Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

Verstand & Gefühl 

Kaum schreibe ich hier, dass ich in den letzten Nächten immerhin schlafen konnte, da bin ich wieder eine ganze Nacht wach. Also habe ich mir vorgestern morgen gegen halb 6 nochmal eine Portion Medis eingeworfen und konnte dann auch endlich schlafen, fast 8 Stunden wurden es. Der verbleibende Rest des Tages war dann aber dementsprechend ein wenig Banane. Ich habe mit N. zusammen gekocht und gegessen und bin zuhause aufs Sofa und später dann ins Bett geplumst. Einschlafen dauerte, klappte dann aber, dafür war ich um halb 5 wieder wach. Herrlich. 

Als ich vorgestern vor der Tür saß und auf N. wartete, fiel mein Blick auf meine Arme. Generell fallen mir die Narben nicht mehr so sehr auf. Sie sind eben da und gehören dazu. Doch in diesem Moment sah ich sie bewusst und fühlte mich gewaltig hin und her gerissen zwischen „sieht ja irgendwie schon schlimm aus“ und „ich will mehr“. 

Es ist manchmal so verwirrend, was in meinen Kopf vorgeht. Rational weiß ich, dass es Irrsinn ist. Dass mehr Narben nichts bringen werden, denn für diesen Teil in mir wird es nie genug sein. Ich werde immer mehr wollen, egal wie viele es sind. Und trotzdem ist da dieser Wunsch. Mein Inneres nach außen kehren. Diese innerliche Zerstörung sichtbar machen. Den Schmerz in mir. Die seelischen Wunden. 

Und neben diesen Gedanken ist da einfach die Sehnsucht danach, die mich immer und immer wieder packt. Es ist leichter damit umzugehen mittlerweile. Ich kenne Skills, ich habe genug Wege um damit umzugehen. Meistens zumindest. Die Momente der extremen Anspannung, die Momente, in denen ich mir nicht vorstellen konnte noch eine einzige Minute ohne Selbstverletzung zu überleben, sind seltener geworden. Ich schaffe es diese Gedanken, wenn das Drumrum relativ stabil ist, zu bemerken und einfach da sein zu lassen, aber es treibt mich nicht enorm um. Aber trotzdem kommt die Sehnsucht danach hoch. So ein Mal, das wäre doch okay. Einfach nur, um es wieder mal zu spüren. Doch mein Verstand weiß, dass das nicht klappt. Ein Mal…. Dabei wird es nicht bleiben. Und der Verstand hat aktuell noch mehr Macht als der dysfunktionale Teil. 

Während diesen Gedanken spüre ich die Hitze der Sonne auf meiner Haut und denke daran, dass bald Juni ist. Es wird Sommer. Dann sind es nur noch zwei Monate bis der Tag kommt, an dem ich im letzten Jahr zum letzten Mal „meine“ Station verließ als Patientin. Voller Angst vor der vor mir liegenden dbt und erleichtern, dass ich danach weiterhin in Intervallen auf „meine“ Station kommen kann. Das es ganz anders kommen wird als geplant, daran habe ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet, denn es war für mich absolut unvorstellbar. In den Tagen zuvor trieb mich die Angst um, dass der Chefarzt mir die „Erlaubnis“ nicht geben wird weiterhin zu kommen. Die Angst, dass ich ohne diese Sicherheit auskommen muss, die Panik vor einem Leben ohne diesen Rückhalt… Ich war ein Haufen gespannter Nerven und Panik. 

Nun sind es fast 10 Monate ohne einen Aufenthalt dort… Und immer noch ein solches kleines Wunder, dass ich es immer noch kaum fassen kann. Ich habe so viel erreicht in der dbt, so vieles gelernt, dann so vieles erreicht in der Traumatherapie… 

Wenn es August wird und der Tag kommt, dann werde ich einen Brief an die Hexe mit zwei Besen schreiben, an sie und das Team der Station. Und ich werde stolz auf mich sein, weil das so unvorstellbare eingetreten ist. 
Meinen Therapietermin heute habe ich verschlafen. Als ich die Augen öffne ist es 3 Minuten vor 11. Um 11 wäre der Termin gewesen. Zumindest bin ich dann innerhalb von Sekunden hellwach. Meinen Wecker habe ich einfach ausgeschaltet im Halbschlaf. Yeah. Ich fange an mich zu ärgern über mich selbst, doch lasse es dann schnell wieder. Radikale Akzeptanz. Verschlafen ist verschlafen, egal wie sehr ich mich ärgere. 

Für morgen habe ich einen Ersatztermin bekommen. Ich stelle mir definitiv noch 3 Wecker mehr. Aber es trifft sich ganz gut, denn als ich heute in der Apotheke Medis abholen war, hatte ich plötzlich eine 100er Packung unretardiertes MPH in der Hand, statt die 30er Packung mit retardiertem. Damit hätte ich entweder ’ne Menge Geld oder schön eine Runde btm-Missbrauch veranstalten können, aber nein, ich bin ja vernünftig. So ’ne Scheiße. Also trage ich das falsche Rezept morgen zurück zum Psychiater und lasse mir ein neues (und diesmal richtiges) ausstellen. 

