Pflegekräfte – die wahren Helden.

Immer wieder lese ich im Gruppen oder Foren die Frage, wie man eigentlich gesund wird. Wie es besser wird. Und natürlich sind es immer wieder die gleichen Ratschläge. Therapie. Medikamente. Klinik.

Wenn ich gefragt werde, was mir von professioneller Seite am meisten geholfen hat in den letzten Jahren, dann ist das mittlerweile für mich einfach zu beantworten: die Menschen, die mich nicht mit Fachbuchtexten versucht haben zu therapieren, die nicht nur wöchentlich eine Stunde Zeit mit mir verbracht haben.

Zu 95% waren das die Pflegekräfte. Die Menschen, die meine täglichen Kämpfe gegen mich mit mir ausgefochten haben und durchaus auch meine Kämpfe gegen sie selbst. Die Menschen, die nachts mit mir auf dem Balkon saßen, die Runde um Runde mit mir über die Station liefen, wenn der Druck kaum aushaltbar war, die sich immer und immer wieder die Diskussion mit mir über das für und wieder angetan haben, die mich vom Badboden aufkratzten und für die zerschnittenen Arme und mein Versagen nicht verurteilten, die mir nachgingen, wenn ich versuchte abzuhauen, die stundenlang mit mir Kniffel spielten, mit mir Runden ums Haus drehten wenn ich nicht alleine raus durfte, die mit mir auf den Balkon zum rauchen gingen, die mir abends noch einen Tee kochten, die mir Smileys auf die Arme malten, mich beim Nähen mit geocaching-Geschichten ablenkten. Es gibt so unendlich viele Situationen, so viele Momente, Erinnerungen und Geschichten, gerade aus meiner Zeit in der Akutpsychiatrie.

Ich war sicherlich nicht einfach. Ich kann bockig und stur sein, ich war oft suizidal, anti alles, wollte keine konstruktiven Dinge annehmen. Und doch haben die Pfleger und Schwestern mich als Menschen akzeptiert und auch so behandelt, haben nicht aufgegeben und mir die Möglichkeit gegeben mich an ihnen zu reiben, meine Kämpfe auszufechten und ihre Unterstützung immer angeboten und mir die Zeit gegeben sie dann anzunehmen als ich es konnte. Es waren keine Psychologen oder Ärzte, keine wissenschaftlich fundierte Methoden, sondern Menschlichkeit, der Kontakt und Geduld, Akzeptanz und Grenzen, die mir in dieser Zeit so viel Halt gegeben haben. Es waren „Sie können jederzeit anrufen!“ und „Wir sind hier.“, „Sie schaffen das!“ und „ich glaube an Sie“. An Punkten, an denen ich mich selber aufgegeben hatte, mit mir selbst kein Wort mehr geredet hätte, mich abgrundtief gehasst habe – sie waren da.

Auch heute sind es die Worte der Pflegekräfte, die mir so oft zeigen was ich erreicht habe. Die Momente, in denen ich auf Station am Pflegestützpunkt lehne und erzähle. Vom Studium, vom Leben, von der Zeit ohne Selbstverletzung. Die Geschichten von „damals“, über die wir heute teilweise lachen. Pfleger Arschkeks, der mir einfach so einen Smiley auf den Arm malt. Schwester Nathalie, die immer wieder „Hätten Sie das damals gedacht?!“ fragt, Tina, die mich mit „Gott sei Dank sieht man dich nicht mehr ständig!“ begrüßt, Pfleger Pascal, von dem ich vor ein paar Tagen „Du bist ein Grund warum ich das Gefühl hab, was gutes zu tun. ich freue mich unheimlich für dich. endlich lebst du frei und kannst der wunderbare Mensch sein, der du bist!“ geschrieben kriege. Es sind die Schwestern und Pfleger, die mir in der haltlosen Zeit meinen Halt wieder zurück gegeben haben. Dafür verdienen sie viel mehr Anerkennung, eine viel bessere Bezahlung und vor allem einen unglaublichen Dank. Denn sie sind es, die mir wieder auf die Beine geholfen haben, sie sind es, die tagtäglich mit (oder auch manchmal gegen) die Patienten kämpfen, viel mehr leisten als jeder Psychologe oder Psychiater dort, die für alltägliche Katastrophen und große Dramen ein offenes Ohr haben, die so viel mehr tun als 0815-Arbeit und so großen Anteil am Weg der Patienten haben. Mit ihnen steht und fällt das Gesundheitssystem.

