Walking over glass

Ich kämpfe. Wieder. Immer noch. Gegen den Drang mich selbst zu verletzen, gegen den Drang alles hinzuwerfen, gegen den Drang auch mein Leben wegzuwerfen. 

Seit gestern ist es extrem. Ich habe Selbstverletzungsdruck, ich habe Suizidgedanken. Ich fühle mich müde, erledigt und Matsch, ich fühle mich kraftlos und angeschlagen. Ich kämpfe mit vielen alten Glaubenssätzen. „Sie hängen wohl im Heimatfilm?“ fragt Herr N. heute. Ich rede lange mit ihm. Heute fühle ich mich ein wenig weniger kraftlos als gestern. Gestern ging nichts mehr, außer irgendwann Bedarf. 

Wir reden und ich beginne drüber nachzudenken ein Gefühlsprotokoll zu schreiben. So ganz kriege ich nämlich nicht klar, was gerade abläuft in mir. Das tue ich dann auch irgendwann und es wird klar, dass sich ganz viel gerade um Selbstverachtung dreht. Ich habe das Gefühl ich bin nichts wert, ich bestehe nur aus negativen Dingen, ich habe keine Lebensberechtigung, ich muss mich verletzen. Was darauf folgt ist klar: entgegengesetzt handeln. Mir Gutes tun, mir sagen, dass es nicht so ist, mich auf andere Dinge konzentrieren. Und tatsächlich wird es besser. Ich bekomme ein wenig Abstand rein, kriege klar, dass gerade Heimatfilm anstatt Tagesschau läuft, kriege es hin anders zu handeln als mein Gefühl es mir vorschlägt. Und dann stehe ich ein paar Stunden später wieder im Pflegestützpunkt und lächle ein wenig und habe einen erstaunen Herrn N. da sitzen, der begeistert ist und meint, dass das ganze doch eine Belohnung wert wäre. Und ich denke es wird auch in Richtung „Gutes tun“ gehen, denn das brauche ich gerade sehr. Auch wenn es sich falsch und merkwürdig anfühlt, weil die Gefühle etwas völlig anderes vorschlagen. Aber genau das ist trotzdem der richtige Weg. 

