Dunkel

Es ist schwer. Atmen. Aufstehen. Einkaufen. Essen. Alles. Das Leben an sich.

Ich kriege nichts hin. Außer den nötigsten Dingen. Mich in den Supermarkt schleppen, damit meine Tiere etwas zu essen haben. Einmal am Tag wenigstens halbwegs irgendwas essen. Alles andere bleibt liegen. Die Wohnung, die zu regelnden Dinge, ich. Ich mag mich selbst nicht, weil ich es schon den zweiten Tag nicht schaffe zu duschen, aber es geht einfach nicht. Allein die Vorstellung ins Bad zu gehen, auszuziehen, unter die Dusche stellen… All das scheint so unüberwindbar anstrengend. Ich würde mir gern was gutes tun. Mit einem tollen Shampoo duschen, mir die Nägel lackieren… Doch die Kraft fehlt. Alles ist anstrengend, so sehr, als würde ich mich nicht durch Luft, sondern durch eine zähe klebrige Masse bewegen.

Ich weiß, dass gerade das Drumrum wichtig ist um nicht völlig zu versinken. Raus gehen, Essen, mich um mich kümmern, mir gutes tun… Doch nur daran zu denken ist schon unglaublich anstrengend und kräftezehrend.

Es wird Mittag und Abend und Nacht. Ich kriege viel zu wenig hin, würde so gerne viel mehr leisten. Stattdessen schreibe ich ein wenig an meinem Exposé (zu wenig…), bis mich der Medikinet-Rebound zu sehr umtreibt und ich mich nicht mehr konzentrieren kann.

Es wird Mitternacht und es wird 4 Uhr. Vogelzwitschern ist zu hören und hin und wieder ein Auto, die Welt um mich herum erwacht, während ich noch keine einzige Minute geschlafen habe. Der Zitronenkater schaut mich aus verschlafenen Augen an, streckt sich und rollt sich auf meinem Schoß wieder zusammen. Sein Gewicht ist beruhigend, genau wie sein Schnurren. Seine Wärme schafft es zu den verletzen Winkeln meiner Selbst vorzudringen, die gerade so sehr bröckeln und auseinander fallen.

Der Schmerz wird von Tag zu Tag größer. Die kleine Zitrone in mir brüllt mit jedem Tag lauter, schreit mir ihren Schmerz in die Ohren und zerbricht mit jedem Moment ein wenig mehr. Und ich schaffe es nicht diesem Schmerz etwas entgegen zu setzen, schaffe es nicht mich selbst aufzufangen. Seit diesem Abend am Bahnhof wird es schlimmer und schlimmer und ich brauche so dringend einen Ort, an dem ich das alles lassen kann… Und habe doch gleichzeitig eine solche Angst davor. Angst, dass alle Dämme brechen, wenn ich auch nur ein Wort davon ausspreche, wie es derzeit in mir aussieht. Ich habe Angst, dass es sich dann nicht mehr aufhalten lässt, dass Welle um Welle von Schmerz mich umspülen, gefolgt von Angst, von Wut, von Trauer, von dieser unglaublichen Verzweiflung, die in mir wütet.

Und obwohl ich die Gefühle meiner Kindheit und Jugend so weit von mir weg geschoben habe, dass mir meistens komplett der Zugang dazu fehlt, so weiß ich gerade doch genau, dass es sich anfühlt wie damals. Nach Außen stark, im Inneren so furchtbar kaputt und zerstört, ohne Halt und Sicherheit, völlig ausgeliefert. Die Gefühle gerade sind genau die Gefühle von damals. Damals habe ich mich in die Sicherheit der Selbstverletzung und den Halt der Suizidgedanken geflüchtet. Heute fehlt das Schneiden. Was bleibt ist die Sicherheit, dass ich es beenden kann wenn ich will. Könnte, wenn ich wollte. Und so sehr es auch Sicherheit gibt, so sehr macht es mir auch Angst, denn ich habe das Gefühl, dass mit jedem Tag ein kleines Stückchen weniger zwischen „ich könnte“ und „ich werde“ liegt.

Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Lebenszeichen

Ja, ich weiß. Es ist ein wenig still geworden um mich, aber in den letzten Tagen weiß ich nicht, wohin die Stunden eigentlich verschwinden. 

Gestern fiel mein Blick auf das Datum und ein kurzer Schmerz durchfuhr mich. Ich frage mich, seit wieviel Jahren ich ihm nun nicht mehr gratuliert habe. 5? Oder doch schon mehr? Ich stelle mir vor wie das ist. Wenn das eigene Kind einem nicht gratuliert. Und dann denke ich daran, wie sehr er mich verletzt hat. Es ist okay, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Es ist okay und es war und ist die richtige Entscheidung. Für mich, denn allein um mich geht es dabei, nicht darum, dass ich dafür sorge, dass es ihm besser geht. Und auch wenn meine Gefühle dagegen anbrüllen, immer wieder und speziell an solchen Tagen, so weiß ich, dass es richtig ist. 
Ich habe übrigens, Wunder über Wunder, nun tatsächlich meine Fachhochschule in Händen. Dienstags rief ich die Schulleiter an und fragte nach, sie erklärte mir, dass sie eine Bescheid der alten Schule brauchen, dass ich da keine Fachhochschulreife gemacht hab. Prima. Also rief ich direkt dort an, aber die Schulleitung war nicht da. Nachdem ich schonmal auf der Homepage der Schule war wegen der Nummer, habe ich mich ein wenig durch meine alten Lehrer geklickt. Viele sind nicht mehr da. Aber Frau B. noch, deren erste Klasse als Referendarin wir waren in Geschichte. Und meine ehemihe Tutorin aus der Oberstufe ist auch noch da. Froh bin ich darüber, dass die Schulleitung gewechselt hat. Aber die Dame im Sekretariat ist immer noch die selbe. Und während ich die Namen so lese und die Fotos sehe bin ich plötzlich wieder 17 und am Ende, spüre Wunden auf meinen Armen brennen und in mir zieht sich alles zusammen. Ich brauche einige Momente um dagegen anzukommen, um wieder in die Realität zu finden. 

Am Mittwoch erreiche ich endlich die Schulleitung der alten Schule, am Donnerstag gehe ich mit der Bescheinigung von dort hier zur Schule und hole dann am Freitag endlich mein Zeugnis ab. Es fühlt sich gut an es in den Händen zu halten. Der Abschluss der Ausbildung ist zwar schon 3 Jahre her, aber das Zeugnis mit dem Vermerk nach dem ganzen Drama endlich in den Händen zu halten, fühlt sich mindestens nochmal genauso gut an. 

Den Kram für die Uni habe ich noch am selben Tag fertig gemacht. Nun heißt es warten, ob ich einen Platz kriege und Daumen drücken. 

Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen.

Einige erinnern sich bestimmt noch an damals. Die Zeit, in der man mit einer Kassette im Fach vor dem Radio saß, den Finger über dem Aufnahmeknopf schwebend. Warten, warten, warten, bis das lang ersehnte Lied endlich kommt. Und dann quatsche der Radiomoderator zwischen rein! Daran muss ich gerade denken, als ich Musik von Youtube ziehe, um N. eine CD zu brennen. 

Damals. Ja, ich kenne noch den Zusammenhang von Stiften und Kassetten. Ich weiß auch, wie man eine Telefonzelle benutzt. Ich erinnere mich noch an das Geräusch, wenn das Modem sich ins Internet wählte. Ich habe Disketten benutzt, Briefe geschrieben, die Festnetznummern meiner Freunde auswendig gewusst, für Referate in der Bibliothek Bücher gewälzt. Ich erinnere mich an nur 3 Fernsehprogramme, an Schreibmaschinen und an das Gefühl, zum ersten Mal Google zu benutzen, zum ersten Mal eine SMS zu schreiben, zum ersten Mal einen mp3-Player in der Hand zu halten. 