Die Welt außerhalb der Klinik

Nun liegt der letzte Aufenthalt zur Krisenintervention auch schon ein Jahr zurück. Vor ein paar Tagen lehne ich am Pflegestützpunkt der Haus- und Hofklinik, plaudere mit Pfleger Arschkeks und er lächelt, als ich ihm sage, dass ich es nun wirklich ein Jahr ohne Klinik geschafft habe. „Zwischenzeitlich dachten wir ja, dass Sie sich bald die Post hier her schicken lassen!“ Ich muss grinsen, denn auch wenn diese Worte wieder einmal zeigen, wie viel Zeit ich dort verbracht habe, so zeigen sie auch, dass es nun ganz anders ist. Die Station ist ein Ort, den ich gerne besuche. Nicht zuletzt wegen der Menschen dort, die mich so lange und intensiv begleitet haben. Aber sie ist eben nur noch das: ein Ort, den ich besuche. Ich schließe nicht völlig aus, dass ich vielleicht irgendwann in einer schweren Phase nochmals dort Hilfe suche, doch ich kann auch ganz gut mit dem Gedanken leben dort keine Nacht mehr zu verbringen. Ein Gedanke, der noch vor zwei Jahren so viel Angst gemacht hat.

Ich bin größtenteils stabil. Auch wenn es immer wieder Momente gibt, die mir ein wenig den Boden unter den Füßen wegziehen.

Als mein Katerkind verschwunden war hätte ich mir unglaublich gerne einfach nur wehgetan um den Schmerz auszuhalten.

Als mir die verdammten 2 Jahre Zwangstherapiepause einen Strich durch meine Traumatherapiepläne gemacht haben hätte ich vor lauter Wut und Enttäuschung und Verzweiflung gerne alles hingeworfen.

Als die Prüfungsphase mich wieder mal aus der Bahn warf hätte ich unglaublich gerne dem ganzen Selbsthass eine destruktive Plattform zum austoben geboten.

Doch ich habe weiter gemacht. Zwei Jahre und fünf Monate bin ich nun ohne Selbstverletzung. Und außer in den seltenen Momenten, in denen meine Welt wegen verschwundenem Katerkind, blöden Krankenkassenregelungen oder Prüfungen grade mal unter geht, habe ich auch kaum das Verlangen danach mich zu verletzen. Ich bin stabiler, nicht zuletzt weil ich einen wundervollen Menschen an meiner Seite habe, der mit mir durch all diese Weltuntergänge geht und die Stürme durchsteht.

Vor einer Weile habe ich es endlich geschafft den letzten Rest Quetiapin abzusetzen. Vor ungefähr 4 Jahren habe ich damit angefangen, weil die Anspannung so unerträglich war, dass ich den ganzen Tag wie ein zum platzen gefüllter Ballon durch die Gegend rannte. Nachdem ich vor 2 Jahren anfing die Dosis während der dbt zu reduzieren bin ich nun endlich völlig auf 0. Ich schlafe seitdem zwar manchmal nicht ein und bin oft noch einige Stunden wach, wache auch ab und an mal auf, aber mittlerweile schlafe ich gut, wenn ich dann mal eingeschlafen bin und ich fühle mich morgens auch nicht mehr wie überfahren, wenn ich die abendliche Dosis sonst eigentlich noch nicht ausgeschlafen hatte. Ich gehe mal davon aus, dass auch das Einschlafen mit der Zeit besser werden wird.

Auch wenn es noch einige Baustellen gibt, die bearbeitet werden müssen, da noch viele Dinge sind, die mich stören und beeinträchtigen, so hab ich im letzten Jahr doch auch unglaublich viel Lebensqualität zurück gewonnen. Auch wenn da immer noch die guten und die schlechten Tage sind, so ist es insgesamt doch um einiges besser geworden.

Why would you do that?

That’s every suicide. Every single one. An act of terror perpetrated against everyone who’s ever known you. Everyone who’s ever loved you. The people closest to you, the ones who cherish you are the ones who suffer the most pain, the most damage. Why would you do that? Why would you do that to people who love you?

– The Blacklist

Suizidalität ist ein großes Thema momentan. In mir ist unglaublich viel Schmerz und Traurigkeit.

