and more, much more than this

Liebe Rita,

Es ist gut 2 ½ Jahre her, dass wir uns zum ersten Mal begegneten. Damals kam ich zum aller ersten Mal auf die Station und du warst auf Krawall gebürstet, gingst uns allen auf die Nerven.

Manchmal reden wir heute noch darüber, wie es beim Abendessen zum Streit um das scharfe Messer kam, weil du darauf bestanden hast, dass es dir gehört. Dann lachen wir und erinnern uns, wie du schimpfend und fluchend über die Station gezogen bist.

Oftmals bist du im Tagesraum einfach eingeschlafen, sitzend auf dem Stuhl. Es dauerte manchmal ewig bis dich wieder jemand wach bekam. Und manchmal bist du ein paar Augenblicke später einfach genau dort nochmal eingeschlafen.

Auch darüber reden wir noch manchmal, wenn sich welche von der „alten Truppe“ treffen. Und wir lachen und schmunzeln, weil du uns irgendwie doch allen ans Herz gewachsen bist mit deiner Art, die abseits deiner Krawallphasen einfach auch liebenswert sein konnte.

Wir sitzen da und denken an dich. Doch etwas ist anders.

Es wird nie wieder einer von uns im Tagesraum sitzen und dich schlafen sehen. Niemand wird dir mehr vor der Klinik beim Rauchen begegnen oder dir zuhören, wenn du im Raucherraum bei alten Schlagern aus deinem Leben erzählst.

Liebe Rita, du warst ein besonderer Mensch. Und einer der ersten Verrückten, der mir damals in der Klinik begegnete, mich zur Weißglut brachte und doch mein Herz eroberte.

Sobald ich wieder zuhause bin werde ich nach dem Seidentuch suchen, dass du damals in der Ergo gemalt und mir geschenkt hast. Ich werde es in Ehren halten und immer an dich denken wenn ich es sehe.

Du hast mein Leben ein kleines Stück bereichert und bunter gemacht mit deiner Art.

Mach’s gut liebe Rita. Bis wir uns wiedersehen…

I’ve lived a life that’s full I’ve travelled each and every highway and more, much more than this I did it my way

Irgendwann schließt sich der Kreis. 

Die letzten 3 Nächte habe ich wieder normal geschlafen. Einigermaßen. Zwar nicht so erholsam wie früher, aber immerhin Schlaf.  Bis dahin war es furchtbar. Mal okay, dann klappte es wieder fast gar nicht und ich schlafe dann irgendwann auch nur, weil ich so erschöpft bin. Meine diary card besteht in der letzten Woche fast nur noch aus den Zahlen 0-3 im Feld Schlaf. Wirklich gut habe ich seit zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Eine Nacht, nach der man einfach erholt aufwacht. Ich vermisse es unglaublich und ich frage mich, wie lange mein Körper eigentlich noch mitmacht. 

Letzte Woche kam ich zumindest mit meinem Zeugnis endlich mal weiter. Ich hab es der Abteilungsleiterin für meine Ausbildung in der Schule gebracht und ihr die Situation erklärt. Sie will sich darum kümmern, dass ich endlich die Fachhochschulreife anerkannt bekomme. Man könnte nicht meinen, dass ich in einem anderen Bundesland die Schule besucht habe, es nimmt Ausmaße wie die Schulbildung eines komplett anderen Kontinents an. Mit zwei Bildungsministerien kommunizieren, bei dem das eine mir erklärt, dass die Mitarbeiter des anderen doch unfähig sind, darüber diskutieren, dass die Zeugnisse im anderen Bundesland nun mal nur eine Seite haben und keine vier wie hier, dass ich auch ohne schriftliche Prüfung einen mittleren Bildungsabschluss habe (Himmel, hätte ich mich sonst überhaupt an der Schule anmelden können?!), es ist mir wirklich auf den Keks gegangen. Nun hoffe ich einfach, dass die Abteilungsleiterin das ganze geklärt bekommt ohne weitere Dramen, denn ich mag einfach nicht mehr. 

Am Freitag war dann der Termin bei der Rentenversicherung. Tja. Ich habe noch nicht genug Zeit für die Erwerbsminderungsrente. Aber eine volle Rente ginge. Die sind doch auch bluna, wenn ich noch arbeiten/studieren/was auch immer will und sie weniger koste, dann klappt es nicht, wenn ich aber nix mehr mache, dann klappt es. Allerdings hätte ich theoretisch genug Jahre, denn da ist noch das Praktikum, dass ich für die Ausbildung gebraucht habe. Allerdings haben die (warum auch immer) keine Beiträge in die Rentenversicherung gezahlt. Obwohl sie müssten, trotz unentgeltlichem Praktikum. Sagt das SGB. Also werde ich da nun nachfragen müssen, was da schief lief. Denn mit dem Jahr könnte ich den Antrag stellen… Chaos. Da schreibt einem die Rentenversicherung, dass man einen Antrag stellen soll, man hat aber noch gar kein Recht drauf. Was ein Käse. 

Danach musste ich mich betrinken. Ich habe einen Ehemann Klassenkameraden getroffen und mir eine Ladung Cola-Weizen gegönnt, was mit Medis und in der prallen Sonne ziemlich viele Umdrehungen verursacht hat. Aber es tat auch gut einfach mal ein wenig dysfunktional zu sein ohne dabei wirklich ‚Problemverhalten‘ an den Tag zu legen. 

