Hier geht’s zum Rest des Lebens

Endlich finde ich die Zeit und Kraft zu schreiben von den letzten Tagen, es ist so vieles passiert, dass ich schon das Gefühl hatte bald zu platzen. 

Zuerst mal der Samstag. Im Vorfeld war da sehr viel Angst und Unsicherheit. Auch in Bezug auf Frau S., denn immerhin habe ich sie 8 Jahre nicht gesehen. Und eben die Angst vor der Fahrt, die Angst vor der Nähe und vor alten Gefühlen. 

Die Hinfahrt verlief dann doch ganz okay. Die Angst und Nervosität ließ sich ganz gut aushalten, ich habe viel Emotionssurfing probiert und mich viel abgelenkt. Als ich dann durch den Landkreis fuhr, als die Autokennzeichen plötzlich das so bekannte Kürzel zeigten, da wurde mir für einen Moment schon anders, aber es ging. Und es war gut einen Umweg zu fahren, dem Ort nicht ganz nah zu kommen. Und es war auch ein wenig Wehmut dabei, als ich dann wirklich den Rand des Schwarzwalds erreicht hatte, als es immer weiter hinein ging und einmal quer durch. Immerhin habe ich dort so viele Jahre gelebt und auch wenn es für mich nie wirklich Heimat war, so war es doch ein Stück Zuhause. Als ich dann zum letzten Teil meiner Reise kam, als die Orte vertraut wurden und die Dinge vor den Fenstern, da stieg die Nervosität unglaublich. Ich habe dann dort angekommen noch mit der kleinen Hexe telefoniert, war in dem Supermarkt, der immer noch dort steht wo er früher war und saß dann auf einer der Bänke, auf der ich auch früher saß. 

Und dann kam Frau S. und es fühlte sich nach wenigen Minuten wieder unglaublich vertraut und gut an. Wir haben viel geredet, ich habe viel erzählt. Von jetzt und wie es mir geht, von damals und von der Zeit zwischen damals und jetzt. Und ich habe auch über den Missbrauch geredet, zum ersten Mal völlig offen mit einem Menschen, über meine Gefühle, über die Angst die es immer noch macht, über die Zerrissenheit zwischen Wut und Liebe, über die Scham, über all den Kram der damit zusammenhängt. Und sie sagt wieder, dass es ihr schon damals eigentlich klar war, dass ich aber auf ihre Nachfragen hin so geblockt habe, dass sie merkte es ist gerade einfach besser so. „Es hätte ja auch niemand auffangen können“ sagt sie und sie hat Recht. Damals war ich so sehr am Kämpfen, so sehr am Überleben, dass dafür kein Platz gewesen ist, dass ich es einfach auch nicht überlebt hätte. Und ich bin froh und dankbar, dass sie mich damals so geschützt hat. Wir laufen lange durch die Natur, reden, reden,  reden. Sie zeigt mir ihre neuen Praxisräume, ich zeige ihr Bilder von meinen Tieren. Ich erzähle von meiner Schwester, Frau S. meint „Ja, sie war dir damals schon unglaublich wichtig.“ und ich nicke und lächle. Sie findet es toll, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, einen Schulabschluss habe, in meinem Beruf gearbeitet habe. Trotz allem. Wir sitzen im Café und trinken und essen und reden und reden. Sie findet es schön, dass ich meinen Humor nicht verloren habe, ich finde es schön, dass sie meinen Humor immer noch versteht.

Nach fast 6 Stunden begleitet sie mich noch zum Zug und winkt mir. Wir haben beschlossen, dass bis zum nächsten Treffen keine 8 Jahre mehr vergehen werden.

Die Rückfahrt hat mich dann doch noch ein wenig gestresst, denn es ist Wasen. Betrunkene Menschen in Massen, die sich alle in einen Zug quetschen… es stresst mich einfach. Aber dank Musik und Augen zu hat es irgendwie funktioniert und ich bin mit einer tiefen Zufriedenheit wieder in der Klinik angekommen. Zum einen, weil es so unglaublich gut tat Frau S. zu sehen und zu reden, zum anderen, weil ich es geschafft – und zwar gut geschafft – habe dort hin zu fahren.

