Rückhalt 

Zum ersten Mal seit Monaten tippe ich die Nummer der Station ins Telefon und drücke auf den Hörer. Am anderen Ende meldet sich Herr W., ein Pfleger, der nur wenige Stunden dort arbeitet, den ich aber gerne mag (wobei dort niemand arbeitet, von dem ich sagen würde, dass ich ihn absolut nicht leiden kann). Er war bei einer meiner letzten Selbstverletzungen mit mir zum Nähen im Krankenhaus, hat mich damals vorm Abdriften mit Gesprächen über geocaching und alles mögliche abgelenkt. Auch heute tut er das und ich komme endlich langsam aus der Anspannung raus und der Selbstverletzungsdruck nimmt ab. Er fragt nach den Skills, die ich schon ausprobiert habe. Wir reden über Musik, dann über Bücher. Fantasy, Science-Fiction, über Autoren, die Scheibenwelt und kurz über das Dschungelcamp, weil Schwester Tina das im Hintergrund kuckt, landen dann bei Zwangserkrankungen und schließlich beim Schlösser knacken. Nach gut 45 Minuten ist es halbwegs okay. Ich fühle mich besser. 

Der Selbstverletzungsdruck ist um einiges geringer, die Suizidgedanken haben sich verflüchtigt. Die Stunden zuvor habe ich mich im Bett von einer auf die andere Seite gedreht. Überlegt, ob es eine Selbstverletzungsart gibt, die ich vor mir selbst als „keine Selbstverletzung“ rechtfertigen kann, weil ich die 10 Monate ohne nicht hinwerfen will. Ob ich das Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut vielleicht noch vor mir als Ausrutscher rechtfertigen könnte. Oder ob ein wenig Medikamente überdosieren vielleicht reicht um den Selbstverletzungsdruck zu vertreiben. Doch dann wäre wieder die Frage gewesen welche, denn es fällt fast alles flach, wenn ich in 6 Stunden schon wieder aufstehen soll. Dann überlege ich, ob kotzen eine Möglichkeit wäre, doch seit 16 Uhr habe ich nichts mehr gegessen, mehr als Flüssigkeit und Galle würde also nicht kommen und das würde den Druck keineswegs nehmen. Es bleiben also eigentlich keine Möglichkeiten, außer wirklich zur Klinge zu greifen und damit die ganze Zeit ohne über den Haufen zu werfen. Mitten in der Nacht ins Krankenhaus? Nähen? Das morgen, spätestens Montag, in der Klinik sagen? A. erklären, dass wir das Jahr nicht zusammen feiern werden? Pfleger Arschkeks irgendwann sagen, dass er sich nichts für die 365 Tage ausdenken muss? Nein. Nein. Nein. 

Und so nutze ich den Weg, der mir schon so oft in Situationen geholfen hat, in denen ich alleine nicht mehr weiter konnte. Die Klinik. Es tut gut zu wissen, dass sie da ist. Auch wenn ich den stationären Rückhalt (zumindest derzeit und hoffentlich auch weiterhin) nicht mehr in dem Maße brauche wie vor der DBT, sie sind da. Wie so oft, wie in so vielen Momenten. Und ich bin froh und dankbar, denn die Menschen dort haben mit mir schon so viele Schlachten gekämpft, waren in dunklen Stunden an meiner Seite und oftmals denke ich daran, was mir Schwester Nathalie oder Pfleger Kai oder Schwester Laura oder Schwester Sabine  oder jemand anderes des tollen Teams mir dort nun sagen würde. Und es hilft zu wissen, dass sie da sind, dass ich jederzeit dort Unterstützung finden kann, wenn es nicht mehr geht. Und es hilft auch zu wissen, dass sie mich im Notfall vor mir selbst schützen werden, wie auch schon in der Vergangenheit. 

Ich rolle mich wieder im Bett zusammen. Der Zitronenkater tut das gleiche auf meinen Füßen. Ich hoffe, dass ich nun endlich Schlaf finden kann. Denn morgen ist eigentlich schon heute und mein Wecker wird viel zu früh dafür sorgen, dass die Nacht vorbei ist. 

Yes, I’m on way

Da sind seine Hände. Sein Geruch. Und plötzlich ein unglaublicher Schmerz in mir. Ich schreie. 

Kurz darauf der stechende Geruch von Ammoniak in meiner Nase. Meine Fingernägel, die sich in den Handrücken der anderen Hand graben. Meine Bettdecke. Sonnenstrahlen. Die Schwester, die Mittagsschicht hat. Mein Zimmer auf der Station. Das Jahr 2016. 

Ich brauche lange um wieder in der Realität anzukommen und die Bilder abzuschütteln. Ich brauche erstmal eine Weile um zu stehen und eine Tasse Wasser, die Säure im CenterShock, die mich im Körper bleiben lässt, 20 Minuten draußen mit lauter Musik auf den Ohren und eine ganze Weile unter der Dusche um die letzten Fetzen abzuschütteln. Dann sinke ich bei der Schwester auf den Stuhl und fühle mich erst mal erledigt. „Können Sie auf sich stolz sein?“ fragt sie mich. „Manchmal.“ sage ich und schaue sie an. „Seien Sie es jetzt!“ antwortet sie lächelnd. 

Und ja. Ich sitze draußen auf der Bank in der Sonne, mit nassen Haaren unter der Kapuze und Zigarette in den Finger und lächle, denn ich bin doch ein wenig stolz auf mich, dass ich mir nicht das nächstgreifbare halbwegs scharfe Ding in den Arm gerammt habe. Ich telefoniere mit meinem Katerkind, der ziemlich verwirrt über meine Stimme ohne meinen Körper ist, dann aber doch miaut und feststellt, dass ich scheinbar im Telefon stecke. 