Gestern habe ich mich dann auf den Weg in die Hauptstadt gemacht und von dort aus noch 3 Bahnhöfe weiter zu Mama. Wobei dort nun kein Bahnhof mehr ist. Man muss über die Gleise und zwei Menschen lassen bei jedem Zug die Schranken runter und ziehen sie danach wieder hoch. Auch ein sehr undankbarer Job… 

Bei Mama traf ich dann auf ihre aktuelle/ehemalige/wieder beste Freundin. Was die zwei eigentlich miteinander für ein Problem hatten wissen sie wohl beide nicht mehr, jedenfalls haben sie nun wieder Kontakt. Sie kennt meine Mutter über ihren Ehemann, der ein guter Freund ihres damaligen Ehemannes war – meines Vaters. Schon an dem war zeigt sich, dass auch diese Freundschaft in die Brüche ging, wie fast alle, die mein Vater jemals hatte. Sie bietet mir an mich zum Bahnhof in die Hauptstadt mitzunehmen, doch da wir zu spät sind und ich eine Stunde auf die nächste Bahn warten müsste, fährt sie mich dann doch bis nach Hause. Auf dem Weg reden wir fiel. Sie war damals einer der ersten Menschen nach meinen Eltern, der mich nach der Geburt auf dem Arm hielt. Sie kennt mich also, seit ich ein winziges schreiendes Wesen war. Sie fragt nach, warum ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater habe und ich erzähle ihr die Wahrheit, nicht die halbe Geschichte, wie ich es sonst immer tue. Es fühlt sich merkwürdig an, denn es ist immer noch so neu, dass ich diese Worte ausspreche, dass ich sage, dass da mehr war als nur die Gewalt und die gefühlsmäßige Scheiße. Ihre Antwort darauf ist „Also war es doch so.“ und ich bin überrumpelt. 

Sie erzählt mir, dass es Situationen gab, die sie sowas vermuten ließen. Damals, als meine Eltern grade ihre Trennung durch hatten und ich bei ihr schlief. Und sie erzählt, dass mein Vater meine Mutter damals überredete in die Klinik zu gehen. Sie bräuchte das nun, nach dem Stress, der Trennung, der bevorstehenden Scheidung. Ob er damals schon plante sie später als verrückt darzustellen, weil sie ja in der Psychiatrie war? Ob er damals schon im Hinterkopf die Pläne hatte, mich einfach mitzunehmen und das alleinige Sorgerecht zu beantragen? Ich würde es ihm zutrauen, dass das alles eine durchdachte Sache war. Nicht aus Liebe zu mir (haha.), sondern einfach nur um sie zu treffen, zu verletzen. 

Die Erzählungen machen mich einerseits wütend und hilflos, andererseits helfen sie mir. Das Gefühl und die Gedanken, dass ich vielleicht das ganze nicht erlebt habe, sondern es ein verrücktes Hirngespinst meiner kaputten Psyche ist, sind zwar weniger als früher, dennoch habe ich sie eben. Aber solche Dinge bestätigen mir, dass meine Erinnerungen echt sind. Dass die Flashbacks wirkliche Erfahrungen waren, dass die Schmerzen, die ich so oft spüre, tatsächliche Körpererinnerungen sind, dass dieses unbeschreibliche und furchtbare Trauma Wirklichkeit ist. So sehr es schmerzte, es ist passiert. 

Die ganzen Puzzleteile, die sich seit der Traumatherapie und seit dem Zeitpunkt, an dem ich anfing darüber zu sprechen, an allen möglichen Orten finden, setzen sich zu einem Ganzen zusammen. Langsam, aber stetig. Gemeinsam mit den Puzzleteilen, die schon mein Leben lang da waren, aber sich nicht zu einem Bild zusammensetzen ließen. Langsam machen all die Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Flashbacks und Schmerzen, mein Verhalten und die Scham einen Sinn. Und es hilft, denn ich kann so viele unsinnige Dinge plötzlich anders sehen. Es macht auf einmal Sinn, wie damals, als die adhs-Diagnose kam. Plötzlich passt es. Und obwohl es schmerzt dieses Puzzle zusammen zu setzen, so ist es doch Teil von mir, auch wenn ich manchmal immer noch versuche es zu verdrängen. 

Und ich bin froh, dass ich ein paar tolle Menschen in meinem Leben habe, die diesen schmerzvollen Weg mit mir gehen. Die an meiner Seite sind und mich stützen und mir Kraft geben. 

Noch bin ich ein wenig neben der Spur aufgrund des neuen Wissens von gestern. Ich brauche Zeit, um es sacken zu lassen, um es zu verarbeiten und einzuordnen. Und ich bin froh, dass diese Woche Therapie ist, denn ich brauche einen Ort, an dem ich das teilen und sortieren kann. Und ich muss bei dem Gedanken schmerzlich lächeln, denn vor ein paar Jahren saß ich der Therapeutin noch gegenüber und bin fast ausgeflippt, als sie fragte, ob da mehr gewesen sein könnte damals. Tja. So ändern sich die Dinge… 

Und nichts hält dich auf
Nichts bringt dich zum stehen,
Denn du bist hier,
um bis ans Ende zu gehen
Kein Weg ist zu lang,
Kein Weg ist zu weit,
Denn du glaubst an jeden Schritt,
weil du weißt
irgendwann schließt sich der Kreis
irgendwann schließt sich der Kreis

Kurzurlaub 

Ich sitze im knallgrünen Fernbus, die Sonne geht langsam hinter den Hügeln der Vogesen unter und ich bin wieder auf dem Weg nach Hause. 

