Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

Fuck you, fuck you, fuck you.

Oftmals sagte meine Therapeutin „Schreiben Sie ihm“. Ein Brief, der nicht abgeschickt wird, keine Struktur braucht, eine Möglichkeit das Chaos, die Wut und den Schmerz loszuwerden. Oft habe ich angefangen, es aber nie zur einem Ende gebracht.
Es gibt so vieles, dass ich gerne schreiben würde. So viele Dinge, die in meinem Kopf und meinen Gefühlen sind, für die aber einfach die Worte fehlen. Es gibt so viele Augenblicke, so viele Momente, an die ich mich noch erinnern kann.
Mit 13/14 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. P. ging mit mir in die selbe Klasse, er saß im Unterricht an dem Tisch neben mir. Wir haben oft Briefchen geschrieben über den langweiligen Unterricht, sogar eine Geheimsprache entwickelt.
Irgendwann gestand ich ihm meine Liebe und er mir seine. Ich war furchtbar verliebt damals, furchtbar glücklich. Er war bei mir zu Besuch, ich bei ihm. Lange habe ich gekämpft, dass er zu mir kommen darf. Eines Abends lagen wir zusammen in meinem Bett. Ich ohne Tshirt, er auch. Als du es gesehen hast bist du ruhig geblieben, bis P. weg war. Danach kam das Donnerwetter, die Schläge. Ich habe geheult, stundenlang. Als P. später anrief wie jeden Abend hast du ihm verboten jemals wieder zu kommen, jemals wieder anzurufen, und ich durfte auch nicht mehr zu ihm.
So endete unsere Beziehung dann auch bald. Weg gelassen hast du mich eh nie, auf keine Feiern und Feste. Und ohne telefonieren, ohne gegenseitige Besuche, tja. Somit hattest du meine erste Beziehung zerstört, meine erste große Liebe. Oft lese ich irgendwo, dass man die erste Liebe nie vergisst. Meine Erinnerungen daran sind aber geprägt i. von deinen Schlägen, von deiner Gewalt und deiner Wut.
Dann war da dieses eine Mal, bei dem du die Fernbedienung  gesucht hast. Du fragtest immer und immer wieder, wo ICH sie denn hingemacht hätte. Als ich irgendwann antwortete, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe, bist du ausgeflippt, wie so oft. Schläge, bis ich irgendwann behauptete, dass ich sie hatte aber nicht mehr weiß wo sie ist. Du hast oft auf mich eingeschlagen, bis ich irgendwas zugab, dass ich eigentlich gar nicht getan hatte. Letztendlich tauchte die verdammte Fernbedienung unter deinem Stapel auf dem Schreibtisch auf. Natürlich hatte ich sie da hingelegt, nicht du. Deine Fehler hast du so gut wie nie eingestanden.
Irgendwann, ich war noch im Kindergarten, hast du mir ein blaues Auge geschlagen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich so gut daran, weil du damals wolltest, dass ich lüge. Ich sollte erzählen, dass der Gurt im Auto kaputt sei und ich beim bremsen gegen den Vordersitz geknallt bin. Es ging eine lange Zeit so, dass ich diese Lüge erzählen musste, denn immer wieder fragte jemand nach, ob der Gurt repariert sei.
Ich weiß nicht wie viele Male du mir erzählt hast, dass ich nichts wert sei. Eine Schlampe, eine doofe Kuh, nichts würde ich jemals schaffen, außer Putzfrau zu werden. Du hast mich immer mit I. verglichen, einer Klassenkameradin. Sie war ja so hübsch und klug und sowieso bestimmt eine viel bessere Tochter als ich. I. ging relativ früh mit schlechten Noten vom Gymnasium ab, hat soweit ich weiß bis heute keinen Schulabschluss und keine anständige Ausbildung. Aber trotz allem war sie immer besser, hübscher, klüger, toller. Wie sehr sowas einem Kind wehtut, dass war dir völlig egal.
Brachte ich eine 3 nach Hause war direkt klar, dass aus mir nichts wird. Dass ich dumm bin, nichts kann. War es eine 2, dann hätte es ja besser sein können. Und bei einer 1 hieß es, dass andere das auch schaffen, das wäre keine Leistung. Ich konnte also tun was ich wollte.
Wie oft hast du mich in mein Zimmer geschickt. Ohne Mittag- oder Abendessen.
Essen war für dich sowieso wichtig. Dass ich bestimmte Sachen nie mochte war dir dabei egal. Dass der Geschmack mich zum würgen und erbrechen brachte auch. Ich musste es dennoch essen. Wollte ich etwas nicht, so war das für dich der direkte Beweis, dass ich ein undankbares Stück Dreck bin. Wollte ich keinen Nachschlag, dann war es natürlich nicht lecker und ich also direkt wieder undankbar.
