Pflegekräfte – die wahren Helden.

Immer wieder lese ich im Gruppen oder Foren die Frage, wie man eigentlich gesund wird. Wie es besser wird. Und natürlich sind es immer wieder die gleichen Ratschläge. Therapie. Medikamente. Klinik.

Wenn ich gefragt werde, was mir von professioneller Seite am meisten geholfen hat in den letzten Jahren, dann ist das mittlerweile für mich einfach zu beantworten: die Menschen, die mich nicht mit Fachbuchtexten versucht haben zu therapieren, die nicht nur wöchentlich eine Stunde Zeit mit mir verbracht haben.

Zu 95% waren das die Pflegekräfte. Die Menschen, die meine täglichen Kämpfe gegen mich mit mir ausgefochten haben und durchaus auch meine Kämpfe gegen sie selbst. Die Menschen, die nachts mit mir auf dem Balkon saßen, die Runde um Runde mit mir über die Station liefen, wenn der Druck kaum aushaltbar war, die sich immer und immer wieder die Diskussion mit mir über das für und wieder angetan haben, die mich vom Badboden aufkratzten und für die zerschnittenen Arme und mein Versagen nicht verurteilten, die mir nachgingen, wenn ich versuchte abzuhauen, die stundenlang mit mir Kniffel spielten, mit mir Runden ums Haus drehten wenn ich nicht alleine raus durfte, die mit mir auf den Balkon zum rauchen gingen, die mir abends noch einen Tee kochten, die mir Smileys auf die Arme malten, mich beim Nähen mit geocaching-Geschichten ablenkten. Es gibt so unendlich viele Situationen, so viele Momente, Erinnerungen und Geschichten, gerade aus meiner Zeit in der Akutpsychiatrie.

Ich war sicherlich nicht einfach. Ich kann bockig und stur sein, ich war oft suizidal, anti alles, wollte keine konstruktiven Dinge annehmen. Und doch haben die Pfleger und Schwestern mich als Menschen akzeptiert und auch so behandelt, haben nicht aufgegeben und mir die Möglichkeit gegeben mich an ihnen zu reiben, meine Kämpfe auszufechten und ihre Unterstützung immer angeboten und mir die Zeit gegeben sie dann anzunehmen als ich es konnte. Es waren keine Psychologen oder Ärzte, keine wissenschaftlich fundierte Methoden, sondern Menschlichkeit, der Kontakt und Geduld, Akzeptanz und Grenzen, die mir in dieser Zeit so viel Halt gegeben haben. Es waren „Sie können jederzeit anrufen!“ und „Wir sind hier.“, „Sie schaffen das!“ und „ich glaube an Sie“. An Punkten, an denen ich mich selber aufgegeben hatte, mit mir selbst kein Wort mehr geredet hätte, mich abgrundtief gehasst habe – sie waren da.

Auch heute sind es die Worte der Pflegekräfte, die mir so oft zeigen was ich erreicht habe. Die Momente, in denen ich auf Station am Pflegestützpunkt lehne und erzähle. Vom Studium, vom Leben, von der Zeit ohne Selbstverletzung. Die Geschichten von „damals“, über die wir heute teilweise lachen. Pfleger Arschkeks, der mir einfach so einen Smiley auf den Arm malt. Schwester Nathalie, die immer wieder „Hätten Sie das damals gedacht?!“ fragt, Tina, die mich mit „Gott sei Dank sieht man dich nicht mehr ständig!“ begrüßt, Pfleger Pascal, von dem ich vor ein paar Tagen „Du bist ein Grund warum ich das Gefühl hab, was gutes zu tun. ich freue mich unheimlich für dich. endlich lebst du frei und kannst der wunderbare Mensch sein, der du bist!“ geschrieben kriege. Es sind die Schwestern und Pfleger, die mir in der haltlosen Zeit meinen Halt wieder zurück gegeben haben. Dafür verdienen sie viel mehr Anerkennung, eine viel bessere Bezahlung und vor allem einen unglaublichen Dank. Denn sie sind es, die mir wieder auf die Beine geholfen haben, sie sind es, die tagtäglich mit (oder auch manchmal gegen) die Patienten kämpfen, viel mehr leisten als jeder Psychologe oder Psychiater dort, die für alltägliche Katastrophen und große Dramen ein offenes Ohr haben, die so viel mehr tun als 0815-Arbeit und so großen Anteil am Weg der Patienten haben. Mit ihnen steht und fällt das Gesundheitssystem.