Am Freitag musste ich früh aus dem Haus, da Dank der Baustelle an der Bahnstrecke die Fahrerei derzeit ein wenig komplizierter ist. Voll bepackt bin ich dann bei meiner Therapeutin aufgeschlagen. Ich habe ihr von den furchtbaren Tagen und Stunden erzählt in der letzten Zeit, habe ein wenig von meiner verkorksten Familie erzählt und habe sie sprachlos gemacht mit einigen Dingen, die ich über mich selbst, den Missbrauch und die vergangenen Tage erzählt habe. Sie kommt aktuell noch nicht so wirklich mit mit meinen Therapieerfolgen, schüttelt verwundert den Kopf wenn ich von Selbstfürsorge rede oder kurz auf traumatische Dinge eingehe, ohne dabei völlig wegzudriften oder Worte zu suchen oder das Thema direkt von Anfang an zu meiden. Es war erst die dritte Sitzung seit der dbt, die zweite seit der Traumatherapie. 

Danach mache ich mich auf direktem Weg auf zum Fernreisebusbahnhof (was ein Wort!), steige kurz darauf in den Bus und bin auf dem Weg in die dbt-Stadt. Mit jedem Kilometer werde ich hibbeliger und muss mich beherrschen, um den Busfahrer nicht anzufeuern ein wenig mehr Gas zu geben. Dann kommt die Autobahnabfahrt, dann die Stadt und dann der Busbahnhof in Sicht und kurz darauf drücke ich F. und A. an mich. 

Am Samstag sammeln wir noch C. und M. auf, verbringen Zeit in der Stadt bis Ch. zu uns stößt und wir endlich wieder komplett sind, endlich wieder alle zusammen, bis wir uns drücken und quietschen und freuen und nicht mehr aus lachen und freuen und allem raus kommen. Wir verbringen einen wunderschönen Tag zusammen, schocken einen der Pfleger auf Station, weil wir plötzlich alle dort auftauchen (er hat sich aber auch kurz darauf vom Schock erholt und sehr gefreut), sitzen zusammen im botanischen Garten und essen, machen Fotos und malen die Straße vor der Klinik mit Kreide an. Irgendwann wird es leider wieder Zeit für den Abschied, Ch. und M. fahren wieder, während wir verbliebenen 4 noch Zeit miteinander verbringen bis C. zurück in die Klinik muss. 

Den Sonntag verbringen wir dann größtenteils zu viert, bis F. dann auch wieder auf Richtung Heimat muss. Am Abend verabschiede ich mich für die Nacht dann auch von C., mit A. bastel ich und mampfe und schaue TV. 

Heute morgen bin ich dann los gezogen und habe die liebe fylgja besucht und gemeinsam mit ihr zu ihrem Geburtstag gebruncht, geraucht und gequatscht. 

Und dann hieß es auch schon wieder Sachen packen und mit A. noch zu C. in die Klinik. In der Klinik bin ich dann erst den so gewohnten Weg in den zweiten Stock des Nebengebäudes gegangen und habe meiner ehemaligen Therapeutin Fr. K. einen Besuch abgestattet. Ich saß in ihrem Büro, habe erzählt, von uns Mädels, von mir, von der schweren Zeit vor dem Wochenende und auch, dass diese fruchtbaren Tage dazu gut waren mir zu zeigen, wie verdammt viel ich eigentlich schon erreicht habe. Ich schaffe es trotzdem noch irgendwie für mich zu sorgen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen, ich bin in keine suizidale Krise gestürzt, ich habe mich nicht verletzt. Sie freut sich über meinen Besuch und meine Erzählungen. 

Irgendwann muss A. los und ich drücke sie fest zum Abschied, verbringe noch ein wenig Zeit mit C., bis sie mich bis zur Straßenbahn begleitet und ich auch sie ein letztes Mal drücke. Kurz darauf bin ich am Bahnhof und steige ein wenig später in den Bus, der mich wieder zu meiner Hauptstadt tragen wird. 

Die Tage waren so unglaublich schön. Ich habe jeden Moment aufgesaugt, habe jedes Lachen und Kichern und Umarmen und jedes Gespräch und auch die ernsten Momente so genossen. Unsere kleine Gang gibt mir so viel Kraft und Rückhalt und Energie und Wärme und es tat unglaublich gut mit Menschen unterwegs zu sein, denen man nicht erst stundenlang etwas erklären muss, Menschen, die einen verstehen und so nehmen wie man ist und die den schweren Weg durch die dbt mit einem gemeinsam gegangen sind. Und es war auch schön fylgja wieder zu sehen, weil ich sie und unsere Gespräche unglaublich mag und die gemeinsame Zeit genieße. 

Ich fahre also mit vielen tollen Momenten im Gepäck zurück in die Heimat, voller Wärme und auch mit Zuversicht, dass es nun wieder bergauf gehen wird. Auch wenn ich unglaublich traurig bin, weil ich nun diese Menschen nicht bei mir habe. Aber ich weiß ja, wo ich sie finden kann und dass sie trotz der Entfernung immer ganz nah sind. 

Und so sehr der Abschied schmerzt, so freue ich mich doch auf den verrückten Zitronenkater und die Meeris und mein Zuhause und auch auf die Menschen dort in der Nähe. 

Wegfahren und Heimkehren 

Auf dem Weg zur Klinik renne ich fast in meine ehemalige Therapeutin, weil sie gerade den Supermarkt verlässt, in den wir rein wollen. Ich quietsche erst mal und freue mich, dass ich ihr zufällig nun schon über den Weg laufe und mir so die spätere Suche nach ihr spare. Wir reden ein wenig und es ist schön ein paar Worte mit ihr zu wechseln, ihr zu sagen, dass es wirklich okay ist momentan, es ist schön zu sehen, dass sie sich freut. 