Viele Erinnerungen aus meiner Kindheit fehlen mir. Die Erinnerungen, die ich habe, sind größtenteils schmerzhaft. Aber es gab da auch diese schönen Momente. 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals in der Bibliothek der Schule saß, aufgeregt, nervös, immer über die Schulter blickend, ob jemand sieht was ich am PC mache. Mein Deutschlehrer hatte mich beiseite genommen. Mich gebeten in der Mittagspause eine Runde mit ihm zu gehen. Ich war 14, es störte ihn nicht, dass ich beim Laufen eine Zigarette rauchte, er gab mir sogar Feuer. Seine Frau, meine Sportlehrerin, hatte mich eine Weile zuvor im Unterricht am Handgelenk gepackt und meinen Ärmel hoch geschoben. Die frischen Wunden und die Narben gesehen. Er erzählte mir, dass sie einen Bericht gesehen hatten. Über Selbstverletzung. Er gab mir einen Zettel mit einer Internetseite. Und nun saß ich da, nervös, und tippte die Buchstaben in die Adresszeile des Browsers. Und las. Und wusste nicht, was ich fühlen soll. Da waren Menschen, so viele Menschen, die fühlten wie ich. Die sich selbst verletzten. Ich war kein Alien. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Menschen auf der Welt gab, die sowas machen. Mehrere Monate später meldete ich mich auf dieser Seite an. Und bin bis heute dort Mitglied. „Mein“ Forum. Bis heute gibt es mir oft Halt. Einige der wichtigsten Menschen in meinem Leben habe ich dort kennen gelernt. Es gibt Freundschaften, die seit Jahren bestehen, über Distanz und Krisen hinweg. 

Wenn ich versuche mich an schöne Erlebnisse meiner Kindheit zu erinnern, dann sind sie immer irgendwie getrübt. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, dass einfach nur positiv war. 

Da ist zum Beispiel die Klassenfahrt nach Frankreich. Marseille, Avignon, Saintes-Maries-de-la-Mer. Es war eine schöne Zeit. Obwohl meine Lehrerin im Vorfeld Bedenken hatte, denn sie wusste von der Selbstverletzung, von den Suizidgedanken. Doch sie ließ sich auf ein Gespräch mit meiner Therapeutin ein und war anschließend beruhigt. Mit der Absprache, dass ich während dieser Zeit nichts anstelle, konnte sie leben. Wir hatten viel Spaß. Ein Klassenkamerad betrank sich dermaßen, dass unsere Referendarin ihn mit Klamotten unter die Dusche setzte und ihm den Finger in den Hals steckte. Ein Lehrer trank etwas viel Wein und torkelte abends an uns vorbei, während wir Shisha rauchten an der Rhone, gegenüber der Pont d’Avignon. „Was rauchen Sie da? Ist da was drin? Dann wird das sofort konsumiert! Äh. Konsumiert! Nein. Konfisziert!“. Als ich in einem Café einen Café au lait bestellte, fragte die Bedienung auf Deutsch „Mit Milch?“ und wir fielen fast lachend von den Stühlen. Es war eine schöne Zeit. Doch es war alles getrübt von dem Wissen, dass ich zurück muss. Zurück zu meinem Vater. Und je mehr Tage vergingen, je mehr Spaß wir hatten, desto dunkler und trauriger wurde es in mit. Ich erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit, als Teenager mit Freunden, hatte Spaß, war weit weg vom Einfluss meines Vaters. Ich sah zum ersten Mal, wie ein Leben sein kann, wie die Leben meiner meisten Mitschüler auch zuhause waren. Es war genauso schmerzhaft wie es schön war. 

Meine erste große Liebe. P. war in meiner Klasse. Und obwohl ich wusste, dass ich Mädels toll fand und mich zu ihnen hingezogen fühlte, so mochte ich ihn auch, war verknallt, wusste noch nicht wirklich viel über Homosexualität und noch weniger über meine eigenen Neigungen. Wir verstanden uns, ich wollte Zeit mit ihm verbringen und machte irgendwann den ersten Schritt. Die erste große Liebe vergisst man nicht, so heißt es immer. Und so ist es auch. Und obwohl das Ende schmerzhaft war, so war es doch schön. Beim ersten Liebeskummer denkt wohl jeder, dass man daran stirbt. Doch die Erinnerungen daran, an die Beziehung, sind aus anderen Gründen schmerzhaft und getrübt. Mein Vater verbot mir diese Beziehung. Verbot mir den Kontakt außerhalb der Schule. Besuche, Anrufe. Und so zerbrach die Beziehung. 

