfallen, in dem kurzen Moment, in dem ich noch nicht wirklich wach bin und die Kontrolle wieder habe. So einen Start in den Tag hasse ich, denn die Bilder verschwimmen nur langsam und beeinflussen mich noch mehrere Stunden. 

Die Erinnerungen an diese Situation waren das erste konkrete, das damals kam. Die Dinge davor waren wirr, ohne Gesicht oder Stimme. Diese Erinnerungen riss mir damals den Boden unter den Füßen weg und ich sprach lange nicht darüber, kann bis heute nicht darüber sprechen. Ich schrieb es damals auf, gab es meiner Therapeutin. Denn das Schreiben fällt bis heute deutlich leichter. Es gibt kein direktes Gegenüber, ich tippe nur Buchstaben hinaus in die Welt, kann nebenbei Pausen machen und kann dann und dort schreiben, wenn und wo ich mich sicher fühle. 

Ich denke an die ersten zaghaften Versuche meiner Therapeutin an dieses Thema ran zu kommen. Meine Reaktionen, mein Abblocken, mein vehementes Leugnen einer Möglichkeit, dass diese Dinge Realität sein könnten. Denn die Bilder bis dahin waren genauso eindeutig wie uneindeutig. Es hätte jeder gewesen sein können, es hätte doch auch einfach nur irgendwas anderes sein können. Heute weiß ich, dass es schon damals eindeutig war. Es ist nicht wahr was nicht wahr sein darf. sagt meine Therapeutin immer. Ich denke an damals, ich denke an die Worte von Frau S., meiner Kinder- und Jugendtherapeutin.

 Liebe S.,

es war genauso als Du bei mir warst. Ich hatte ebenso das Gefühl, dass da mehr gewesen sein muß und Du warst damals fest der Meinung, dass in Richtung sexueller Mißbrauch bezogen auf Deinen Vater nichts war.

Nachdem ich im Oktober bei ihr war, lange und viel mit ihr geredet habe, fällt es ein wenig leichter darüber zu sprechen. Denn sie hat dem Teil in mir, der so vehement gegen ein mögliches Wahrsein dieser Dinge kämpft, den Wind aus den Segeln genommen. Ihre Worte, die mir bestätigten, dass für sie vor 14 Jahren schon klar war, dass ein Missbrauch stattgefunden haben muss. Ihre Klarheit in Bezug darauf, ihre Fähigkeit mir zu sagen, dass ich nicht solche Flashbacks hätte, wenn sie nicht stimmen würden. Sie hat mir ein Stück mehr geholfen auf dem Weg zu akzeptieren, dass diese Dinge Realität sind. Meine Therapeutin versucht das seit Jahren, doch es war nochmal anders es von jemandem zu hören, der mich auf eine andere Art und Weise kennt, der mich länger kennt, der mit mir nicht den Weg durch die qualvollen Erinnerungen gegangen ist. 

Und so sehr es heute noch Momente gibt, an denen ich nicht wahrhaben will, dass diese Dinge wirklich geschehen sind, so sehr kämpfe ich sich dafür, dass sie wahr sein dürfen, wahr sind. Ich versuche ihnen Raum zu geben, versuche nicht zu schweigen. Es gibt zuviel Schweigen, es gab in meinem Leben zuviel Schweigen. Und plötzlich machen so viele Kleinigkeiten einen Sinn. Plötzlich erklären sich die Körperflashbacks, die Übelkeit und die Schmerzen. Plötzlich erklärt sich die Angst vor dem Ersticken und der Ekel vor Dingen in meinem Mund. Plötzlich erklären sich diese ganzen Zeichen, die ich so lange nicht wahrhaben wollte. 

Vielleicht gehört es dazu, dass man immer wieder zweifelt, ob diese Dinge wirklich passiert sind. Vielleicht wird es niemals aufhören. Aber vielleicht werden der Ekel und die Scham auch weniger und es darf irgendwann wirklich wahr sein, was eigentlich nicht wahr sein darf. 

So oft wünsche ich mir, dass das Leugnen und Schweigen aufhört. Dass ich darüber reden kann. Vor allem mit meiner Mutter. 