Kurz drauf warte ich auf mein Einzel bei der Vertretungsärztin. Und warte. Und warte. Und stehe dann so unter Anspannung, denn sie hat die Zeit verpeilt, dass nur noch 15 Minuten bleiben bis zur Gruppe. Also macht das Einzel keinen Sinn mehr und ich rege mich erst mal gründlich auf bei ihr. Meine Anspannung klebt wieder knapp unter der Decke und ich komme nur sehr schwer wieder raus. Ich will mich verletzen, ich will am liebsten alles hinschmeißen und heim fahren. 

Beim Abendkontakt kotze ich mich aus. Über meine kranke Ärztin (die ja nichts fürs krank sein kann) und die Tatsache, dass ich kein Einzel in der Woche hatte bisher. Darüber, dass sich die Stufe zwei nun nochmal um eine Woche verschieben wird. Darüber, dass auch die Körpertherapeutin nicht da ist (wofür sie ja auch nichts kann) und die Körpertherapie ausfällt. Und darüber, dass ich schneiden will, alles hinwerfen, schreien, wüten, irgendwas kaputt machen. 

Im Anschluss verarbeite ich eine Zeitung zu Konfetti, warte drauf, dass die Medis wirken, versuche den Druck auszuhalten. Ich will in den nächsten Supermarkt marschieren und Klingen kaufen. Sofort. Und irgendwann schnappe ich mir meinen Geldbeutel, marschiere in den nächsten Supermarkt und kaufe mir… Eine Tafel Schokolade! Und dann wird es endlich besser und ich verbringe noch eine Weile mit Buch und Schokolade, bevor ich meine Nachtmedis nehme und mich ins Bett kuschel. 

Gestern war also ein anstrengender Tag. Und das merke ich auch abends, denn ich bin total erledigt. 

Auch heute bin ich noch ziemlich Matsch. Es kostet Kraft eine solche Anspannung zu haben und es kostet noch mehr Kraft sie auszuhalten und da auch wieder raus zu kommen. 

Heute morgen schoss die Anspannung dann schlagartig wieder in die Höhe, als ich bei der Medikamenteneinnahne einen Zettel mit einem MRT-Termin in die Hand gedrückt bekommen. Ich. Eine enge Röhre. Eine enge laute Röhre. Niemals! Ich gehe angespannt in die Oberarztvisite und spreche das an. Auch, dass mein letztes MRT noch kein Jahrhundert her ist und ohne Befund war. Und das davor auch. Genau wie das davor. Also muss ich dort nicht hin und bin erstmal unglaublich erleichtert. Die Oberärztin lobt mich, dass es ohne Selbstverletzung geklappt hat, obwohl meine Woche echt schwer war. Es tut gut das zu hören. Und auch im Vertretungseinzel kriege ich gesagt, dass ich mich belohnen soll, stolz auf mich sein soll. Ich muss lächeln, denn wir haben ein paar Minuten vorher noch über Selbstwert gesprochen und welch schweres Thema das ist. 

Heute Abend werde ich mit Mitpatienten in eine Kneipe gehen und das Fußballspiel schauen. Bis 23 Uhr sollen wir zurück sein, ich finde die Ausgangsregelungen hier toll. Wenn solche Dinge anstehen kann man einen verlängerten Ausgang bekommen und so eben eine Stunde länger unterwegs sein. Ich denke, dass es gut tun wird. Raus gehen, den Kopf frei kriegen, beim Fußball mitfiebern als Dortmunfan unter lauter Freiburgern. Das Wochenende werde ich eher ruhig verbringen. Samstags will eine Freundin kommen, am Sonntag setze ich mich mit F. zusammen zum VA-Schreiben und genieße vielleicht einfach das (angekündigte) schöne Wetter und einen Tag Ruhe und Freizeit. 

Es ist ein Kampf aktuell, immer wieder aufs Neue. Mir war klar, dass es nicht leicht werden wird hier. Aber es funktioniert und ich werde toll unterstützt. Auf der diary card gibt es den Punkt „Entscheidung für den neuen Weg“. Und ich bin entschieden ihn zu gehen, definitiv. 

Not the snow, not the rain 
Can change my mind 
The sun will come out, wait and see 
And the feeling of the wind in your face 
Can lift your heart 
Oh there’s nowhere I would rather be

Klar hab ich Angst und klar weiß ich´s besser

AUFATMEN! Zumindest fürs erste. 

Heute war die Chefarztvisite. Ich bin mit bangem Gefühl rein und fand es schon mal beruhigend, dass Schwester Sabine mit dabei war, das gab mir ein wenig Sicherheit. Der Chefarzt fragte, wie es denn so sei und was anstehen würde. Ich sage ihm, dass Freiburg und vor allem das Danach große Panik macht. „Die Klinik steht seit 150 Jahren. Sie wird auch dann noch stehen. Sie haben viel gegeben, viele Hürden gemeistert die vor einem Jahr noch undenkbar waren. Das ist ein Geben und Nehmen. Sie haben uns viel gegeben, dann sind wir bereit Ihnen auch viel zu geben.“ erwiderte er. Uff. Ein erstes Aufatmen, denn er hat nicht direkt Nein gesagt. Er hat mich sogar gelobt. Die Psychologin, die nun neu auf der Station ist und den Psychopeuten bis Januar vertritt, besprach mit mir noch kurz, dass wir uns mittags zusammen setzen würden und dann war die Visite, vor der ich solche Angst hatte, auch schon wieder vorbei. 