I rise up to the sky
You threw me down but
I’m gonna fly

Wenn ich nicht anfang geh‘ ich verlor’n

Die Therapie war gut. Es ging viel um Selbstwert, um um sich selbst kümmern und für sich selbst sorgen.
Ich erzählte ihr von A. und sie meinte, dass sie sich das ganze oftmals vorstellt wie ein 13. Zimmer im Selbst. Das ist bunt und fröhlich und manche Menschen haben einen passenden Schlüssel, es gibt einen selbst Auftrieb und Kraft und auch Selbstwert, wenn dieses Zimmer belebt wird. Aber es bleibt letztendlich das eigene Zimmer in einem selbst, es bleibt bunt und fröhlich, egal ob mich nun jemand darin besuchen mag oder nicht. Ich finde das ein schönes Bild.
Allgemein hatte sie es heute mit Bildern. Es ging um das Leben an sich und die Umstände. Das Leben ist ein Schiff, die Umstände das Meer. Es ist manchmal ruhige See, manchmal aber auch Sturm. Und man selbst als Kapitän hat die Wahl, ob man sich hinter das Steuer klemmt und durch den Sturm manövriert oder ob man sich in der Kajüte versteckt und riskiert unterzugehen. Manchmal ist es okay, wenn man sich in seiner Kajüte vergräbt und vor dem Sturm versteckt. Manchmal muss man aber auch einfach da raus und nass werden.
Insgesamt tat mir die Stunde gut und es fühlt sich absolut nicht danach an, als ob ich 6 Monate nicht dort gewesen wäre. Sie allerdings merkt die vergangene Zeit. „Sie sind entspannter. Das merkt man überall, aber vor allem im Gesicht. Sie sind nicht mehr ständig angespannt.“ Und sie hat recht, denn ich versuche nicht mehr ständig auf einer Kiste voller Monster und Dämonen zu sitzen und sie daran zu hindern die Kiste zu verlassen.
Und Selbstwert ist ja grundsätzlich ein schweres Thema. Sich selbst etwas wert sein. Sie meinte, dass das eben meine ganze Welt zum Wanken bringt, weil es diese grundsätzlichen Überzeugungen, die ich als Kind entwickelt habe, über den Haufen wirft. Mein Leben hätte nicht funktioniert, wenn ich mir eingestanden hätte, dass mein Vater der Böse ist. Dieses Grundvertrauen, dass Eltern immer Gutes für einen wollen, dass sie immer richtig liegen, dass das was sie tun einfach der richtige Weg ist, das legt jedes Kind an den Tag, weil sonst die Welt nicht funktioniert. Dass es aber eben nicht stimmt, dass kommt viel später, normalerweise ist das aber in Ordnung. Wenn man allerdings solche Dinge erlebt hat, dann ist das ganz und gar nicht in Ordnung. Und in dem Prozess, dass ich okay bin und nichts falsches getan habe und nichts davon verdient habe, in dem stecke ich noch immer drin und wenn meine ganze Welt wieder mal ins Wanken gerät und ich dann auch noch gleichzeitig versuche mir zu sagen, dass ich okay bin und okay sein darf, dann kippt es und funktioniert einfach nicht mehr. Ich bin quasi in der Hinsicht völlig in der Entwicklung stecken geblieben und muss erst langsam und Schritt für Schritt lernen, dass ich okay sein darf und dabei die Welt nicht untergeht. Wie ich so viele Dinge neu lernen oder erst lernen muss.
Sie meint zum Selbstwert gehört auch mir selbst zu verzeihen. Mir sagen zu können, dass ich mal wieder völlig Scheiße gebaut habe, es aber akzeptieren und es mir verzeihen. Ich glaube , dass ich das mit dem Selbstwert auf meiner Prioritätenliste nach ganz weit oben setze. Habe ich mir öfter schon vorgenommen, muss es aber definitiv mal umsetzen. Es mir selbst wert sein am selbst wert sein zu arbeiten.
Bevor ich in die Hauptstadt bin habe ich meine halbe Wohnung auf den Kopf gestellt auf der Suche nach einer meiner Westen, weil in der Tasche meine Kopfhörer waren. Und nach der Therapie habe ich die andere Hälfte auf den Kopf gestellt und immer noch nichts gefunden. Dann kam ich auf die Idee mal zur Nachbarin hoch zu gehen und – tadaaaaa – da war sie. Ich habe sie gestern dort liegen lassen, war schon wirklich davor an meinem Verstand zu zweifeln. Da ich schonmal oben war haben wir ein wenig geredet über alles mögliche, ich habe abwechselnd Hund und Leguan gekrault, zwischendurch immer mal wieder ihren Sohn gedrückt (der manchmal einfach Zucker sein kann) und bin letztendlich wieder runter zu meinem Sofa.
Morgen muss ich meine Hausärztin anrufen für einen neuen Termin am Montag, außerdem will ich versuchen den ehemaligen Psychopeuten der Station zu erreichen, weil am Mittwoch wieder das Thema ambulante DBT aufkam. K. und S. schauen kurz vorbei um was abzuholen, ich will weiter Ordnung schaffen und den Versuch starten wertschätzend und achtsam mit mir umzugehen. Mal sehen was das so wird.

Ach, bevor ich es vergesse. Gestern hatte ich mal wieder einen dieser Momente, in dem twloha mich in genau der richtigen Situation zum Lächeln brachte und ich habe diesen tollen Menschen dort einfach mal geschrieben, wie großartig ich ihre Arbeit finde und wie wichtig sie ist und sie sind und wie viel mir diese Worte manchmal einfach geben, die sie verbreiten.
Ein Teil der Antwort:

S. , thanks again for your kind words. We agree that you are enough, that you matter, and that hope is real. Please know that supporters like you are crucial to spreading our message of help and hope throughout the world. S. , we are honored to have been able to play a part in your story, and we hope that we can continue to do so. You have been just as much a part of our story as we have been of yours. We are so proud of all the progress you have made, and we hope that we can continue to be a source of support for you as you continue on your journey to recovery.

