Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Klinik, besondere Medis und Smiley 

Beim Aufstehen war es heute morgen tatsächlich besser. Ich war ein wenig produktiv, habe angefangen in der Küche aufzuräumen, den Zitronenkater rausgeschmissen und mir Tee gekocht. Bis die leichten Kopfschmerzen sich zu einer ausgewachsenen Migräne entwickelten und mich ins Bett zwangen. Prima. 

Der Zitronenkater kam immer wieder mal rein und hat geschaut, ob ich noch da bin. Nach maunzen und gekrault werden zog er dann wieder nach draußen, bis er eine Weile später erneut in die Wohnung sprang, sich hechelnd einige Minuten ausruhte und nach dem obligatorischen Mauzen und Kraulen wieder verschwand. 

Letztendlich kam er dann klebend und nach Tanne duftend wieder, panierte sich einmal kurz selbst im Meerschweinchenstreu und musste vor lauter Erschöpfung erstmal schlafen. 

Die Migräne ist dank Medis dann doch irgendwann einigermaßen verflogen. Und da ich eh Richtung Supermarkt musste und die Sonne so schön schien und ich nach dem ganzen Durchgängen ein wenig Menschenbedarf hatte, bin ich einfach in der Klinik vorbei getappt. Es tat gut dort auf dem Balkon zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren, mit den Patienten zu quatschen und Latte zu trinken. 

Und zu meiner Freude traf ich Pfleger Arschkeks dort an, der mir erstmal erzählte, wie sehr er sich über die Post von mir gefreut hat. Ich bekam sogar eine Dosis Abendmedis dort. 😉 

Es tut auch gut mit ihm und Pfleger Jan zu reden, Blödsinn zu quatschen, zu lachen. Und es ist schön von Pfleger Arschkeks mal wieder einen Smiley verpasst zu kriegen. 

Ich bin froh, dass diese gelegentlichen Besuche mir reichen um ein wenig Halt zu finden. Dass es reicht einfach vorbei zu schauen und ein wenig zu reden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe ohne den regelmäßigen Aufenthalt dort, ohne die Sicherheit. Doch es reicht momentan zu wissen, dass sie da sind im Notfall, dass ich anrufen kann und kommen kann, wenn es gar nicht mehr geht. 

Ich bin ein wenig zuversichtlicher, dass die depressiven Tage nun hoffentlich vorbei sind. Dass ich wieder ein wenig mehr Kraft habe zum weiter machen und produktiv sein. 

Und am Donnerstag hab ich ein Date mit dem Tintenmensch. Ich trage meine Idee dann hin, erkläre ihm was ich gerne mag und zeige ihm die Stelle wegen den Narben. Und dann hab ich vielleicht ganz bald ein neues Tattoo. <3 

Ziele und Chaos 

Das doofe an erreichten Zielen ist einfach, dass man sie erreicht hat. Und dann? Tja. 

Die Frage nach dem nächsten Ziel stellte gestern die Traumagruppentherapeutin in einer Mail, als Antwort auf meine Mail, dass ich das Jahr geschafft habe. Und wieder einmal sitze ich da und überlege. Ja, was ist es denn, das nächste Ziel? Klar, natürlich, das oberste Ziel ist mich nie wieder zu verletzen. Doch nie wieder ist nicht greifbar, ist Milliarden Lichtjahre entfernt. Und es ist ein Ziel, das nicht in die SMART-Methode passt. Denn die habe ich in der Ausbildung gelernt und auch im dbt war sie Thema. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Also wird das nächste Etappenziel Ostern sein. Denn an Ostern wollen A. und ich unser Einjähriges feiern. Und wir versuchen alle zusammen zu kommen zu dem Termin in der dbt-Stadt. Meine ganzen Mädels wieder sehen, das ist absolut ein lohnenswertes Ziel um durchzuhalten. Und danach werde ich die 500 Tage in Angriff nehmen. Und dann irgendwann die 2 Jahre. Damit kann ich aktuell ganz gut leben, auch wenn natürlich gerade im Moment der Gedanke an „ach, einmal könnte ich doch…“ sehr intensiv im Kopf rumspukt. 