Im Gespräch mit der Psychologin (als Vertretung vom Psychopeut ist sie ja dann eigentlich die Psychopeutin) haben wir überlegt, wie es weiter gehen wird. Sie fragte was ich mir wünsche und ich erklärte ihr meinen Standpunkt, damit war sie größtenteils konform. Ich werde also den Rückhalt der Klinik nicht verlieren. Ich soll mich melden, wenn ich einen Aufnahmetermin bekommen habe und wenn ich weiß, wann ich entlassen werde. Dann planen wir im aktuellen Intervall von 6 Wochen eine Aufnahme und schauen, wie es ist. Ob und wie weit man das Intervall sowie die Dauer des Aufenthaltes strecken kann, wie es allgemein weiter gehen wird.

Es ist eine enorme Erleichterung zu wissen, dass ich diesen Rückhalt noch haben werde solange ich ihn benötige. Zu wissen, dass die DBT nur ein weiterer Halt auf meinem Weg ist, nicht das Ende, dass nicht alles super sein muss danach, dass niemand das erwartet. So kann ich mich vielleicht auch leichter darauf einlassen, die 14 Wochen nutzen, an mir arbeiten und voran kommen. 

Als ich am Schwesternsitz stehe und Schwester Sabine erzähle, wie schwer es mir fallen wird 14 Wochen lang weg zu sein, erwidert sie „Und was sollen wir 14 Wochen ohne Sie machen?!“ Sie sagt sich soll anrufen oder mich anderweitig melden, genau wie Pfleger Kai und Schwester Tina. Ich habe Schwester Nathalie ja schon beim letzten Aufenthalt gesagt, dass ich ihr schreibe und berichten werde, weil sie meinte sie würde gerne mit und die DBT mal live erleben. Als Schwester Laura geht wünsche ich ihr einen schönen Urlaub. „Danke! Bis zum nächsten Mal.“ – „Ja. Bis nächstes Jahr.“ sage ich und es fühlt sich merkwürdig an. Als Schwester Sonja zum Nachtdienst kommt und wir gemeinsam im Aufzug stehen schaut sie mich erstaunt an und meint „Wie erst nächstes Jahr? Das ist ja ewig!“ Ich muss lächeln, weil ich quasi schon so sehr hier her gehöre. Andererseits stimmt es mich traurig, weil es zeigt wie kaputt ich bin und wie oft ich hier war. Aber es zeigt mir auch die Entwicklung, die ich durchgemacht habe. „Für Sie ist das hier ein sicherer Hafen, ein Ort zum Ankommen und Runterkommen. Aber das ist auch in Ordnung und Sie haben es sich verdient. Denn Sie arbeiten trotzdem an sich und wollen weiter kommen.“ sagte die Psychopeutin. 

Irgendwann kommt wieder diese große Sehnsucht nach dem Schneiden. Keine Anspannung, einfach der Wunsch nach dem Gefühl des Schneidens. Ich rede mit Schwester Tina, über den Suchtcharakter der Selbstverletzung, über den Druck, den ich mir selber mache und der quasi mit jedem Tag den ich ohne schaffe wächst. Sie sagt mir auch, dass das Pflegepersonal mich mit solchen Worten wie „sie haben schon so viel geschafft, machen sie weiter“ und „werfen Sie das doch nicht weg“ unter Druck setzen will, sondern mich ermutigen. Das weiß ich und es setzt mich nicht unter Druck, sondern mehr ich selbst. Und auch, dass ich denke die anderen erwarten dies oder jenes. Ich weiß, dass es immer wieder passieren kann, dass es immer wieder Momente gibt,  in denen ich zur Klinge greifen will. Ich weiß eigentlich auch, dass es eben dann so sein wird. Dass die Tage nicht verloren sein werden. Und dass die Welt nicht unter gehen wird. Ein Rückfall ist ein Rückfall, solange es dabei bleibt. Solange ich nicht wieder zu dieser Regelmäßigkeit zurückkehre. Solange ich danach aufstehe und weiter mache, weiter kämpfe. Ich habe oft die Erwartung gehabt, dass ich aufhören muss, von nun an für den Rest meines Lebens. Und dieser Anspruch hat mich oft in die Knie gezwungen, weil ich mir selbst so einen Druck gemacht habe. Manchmal ist das immer noch so. Aber ich habe viel mehr die Einstellung mittlerweile, dass ich versuche mein Bestes  zu geben und erst gescheitert bin, wenn ich nicht wieder aufstehe und weiter kämpfe. Über all solche Dinge rede ich mit Tina und fühle mich danach besser. 

Auch wenn die Angst vor der DBT bleibt, die Angst vor dem Scheitern und vor dem Unbekannten, so geht es mir doch ein Stück weit besser, denn ich weiß, dass ich danach wieder hier Halt finden werde und Hilfe. Das gibt ein Stück weit Sicherheit. 

In den nächsten Wochen werde ich mich um ein paar Dinge kümmern müssen. Mein Internet und Telefon pausieren, nachfragen, ob ich meine Fahrkarte pausieren kann oder kündigen muss. Mal schauen, ob ich mein Gefrierfach leer bekomme, dann könnte ich den Kühlschrank komplett ausstecken und abtauen. Ein paar andere Dinge klären. Mich einfach langsam aber sicher darauf einstellen, dass ich weg sein werde. Vielleicht mal eine Liste schreiben mit den Dingen, die ich unbedingt mitnehmen muss. Und hoffen, dass schnell Anfang September der erlösende Anruf kommen wird. 

Hab gesung’n und ich hab geschrie’n, 
hab gehasst und verflucht und das Weite gesucht, 
um am Ende hier zu steh’n: 
Den Kopf im Wind, den Arm um´s Glück gelegt, 
die Beine am Boden und Tonnen Geduld, 
weil´s immer zu früh ist zu geh’n.

