Happy end.

120 Stunden voller Angst und Schmerz und Tränen liegen hinter mir.

Das Küchenfenster ist zu, nachdem es seit Dienstag aufstand. Seit Dienstag, seit Janosch wie so oft aus dem Fenster sprang und in den Garten verschwand… Aber nicht mehr heim kam.

Vorhin hört man 4 Pfoten auf dem Küchenboden landen und wie selbstverständlich steht mein Katerkind da und brüllt nach Futter. Er hat Hunger, er hat Durst, eine dreckige Nase, aber sonst geht es ihm gut. Er hat wie immer nur Blödsinn im Kopf, lässt sich kraulen zwischen den Ausflügen zum Trinkbrunnen, erzählt fleißig und jagt Bällchen hinterher.

Vermutlich war er irgendwo eingesperrt. Er ist nicht dreckig, hat keine Zecken, ist nicht müde. Nicht verletzt, nicht verstört. Nur Futter und Wasser und Kraulen haben ihm gefehlt.

Er ist wieder da. Der schnurrende Haufen Fell, der mir so unendlich viel bedeutet. Die endlosen Stunden sind vergessen mit einem Miauen. Die Tränen der Angst und des Schmerzes sind zu Freudentränen geworden und ich kann nicht mehr aufhören in sein Fell zu weinen.

Er ist zuhause. ❤️

Achtsamkeit, Katerkind, Schwesterherz und Steine 

Am Donnerstag saß ich wieder in dem Raum auf einer Matte, aus dem ich mich vor ungefähr einem Jahr verabschiedet habe. Damals braungebrannt, voller Panik vor der bevorstehenden dbt, bei über 15 Grad weniger und ein wenig wehmütig, weil es das letzte Mal für längere Zeit sein würde, dass ich die Klinik betrete. 

Vieles ist anders an diesem Tag. Nicht nur die Temperatur, denn am bisher heißesten Tag des Jahres sind schon am Vormittag 33 Grad, ich trage statt rötlichen Narben nun Tinte über verblassenden Narben, ich bin innerlich ruhiger und komme nicht nur in diesen kurzen Momenten in der Achtsamkeit zur Ruhe, ich klebe nicht ständig in Hochanspannung, ich habe schon seit einer Weile keinen ganzen Tag mehr damit verbracht gegen den Druck und die Anspannung zu kämpfen. Ich bin die selbe und doch eine andere. 

Die Achtsamkeit tut mir gut, wie so oft in der Vergangenheit. Ich lasse mich von der Stimme des Therapeuten leiten, atme ein und aus, kann die Qi Gong-Übungen immer noch auswendig. 

Seit Dienstag weiß ich, dass die ganze Sache mit meinem Zeugnis klappt. Ich hoffe nun darauf, dass es auch vor Bewerbungsfrist klappt, der Kram liegt beim Ministerium und muss da bearbeitet werden. Aber ich bin schon einen Schritt weiter und das beruhigt ein wenig. 

Und genauso bin ich seit Dienstag die stolze große Schwester einer frisch gebackenen Erzieherin. Als ich den Zwerg in die Arme schloss mit dem Wissen, dass sie die Jahre der Ausbildung hinter sich hat, wollte ich vor Stolz und Liebe fast platzen. Auf dem Weg zu Mama sah ich die Freude in ihren Augen, den Stolz, die Erleichterung, das Glück. Und ich muss an diesen Moment vor 3 Jahren zurück denken, als ich die Schule verließ, berauscht von Glück und Sekt und Erleichterung. Ich bin unglaublich stolz auf diese erwachsene junge Frau, die nun ihren Weg geht. Und ich bin froh, dass ich da sein kann mittlerweile, dass ich die letzten Jahre an ihrer Seite sein konnte, mit ihr lernen, bangen, feiern. Nun ist es geschafft und es ist ein weiterer Schritt, der aus dem kleinen blonden Teufelchen mit Tobsuchtsanfällen eine junge Erwachsene werden lässt. 

Es ist bald halb 4. Nachts. Mein Zitronenkater schlummert friedlich auf seinem Kissen auf der Fensterbank am offenen Fenster. Ich bin weit entfernt von Schlaf, auch wenn ich körperlich völlig erledigt bin. Am Mittag hat mich eine Welle von Selbstverletzungsdruck überflutet, von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Zuerst habe ich mich auf mein Bett geworfen, versucht mich abzulenken, doch dann habe ich begonnen aufzuräumen. Ein wenig wollte ich tun, doch letztendlich habe ich (bis auf den Schreibtisch) mein komplettes Schlafzimmer aufgeräumt und mein Bett frisch bezogen, die Schweinenasen sauber gemacht und das Wohnzimmer gekehrt und ein wenig entchaotisiert und letztendlich angefangen in der Küche für Ordnung zu sorgen. Als ich zwischendurch das Schweinestreu draußen in die Tonne befördert habe, traf ich den Herrn Kater, der sich neuerdings nicht davon abhalten lässt auch die Welt vor dem Haus zu erkunden. Dabei beschränkt er sich aber auf die Vorgärten, zum Glück, denn ich habe immer noch eine Straße vor der Türe. Und so passiert es auch mal, dass er auf der falschen Seite des Mückennetzes am Schlafzimmerfenster sitzt und schreit, weil er dort nicht rein kommt. Und da der Weg ums Haus ihm heute wohl zu weit erschien, rannte er durch die geöffnete Haustüre und wartete vor der Wohnungstür auf mich, mampfte zwei Portionen Futter und schläft seitdem mit kurzen Unterbrechungen irgendwo in der Wohnung. Ich möchte den Fellhaufen am liebsten jedes Mal vor lauter Liebe knuddeln, wenn er wieder in irgend einer seltsamen Verdrehung irgendwo liegt und vor sich hin träumt. 