With Hope,
TWLOHA

Hach. Tollig.

Ich bin mein Haus
in dem ich leb‘ von Anfang an
Ich bin mein Licht
das für mich scheint wenn ich’s nicht kann

Ich bin mein Boot
das kommt wenn ich nicht schwimmen kann
Ich bin mein Buch
in dem ich les‘ ein Leben lang

Manchmal mag ich zu mir selbst einfach sagen: So. Nun reicht es. Liebe kranke Gedanken, fickt euch in eure nicht vorhandenen Knie und verschwindet. Liebe Persönlichkeitsstörung, ich weiß ja, dass du da bist, aber mach doch mal Urlaub.
Gefühle sind etwas unglaublich anstrengendes. Ich drehe durch, wenn ich welche habe, ich drehe durch, wenn keine mehr da sind und nur Leere herrscht. Ich drehe quasi konstant durch. Und auch wenn da gerade im Moment hauptsächlich positive Gefühle in mir rumwüten: ich drehe durch. Jetzt nicht ganz so schlimm, wie ich gelegentlich durchdrehe, aber es strengt an, denn da ist zu viel an Gefühlen und Chaos und alles. Das macht es minimal anstrengend und ich versuche so gut es geht das Chaos zu sortieren und einen Weg zu finden, damit ich das ganze genießen kann. Mal ehrlich, mich jetzt zu verletzen wegen zu viel positiven Gefühlen?! Dann würde ich definitiv nur noch den Kopf schütteln und mich selbst für nun völlig bekloppt erklären. Aber Gefühlschaos ist Gefühlschaos und damit kann ich nur schwer umgehen. Deswegen einfach radikale Akzeptanz, weiter lächeln und durch die Wohnung hüpfen, genießen.
Der Achtsamkeitstherapeut meint, dass er sich freut weil mir die Achtsamkeit so gut gefallen hat, nachdem er mein Dauergrinsen ausgiebig betrachtet hatte. „Nee, das liegt gerade nicht an Ihnen“ gebe ich zurück und muss noch mehr grinsen. Es war schwer mich zu konzentrieren während der Stunde, denn bei allem musste ich an mich halten um nicht anzufangen durch den Raum zu tanzen. Was fühlen Sie? Grinsen. Welche Gedanken haben Sie? Grinsen. Atmen Sie ein und aus mit dem was nun ist, im hier und jetzt, nur dieser eine Atemzug. Grinsen. Ich denke an sie und an uns und unsere gemeinsamen Stunden und grinse einfach die komplette Stunde wie eine Honigkuchenzitrone.
Schwester Nathalie begegnet mir und ich frage Sie ob sie denkt, dass eine Beziehung zwischen Borderlinern funktionieren kann. Ja, wenn xy und yx… setzt sie an und ich muss wieder grinsen, weil es genau die Dinge sind, die A. und ich auch besprochen haben. Wann kommen Sie wieder? 11. April? Ich bin gespannt. Und sie grinst auch rum.
Gleich hüpfe ich aus meinen Klamotten und schmeiße das schnurrende Katerkind vom Schoß, werfe eine Ladung Wäsche an und sortiere den Wäscheberg im Schlafzimmer. Bibi kommt noch vorbei, vielleicht schaffe ich es auch später noch meine Energie in Sport zu stecken.
Morgen geht es dann zur Therapeutin und ich könnte jetzt schon ausflippen deswegen, weil ich so viel sagen will und gleichzeitig eigentlich am liebsten nichts, weil ich ihr ins Gesicht springen mag und auch gleichzeitig das Ganze aus der Welt schaffen. Das übliche Chaos.

Und grade hat mein Körper angefangen zu spinnen. Bauchschmerzen, Übelkeit, erbrechen. Da ist es dann egal, ob die Gefühle positiv oder negativ sind, zu viel Gefühle sind zu viel Gefühle. Zum kotzen. Im wahrsten Sinne.