Klinik, besondere Medis und Smiley 

Beim Aufstehen war es heute morgen tatsächlich besser. Ich war ein wenig produktiv, habe angefangen in der Küche aufzuräumen, den Zitronenkater rausgeschmissen und mir Tee gekocht. Bis die leichten Kopfschmerzen sich zu einer ausgewachsenen Migräne entwickelten und mich ins Bett zwangen. Prima. 

Der Zitronenkater kam immer wieder mal rein und hat geschaut, ob ich noch da bin. Nach maunzen und gekrault werden zog er dann wieder nach draußen, bis er eine Weile später erneut in die Wohnung sprang, sich hechelnd einige Minuten ausruhte und nach dem obligatorischen Mauzen und Kraulen wieder verschwand. 

Letztendlich kam er dann klebend und nach Tanne duftend wieder, panierte sich einmal kurz selbst im Meerschweinchenstreu und musste vor lauter Erschöpfung erstmal schlafen. 

Die Migräne ist dank Medis dann doch irgendwann einigermaßen verflogen. Und da ich eh Richtung Supermarkt musste und die Sonne so schön schien und ich nach dem ganzen Durchgängen ein wenig Menschenbedarf hatte, bin ich einfach in der Klinik vorbei getappt. Es tat gut dort auf dem Balkon zu sitzen, die Sonne auf der Haut zu spüren, mit den Patienten zu quatschen und Latte zu trinken. 

Und zu meiner Freude traf ich Pfleger Arschkeks dort an, der mir erstmal erzählte, wie sehr er sich über die Post von mir gefreut hat. Ich bekam sogar eine Dosis Abendmedis dort. 😉 

Es tut auch gut mit ihm und Pfleger Jan zu reden, Blödsinn zu quatschen, zu lachen. Und es ist schön von Pfleger Arschkeks mal wieder einen Smiley verpasst zu kriegen. 

Ich bin froh, dass diese gelegentlichen Besuche mir reichen um ein wenig Halt zu finden. Dass es reicht einfach vorbei zu schauen und ein wenig zu reden. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe ohne den regelmäßigen Aufenthalt dort, ohne die Sicherheit. Doch es reicht momentan zu wissen, dass sie da sind im Notfall, dass ich anrufen kann und kommen kann, wenn es gar nicht mehr geht. 

Ich bin ein wenig zuversichtlicher, dass die depressiven Tage nun hoffentlich vorbei sind. Dass ich wieder ein wenig mehr Kraft habe zum weiter machen und produktiv sein. 

Und am Donnerstag hab ich ein Date mit dem Tintenmensch. Ich trage meine Idee dann hin, erkläre ihm was ich gerne mag und zeige ihm die Stelle wegen den Narben. Und dann hab ich vielleicht ganz bald ein neues Tattoo. <3 

Ziele und Chaos 

Das doofe an erreichten Zielen ist einfach, dass man sie erreicht hat. Und dann? Tja. 

Die Frage nach dem nächsten Ziel stellte gestern die Traumagruppentherapeutin in einer Mail, als Antwort auf meine Mail, dass ich das Jahr geschafft habe. Und wieder einmal sitze ich da und überlege. Ja, was ist es denn, das nächste Ziel? Klar, natürlich, das oberste Ziel ist mich nie wieder zu verletzen. Doch nie wieder ist nicht greifbar, ist Milliarden Lichtjahre entfernt. Und es ist ein Ziel, das nicht in die SMART-Methode passt. Denn die habe ich in der Ausbildung gelernt und auch im dbt war sie Thema. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Also wird das nächste Etappenziel Ostern sein. Denn an Ostern wollen A. und ich unser Einjähriges feiern. Und wir versuchen alle zusammen zu kommen zu dem Termin in der dbt-Stadt. Meine ganzen Mädels wieder sehen, das ist absolut ein lohnenswertes Ziel um durchzuhalten. Und danach werde ich die 500 Tage in Angriff nehmen. Und dann irgendwann die 2 Jahre. Damit kann ich aktuell ganz gut leben, auch wenn natürlich gerade im Moment der Gedanke an „ach, einmal könnte ich doch…“ sehr intensiv im Kopf rumspukt. 