Mich von Puffi zu verabschieden ist schmerzhaft, denn ich würde sie so gerne viel öfter sehen, ihr Halt geben und für sie da sein, nicht nur so aus der Entfernung. Ich drücke sie fest an mich mit Tränen in den Augen und wir versprechen uns, dass wir uns nächsten Monat wieder sehen. 

Als ich kurz auf der Station vorbei schneie, treffe ich im Pflegestützpunkt auf gefühlt die halbe Belegschaft der Station, freue mich, dass auch meine Bezugspflegerin da ist, erzähle ein wenig und ziehe noch kurz mit Mira vor die Türe um ein wenig zu quatschen und sie dann zum Abschied zu drücken. Wenn ich das nächste Mal in die dbt-Stadt fahre,l wird niemand mehr auf der Station sein den ich kenne, alle sind entlassen. 

Als ich mich schließlich am Bahnhof auch von A. verabschiede und in den Bus steige, würde ich am liebsten noch bleiben. So schön waren die Tage, so gut tat mir die Zeit. Doch ich muss wieder nach Hause, muss zu meinen Tierchen, muss mich um meinen Kram kümmern. 

Doch ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut mir Wegfahren tut. Einfach ein paar Tage etwas anderes sehen, Dinge tun, die mir gut tun und etwas gestärkter wieder nach Hause kommen. Und ich werde das definitiv beibehalten, Kurztrips durch die Gegend, andere Orte und liebe Menschen sehen. 

Und so sitze ich lächelnd im Bus, lasse mich von der Sonne bescheinen, genieße die Musik auf den Ohren, während wir Kilometer um Kilometer zurück legen und die französische Landschaft am Fenster vorbei zieht. 

Laut Busfahrer liegen wir gut in der Zeit und erreichen meine Hauptstadt früher als geplant. Je nach Uhrzeit und Verbindung nach Hause hüpfe ich dann vielleicht noch kurz in der Hauptstadt in den Supermarkt und besorge etwas kleines zu essen für heute abend und Grünzeug für die Fellpopos. Der Herr Kater wird bei meinem Eintreffen zuhause vermutlich nur Millimeter entfernt vom Hungertod sein, also eigentlich wie immer. Ich freue mich auf ihn und sein Fell und seinen Geruch und sein Schnurren, freue mich auf das Quietschen der Fellpopos und auf meine Wohnung. Mittlerweile ist dieser Ort für mich Zuhause geworden, nicht zuletzt durch die Tiere. Und genauso wie ich das Wegfahren genieße, genieße ich auch das Heimkehren. 

In nicht mehr ganz einem Monat werde ich den Weg wieder in die andere Richtung fahren, werde die dbt-Stadt und die Menschen dort besuchen und mit A. gemeinsam unser Jahr ohne Selbstverletzung feiern. 

Wofür es sich zu leben lohnt

Ich sitze auf der Bank vor der Klinik, atme ein und aus und blicke auf den großen Baum vor meiner Nase. So oft saß ich an dieser Stelle während der dbt, in sämtlichen Gefühlslagen und Anspannungszustände. 

So sitze ich da, mit Zigarette und Energy, atme ein und aus und denke an den Moment, als ich zum ersten Mal dort saß, vor dem Vorgespräch, angespannt, panisch, kurz davor die Flucht zu ergreifen. 

Nun bin ich fast genauso lange wieder zuhause wie ich in der Klinik war. Fast 14 Wochen sind seit meiner Entlassung vergangen und es fühlt sich nach so viel mehr an. 7 Monate sind vergangen seit dem Beginn der dbt, 7 Monate, in denen so vieles passiert ist, sich so viel bewegt hat. Und auch in der Zeit danach hat sich so viel getan. Es ist teilweise für mich immer noch nicht nachvollziehen, dass sich in so kurzer Zeit soviel ändern kann und ich frage mich oft, ob da nicht doch irgendwann wieder der große Knall kommt und mich zurück wirft. Ich wage es kaum dem Frieden zu trauen, weil es so ungewohnt ist so zu leben. Ohne die 24/7 an Anspannung, ohne ständigen Selbstverletzungsdruck, ohne ständige Suizidgedanken. 

Ich sitze auf der Bank, lächle und bin tatsächlich einfach nur stolz. Ohne das Gefühl direkt wieder wegschieben zu wollen, ohne direkt Gründe zu suchen, die mir zeigen, dass ich noch so viel an mir arbeiten muss. Ich sitze einfach nur da und bin stolz auf mich, auf die vergangenen Wochen zuhause, auf die Traumatherapie, auf die dbt, auf die ganzen Jahre, die ich nun schon kämpfe und nicht aufgebe. Einfach stolz auf mich. 

Es fühlt sich merkwürdig an auf die Station zu gehen, die 14 Wochen meine Heimat war. Es fühlt sich merkwürdig an dort zu sein, auf den so bekannten Knopf im Aufzug zu drücken, die so bekannte Tür zu öffnen. Fremd und doch gleichzeitig so vertraut. 

Seit ich am Samstag hier ankam genieße ich jede Sekunde. Ich genieße die Zeit mit A., ich genieße die Momente alleine, die Zeit mit der lieben Mira, die Zeit mit Puffi und die Zeit, die C., A., Puffi und ich auf der Geschlossenen und dort im Garten verbringen. Ich genieße jeden Augenblick mit den tollen Menschen um mich rum und in dieser Stadt, die für mich ein Stück Freiheit bedeutet, weil hier der Weg in ein neues Leben seinen Anfang fand. 

Ich genieße es einfach zu lachen und verrückt zu sein und zu atmen und zu leben. Und es ist so unglaublich schön, dass ich das kann, dass ich weiter gekämpft habe für solche Momente. Denn genau diese Momente sind es, für die ich leben möchte. 