Und mit Ordnung machen, zwischendurch immer mal wieder eine rauchen, Kater beobachten und Hörbuch habe ich den Tag dann doch tatsächlich irgendwie überstanden. Doch der Schlaf lässt sich nicht blicken, mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, auch wenn ich nicht wirklich weiß, was da in meinem Kopf kreist. Dabei bräuchte ich wirklich Schlaf, denn heute muss ich noch zu Mama und in den Garten, das Gras, dass ich am Wochenende gemäht habe, zusammen sammeln und den Schweinchen mitbringen, den Bambus schneiden (und auch den Schweinchen mitbringen) und das ganze Grünzeug dort gießen. 4 der 6 Wochen, die Mama nicht selbst im Garten alles tun kann, sind schon vorbei. Zum Glück. Denn obwohl es mir unglaublich gut tut, so ist die Fahrerei doch einfach stressig und vor allem meine Mutter, die natürlich gerne hätte, dass ich den ganzen Tag bei ihr bin. 

Mein eigener Garten hinterm Haus ist momentan leider nicht betretbar, denn dort wo einmal die Mauer stand ist nun ein Loch. 

Und dort, wo die Steine liegen, ist irgendwo die Treppe drunter. Also ist der Garten eben nicht verfügbar momentan, die Meeris sind nicht so begeistert, aber ich kann es nicht ändern. Den Herrn Kater stört es wenig, er braucht ja keine Treppe und die paar Steine hindern ihn auch nicht daran in den Garten und den Wald dahinter zu gelangen. Doch ich sehne mich in den letzten Tagen nach ein paar Stunden im Gras neben den Meeris mit einem Buch, einfach in der Sonne liegen und die Wärme genießen. 

Und vielleicht klappt es nach dem Schreiben nun auch endlich mit schlafen. 

Katerkind und Überraschungsbesuch

Ein guter Tag. Ja, gestern war wirklich ein guter Tag. Aus dem Bett zu kommen war zwar schwer, aber danach lief es gut. Ich habe gebloggt (unschwer zu erkennen…), rumgehangen, war mit N. in der Bibliothek und habe mir zwei Bücher über adhs im Erwachsenenalter ausgeliehen, das kleine Winterschlafkaterchen gekrault. Wenn er auf meinem Schoß liegt, zusammengerollt und völlig entspannt, dann könnte ich ihn fressen vor lauter Liebe. Wenn dann Pfötchen, Schnurrhaare und der Schwanz anfangen zu zucken, weil er träumt, dann ist das einfach so süß, dass ich aufpassen muss nicht laut loszuquietschen um ihn zu wecken. 

Ich wollte schon immer ein Haustier haben. Als Baby und Kleinkind, zu der Zeit, als meine Eltern noch zusammen lebten, hatte ich eine Katze. Bzw. meine Mama hatte eine Katze und diese Katze liebte mich von Anfang an. Sie schlief immer in der Nähe meines Bettchens und stand oft auf den Hinterpfoten, die Vorderpfoten auf dem Rand meines Babybettes, und schaute hinein. Davon gibt es sogar Fotos. Erinnern kann ich mich nicht an sie, leider. Mein Vater wollte nie, dass ich Tiere habe. Meine Mutter hatte später nochmal eine Katze, die sich das obere Bett des Hochbettes als Schlafplatz auserkoren hatte. Das Bett schenkte mir der Vater meiner Schwester, meine Schwester war damals noch nicht auf der Welt. Lange Zeit war dies unser gemeinsames Bett und da ich leider nur selten dort war, nutze die Katze mein Bett zum schlafen. Und tat dies auch, wenn ich da war, angekuschelt an mich. Als ich zu meiner Notpflegefamilie kam war ich überglücklich, dass dort 2 Katzen und ein Hund lebten. Der Kater schlief fast jede Nacht bei mir, mit dem Hund ging ich oft spazieren. 