Gestern war ich einen Freund in der Vor-Ort-Klinik besuchen. Ich habe lange mit Schwester Sabine am Tisch gesessen und geredet, erzählt von der dbt, von der Reha, von mir und von den Plänen. Und auch sie sagt, wie schon andere vom Personal zuvor, dass da so ein großer Unterschied ist zwischen damals und jetzt. Dass sie das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch vor ihr steht. Und es tut diese Worte zu hören, aber es schmerzt gleichzeitig auch. Denn es zeigt mir, an welchen Punkten ich noch vor 2 Jahren stand, es erinnert mich an die dunklen Stunden, in denen keinerlei Lebenswille und Hoffnung in mir war. Und ich bin ein weiteres Mal unendlich dankbar für die Unterstützung, die ich dort erfahren habe, dafür, dass ich nicht aufgegeben wurde, dass ich vor Aufgaben gestellt wurde, die für mich so unmöglich schienen und die ich dann doch erreicht habe. Wenn alles klappen sollte mit dem Studium und den Plänen, die ich habe, dann werde ich ihnen einen Brief schreiben, werde ihnen danken für all diese Tage dort. 

Und Schwester Sabine sagt mir auch nochmals, dass sie ja nur einen Anruf weit entfernt sind, dass ich anrufen kann und vorbei kommen und dass ich zur Not auch auf der Station aufgefangen werde. Diese Sicherheit im Hintergrund tut gut. Und es tut auch gut zu merken, dass ich diesen Halt nicht mehr in diesem Maße brauche wie noch vor einigen Monaten. Damals unvorstellbar, heute umso schöner zu spüren. 

Die Hälfte der Station ist von Patienten belegt, die ich kenne. Manche nur von einem meiner unzähligen Aufenthalte dort, mit einigen habe ich auch schon mehrere Aufenthalt dort verbracht. Und es stimmt mich teilweise traurig, dass so viele immer und immer wieder dort landen, weil sie immer und immer wieder die gleichen Fehler machen, immer und immer wieder ihren alten Weg gehen und auf alte Verhaltensweisen zurückgreifen. Und gleichzeitig merke ich, wieviel Glück ich hatte, wieviel Kraft und wieviele Menschen und Möglichkeiten zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn es gab auch Fachmenschen, die mich vor zwei Jahren oder auch noch vor einem Jahr an diesem Ort gesehen haben, als Drehtürpatient in der Akutpsychiatrie, als immer und immer wiederkehrend, als ‚hoffnungslosen Fall‘. 

Bevor ich gehe, hinterlasse ich noch einen kurzen Brief für Pfleger Arschkeks. Das Bild mit dem Smiley vom Frühling letzten Jahres mit ein paar Worten, mit meinem erreichten Ziel, mit einem Dankeschön für die Idee damals und der Ankündigung, dass ich irgendwann meine 365 Smileys einfordern werde. 

Morgen habe ich einen Termin bei meiner Therapeutin. Es gibt viel zu erzählen, von der Reha, von den Fortschritten und den noch vorhandenen Schwierigkeiten, von mir und den Plänen. Ich sehe sie erst zum zweiten Mal seit der Entlassung aus der dbt. Und es wird auch eine unserer letzten Stunden sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, seit so vielen Jahren ist sie nun da, hat mit mir gearbeitet und mich unterstützt. 

Und gleich werde ich mir gewaltig in meinen Po treten, denn das Projekt ‚Wohnung wieder zu Wohnung machen‘ schiebe ich nun seit so langer Zeit vor mir her, immer mit dem Vorhaben es anzugehen, teilweise auch mit der beginnenden Umsetzung, aber wirklich Hinbekommen habe ich es in den letzten Wochen nicht. Und nun ist es wirklich an der Zeit und absolut nötig, denn sonst kann ich bald rtl2 und das Messie-Team zu mir bestellen. Wie sehr mir die Antriebslosigkeit und die depressiven Momente einfach auf die Nerven gehen. Immer noch und immer wieder. 

Well, we dreamed our lifes and lived our dreams

Mit gemischten Gefühlen gehe ich heute morgen aus den Haus. Mein letzter Kliniktag liegt vor mir. Ein letztes Mal Frühtreff, ein letztes Mal Massage, ein letztes Einzel. 

Nach der Massage bin ich gerade auf dem Weg zum Rauchen, als das laute Geräusch eines Hubschraubers mich aufblicken lässt. Ich erkenne den Schriftzug an der Seite mit dem Namen und der Nummer und mir wird flau im Magen. Es ist eben jener Hubschrauber, der vor einigen Jahren vor meinen Augen landete und wieder abhob. Ich war damals noch in der Ausbildung, gerade im Praktikum, es war Ferien, wir waren mit den drei jüngsten Kids, 3 Geschwistern, der Wohngruppe auf einem Besuch bei einer Kollegin im Rahmen der Ferienzeit. Die jüngste stolperte und fiel rückwärts ins Feuer der Grillstelle. Für mich war das damals richtig heftig, denn meine Kollegen waren ein wenig überfordert, ich wählte den Notruf und lotste den Krankenwagen zum Haus, versuchte währenddessen noch die beiden Brüder der Kleinen nicht aus den Augen zu lassen und sie abzulenken. Wir besuchten den Piloten, während der Notarzt die Kleine versorgte, ließen uns den Hubschrauber zeigen, winkten ihm beim Abheben nach. Der Kleinen geht es übrigens gut, sie hatte Glück im Unglück. 