Die erste wirklich freie und schöne Zeit erlebte ich mit 17 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Auch wenn in meinem Leben drumrum damals alles im Chaos war, die Inobhutnahme erst einen Monat vergangen, die Zukunft ungewiss, so war ich doch endlich frei von meinem Vater. Auch wenn es schmerzhaft war, weil ich mich schuldig fühlte, weil die Suizidgedanken mich umklammert hielten, weil vieles in mir einfach dunkel war, so hatte ich doch unglaublich schöne Momente, fühlte mich sicher. Und ich wusste, dass ich niemals zurück gehen werde. 

Bald ist es elf Jahre her. Elf Jahre sind dann vergangen seit jener Nacht, in der die Polizei und das Jugendamt da waren. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Frau G. in ihrem Auto saß. „Ich brauche eine Zigarette!“ sagte ich heulend und sie bot mir eine an. So saßen wir schweigend in ihrem Auto, beide rauchen, nur unterbrochen von meinem Schniefen. Sie fuhr mich in dieser Nacht zu meinem besten Freund. Am nächsten Tag kam ich zu meiner Notpflegefamilie. Saß heulend bei meiner Lehrerin Frau B. im Lehrerzimmer meiner Schule und erzählte, was passiert war. Wusste nicht, wie es weiter gehen soll. Wusste nicht wohin mit mir und meinen Gefühlen. 

Elf Jahre. So viel Zeit. Manchmal fühlt es sich an, als ob seitdem nur wenig anders geworden ist. Und doch… Es liegen Welten zwischen damals und jetzt. Ich bin frei. Vielleicht muss ich mir das viel öfter sagen. 

Seitdem sind da viel mehr Erinnerungen. Es sind nur noch wenige Löcher in meinem Kopf. Und die Erinnerungen sind nicht mehr durch und durch getrübt von der Dunkelheit, die mich zuhause erwartete während so vieler Jahre. 

Vor kurzem bin ich durch Zufall über ein paar Sätze gestolpert, die mich nachdenklich machten. Es ging um das leidige Thema aufräumen und Ordnung halten. Die Person erzählte, dass ihre Mutter immer alle Schränke ausräumte in ihrem Zimmer aus Wut und sie dann aufräumen musste und es ihr deshalb so schwer fällt. Beim Lesen tauchten Bilder in meinem Kopf auf. Die kleine Zitrone, weinend, inmitten von Dingen, während der wütende Vater Schubladen rausriss und auf dem Boden ausschüttete. Mit Drohungen, Beschimpfungen. Bis x Zeit, dass alles wieder in Ordnung zu bringen. Und ich beginne zu weinen, denn ich fühle den Schmerz des Kindes von damals. Und ich weine über diese „neuen“ alten Erinnerungen. Die ADHS-Diagnose erklärte einige Dinge. Und diese Erinnerungen erklären wohl den Rest. Mein Vater hatte immer schon eine Art der Ordnung und Sauberkeit, die mich als Kind wahnsinnig machte. Ein wenig von meinem eigenen Chaos im Zimmer war eine Rebellion dagegen. Und ich merke, dass all diese Dinge, die Rebellion, die ADHS bedingten Sachen und die Erinnerungen an das Aufräumen müssen mich bis heute beeinflussen. 

Solche Dinge bringen mich immer wieder zu der Frage, ob ich froh bin um die Dinge, an die ich mich nicht erinnere, oder nicht. So vieles wird auf einmal klarer und verständlicher, wenn solche Erinnerungen kommen, so schmerzhaft sie auch sind. Meine Kindheit und Jugend besteht aus mehr weißen Flächen und dunklen Löchern als aus Erinnerungen und ich weiß nicht, ob ich wirklich wissen will, was dort eigentlich schlummert. Aber letztendlich ist es auch keine Entscheidung, die ich bewusst treffen kann, denn ich kann nicht steuern ob und was plötzlich wieder auftaucht. 