Der Sonntag war dann ein wenig anstrengend. Wir wollten in den Tierpark fahren und haben das auch gemacht, trotz Regen. Aber irgendwann war es einfach nur noch kalt und nass und bäh und ich habe auch die Erschöpfung von Samstag deutlich gemerkt. Zurück in der Klinik brauchte ich erst mal eine heiße Dusche und eine Mütze Schlaf. Trotzdem war es schön dort und wir hatten eine gute Zeit, abgesehen vom Regen und der Kälte.
Heute ging es dann in der Einzeltherapie los mit dem großen bösen Thema „Gefühle“… Frau Psychologin erklärte mir wie angemessene Gefühle in einer Situation durch die Glaubenssätze zu Gefühlen werden, die einfach nicht mehr passen. So wie es oft im Vorfeld einer Selbstverletzung kippt und ich von etwas angemessenem wie Ärger zu Selbsthass schwanke, oder auch teilweise von Freude ins andere Extrem kippe. In meinem Kopf läuft automatisch so viel ab, dass mir das ganze oft passiert. 

Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin falsch. Meine Gefühle sind falsch. Ich darf keine Gefühle haben. Ich darf keine Meinung haben. Ich bin Schuld. Ich habe es verdient. All das sind Dinge, die so tief in mir verwurzelt sind, dass ich ihnen kaum etwas entgegensetzen kann. Dass ich automatisch so handle, so denke, so fühle. Doch ich habe momentan das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin um auch da etwas zu ändern.

Es geht voran und es geht weiter. Manchmal tut es weh und mag ich aufgeben. Doch es geht weiter. Und manchmal kann ich auch akzeptieren, dass es nun okay ist. Dass hier und jetzt der richtige Zeitpunkt ist um weiter zu gehen. Es ist okay, dass manche Dinge nun erst kommen und nun erst Platz und Raum finden um da zu sein. Es hätte ja auch niemand auffangen können. Hier und jetzt ist es okay auch mal nicht okay zu sein. Zeit zu brauchen. Es ist okay zu stolpern und hinzufallen. Aber es ist auch okay wieder aufzustehen und weitet zu machen. 

Ich bin der Typ, der nach den guten Zeiten schürft
Und wenn ich merk, dass meine Jugend Falten wirft
Such ich mein Yukon, wo die Reise einst begann
Und hier fang ich, hier fang ich an
Hier geht’s zum Rest des Lebens
Und danach such ich eben
Und ich grab, so tief ich kann

Diagnosekram

Es ist ja ziemlich langweilig in eine Klinik zu gehen und mit den gleichen Diagnosen wieder entlassen zu werden. So wird sich nun neben den anderen wohl eine neue in die Liste einreihen: ad(h)s. Meine Psychologin kam heute in unserem Einzel darauf. Und dann haben wir eben einen kurzen Diagnostiktest gemacht. „Also da nehmen Sie ja ganz schön viele Punkte mit.“ meinte sie am Ende zu mir. Und ich muss an Frau S. und ihre Reaktion damals auf meine BPS-Diagnostik denken. „Wenn schon, dann richtig. Du lebst nach dem Motto: entweder ganz oder gar nicht!“ 

Insgesamt war es ein gutes Einzel. Und ich bin froh, dass ich bei ihr bleiben kann und nicht wieder wechseln muss, wenn die Ärztin nächste Woche aus dem Urlaub zurück kommt. Ich werde zwar von ärztlicher Seite dann wieder von ihr betreut und auch die morgendliche Visite mit ihr machen, psychologisch aber bei der Psychologin bleiben. 

Gestern habe ich dann tatsächlich auch meine Teamvorstellung überlebt. Es war schwer für mich vor so vielen Menschen über meine intimsten Gefühle und Gedanken zu sprechen (denn nichts anderes sind die Gefühle und Gedanken vor, während und nach einem Suizidversuch), aber ich habe es überstanden und bin nun in Stufe 2. Zur Belohnung gab es dann heute erst mal einen neuen Stapel Blätter, die ich dann nun ab heute ausfüllen muss. Ab nächster Woche werden dann auch 5 neue Termine in meinem Plan stehen und ich vermisse nun schon die freie Zeit, die ich die ganze Zeit immer zwischendurch mal hatte. 

In der Oberarztvisite ist die Oberärztin alles andere als begeistert, dass ich morgen zu Frau S. fahren will. Sie würde es mir am liebsten ausreden, doch ich bin eben nun mal trotzig und stur und habe auch meinen Plan für die Fahrt und alles, weil mir durchaus bewusst ist, dass das ganze kein Spaziergang werden wird. Meine Gedanken und Pläne bespreche ich mit der Psychologin im Einzel und ich glaube dass wir beide uns nun besser fühlen bei dem Gedanken an morgen. 

Also steht nun wieder ein Wochenende vor der Tür. Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell. Ich weiß gar nicht wohin die Tage verschwinden, weiß gar nicht wie so schnell aus den Tagen nun schon mehrere Wochen werden konnten. Aber erst mal ist nun Wochenende, therapiefreie Zeit, Zeit für mich und für Schönes. 