Und dann landet er da heute und ich rieche den Rauch und verbrannte Haare, höre die Schreie. Prima. Also versuche ich mich abzulenken, telefoniere kurz mit der kleinen Hexe, verziehe mich hinters Haus, um dem Anblick des Hubschraubers zu entgehen. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Einzel. 

Ich berichte kurz von dem Hubschrauber und von damals. Dann gehen wir die Formalitäten durch. Den Kurzbrief, den Entlassungsbericht. Anschließend reden wir noch ein wenig. Über die dbt, ich erzähle von unserer Bordi-Truppe und einem Ereignis vor ein paar Tagen, das damit zusammen hängt. Er sagt mir, dass ich große Fähigkeiten habe in vielen Bereichen. Ich frage ihn nach seiner Klinikmailadresse und verspreche ihm mal zu schreiben, wenn ich einen Anfall von Stolz habe. Und zum Abschied kriege ich ein Blatt der Flipchart. Nachdem er bei einem Einzel so völlig begeistert groß „Stolz“ quer über die Seite schrieb, weil ich sagte, dass ich doch ein wenig stolz auf mich bin. Und so ziert nun ein großes Blatt meine Wand über dem Bett, direkt neben den Fotos von Freiburg, dem Lebensvertrag und dem Zertifikat der dbt. 

Mehr Künstlerisches könne er nicht bieten, aber das interessiert mich wenig, denn ich freue mich ungemein. 

Es fällt mir schwer ein letztes Mal das Büro zu verlassen. Ich konnte mit dem Therapeuten wirklich gut arbeiten und es ist schade, dass die Zeit so begrenzt war. Auf der anderen Seite habe ich die Wochen so gut wie möglich genutzt und habe auch das Gefühl, dass es erst einmal genug ist. 

Ich erledige noch den Bürokratiekram mit der Entlassungsbescheinigung und beginne dann mich zu verabschieden. Ich habe viele Leute kennen gelernt und zu einigen wird der Kontakt sicherlich auch weiterhin bestehen. 

Auf dem Weg nach Hause begleiten mich ein Lächeln auf den Lippen, die Sonne, Fury in the Slaughterhouse mit „Won’t forget these days“ und Stolz. Nicht nur als zusammengefaltetes Papier im Beutel, sondern auch im Kopf und im Gefühl. 

Und so finden nun also sieben intensive, anstrengende, kraftraubende, aber auch positive und bewegende Wochen ein Ende. Ich konnte für mich selbst einiges erreichen und lernen. Ein weiteres Stückchen Weg liegt hinter mir. Und: ja, ich bin stolz. 

Nun geht es also weiter. Morgen steht erstmal das Arbeitsamt auf dem Plan, juhu, ich könnte hüpfen vor Freude. Am Wochenende geht es wohl in die dbt-Stadt. Ein wenig Lieblingsmenschen und abschalten. Und zwischendurch vielleicht immer wieder ein wenig stolz sein. 

Won’t forget these days
And I never thought I would
Won’t forget these days

Das leidige Thema Druck. 

Ich habe immer noch unglaublichen Selbstverletzungsdruck. In der Stabigruppe gestern steigt die Anspannung ohne ersichtlichen Grund und ich dissoziiere vor mich hin. Der Therapeut geht mit mir nach der Stunde raus, wir reden. Ich sage ihm, dass ich nicht weiß, woher ich die Kraft noch nehmen soll. Dass ich nicht weiß, wie ich es momentan schaffe weiter zu machen. Er fragt, ob es okay ist zum Supervisor zu gehen. Ich frage zurück, ob ich denn eine Wahl habe. Die habe ich nicht, also sitzen wir ein wenig später beim Supervisor und ich möchte ihn nach kurzer Zeit am liebsten umbringen. Er fragt immer wieder, woher gerade der Druck und die Suizidgedanken kommen. Ich erkläre ihm immer wieder, dass ich es nicht weiß. Und auch immer wieder, dass der Druck und die Gedanken da sind, unabhängig von der Anspannung. Immer und immer wieder und ich will ihm irgendwann einfach nur noch ins Gesicht springen. Er lässt mich ziehen, mit dem Versprechen heute nochmal zu ihm zu kommen. Heil und lebendig. 