Auch bei meiner Pflegefamilie lebten 2 Katzen und ein Hund. Der Kater wurde mein bester Freund, schlief bei mir, hielt sich viel bei mir auf. Mit dem Hund war ich auch oft unterwegs und auch die Katze kuschelte sich gerne auf meinen Schoß, manchmal schlief sie gemeinsam mit dem Kater in meinem Bett. Und dann zogen zwei Meerchen bei mir ein. Seitdem habe ich immer Meerchen gehabt, bis heute. Ich kann es mir auch gar nicht mehr ohne vorstellen. Es sind zwar keine Tiere zum kuscheln, sie schlafen nicht in meinem Bett und spielen auch nicht mit mir, aber sie sind so süß und drollig und ich musste unglaublich oft schon lachen, weil sie irgendwas gemacht haben. Und es ist einfach schön sie nur zu beobachten oder einfach ihre Geräusche zu hören, zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich habe lange schon den Wunsch gehabt wieder ein Katzentier zu haben, allerdings nie konkrete Pläne gemacht. Und dann kam dieser Tag, an dem ich bei meiner Nachbarin vorbei schaute auf einen Kaffee und plötzlich in große runde Kulleraugen blickte. Das Fellhäufchen hinter diesen Augen war noch ein Baby von nur wenigen Monaten. Und sofort war ich verliebt in diese Augen. Als ich erfuhr, dass die Besitzerin in abgeben möchte, war ich völlig hin und weg und wusste direkt, dass dieser Fellhaufen bei mir einziehen wird. Zu dem Zeitpunkt war ich stationär in der Klinik und machte bei meiner Rückkehr dorthin alle wahnsinnig. Ich konnte meine Entlassung gar nicht schnell genug haben, fand es furchtbar die Tage noch durchzustehen. Dann wurde ich entlassen und hatte nur kurze Zeit später ein ängstliches und neugieriges Zitronenkaterchen bei mir sitzen. Ich rief Mama an und fragte, ob sie einfach so vorbei kommen möchte. Kurze Zeit später stand sie in meiner Küche und ich streckte ihr das Katerkind entgegen. Sie war sofort begeistert von ihm und wie fuhren einkaufen. Leckerlis, Spielzeug. Und seit diesem Tag bin ich stolze Katermama und immer noch unglaublich verliebt. 

Mittlerweile ist er um einiges größer und wird bald zwei Jahre alt. Und ich kann es mir nicht mehr vorstellen ohne ihn zu leben. Das fiel mir vor allem in der Klinikzeit auf. 14 Wochen ohne ihn schlafen, ohne ihn abends fernsehen, kein Miauen. Und auch kein Quietschen und Rascheln und Knabbern der Meeris. Es hat mir gefehlt und ich bin froh meine Tierchen wieder zu haben. 

Und es fiel mir furchtbar schwer sie vorhin zu verlassen, wenn auch nur für zwei Nächte. Denn ich bin nun in Freiburg. Meine Borderline-Mädels wissen allerdings noch nicht, dass ich schon vor habe heute vorbei zu schauen, es wird eine Überraschung. Ich habe es extra so geplant, dass ich auf Station auftauche, wenn sie Gruppe haben. Ich bin gespannt auf die Gesichter, wenn sich die Türe öffnet nach der Gruppe. Das wird ein Spaß! 

Gestern beim Telefonieren mit Puffi fiel es mir unglaublich schwer den Mund zu halten und nicht aus Versehen etwas zu verraten. Und noch schwerer fällt es mir gerade nicht in unserer Gruppe zu schreiben wie sehr ich rumhibbel und 5 Uhr herbeisehne,  weil ich endlich endlich endlich bei ihnen sein will, sie fest drücken und endlich wiedersehen. Nur F. weiß, dass ich heute schon dort sein werde, sie wohnt ja leider zu weit weg um einfach mal dort vorbei zu schauen. Und ich freue mich auf Fylgja. Und sowieso und überhaupt auch auf die Fahrt, auf Freiburg und darauf ein paar Leuten des Teams dort Hallo zu sagen. 

Ich sitze im Foyer. Unglaublich nervös. Über das Klinikgelände bin ich ganz vorsichtig geschlichen, in der Hoffnung niemanden von Station zu treffen. Gerade eben liefen zwei Mitpatientinnen an mir vorbei, doch ich habe mich schnell umgedreht und durch die Pflanzen hier im Foyer war ich gut genug versteckt, dass sie mich (hoffentlich) nicht gesehen haben. 

Es hat sich merkwürdig angefühlt hier anzukommen und durch die Stadt zu laufen. Fremd und gleichzeitig unglaublich vertraut. Ein seltsames Gefühl. Je näher ich der Klinik kam, desto chaotischer wurde es in mir. Ich habe hier einfach viele schöne Momente erlebt, viele Fortschritte gemacht. Und in den vier Wochen zuhause hat sich hier natürlich nichts geändert. Ich bin gespannt wer arbeitet. Gespannt auf die Gesichter meiner Mädels. Und ich freue mich so unglaublich sie zu drücken. 

Winterschlaf und Frühlingsantrieb 

Vor einer ganze Weile habe ich mich ja mal ziemlich darüber amüsiert, dass jemand „Kater schläft auf diary card“ bei Google eingab und dadurch wohl auf meinem Blog gelandet ist. Aber der Kater hält sich daran. Heute bekam ich die diary card zum Ausfüllen von der Studie, und prompt liegt das Katerkind drauf und macht ein Schläfchen. 

Ich hab es heute eeeeendlich geschafft mir in den Hintern zu treten und den Kram für die Reha und die Rentenversicherung auszufüllen. Für die Rentenversicherung muss ich jetzt erst noch was von der Krankenkasse ausfüllen lassen. Also habe ich den Brief an die Krankenkasse und den für die Reha eingetütet und bringe die beiden morgen zur Post. Wieder etwas weniger auf der to-do-Liste. 

Morgen muss ich unbedingt waschen. Ansonsten muss ich nämlich nackig weg fahren. Und dafür ist es mir ein wenig zu kalt. 