But I survived 

Gestern war ein guter Tag. Eigentlich bin ich schon nach dem Aufstehen relativ gut gelaunt, nach der Visite aber ein wenig knatschig, da ich gerne direkt das Okay bekommen hätte die Quetiapin morgens weg zu lassen. Denn ich merke immer mehr, dass sie mich morgens einfach nochmal wegföhnen, unglaublich müde machen und ich oftmals dann einfach schlafen muss. Ich bin ja noch gar nicht so lange mit den Seroquel am Abend runter, dadurch ist auch der Überhang morgens weg und vielleicht merke ich daher auch morgens nun mehr. Und Zuhause war es ja meistens egal, da konnte ich mich nochmal hinlegen, wenn keine Verabredungen oder Termine waren. 

Hier stehe ich allerdings schon meistens kurz nach 7 auf, habe Therapien und hänge dann so gegen 9 sowas von in den Seilen, dass ich wirklich manchmal überlege mir Streichhölzer unter die Augenlider zu klemmen um wach zu bleiben. 

Das Ganze muss nun erst mal in der Oberarztvisite morgen besprochen werden. Vielleicht weiß ich dann ja mehr. 

Morgens  saß ich eine ganze Weile noch mit Mitpatienten draußen, bevor ich mich gegen 9 nochmal für ’ne Stunde ins Bett verkrochen habe. Um 10 bin ich dann aus dem Bett geschossen und zur Studie geflitzt. Die Vortermine sind rum, seit gestern morgen bekomme ich nun das Spray mit Oxytocin oder einem Placebo, wissen tu ich es natürlich nicht. 

Abends sind wir zu sieht los gezogen in ein Café, es tat so unglaublich gut raus zu kommen mit Menschen, die ich mag. Einfach draußen sitzen, einen alkoholfreien Cocktail trinken, rauchen, reden, lachen. Ich habe es richtig genossen. 

Der Tag heute begann dann eigentlich auch ganz gut, die Oberarztvisite war irgendwann dann endlich auch bei mir angekommen und vorbei und ich wollte mich eigentlich grade wieder ins Bettchen trollen (ohne Quetiapin, das ist nun nämlich morgens raus), da habe ich erfahren, dass mein Struppi gestorben ist. Mein alter Herr, mein Uraltschwein. Mein Morgen war dann erst mal gelaufen, ich hab mich ins Bett verkrochen, geheult, geschlafen. Nachmittags bin ich mit F. los gezogen und es gab einen Berg an „ich belohne mich für die ganzen Verhaltensanalysen, ausgehaltene Situationen, anstrengende Gespräche und das ganze skillen“, quasi für die letzten 3 ½ Wochen. Schon gestern habe ich ein Buch bestellt, das war ich abholen, dann ein paar Klamotten shoppen und Schuhe und den Spielzeugladen plündern, im Mecces was essen und während der ganzen Zeit unglaublich viel lachen und einfach alles Blöde für eine Weile vergessen. Erledigt und mit der gefühlt halben Innenstadt in Tüten kamen wir dann wieder auf der Station an. 

Ich hab noch ein wenig Kram zusammen gesucht für morgen. Dreckige Klamotten in die Tüte gestopft, meinen Ordner mit Unterlagen und das Manual eingepackt. Um 6 wird mein Wecker klingeln, ich werde meine Medis einpacken und langsam los ziehen in Richtung Bahnhof um von dort den Bus zu nehmen in die Hauptstadt. Ich freue mich unglaublich auf daheim, vor allem auf meine Tierchen, auch wenn es nun eben nur noch 4 sind. Leider. 

Und eine positive Sache gibt es auch noch, denn meine ehemalige Therapeutin schrieb mir vor ein paar Tagen zurück. Wir werden uns nächste Woche Samstag treffen. Ich freue mich total, ich bin unglaublich nervös und hibbelig wenn ich dran denke. Sie war in über 5 unglaublich anstrengenden und fruchtbaren Jahren an meiner Seite und hat mich oftmals durch die Zeit getragen und mit ihren eingeforderten Versprechen daran gehindert mir das Leben zu nehmen, sie war ein so unglaublich wichtiger Mensch in all dieser Zeit. Und sie ist es manchmal immer noch. Ich weiß nicht, wo ich nun ohne sie stehen würde. Ob ich überhaupt noch irgendwo stehen könnte. Ich freue mich einfach sehr darauf sie zu treffen. 


I had a one-way ticket to a place where all the demons go
Where the wind don’t change
And nothing in the ground can ever grow
No hope, just lies
And you’re taught to cry in your pillow
But I’ll survive