Zuhause muss ich mich erstmal abregen. Ich schimpfe und fluche laut vor mich hin. Kraule dann das Katerkind uns Flöckchen und bleibe eine Weile bei den Meeris stehen und beobachte, wie Caro und Caramell zuerst versuchen sich in Luft aufzulösen aufgrund meiner Anwesenheit und dann doch beschließen, dass ich sie wohl nicht fresse und sich raus trauen. Ich esse was, gammel eine Weile vorm PC und stöbere dann durch meine Bilder, denn die Therapeutin der Traumagruppe fragte, ob ich das tun mag, mir schöne Momente raussuchen, am besten mit Bildern. Schöne Momente habe ich mir schon einige aufgeschrieben, nun kucke ich, was ich so an Fotos habe, die ich mir auch aufs Handy packen und so immer dabei haben kann. Und so hänge ich in Erinnerungen, während ich Fotos von Irland kucke, von der DBT-Zeit, von Hamburg und Berlin und von den Meeris und Chrissies halbem Zoo und Kreta und all den Jahren, die sich auf meiner externen Festplatte tummeln. Ich finde auch Bilder von den letzten Selbstverletzungen, von genähten Wunden und blicke auf meine Arme, auf die mittlerweile immer mehr verblassenden Narben. Und ich finde ein Bild von einem Smiley, den Pfleger Arschkeks mir vor fast einem Jahr auf den Arm malte, damals, als ich noch nicht daran glauben konnte, dass ich es länger schaffe als ein paar Wochen. Und nun sitze ich hier und es trennen mich nur noch 11 Tage vom vollen Jahr. Und ich will es schaffen, denn ich will mit A. feiern, ich will Pfleger Arschkeks stolz davon berichten, ich will es einfach schaffen. Für mich. 

Der Therapeut hat mich verdonnert heute nochmal zur Therapeutin der Traumagruppe zu gehen wegen einem Gespräch, denn er ist freitags nicht da. Für mich absolut okay, denn ich mag sie. Und bei ihr hatte ich auch von Anfang an das Gefühl ich kann reden und muss nicht aufpassen, was ich sage. Genau wie beim Therapeuten. Also spreche ich sie nach dem Frühtreff an und sage ihr auch, dass ich nur zur Traumagruppe komme um mich zu verabschieden, denn es wäre meine letzte Stunde und ich mag mich vorm Wochenende nun in der aktuellen Situation mit Druck und Suizidgedanken wirklich nicht konfrontieren. 

Stattdessen ziehe ich zum Supervisor, mit unendlich viel Begeisterung – nämlich gar keiner. Er vertröstet mich auf später, also nutze ich die Zeit und ziehe mit einer Mitpatientin in Richtung Sonne. 

Die Sonne tut unglaublich gut, am liebsten würde ich stundenlang auf der Bank liegen und die Wärme genießen, doch ich muss zum Supervisor. Dem sage ich dann auch, dass er mich gestern unglaublich auf die Palme gebracht hat, erkläre ihm nochmal, dass ich nicht weiß, woher der Druck und die Gedanken momentan kommen, dass ich natürlich gestern angespannt war (auch dank ihm), der Druck und die Gedanken aber auch unabhängig davon da sind. Er fragt noch, wie ich rückblickend die Traumagruppe sehe (na immer noch gut) und warum ich mit dem Therapeuten gut klar komme (weil es eben so ist?! Weil er gut ist und empathisch und mich nicht tausend mal das gleiche fragt und damit auf die Palme bringt?!). 

Nach dem Essen gehe ich zur Entspannung und in die Körpererfahrung und dann zum Gespräch zur Traumagruppentherapeutin. Wir kucken schöne Momente, es tut gut nochmal auszusprechen, dass ich es schaffen will ohne Selbstverletzung, dass ich mit A. feiern mag, dass ich mich mit einem Tattoo beschenken will, dass diese elf verdammten Tage nun doch wohl noch zu schaffen sind. Dann verabschieden wir uns, denn ich werde sie nicht mehr sehen bis zu meiner Entlassung. Es ist schade, denn ich mochte sie und konnte auch mit ihr gut reden und die zwei Gespräche bei ihr haben mir auch geholfen. 

Danach fahre ich erledigt nach Hause, eine Mitpatientin nimmt mich netterweise mit. Doch ich bin auch ein wenig zuversichtlicher, dass ich es schaffen kann, dass ich das Wochenende überstehe und vielleicht tatsächlich auch diese elf Tage. Und wenn ich es nur tue, um der Traumagruppentherapeutin dann eine Mail zu schreiben und voller Stolz sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Wenn momentan schon nicht für mich, dann dafür. Und so dann doch für mich. 

I wanna scream till the words dry out

„Können Sie es vorlesen?“ fragt der Therapeut am Donnerstag, als ich das Blatt aus meinem Beutel angel. Ich schüttel heftig den Kopf. „Darf ich es dann vorlesen?“ „Wenn es unbedingt sein muss…“ antworte ich ihm und schiebe ein „Ich glaube es ist okay.“ hinterher. 

Und so beginnt er die Worte zu lesen, die mich gleichzeitig etliche Jahre zurück und viele Kilometer weit weg tragen. Ich bin wieder dort und ich bin wieder das kleine Mädchen. Und gleichzeitig sitze ich im Büro des Therapeuten und bin erwachsen. Den Ball in meiner Hand drücke ich so fest, dass es schmerzt. Der Therapeut macht immer wieder Pausen, fragt wie es mir geht, ob es noch geht. 