Heute hat es geschneit. Und geschneit. Die ersten Dinge, die ich heute morgen zu sehen bekam, waren Schnee (vor dem Fenster), Schnee (auf einem Foto von Mama), Schnee (auf Facebook) und querstehende LKWs auf den Straßen unseres Bundeslandes, insgesamt 8 Stück. Zum Glück musste ich heute nirgendwo hin. Doch bis zum Supermarkt habe ich mich getraut, durch den Schnee und den Schneematsch. Das Projekt „ich kauf ab jetzt jeden Tag ein anstatt für ne Woche“ funktioniert ganz gut, so gehe ich immerhin vor die Türe. Auch das mit der diary card ausfüllen funktioniert. Genauso wie der Kram, der mit dem Lebensvertrag zusammen hängt. Und, ein Wunder, Selbstvalidierung. So viel selbst validiert wie in den letzten Monaten habe ich mich in über 20 Jahren nicht. 

Der Zitronenkater scheint in den Winterschlaf zu fallen. Jedenfalls rollt er sich auf mir zusammen, sobald ich sitze, und schließt die Augen. Und es ist ihm egal, ob ich gerade bequem da sitze, oder ob er nur über einem Bein oder auf einem Fuß liegt. Hauptsache auf mir, der Rest ist ihm egal. 

Langsam habe ich das Gefühl, dass die Antriebslosigkeit und das Durchhängen weniger werden. Ich schlafe nicht mehr ganz so viel, bin nicht mehr ganz so Matsch und antriebslos. Gefühlsmäßig ist es so, dass ich es mir langsam wieder zutraue etwas zu tun. Arbeiten vielleicht noch nicht so wirklich, aber vielleicht ein paar Stunden. Oder etwas ähnliches. Deswegen denke ich, dass Tagesklinik eine gute Sache wird und auch zum richtigen Zeitpunkt. Ich hab mehr Vertrauen in mich selbst, traue mir eher wieder zu irgendwas zu schaffen. Nicht mehr alles ist schwarz und hoffnungslos. Ein schönes Gefühl. Vielleicht kriege ich ja verfrühten Frühlingsantrieb. 

Und nun schnappe ich mir das kleine Schlafmonster und kuschel mich in mein Bettchen. In der Hoffnung, dass der Herr Kater morgen früh nicht wieder um halb 6 der Meinung ist, dass er vom zwei Meter hohen Kleiderschrank auf mich springen und dann wie ein Irrer durch die Wohnung galoppieren muss. Aber kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nur schläft, dann ist man eben früh wach. Faules Fellknäuel. 

Mord, Selbsthass und nasse Tiere 

Projekt Massenmord, Stufe 1.

Ich habe meine Meerchen in ein Körbchen gesetzt, das Streu in die Tonne geworfen, den Kater und die Meerchen ins Schlafzimmer gesteckt, das Meerizuhause nochmal extra mit Zeug eingesprüht, alles essbare im Kühlschrank in Sicherheit gebracht und die erste Flohbombe gezündet. Ich habe mich mit meinen Tieren (und vermutlich auch einer Horde Flöhe) im Schlafzimmer niedergelassen. Zwei Stunden soll man das Zeug einwirken lassen und dann gut lüften.

Stufe 2.

Sobald ich die Türe zum Wohnzimmer öffne büchst der Herr Kater aus. Also muss er als erstes der Tiere dran glauben. Ich schnappe ihn und trage ihn ins Bad, schließe die Türe und klemme ihn mir zwischen die Beine. Immer und immer wieder muss ich ihn einfangen, er ist verständlicherweise nicht begeistert über die Prozedur. Schließlich ist er komplett eingesprüht und nass und er darf in die Küche flüchten. Dann sind die Meeris dran. Flocke lässt es relativ gelassen über sich ergehen, Caro protestiert ziemlich und Caramell schreit, als ob ich sie bei lebendigem Leib braten würde. Doch auch das ist dann geschafft und die drei dürfen in ihr frisches Zuhause. 

Stufe 3. 

Es folgt das Schlafzimmer. Ich sprühe die Matratzen nochmal extra ein und zünde dann die zweite Flohbombe. Das Schlafzimmer nicht nutzen zu können ist nicht halb so dramatisch wie das Wohnzimmer, denn so kann ich immerhin aufs Klo und der Kater hat auch mehr Platz. Und der Kühlschrank ist auch erreichbar. 

Stufe 4. 

Nun folgt der übrige Kram. Die verbliebene Wäsche bei 60° waschen, die momentan noch in Tüten verpackt hier rum steht. Und sie aufhängen und irgendwie trocken kriegen. Und aufräumen und durchputzen. Ich hoffe, dass das ganze Geflöhe nun das Zeitliche gesegnet hat. Nochmal will ich dieses ganze Drama nicht mitmachen. 

Ansonsten ist es halbwegs okay. Ich war einkaufen und habe eine Portion Sushi gefuttert, heute morgen sogar gefrühstückt. Ich war halbwegs fleißig in meiner Wohnung, habe hoffentlich mein Flohproblem gelöst. 