Manchmal frage ich mich, wo diese Traurigkeit und der Schmerz in den ganzen letzten Jahren waren. Klar, immer mal wieder da und auch intensiv da, doch aktuell trifft es mich immer wieder mit einer solchen Wucht, dass kein Raum mehr für etwas anderes bleibt.

Ich möchte schneiden, weil ich diese Gefühlswucht nicht aushalte. Weil ich es gut dosiert in kleinen Häppchen zwar schaffe, aber nicht in dieser Intensität, nicht, wenn es mich mit solcher Wucht trifft. Es erinnert mich an die Abende in meinem Kinderzimmer, an die feinen roten Linien auf meinem Arm, an die Tränen, die sich in mir aufstauen und niemals alle geweint werden können.

Die Selbstverletzung fehlt. Sie fehlt mir so unglaublich und gerade in den Momenten, in denen ich mit der Panik kämpfe, mag ich sie nur aus mir raus schneiden. Alles andere wird so klein, wenn meine Welt auf mein hämmerndes Herz in meiner Brust zusammen schrumpft, wenn da nichts mehr ist als die Angst, der rasende Puls, die Kälte und das Zittern. Dann ist es plötzlich so egal, dass es bald zwei Jahre ohne Schneiden sind, dann ist egal, dass ich es eigentlich nicht mehr will, dann ist egal, dass es letztendlich nur eine kurze Erlösung bringt. Dann will ich einfach nur, dass es aufhört, und der Preis ist dabei egal.

Und dann kommen noch die anderen Dinge dazu. Mein Untermieter, der seit 10 Stunden eigentlich nicht mehr mein Untermieter ist. Der sich aber nicht dazu herablässt, seinen Kram hier abzuholen, der gestapelt in der Küche steht. Der mir also auch meinen Schlüssel noch nicht wieder gebracht hat. Zwischen dessen Sachen ich beim rausräumen noch mehr leere Blister Medikinet entdecke, eins mit dem Aufkleber aus der Klinikzeit. In der Klinik war ich zuletzt letzten Sommer, also muss er sich schon damals an meinen Medikamenten bedient haben. Wut, unglaubliche Wut und Enttäuschung und das Gefühl hintergangen worden zu sein. Gefühle, die sich potenzieren, aufschaukeln und schließlich in Selbsthass umschlagen, weil man doch nicht wütend sein darf, keine Gefühle haben, nicht existieren, nicht aufmucken. Glaubenssätze. Heimatfilm.

Schwester Nathalie rettet mir vorgestern mal wieder den Hintern, als ich nur noch eskalieren möchte, als alles in mir schreit und ich vor Anspannung nicht mehr denken kann. Ich bin unglaublich froh, dass sie Dienst hat und ich sie am Telefon habe. Sie sagt mir, dass es das richtige Gefühl ist. Dass ich wütend sein darf. Und enttäuscht und verletzt. Aber vor allem auch wütend. Dass es da hin gehört, absolut passt, absolut angemessen ist. Während dem Reden kommen die Tränen und die Anspannung weicht, wird erträglicher, aushaltbarer. Ich kotze mich aus, lasse meine Wut raus, meine Tränen, das ganze Chaos. „708 Tage Frau Zitrone!“ sagt sie immer wieder und ich muss lächeln.

Wir reden noch kurz übers Studium. Darüber, dass ich mir gerade mein Leben aufbaue, in dem solche Menschen einfach keinen Platz mehr haben. Und wir verabreden uns für Ende März, wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, denn dann kann ich ihr den Lebensvertrag vorbei bringen und stolz sagen, dass es tatsächlich 2 Jahre ohne Selbstverletzung sind.

Viel Chaos momentan. Doch immer und immer wieder und weiter kämpfen und es schaffen. Mit jedem Moment, der eigentlich unaushaltbar schien, ein Stück mehr wachsen.