Als er die letzten Worte liest und aufblickt bin ich gerade dabei möglichst ruhig und tief zu atmen, weil ich das Gefühl habe zu ersticken und krame in meinem Skillsbeutel nach einem sauren Bonbon um mich einerseits in der Realität zu halten und andererseits den Geschmack in meinem Mund zu vertreiben. Mir laufen die Tränen. 

Wir fangen an die Gefühle aufzudröseln. Die Flipchart muss herhalten und der Kreis auf dem weißen Papier füllt sich mit Gefühlen und Gedanken. Ein kurzes Lächeln blitzt über mein Gesicht, denn ich muss an meine Therapeutin in Freiburg denken, sie wäre begeistert von den ganzen Gefühlen, die ich so klar sehen und benennen kann mittlerweile. 

Da sind Wut und Angst und Ekel und Scham. Und natürlich Schuld und Selbsthass. Und während die Gedanken dazu ihren Platz finden, während all diese alten Glaubenssätze aus meinem Kopf aufs Papier kommen, ändert sich etwas an der Verteilung der Gefühle. Die Wut nimmt mehr Raum ein. Denn da ist das völlig rationale und professionelle Hirn der Erwachsenen in ihrer Berufsrolle, die sich vorstellt dieses Kind vor sich sitzen zu haben. Und so finden auch andere Sätze ihren Platz auf dem Papier. Die gesunden Sätze, die Sätze, die sagen, dass es vorbei ist, dass Kinder niemals die Schuld tragen, dass ich wütend sein darf. Diese rationale Betrachtungsweise ändert mittlerweile doch auch ein wenig die Gefühle. Sie ermöglicht es mir wütend zu sein und es zu akzeptieren. Sie lindert die Angst, denn es ist vorbei. Die Scham bleibt, denn es ist passiert und ich schäme mich dafür. Die Schuld lässt sich auch nur wenig beeindrucken, denn das Gefühl ist so fest mit meinem Ich verwurzelt, dass es sich nur zögerlich und in winzigen Schritten ändern lässt. Der Selbsthass bleibt, aber wird leichter auszuhalten. 

Und so sitze ich am Ende der Stunde da und bin erstmal erledigt. Es war anstrengend und schmerzhaft und ich bin wieder mal froh, dass ich dem Impuls zu schneiden nicht nachgeben kann, da ich aufgehört habe immer eine Klinge dabei zu haben. 

Doch so schrecklich es auch manchmal ist, ich merke immer wieder, dass es mir gut tut und hilft. Es wird leichter zu sprechen. Leichter zu schreiben. Und leichter die richtigen Dinge zu fühlen, die Gefühle zuzulassen, die da hin passen und nicht den ganzen anderen Kram. Es ist erstaunlich, ich hätte nicht gedacht, dass diese paar Stunden Therapie während der Reha da irgendwas verändern können. 

Und weil ich doch ein wenig stolz auf mich bin, weil ich mir gerne was gönnen möchte und weil mein Handy auf dem morgendlichen Weg zur Klinik drei Mal Suizid beging, stöbere ich ein wenig auf der Seite meines Festnetzanbieters herum, denn ich habe die Möglichkeit mir dort ein Handy zu finanzieren und weniger als eigentlich zu bezahlen, da ich bestehender Kunde bin. Und als bekennender HTC-Liebhaber hüpfe ich anschließend fast vor Begeisterung, denn das neue Smartphone ist verfügbar. Also telefoniere ich kurz mit dem Festnetzanbieter, wie es aussieht mit Konditionen („Naja, eigentlich würde ich ja meinen Vertrag kündigen, ich habe ja schon mit ihrem Kollegen gesprochen wegen Angeboten, ich bin da noch soooooo unsicher, neues Handy, hmmmm, ich weiß ja nicht… „) und mache dann erstmal ein paar Leute wahnsinnig, weil ich nicht weiß ob ich das wirklich tun soll. Schließlich drücke ich doch auf den Button, bekomme kurz darauf eine Mail mit der Bestätigung und habe also ein neues Handy. Und sofort macht sich das schlechte Gewissen breit. Denn der Gesamtpreis ist einfach so viel Geld! Über die Finanzierung und mit dem Bonus als Kunde ist es eigentlich nicht viel, aber zusammen… Wusa! Ich hadere noch eine Weile mit mir, bis ich angedroht bekomme, dass mir jemand gleich mal auf den Hinterkopf schlägt. Dann ist es halbwegs okay und ich warte sehnsüchtig auf eine Mail, dass das Paket unterwegs ist. Die kam gestern und heute morgen aktualisiere ich zuallererst den Status und hoffe, dass es wirklich heute kommt. 