Und so habe ich bis heute Probleme mit dem Essen. Oftmals ist es ein totales Chaos, manchmal esse ich bis mir schlecht wird und übergebe mich, manchmal esse ich tagelang kaum etwas. Essen war „Zuhause“ gleichbedeutend mit Liebe. Böses Kind, kein Essen. Gutes Kind, Essen. Kein Nachschlag, böses Kind, kein Essen. Nachschlag, gutes Kind, also gibt es Essen. Deine verquere Welt ist so tief in mir verwurzelt, dass es mir selbst nach fast 10 Jahren Freiheit ohne dich noch schwer fällt aus diesen Mustern auszubrechen.
Du hast dich immer beschwert, dass ich viel zu wenig helfe. Meine Wäsche durfte ich nicht selbst waschen, das könnte ich schließlich nicht. Habe ich gekocht oder gebacken meintest du immer, dass man nun die Küche renovieren müsste. Habe ich geputzt, war es natürlich nicht sauber, weil ich das nicht richtig mache. Deinen unterschwelligen Putzzwang habe ich immer schon mit Chaos im eigenen Zimmer bekämpft. Und bis heute finde ich pure Ordnung furchtbar, denn bei dir war das immer gleichbedeutend mit steril und „bloß nichts anfassen“.
Und dann gibt es noch diese unzähligen Momente, in denen du mir an den Po gefasst hast, drüber gestreichelt hast, selbst als ich schon ein Teenie war. Ich habe so oft gesagt ich mag das nicht, ich will das nicht. Aber für dich war ich dein Eigentum, schließlich hast du dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin und mich groß gezogen, also darfst du auch tun was du willst. Und das war mehr als nur den Po anfassen.
Wenn irgendwas nicht so lief wie du es wolltest, meistens nachdem du mich verprügelt hattest und ich unerklärlicherweise weinte, hast du mir immer gedroht mich zu meiner Mutter zu schicken. Denn ich sei ja genauso bekloppt, gestört, unfähig, doof. Diese Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Für mich war das die Drohung schlechthin, denn du hast mir jahrelang eingeredet, dass die psychisch gestört ist und nicht in der Lage ein Kind aufzuziehen. Und deine Manipulation hat auch bewirkt, dass ich dir geglaubt habe, dass sie mich überhaupt nicht liebt.
Und was auch immer zog war die Drohung, dass du dich umbringst wenn ich nicht mehr bei dir lebe. Denn schließlich würdest du mich über alles lieben, ich wäre das Beste auf der Welt, das einzig wichtige. So hast du mich aber nie behandelt.
Also habe ich immer gesagt, dass ich mich bessere (dabei habe ich nie was getan, was deine Gewalt rechtfertigen würde), gebettelt bei dir bleiben zu dürfen.
Hättest du deine Drohungen doch bloß wahr gemacht. Mein Leben wäre anders verlaufen, ich wäre jetzt vielleicht nicht ganz so kaputt wie ich es eben bin.
3 Jahre lang ging ich in Therapie bevor die Freiheit kam, 3 Jahre lang sagte mir meine Therapeutin immer und immer wieder, dass ich da raus muss. Aber meine Angst war einfach zu groß. Die Angst vor deiner Reaktion, wenn das Jugendamt ein Gespräch mit dir sucht, die Angst vor dir, wenn wir danach wieder alleine sind und du wieder wütend wirst.
Mein Körper ist voller Narben. Verlorene Kämpfe, die ich bis heute gegen mich führe. Ich bin kaputt. Du hast mir meine Kindheit und meine Jugend genommen und zerstört. Ich musste immer auf der Hut sein vor deiner verqueren Welt, in der die Dinge, die gestern noch richtig waren, im heute zu unberechenbaren Ausbrüchen führten.
Ja. Es gab auch schöne Momente. Aber was bringen schöne Momente in einer Kindheit und Jugend voller Angst und Gewalt. Jeder Schlag, jede psychische Gewalt, hat 100 schöne Momente zerstört und kann selbst durch 1000 schöne Momente nicht mehr ausgewogen werden.
Statt einem liebevollen Zuhause habe ich bei dir nur Unberechenbarkeit, Gewalt, Kontrolle, Beleidigungen und Angst gefunden. Jahrelang war das mein Alltag.
Unzählige Kämpfe. Unzählige Narben. Aber den Kampf um meine Freiheit habe ich gewonnen. Den Kampf um ein Leben ohne dich darin, zumindest nicht mehr physisch. Ich habe um ein Leben ohne dich gekämpft und es gefunden. Ein Leben jenseits deiner Vorstellungen und deiner Kontrolle.
Für dich habe ich nur noch ein großes „Fuck you“. Für all den Schmerz, die Angst, die Trauer und Wut, die du in mein Leben gebracht hast. Und für all die Momente, in denen ich bis heute kämpfe, um dich und das Geschehene nicht mein Leben bestimmen zu lassen.
Fuck you!

Do you really enjoy living a life that’s so hateful?
‚Cause there’s a hole where your soul should be
You’re losing control of it and it’s really distasteful
Fuck you
Fuck you very, very much
‚Cause we hate what you do
And we hate your whole crew
So please don’t stay in touch
Fuck you
Fuck you very, very much