Und als ich auf das Datum blicke fange ich an zu heulen. Ich weine und weine und kann nicht mehr aufhören. Heute Abend, heute Nacht vor einem Jahr… Am nächsten Tag habe ich den Hundemann zusammen mit Chrissie und D. beerdigt. Mein kleiner Sunnybär, mein süßer Hundemann, ein Jahr ist nun schon vergangen und ich vermisse ihn immer noch wie am ersten Tag. Seit diesem Tag ist Chrissie nicht mehr dieselbe. Bis heute hat sie nicht verkraftet, dass er nicht mehr da ist. Und auch für mich ist es schwer, denn einerseits vermisse ich ihn furchtbar, andererseits leide ich mit Chrissie mit, weil sie einfach nicht mehr aus dem Loch kommt seither. 

Jeden Abend denke ich, dass ich eigentlich mehr hätte tun müssen am Tag. Produktiver sein, mehr leisten, dieses und jenes noch tun. Dann beginnt automatisch der Selbsthass. Mittlerweile schaffe ich es den Kreislauf zu zerbrechen, zumindest meistens. Ich drehe mich nicht mehr stundenlang im Kreis, von Selbsthass zu Selbsthass zu Selbsthass zu Selbstverletzungsdruck zu Suizidgedanken zu noch mehr Selbsthass zu noch mehr Suizidgedanken. Es bleibt beim Selbsthass und den Gedanken und dem Druck. Manchmal verschwindet auch alles, wenn mir klar wird, dass es nur der Selbsthass ist. 

Vielleicht schaffe ich heute Abend wenigstens noch ein paar kleine Dinge. Ein wenig aufräumen, noch etwas essen, den Kater kraulen, denn der ist immer noch ein wenig beleidigt mit mir. 

Flohteppiche und Decken aus Einsamkeit. 

Darf ich vorstellen: der Herr Flohteppich. Dazu kommen noch 3 kleine Flohteppiche. 

Juhu. Das hat nun wirklich gefehlt um zu einer Besserung meiner verkorksten Psyche beizutragen. 

Also war ich heute mal den Tierladen plündern. Spray für auf die Flohteppiche und eins für alles, was ich nicht waschen kann. Alles waschbare landet momentan nach und nach in Säcke und von dort dann in die Waschmaschine. Und zusätzlich kriege ich morgen per Post noch Flohbomben, damit entflohe ich dann (hoffentlich) meine komplette Bude. 

Wo die Viecher her kommen weiß ich nicht. Der Zitronenkater war nicht draußen. Und die Schweine erst recht nicht. Ich vermute, dass meine Nachbarin während meiner Zeit in der Klinik mal beim Füttern ihre Flohschleuder dabei hatte. Das Hundetier hat ständig welche. Und wahrscheinlich haben sich dann ein paar hier niedergelassenen. Verdammte Scheiße. Ich hoffe so, dass ich die Bestien alle los werde. Vor allem auch für meine Tierchen, gemeine, beißende Bestien, die dann auch noch Jucken verursachen, sind einfach nicht schön. 

Tja. Ich muss also in meiner Bude rumwuseln, Sachen eintüten, aufräumen. Ob ich will oder nicht. Es fällt unglaublich schwer mich aufzuraffen, aber nach und nach und Stück für Stück kriege ich es dann doch irgendwie hin. Ich hoffe, dass ich heute noch den Rest bewältigt kriege, damit ich morgen mit der Flohtötung beginnen kann. 

Nächste Woche Montag habe ich einen Termin bei meinem Psychiater. Der erste nach Freiburg. Ich freue mich drauf, ich will ihm erzählen von den Fortschritten, aber auch, dass es mir derzeit (wieder) so schwer fällt zuhause etwas zu tun, mich aufzuraffen, meinen Tag zu strukturieren. Ende der Woche fahre ich in die DBT-Stadt. Meine verbliebenen Mitpatienten besuchen, vielleicht auch ein paar ehemalige Mitpatienten und natürlich Fylgja, bei ihr werde ich auch schlafen. Ich freue mich schon drauf, auch wenn es sich bestimmt merkwürdig anfühlen wird die Klinik und die Station zu betreten. 

Und draußen wird es wieder dunkel. Und ich fühle mich einsam. Ich weiß, dass es da Menschen gibt in meinem Leben, aber ich habe wie so oft das Gefühl, dass ich mich nicht melden darf, weil ich sie bestimmt störe. Dabei bräuchte ich gerade so sehr ein paar liebe Worte. Ein „ich denk an dich“. Die Einsamkeit in mir legt sich um mich wie eine schwere schwarze Decke und hüllt mich ein, nimmt mir die Luft zum Atmen und hinterlässt nichts als Traurigkeit und Dunkelheit. Ich möchte mich verletzen. Einfach nur um diese Dunkelheit zu vertreiben. Und in den Momenten, in denen ich am meisten jemanden brauche, schaffe ich es nicht das jemandem zu sagen. 

Ich schlafe gestern erst gegen 3 Uhr ein. Mit Suizidgedanken und Selbstverletzungsdruck. Als ich heute morgen die Augen öffnen, ist es zwar nicht mehr ganz so schlimm, aber auch alles andere als gut. 

Als es an der Tür klingelt, schrillen die Alarmglocken in mir synchron mit. Mein Großonkel steht im Flur, prima. 

Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Seine Fragen nach meinem Vater oder meinen Narben, die Tatsache, dass er ständig absichtlich meinen Kater erschreckt, sein Meckern über Moslems oder die andere ganze Grütze, die er von sich gibt. Nach gefühlt endlos langen Stunden, mindestens 5 Gefühlsprotokollen im Kopf, einem Haufen möglicher Mordmethoden und tonnenweise ablenken und skillen verlässt er endlich wieder die Wohnung. Uff. Durchatmen. 

Danach ist es unspektakulär. Wir essen, irgendwann packe ich meinen Kram und Mama bringt mich nach Hause. Als sie nach der obligatorischen Zigarette dann meine Wohnung verlässt, sinke ich erschöpft auf mein Sofa. Die letzten 3 Tage haben an meinen Kräften gezehrt. Die kurzen Nächte (vor 2 Uhr habe ich nie geschlafen), die vielen Geräusche, die Erinnerungen und Gedanken und dann zu allem Übel heute noch mein Großonkel… Es war anstrengend. Wenn auch nicht ganz so furchtbar wie sonst. Wobei auch mein Umgang und meine Einstellung anders sind seit der dbt. 

Jedenfalls war ich unglaublich froh endlichendlichendlich wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein. Ohne Menschen. Und so habe ich den Rest meines Tages auf dem Sofa verbracht. Mit AoE, TV, Katerkind und skypen mit L. und F., anschließen bin ich einfach nur ins Bett gekippt. Und dort liege ich nun seit einer ganzen Weile und komme nicht zur Ruhe. In meinem Kopf reiht sich ein mögliches Selbstverletzungsszenario an das nächste. Mir fehlt es so, so unglaublich sehr. Manchmal wünsche ich mir ein „richtiges“ letztes Mal. Noch einmal verletzen, als Abschluss, so richtig viel und schlimm. Aber es ist totaler Quark. Es ist einfach nichts, bei dem man einen Abschied feiern kann, ein letztes Mal, und schon gar nicht so. Es wäre eher ein Anfang als ein Ende. Und ich weiß auch, dass ich nie ganz ohne Selbstverletzung sein werde, denn sie wird mich immer begleiten, auch wenn es vielleicht irgendwann nur noch die Narben und ein gelegentlicher Gedanke daran sein werden. Ich weiß, dass es jederzeit wieder passieren kann, auch wenn ich es nicht hoffe und nicht möchte. Aber es macht auch so viel Angst zu wissen, dass es vielleicht nie mehr passieren wird. Und, ja, es tut weh. Denn ich lasse damit (mal wieder) etwas los, das so lange Teil von mir war, mehr als mein halbes Leben schneide ich schon. Es tut weh, genauso weh wie etwas anderes loszulassen, das einen so lange begleitet hat. Und ich versuche nicht allzu sehr über das alles nachzudenken, auch wenn es mir in diesen sentimentalen Tagen mit Weihnachten und Silvester vor der Türe um einiges schwerer fällt als es sonst eh schon ist. 

Morgen werde ich erstmal ausschlafen. Und dann irgendwann in den Supermarkt purzeln und ein paar Kleinigkeiten für die nächsten Tage einkaufen. Und ich muss anfangen meine Wohnung besuchs- und silvestertauglich zu machen. Also: aufräumen! 

Weihnachten 

Zitrone rollt Geschenkpapier aus. Schiebt den Kater weg. Legt das Geschenk aufs Papier. Schiebt den Kater weg. Holt Klebestreifen. Schiebt den Kater weg. Schlägt das Papier um das Geschenk. Zieht den Kater aus dem Geschenk. Klebt die nächste Seite zu. Zieht den Kater aus dem Geschenk mitsamt Geschenk, stopft das Geschenk wieder rein. Klebt die letzte Seite zu. Streichelt das schnurrende Geschenk. 

Ungefähr so verläuft mein Morgen. Ich ziehe den Zitronenkater auch noch mehrfach aus meinem Rucksack, dann aus der Ikea-Tasche, dann aus der Schublade mit dem Futter, dann aus dem Kühlschrank. 

Ich schaffe es zur geplanten Uhrzeit aus dem Haus. Blutend an Händen, Ohr, Oberschenkeln, Armen und Bauch. Der Herr Kater wollte nämlich partout nicht in die Transportbox und so lieferten wir uns erst mal einen gewaltigen Kampf. 

Die Fahrt ist entspannt. Es sind nicht allzu viele Leute unterwegs, der Zitronenkater klettert zwischendurch aus der Box, kuschelt sich auf meinen Schoß und beobachtet fasziniert die vielen Menschen und die vorbeiziehende Landschaft. 

Ich verkrümel mich noch eine Weile zu meiner Schwester nach oben, während Mama kocht und vorbereitet. Ihr Freund kommt, das Katerkind erkundet begeistert die Schubladen unterm Bett meiner Schwester, wir hängen rum, plaudern, tauschen Neuigkeiten über ehemalige Klassenkameraden aus (der Freund meiner Schwester hat mir mir zusammen die Ausbildung gemacht), bespaßen den Herrn Kater. 