Und dann klingelt es und ich hüpfe begeistert zur Tür, freue mich, die Postbotin freut sich mit mir und kurze Zeit später packe ich mein neues Handy aus. Ein Träumchen! Da ich beim gleichen Hersteller bin gibt es nicht viel Umgewöhnen. Also installiere ich Apps, richte ein, mache dies und das. Und ich freue mich, denn ich habe mir was gegönnt und da mein altes Handy langsam wirklich nicht mehr das tut, was ich von ihm möchte, ist es noch nicht mal nur Luxus. 

Wenn ich unterwegs bin, dann höre ich eigentlich immer Musik. Streaming ist eine feine Sache, man kann quasi fast alles überall hören. Ich nutze gerne diverse Playlists, da kann man immer wieder Sachen neu oder wieder entdecken. So ging es mir am Freitag mit einem Lied, dass ich eigentlich kenne, aber eigentlich noch nie so sonderlich genau auf den Text geachtet habe. Anders am Freitag auf dem Weg zur Klinik. Und so läuft das Lied auf dem Rückweg hoch und runter, in Originalversion und verschiedenen anderen Versionen. Und es trifft momentan so unglaublich gut zu. 

You’ve got the words to change a nation
But you’re biting your tongue
You’ve spent a life time stuck in silence
Afraid you’ll say something wrong

Worte waren schon immer ein Halt für mich. Ob früher in Büchern oder heute auch beim Schreiben. Und so oft Schweige ich. Aus Angst. 

You’ve got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Baby we’re a little different
There’s no need to be ashamed
You’ve got the light to fight the shadows
So stop hiding it away

There’s no need to be ashamed. Das sage ich mir momentan ständig und das sagen die Fachmenschen und die Mitmenschen. Die letzte Person, die sich schämen sollte, bin ich! 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Und genau so fühle ich mich derzeit oftmals. Ich will nicht mehr schweigen, ich will es rausschreien, all die schlimmen Dinge und all den Schmerz, ich will brüllen bis meine Stimme versagt, bis all die Worte aus mir raus sind, bis es okay ist. 

Und ja, mittlerweile kann es auch öffentlich hier stehen (wenn auch fast komplett anonym, abgesehen von den Leuten, die mich privat kennen und den Blog lesen.) I’m not afraid. They can read all about it. Ich habe keine Angst mehr zu schreiben. Keine Angst mehr die Worte zu formulieren. Ich weiß, dass ich nicht daran sterbe. Es bringt mich nicht um in Worte zu fassen was geschehen ist. Und ich habe keine Angst mehr dies über diesen Weg zu tun. Denn ich will auch anderen die Angst nehmen, ich will auch andere ermutigen ihr Schweigen zu brechen. Ich will anderen geben, was mir so lange fehlte: das Gefühl nicht alleine zu sein. Und den Mut, dass es leichter werden kann damit zu leben. 

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream till the words dry out
So put it in all of the papers
I’m not afraid
They can read all about it
Read all about it 

Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

Mein Start in die neue Woche war ziemlich bescheiden. Kurz vor 4 Uhr wache ich auf, schweißgebadet. Ich muss mich erstmal umziehen und kann dann nicht mehr schlafen. Das einzig gute daran: ich war rechtzeitig wach um in die Klinik zu fahren. 

Der Therapeut drückt mir morgens einen neuen Plan in die Hand, für 16 Uhr hat er mir noch ein Einzel eingetragen. Hmpf. Ich bin eigentlich viel zu müde, um überhaupt die Augen offen zu halten, dann noch bis mindestens 17 Uhr und dann noch heim fahren… Bäh. Doch irgendwie funktioniert es und als ich endlich daheim ankomme bin ich zu wach um zu schlafen. Prima. 

In Einzel haben wir eine Lebenslinie gemacht. Was waren die gravierenden Zeitpunkt, die mich und mein Leben beeinflusst haben? Eigentlich ist es eine Aneinanderreihung von traumatischen Erlebnissen. Die Scheidung meiner Eltern, der Umzug nach BaWü, der Wechsel der Tagesmutter, die erste Selbstverletzung, der Beginn der Therapie, die Inobhutnahme, Suizidversuche, Klinkaufenthalte, der Wegzug in Richtung meiner Hauptstadt, der Absturz vor 2 Jahren, Suizidversuch, Klinkaufenthalte. Und irgendwo dazwischen die ganze Gewalt. Der Therapeut atmet danach erstmal tief durch. Ich tue es ihm gleich. „Wie haben Sie das überlebt?“ fragt er mich und ich frage es mich auch. Er fragt nach Strategien, Haltepunkten. Da ist ganz klar die Selbstverletzung, die jahrelang Halt gab und mich weiter leben ließ. Da ist meine ehemalige Therapeutin und als ich so geballt sehe, was alles passiert ist, wird mir wieder einmal klar wie viel sie getan hat für mich, wie sehr sie mich unterstützt und getragen hat durch die Jahre. Und da ist meine Schwester. Und ich beginne zu weinen, denn wieder einmal überflutet mich die Traurigkeit, dass ich erst in den letzten 8 Jahren so intensiv in ihrem Leben bin, dass mir so viele Momente mit ihr fehlen. Und dann die Wut. „Ich hasse ihn mehr dafür, dass er mir all diese Möglichkeiten genommen hat meine Schwester aufwachsen zu sehen, als für die Dinge, die er mir sonst angetan hat.“ sage ich dem Therapeuten, als er fragt, was gerade passiert. Und es ist so. Und im Rückblick hasse ich ihn auch dafür, dass er damals versuchte mir einzureden, dass meine Mutter nun ein neues Kind hat. Doch das hat nichts daran geändert, dass ich dieses kleine Wesen von Anfang an mehr geliebt habe als alles andere auf der Welt. 