Gestern war ich einen Freund in der Vor-Ort-Klinik besuchen. Ich habe lange mit Schwester Sabine am Tisch gesessen und geredet, erzählt von der dbt, von der Reha, von mir und von den Plänen. Und auch sie sagt, wie schon andere vom Personal zuvor, dass da so ein großer Unterschied ist zwischen damals und jetzt. Dass sie das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch vor ihr steht. Und es tut diese Worte zu hören, aber es schmerzt gleichzeitig auch. Denn es zeigt mir, an welchen Punkten ich noch vor 2 Jahren stand, es erinnert mich an die dunklen Stunden, in denen keinerlei Lebenswille und Hoffnung in mir war. Und ich bin ein weiteres Mal unendlich dankbar für die Unterstützung, die ich dort erfahren habe, dafür, dass ich nicht aufgegeben wurde, dass ich vor Aufgaben gestellt wurde, die für mich so unmöglich schienen und die ich dann doch erreicht habe. Wenn alles klappen sollte mit dem Studium und den Plänen, die ich habe, dann werde ich ihnen einen Brief schreiben, werde ihnen danken für all diese Tage dort. 

Und Schwester Sabine sagt mir auch nochmals, dass sie ja nur einen Anruf weit entfernt sind, dass ich anrufen kann und vorbei kommen und dass ich zur Not auch auf der Station aufgefangen werde. Diese Sicherheit im Hintergrund tut gut. Und es tut auch gut zu merken, dass ich diesen Halt nicht mehr in diesem Maße brauche wie noch vor einigen Monaten. Damals unvorstellbar, heute umso schöner zu spüren. 

Die Hälfte der Station ist von Patienten belegt, die ich kenne. Manche nur von einem meiner unzähligen Aufenthalte dort, mit einigen habe ich auch schon mehrere Aufenthalt dort verbracht. Und es stimmt mich teilweise traurig, dass so viele immer und immer wieder dort landen, weil sie immer und immer wieder die gleichen Fehler machen, immer und immer wieder ihren alten Weg gehen und auf alte Verhaltensweisen zurückgreifen. Und gleichzeitig merke ich, wieviel Glück ich hatte, wieviel Kraft und wieviele Menschen und Möglichkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es gab auch Fachmenschen, die mich vor zwei Jahren oder auch noch vor einem Jahr an diesem Ort gesehen haben, als Drehtürpatient in der Akutpsychiatrie, als immer und immer wiederkehrend, als ‚hoffnungslosen Fall‘. 

Bevor ich gehe, hinterlasse ich noch einen kurzen Brief für Pfleger Arschkeks. Das Bild mit dem Smiley vom Frühling letzten Jahres mit ein paar Worten, mit meinem erreichten Ziel, mit einem Dankeschön für die Idee damals und der Ankündigung, dass ich irgendwann meine 365 Smileys einfordern werde. 

Morgen habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt viel zu erzählen, von der Reha, von den Fortschritten und den noch vorhandenen Schwierigkeiten, von mir und den Plänen. Ich sehe sie erst zum zweiten Mal seit der Entlassung aus der dbt. Und es wird auch eine unserer letzten Stunden sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, seit so vielen Jahren ist sie nun da, hat mit mir gearbeitet und mich unterstützt. 

Und gleich werde ich mir gewaltig in meinen Po treten, denn das Projekt ‚Wohnung wieder zu Wohnung machen‘ schiebe ich nun seit so langer Zeit vor mir her, immer mit dem Vorhaben es anzugehen, teilweise auch mit der beginnenden Umsetzung, aber wirklich Hinbekommen habe ich es in den letzten Wochen nicht. Und nun ist es wirklich an der Zeit und absolut nötig, denn sonst kann ich bald rtl2 und das Messie-Team zu mir bestellen. Wie sehr mir die Antriebslosigkeit und die depressiven Momente einfach auf die Nerven gehen. Immer noch und immer wieder. 

Well, we dreamed our lifes and lived our dreams

Mit gemischten Gefühlen gehe ich heute morgen aus den Haus. Mein letzter Kliniktag liegt vor mir. Ein letztes Mal Frühtreff, ein letztes Mal Massage, ein letztes Einzel. 

Nach der Massage bin ich gerade auf dem Weg zum Rauchen, als das laute Geräusch eines Hubschraubers mich aufblicken lässt. Ich erkenne den Schriftzug an der Seite mit dem Namen und der Nummer und mir wird flau im Magen. Es ist eben jener Hubschrauber, der vor einigen Jahren vor meinen Augen landete und wieder abhob. Ich war damals noch in der Ausbildung, gerade im Praktikum, es war Ferien, wir waren mit den drei jüngsten Kids, 3 Geschwistern, der Wohngruppe auf einem Besuch bei einer Kollegin im Rahmen der Ferienzeit. Die jüngste stolperte und fiel rückwärts ins Feuer der Grillstelle. Für mich war das damals richtig heftig, denn meine Kollegen waren ein wenig überfordert, ich wählte den Notruf und lotste den Krankenwagen zum Haus, versuchte währenddessen noch die beiden Brüder der Kleinen nicht aus den Augen zu lassen und sie abzulenken. Wir besuchten den Piloten, während der Notarzt die Kleine versorgte, ließen uns den Hubschrauber zeigen, winkten ihm beim Abheben nach. Der Kleinen geht es übrigens gut, sie hatte Glück im Unglück. 