Ich verfolge nicht das Ziel, meinem Erzeuger zu schaden. Ich will ihn sein Leben leben lassen, will ihn nicht anschuldigen, anklagen. Es hätte für mich keinen Sinn. Und ich will es auch nicht und schweige deswegen oft noch, denn mir ist klar welche Konsequenzen solche Dinge mit sich ziehen. Und trotz all der Dinge liebe ich ihn und kann das nicht ändern. Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich ihn nicht einfach nur hassen kann. Und manchmal ist es okay wie es ist. Vielleicht wird es leichter das Schweigen zu brechen, wenn er nicht mehr da ist. Denn dann muss ich nicht fürchten, dass ich ihm doch irgendwie schade und bin vielleicht die Angst los, die mich immer noch umtreibt, die Angst vor der brutalen Gewalt, vor den Schlägen, vor dem eingesperrt werden, vor dem völlig ausgeliefert sein. Ich will keine Rache. Ich will einfach nur darüber sprechen können, will damit leben lernen. Und dieser Weg führt nicht durch Schweigen. Ich will gesund werden und ein Leben führen, in dem diese Dinge zwar passiert sind, aber mich nicht mehr ständig heimsuchen. Ich will bestimmen können, wann und wie ich mich damit auseinander setze und nicht morgens um 6 aus der Realität gerissen werden und das kleine Mädchen sein und erleben und spüren, was ich damals erlebte und spürte. 

Ich blicke auf meine Arme. Blicke auf 17 Jahre Narben, 17 Jahre Kampf gegen mich. Vielleicht findet auch das ein Ende, wenn das Schweigen enden darf, wenn ich aussprechen darf, was in mir tobt, wenn ich nicht mehr nur mich hassen darf, sondern auch den Menschen, der mir so wehgetan hat. 

Gestern habe ich vielleicht einen weiteren Schritt gemacht weg vom Schweigen. Ich habe mit meiner Tante telefoniert. Bestimmt 3/4 des Gesprächs habe ich nur geheult, denn es fällt so schwer zu erklären, dass man einfach nicht in der Lage war den Kontakt zu halten, dass der Alltag sämtliche Kraft gefressen hat. Und es fällt noch schwerer zu äußern, wohin diese Kraft ging, dass die Erinnerungen und das Aushalten der Erinnerungen an den Missbrauch einfach alles aufgesaugt haben. Es fällt schwer auszusprechen, dass da mehr war als die körperliche und die seelische Gewalt. Und am liebsten würde ich leugnen, dass diese Dinge Realität sind, denn das ist so viel leichter und um so vieles weniger schmerzhaft. Und so furchtbar es gestern auch war diese Dinge auszusprechen, so befreiend war es auch. Und sie ging auch nicht direkt in eine Verteidigung und ein Um-sich-schlagen wie meine Mutter. Meine Therapeutin wird wohl ein kleines Freudentänzchen hinlegen, wenn ich ihr erzähle, dass ich es endlich geschafft habe, dass der Wunsch, der in der Therapie seit so vielen Jahren besteht, nun Realität wurde. 

Mein Katerkind miaut mich kläglich an, weil ich nun schon wieder auf dem Sofa sitze und heule. In den letzten Wochen heule ich so viel, dass ich manchmal denke die ganzen Tränen der letzten Jahre bahnen sich nun einen Weg. Tränen, die ich sonst nur rot weinen konnte, die nur Ausdruck in den Schnitten auf meinen Armen fanden. 

Es ist kein leichter Weg, den ich gerade gehe. Manchmal möchte ich mich einfach an den Wegesrand setzen und mich weigern weiter zu gehen, manchmal möchte ich den ganzen Weg zurück rennen bis zum Anfang und eine neue Abzweigung finden. Doch es würde nichts daran ändern, die Dinge, die ich auf dem Weg gesehen und erlebt habe, wären dennoch da. 

Heute habe ich, vor allem nach dem furchtbaren Aufwachen, ein extremes Bedürfnis nach Einigeln und Sicherheit. Nach einer Rückzugsmöglichkeit, nach Ruhe. Und genau deswegen werde ich mich in mein Schlafzimmer verziehen, den sicheren Ort meiner Wohnung und dort endlich die Dinge umsetzen, die ich die ganze Zeit schon tun will. Die Fotos an die Wand, die Dinge, die mir in der DBT Halt und Kraft gaben, mein Bett von dem Gewühl der Nacht befreien und die Bettwäsche (mal wieder) in die Maschine stopfen, denn sie ist (mal wieder) komplett nass vom Schwitzen der Angst und Panik, meinen DBT-Kram wieder ordnen, den ich in den letzten Tagen quer in der Wohnung verteilt habe, meine diary cards einheften… An funktionalen Möglichkeiten meinen Tag weiter zu führen mangelt es nicht. Nur noch ein wenig an der Kraft, denn die hängt noch kotzend mit mir über der Kloschüssel. 

Ich weiß noch gar nicht, was mein morgigen Kliniktag bringen wird, außer den sowieso konstanten Dingen wie Arbeitstherapie und Stabigruppe. Mein Plan war am Freitag noch nicht im Fach, also lasse ich mich überraschen. Und vielleicht komme ich auch morgen nicht völlig erledigt nach Hause, das wäre ein weiteres Ziel und ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mir zeigt, dass es nun wieder einfacher und leichter wird. 