Nach dem Essen und der Bescherung hängen wir faul auf dem Sofa. Schwesters Freund fährt noch zu seiner Familie, wir beschlagnahmen den Fernseher und spielen Wii. Später schauen wir zusammen mit Mama Filme, spielen mit dem Zitronenkater, begutachten Geschenke näher, trinken Alkohol. Schwesters Freund trudelt wieder ein und um kurz vor 1 beschließe ich, dass so Zeit fürs Bett wird. Ich kuschel mich in die Decke und mein Katerkind folgt mir, rollt sich dicht an mir zusammen und lässt sich kraulen. 

Es war ein entspannter Heilig Abend. Erstaunlich entspannt, bis auf ein kurzes Familiendrama mit meinem Großonkel, der behauptete geklingelt zu haben und nun beleidigt daheim saß und einer traurigen Mama, weil er eben nicht mit uns gemeinsam feierte. Allerdings sehr zur Freude meiner Schwester und auch ich war nicht sonderlich enttäuscht darüber. Immer wenn mehrere Teile meiner Familie zusammen kommen wird es kritisch und er ist auch eine dieser Personen, die immer und immer wieder nach meinem Vater fragt, nach dem Warum des nicht vorhandenen Kontakts, nach den Hintergründen meines Auszugs bei ihm und meinem Weggang aus BaWü, nach den Gründen für meine Narben und nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, die man generell nie und erst gar nicht an Weihnachten erzählen will. 

Ein wenig schwer war nur die Traurigkeit über das zweite Weihnachten ohne Tante M., den ersten Weihnachtsfeiertag bei ihr zu verbringen war zwar eine anstrengende, aber doch schöne Tradition. Es fällt schwer dabei zuzusehen wie die Familie kleiner und kleiner wird und nur noch wenige übrig bleiben. Und obwohl wir eine so große Familie haben zerstreut es sich mehr und mehr, alle leben quer über die Welt verteilt, von Frankreich über Italien bis Japan und die USA. 

So geht ein weiterer 24.12. zu Ende. Weniger anstrengend als gedacht doch kräfteraubend genug für mich. Auch wenn ich merke, dass vieles einfacher und leichter ist. Durch die Therapie und auch durch die Medikament. 

Meine lieben Leser, ich hoffe ihr hattet einen schönen Tag. Und ich wünsche euch noch zwei weitere tolle Weihnachtstage. 

Der neue Weg. 

Vorhin war ich bei meiner Nachbarin. Ich wollte mich bedanken, dass sie sich um meine Tierchen gekümmert hat. Wollte ihr ein wenig erzählen, wie die Therapie war und es mir geht und erfahren, was es bei ihr so Neues gibt. Wir haben lange zusammen gesessen, geredet, Kaffee getrunken. 

Dann kam ihr Mann. Eigentlich mag ich ihn ganz gerne, wobei es manchmal schon schwierige Situationen gab mit ihm. Er ist (manchmal trockener) Alkoholiker, saß eine ganze Weile im Knast wegen häuslicher Gewalt und unbezahlten Alimenten, war im Entzug. Er war schon oft hilfsbereit, es gab aber auch ein paar Situationen, in denen es wie gesagt schon schwierig war. 

Er fragte zuerst relativ nett, wie es mir geht, und dann in einem merkwürdigen Ton nach meinen Tieren. Und dann ging es los. Er sei im Tierschutz und bei Greenpeace, es wäre Tierquälerei was ich mit meinen Tieren mache. Ich stand erst mal etwas verwirrt da. Er machte aber postwendend weiter: in die Klinik gehen und nach mir kucken wäre völlig gestört, wenn es meinen Tieren doch so schlecht geht. Mein Kater würde ständig den Kopf gegen die Glasscheibe hauen. Er sei im Knast gewesen, er wisse schließlich wie es ist eingesperrt zu werden. „Ähm. Moment. Mein Kater schlägt nicht den Kopf gegen die Scheibe, er tut, was alle Katzen gerne tun: aus dem Fenster schauen. Und klar kommt er angerannt und kuckt was los ist, wenn er draußen etwas hört.“ Auf diese Erwiderung meinerseits fing er an laut zu werden. Mein Kater würde nicht raus schauen, er würde bei mir gequält und eingesperrt und haut den Kopf gegen die Scheibe! Da wurde es mir zu blöde. Und auch zu gefährlich, denn ich kann nicht einschätzen wie er reagiert, wusste nicht, ob er was getrunken hatte. Und das Lautwerden, die Aggressivität in der Stimme, das ganze erinnerte mich so an meinen Vater, es triggerte ungemein und ich musste aufpassen, dass ich nicht völlig in die Dissoziation rutsche. Also raus. Weg. In meine Wohnung. Meiner Nachbarin kurz tschüss sagen und weg. 

Auf dem Weg nach unten kamen mir schon die Tränen. In meiner Wohnung schließe ich hinter mir ab und will eigentlich nur noch im Bad auf den Boden sinken und mich verletzen. Ich fühle mich schuldig, weil ich meine Tiere alleine gelassen habe, auch wenn mir rational klar ist, dass Welten mich von Tierquälerei trennen. Gefühlsmäßig ist es anders. Neben den Schuldgefühlen steigt die alte Angst und Hilflosigkeit von früher in mir auf. Ich werde angebrüllt, ich hab also etwas falsch gemacht. Ich bin falsch. Ich muss mich bestrafen. 