Neuer Weg

Ich brülle ein „Tschüss!“ in den Pflegestützpunkt und kurz darauf schauen zwei Köpfe um die Ecke. „Wir wollen keine Klagen hören!“ ruft Schwester Tina mir zu. „Kein Schneiden, kein Mist, kein sonstiges! Keine Klagen!“ schließt sich Schwester Yvonne ihr an. „Haben Sie alles?“ – „Ich hatte sie noch nie alle!“ – „Ja, dass Sie sie nicht alle haben, dass wissen wir!“ Wir müssen lachen, ich mag diese nicht böse gemeinten Sticheleien und liebe das Pflegepersonal dort dafür, dass sie meinen Humor verstehen. Sie wünschen mir alles Gute, auch die Sozialarbeiterin huscht noch an mir vorbei und wir scherzen darüber, dass ich immer noch keinen Taxischein bekommen habe, denn zu Anfang der stationären Aufenthalte dort wollte meine damalige behandelnde Ärztin mir immer einen ausstellen für die Heimfahrt, dabei wohne ich ja nur ungefähr 10 Gehminuten entfernt. Auch die Sozialarbeiterin wünscht mir alles Gute, ich drücke noch ein paar Mitpatienten zum Abschied und gehe dann den Flur entlang, öffne die Stationstüre, gehe eine Etage runter und dann noch eine halbe und stehe kurz später auf der anderen Seite der Schiebetüre in der Sonne. Meine Füße tragen mich den Weg entlang, den ich schon mehrere hundert Male gegangen bin. Vorbei an den anderen Gebäuden bis zur Straße, am Supermarkt vorbei und dann den kleinen Weg entlang, der mich bis zu der Straße bringt, in der ich wohne. 

Aber etwas ist anders dieses Mal, ich gehe diesen Weg zum ersten Mal mit anderen Gefühlen als bei den Entlassungen zuvor. Früher war da Angst, ob ich die Wochen zuhause aushalten kann. Da war Schmerz, weil ich die Sicherheit der Klinik verlassen muss. Natürlich auch Freude auf zuhause und Zuversicht, aber eben auch die anderen Gefühle. Heute ist es anders. Ein wenig Wehmut habe ich schon, weil ich nun wieder alleine um mich kämpfen muss und die Verantwortung für mein (Über-) Leben trage und die Sicherheit und der Schutz weg sind. Aber auf der anderen Seite freue ich mich unglaublich auf zuhause, bin froh, dass ich diesen Weg gehe, auch wenn die 7 Tage definitiv notwendig waren, so ist es nun auch definitiv notwendig wieder daheim zu sein. Und es ist anders, dass es da keinen Termin gibt. Keine 4 oder 6 oder 8 Wochen, nach denen ich wieder komme. Diese Sicherheit brauche ich nicht mehr. Dieses Maß an Unterstützung brauche ich nicht mehr. Es reicht mir aus zu wissen, dass ich in einer Krisensituation kommen kann, es reicht aus zu wissen, dass die Station mit ihren Ärzten und dem Pflegepersonal und dem Psychopeuten da ist. Denn ich habe ein Stück Sicherheit in mir selbst gefunden, ein Stück mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten, in meinen Mut und meine Kraft. Dank der dbt, aber auch dank der Klinik hier. Es ist so anders als damals. So sehr, dass ich manchmal selbst immer noch nicht begreife, dass es wirklich so ist. Manchmal komme ich nicht ganz mit mit diesen Fortschritten, mit solch seltsamen Gefühlen wie Stolz auf mich, mit den Worten in meinem Kopf oder aus meinem Mund, weil es noch vor einem Jahr so anders aussah. Und dann muss ich lächeln, weil ich stolz bin, dass ich stolz auf mich sein kann. 

Und so bin ich nun also wieder daheim. „Keine akute Suizidalität.“ steht in dem Kurzarztbrief. Ich bin wieder stabiler. Die Tür zum Notausgang steht nicht mehr so sperrangelweit offen wie letzten Freitag. Ich bin auch nicht schon mit einem Fuß durch die Tür. Ich habe sie Zentimeter für Zentimeter wieder zugezogen, zwischendurch vielleicht mal kurz inne gehalten und den Blick durch geworfen, aber nun stehe ich nicht mehr mit der Türklinke in der Hand da und will hindurchstürmen. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis der Spalt wieder so schmal wird wie zuvor, aber die Türe wird irgendwann wieder angelehnt sein anstatt so weit offen zu stehen. 