Gleich werde ich mal Klamotten zusammen suchen und in die Maschine schmeißen. Wegen ansonsten nackt in die DBT-Stadt fahren und so. Und dann hüpfe ich in Kleider und fahre in die Stadt. Treffe mich mit N. und statte der neu eingerichteten Bücherei mal einen Besuch ab. Vielleicht hole ich mir einen Ausweis, je nach Angebot dort, mal sehen. Auf dem Weg zum Bus gehe ich bei der Post vorbei und bringe die Briefe weg. Später will ich hier noch ein wenig weiter Ordnung machen. Anfangen ein paar Dinge zu packen für meine Fahrt. Meine Medikamentenbox wieder bestücken. Leben. Atmen. Frei sein. 

Freiheit bedeutet sein wie ich bin, Freiheit heißt für mich Fehler machen wie’n Kind.
Und wenn’s sein muss, fall ich halt hin.
Doch ich steh wieder auf, Freiheit heißt zöger nicht, sondern lauf
Wenn du weißt was du willst, dann tu es, wenn nicht dann tust du es auch
Freiheit bedeutet frei sprechen, frei machen, frei bleiben
Mauern die, die Angst vom Versagen errichtet einreißen, Mut haben
Freiheit bedeutet auch zu enttäuschen, sich selbst zu erfüllen
anstatt die Erwartungen von anderen Leuten

Und als pusten noch half und es Drachen gab

Nicht nur ich habe Schlafstörungen, der Herr Kater auch. Nachdem ich letzte Nacht dran war scheint er nun dran zu sein, denn er macht die ganze Zeit nichts anderes als durch die Wohnung zu schleichen, sich auf einer Tüte zusammen zu rollen um dort zu schlafen, nur um dann 5 Minuten später über mich zu trampeln, auf den Schrank zu springen, sich neben mir zusammen zu rollen und dann das ganze wieder von vorne. Vielleicht hat er Werwolfgene und verspürt heute Nacht den Drang den Mond anzumiauen. 

Nach immer wieder unterbrochenem Schlaf ist es mir um kurz nach 3 dann zu doof. Ich stehe auf und werfe mir ein Oliven-Ciabatta in den Backofen, da mein Magen mich daran erinnert, dass seit Croissant und ein paar Bissen von Vs Dönerbox doch schon eine Weile vergangen ist. 

Also sitze ich mitten in der Nacht mampfend auf dem Sofa, während Kater ein paar Mücken jagt. Ich finde es nicht sonderlich schlimm, nachdem die erste Genervtheit über meinen unterbrochenen Schlaf verflogen ist. Es würde sich ja auch nicht ändern, wenn ich mich jetzt furchtbar aufrege (auch wäre ich doch nur öfter mal so schön rational…). 

In letzter Zeit träume ich häufig von der Gymnasialzeit. Von Mitschülern und Lehrern. Vielleicht, weil ich bald so nah an „dort“ sein werde wie seit 8 Jahren nicht mehr. Ich vermisse wenig von dort. Ein paar Menschen, die Spaziergänge mit dem Hund über die Felder und in das Tal, das mich immer ein wenig an Hobbingen erinnert hat. Und meine ehemalige Therapeutin. Aber sonst verbindet mich wenig mit der Gegend, in der ich fast 16 Jahre lang gelebt habe. Heimat war für mich nie jemals anders als hier. Dieses „ich bin angekommen“ – Gefühl stellte sich immer erst ein, wenn ich beim Blick aus den Auto- oder Zugfenstern meine Hauptstadt näher kommen sah. Wenn endlich der  Radiosender zu empfangen war, die Schilder nur noch wenige Kilometer zeigten, langsam die bekannten Orte und Straßen zu sehen waren. 