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Vor Dir der Berg,
Du glaubst Du schaffst es nicht.
Doch Dreh Dich um
und sieh,
wie weit Du bist.
Im Tal der Tränen liegt auch Gold.
Komm, lass es zu,
dass Du es holst.

Warum tut es heute noch viel mehr weh als sonst 

Ich bin irgendwann heute morgen wieder Zuhause eingetrudelt. Nassgeschwitzt, erledigt, aber glücklich. Bei den ganzen Liedern einfach laut mitsingend, die tollen Menschen auf der Bühne sehen, die Freude auf der Bühne und im Publikum spüren… Es war einfach wunderbar.
Zuhause fing dann wieder das übliche Drama an. Diesmal hab ich mir die 5fache Dosis der Medis eingeworfen. Runter kam ich trotzdem nicht. Ich muss damit aufhören, nicht umsonst hab ich eine festgelegte Dosis der Medikamente. Klassischer Fall von „ach, nehmen wir die Medikamente doch mal nach Lust und Laune“.
Ich hab dann in der Nacht noch meinen Reciever an Fernseher und Satellitenschüssel angeschlossen und an den Router. Nachher werde ich mal die Festplatte dran hängen und die Aufnahmefunktion testen.
Das ich dann gestern die spektakulärsten Kriminalfälle geschaut habe hat sicherlich nicht zu einer ruhigen Nacht beigetragen.
Heute muss ich definitiv ein wenig Ordnung schaffen, schon allein weil ich alles essbare vor Katerkind verstecken muss. Morgen geht es ihm dann an den Kragen bzw. die Hoden. Er tut mir jetzt schon leid, weil man ihm ja schlecht erklären kann, was passiert und was die Narkose mit ihm macht.
Aber erstmal muss ich essen und im Tag ankommen.
Dabei schaue ich alte Folgen Löwenzahn und habe mal wieder das Gefühl, dass ich alt werde. Peter Lustig ist gestorben, einer der Helden meiner Kindheit.  Am Wochenende veranstaltet das ZDF eine Löwenzahn-Nacht. Jede Woche stand Löwenzahn während meiner Kindheit auf dem Programm, hat mir Wissen vermittelt und war ein fester Bestandteil meines Lebens. Manchmal komme ich noch gar nicht wirklich mit meinem Alter mit, besonders wenn die Flashbacks mich über längere Zeit so quälen. Dann fühlt sich einfach alles an wie früher und ich kriege es nicht klar, dass seitdem über zwanzig Jahre vergangen sind. Realität ist momentan eine schwierige Sache. Schmerzen helfen, nur langsam müssen die Schnitte immer tiefer sein, um mich hier zu halten, und ich mag das ganze eigentlich nicht noch länger weitertreiben. Irgendwann ist mein Arm nämlich auch zuende und da kommen Dinge, die ich nicht durchschneiden will.
Einfach weitermachen. Ausatmen und einatmen und ausatmen und einatmen. Im Tag und im Leben ankommen. Den Kram erledigen, der zu erledigen ist. Funktionieren. Aufgeben wird immer mehr zur Option, obwohl es eigentlich keine Option ist. Furchtbar.

Der Himmel in grau, dunkle Wolken ziehen auf 
Ich atme den Regen, ertrage das Leben 
Der Himmel in grau, wäscht den Dreck von meiner Haut 
Nur an Tagen wie diesen brechen meine Wurzeln den Beton wieder auf

Mein ich ist ein Rucksack aus Gedanken.