Neues Intervall 

Ich liege im Bett und bin einfach nur müde. Schwester Kirsten kommt mit den Medikamenten,  wünscht eine gute Nacht und fragt, ob wie uns am Donnerstag nochmal sehen. Ich sage ihr, dass ich morgens nach Hause gehe. „Dann bis zum nächsten Mal.“ antwortet sie. „Naja. Falls es ein nächstes Mal gibt.“ – „Ich wünsche es Ihnen! Und falls nicht, dann kommen Sie vorbei oder rufen Sie an!“ Ich nicke und wieder mal macht sich die Angst vor dem „danach“ breit. Ich habe schon mit der Ärztin darüber geredet. Sie meint, dass das teamintern besprochen werden muss. Team ist am Mittwoch erst. Auch mit Pfleger Jan hab ich heute geredet. Er fragte, was ich mir wünschen würde. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich die Intervalltherapie gerne weiter machen. Denn das ganze hat mir so viel Halt gegeben, dass ich es selbst kaum glauben kann. Ich würde erstmal gerne weiter machen, mit einem größeren Intervall, und schauen wie es ist, wie es klappt nach der DBT und einfach läuft zuhause. Und dann weiter sehen, vielleicht kann man das Intervall ja noch mehr strecken weil es so gut ist, vielleicht kann ich sogar noch weiter planen. Ich versuche mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen, dass die DBT nun alles ändert und plötzlich alles super ist, aber ich erwarte schon einiges davon. Mal sehen. Jedenfalls würde ich gerne weiterhin den Halt der Intervalltherapie haben, würde gerne schauen wie es ist und dementsprechend dann weiter machen. Ich werde es Montag in der Chefarztvisite ansprechen, auch wenn ich furchtbar Angst davor habe, dass er direkt sagt, dass es nicht möglich ist. Aber das werde ich dann ja sehen. 

Ich könnte den ganzen Tag nur schlafen und habe das auch die meiste Zeit getan. Ich war seit Dienstagmorgen wach, wir sind erst am Donnerstagmorgen wieder zuhause gewesen, da wir einige Zeit noch auf Kreta fest saßen, aber dazu schreibe ich die Tage mehr. Ich bin dann quasi fast direkt weiter in die Klinik. Bisher ist es gut, ich habe wenig Anspannung. Außer eben wegen dem danach. Das macht Angst. Und Anspannung. 

Alles tanzt um dich rum, aber du wünscht dich weg von hier.

Gestern kam eine Mail aus Freiburg. Ob ich am Montag kommen könnte für ein Vorgespräch. Bevor mein Hirn es sich anders überlegen konnte habe ich die Fernbusapp angeworfen, habe nach einer möglichen Verbindung geschaut und dann geantwortet, dass ich am Montag komme.
Danach bin ich erst mal fertig. Und stürze ab. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, dass es nun einen Schritt weiter geht, dass das lange erwartete Ziel in greifbarere Nähe rückt. Damit fehlt irgendwas, ich habe Angst vor dem Danach, Angst was kommt nach der DBT.
Schwester Nathalie ist zu Glück da, redet mit mir, versucht mir die Angst zu nehmen. Sie sagt, dass niemand erwartet, dass ich danach wieder völlig fit bin, dass diesen Anspruch niemand hat. Dass es ein erstes Ziel ist, ein Anfang, eine Möglichkeit. Dass die Klinik danach immer noch steht und Anlaufpunkt bleibt. Dass Freiburg mit mir gemeinsam überlegen kann, wie es weitergehen kann. Sie hilft mir ein wenig mit ihren Worten, mit ihrer Art. Es hilft, dass sie in diesem Moment vom Sie aufs Du wechselt, dass sie so nah an meinen Gefühlen ist und mir einfach zuhört und da ist.
Heute habe ich mit dem Psychopeut geredet. Auch er sagt mir nochmal, dass niemand dann verlangt, dass ich nie mehr Hilfe brauche. Ich sage, dass ich gerne die Traumatherapie machen würde. Und am liebsten zwischen DBT und Traumatherapie weiter Intervalltherapie hier, je nachdem wie es ist eventuell mit einem längeren Intervall. Er meint, dass das eine Möglichkeit wäre.
Gestern war ich noch furchtbar wütend auf ihn und hätte am liebsten niemals mehr ein Wort mit ihm geredet. Er wollte ja montags die VA besprechen, ich bin ihm erst die ganze Zeit nach gelaufen und wollte nach einem Gespräch fragen, da kam immer nur „einen Moment“ sobald ich den Mund aufmachen wollte und er war schon wieder verschwunden. Als ich ihn dann endlich mal erwischt habe und fragte, ob er Zeit habe, fragte er wieso, ich entgegnete, dass er doch die VA besprechen wollte und bekam als Antwort ein „Ich habe noch andere Patienten“ in einem ziemlich ätzenden Ton. Wuuuuhaaaa! Ich war so geladen, habe mich in der Ergo ausgekotzt und bei Nathalie, habe irgendwann Dipi genommen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Heute war es dann wieder einigermaßen okay, auch wenn ich ihm bei der Visite am liebsten für einen Moment ins Gesicht gesprungen wäre.
Sonst lief der Tag ganz okay. Die Panik von dem Danach ist nicht mehr so groß, nicht mehr so extrem. Ich habe auch das Gefühl langsam Ruhe hier zu finden und runter zu kommen. Die Anspannung ist heute zum ersten Mal echt okay, genau wie die Suizidgedanken. Endlich.