Ich habe die Freiheit immer geliebt, die ich hier hatte. In die Stadt gehen und bummeln, irgendwo rum sitzen, Dinge tun, ohne ständig kontrolliert zu werden. Mit meiner Schwester ins Kino gehen und sie auf dem Rückweg huckepack tragen, weil sie so müde war. Mit ihr zusammen mit den Inlinern am Fluss entlang fahren. Sie von der Schule abholen, weil ich schon Ferien hatte und sie nicht. Die Momente hier habe ich als Kind unglaublich genossen, mich frei und unbeschwert und glücklich gefühlt. Umso schlimmer war es dann zurück zu kehren. Wie oft saß ich im Zug und war so unglaublich traurig mit jedem Kilometer, der mich von hier weg trug. Manchmal hätte ich gerne einfach den nächsten Zug zurück genommen. 

Vielleicht kann ich irgendwann die schönen Momente meiner Kindheit sehen ohne die Dunkelheit dazwischen. Vielleicht kann ich das Bunt genießen und nicht an das Schwarz und Weiß denken. Vielleicht tut es irgendwann nicht mehr weh sich zu erinnern. 

Ich starte einen weiteren Versuch noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Der Kater liegt bei den Meerschweinchen und döst, mein Hunger ist gestillt und meine Augen beginnen wieder zuzufallen. 

Wir sind von Couch zu Couch gesprungen,
um der Lava zu entkommen 
und die Moorhuhnjagd war Trendsport am PC. 
Wir haben mit Asterix den Kampf in Gallien aufgenommen. 
Ich war dabei, warst Du dabei?

Warum tut es heute noch viel mehr weh als sonst 

Ich bin irgendwann heute morgen wieder Zuhause eingetrudelt. Nassgeschwitzt, erledigt, aber glücklich. Bei den ganzen Liedern einfach laut mitsingend, die tollen Menschen auf der Bühne sehen, die Freude auf der Bühne und im Publikum spüren… Es war einfach wunderbar.
Zuhause fing dann wieder das übliche Drama an. Diesmal hab ich mir die 5fache Dosis der Medis eingeworfen. Runter kam ich trotzdem nicht. Ich muss damit aufhören, nicht umsonst hab ich eine festgelegte Dosis der Medikamente. Klassischer Fall von „ach, nehmen wir die Medikamente doch mal nach Lust und Laune“.
Ich hab dann in der Nacht noch meinen Reciever an Fernseher und Satellitenschüssel angeschlossen und an den Router. Nachher werde ich mal die Festplatte dran hängen und die Aufnahmefunktion testen.
Das ich dann gestern die spektakulärsten Kriminalfälle geschaut habe hat sicherlich nicht zu einer ruhigen Nacht beigetragen.
Heute muss ich definitiv ein wenig Ordnung schaffen, schon allein weil ich alles essbare vor Katerkind verstecken muss. Morgen geht es ihm dann an den Kragen bzw. die Hoden. Er tut mir jetzt schon leid, weil man ihm ja schlecht erklären kann, was passiert und was die Narkose mit ihm macht.
Aber erstmal muss ich essen und im Tag ankommen.
Dabei schaue ich alte Folgen Löwenzahn und habe mal wieder das Gefühl, dass ich alt werde. Peter Lustig ist gestorben, einer der Helden meiner Kindheit.  Am Wochenende veranstaltet das ZDF eine Löwenzahn-Nacht. Jede Woche stand Löwenzahn während meiner Kindheit auf dem Programm, hat mir Wissen vermittelt und war ein fester Bestandteil meines Lebens. Manchmal komme ich noch gar nicht wirklich mit meinem Alter mit, besonders wenn die Flashbacks mich über längere Zeit so quälen. Dann fühlt sich einfach alles an wie früher und ich kriege es nicht klar, dass seitdem über zwanzig Jahre vergangen sind. Realität ist momentan eine schwierige Sache. Schmerzen helfen, nur langsam müssen die Schnitte immer tiefer sein, um mich hier zu halten, und ich mag das ganze eigentlich nicht noch länger weitertreiben. Irgendwann ist mein Arm nämlich auch zuende und da kommen Dinge, die ich nicht durchschneiden will.
Einfach weitermachen. Ausatmen und einatmen und ausatmen und einatmen. Im Tag und im Leben ankommen. Den Kram erledigen, der zu erledigen ist. Funktionieren. Aufgeben wird immer mehr zur Option, obwohl es eigentlich keine Option ist. Furchtbar.