Und dann landet er da heute und ich rieche den Rauch und verbrannte Haare, höre die Schreie. Prima. Also versuche ich mich abzulenken, telefoniere kurz mit der kleinen Hexe, verziehe mich hinters Haus, um dem Anblick des Hubschraubers zu entgehen. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Einzel. 

Ich berichte kurz von dem Hubschrauber und von damals. Dann gehen wir die Formalitäten durch. Den Kurzbrief, den Entlassungsbericht. Anschließend reden wir noch ein wenig. Über die dbt, ich erzähle von unserer Bordi-Truppe und einem Ereignis vor ein paar Tagen, das damit zusammen hängt. Er sagt mir, dass ich große Fähigkeiten habe in vielen Bereichen. Ich frage ihn nach seiner Klinikmailadresse und verspreche ihm mal zu schreiben, wenn ich einen Anfall von Stolz habe. Und zum Abschied kriege ich ein Blatt der Flipchart. Nachdem er bei einem Einzel so völlig begeistert groß „Stolz“ quer über die Seite schrieb, weil ich sagte, dass ich doch ein wenig stolz auf mich bin. Und so ziert nun ein großes Blatt meine Wand über dem Bett, direkt neben den Fotos von Freiburg, dem Lebensvertrag und dem Zertifikat der dbt. 

Mehr Künstlerisches könne er nicht bieten, aber das interessiert mich wenig, denn ich freue mich ungemein. 

Es fällt mir schwer ein letztes Mal das Büro zu verlassen. Ich konnte mit dem Therapeuten wirklich gut arbeiten und es ist schade, dass die Zeit so begrenzt war. Auf der anderen Seite habe ich die Wochen so gut wie möglich genutzt und habe auch das Gefühl, dass es erst einmal genug ist. 

Ich erledige noch den Bürokratiekram mit der Entlassungsbescheinigung und beginne dann mich zu verabschieden. Ich habe viele Leute kennen gelernt und zu einigen wird der Kontakt sicherlich auch weiterhin bestehen. 

Auf dem Weg nach Hause begleiten mich ein Lächeln auf den Lippen, die Sonne, Fury in the Slaughterhouse mit „Won’t forget these days“ und Stolz. Nicht nur als zusammengefaltetes Papier im Beutel, sondern auch im Kopf und im Gefühl. 

Und so finden nun also sieben intensive, anstrengende, kraftraubende, aber auch positive und bewegende Wochen ein Ende. Ich konnte für mich selbst einiges erreichen und lernen. Ein weiteres Stückchen Weg liegt hinter mir. Und: ja, ich bin stolz. 

Nun geht es also weiter. Morgen steht erstmal das Arbeitsamt auf dem Plan, juhu, ich könnte hüpfen vor Freude. Am Wochenende geht es wohl in die dbt-Stadt. Ein wenig Lieblingsmenschen und abschalten. Und zwischendurch vielleicht immer wieder ein wenig stolz sein. 

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days

Das leidige Thema Druck. 

Ich habe immer noch unglaublichen Selbstverletzungsdruck. In der Stabigruppe gestern steigt die Anspannung ohne ersichtlichen Grund und ich dissoziiere vor mich hin. Der Therapeut geht mit mir nach der Stunde raus, wir reden. Ich sage ihm, dass ich nicht weiß, woher ich die Kraft noch nehmen soll. Dass ich nicht weiß, wie ich es momentan schaffe weiter zu machen. Er fragt, ob es okay ist zum Supervisor zu gehen. Ich frage zurück, ob ich denn eine Wahl habe. Die habe ich nicht, also sitzen wir ein wenig später beim Supervisor und ich möchte ihn nach kurzer Zeit am liebsten umbringen. Er fragt immer wieder, woher gerade der Druck und die Suizidgedanken kommen. Ich erkläre ihm immer wieder, dass ich es nicht weiß. Und auch immer wieder, dass der Druck und die Gedanken da sind, unabhängig von der Anspannung. Immer und immer wieder und ich will ihm irgendwann einfach nur noch ins Gesicht springen. Er lässt mich ziehen, mit dem Versprechen heute nochmal zu ihm zu kommen. Heil und lebendig. 