Alles schwarz in dem Haus, nur in deinem Zimmer brennt noch Licht.
Der Raum voller Rauch
so wie du dir den Kopf zerbrichst.
Hier ist Einsturzgefahr, wie du Löcher in die Decke starrst
und übersiehst dabei die ersten Sonnenstrahlen.
Du glaubst
Du bist nicht gut genug
und du denkst dich klein
weil du dir nicht reichst.

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Nach einer sehr kurzen und unruhigen Nacht habe ich es tatsächlich geschafft heute morgen um kurz nach 6 aus dem Bett, um halb 7 aus der Klinik und um 7 aus meiner Haustüre zu purzeln.
Die gestrige Nachricht hielt mich noch lange wach, um kurz vor 23 Uhr schrieb ich noch A. aus dem Zimmer nebenan und wir gönnten uns eine letzte Zigarette, bevor der Raucherraum geschlossen wurde. Auch sie trieb die Nachricht um, montags war J. noch auf der Station. Aus einer anderen Klinik, in der sie danach landete, war sie abhängig und wurde dann dort auf der Besuchertoilette gefunden. Die Reanimierungsmaßnahmen waren erfolglos.
Ich wurde oft wach in der Nacht, drehte mich hin und her und schlief wieder ein.
Nach zwei Zigaretten heute morgen bin ich dann einmal durchs Bad, habe mich angezogen und am Schwesternsitz geklopft. Pfleger Thorsten schaute mich irritiert an, es wusste mal wieder keiner, dass ich so früh weg muss und einen Termin beim Psychiater habe. Kommunikation ist alles…
Für heute steht noch auf dem Plan, dass ich meinen Vermieter anrufe, sobald es möglich ist, die Frau aus der Klinik für die DBT versuche zu erreichen, wieder in die Klinik zurück gehe und dort meine Therapien mache, ich muss mit dem Psychopeut meine Verhaltensanalyse besprechen… Es ist mir jetzt schon wieder alles zuviel. Aber Augen zu und durch, auch so ein voller Tag geht vorbei und heute Abend habe ich hoffentlich einiges erreicht.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Klinik

Auf ein neues: Klinik die weißgottwievielte.
Der normale Wahnsinn beginnt am Mittwoch schon an der Pforte. Vor mir sind 4 Handwerker, die Ausweise wollen und mit dem Formular gar nicht klar kommen.
Mit den Unterlagen in der Hand nehme ich den Aufzug und gehe zur üblichen Station. Dort treffe ich erst mal G., die gefühlt seit einem halben Jahr schon hier ist, bzw. wieder. Sie wurde vor 2 Wochen entlassen und ist seit 10 Tagen wieder hier.
Im Raucherraum erklärt mir eine Patientin von einer anderen Station, dass sie lesbisch ist aber eine Freundin hätte, deswegen darf sie nicht mit mir reden.
Das Aufnahmegespräch ist okay. Der Psychopeut und Schwester Tina loben mich, dass ich es die ganze Zeit ohne Selbstverletzung geschafft habe.
Die Ärztin fragt danach nach neuen Wunden, als Tina sagt, dass ich seit zehn Wochen nicht geschnitten habe meint sie „Das will ich sehen“ und ich halte ihr meine Arme vor die Nase. „Na das sieht ja gut aus.“ Die Ärztin, die vorher auf der Station war, nun auf einer anderen ist, aber wiederkommen soll, fragt wie ich das gemacht habe. „Skills.“ – „Kein kotzen?“ Ich schüttel den Kopf und sie lobt mich auch.
Mich überfordert das erstmal, soviel Lob auf einem Haufen. Ich selber kann, wie so oft, die Fortschritte nicht sehen.
Die Suizidgedanken lassen sich leider immer noch blicken und wollen nicht weg gehen.
Abends eskaliert es. Suizidversuch würde ich es nicht nennen, eher eine etwas extremere Form der Selbstverletzung. Ich habe meinen Schal mehrere Male so fest zugezogen, bis die Gedanken im Kopf ruhig waren. Bis da nur noch das Pulsieren des Blutes war.
Ende vom Lied war dann natürlich Sichtkontakt. Die Tür blieb auf, sobald ich kurz im Bad verschwand hatte ich eine Schwester vor der Türe stehen. Auch wenn es mich furchtbar genervt hat, konnte ich natürlich verstehen warum das nötig war.

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Am Tag danach kam der Psychopeut und meinte, dass er das Gefühl hat der Aufenthalt tut mir nicht gut und hätte das nun ausgelöst und eine Entlassung wäre vielleicht besser. In mir gingen direkt alle Barrikaden hoch und ich hätte am liebsten direkt meine Sachen gepackt und wäre gegangen. Nach seiner Pause kam er nochmals und wir haben geredet, statt Entlassung kam er dann auf die Idee, dass ich nun stattdessen 10 Tage bleiben soll und schlug einen Non-Suizid-Vertrag vor. Verstehen muss man diese Logik wohl nicht.
Jedenfalls habe ich nun einen Vertrag hier liegen, der beinhaltet, dass ich keinen Suizidversuch unternehmen werde während dem Aufenthalt, dass ich daran arbeite das selbstschädigende Verhalten zu reduzieren (haha, was tue ich denn die ganze Zeit?!) und keine Rasierklingen mit in die Klinik bringe. Das will ich morgen nochmals ansprechen, denn dass ich bewusst keine Mitbringe zur Aufnahme ist für mich dann klar, mir geht es aber auch um die Momente, in denen ich einfach durchdrehe, in den Supermarkt gefallen marschiere und welche kaufe.
Gestern war ich dann mit Freundinnen unterwegs. Hier war „das größte Volksfest im Südwesten“, wir hatten viel Spaß, halben viel gelacht, getrunken, gesungen.
Als ich heim kam dann der Absturz: in meiner Wohnung ist nur noch in der halben Küche und im Bad Strom. Erstmal habe ich Panik geschoben, weil ich dachte sie haben mir den Strom abgestellt, aber dann wäre ja gar keiner mehr da. Das hat mich so aus der Bahn geworfen, dass ich gar nicht mehr runter kam. Ich habe in der Klinik angerufen, habe mit Thorsten geredet, habe versucht zu schlafen, aber ich kam einfach nicht zur Ruhe.
Nun sitze ich wieder in der Klinik. Bevor etwas passiert bin ich mittags wieder hier her. Ich bin immer noch völlig Matsch nach der unruhigen Nacht, habe Kopfschmerzen und bin einfach fertig. Wäre es doch nur vom Alkohol, dann wüsste ich wenigstens woran es liegt.
Aber immerhin habe ich hier etwas mehr Sicherheit, dass nichts passiert. Und morgen sind es dann doch tatsächlich schon 11 Wochen ohne schneiden.