Der Himmel in grau, dunkle Wolken ziehen auf 
Ich atme den Regen, ertrage das Leben 
Der Himmel in grau, wäscht den Dreck von meiner Haut 
Nur an Tagen wie diesen brechen meine Wurzeln den Beton wieder auf

and feels like she’s alone here in hell

Auf Station ist es momentan unglaublich unruhig. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass meine Anspannung in einem niedrigen Bereich bleibt.
Ich hatte heute lieben Besuch und das tat auch unglaublich gut. Ein wenig Ablenkung, mal was anderes sehen und hören, auf andere Gedanken kommen.

image

Ansonsten versuche ich mich daran festzuhalten. Einfach weiter machen. Tag für Tag, Minute für Minute, Schritt für Schritt und Skill für Skill. Es geht weiter, es geht immer weiter.

Ich muss viel an meinen Vater denken. Manchmal auch an die schönen Momente, und dann denke ich mir, dass ich ihm vielleicht Unrecht tue. Dass er sich vielleicht doch bemüht hat, mir eine schöne Kindheit zu bieten. Und ja, das hat er auch tatsächlich. Nur gab es da diese vielen anderen Momente, in denen es nicht so war. Ich denen ihm meine Gefühle, meine Bedürfnisse, mein Wohl völlig egal waren. Und die überwiegen leider. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, die schönen Momente und all das Schlimme gemeinsam zu sehen, als Ganzes. Und nicht nur entweder die schönen Momente, bei deren Erinnerung ich am liebsten direkt bei ihm anrufen und den Kontakt zu ihm suchen würde, oder die schlechten, in denen ich ihn so sehr hasse. Vielleicht kann ich irgendwann sagen, dass es Momente gab, die doch okay waren. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Mir fehlen so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend, an viele Dinge erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Manchmal wüsste ich gerne, was hinter dieser Leere steckt, welche Momente und Augenblicke. Und manchmal bin ich mir relativ sicher, dass ich es niemals wissen will.
Und genau so, wie ich an viele Momente mit meinem Vater denken muss, denke ich an die wenigen Momente mit meiner Mutter und meiner Schwester.
Es gab da ein Weihnachten, da kam ich bei meiner Mutter an und sobald mein Vater das Haus verlassen hatte habe ich mich an sie geklammert und nur geweint. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder zurück will zu ihm, nie wieder von ihr weg.
Oder der Sommer, in dem ich noch Ferien hatte und meine Schwester schon wieder zur Schule musste. Sie war damals vielleicht 7 oder 8, ich also 12 oder 13. Ich habe sie von der Schule abgeholt, meine Mama musste arbeiten. Wir haben uns Zuhause Rührei gemacht, ihre Hausaufgaben erledigt und dann gespielt oder sind gemeinsam auf den Spielplatz oder unseren Großonkel in seinem Geschäft besuchen gegangen.
Oder der Sommer, in dem meine Schwester schon Ferien hatte und ich noch zur Schule musste, und sie mich das erste und einzige Mal in meinem „Zuhause“ besuchte. Ich nahm sie die letzten paar Schultage mit in meine Schule, zeigte ihr die Welt, in der ich lebte. Es war schön sie bei mir zu haben. Bis heute lachen wir über manche Momente, zum Beispiel als mein Klassenkamerad auf dem Schulfest so betrunken war, dass er ihr, die huckepack auf meinem Rücken hing, statt der Hand den Fuß schüttelte.