Zuhause muss ich mich erstmal abregen. Ich schimpfe und fluche laut vor mich hin. Kraule dann das Katerkind uns Flöckchen und bleibe eine Weile bei den Meeris stehen und beobachte, wie Caro und Caramell zuerst versuchen sich in Luft aufzulösen aufgrund meiner Anwesenheit und dann doch beschließen, dass ich sie wohl nicht fresse und sich raus trauen. Ich esse was, gammel eine Weile vorm PC und stöbere dann durch meine Bilder, denn die Therapeutin der Traumagruppe fragte, ob ich das tun mag, mir schöne Momente raussuchen, am besten mit Bildern. Schöne Momente habe ich mir schon einige aufgeschrieben, nun kucke ich, was ich so an Fotos habe, die ich mir auch aufs Handy packen und so immer dabei haben kann. Und so hänge ich in Erinnerungen, während ich Fotos von Irland kucke, von der DBT-Zeit, von Hamburg und Berlin und von den Meeris und Chrissies halbem Zoo und Kreta und all den Jahren, die sich auf meiner externen Festplatte tummeln. Ich finde auch Bilder von den letzten Selbstverletzungen, von genähten Wunden und blicke auf meine Arme, auf die mittlerweile immer mehr verblassenden Narben. Und ich finde ein Bild von einem Smiley, den Pfleger Arschkeks mir vor fast einem Jahr auf den Arm malte, damals, als ich noch nicht daran glauben konnte, dass ich es länger schaffe als ein paar Wochen. Und nun sitze ich hier und es trennen mich nur noch 11 Tage vom vollen Jahr. Und ich will es schaffen, denn ich will mit A. feiern, ich will Pfleger Arschkeks stolz davon berichten, ich will es einfach schaffen. Für mich. 

Der Therapeut hat mich verdonnert heute nochmal zur Therapeutin der Traumagruppe zu gehen wegen einem Gespräch, denn er ist freitags nicht da. Für mich absolut okay, denn ich mag sie. Und bei ihr hatte ich auch von Anfang an das Gefühl ich kann reden und muss nicht aufpassen, was ich sage. Genau wie beim Therapeuten. Also spreche ich sie nach dem Frühtreff an und sage ihr auch, dass ich nur zur Traumagruppe komme um mich zu verabschieden, denn es wäre meine letzte Stunde und ich mag mich vorm Wochenende nun in der aktuellen Situation mit Druck und Suizidgedanken wirklich nicht konfrontieren. 

Stattdessen ziehe ich zum Supervisor, mit unendlich viel Begeisterung – nämlich gar keiner. Er vertröstet mich auf später, also nutze ich die Zeit und ziehe mit einer Mitpatientin in Richtung Sonne. 

Die Sonne tut unglaublich gut, am liebsten würde ich stundenlang auf der Bank liegen und die Wärme genießen, doch ich muss zum Supervisor. Dem sage ich dann auch, dass er mich gestern unglaublich auf die Palme gebracht hat, erkläre ihm nochmal, dass ich nicht weiß, woher der Druck und die Gedanken momentan kommen, dass ich natürlich gestern angespannt war (auch dank ihm), der Druck und die Gedanken aber auch unabhängig davon da sind. Er fragt noch, wie ich rückblickend die Traumagruppe sehe (na immer noch gut) und warum ich mit dem Therapeuten gut klar komme (weil es eben so ist?! Weil er gut ist und empathisch und mich nicht tausend mal das gleiche fragt und damit auf die Palme bringt?!). 

Nach dem Essen gehe ich zur Entspannung und in die Körpererfahrung und dann zum Gespräch zur Traumagruppentherapeutin. Wir kucken schöne Momente, es tut gut nochmal auszusprechen, dass ich es schaffen will ohne Selbstverletzung, dass ich mit A. feiern mag, dass ich mich mit einem Tattoo beschenken will, dass diese elf verdammten Tage nun doch wohl noch zu schaffen sind. Dann verabschieden wir uns, denn ich werde sie nicht mehr sehen bis zu meiner Entlassung. Es ist schade, denn ich mochte sie und konnte auch mit ihr gut reden und die zwei Gespräche bei ihr haben mir auch geholfen. 

Danach fahre ich erledigt nach Hause, eine Mitpatientin nimmt mich netterweise mit. Doch ich bin auch ein wenig zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann, dass ich das Wochenende überstehe und vielleicht tatsächlich auch diese elf Tage. Und wenn ich es nur tue, um der Traumagruppentherapeutin dann eine Mail zu schreiben und voller Stolz sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Wenn momentan schon nicht für mich, dann dafür. Und so dann doch für mich. 

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it