Die Welt außerhalb der Klinik

Nun liegt der letzte Aufenthalt zur Krisenintervention auch schon ein Jahr zurück. Vor ein paar Tagen lehne ich am Pflegestützpunkt der Haus- und Hofklinik, plaudere mit Pfleger Arschkeks und er lächelt, als ich ihm sage, dass ich es nun wirklich ein Jahr ohne Klinik geschafft habe. „Zwischenzeitlich dachten wir ja, dass Sie sich bald die Post hier her schicken lassen!“ Ich muss grinsen, denn auch wenn diese Worte wieder einmal zeigen, wie viel Zeit ich dort verbracht habe, so zeigen sie auch, dass es nun ganz anders ist. Die Station ist ein Ort, den ich gerne besuche. Nicht zuletzt wegen der Menschen dort, die mich so lange und intensiv begleitet haben. Aber sie ist eben nur noch das: ein Ort, den ich besuche. Ich schließe nicht völlig aus, dass ich vielleicht irgendwann in einer schweren Phase nochmals dort Hilfe suche, doch ich kann auch ganz gut mit dem Gedanken leben dort keine Nacht mehr zu verbringen. Ein Gedanke, der noch vor zwei Jahren so viel Angst gemacht hat.

Ich bin größtenteils stabil. Auch wenn es immer wieder Momente gibt, die mir ein wenig den Boden unter den Füßen wegziehen.

Als mein Katerkind verschwunden war hätte ich mir unglaublich gerne einfach nur wehgetan um den Schmerz auszuhalten.

Als mir die verdammten 2 Jahre Zwangstherapiepause einen Strich durch meine Traumatherapiepläne gemacht haben hätte ich vor lauter Wut und Enttäuschung und Verzweiflung gerne alles hingeworfen.

Als die Prüfungsphase mich wieder mal aus der Bahn warf hätte ich unglaublich gerne dem ganzen Selbsthass eine destruktive Plattform zum austoben geboten.

Doch ich habe weiter gemacht. Zwei Jahre und fünf Monate bin ich nun ohne Selbstverletzung. Und außer in den seltenen Momenten, in denen meine Welt wegen verschwundenem Katerkind, blöden Krankenkassenregelungen oder Prüfungen grade mal unter geht, habe ich auch kaum das Verlangen danach mich zu verletzen. Ich bin stabiler, nicht zuletzt weil ich einen wundervollen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir durch all diese Weltuntergänge geht und die Stürme durchsteht.

Vor einer Weile habe ich es endlich geschafft den letzten Rest Quetiapin abzusetzen. Vor ungefähr 4 Jahren habe ich damit angefangen, weil die Anspannung so unerträglich war, dass ich den ganzen Tag wie ein zum platzen gefüllter Ballon durch die Gegend rannte. Nachdem ich vor 2 Jahren anfing die Dosis während der dbt zu reduzieren bin ich nun endlich völlig auf 0. Ich schlafe seitdem zwar manchmal nicht ein und bin oft noch einige Stunden wach, wache auch ab und an mal auf, aber mittlerweile schlafe ich gut, wenn ich dann mal eingeschlafen bin und ich fühle mich morgens auch nicht mehr wie überfahren, wenn ich die abendliche Dosis sonst eigentlich noch nicht ausgeschlafen hatte. Ich gehe mal davon aus, dass auch das Einschlafen mit der Zeit besser werden wird.

Auch wenn es noch einige Baustellen gibt, die bearbeitet werden müssen, da noch viele Dinge sind, die mich stören und beeinträchtigen, so hab ich im letzten Jahr doch auch unglaublich viel Lebensqualität zurück gewonnen. Auch wenn da immer noch die guten und die schlechten Tage sind, so ist es insgesamt doch um einiges besser geworden.

Und jede Antwort fällt so schwer, zieht uns tiefer rein ins Meer

Es ist eine seltsame Zeit momentan. Zwischen Lernen und Panik und Kaffee trinken. Einerseits habe ich mir so immer das Erwachsensein vorgestellt. Wenn ich Menschen sah, die mit Freunden im Café saßen, dann war das immer ein Ziel für mich. Irgendwann auch mal mit Freunden da sitzen und Kaffee trinken und reden und lachen. Das tue ich momentan viel und ausgiebig mit D., Kaffee trinken und manchmal wie verrückt (haha, sind wir ja) lachen, manchmal über ernste Themen reden, aber vor allem einfach Zeit genießen.