Noch versuche ich daheim anzukommen. Ich versuche das Chaos zu ignorieren, dass ich hier veranstaltet habe, bevor ich in die Klinik ging. Auf der Suche nach etwas, dass mich überleben lässt, auf der Suche nach Finalgon und Skills und zwischen Panik und Flashbacks, zwischen kopflosem Rumrennen und heulend auf der Bettkante sitzen. Und dazu kommt noch das Chaos, dass der Zitronenkater veranstaltet hat, Kleider, die auf wundersame Weise aus dem Kleiderschrank in die Küche gewandert sind, Gurkenstückchen, die er den Meeris geklaut und nur zur Hälfte gefressen hat, Tüten, die er so liebt und so gerne zum schlafen nutzt und sonstigem Zeug, dass er beim spielen in meiner Wohnung verteilt hat. Ich versuche langsam zu machen, mit mir selbst achtsam und behutsam umzugehen, mich nicht direkt völlig zu verausgaben. Ich versuche weiter auf meinem neuen Weg zu gehen, langsam den schmalen Pfad, der zugewachsen, von Dornenranken überwuchert und unbekannt ist, zu gehen und den alten Weg, der asphaltiert und breit daneben verläuft und so viel Sicherheit verspricht, zu ignorieren. 

Es ist anders. Es ist so sehr anders. Und ich bin stolz. 

Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Rückhalt 

Zum ersten Mal seit Monaten tippe ich die Nummer der Station ins Telefon und drücke auf den Hörer. Am anderen Ende meldet sich Herr W., ein Pfleger, der nur wenige Stunden dort arbeitet, den ich aber gerne mag (wobei dort niemand arbeitet, von dem ich sagen würde, dass ich ihn absolut nicht leiden kann). Er war bei einer meiner letzten Selbstverletzungen mit mir zum Nähen im Krankenhaus, hat mich damals vorm Abdriften mit Gesprächen über geocaching und alles mögliche abgelenkt. Auch heute tut er das und ich komme endlich langsam aus der Anspannung raus und der Selbstverletzungsdruck nimmt ab. Er fragt nach den Skills, die ich schon ausprobiert habe. Wir reden über Musik, dann über Bücher. Fantasy, Science-Fiction, über Autoren, die Scheibenwelt und kurz über das Dschungelcamp, weil Schwester Tina das im Hintergrund kuckt, landen dann bei Zwangserkrankungen und schließlich beim Schlösser knacken. Nach gut 45 Minuten ist es halbwegs okay. Ich fühle mich besser. 

Der Selbstverletzungsdruck ist um einiges geringer, die Suizidgedanken haben sich verflüchtigt. Die Stunden zuvor habe ich mich im Bett von einer auf die andere Seite gedreht. Überlegt, ob es eine Selbstverletzungsart gibt, die ich vor mir selbst als „keine Selbstverletzung“ rechtfertigen kann, weil ich die 10 Monate ohne nicht hinwerfen will. Ob ich das Ausdrücken einer Zigarette auf der Haut vielleicht noch vor mir als Ausrutscher rechtfertigen könnte. Oder ob ein wenig Medikamente überdosieren vielleicht reicht um den Selbstverletzungsdruck zu vertreiben. Doch dann wäre wieder die Frage gewesen welche, denn es fällt fast alles flach, wenn ich in 6 Stunden schon wieder aufstehen soll. Dann überlege ich, ob kotzen eine Möglichkeit wäre, doch seit 16 Uhr habe ich nichts mehr gegessen, mehr als Flüssigkeit und Galle würde also nicht kommen und das würde den Druck keineswegs nehmen. Es bleiben also eigentlich keine Möglichkeiten, außer wirklich zur Klinge zu greifen und damit die ganze Zeit ohne über den Haufen zu werfen. Mitten in der Nacht ins Krankenhaus? Nähen? Das morgen, spätestens Montag, in der Klinik sagen? A. erklären, dass wir das Jahr nicht zusammen feiern werden? Pfleger Arschkeks irgendwann sagen, dass er sich nichts für die 365 Tage ausdenken muss? Nein. Nein. Nein. 