Nachtgedanken &  Tagesaktivitäten 

​2.37 Uhr. Ich wache auf. Bin verwirrt, versuche nochmal die Augen zu schließen. Drehe mich von einer Seite auf die andere, behutsam, damit der Zitronenkater nicht von dem Schlafplatz auf meinen Füßen purzelt. Doch ich bleibe wach. Drehe mich im Bett bis meine Füße neben dem Kopfkissen liegen und mein Gesicht dicht am Zitronenkater. Ich kraule ihn, stecke die Nase in sein Fell, genieße das Geräusch seines Schnurrens und die leichten Vibrationen unter meiner Hand. Eins der Meeris geht trinken. Eins der kleinen, Flocke trinkt anders, soviel kann ich am Geräusch erkennen. Irgendetwas mit Blaulicht fährt vorbei. 

3.09 Uhr und ich stehe auf. Tapse ins Bad und wieder ins Bett. Der Zitronenkater trampelt ein wenig auf mir rum, bis er eine Position gefunden hat und sich ausstreckt. Ich schließe die Augen. Versuche mich auf die Geräusche in der Umgebung zu konzentrieren, dann auf die Stimme des Hörbuchs. Ich kann nicht mehr einschlafen. 

Um 4.21 Uhr stehe ich auf. Mache mir was zu essen. Trinke was. Rauche. Spiele ein wenig auf dem Tablet, kraule den Zitronenkater, der sich auf meinem Schoß zusammengerollt hat. 5.07 Uhr ziehe ich wieder ins Bett. 

Die Gedanken beginnen zu kreisen. Wie wäre es, wenn ich mir im Jahr 2 oder 3 Selbstverletzungen erlauben würde. Wenn es ganz schlimm ist. Aber was ist, wenn ich die Anzahl ausgereizt habe, es aber trotzdem einen furchtbaren Moment gibt? Wie kann ich entscheiden, ob es nun ein Moment ist, in dem ich mich selbst verletzen „darf“ oder ob ich es mir lieber aufhebe? Würde ich vielleicht irgendwann sagen, okay, dann eben doch noch ein weiteres Mal. Und irgendwann wäre es wieder egal und ich wäre mittendrin. Es gibt keine „angemessene“ Anzahl an Selbstverletzungen. Genau wie ich nicht garantieren kann, dass ich mich nur oberflächlich verletze. Es gibt keinen Mittelweg, keine Ausreden, es gibt nur ganz oder gar nicht. Und dann wähle ich lieber den schweren Weg. Den neuen Weg. Lieber kämpfe ich, skille stundenlange, validiere mich selbst und über mich in achtsamem Umgang mit mir, als wieder ständig in der Chirurgie zu sitzen, Wunden versorgen zu lassen, mich zu erklären und zu schämen und zu hassen. Es sind fast 17 Jahre vergangen seit dem ersten Schnitt. Es ist genug. Ich will frei sein, will nicht mehr nur von einem zum nächsten Schnitt denken, nicht ständig mit Rasierklinge rum laufen, nicht dauernd Verbandsmaterial kaufen. Und ich glaube, dass ich es schaffen kann. Nein, das stimmt nicht. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Vielleicht mit Rückfällen, vielleicht ohne, aber ich will dieses Kapitel endgültig schließen, will immer weniger und weniger dran denken müssen und irgendwann vielleicht nur noch die Narben als Erinnerung haben. 

Mein letzter Blick auf die Uhr, es ist 6.29 Uhr. Ich kuschel mich noch tiefer in meine Decken, mache mir Serie an, schließe die Augen und schlafe endlich ein. 

Mein Wecker klingelt heute morgen dann viel und lange. Ich stelle ihn weiter und weiter, döse vor mich hin, bis ich endgültig aufstehen muss. Ich werde richtig wach auf dem Sofa mit einem Tee und dem Katerkind auf dem Schoß und einer Zigarette, während die Meeris sich über eine Gurke hermachen und ihr Mampfen beruhigend den Raum füllt, gepaart mit dem lauten Schnurren des Katerkinds. 

In der Hauptstadt angekommen nehme ich die Straßenbahn zum Psychiater, gehe danach zum Shop meines Internetanbieters und erfahre, dass sie mir bei einer Verlängerung keine Angebote machen können, nur über die Hotline, ziehe durch verschiedene Läden, treffe mich dann mit M. und wir gehen erstmal essen. Danach stöbern wir durch ein paar Geschäfte und machen uns dann auf den Weg zum Schiff. Wir rauchen Shisha und quatschen und die Zeit vergeht. Als wir aufbrechen ist es schon dunkel. Es war schön heute, ein Tag für die Seele. Angenehme Momente sammeln in vollem Umfang erfüllt. 

Nun sitze ich in der Bahn und freue mich auf die Wärme meiner Wohnung, auf mein Sofa und meinen Zitronenkater und meine Möhrchen. Allzu viel werde ich nicht mehr tun heute. Meine Klinikberichte auf den Küchentisch legen, damit ich sie morgen nicht vergesse und meinen Notizblock einstecken und ein Buch, falls ich Langeweile kriege dort. Ich hoffe, dass sich irgendwo deutsches Netz finden lässt dort, den ganzen Tag ohne Internet, dann muss ich ja meine ganze Musik runter laden… 

Ich bin müde. Ich will in mein Bett. Doch gerade befinde ich mich nicht mal im selben Land wie mein Bett. Mich trennen noch etwa 100 km von meiner Hauptstadt. Noch über eine Stunde. Und dann muss ich von der Hauptstadt erst mal nach Hause kommen. Je nach Ankunft dauert das entweder etwas mehr als eine Stunde, oder auch fast 3. Ich hoffe, dass ich den früheren Zug noch kriege. 