Und gleichzeitig existiert das Chaos. Das Chaos in meinem Leben und in meinem Kopf. Und die Angst. Die Angst vor der Angst und die Angst vor der Angst vor der Angst. Deswegen sitze ich auch heute morgen ziemlich müde in der Ambulanz der Klinik bei der Ärztin, die letzte Woche AvD war, als ich abends in die Klinik kam. Sie schickt mich auf die Station und von dort gehe ich mit ein paar Tavor in der Tasche. Für den Notfall. Wenn alles andere nichts bringt, wenn die Angst mir wieder den Hals zuschnürt und ich mir sicher bin, dass ich sterben werde. Vielleicht lindert es die Angst vor der Angst, dass ich nun weiß da ist etwas für den absoluten Notfall. Auch wenn ich mir gerade wirklich Watte im Kopf wünsche, so lasse ich doch die Finger davon. Ich kenne mich und das letzte was ich jetzt brauchen kann ist ’ne Medikamentenabhängigkeit. Und es gibt auch Sicherheit angesichts der Klausuren vor mir, bei denen ich erfahrungsgemäß sowieso Panik haben werde. Und eine Panikattacke wegen Klausurpaniksymptomen will ich nun wirklich nicht haben.

Vielleicht ist heute wieder einer dieser Wendepunkte. Ich fange an zu weinen, als ich mit der Angst zusammengerollt im Bett liege. Ich weine um mich, um den Schmerz in mir, um den Horror der Nacht, in der ich in Obhut genommen wurde. Ich weine zum ersten Mal nur wegen diesem Abend und dem was er in mir auslöst. Nicht wegen dem davor oder dem dahinter, sondern einzig und allein wegen diesem Abend. Ich weine mit dem verängstigten Mädchen von damals, dass nicht versteht was geschieht, dass nicht in Einklang bringen kann, wie dieser Mensch vor mir, der mir soviel bedeutet, den ich so sehr liebe, mit dieser Kälte in den Augen vor mir stehen kann und mir sagt, dass er mich umbringen wird. Ich weine, weil bisher kein Platz war für die Traurigkeit und den Schmerz. Zusammengerollt auf meinem Bett, während dem Lernen für die Klausuren, auf dem Weg ins Bad, in der Küche, im Wohnzimmer. Immer und immer wieder kann ich die Tränen nicht zurück halten, weil der Schmerz einfach so endlos ist. Ich weine, weil ich derzeit so gerne einfach nur Platz und Raum fürs Lernen haben würde, weil es mich gerade so kaputt macht, weil die Angst zurück ist. Ich weine, weil ich nicht weiß wohin mit all diesen Gefühlen, weil ich nicht weiß, wie ich nach all diesen Jahren nun damit umgehen soll, weil es mich nun einholt. Ich weine aus so vielen Gründen und habe das Gefühl, dass es nie enden wird. Dass in mir ein endloses Meer aus Schmerz und Angst und Traurigkeit ist, welches niemals ausgeweint sein wird.

Ich weine, weil mir so sehr eine glückliche Kindheit fehlt. Weil ich so gerne einfach normal aufgewachsen wäre. Weil ich mich statt mit Klausurthemen mit Angst rumschlage.

Ich weine, weil ich so gerne einfach nicht mehr stark sein würde. Weil ich immer stark sein musste, seit ich denken kann. Weil ich keine Gefühle zeigen durfte, mich nicht angreifbar machen, niemals Schwäche zeigen. Loslassen ging nur über die Selbstverletzung. Schmerzen spüren, weinen, wütend sein, all das ging nur übers Schneiden. Und so gerne würde ich gerade diesen Weg gehen. Würde all das raus lassen durch Wunden in meiner Haut. Genau so gerne würde ich aufgeben, würde all dem Gefühlschaos so gerne ein Ende setzen, aufhören zu existieren. Würde so gerne aufgeben, einfach mal nicht stark sein müssen. Aufgeben und gehen, endlich gehen. Weil es mich immer wieder einholt, immer wieder umwirft. Weil es ein so endloser Kampf zu sein scheint. Weil ich immer und immer wieder falle. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Wo kommen all die Zweifel her
Die uns ins Herz geschlichen sind
Und uns in letzter Zeit so in Frage stellen
Sollen wir fliehen oder kämpfen
Geht es dir da so wie mir
Dass man manchmal einfach nicht mehr weiß wofür

Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Davor und danach

Vor einem Jahr verließ ich mit gepackten Koffern mein Zuhause. Vor einem Jahr drückte ich den Zitronenkater fest an mich, weil vor mir 14 Wochen dbt lagen, weil ich 14 Wochen lang nur ab und an über Nacht heimkehren würde.

Morgen wird es ein Jahr her sein, dass ich die Klinik betrat und mich auf die 14 Wochen dort einließ.