Und so nutze ich den Weg, der mir schon so oft in Situationen geholfen hat, in denen ich alleine nicht mehr weiter konnte. Die Klinik. Es tut gut zu wissen, dass sie da ist. Auch wenn ich den stationären Rückhalt (zumindest derzeit und hoffentlich auch weiterhin) nicht mehr in dem Maße brauche wie vor der DBT, sie sind da. Wie so oft, wie in so vielen Momenten. Und ich bin froh und dankbar, denn die Menschen dort haben mit mir schon so viele Schlachten gekämpft, waren in dunklen Stunden an meiner Seite und oftmals denke ich daran, was mir Schwester Nathalie oder Pfleger Kai oder Schwester Laura oder Schwester Sabine  oder jemand anderes des tollen Teams mir dort nun sagen würde. Und es hilft zu wissen, dass sie da sind, dass ich jederzeit dort Unterstützung finden kann, wenn es nicht mehr geht. Und es hilft auch zu wissen, dass sie mich im Notfall vor mir selbst schützen werden, wie auch schon in der Vergangenheit. 

Ich rolle mich wieder im Bett zusammen. Der Zitronenkater tut das gleiche auf meinen Füßen. Ich hoffe, dass ich nun endlich Schlaf finden kann. Denn morgen ist eigentlich schon heute und mein Wecker wird viel zu früh dafür sorgen, dass die Nacht vorbei ist. 

und jetzt geht der Fallschirm auf

Ich fahre nach Hause. Vielleicht zum letzten Mal. Es sind nur noch drei Wochenenden bis zur Entlassung. Und ich würde sie gerne mit meinen Mitpatienten, ehemaligen Mitpatienten und Freunden verbringen, möchte die Zeit nutzen, die schönen Momente bewahren und aufsaugen. Fest steht, dass ich wieder kommen werde. Nach Freiburg. Ich will im Januar nochmal auf der Station vorbei schauen und meine zwei bis dahin noch verbliebenen Mitpatientinnen besuchen, der lieben Mira mal Hallo sagen, A. treffen, die trotz ihrer Entlassung immer noch Teil von uns ist, mein Puffreiskügelchen besuchen und Fylgja. Und ich werde versuchen das regelmäßig zu tun, ich möchte die Kontakte behalten, möchte die lieben Menschen weiterhin in meinem Leben haben, trotz der Distanz. Und ich werde wohl dann auch nach Bayern fahren, F. besuchen und sie nötigen mich zu besuchen. 😉 

Viele Mitglieder des Teams sagen, dass wir uns nicht so sehr aneinander gewöhnen sollen. Wir würden uns eh nicht mehr sehen. Ich glaube nicht daran. Unsere „Truppe“ war und ist etwas besonders und ich glaube, dass einige von uns es schaffen werden den Kontakt aufrecht zu erhalten. Denn wir wollen es. Und ich habe erlebt, dass solche Kontakte lange halten können. Mit S. habe ich seit nun 10 Jahren Kontakt, seit wir aus der KiJu entlassen wurden. Auch von den anderen dort höre ich immer noch einige Male im Jahr etwas. Mit einigen Menschen aus der Psychiatrie verbindet mich seit nun auch bald zwei Jahren auch eine Freundschaft. Klar ist es anstrengend soziale Kontakte über die Distanz aufrecht zu erhalten, klar werden sich manche Kontakte verlaufen, aber einige werden bestehen bleiben. 

Nach Hause. Ich freue mich. Ich werde heute meinen üblichen Kram erledigen. Ankommen, Mama irgendwie wieder los werden, meine Tierchen versorgen, meine Wohnung ein wenig vom Katerchaos befreien. Ich will einen Freund in der Klinik besuchen (soviel zu Klinikfreundschaften), der leider grade wieder dort ist, auf dem Rückweg einkaufen. Und dann einen gemütlichen Abend verbringen auf dem Sofa, mit TV und Katerkind und Nichtstun. 

Morgen werde ich mit Bibi zu N. fahren, Geburtstag nachfeiern. Und dann geht es auch fast schon wieder zurück in Richtung Klinik. 

Gestern Abend saß ich mit Herrn N. beim Abendkontakt. Er blickte auf meine diary card, lächelte, begann den Satz mit seinem üblichen „Hey“ und erzählte mir, dass es doch wirklich gut läuft. Dinge, die manchmal nicht gesehen werden meint er, denn normalerweise schaut man doch ständig wo es grade brennt und wenn es dann mal läuft, dann beachtet es keiner. Ich muss lächeln und sage ihm, dass meine Psychologin es schon sieht, anerkennt, mich darauf hinweist, damit ich es auch sehe. 