Heute war kein guter Tag. Ich habe schon den ganzen Morgen immer mal wieder Flashbacks gehabt und bin mit hoher Anspannung durch die Gegend, gerannt. Schwester Nathalie hat mir beim Leukoplast abziehen dann auch ein wenig Haut mir abgezogen und mir so eine blaulilarote mehrtägige Erinnerung daran verpasst. Danach war es eine Zeit lang okay, ich war nach dem Flashbackkram einfach nur müde und bin nochmal ins Bett. Irgendwann war die Anspannung dann wieder extrem, dazu kamen wieder Suizidgedanken. Mitten im Flashbackkram bin ich dissoziiert. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, dass ich die Klinge gegen mich selbst gerichtet habe, erst wieder an den feinen Schmerz und die Erleichterung, die durch meinen Körper strömte. Und dann war da das ganze Blut und die Wunden. Mit denen hat die Ärztin (die knuffige) mich ins Krankenhaus zum nähen geschickt, inklusive Pfleger, da die Suizidgedanken so extrem waren. Ich hätte keinen halben Meter Verantwortung für mich übernehmen können. Während dem Nähen hat es mich dann nochmal umgehauen, Schmerzen, die von jemand anderem verursacht werden, dazu noch liegen und sowieso die Anspannung waren zuviel. Der Pfleger hat mich dann mit viel Reden wieder da raus geholt und auch den Rest der Näherei über mit mir über alles mögliche gequatscht.
Wieder zurück habe ich mit der knuffigen Ärztin geredet wie es aussieht mit Verantwortung übernehmen oder ob ich ins Überwachungszimmer muss und Sichtkontrolle kriege. Wir haben uns geeinigt, dass ich bis zum Abend im Tagesraum bleibe und danach der Nachtschicht Bescheid gebe, wie es aussieht. Irgendwann nach dem Abendessen war mir einfach alles zu viel und ich bin einfach nur noch raus (obwohl ich das ja eigentlich nicht gedurft hätte) und einige Male um den See. Und dann war es wieder soweit erträglich, dass ich auch sagen konnte, dass ich es schaffe die Verantwortung für mich zu übernehmen für die Nacht.
Den Abend habe ich mit häkeln und Tatort verbracht. Und Schokolade. Vermutlich wiege ich am Dienstag zehn Kilo mehr als vor der Aufnahme hier…
Nun liege ich im Bett, mit einer Wärmekompresse, die Pfleger Arschkeks mir gemacht hat, Musik auf den Ohren und genervt vom rechten Zeigefinger. Den habe ich mir nämlich vorgestern an der Kuppe aufgeschnitten, als ich mich eigentlich verletzen wollte, beim angeln nach der Klinge aber volle Möhre in sie gegriffen habe. Danach wollte ich dann jedenfalls nicht mehr schneiden. Schwester Nathalie musste darüber lachen (zu doof zum Schneiden) und ich finde es einfach auch bekloppt. Dabei müsste man ja mittlerweile mal wissen, dass die Dinger scharf sind…

Starke Ablenkungsmanöver, hilft trotzdem alles nichts.
Ein Ich ist ein Knast, ist ein Nichts.
Es ist so leicht von vorne zu Beginne.
Aber so schwer der Wahrheit wegzurennen.
Wir können das Leben ewig ändern, aber tauschen nicht.
Wir folgen uns, wir nehmen uns mit.

Die stärkste Seele wird mal schwach.