Gestern morgen habe ich mit Fylgja gefrühstückt und bin dann in Richtung Klinik gezogen um mich mit Mira zu treffen. Wir waren im Café und im botanischen Garten und es war schön, den Menschen hinter den Wörtern ein wenig kennen zu lernen. 

Später saß ich hauptsächlich mit Puffi im Foyer, habe aber auch noch ein paar andere Mitpatienten immer mal wieder dabei gehabt. Schon vorher bin ich zum Büro meiner Psychologin, aber sie war leider nicht da. Als ich später eine Mitpatientin in die Richtung laufen sah, die auch bei ihr ist, habe ich einfach gehofft sie nach dem Termin dann zu erwischen und stapfte also nochmal in Richtung Büro, als die Mitpatientin zurück kam. Gerade als wir vor der Tür ankamen, kam meine Psychologin raus und ich verschwand mit ihr für ein paar Minuten im Büro, erzählte ein bisschen. Ich fand es schön, dass ich sie erwischt habe und dass ich ihr berichten konnte, dass es zuhause eigentlich echt ganz gut klappt. 

Später zogen wir ins Café, insgesamt zu sechst. Es war schön mit ein paar Menschen der „alten Truppe“ zusammen zu sitzen. Abends ging es dann zurück zu Fylgja, wir haben Flammkuchen gemacht und unseren IQ mit Dschungelcamp ein wenig gesenkt. 

Heute morgen hätte ich am liebsten einfach weiter geschlafen. Doch irgendwann habe ich mich aus dem Bett gequält, mit Fylgja erst mal geraucht und dann gefrühstückt und gequatscht. Anschließend brachte sie mich noch bis zur Bahn und wir haben uns voneinander verabschiedet. 

In der Klinik habe ich Puffpuff dann aufgesammelt und wir sind in die Stadt um uns dort mit U., einer ehemaligen Mitpatientin von uns, zu treffen. Wir waren im Café, sind durch die Stadt gebummelt. Mit Puffi bin ich dann zurück zur Klinik und wir haben dort noch ein wenig Zeit verbracht, bevor ich meinen Rucksack wieder aus ihrem Zimmer holte, Frau B. von der Pflege noch Tschüss sagte und wir zur Straßenbahn gingen. Beim letzten Drücken und Verabschieden musste ich mit den Tränen kämpfen. Als ich aus der Bahn ausstieg und die Treppen zum ZOB hinunter stieg, kullerten ein paar Tränen. Als ich dann im Bus sitze und wir los fahren,  höre ich auf gegen die Traurigkeit anzukämpfen und lasse die Tränen einfach laufen. Ich verlasse wieder einige Menschen, die mir unglaublich wichtig sind. Und ich vermisse die, die ich nicht sehen konnte. Und F. fehlt mir, weil sie die ganzen 14 Wochen an meiner Seite war und nun so weit weg ist. 

Es ist okay. Ich darf mich grade scheiße fühlen. Ich weiß, dass es auch wieder anders werden wird und ich lächeln kann, wenn ich an die tollen Menschen denke. Doch gerade kotzt mich die Entfernung einfach an. Außerdem bin ich müde und deswegen eh knatschig, hab keine Lust eventuell noch eine Stunde auf den Zug warten zu müssen, ich vermisse mein Katerkind und die Schweine und ich will Sommer. 

Vor der DBT hätte ich mich jetzt so lange selbst zerpflückt, weil mir diese Gefühle so gar nicht in den Kram passen, bis ich entweder unglaublichen Selbstverletzungsdruck oder extreme Suizidgedanken (oder beides) gehabt hätte. Ich wäre abgestürzt, weil die Tage so schön waren, es aber einfach nicht gut sein darf. 

Und nun fühle ich mich zwar grade ziemlich beschissen, aber ich akzeptiere es einfach und belasse es dabei. Ich zerpflücke mich nicht, reiße mich nicht in kleine Fetzen. Morgen wird es wieder besser sein, nach einer großen Portion Schlaf und dem ersten Abflachen der Traurigkeit und des Vermissens. Nun ist es eben wie es ist. Und ich sehne mich nach meinem Bett und meinen Fellnasen. 

Ankommen 

Irgendwas kleines und quietschendes hängt an mir und drückt mich fest. So verlief die erste Begrüßung auf Station von Puffi. Dann quietschte es wieder und C. drückte mich fest und mir noch einen Knutscher auf die Backe. Es folgen Umarmungen, Gequietsche, noch mehr Umarmungen, noch mehr Gequietsche. 

Zuvor saß ich nervös in der Küche. Wartete auf das Ende der Gruppe, schrieb und telefonierte mit K., versuchte meine Anspannung und die tausend verschiedenen Gefühle in mir in den Griff zu kriegen. 

Die Station zu betreten war merkwürdig. 14 Wochen habe ich dort gelebt, gekämpft, geschlafen. Und doch war da auch das Gefühl von einem Ende. Ich gehöre dort nicht mehr hin, nicht mehr als Patientin. Und das sage ich nicht mit Traurigkeit, sondern mit einer Portion Stolz. Denn ich habe die Therapie gemeistert, habe vieles erreicht, es ist zu Ende dort. Zumindest momentan, ob und wann ich das Wiederkommer-Programm in Anspruch nehmen werde steht noch in den Sternen. Aber es ist okay so. Es fühlt sich vertraut an, ich fühle mich in einem gewissen Maße dort sicher und wohl, aber es ist eben nicht mehr „meine“ Station. 