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen sitze und die Sprache auf Erlebnisse in der Kindheit kommt, dann haben viele meiner Erinnerungen einen üblen Beigeschmack. Wenn ich ansetzte zu erzählen „Ich war mit meinem Vater…“ oder etwas ähnliches, dann zieht sich mein Magen immer zusammen. Die schönen Momente kriegen einen dunklen Schatten, der oftmals alles Schöne einfach erstickt. Das macht mich meistens traurig und ich mag gar nicht mehr weiter erzählen, höre lieber zu und lächle, damit ich nicht anfange zu heulen wenn andere von diesen vielen tollen Momenten und dem guten Verhältnis zu ihren Eltern erzählen. Ich frage mich, ob das irgendwann besser wird. Meinen Vater hat seine Kindheit lange beeinflusst, vermutlich tut sie das immer noch. Wie oft erzählte er davon, dass sein Vater gewalttätig wurde, ihn verprügelte und schlug und behandelte wie Dreck. Und ich saß dann da, strich über die blauen Flecken von seinen Schlägen, die unter meiner Kleidung verborgen waren oder über die Schnitte unter meinen Ärmeln, die ich mich abends weinend im Bett auf meinen Armen zugefügt habe, weil er mich so sehr beleidigt und beschimpft hatte. Ich saß da und versuchte diese Gegensätze irgendwie miteinander in Einklang zu bringen, die Logik dahinter zu finden. Aber das funktionierte einfach nicht. Und so versuchte ich es einfach als Baustein in die verkorkste Welt meiner Kindheit und Jugend einzubauen, versuchte noch mehr keinen falschen Schritt, keine falsche Bewegung zu machen und kein falsches Wort zu sagen, versuchte noch mehr alles zu tun, damit weder Schläge noch verletzende Worte kamen. Natürlich erfolglos. Nach den ganzen Jahren, in denen er mir jedesmal einen Grund nannte, warum er dies oder jenes getan hatte, einen Grund, der mir die Schuld gab, nach diesen ganzen Jahren glaubte ich wirklich daran, dass es meine Schuld war, dass ich nicht okay bin, dass ich nur Fehler mache. Und so versuchte ich noch mehr das Richtige zu tun. Heute weiß ich, dass es kein Richtig gab. Dass es egal war, denn je nach Stimmung waren Dinge, die vor einer Woche noch richtig waren, plötzlich falsch.
Ich weiß nicht, wann ich begriffen habe, dass mein Leben und mein Zuhause nicht normal sind. Vielleicht, als mein Lehrer mir mal einen Bericht in die Hand drückte, in dem zu lesen war, dass andere Menschen sich auch selbst verletzen. Dass ich nicht der einzige Mensch auf Erden bin, und dass die Gründe oftmals in einer Traumatisierung liegen. Oder als Freunde mir erzählten, dass der Vater/die Mutter sie noch nie geschlagen hatte. Oder als wir in der Schule irgendwann mal von Kinderrechten redeten. Bis dahin war ich mir sicher, dass alle Kinder geschlagen werden, war mir sicher, dass Kinder Eigentum ihrer Eltern sind und tun müssen, was diese sagen, und wenn die etwas falsch machen, dann müssen sie bestraft werden. Für mich war das damals ein ziemlicher Schock. Auch wenn ich irgendwo in mir drin immer ahnte, dass die Dinge, die mein Vater tat, nicht in Ordnung waren, so habe ich diese Gedanken doch immer wieder verdrängt.
Verkorkste Welt. Meine Kindheit und Jugend war wohl einfach zu wirr, als dass ich hätte gesund aufwachsen können. Und doch kriege ich oft gesagt, dass ich trotz diesem Wirrwarr und den Traumatisierungen erstaunlich „gesund“ bin, doch erstaunlich viel hinbekommen hätte. Ich kann das oftmals nicht sehen und würdigen, denn es war „normal“ Zuhause, dass ich etwas leisten muss, Dinge schaffen muss, um wenigstens manchmal ein klein wenig Anerkennung zu bekommen. Deswegen tut es mir auch heute so unglaublich gut, wenn ich für etwas gelobt werde, dass ich geschafft habe. Zum Beispiel hier vom Personal, wenn ich Momente voller hoher Anspannung schaffe ohne mich zu verletzen. Oder von Freunden, weil ich produktiv war und viel erledigt bekommen habe. Oder von Mama, die mir sagt, wie schön ich meine Wohnung eingerichtet habe. Oder, oder, oder. Auch wenn es mir oft schwer fällt das anzunehmen und ähnlich zu sehen, so tut es doch immer wieder gut. Und nun werde ich mich ins Bett kuscheln und versuchen zu schlafen.

She stands up straight
and takes some air
it’s just another bad day

And then she screams out loud
You’ve made a mess of your life
You won’t make a mess of mine