this is where the healing begins

Es ist 3.23 Uhr, als ich leise die Wohnungstür aufschließe und die Wohnung betrete. Ich schlüpfe ins Schlafzimmer meiner Mutter, drücke ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise „ich bin daheim“.

Wie gerne hätte ich solche Erinnerungen an meine Jugend. Tatsächlich habe ich bis zur Volljährigkeit nur zwei Mal gefeiert. Kein einziges Mal betrat ich danach die Wohnung und sagte diese Worte zu meiner Mutter. Stattdessen bin ich seit 10 Jahren volljährig und sage diese Worte zum ersten Mal, nachdem ich vom Feiern heimkomme.

Es macht mich traurig, dass ich solche Erlebnisse in meiner Jugend verpasst habe. Zum einen das Feiern, zum anderen heim zu kommen und zu wissen, dass meine Mutter zwar schläft, aber erst in den beruhigten Tiefschlaf fallen wird, wenn ich wirklich zuhause bin.

Auf der anderen Seite ist es schön. Ich habe es jetzt. Lange war es schwierig für mich hier zu sein, hier zu schlafen. Doch seit ich meiner Mutter erzählt habe, was damals alles passiert ist, seit sie Details kennt und seit ich bei ihr weinen kann, weil ich nicht den Vater habe, den ich mir so sehr wünsche, seitdem fühlt es sich so viel besser an hier zu sein. Es ist ein Stück Geborgenheit und Heimkommen. Mehr als früher, mehr als jemals seit meiner Kindheit, als meine Mutter nur Zuflucht für den Moment war und ich jeden Moment in mich aufgesaugt habe um die nächsten Monate zu überstehen.

Auch wenn es so viele Jahre zu spät kommt, nun ist es da. Und es heilt ein klein wenig die tiefen Wunden der ganzen Jahre.

So vieles ist immer noch in Bewegung, auch wenn mein altes Leben nun schon so viele Jahre und Kilometer weit weg liegt. Doch in manchen Momenten spüre ich die Heilung, die nun passiert. Ein Stück ganz werden, ein Stück Klebestreifen, dass die kaputten Teile wieder zusammenhält.

So you thought you had to keep this up
All the work that you do
So we think that you’re good
And you can’t believe it’s not enough
All the walls you built up
Are just glass on the outside

So let ‚em fall down
There’s freedom waiting in the sound
When you let your walls fall to the ground
We’re here now

This is where the healing begins, oh
This is where the healing starts
When you come to where you’re broken within
The light meets the dark

„Normal ist auch nur ein Wort.“

555 Tage ohne Selbstverletzung. Eine weitere schöne Zahl, ein weiterer Grund stolz zu sein und zu feiern.

Und passend dazu ein paar tolle Worte von Nicholas Müller.

Sie haben einmal gesagt: ‚Normal ist auch nur ein Wort.‘ Hat der Begriff für Sie überhaupt eine Bedeutung?:

Nur in Alltagsdingen. Normal druckt man auf Waschmittelverpackungen, wenn 25 Prozent mehr Inhalt ‚als normal‘ drin steckt. Klar, ich habe mir zwischenzeitlich nichts mehr als Normalität gewünscht. Aber letzten Endes ist das eine Definitionssache. So, wie ich jetzt bin, wie ich lebe, fühle ich mich normal. Aber das passt bestimmt nicht in die Schemata anderer Menschen. Normal ist ein Begriff, der impliziert, dass man funktioniert. Deswegen mag ich das Wort nicht. Wie man funktioniert, das fragen die wenigsten.

Nicholas Müller im stern-Interview.

Driving home for Christmas

24. Dezember. Wie so oft fahre ich mit Geschenken bewaffnet in mein zweites Zuhause, zu Mama. In Jogginghose und Chucks. Weihnachten. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, wir haben 11 Grad. Es wird das erste Weihnachten sein, an dem wir nur Zuhause feiern, das erste Weihnachten, an dem wir nicht bei Tante Maria eingeladen sind. Abgesehen von letztem Jahr, da habe ich gearbeitet, ist es das erste Weihnachten seit zehn Jahren, dass ich nicht bei ihr sitzen werde. Aber ich bin sicher, dass sie bei uns sein wird, genauso wie Onkel Norbert.
Weihnachten. Die Tage, vor denen ich seit Wochen Panik schiebe, sind nun also da und werden auch unaufhaltsam vorbei gehen. Ich wünsche mir, dass ich die Tage einfach genießen kann. Ohne fiese Erinnerungen, ohne Angst und Panik.
Letztes Jahr um diese Zeit war ich psychisch im Prinzip völlig am Ende. Das ist nun nicht mehr so schlimm, es tut nicht mehr alles so furchtbar weh, die Nächte sind nicht mehr nur Horror, die Tage sind nicht mehr nur schrecklich. Es wird besser, in kleinen Schritten.
Weihnachten. In einer Stunde werde ich in Mamas Küche sitzen, werde vermutlich immer noch nicht verstehen können, dass heute schon heilig Abend ist. Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Vielleicht ist es einfach nur wichtig schöne Momente mit meiner Familie zu erleben, die Momente in mich aufzunehmen und sie bewahren, als Gegensatz zu den vielen dunklen Momenten.

Meine lieben Leser, ich wünsche Euch schöne Feiertage, eine schöne Zeit mit Euren Liebsten und ganz viele schöne Momente!

I am driving home for Christmas
Driving home for Christmas
With a thousand memories