Bevor er mich gehen lässt fragt er, wie es mir geht. Und seltsamerweise ist es okay. Es ist zum ersten Mal okay über all diese Dinge zu reden, sogar in so geballter Form. Es war anstrengend, ich bin völlig erledigt, aber es war okay. 

Die Nacht auf Dienstag ist wieder zu kurz. Ich schlafe erst gegen 2 Uhr ein, werde kurz nach 6 zum ersten Mal vom Wecker angepiepst, quäle mich um 7 endlich unter den Decken hervor, mache mich fertig und auf den Weg zur Klinik. 

Ich habe zum ersten Mal Traumagruppe. Die Therapeutin ist sehr nett und beruhigt, als sie erfährt, dass ich gerade erst die DBT gemacht habe und es meistens hinkriege schwere Situationen zu händeln. Wir sind eine kleine Gruppe, nur 4 Leute und ich halte mich zurück und beobachte, während der Zusammenhang zwischen der aktuellen Situation und den Kriegserlebnissen eines Mitpatienten aufgedröselt werden. Ich fühle mich relativ wohl und sicher dort und ich denke, dass ich sicherlich dort auch in der Lage sein werde von meinen Dingen zu berichten. 

Die letzte Nacht habe ich immerhin 7 Stunden geschlafen. Nach zwei Stunden in der Klinik mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg, mehr steht nicht auf meinem Plan. 

Es ist ein schwerer Tag heute für mich. Vor 2 Jahren fühlte ich mich an diesem Tag einfach nur furchtbar, noch furchtbarer als in den Tagen zuvor. Und in der Nacht griff ich dann zu Alkohol und Tabletten. Ich wollte sterben. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an Polizei und Krankenwagen und Notarzt und Intensivstation. Aber umso deutlicher sind die Gefühle präsent. Die tiefe Schwärze in mir, die Hoffnungslosigkeit, der Wunsch es nur noch zu beenden. 

Zwei Jahre liegt es nun zurück. Eine kurze und dennoch lange Zeit. Vieles ist seitdem anders. Vor allem besser anders. Aber dennoch gibt es die dunklen Momente. Und an solchen Tagen, besonders an diesem Tag, holt es mich ein. 

Ich denke darüber nach, dass es so knapp war. „Zehn Minuten später“ sagte der Notarzt damals. Zehn Minuten später und ich hätte es geschafft gehabt. Und ich weiß nicht, ob ich froh sein soll. Meistens bin ich es, doch heute denke ich immer wieder darüber nach, dass es dann endlich vorbei gewesen wäre. Die Gedanken begleiten mich über den Tag, drängen sich immer wieder auf, lassen mich nicht los. 

Irgendwann ziehe ich los und besuche eine Freundin in der Klinik. Und es tut auch mir gut. Pfleger Kai kennt mich seit Anfang an, er kennt all die schlimmen Momente und es tut gut nochmal darüber zu reden und auch zu sehen, wieviel seitdem anders ist. Und auch mit Pfleger Andreas rede ich, ihn kenne ich zwar noch nicht so lange wie die anderen, aber auch er hat viel mitbekommen und sagt, dass ich stolz sein kann auf mich. 

Dann läuft der Psychopeut vorbei. Er lächelte mich an, fragt wie es ist, wie es mir geht, ob ich in die Klinik gegangen bin. „Ich habe es sogar durchgezogen!“ antworte ich ihm. 

Es fühlt sich wie immer merkwürdig an. Fremd und doch vertraut. Aber wie auch bei den letzten Malen bin ich froh, dass ich diesen Rückhalt nicht mehr so intensiv benötige wie früher. Es beruhigt immer noch, dass die Klinik notfalls da ist, aber mehr auch nicht. Ich hoffe es bleibt so. 

Den Rest des Abends verbringe ich mit zocken und Katerkind kraulen. Ich habe den Tag überstanden und ich werde auch die Nacht überstehen. Es ist nicht mehr wie vor 2 Jahren. 

Morgen muss ich Zutaten besorgen für einen Kuchen. Am Samstag kommt Geburtstagsbesuch. Am Freitag werde ich mit Bibi und N. zur Feier des Tages zum Sushi-Mampfen gehen, darauf freue ich mich. Für mehr Feierei habe ich nach der Tagesklinik keine Lust mehr.