Du gehst durch diese Wand als wär sie nichts

Als Tina mit einem lauten und fröhlichen „Guten Morgen!“ um kurz nach 7 im Raum steht mag ich mich einfach nur nochmal umdrehen. Dann denke ich daran, dass ich heute entlassen werde. Also krabbel ich aus dem Bett, schlüpfe in meine Weste und gehe erst mal rauchen.
Nach dem Frühstück packe ich in Ruhe meinen Kram zusammen, ziehe das Bett ab, fülle den Patientenbefragungsbogen noch aus und warte mit gepackten Taschen noch auf den Psychopeut um ihm zu sagen, dass er mich nochmal für die Achtsamkeit anmelden soll. Zum Abschied drückt Tina mich an sich. „Bleib anständig“ sagt sie, während wir die Umarmung lösen. Die andere Tina wünscht mir alles Gute und so ziehe ich los mit meinem Gepäck, die 2 Etagen nach unten, aus der Tür und über das Gelände bis zum Supermarkt und von dort den kleinen Weg entlang, der mich in meine Straße bringt. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und ich fühle mich gut.
Als ich vor der Tür stehe sitzt das Katerkind auf der Fensterbank. Ich rufe ihn und er rennt begeistert zu meiner Eingangstür. Während ich aufsperre, höre ich schon seit lautes Miauen.
Drinnen schmeißt sich der Zitronenkater vor meine Füße und miaut so kläglich, dass man meinen könnte er stirbt. Bevor ich also irgend etwas anderes mache, lasse ich meine Sachen fallen und nehme ihn auf den Arm, wo er sich laut schnurrend an mir reibt und versucht in mich rein zu kriechen. Er hat mich vermisst und ich ihn auch.
Danach sind die Meeris dran, die beim Klang meiner Stimme mit den Vorderbeinchen auf dem Käfigrand stehen und mich anquietschen.
Ich packe die wichtigsten Sachen in einen Beutel, werfe ihn mir über die Schulter, telefoniere noch kurz mit meiner Mutter und mache mich dann auf in Richtung Hauptstadt. Und da ich ja quasi gerade erst aus der Klinik spaziert bin, bin ich voller guter Vorsätze. In der DBT gibt es eine Übung die sich „leichtes Lächeln“ nennt. Also in beschissenen Situationen einfach leicht lächeln statt sich furchtbar aufzuregen. Hilft wirklich, denn es verändert sich automatisch die ganze Körperhaltung und einfach auch die Stimmung. Anstatt also fast zu explodieren, weil der Bus auch 10 Minuten später noch nicht aufgetaucht ist und ich dabei bin meinen Zug zu verpassen, stehe ich an der Haltestelle und lächle vor mich hin. Dank Vollgas und Zugverspätung kriege ich den Zug noch und anstatt genervt da zu sitzen, weil wieder der Typ im Zug ist, der lautstark durch alle Waggons erklärt, wie verkommen die heutige Jugend ist, lächle ich einfach. Ich lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen, habe Musik auf den Ohren und lächle.
Vom Bahnhof aus tapse ich zu meiner Hausärztin, die leider nicht mehr da ist. Ich muss zu dem zweiten Arzt, der auch hier in der Praxis ist, und den ich in all den Jahren noch kein einziges Mal gesehen habe. Ich blicke nicht durch, was der hier eigentlich macht, denn er scheint nur sehr selten da zu sein. Aber für einen Krankenschein ist es okay, für eine Untersuchung wäre ich dann lieber an einem anderen Tag gekommen. Den Krankenschein trage ich dann direkt zur Krankenkasse. Dann können sie mir weder erzählen, dass der Schein nicht einging, noch, dass er zu spät gekommen wäre. Die Mitarbeiterin versucht ihr Bestes, dass er noch in der Auszahlung für Freitag berücksichtigt wird.
Ich rege mich auch nicht darüber auf, dass ich nach all den Jahren immer noch nicht verstanden habe, wie sie die Haltestellen A bis F um die Kreuzung herum positioniert haben und steige einfach in einen Bus mit einer Nummer, von der ich weiß, dass er mich dort hin bringt wo ich hin möchte. Ich laufe (bzw. humpel eher) ein wenig durch die Stadt und schenke mir selber zur Feier des Tages eine Müslischale von den Peanuts mit Woodstock drauf.
Im Supermarkt plündere ich die Salatbar, schnappe noch ein paar Dinge die ich brauche und mache mich wieder auf zum Bahnhof. Auf dem Weg kriege ich dann doch kurz die Krise, weil im Shoppingcenter, in dem sich der Supermarkt befindet, einfach zu viele Menschen unterwegs sind, die zu allem Überfluss dann auch ständig mitten im Gehen stehen bleiben oder nicht schauen wo sie hin gehen und einen anrempeln. Ich merke, wie mein Körper anfängt zu kribbeln und mir kalt wird, atme ein paar Mal tief ein und sage mir, dass ich jetzt hier nicht ausflippen werde. In der Bahn sind auch viel zu viele Menschen, aber ich schaffe es mich auf die Musik in meinen Ohren zu konzentrieren und denke darüber nach, was ich heute noch tun werde.
Die Wohnung muss dringend gefegt werden, meine Nachbarin hat neben Kater auch den Küchenboden mit Katzenfutter und neben den Meerschweinchen auch den Wohnzimmerboden mit Grünzeug und Meerifutter versorgt. Katerkind hat ein paar Dinge durch die Gegend getragen, umgeworfen oder verschoben, die wieder an ihren Platz müssen. Wie er es immer wieder schafft den ganzen Teppich um mehrere Meter zu verschieben ist und bleibt mir ein Rätsel.
Mein Rad werde ich heute nicht abholen, mein Knie fällt gefühlt jetzt schon auseinander.
Mein Kühlschrank schreit danach mal aufgeräumt und geputzt zu werden.
Bibi will am Nachmittag vorbei schauen, ich muss eigentlich mal dringend einen Termin bei einem Hautarzt vereinbaren, mein Ausweis ist immer noch seit Februar abgelaufen und eigentlich mag ich gerne irgendwo hin fahren. Es sind viele Dinge da, die ich angehen muss und in den 6 Wochen bis zum nächsten Aufnahmetermin hin kriegen will. Vor allem aber eins: leben. Laut und wild und in vollen Zügen. Und vor allem auch stolz auf mich, weil ich immer noch kämpfe und nicht aufgebe.