Nach dem Abendessen ging bei mir nichts mehr. Schon davor wat ich extrem angespannt, danach wollte ich nur noch schneiden, so tief, dass ich es nicht überlebe. Schwester Tina kam mir nach und hat die abgeschlossene Badtüre von Außen aufgemacht, auf mich eingeredet, immer und immer wieder gesagt, dass ich schon so weit bin, dass ich schon so vieles geschafft habe, dass ich auch das schaffe. In meinem Kopf war nur noch der Horror der letzten Wochen und der Gedanke, dass ich es nicht weiter schaffe. Dass da einfach keine Kraft mehr ist, kein Wille weiter zu machen, nichts. Dann kam der Pfleger ins Bad, nachdem Tina nicht mehr weiter wusste. Er versuchte nich abzulenken, hat mit mir über Geocachen geredet, über Alltägliches und Dinge, die ich gerne mache. Zwischendrin konnte ich mich immer wieder darauf einlassen, konnte die Gedanken im Kopf vergessen, doch letztendlich überwog dann wieder der Wunsch einfach nur noch zu sterben. Schon vorher hatte auch Tina gesagt, dass der Weg dann letztendlich über Deeskalationsteam und Arzt zur Fixierung und Überwachungszimmer führt wenn ich nicht endlich die Klinge aus der Hand lege und aus dem Bad komme. Auch der Pfleger ging dann wieder unvollendeter Dinge. Ich hatte die Badtüre kaum wieder zu und abgesperrt, da klopfte die Ärztin. Schon da war ich dann unglaublich geladen, weil ich einfach nur mehr meine Ruhe wollte, Ruhe vor der Welt und dem Leben. Sie fragte dann was denn los sei. Ich habe sie angefahren, dass ich das nun schon zwei Mal erzählt habe seit ich da sitze, also rief sie Tina, die dann kam und ihr erklärt was los ist. Sie fragte dann trotzdem nochmal nach, immer wieder, bis ich anfing zu schreien, dass ich keine Kraft mehr habe für die ganze Scheiße, dass ich einfach nicht mehr kann, dass ich nicht wieder aus so einem Tief klettern will, nachdem es eigentlich doch größtenteils in der letzten Zeit okay war. Und dann brachen die Dämme und ich habe nur noch geheult. Die Ärztin setzte sich neben mich, legte mir ihren Arm um die Schultern und streichelte meinen Kopf und meinen Arm. „Weinen Sie nur. Weinen Sie. Weinen Sie alles raus.“ Und danach war es dann okay. Ich kam wieder runter, konnte wieder leichter atmen. Mit Tina bin ich dann runter vor die Türe und habe eine geraucht und mein Gesicht in den Regen gehalten. Später bin ich nochmal alleine raus und eine Runde um den See und habe geschrien, dass es weh tat im Körper. Zuvor hielt mir Tina nur kommentarlos die Hand hin, als ich sagte ich gehe raus und wartete, bis ich ihr meine Hand gab und so ohne Worte versprach, dass ich heil und vollständig wieder zurück komme, dann ließ sie mich ziehen. Ich selbst hätte mir dieses Vertrauen nach einer solchen Aktion nicht entgegen gebracht. Das finde ich eines der besten Dinge hier und es ist auch etwas, was mir enorm hilft. Vertrauen. Das Vertrauen, dass mir entgegen gebracht wird, dass ich mich an ein Versprechen halte, dass ich mein Bestes gebe, dass ich kämpfe. Und genau so auch das Vertrauen, das andersrum funktioniert. Ich kann darauf vertrauen, dass hier immer jemand ist, dass ich unterstützt werde und dass ich nicht alleine kämpfe.
Der Abend war dann okay. Ich habe im Tagesraum gesessen, den immer wieder aufsteigenden Druck mit Finalgon, reden und Plakate malen für den Kinoabend irgendwie ausgehalten. Fürs Plakate malen bekam ich als Dankeschön von Pfleger Arschkeks, der den Kinoabend veranstaltet, eine Tasse heiße Milch mit einer Extraportion Honig. Die hat mich dann vollends aufgemuntert und nun liege ich müde und mit nur noch mittlerer Anspannung im Bett, mache mir gleich House an und werde dann hoffentlich schnell dabei einschlafen.

Wenn Du dann durchdrehst
ist’s erlaubt
Doch wer hat Dir,
den Mut geraubt.

Wenn Du jetzt aufgibst,
wirst Du’s nie versteh’n.
Du bist zu weit,
um umzudreh’n.

Das Ende ist nur’n Meilenstein und wichtig ist der Weg dahin

Gestern Abend/Nacht bin ich zwei Mal mit Flashbacks an den Schwesternsitz gewankt. Schwester Sabine tat ihr Bestes um mich wieder in die Realität zu holen. „Wo sind Sie hier? Wer bin ich? Welcher Tag ist heute? Wie heißen Sie? Wer ist mit mir im Dienst? Wieviel Uhr ist es?“ Und immer wieder: „Bleiben Sie da.“ So sind wir dann auf der Station hin und her gelaufen, nachdem sie mir einen Eiswürfel zwischen beide Handflächen gedrückt hat und der Schmerz mich endgültig wieder in die Realität geholt hatte. Beim zweiten Mal war ich zwischenzeitlich so weg, dass ich gar nichts mehr mitbekommen habe. Auch da kamen wieder die Fragen, wieder der Eiswürfel und immer wieder ihre Worte. „Es ist vorbei. Sie sind hier sicher. Es passiert Ihnen hier nichts.“ Sie bot mit Tavor an, was ich ablehnte. „Ich stelle mir das richtig furchtbar vor, was Sie grade durchmachen. Das ist doch so kein Zustand.“ Aber nachdem sie mir den Raucherraum nochmal aufschloss und ich nach der Zigarette dann wieder völlig in der Realität war, wollte ich immer noch keine Tavor. Ich habe sie gebeten, mir nochmal zu sagen, dass nichts passieren kann. „Es passiert Ihnen nichts. Ich bin da und Jan ist da. Es kann Ihnen niemand was tun. Das soll mal einer wagen! An uns kommt niemand vorbei!“ sagte sie mir und ich musste lächeln. Mit Dr. House und den Geräuschen, die Jan und Sabine gemacht haben und dem Licht vom Flur bin ich dann irgendwann endlich eingeschlafen.
Heute ist es bisher etwas besser. Ich war zwar heute morgen etwas überdreht, weil ich nur am rumflitzen war, aber sonst habe ich den Tag bisher gut hinter mich gebracht. Mama hatte ihren Haustürschlüssel in der Wohnung liegen lassen und rief mich an. Sie kam dann zu meiner Wohnung, ich sagte ihr, dass ich in der Klinik zu einem Termin muss. Sie weiß nicht, dass ich hier bin, sie weiß nur von dem Aufenthalt nach dem Suizidversuch. Schon damals wollte sie alle verklagen, weil sie mich ja hier unter Drogen setzen und mir einreden, dass ich krank bin. Auf diese Diskussionen habe ich einfach keine Lust, also erzähle ich ihr nichts von den Aufenthalten. Jedenfalls habe ich ihr dann meinen Schlüssel für ihre Wohnung gegeben, nachdem ich hier erst auf die Visite gewartet habe, die nicht in die Gänge kam. Danach bin ich wieder in die Klinik geflitzt, zur Visite, dann zur Ergo, dann zum Mittagessen. Danach mit einer Mitpatientin ewig der Sozialarbeiterin hinterher gelaufen, dann auf eine andere Station zu Bibi, dann zum Sport (wir waren spazieren, tat unglaublich gut), dann wieder auf Station, dann mit zwei Mitpatientinnen zur Bank und zum Supermarkt und wieder auf Station. Dann lag ich tiefenentspannt mit Akupunkturnadeln in den Ohren auf meinem Bett. Ich finde das immer unglaublich entspannend, außer es ist jemand in der Akupunktur zu den Therapiezeiten dabei, der ständig redet oder ein klingelndes Handy in der Tasche hat. Am liebsten habe ich die Akupunktur im Zimmer, da kann ich mich aufs Bett legen und entspannen.
Eine Mitpatientin, jene, mit der ich vor genau einem Jahr das Zimmer teilte und die mich wahnsinnig machte, ist vorhin ausgebüchst und von der Polizei wieder gebracht worden. Die ganze Stimmung war angespannt, sie wurde laut, und auch der Massenauflauf an Polizei war nicht gerade etwas, dass mich beruhigt. Also hat Schwester Laura mich erst mal gut eingeschmiert mit Finalgon (alter Schwede, das brennt immer noch richtig gut). Trotzdem kam dann der Flashback. Pfleger Andreas hat mir Eiswürfel gebracht, hat mir einen an den Oberarm gedrückt, als ich nicht wirklich da war und handeln konnte, danach stand ich noch am Schwesternzimmer, bis ich endgültig wieder in der Realität war. Seitdem ist es ganz okay. Pfleger Arschkeks und Pfleger Jan sind heute im Nachtdienst, ich mag die beiden. Mit ihnen kann man auch mal scherzen und Blödsinn machen und das tut gerade ziemlich gut. Und so sitze ich nun im Tagesraum rum, mit brennendem Arm und Coolpack auf dem Oberschenkel, weil die Wunden dort heiß und rot sind und schmerzen, futter Knabberzeug, schaue Mitpatienten beim Schach zu und schreibe hier.

Ich hoffe, dass dieser Abend und die Nacht ruhiger werden als die letzte, ich habe keine Lust auf Flashbacks und Panik und alles. Und ich bin auch schon unglaublich müde und werde mich bald in mein Bett trollen.

Erzählt den Zweiflern, es hat sich gelohnt 
Für jede Träne wird ein Glas geleert 
Kein Tag war verkehrt 
Und die Parade war’s mir wert

mit jeder Welle reiten neue Leichen an Land 

Seit gestern bin ich wieder in der Klinik.
Tagsüber ist es okay. Ich schiebe zwar mehr Panik als sonst, versuche mir das aber nicht anmerken zu lassen. Zu viele Menschen und eine zu hohe Lautstärke machen allerdings dann meist so viel Anspannung, dass ich mich zurückziehen muss. Aber auch das ist in Ordnung. Abends wird es schwerer. Die Panik nimmt mehr Raum ein, oftmals kommen Flashbacks dazu. Gestern hat einfach nur das Geräusch des Fernsehers gereicht, um alte Erinnerungen zu triggern. In meinem Kopf war nur noch der Gedanke an schneiden. Dann mischte sich ein wenig „raus aus dem Zimmer, einfach nur raus und zum Schwesternsitz“ darunter und das habe ich dann auch getan. Heulend und zitternd und mit enormer Anspannung. Irgendwann wurde mir von den Flashbacks so übel, dass ich mich übergeben habe. Und das hat dann auch den Strom aus Bildern unterbrochen, ich konnte Bedarf nehmen, habe die Übelkeit mit Kamillentee und Wärmekompresse bekämpft und bin irgendwann ins Bett und auch direkt eingeschlafen.
Heute ist es immer wieder anstrengend . Zu viele Menschen, zu laut, zu stickig. Zu viel Kopfchaos. Ich bin immer noch unglaublich müde vom Bedarf gestern, versuche mich aber so gut es geht wachzuhalten, nachdem ich heute morgen dann zwei Mal aus dem Schlaf gerissen wurde, zuerst durch einen Anruf meiner Krankenkasse, dann durch Klopfen an der Türe und Zimmerwechselei.
Die Flashbacks waren wieder extrem. Ich habe mich verletzt, danach war es aushaltbar, bis ich mich in meinem Bett zusammen gerollt und mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt habe. Dann habe ich mich wieder im Bad verkrochen, die Klinge ausgepackt, geheult ohne Ende und irgendwann den roten Knopf gedrückt. Nathalie kam und hat mit mir geredet. Über die Suizidgedanken in meinem Kopf. Über die Flashbacks und das Chaos und meinen Wunsch danach, dass es endet. Danach waren wir draußen und sind um den See spaziert, während mir immer noch die Tränen liefen und haben weiter geredet. Über die Möglichkeiten, die helfen könnten derzeit. Was hilft ist reden. Und raus gehen und dabei reden. Das Gefühl zu haben nicht alleine zu sein und erzählen können, was in meinem Kopf ist. Sie meint, ich soll doch mal Wellenreiten als Skill versuchen. Mir beispielsweise morgen früh, wenn es mies ist, immer wieder denken, dass Nathalie mittags kommt und ich mit ihr raus und reden kann. Und mich immer wieder daran erinnern und festhalten. Und gegen die Panik, dass mein Vater plötzlich da stehen könnte, soll ich versuchen das ganze zu splitten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Mutter ihm meine Adresse gibt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie über einen anderen Weg raus kriegt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dort auf mich wartet und mir bis zur mir nach Hause folgt? All diese Dinge sind relativ unwahrscheinlich und es hilft ein wenig gegen die Panik. Nathalie sagt immer wieder, dass es auch wieder besser wird. Dass ich die Kraft habe das zu schaffen. Es tut gut das zu hören, weil ich es selbst nicht schaffe daran zu glauben. Und sie fragt, ob ich will, dass sie mich dann findet. Möglicherweise ohne Puls. Sie oder Pfleger Arschkeks oder Pfleger Kai. Und ich schüttel den Kopf, denn natürlich will ich das nicht. „Und ich sage wieder den berühmten Satz: vor einem Jahr wäre das alles noch nicht möglich gewesen. Und es ist eben nur ein Jahr bisher.“ Ja. Vor einem Jahr hätte ich vermutlich schon längst versucht das ganze zu beenden. Auch wenn ich es in diesen Momenten, in denen ich heulend und zitternd mit dem Kopf voller Flashbacks irgendwo hänge, einfach nicht sehen kann. Dann sehe ich da keinen Fortschritt und keine Entwicklung, dann ist da nur der augenblickliche Horror und die Panik und die Angst und der Wille aufzugeben, nichts anderes. „Das ist wie ein Boxkampf. Nur eben da oben. Und ich glaube daran, dass Sie sich nicht umhauen lassen.“ sagt sie, als ich wieder einigermaßen bei mir bin und wir wieder auf der Station sind.
Danach ist es besser. Reden und gehen und gehen und reden hat geholfen, hat mich aus der Hochspannung und den Flashbacks geholt. Die Suizidgedanken sind immer noch da, aber so weit besser, dass ich nicht mehr das Gefühl habe direkt auf der Stelle einen Weg suchen zu müssen mir das Leben zu nehmen. Etwas Erleichterung in dem aktuellen Chaos.
Nun sitze ich mit Musik und Schokolade im Flur und schreibe. Und mit Nathalies Zetteln.
Tag für Tag.
Minute für Minute.Schritt für Schritt.
Skill für Skill.
Chakka!
Langsam komme ich auch wieder mehr runter und in der Realität an, fühle mich nicht mehr so extrem aufgewühlt und furchtbar. Auch wenn die Anspannung immer noch hoch ist und die Gedanken kreisen.
Bibi war dann noch kurz da und es tat gut mal in den Arm genommen zu werden, da in bisschen zu reden und zu rauchen.
Und manchmal kommt momentan dann auch der Gedanke in den Kopf, dass ich es vielleicht doch schaffe durch die aktuelle Krise, durch die furchtbaren Gedanken und den Horror, ohne dass ich daran sterbe. Vielleicht kann ich das Ganze doch durchstehen, aushalten, durchhalten, ohne dass ich mich ständig verletze oder mir sonst irgendwie schade.

du lässt die Wellen vor dir brechen 
Wenn du deine Fesseln sprengst
Ich will das Meer sehen 
Will in die Freiheit gehen 
Will über den Dingen stehen 
Ich will Wellen reiten