Mit den Mädels saß ich dann noch zusammen, wir haben Neuigkeiten ausgetauscht, Tatsachen erörtert und es fühlte sich an, als ob ich nie weg gewesen wäre. Ich freue mich auf morgen, zuerst werde ich mit der lieben Mira etwas unternehmen, später dann mit den Mädels zusammen sein. 

Fylgja wieder zu sehen war auch schön. Gemeinsam mit einer Freundin von ihr haben wir Ofenkartoffeln gemacht, zusammen in der Küche gesessen, geredet, gegessen. Es war eine schöne Atmosphäre. 

Und wenn man schon so lieb und toll das Gästezimmer hergerichtet bekommt, dann muss man einfach nicht mehr lange erklären, warum ich sie mag und mich hier wohl fühle.

Nun werde ich versuchen zu schlafen. Der Tag war lang und aufregend und ich bin eine ziemlich erledigte Zitrone. 

Katerkind und Überraschungsbesuch

Ein guter Tag. Ja, gestern war wirklich ein guter Tag. Aus dem Bett zu kommen war zwar schwer, aber danach lief es gut. Ich habe gebloggt (unschwer zu erkennen…), rumgehangen, war mit N. in der Bibliothek und habe mir zwei Bücher über adhs im Erwachsenenalter ausgeliehen, das kleine Winterschlafkaterchen gekrault. Wenn er auf meinem Schoß liegt, zusammengerollt und völlig entspannt, dann könnte ich ihn fressen vor lauter Liebe. Wenn dann Pfötchen, Schnurrhaare und der Schwanz anfangen zu zucken, weil er träumt, dann ist das einfach so süß, dass ich aufpassen muss nicht laut loszuquietschen um ihn zu wecken. 

Ich wollte schon immer ein Haustier haben. Als Baby und Kleinkind, zu der Zeit, als meine Eltern noch zusammen lebten, hatte ich eine Katze. Bzw. meine Mama hatte eine Katze und diese Katze liebte mich von Anfang an. Sie schlief immer in der Nähe meines Bettchens und stand oft auf den Hinterpfoten, die Vorderpfoten auf dem Rand meines Babybettes, und schaute hinein. Davon gibt es sogar Fotos. Erinnern kann ich mich nicht an sie, leider. Mein Vater wollte nie, dass ich Tiere habe. Meine Mutter hatte später nochmal eine Katze, die sich das obere Bett des Hochbettes als Schlafplatz auserkoren hatte. Das Bett schenkte mir der Vater meiner Schwester, meine Schwester war damals noch nicht auf der Welt. Lange Zeit war dies unser gemeinsames Bett und da ich leider nur selten dort war, nutze die Katze mein Bett zum schlafen. Und tat dies auch, wenn ich da war, angekuschelt an mich. Als ich zu meiner Notpflegefamilie kam war ich überglücklich, dass dort 2 Katzen und ein Hund lebten. Der Kater schlief fast jede Nacht bei mir, mit dem Hund ging ich oft spazieren. 

Auch bei meiner Pflegefamilie lebten 2 Katzen und ein Hund. Der Kater wurde mein bester Freund, schlief bei mir, hielt sich viel bei mir auf. Mit dem Hund war ich auch oft unterwegs und auch die Katze kuschelte sich gerne auf meinen Schoß, manchmal schlief sie gemeinsam mit dem Kater in meinem Bett. Und dann zogen zwei Meerchen bei mir ein. Seitdem habe ich immer Meerchen gehabt, bis heute. Ich kann es mir auch gar nicht mehr ohne vorstellen. Es sind zwar keine Tiere zum kuscheln, sie schlafen nicht in meinem Bett und spielen auch nicht mit mir, aber sie sind so süß und drollig und ich musste unglaublich oft schon lachen, weil sie irgendwas gemacht haben. Und es ist einfach schön sie nur zu beobachten oder einfach ihre Geräusche zu hören, zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich habe lange schon den Wunsch gehabt wieder ein Katzentier zu haben, allerdings nie konkrete Pläne gemacht. Und dann kam dieser Tag, an dem ich bei meiner Nachbarin vorbei schaute auf einen Kaffee und plötzlich in große runde Kulleraugen blickte. Das Fellhäufchen hinter diesen Augen war noch ein Baby von nur wenigen Monaten. Und sofort war ich verliebt in diese Augen. Als ich erfuhr, dass die Besitzerin in abgeben möchte, war ich völlig hin und weg und wusste direkt, dass dieser Fellhaufen bei mir einziehen wird. Zu dem Zeitpunkt war ich stationär in der Klinik und machte bei meiner Rückkehr dorthin alle wahnsinnig. Ich konnte meine Entlassung gar nicht schnell genug haben, fand es furchtbar die Tage noch durchzustehen. Dann wurde ich entlassen und hatte nur kurze Zeit später ein ängstliches und neugieriges Zitronenkaterchen bei mir sitzen. Ich rief Mama an und fragte, ob sie einfach so vorbei kommen möchte. Kurze Zeit später stand sie in meiner Küche und ich streckte ihr das Katerkind entgegen. Sie war sofort begeistert von ihm und wie fuhren einkaufen. Leckerlis, Spielzeug. Und seit diesem Tag bin ich stolze Katermama und immer noch unglaublich verliebt. 

Mittlerweile ist er um einiges größer und wird bald zwei Jahre alt. Und ich kann es mir nicht mehr vorstellen ohne ihn zu leben. Das fiel mir vor allem in der Klinikzeit auf. 14 Wochen ohne ihn schlafen, ohne ihn abends fernsehen, kein Miauen. Und auch kein Quietschen und Rascheln und Knabbern der Meeris. Es hat mir gefehlt und ich bin froh meine Tierchen wieder zu haben. 