stellst dich jeden Tag
der Welt entgegen
alles was du tust
wird weltbewegend sein
Und dann wenn die Hände hoch geh’n
geh’n alle Hände hoch
dann fallen Zweifel reihenweise wie beim Domino

And supergirls don’t hide

Gestern war Chefarztvisite. Ich möchte davor schon kotzen, weil ich es hasse.
Doch dann ist es eigentlich ganz okay. „Ihre Arme sehen zwar schlimmer aus, aber man merkt, da ist mehr Spiel. In der Mimik. In den Gefühlen. Im Vergleich zu noch vor einem halben Jahr. “ Ich lächle. Wir reden über Skills, der Psychopeut lobt mich wieder.“ Na dann lohnt sich das ganze hier ja“ meint der Chefarzt zum Schluss.
Vor der Visite hatte ich Achtsamkeit. Ich kämpfe bei der Meditation noch mit mir, komme beim Qigong dann ein weniger mehr bei mir an und beim Bodyscan bin ich irgendwann so tiefenentspannt, dass ich mich einfach nur noch von der Stimme des Therapeuten tragen lasse, während wir nach und nach durch den Körper wandern. Später am Tag kriege ich dann doch wieder Druck, mag eigentlich nur schneiden.
„Nicht in meinem Dienst!“ meint Pfleger Kai. Ich schleppe mich mit Eiswürfeln, Finalgon, spazieren und jammern durch den Nachmittag und Abend. Dann kann ich nicht einschlafen. Irgendwann gegen kurz vor 1 klappt es dann doch, mit brennenden Armen vom Finalgon und je einem Eiswürfel in der Hand.
Der Tag heute war relativ entspannt. Ich habe viel gehäkelt und anschließend Schwester Nathalie die fertige Eule geschenkt, die ich ihr beim letzten Aufenthalt versprochen habe. Natürlich inklusive zwei Besen.
Nachmittags macht sie mit ein paar Menschen und mir eine Gesprächsrunde. Es ist interessant, es geht um Angst und Panik. Mit Panikattacken hatte ich zu tun, bis ich bei meinem Vater auszog und noch ein paar Monate danach. Dann war es größtenteils gut, nur zeitweise überkommt es mich. Bei Menschenmassen, im Zug oder Bus. Dann verabschiedet sich relativ schnell auf mein Kreislauf und ich bin einfach weg. Ich bin froh, dass ich nicht mehr mit dieser ständigen Panik lebe, gegen die ich damals auch 2 Jahre lang Medikamente nahm. Wenn ich angespannt bin, dann kommt es natürlich deutlich häufiger vor, dass mich bestimmte Situationen ängstigen und Panik machen. Dann ist irgendwo hin fahren oder einkaufen gehen quasi unmöglich. Aber die meiste Zeit über kriege ich es doch ganz gut unter Kontrolle. Als eine Mitpatientin von einem Überfall erzählte steigt die Spannung rapide an. Sie fällt aber genauso schnell wieder ab, da die Atmosphäre im Raum einfach nichts beängstigendes hat, da Nathalie auf der einen Seite und meine Zimmernachbarin auf der anderen Seite sitzt.
Als ich vor die Tür gehe, um meine Hausärztin anzurufen, sehe ich A. Und direkt bin ich wieder angespannt, weil ich mich über das Kindergartenverhalten aufrege. Mit Nathalie gehe ich dann um den See. „Also Frau Zitrone, Sie haben was besseres verdient!“ meint sie und ich muss lächeln. Laufend und redend und mit Eiswürfel in der Hand sinkt die Anspannung dann wieder. Blödsinn reden und auch sinnvolle Dinge, laufen während die Sonne scheint, einfach eine Weile Aas Chaos im Kopf vergessen. Es hilft und ich gehe deutlich entspannter wieder auf die Station und es macht mir später auch nichts aus, dass A. ewig vor der Klinik steht und mit jemandem redet, während ich nochmals versuche meine Hausärztin zu erreichen und auf N. warte. Der Rest des Abends verläuft ruhig. Ich quatschen mit Pfleger Arschkeks und Schwester Sonja, gemeinsam mit einer Mitpatientin. Pfleger Arschkeks verpasst mir auf jedem Arm einen Smiley, natürlich darf ich nicht schneiden, sonst werden die traurig und suchen mich nachts heim. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit bis zum nächsten Aufnahmetermin und meint, dass ich ja zu seinem Kinoabend kommen kann, wenn ich mag.
Und so liege ich nun im Klinikbett, meine letzte Nacht für diesen Aufenthalt. Es war diesmal gut, ich habe einiges gelernt und kann vieles mitnehmen, es tat gut ein wenig Auszeit zu haben und Unterstützung zu bekommen. Mitte bin ich 4 Wochen ohne schneiden und ich mag so gerne zum nächsten Aufenthalt kommen und sagen, dass ich es geschafft habe mich nicht zu verletzen.

Then she’d laugh
The night time into day
Pushing her fear further long

And then she’d say, “It’s okay
I got lost on the way
But I’m a supergirl
And supergirls don’t cry”

Wer den Regenbogen will, muss den Regen in Kauf nehmen.

Ich liege auf Klinikbett und habe Druck. Ich überlege einige Minuten, ob ich ihn einfach weiter ansteigen lasse. Ob ich abwarte, die Anzeichen wahrnehme, die mir zeigen, dass es immer mehr und mehr wird. Bis es zu viel ist. Bis ich schneide. Ich liege auf dem Bett und will eigentlich genau das. Hochspannung. Und dann schneiden.
Stattdessen bewege ich mich nach einigen Minuten zum Schwesternsitz und Schwester Tina schmiert mir einen Haufen Finalgon direkt aufs Handgelenk.

Der Abend war toll. Ich habe mich mit D. in der Hauptstadt getroffen, wir waren kurz im goldenen M und sind dann los zur Konzertlocation. Kurz nach dem Einlass wurde es schon voll, spätestens bei Konzertbeginn war dann eine gewaltige Menge Menschen im Club. Die Vorband kannte ich von einigen Liedern und mag sie jetzt noch mehr. Der Hauptact war einfach toll. Im Club war es unglaublich heiß, nach kurzer Zeit war alles an mir nass. Dann noch springen und singen und hüpfen und schreien. Es tat gut und war schön. Klatschnass und erledigt bin ich schon auf dem Weg nach Hause, als K. mich fragt, ob ich vorbei kommen mag. Ich frage spontan noch N. und wir trudeln gemeinsam bei K. und S. ein. Es waren schöne Stunden dort, wir haben viel gelacht und gequatscht und getrunken.
Gegen 3 Uhr bin ich daheim, nehme meine Medis, kraule das Katerkind und kippe ins Bett. Um 7 wache ich wieder auf. Drehe mich wieder um, döse ein wenig, drehe mich nochmal um, döse wieder. Später mache ich ein wenig Ordnung. Dann beginnen die Gedanken zu kreisen. Der Abend war schön, ich stürze ab. Wie so oft. Ich schleiche um die Schublade mit den Klingen rum. Gebe den Meeris noch ein paar Stücke Gurken. Stehe wieder vor der Schublade. Öffne sie. Schließe sie wieder. Kraule den Kater. Öffne wieder die Schublade. Nehme das Päckchen in die Hand. Ich lege sie wieder weg, schließe die Schublade, mache mich fertig und gehe in die Klinik.
„Ich muss es mir ja nicht schwerer machen als es ist“ sage ich zu Pfleger Thorsten. „Da stimme ich Ihnen zu“ erwidert er.
N. besucht mich, später kriege ich doch noch eine Portion Schlaf ab. Und dann liege ich nach dem Essen eben auf dem Bett.
Mittlerweile sind 2 Stunden vergangen. An meinem Handgelenk brennt Finalgon, ich sitze im Tagesraum und schaue TV und blogge. Die Anspannung ist besser.
Ich habe meine Arme betrachtet. Mir vorgestellt, dass da noch mehr Narben sind. Noch ein wenig roter als die jetzigen. Einerseits will ich es. Ich will noch mehr Narben, noch mehr Zeichen, die mir zeigen, dass ich lebe, dass ich kämpfe. Andererseits will ich irgendwann auf meine Arme blicken können, auf weiße Narben, die nicht den Großteil meiner Haut ausmachen. Ich hänge also mal wieder zwischen zwei Gegensätzen. Zwischen gesund und krank. Zwischen Borderline und Leben. Manchmal möchte ich, dass mir jemand diese Entscheidungen abnimmt. Deswegen lag ich auch einfach nur auf dem Bett, damit die Anspannung zu groß wird und mir die Entscheidung abnimmt.
Trotzdem habe ich dann gehandelt. Weil der gesunde Teil dann doch momentan überwiegt. Und trotzdem sitze ich hier und hätte gerne einfach gewartet. Einfach geschnitten. Zwiespalt.
Ich würde gerne darüber reden. Doch ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll. Ich weiß nicht, wie ich Worte finden soll für die Dinge, die in mir sind, für die Gedanken in meinem Kopf, für die Gefühle in mir. Vielleicht ist es auch einfach okay so. Vielleicht kommen auch noch Worte. Vielleicht ist es gerade einfach okay, dass ich eigentlich schneiden mag und es nicht tue, dass ich diese Gedanken nicht los werde. Vielleicht ist es gerade okay einfach hier zu sitzen, das Finalgon zu spüren, zu atmen. Vielleicht ist es okay einfach mal nicht okay zu sein. Und das auszuhalten ohne mich zu verletzen.

Schmerzen verlangen es gespürt zu werden.
Pain demands to be felt.