Seit einem Jahr gibt es ein Davor und ein Danach.

Ich habe immer noch Borderline. Aber ich habe auch ein Leben damit. Nicht mehr dagegen, sondern trotz und mit.

Manchmal komme ich nicht mit. Manchmal geht mir das alles zu schnell. sagte ich heute in der Therapie. Denn was sich in diesen 14 Wochen und seitdem getan hat ist so viel, manchmal viel zu viel für mich. Es ist so neu, so positiv. Auch wenn es diese beschissenen Momente immer noch gibt. Natürlich. Sie gehen nicht weh, plötzlich. Aber sie sind seltener. Anders. Damals habe ich den neuen Weg vorsichtig betreten. Zaghaft. Schritt für Schritt. In den letzten Monaten fühlt es sich an, als würde ich diesen Weg entlang stürmen, sprinten, keinen Halt mehr einlegen. Es passiert so viel gesundes, dass ich es kaum schaffe hinterher zu kommen.

Es ist ein Balanceakt. Immer und immer wieder und immer noch. Die Balance finden zwischen Kranksein und Gesundsein. Zwischen es ist gut und es darf nicht gut sein. Es gibt etwas dazwischen, zwischen all diesen Extremen. Das habe ich gelernt. Und diesen Mittelweg versuche ich gerade zu finden, versuche den Tanz auf dem Seil, gehe auf dem schmalen Grad zwischen schwarz und weiß.

Und es ist okay. Es ist okay, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass es zu schnell passiert. Es ist okay, dass ich mich manchmal in die Sicherheit flüchten will, die mir die Selbstverletzung, die Suizidgedanken und all das gegeben haben. Es ist okay, dass ich mich nach dem sehne, dass so lange mein Leben bestimmt hat. Aber es ist auch okay, dass ich einen anderen Weg gehe. Und es ist okay Angst zu haben. Und es ist okay mich auch gleichzeitig darauf zu freuen.

Ein bisschen mehr als 5 Wochen. Dann geht es los. Dann startet, was vor einem Jahr nicht mehr als ein Gedanke in meinen Kopf war, ein Gedanke, der so unrealistisch schien.

1 Jahr ist vergangen. Seitdem habe ich eine zweite Heimat gefunden. Menschen, die für mich Halt und Familie sind. Und ich gehe meinen Weg. Den neuen Weg. Mit Angst. Aber auch mit Stolz.

and more, much more than this

Liebe Rita,

Es ist gut 2 ½ Jahre her, dass wir uns zum ersten Mal begegneten. Damals kam ich zum aller ersten Mal auf die Station und du warst auf Krawall gebürstet, gingst uns allen auf die Nerven.

Manchmal reden wir heute noch darüber, wie es beim Abendessen zum Streit um das scharfe Messer kam, weil du darauf bestanden hast, dass es dir gehört. Dann lachen wir und erinnern uns, wie du schimpfend und fluchend über die Station gezogen bist.

Oftmals bist du im Tagesraum einfach eingeschlafen, sitzend auf dem Stuhl. Es dauerte manchmal ewig bis dich wieder jemand wach bekam. Und manchmal bist du ein paar Augenblicke später einfach genau dort nochmal eingeschlafen.

Auch darüber reden wir noch manchmal, wenn sich welche von der „alten Truppe“ treffen. Und wir lachen und schmunzeln, weil du uns irgendwie doch allen ans Herz gewachsen bist mit deiner Art, die abseits deiner Krawallphasen einfach auch liebenswert sein konnte.

Wir sitzen da und denken an dich. Doch etwas ist anders.

Es wird nie wieder einer von uns im Tagesraum sitzen und dich schlafen sehen. Niemand wird dir mehr vor der Klinik beim Rauchen begegnen oder dir zuhören, wenn du im Raucherraum bei alten Schlagern aus deinem Leben erzählst.

Liebe Rita, du warst ein besonderer Mensch. Und einer der ersten Verrückten, der mir damals in der Klinik begegnete, mich zur Weißglut brachte und doch mein Herz eroberte.

Sobald ich wieder zuhause bin werde ich nach dem Seidentuch suchen, dass du damals in der Ergo gemalt und mir geschenkt hast. Ich werde es in Ehren halten und immer an dich denken wenn ich es sehe.

Du hast mein Leben ein kleines Stück bereichert und bunter gemacht mit deiner Art.

Mach’s gut liebe Rita. Bis wir uns wiedersehen…

I’ve lived a life that’s full I’ve travelled each and every highway and more, much more than this I did it my way

Medikamente und so.