Nur reden mag sie nicht

Es geht mir nicht gut. Ich wurde ohne Vorwarnung oder sonstiges mit meinem Vater konfrontiert, was mich gewaltig aus der Bahn geworfen hat. Nach Außen versuche ich mir wenig anmerken zu lassen, versuche weiter zu machen. In meinem Inneren tobt das pure Chaos. Sämtliche Sicherheit ist flöten gegangen, ich schrecke zusammen wenn es unerwartet klingelt, ich kriege Panik bei jedem Auto, dass vor der Türe hält. Bin ich in der Hauptstadt, dann macht mich jedes Auto der gleichen Farbe und Marke wie das meines Vaters völlig wahnsinnig, jeden Menschen, der mir unterwegs begegnet mustere ich mehr als sonst. Alkoholgeruch triggert mehr als sonst. Sachen im Mund auch. Tabletten schlucken ist jeden Morgen ein Kampf, mittags und abends klappt es ein wenig besser. Ich bin durch und mag einfach nur noch zusammenbrechen.
Stattdessen versuche ich einfach weiter zu machen. Ich war in der Hauptstadt (zweimal, weil einmal Psychiater zu hatte. Und dann nochmal, da hatte Psychiater Urlaub. Also gibt es nur ein Rezept für die Minipackungen von der Vertretung und ich muss am Montag schon wieder hin.), besuche Freunde oder habe Besuch, gehe einkaufen, koche und esse. Zu viel mehr reicht es nicht. Meine Wohnung ist ein Chaos und ich müsste so dringend ein wenig Ordnung schaffen, aber es geht nicht. Mir fehlt die Kraft, völlig.
Ich schlafe nicht gut. Ich träume schlecht und wache oft auch, manchmal klatschnass geschwitzt und heulend. So auch heute. Irgendwann hab ich es aus dem Bett geschafft und bin zur Apotheke und habe endlich meinen Krankenschein zur Post gebracht, zuhause habe ich wenigstens mal die Wäsche in die Maschine geworfen und mir einen Tee gekocht. Gleich mag ich nochmal für ein paar Stunden in mein Bett krabbeln, denn ich bin müde und erledigt von der Nacht.
Die Suizidgedanken kommen immer wieder so heftig, dass ich das Gefühl habe sie nicht auszuhalten und ihnen nachgeben zu müssen. Die Flashbacks hauen immer wieder so extrem rein, dass ich ihnen nichts entgegenzusetzen weiß. Nur mit viel Kraft schaffe ich es mich nicht so extrem zu verletzen, dass ich ins Krankenhaus muss. Langsam habe ich aber das Gefühl, dass mir die Kraft und die Kontrolle immer mehr flöten gehen.
Für heute habe ich mir vorgenommen ein wenig in meiner Wohnung Ordnung zu schaffen, ich kriege Besuch und einkaufen steht auch auf dem Plan. Alltag. Struktur. Dinge, an denen ich mich festhalten kann.
Weiter atmen. Einfach atmen. Ein und aus. Minute für Minute.

oft sitzt sie vor dem Fenster, schaut wie der Himmel weint
sieht so viele Schatten, obwohl die Sonne gar nicht scheint
seit unendlich langer Zeit lebt sie in einer dunklen Welt
sie hat viel zu früh gelernt, dass der Tod auch zum Leben zählt
wo Rosen regnen, da wäre sie so gern
wo Felder blühen, eine Welt so nah und fern
wo Milch und Honig fließt, das ist ihre Welt
kann ich noch etwas sehen: Hoffnung!

Pfleger Arschkeks* mag Harry Potter nicht. Die Hexe will Kekse in Besenform. Cookie schläft friedlich auf dem Handtuch. Zitronenkater liegt in seinem Körbchen vom Kratzbaum und schaut mich aus halb offenen Augen an. Und ich, ja ich bin wach.
Ich habe Flashbacks. Fiese Flashbacks, die Schmerzen machen. Im Unterleib und da unten rum. Schmerzen, die eigentlich gar nicht da sind. Aber irgendwie doch. Und die Schmerzen machen Flashbacks. Und die Flashbacks Schmerzen und die Schmerzen… Ja. Ihr wisst schon. Und so rufe ich zitternd in der Klinik an mit unglaublicher Anspannung und lege wieder auf mit weniger Anspannung. „Ich mag keine Katzen“ sagte der Pfleger. „Sie sind ja auch nicht Alf“ erwidere ich. „Sie fangen ja an mich zu verarschen, dann ist es doch schon besser.“ Ich muss zwischendurch lächeln und lachen. Das Gespräch holt mich mehr runter, als alle Skills davor. Vielleicht war das eben der Skill, den ich gebraucht habe.
„Ich will, dass mein Name geändert wird“ meint der Pfleger, als ich sage, dass ich ja noch bloggen kann als Skill. Er meint, ich wäre nicht sonderlich kreativ bei der Decknamensfindung (wie denn auch nach Mitternacht und mit Flashbacks). „Ich kann Ihnen ja so schöne Spitznamen geben wie meinem Kater“ – „Welche denn?“ – „Arschkeks zum Beispiel.“ – „Pfleger Arschkeks ist okay. Aber nur für den Blog. Nicht bei den stationären Aufenthalten, das spricht sich sonst rum!“ Und so gibt es neben einer Hexe mit zwei Besen nun eben auch einen Arschkeks auf der Station. Und ich grinse und werde nun grinsend ins Bett gehen, Harry Potter als Hörbuch wieder anmachen, mich in die Kuscheldecke wickeln und an was schönes denken. An Kekse zum Beispiel. Ohne Arsch. Wobei Kekse toll sind, egal ob mit oder ohne.

Gute  Nacht Welt.

(*Name von der Redaktion geändert)