„Bewegen statt erstarren.“ertönt mit der Stimme unserer Physiotherapeutin in meinem Kopf. Handeln. Ich muss etwas tun. 

Ich greife zum Telefon. Tippe heulend auf den Namen meiner Mutter im Telefonspeicher und warte, dass am anderen Ende jemand abnimmt. Ich heule. Ich rede. Ich erzähle ihr von der Situation, erzähle ihr von der Angst, die das Ganze ausgelöst hat in mir. Gleichzeitig schreibe ich in unserer Whatsapp-Gruppe meinen ehemaligen Mitpatientinnen. Schreibe, dass ich unglaublichen Druck habe. Es tut gut ihre Nachrichten zu lesen. Zu wissen, dass sie da sind. Mit ihnen gemeinsam zu planen, dass sie her kommen und ihm mal eins auf die Nase geben. Irgendwann muss ich lächeln. 

Einige Stunden später sitze ich nun relativ entspannt auf dem Sofa. Die Angst, die Selbstvorwürfe und der Selbstverletzungsdruck sind verschwunden. Ich habe meine Gefühle zugelassen, habe angemessen gehandelt, habe mir selbst immer wieder gesagt, dass seine Wahrnehmung keine Realität ist. Natürlich waren die letzten 14 Wochen keine optimale Zeit für meine Tierchen. Wobei es die Schweine vermutlich relativ wenig interessiert hat. Sie hatten Futter, Wasser und ein sauberes Zuhause, damit sind sie schon glücklich. Mein Kater war natürlich viel mehr alleine, hatte aber auch genug zu fressen, seinen Trinkbrunnen, saubere Klos, Möglichkeiten sich selbst zu beschäftigen, konnte die Schweine ärgern, und auch immer wieder N. hier zum spielen und kämpfen und schmusen, am Schluss durch krankes Meeri sogar täglich. Es war nicht optimal, aber es ging ihnen gut. Das ist die Realität. Mein Kater hat in der Wohnung alle Möglichkeiten sich auszutoben, die er auch gerne nutzt. Wand hoch und runter, unters Bett, über die Schränke. Klar findet er es noch toller, wenn er auch raus kann und dort rumflitzen. Aber er ist auch so glücklich. Nein Zitrone. Du tust alles für deine Tiere, was dir möglich ist. Deine Tiere sind gesund und glücklich. Und überhaupt, wenn es meinen Tieren nicht gut gehen würde, warum werden meine Schweinchen fast alle um einige Jahre älter als Schweinchen im Durchschnitt werden. Ich bin eine gute Tiermama. Realität. Punkt. 
Und mit Unterstützung meiner tollen Mädels, mit den Worten meiner Mama, mit der kleinen Hexe und ihren Worten und dem Zitronenkater, der mich miauend anschaut, weil ich so verzweifelt schluchze und mir schließlich in meine Nase beißt, weil ich ihn nicht kraule, gelingt es mir aus dem Gefühlschaos raus zu kommen. Ich schaffe es mich nicht zu verletzen. Schaffe es die Gefühle gegen mich umzudrehen in die Richtung, in die sie gehören. Nämlich wütend auf ihn zu sein, weil er ein Arsch und ein richtiger Vollidiot ist. Und dann bin ich stolz. Weil ich es geschafft habe. Weil ich im ersten Moment, in dem der Druck so überwältigend war, niemals gedacht hätte, dass ich einige Stunden später entspannt auf dem Sofa sitzen werde (natürlich mit schnurrendem Zitronenkater auf dem Schoß), ohne Wunden, mit dem Gefühl von Stolz. Bämm! Ich habe es geschafft. Es war unglaublich anstrengend anders zu handeln, es war ein Kampf, aber ich habe den Kampf gewonnen. 

Ich überlege, wie es vor 4 Monaten gewesen wäre. Sicherlich um einiges schwerer. Anders. Vermutlich hätte es mit einer Selbstverletzung geendet. Weil es genau meine Schuldgefühlen getroffen hat, meine Selbstzweifel, meinen Selbsthass. Und weil Wut auf jemand anderen haben nicht erlaubt war. Weil ich selbst nur falsch handeln kann. Weil ich nicht okay sein darf. 

Und während ich schreibe erreicht mich die Nachricht von Berlin. Zuerst bin ich fassungslos. Dann schaue ich, ob meine Freunde und meine Familie dort in Sicherheit sind. Es geht allen zum Glück gut. Und dann werde ich wütend, weil ich Kommentare und Posts lese in den social medias, die das ganze als gefundenes Fressen nutzen. Also klappe ich den Laptop zu, schließe die Apps auf meinem Handy und werde für heute dem Medienkram keinen Platz mehr einräumen. 

Mein Tag lief anders als geplant. Aber auch das ist okay. Denn ich sitze immer noch unverletzt hier, dafür darf dann auch mal die Planung scheitern. Mein Wohnungschaos läuft ja (leider) nicht weg. Also verschiebe ich alles um einen Tag, gebe den Möhrenschweinchen noch eine Portion Heu und Salat, kuschel mich mit meinem Katerkind ins Bett und versuche eine möglichst gute Nacht zu haben.