Man landet in der Klinik, wenn man was anstellt. Versucht sich umzubringen. Sich extrem selbst verletzt. Aber man kann auch dort landen, wenn man nichts tut.

Die letzte Woche war anstrengend. Termine, erkältet, Stress, Schlafprobleme. Und was passiert? Die Zitrone vergisst ihre Medikamente.

Am Freitag ging es mir seltsam. Ich hab es auf die Erkältung geschoben, war in der Hauptstadt und wieder heim. Alles war wattig, die Welt hat gewackelt und unterwegs wollte ich plötzlich nur noch heulen, mir die Arme aufschneiden, mir was antun.

Ich rief in der Klinik an, sprach mit der Ärztin. Entzug sagt sie. Ich soll vorbei kommen sagt sie, sie gibt mir die Medis in geringer Dosierung, damit ich wieder hoch dosieren kann. Ein paar Stunden später ging nichts mehr. Also tippe ich auf mein Telefon, rede mit Pfleger Kai, dann mit dem Arzt vom Dienst und bin wenig später wieder da, stehe auf dem Flur und bekomme ein Zimmer.

„Warum haben Sie die Tabletten denn abgesetzt?!“ fragt mich der Pfleger. Ich möchte platzen, denn die Ärztin hat es so an ihn weiter gegeben. Ich wiederhole also mal wieder, dass es wirklich ein Versehen war, Unachtsamkeit und Verpeiltheit und definitiv keine Absicht. Ich bin froh um meine aktuelle (Naja, nun nicht mehr so aktuelle) Stabilität. Absichtlich würde ich sie nicht riskieren.

Heute morgen bin ich wieder aus der Kliniktüre spaziert. Körperlich ist es deutlich besser. Psychisch auch. Ich merke zwar, dass ich momentan nicht so stabil bin wie „im Normalzustand“, aber ich bin nicht mehr akut suizidal und will mir auch nicht mehr die nächste Rasierklinge in den Arm rammen.

Gestern Abend flog mir meine Psyche gewaltig um die Ohren. Ausgelöst hat das ganze die Tatsache, dass eine ehemalige Zimmernachbarin kam und in mein Zimmer sollte. Es ist schon gut 2 Jahre her, seit ich mit ihr im Zimmer lag, doch es hat mir gereicht damals. Sie wusch sich nicht. Eigentlich schon genug. Aber nein, sie befriedigte sich auch jede Nacht selbst.

Gestern triggerte mich das Ganze dann so extrem, dass ich weg war. Eine gute Stunde meinte Pfleger Kai später. Wirklich zu mir kam ich irgendwann auf dem Boden des Bads. Ich weiß noch, dass ich aufs Klo musste und plötzlich das Waschbecken auf mich zu kam. Bei der Landung auf dem Boden habe ich den Hocker umgeschmissen und dieses Geräusch rief Kai auf den Plan. Dann gerieten wir erst mal aneinander, weil es bei mir ankam, als ob er mir unterstelle, dass ich das absichtlich mache. Im Nachhinein haben wir es geklärt. Inklusive einem „Sie Arschloch!“ von mir, dass ich mit einem „nehmen Sie mir das nun nicht übel“ angekündigt hatte.

Später im Bett wird mir bewusst, warum es mich so getriggert hat. In der Therapie wird immer mehr klar, wie viel eigentlich Missbrauch war, wie viel Grenzüberschreitung. Auch so viele Dinge, die für mich irgendwie noch okay waren, weil nicht aktiv. Beispielsweise wenn eine Selbstbefriedigung stattfand. Und die Mitpatientin triggert die Erinnerung an ihr damaliges Verhalten und die Erinnerungen triggern die Erinnerungen an die Kindheit, an eben solche Situationen.

Und so föhnt es mich eben gestern weg. Völlig. Ich schlafe irgendwann ein, mit brennendem Arm von der Finalgon, mit Kopfschmerzen und dem Gefühl einen Marathon gelaufen zu sein.

Dementsprechend matschig bin ich heute morgen auf aufgewachsen und dennoch guter Dinge aus der Tür hinaus und Richtung nach Hause.

Doch nun liege ich hier. Schlaflos. Mein Kopf ist voller fieser Gedanken und Erinnerungen. Mein Körper schmerzt und es sind keine aktuellen Schmerzen, sondern Erinnerungen an damals. Mein Kopf weiß das. Dennoch triggern die Schmerzen ohne Ende.

Ich will schlafen. Dazu bleiben mir noch ungefähr 3 Stunden. Ich will einfach nur in den Schlaf fliehen und die Schmerzen und die Bilder für ein paar Momente los sein…

Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders.