Egal wo wir stehen, wohin wir gehen

Als ich um halb 4 aus einem Albtraum hochschrecke ist meine Nacht quasi gelaufen. Ich versuche nochmal einzuschlafen, aber kurz später wird es draußen laut, weil die Lebensmittel für den Tag geliefert werden, die Küche beginnt das Frühstück vorzubereiten und das dann zu Geriatrie und Altenheim gefahren wird.
Um 5 fängt die ausländische Dame aus meinem Anfangszimmer an laut zu werden. Um halb 6 kann ich dann endlich rauchen gehen, sitze im Tagesraum und lese um meine Zimmernachbarin nicht zu stören und gehe um kurz vor 7 dann wieder ins Zimmer. Ich bin gerade dabei wegzudämmern, als Pfleger Arschkeks mit einem „Guten Morgen!“ ins Zimmer kommt. Nach dem Frühstück gehe ich unter die Dusche und die Anspannung sinkt ein wenig. Bis ich eine Nachricht von meiner Nachbarin bekomme, die meine Fellnasen füttert. Sie hat es (wie frage ich mich immer noch…) geschafft meinen Schlüssel innen stecken zu lassen, ich komme also nicht mehr in meine Wohnung, da ich nicht aufsperren kann wenn da ein Schlüssel steckt. Also gehe ich genervt nach Hause und breche meine Tür auf, kraule den Zitronenkater eine Weile und rede mit den Meeris, hänge meiner Nachbarin den Schlüssel wieder in ihre Wohnung und laufe zurück zur Klinik.
Die Anspannung bleibt. Ich komme nicht runter. Skills. Ein wenig Besserung, direkt wieder oben. Visite. Anspannung bei 100. Ich kann nicht mehr. Nur noch schneiden in meinem Kopf. Pfleger Arschkeks sagt, ich soll kommen für neue Eiswürfel, er wäre gleich vorne. Ich will nur noch schneiden. Er sagt, dass man merkt, dass ich viel besser damit umgehen kann. Der Psychopeut lobt mich, dass ich so kämpfe. Die Visite geht raus. Ich gehe zu Pfleger Arschkeks. Er lenkt mich ab, malt mir einen Smiley auf den Arm.

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Die Anspannung wird nicht weniger. Der Psychopeut kommt. Er nimmt mich mit ins Schwesternzimmer, setzt sich dort mit mir hin. Ich denke nur ach scheiße. Nun kann ich ja nicht schneiden. Der lässt mich hier ja nicht einfach raus. Und auch wenn er mal kurz weg ist, dann rennen hier noch drei andere Leute rum. Scheiße. Ich will doch nur schneiden.
Ich kämpfe mittlerweile seit über einer Stunde. Meine Kraft ist weg. Ich will nicht mehr und kann nicht mehr. Will nur noch aufgeben. Nochmal Eiswürfel. Hand, Ellenbeuge, Nacken. Kai hält mir irgendwann die Ammoniakampulle unter die Nase, ich merke, dass ich weg war. Nochmal Eis. „Es geht vorbei“ sagt der Psychopeut immer wieder. „Sie machen das toll“. Nochmal Ammoniak. Nochmal Eis. Wieder und wieder und wieder. Mir wird übel vom Ammoniak. Doch langsam, ganz ganz langsam, merke ich, dass es besser wird. In Minischritten. Die Anspannung sinkt auf 95. Ich kann wieder ein wenig besser atmen. 90. Ich höre auf zu zittern. Bei 85 fragt der Psychopeut, ob er mir das ganze wieder in die Hand geben kann. Ich sage ihm, dass ich es versuchen will. Er sagt, ich soll noch ein wenig hier sitzen bleiben, bis es geht. Ich sitze also weiter da, mit Eiswürfeln, immer noch dem stechenden Geruch in der Nase. Bei knapp über 70 stehe ich auf, sage Bescheid, dass ich eine Runde um den See gehe, stopfen mir die Kopfhörer in die Ohren und drehe die Musik auf und gehe einfach. 17 Eiswürfel, 2 Finalgonverbände und eine Ammoniakampulle später kann ich also endlich wieder atmen und die Anspannung fällt. Und ich bin unendlich erledigt, unendlich müde.
Der Psychopeut kommt kurz vorbei und fragt wie es ist. Ich sage ihm, dass ich bei 50 bin und einfach nur noch müde bin. Er lobt mich, sagt mir nochmal, dass ich daran denken soll, dass es immer vorbei geht.
Ich rolle mich ins Bett, schaue 2 Folgen Eureka und schlafe dann ein.
Bibi besucht mich und ich bin ein wenig neben der Spur. Es war so unglaublich anstrengend, ich bin so erledigt. Eigentlich will ich dann am liebsten wieder ins Bett krabbeln, da ruft meine Mutter mich an. Ob ich wüsste, wo meine Schwester steckt. Sie sei aus dem Haus mit den Worten „Ich bringe mich um“ nach einem Streit. Ich kriege die Krise. N. schreibt mir, ich will eigentlich runter gehen und wir wollen uns treffen, doch ich rufe zuerst den Freund meiner Schwester an, erzähle ihm kurz was los ist, bitte ihn um eine Nachricht wenn er was weiß. Dann Eiswürfel. Dann gehe ich runter und N. muss erst mal mit mir um den See. Ich bin so angespannt. Oben gehe ich kurz zur Ärztin (der knuffigen), weil ich das Gefühl habe durchzudrehen. Reden hilft, ihre Rationalität auch. Nochmal Finalgon. Ich quatschen mit N., schaue zwischendurch immer wieder aufs Handy. Das Handy meiner Schwester ist immer noch aus. Es gibt Abendessen, irgendwann meldet sie sich endlich. Die Anspannung wird weniger.
N. verabschiedet sich, ich sitze im Zimmer und quatsche mit meiner Zimmernachbarin, schaue Fußball und liege nun im Bett. Es war ein heftiger Tag. 18 Mal Eis, 3 Mal Finalgon, 1 Mal Ammoniak, 10,73 gelaufene Kilometer und Stunden voller Anspannung. Ich hätte nicht daran geglaubt, dass ich diesen Tag ohne Selbstverletzung überstehe. Nun bin ich stolz auf mich selbst, fühle mich okay und werde mich einfach ins Bett kuscheln und schlafen. Mein Knie schmerzt enorm, die Anspannung hat mich so unruhig gemacht, dass es ohne laufen einfach nicht ging. Und fast 11 Kilometer waren dann heute einfach zuviel für ein kaputtes Knie.

Und ich glaub daran, dass es besser ist, wenn ich es fühlen kann, 
für diesen einen Augenblick sind alle meine Zweifel weg, 
weil es echt ist. 

Denn du musst weitergehen

Als mein Wecker klingelt will ich nicht aufstehen. Mir fällt auch erst gar nicht ein, warum ich mir den Wecker gestellt habe. Nach dem vierten klingeln schalte ich ihn dann endgültig aus und mir fällt ein, dass ich heute in die Klinik gehe. Also quäle ich mich ein paar Minuten später aus dem Bett und wanke in mein Bad. Dann in die Küche zum Wasserkocher, zu den Meeris und dann zum Kater, dann zurück zum Wasserkocher. Anschließend sitze ich mit schnurrendem Katerkind auf dem Schoß und einer Tasse Tee auf dem Sofa und versuche wach zu werden. Irgendwann beginne ich meine Tasche zu packen, schiebe den Zitronenkater immer wieder von der Tasche runter und mache mich letztendlich fertig und laufe in die Klinik.
Dort kriege ich erst mal eine kleine Krise. Überwachungszimmer mit 2 weiteren Frauen, eine kenne ich schon, weil sie länger da ist, die andere kann kein deutsch und ruft den ganzen Tag irgendwelche Dinge. Im ersten Moment will ich einfach nur nach Hause. Dann atme ich kurz durch und beschließe, es wenigstens bis morgen früh zu versuchen und dann zu entscheiden.
Das Aufnahmegespräch beim Psychopeut macht Druck. Schon aus der Untersuchung von der Ärztin (die knuffige) komme ich ein wenig angespannt, da ich sie zwar kenne und auch ganz gerne mag, aber immer Probleme damit habe von jemandem angefasst zu werden, der mehr oder minder fremd ist.
Beim Psychopeut kommt dann der letzte Aufenthalt, mein Vater, die Flashbacks und Ostern auf den Tisch und es triggert enorm. Als ich raus komme brauche ich Eiswürfel, dringend. Noch lieber eine Klinge. Der Psychopeut bekommt mit, wie ich nach Eiswürfeln frage und will sehen, wie ich sie einsetze. Ich diskutiere kurz mit ihm, dass es mir mehr hilft den Eiswürfel in die Ellenbeuge zu drücken als in der Hand fest zu halten. Wir einigen uns schließlich auf je einen Eiswürfel in Ellenbeuge und Hand. Er fragt zwischendurch immer wieder, wie die Anspannung ist. Sagt, dass ich das gut mache. Wir probieren noch zusätzlich Finalgon, was natürlich erst viel später anfängt zu brennen. Er fragt, ob einen Eiswürfel in den Mund nehmen eine Möglichkeit wäre und ich erkläre ihm das Problem mit etwas im Mund und die Anspannung steigt wieder. Als sie langsam wieder sinkt habe ich plötzlich einen Lollie im Gesicht. Tina hält ihn mir unter die Nase. „Für später, weil du so tapfer bist.“ Ich muss anfangen zu lächeln und die Anspannung sinkt mit einem Schlag ab. Der Psychopeut fragt, was nun helfen würde, ich sage ihm, dass ich ein wenig raus gehe. „Sicher? Aber nicht, dass Sie da dann schneiden?“ Quatsch, erwidere ich und mache mich auf den Weg nach draußen in den Regen. Nach zwei Runden kehre ich zurück auf Station, ziehe mir was trockenes an und trinke einen Latte Macchiatto, während ich die Nase ins Buch stecke. Der Psychopeut fragt nochmal kurz, wie es nun ist, und ich sage ihm, dass die Anspannung unter 30 ist. Er lobt mich und sagt, dass ich beim nächsten Mal wieder zu ihm kommen soll, dann quält er mich nochmal ein wenig. Ich sage zu ihm, dass ich dann wohl erst wieder am Wochenende Druck kriege, wenn er nicht da ist.
Später sitze ich mit Tina auf dem Balkon. Es kam ein ungeplanter männlicher Neuzugang, also wäre es möglich umzuschieben. Ich helfe ihr und bin so kurz darauf mit einem jüngeren Mädel im Zimmer, was mir deutlich lieber ist. Die Männer und Frauen schieben wir dann noch durch die Gegend, bis das Chaos aus Betten und Nachttischen vom Flur verschwunden und in die jeweiligen Zimmer verschwunden ist. Pfleger Kai eilt uns noch zur Hilfe. Dann bin ich zufrieden in meinem neuen Zimmer.
Bibi kommt vorbei und ich mache noch einen Abstecher zum Supermarkt.
Nun sitze ich draußen auf der Bank und genieße die letzten Momente an der Luft, bevor die Tür zugeht.

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Die Luft ist noch feucht vom Regen, die Vögel zwitschern und die Sonne geht langsam unter. Ich mag diese Tage am Anfang des Frühlings, wenn alles wieder zum Leben erwacht. Und auch ich fühle mich dann oft so. Wie nach einem langen Winterschlaf. Endlich verschwindet die Dunkelheit und die Kälte und es geht mir automatisch ein wenig besser.

Ich werd versuchen einmal ehrlich zu sein.
Ich kenn weder die Lösung,
Noch kenn ich mir hier aus.
Ich kann versuchen ein paar Sätze zu finden,
Doch die werden nichts heilen und die helfen hier nicht raus.
Und ganz ehrlich hier geht’s einfach mal um Dich.
Jetzt krall Dich nicht fest, an allem, was Du nicht weißt.
An allem, was du so gern wüsstest.
Denn wen sollst Du schon fragen und hier schließt sich der Kreis.

Geh lieber durch die Wand als immer durch die Tür

Um kurz vor 3 wache ich auf und möchte der Uhr nicht glauben. Ich muss aufs Klo und krabbel schnell wieder ins Bett, in dem der Zitronenkater nach einem müden Blick einfach weiter schläft. Und genau das kann ich nicht mehr. Ich liege wach, höre Hörbuch, drehe mich von der linken Seite auf den Rücken und auf die rechte Seite und wieder zurück. Irgendwann nehme ich das Handy und klicke mich durch das Internet, lese interessante, banale und witzige Dinge, bin furchtbar müde, kann aber einfach nicht einschlafen. Kurz nach 5 stehe ich auf, was auch nur wieder mit einem müden Zitronenkater Block quittiert wird, koche mir einen Tee und rauche eine Zigarette, tapse wieder ins Bett, kuschel mich in die Decke und wickel mich um meine Schlafbanane, mache wieder das Hörbuch an und schließe die Augen. Nach einer Stunde beendet der Sleep-Timer das Hörbuch, ich will aber die Augen nicht öffnen um es wieder anzustellen. Also liege ich weiter im Bett, den warmen Zitronenkater an meinen Bauch gekuschelt, und höre den Vögeln zu, die den Tag begrüßen und merke, wie es vor meinen geschlossenen Augenlidern immer heller wird. Der Nachbar von ganz oben links verlässt das Haus und ich weiß, dass es nun kurz vor 7 ist. Kurz darauf ist es endlich still in mir und um mich und ich schlafe wieder.
Das Katerkind schwankt. Er läuft wirr in der Gegend rum, maut jämmerlich und kann sich dabei kaum auf den Beinen halten. Ich bin bei Menschen, die ich nicht kenne, die furchtbar betrunken sind und unter Drogen stehen. Sie fanden es lustig dem Kater auch welche zu geben und ich will nur noch schnell in die Tierklinik. Unterwegs hört sein kleines Herz auf zu schlagen und das warme und weiche Fell wird langsam kalt…
Ich schrecke auf und brauche einen Moment, um die Geräusche zu sortieren. Mein Wecker klingelt, die Meeris knabbern an was und ein warmes und weiches Fellknäuel liegt schnurrend auf meiner Brust und schaut mich mit goldbraunen Augen an. Ich merke, dass ich die Luft angehalten habe, atme ein und aus und vergrabe mein Gesicht im Zitronenkaterfell, atme seinen Geruch, spüre seine Wärme und langsam vergeht der Schreck des Traumes. Ich brauche einige Zeit um im Leben anzukommen und den Schlaf abzuschütteln. Ich kraule den warmen Fellhaufen, spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut und kriege einen Schreck, weil die Uhr unaufhaltsam Richtung elf läuft und ich in die Achtsamkeit muss. Zähneputzen und Anziehen funktioniert zeitgleich, schnell noch das Gesicht unter den Wasserhahn gesteckt, die Haare gekämmt, die Tiere gefüttert und raus. Draußen ist es schön. Die Sonne scheint und ich muss automatisch einfach lächeln. Ich laufe zur Klinik, treffe davor S. und wir drücken uns, T. läuft mir mit gepackten Koffern und Mann über den Weg und wir verabreden, dass wir uns bald mal auf einen Kaffee treffen.
Die Achtsamkeit tut gut. Ankommen im hier und jetzt. Beim Yoga knackt mein Rücken zwei Mal gewaltig und die Wirbel sind wieder an den dazugehörigen Orten. Ich atme, lebe, atme, bin da, im jetzt und hier, in meinem Körper, in der Gegenwart. Die Gedanken kommen und ich lasse sie einfach, sehe ihnen dabei zu wie sie kommen und gehen und sich abwechseln, lasse die Gefühle kommen und gehen und atme und fühle das erste Mal seit langem wieder die Bedeutung hinter „Ich bin nicht das Gefühl, ich habe ein Gefühl.“
Nach der Achtsamkeit steige ich die Stufen empor zu „meiner“ Station und setze mich zu I., rede mit ihr, während sie ihr Mittagessen verputzt und gehe dann mit ihr gemeinsam raus in die Sonne auf drei, vier Zigaretten. Ich sitze auf der Bank, um mich rum grün und Blüten und Vogelzwitschern, spüre die Sonne im Gesicht und auf meinen nackten Armen. Ich betrachte sie und wundere mich, dass ich die letzten Tage überstanden habe, ohne mich zu verletzen und muss dann lächeln, weil ich doch ein klein wenig stolz darauf bin. Also sitzen wir rauchend und redend in der Sonne, diskutieren, wer vom Personal am süßesten ist, müssen dann beide beim Gedanken lachen, ständig einen Fachmenschen um uns zu haben. Sie meint, dass eine der Ärztinnen ganz süß sei und ich nicke. Sie meint die knuffige von der Station unten drunter. Sie sagt mir, dass ich eine so hübsche junge Frau bin und ich werde rot. Ich mag I. gerne, aber sie wäre absolut nicht mein Typ. Wir reden noch eine Weile bevor sich unsere Wege vor der Zufahrt zur Pforte trennen und sie nach links auf die Klinik zusteuert und ich den rechten Weg nehme um das Klinikgelände zu verlassen. Ich tapse zum Supermarkt und einmal hindurch und komme mit Zitronen, Avocado und dem Stern bewaffnet wieder raus um mich auf den Weg nach Hause zu machen. Unterwegs treffe ich meine Nachbarin und eine Bekannte, die ein paar Ecken weiter wohnt, wir gehen ein Stück gemeinsam und reden über meine Fahrt nach Berlin und nach Hannover und nach Hamburg.
Daheim setze ich mich auf die Mauer vor der Türe, packe den Stern aus und lese in der Sonne die Titelstory. Es geht um den Flug 4U9525, Hinterbliebene erzählen und es gibt einen kurzen Text über die Krankheit des Piloten. Und wie vor fast einem Jahr kann ich immer noch nicht nachvollziehen, wie man so viele Menschen bei einem Suizid töten kann.  Ich frage mich oft, ob man den Begriff Suizid überhaupt verwenden kann dabei. Erweiterter Suizid klingt genauso falsch. Fachmenschen reden von einem Homozid-Suizid, was die Auslöschung vieler Menschenleben impliziert. Ich denke oft, dass Mord doch ziemlich treffend ist. Aber wie auch immer man es nennen mag, es ist ein Horror für die Hinterbliebenen, für all die Menschen, die jemanden dabei verloren. Ich schreibe hier oft davon, dass ich die Beweggründe hinter einer Selbsttötung verstehen kann, ich stand mehr als einmal selbst an diesem Punkt. Auch wenn ich generell denke, dass man so wenig Menschen wie möglich da mit involvieren sollte, so kann ich es doch verstehen, wenn es aus einer Kurzschlussreaktion geschieht. Manche Menschen kann man nicht ausschließen, Angehörige und Freunde und Bekannte leiden immer darunter, genau wie Rettungsdienst, Polizei und alle anderen Menschen, die bei sowas hinzugezogen werden. Wenn man an einem solchen Punkt angekommen ist, an dem es scheinbar keinen anderen Ausweg mehr gibt, dann verstehe ich auch, dass man dem Impuls nachgibt sich vor einen Zug zu werfen, wenn diese Möglichkeit gerade gegeben ist. Etwas, dass ich nicht verstehen kann ist, wie man bewusst und geplant trotz Krankenschein in ein Flugzeug steigt mit weiteren 149 Menschen an Bord, um es gegen einen Felsen zu steuern. Da weigern sich bei mir sämtliche Gehirnzellen auch nur einen Funken Verständnis aufzubringen. Wir leben in einer Welt und einer Region dieser, die es uns ermöglicht größtenteils freibestimmt zu tun und zu lassen wonach uns ist. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch mit seinem Leben anfangen kann was er mag. Ich stehe oft der Einweisung in eine Klinik wegen Suizidalität kritisch gegenüber, denn es schränkt die Freiheit und Selbstbestimmung eines Menschen ein, auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es in ausweglosen Situationen eine Hilfe sein kann, wenn man daran gehindert wird das eigene Leben vorzeitig zu beenden. Jeder, der für sich selbst entschieden hat, dass er nicht mehr leben will, kann das meiner Meinung nach gerne zuende bringen. Aber mit sich selbst. Selbstmord. Der Mord am eigenen Ich, an einem selbst und an keinem anderen.
Und ich sitze kopfschüttelnd in der Sonne und denke mir, wie so oft, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die ich nicht verstehen kann und auch nicht will.
Ich schließe meine Wohnungstüre auf und werde vom Katerkind umgerannt, der erst mal durch das Treppenhaus flitzt und überall schnuppert. Ich kraule ihn, als er wieder in die Küche kommt, kippe den Meeris noch ein wenig Futter in die Näpfe und sitze seitdem auf dem Sofa, schlafendes Katerkind zusammengerollt auf meinem Schoß, und schreibe. Gleich werde ich mich aufmachen in die Hauptstadt zur Therapie. Ich wollte noch ein paar Dinge machen, wenn ich schon mal dort bin, habe es aber vergessen. Momentan vergesse ich ständig Dinge, weswegen mir meine Hand beispielsweise als Notizzettel dient.

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Meine Hand kann ich wenigstens nirgends liegen lassen, wenn mein Kopf schon zum Sieb mutiert.
Ich fahre mit ein paar konkreten Dingen im Kopf zur Therapie, die ich hoffentlich nicht unterwegs wieder vergesse, mit guter Laune und Sonnenschein. Sobald die Tage wieder länger werden und die Sonne die Kraft hat alles zu erwärmen geht es mir auch besser. Es hebt meine Stimmung und ist einfach eines der besten Antidepressiva.
Morgen muss ich ein paar Dinge erledigen, Anrufe tätigen, die Wutzis sauber machen und ein wenig Haushaltskram und treffe mich abends dann mit Bibi zum Sushi futtern. Samstagmorgen fahre ich zu Mama und mit ihr Garten kucken, irgendwann am WE wollen K. und S. vorbei kommen und wir wollen Die Minions schauen. Montag muss ich zur Ärztin, durch die Stadt für Teile von Mamas Geburtstagsgeschenk, Freitag und vermutlich das komplette Ostern werde ich mich im Hotel Mama einquartieren. Vermutlich werde ich aber am Samstag nach Hause fahren und sonntags wieder kommen, 4 Tage am Stück sind mir dann doch ein wenig zu viel und ich versuche da auf meine eigenen Grenzen zu achten, denn vier Tage durchgehende Kraftanstrengung bringen mich auch nicht weiter. Zum Glück kann ich immer noch sagen, dass ich nach meinen Tierchen kucken muss.

Fütter Deine Angst
denn sie wird niemals satt
verschwende Deine Wut
Dein Leben schreit danach
Balsam für die Seele
ist die Ruhe für den Sturm
erliege der Versuchung
denn sie gibt Dir Kraft
Fütter Deine Angst

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Der Achtsamkeitstherapeut packt immer mal wieder die Geschichte von den Bohnen aus. Es gibt sie mit einer Fürstin, einem Bauern, einem Grafen und vermutlich auch sonst noch allen möglichen Protagonisten. Im Prinzip ist sie aber immer gleich.

In Italien kursiert die Geschichte von einem Grafen, der sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war. Niemals verließ er das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tage bewusster wahrnehmen und um sie besser zählen zu können.

Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel eine nette Konversation auf der Straße, das Lächeln seiner Frau und Lachen seiner Kinder, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines – kurz: für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manche Begebenheit war ihm gleich zwei oder drei Bohnen wert.

Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich des Lebens. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.“

Ich finde die Geschichte immer wieder aufs neue schön. Besonders den Schluss.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

Viel zu oft vergisst man all die schönen Dinge, die einem so passieren oder weiß sie nicht zu würdigen, weil die Momente so klein erscheinen.
Mir geht es auch oft so. Natürlich vor allem an schlechten Tagen. Dann sitze ich abends oft vor der diary card (ich hab schon länger keine mehr geschrieben, ich muss unbedingt wieder anfangen!) und überlege, was ich bei positiven Erlebnissen eigentlich schreiben soll. Und oftmals sind es dann aber genau die Kleinigkeiten, die den Tag schön gemacht haben. Ein liebes Wort, ein guter Tee, Sonnenschein, das Katerkind und die Quietschnasen, ein schönes Lied, ein Lächeln… All diese Momente, die oftmals einfach untergehen. Nun probiere ich es mal mit den Bohnen. Drei Stück sind schon in die linke Hosentasche gewandert. Eine für die Achtsamkeitsstunde, eine für liebe Menschen in der Klinik treffen (einen alten Bekannten, liebes PP und einen Freund) und eine für das glückliche Katerkind, dass sich auf meiner Fußmatte wälzt als ich heimkomme und danach auf meinem Schoß glücklich schnurrt. Mal sehen, wie viele heute Abend in der linken Hosentasche gelandet sind.
Jedenfalls war die Achtsamkeit gut, danach war ich kurz einkaufen, nun bin ich Zuhause und werde mich gleich daran machen das Bad zu putzen. Lust habe ich natürlich wenig (wobei es heute nicht ganz so schlimm ist wie sonst, das muss ich nutzen), vorher werfe ich noch schnell die Waschmaschine an (meine Lieblingskuscheldecke war ja mit in Berlin, die hat es nötig. Fiona, meine Kuschelrobbe, ebenso.), mecker mit meiner Schwester (die mir im fünf-Minuten-Takt unter die Nase reibt, dass sie weiß, was ich zum Geburtstag kriege) und stöpsel meinen Badlautsprecher mal an den Strom (jedes Mal unter der Dusche jammere ich, weil er nun schon seit Wochen leer ist und ich immer vergesse, ihn aufzuladen). Mal sehen, wie groß die Motivation nach dem Bad dann noch ist, vielleicht kriege ich ja noch mehr geschafft.
Mein linker Oberarm hat ein Ei wachsen lassen, die Stelle um den Impfeinstich ist dick, rot, juckt und tut weh. Bäh. Schade, dass der Pfleger Arschkeks heute nicht da war, er muss immer lachen, wenn ich über Wehwehchen jammere. „Aber sich dann den Arm bis fast auf den Knochen aufschneiden…“ sagt er immer. „Und da soll ich Ihnen nun glauben, dass das wehtut?“ Tja, so ist das eben.
Schwester Katrin meinte, dass sie grade über mich gesprochen hätten, als ich kam. „Wir haben überlegt, wann Sie wieder kommen.“ Ich antworte ihr, dass die 5 Wochen eigentlich am 9. vorbei wären, ich aber so, wie es gerade aussieht, auf 6 Wochen gehen werde. „Wenn es so klappt, dass freut mich.“ meint sie. Ich warte mal noch ab bis Mitte nächster Woche und entscheide dann je nach aktueller Lage. Diese Flexibilität tut mir gut, es liegt in meinem Ermessen zu entscheiden, wie lange ich es schaffe. Vorher war es immer blöd, wenn beispielsweise 4 Wochen angepeilt waren, ich nach 3 Wochen aber einfach nicht mehr konnte. Nun kann ich selber schauen, ob 5 oder 6, und es würde sich vermutlich auch nicht nach Versagen anfühlen, wenn ich nur 5 Wochen aushalte. Oder eventuell auch nur 4. Gerade ist es aber okay und ich mag das dann auch probieren, mag meine eigenen Grenzen ein wenig ausloten, will es einfach versuchen. Außerdem macht der Pfleger Arschkeks wieder einen Filmabend, den ich verpassen würde, wenn ich nach 5 Wochen hin ginge. Noch ein Ansporn. 🙂 Es tut gut, einfach selbst entscheiden zu können, mich selbst zu motivieren und dann stolz zu sein, dass es geklappt hat. Es tut gut so wieder ein wenig ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich brauche und wie weit ich gehen kann. Und das ganze auf einem konstruktiven Weg, und nicht meine Grenzen auszutesten, indem ich jedes Mal tiefer schneide oder mehr als zuvor.
Und nun mache ich mich ans produktiv sein, belohne mich danach mit Tee (von Teekanne gibt es 3 neue Sorten. Apple Pie, Lemoncake und Blueberry Muffin. Unbedingte Probierempfehlung!) und schaue mal, was ich sonst noch so auf die Reihe kriege heute.

Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.