Und es fiel mir furchtbar schwer sie vorhin zu verlassen, wenn auch nur für zwei Nächte. Denn ich bin nun in Freiburg. Meine Borderline-Mädels wissen allerdings noch nicht, dass ich schon vor habe heute vorbei zu schauen, es wird eine Überraschung. Ich habe es extra so geplant, dass ich auf Station auftauche, wenn sie Gruppe haben. Ich bin gespannt auf die Gesichter, wenn sich die Türe öffnet nach der Gruppe. Das wird ein Spaß! 

Gestern beim Telefonieren mit Puffi fiel es mir unglaublich schwer den Mund zu halten und nicht aus Versehen etwas zu verraten. Und noch schwerer fällt es mir gerade nicht in unserer Gruppe zu schreiben wie sehr ich rumhibbel und 5 Uhr herbeisehne,  weil ich endlich endlich endlich bei ihnen sein will, sie fest drücken und endlich wiedersehen. Nur F. weiß, dass ich heute schon dort sein werde, sie wohnt ja leider zu weit weg um einfach mal dort vorbei zu schauen. Und ich freue mich auf Fylgja. Und sowieso und überhaupt auch auf die Fahrt, auf Freiburg und darauf ein paar Leuten des Teams dort Hallo zu sagen. 

Ich sitze im Foyer. Unglaublich nervös. Über das Klinikgelände bin ich ganz vorsichtig geschlichen, in der Hoffnung niemanden von Station zu treffen. Gerade eben liefen zwei Mitpatientinnen an mir vorbei, doch ich habe mich schnell umgedreht und durch die Pflanzen hier im Foyer war ich gut genug versteckt, dass sie mich (hoffentlich) nicht gesehen haben. 

Es hat sich merkwürdig angefühlt hier anzukommen und durch die Stadt zu laufen. Fremd und gleichzeitig unglaublich vertraut. Ein seltsames Gefühl. Je näher ich der Klinik kam, desto chaotischer wurde es in mir. Ich habe hier einfach viele schöne Momente erlebt, viele Fortschritte gemacht. Und in den vier Wochen zuhause hat sich hier natürlich nichts geändert. Ich bin gespannt wer arbeitet. Gespannt auf die Gesichter meiner Mädels. Und ich freue mich so unglaublich sie zu drücken. 

Flohteppiche und Decken aus Einsamkeit. 

Darf ich vorstellen: der Herr Flohteppich. Dazu kommen noch 3 kleine Flohteppiche. 

Juhu. Das hat nun wirklich gefehlt um zu einer Besserung meiner verkorksten Psyche beizutragen. 

Also war ich heute mal den Tierladen plündern. Spray für auf die Flohteppiche und eins für alles, was ich nicht waschen kann. Alles waschbare landet momentan nach und nach in Säcke und von dort dann in die Waschmaschine. Und zusätzlich kriege ich morgen per Post noch Flohbomben, damit entflohe ich dann (hoffentlich) meine komplette Bude. 

Wo die Viecher her kommen weiß ich nicht. Der Zitronenkater war nicht draußen. Und die Schweine erst recht nicht. Ich vermute, dass meine Nachbarin während meiner Zeit in der Klinik mal beim Füttern ihre Flohschleuder dabei hatte. Das Hundetier hat ständig welche. Und wahrscheinlich haben sich dann ein paar hier niedergelassenen. Verdammte Scheiße. Ich hoffe so, dass ich die Bestien alle los werde. Vor allem auch für meine Tierchen, gemeine, beißende Bestien, die dann auch noch Jucken verursachen, sind einfach nicht schön. 

Tja. Ich muss also in meiner Bude rumwuseln, Sachen eintüten, aufräumen. Ob ich will oder nicht. Es fällt unglaublich schwer mich aufzuraffen, aber nach und nach und Stück für Stück kriege ich es dann doch irgendwie hin. Ich hoffe, dass ich heute noch den Rest bewältigt kriege, damit ich morgen mit der Flohtötung beginnen kann. 

Nächste Woche Montag habe ich einen Termin bei meinem Psychiater. Der erste nach Freiburg. Ich freue mich drauf, ich will ihm erzählen von den Fortschritten, aber auch, dass es mir derzeit (wieder) so schwer fällt zuhause etwas zu tun, mich aufzuraffen, meinen Tag zu strukturieren. Ende der Woche fahre ich in die DBT-Stadt. Meine verbliebenen Mitpatienten besuchen, vielleicht auch ein paar ehemalige Mitpatienten und natürlich Fylgja, bei ihr werde ich auch schlafen. Ich freue mich schon drauf, auch wenn es sich bestimmt merkwürdig anfühlen wird die Klinik und die Station zu betreten. 

Und draußen wird es wieder dunkel. Und ich fühle mich einsam. Ich weiß, dass es da Menschen gibt in meinem Leben, aber ich habe wie so oft das Gefühl, dass ich mich nicht melden darf, weil ich sie bestimmt störe. Dabei bräuchte ich gerade so sehr ein paar liebe Worte. Ein „ich denk an dich“. Die Einsamkeit in mir legt sich um mich wie eine schwere schwarze Decke und hüllt mich ein, nimmt mir die Luft zum Atmen und hinterlässt nichts als Traurigkeit und Dunkelheit. Ich möchte mich verletzen. Einfach nur um diese Dunkelheit zu vertreiben. Und in den Momenten, in denen ich am meisten jemanden brauche, schaffe ich es nicht das jemandem zu sagen.