Ich erzähle ihm von der Plötzlichkeit, mit der vormittags auf einmal Suizidgedanken in meinem Kopf waren, drängend und aus dem Nichts. Er meint, dass ich es vielleicht anders sehen muss. Ich soll mich nicht fragen, warum sie nun plötzlich da waren, sondern eher sehen, dass sie eben so lange nicht da waren. Vielleicht manchmal unterschwellig, vielleicht für Momente ein wenig mehr, manchmal sogar gar nicht. Aber sie sind weniger, deutlich. „Ich kann mich erinnern, dass wir andere Gespräche schon geführt haben an einem solchen Punkt. Da ging es dann um eine 5 auf der diary card. Und so erlebe ich Sie gerade nicht. Es belastet Sie, aber Sie sind klar, Sie wissen was zu tun ist, es geht um keine 5.“ Er fragt mich, ob ich das Monster am Wegesrand kenne. Ich schüttel den Kopf und er kramt in seinem Fach, legt mir ein Blatt vor die Nase und verdeckt den unteren Teil. 

„Wo wollen Sie hin?“ fragt er mich. „Hinter das Monster, dorthin wo die Sonne scheint“ antworte ich ihm. „Und wie machen Sie das?“ will er wissen. Ich überlege. „Monster verjagen?“ Er schüttelt den Kopf. „Funktioniert nicht.“meint er.“ Außerdem geht die Sonne bald schon unter. Sie haben nicht ewig Zeit um für heute an dem Monster vorbei zu kommen.“ Also überlege ich weiter. „Mit Schokolade bestechen? Schokolade funktioniert immer! Oder… Hmmmm. Vielleicht frage ich es einfach, ob es mitkommen mag?“ Herr N. lächelt. Und deckt den Rest der Seite auf. 

„Wow. Dass Sie da so schnell drauf gekommen sind!“ sagt er lächelnd. „Kopieren Sie mir das? Ich will es mir daheim aufhängen.“ sage ich zu ihm und er drückt mir wenige Augenblicke später die Kopie in die Hand. Wir reden noch kurz und ich gehe mit einem besseren Gefühl wieder den Flur entlang in den Aufenthaltsraum. 

Ich bin mit Hoffnung im September in die Klinik gefahren. Mit der Hoffnung auf Möglichkeiten mit mir und meinem Leben besser umzugehen, mit der Hoffnung manche Situationen besser meistern zu können. Und heute fahre ich in mein Wochenende mit der Gewissheit, dass es da ein lebenswertes Leben vor mir gibt, mit der Sicherheit, dass ich vieles meistern kann, mit der Sicherheit, dass ich leben und meinen Weg gehen kann. Mit dem Monster. Mit Borderline.

 

Aufstehen, Atmen, Anziehen und Hingehen.
Zurückkommen, Essen und Einsehen
zum Schluss:
dass man weitermachen muss

Coming back to where you started is not the same as never leaving.

Ich sitze gestern im Einzel und bespreche mit Frau O. die funktionale VA von Samstag. Anders-VA nannte Frau S. sie und auch ich finde das momentan noch besser. Denn das ist Fakt, ich habe anders gehandelt. Wir besprechen einige Punkte genauer. Wie das war, als ich da auf dem Boden saß mit der Klinge am Arm. Was mich davon abhielt. Und sie sagt etwas, das für mich sehr wichtig ist. „Sie haben eine Wahl.“ Denn genau so ist es. Ich kann mittlerweile entscheiden. Nicht Stunden vorher schon, sondern wirklich bis kurz davor. Und damit kann ich auch handeln, eine Option, die ich lange nicht hatte. Als sie fragt, wie ich mich im Anschluss fühlte, kommt bei mir die automatische Standardantwort. Gefühlswirrwarr. Doch direkt nachdem ich es ausgesprochen habe stelle ich fest, dass es gar nicht so war. Da waren Gefühle, unterschiedliche, und ich kann sie wirklich differenzieren und benennen. Einerseits Ärger, weil ich doch schon quasi dabei war und es nicht getan habe. Der destruktive Teil, der sich zu Wort meldet. Dann aber auch Traurigkeit, weil es die Option der Selbstverletzung in meinem Leben überhaupt gibt. Und damit verbunden auch Wut, Wut auf meinen Vater, weil er war wie er war und die Option der Selbstverletzung erst zu einer Option machte. Und, ganz minimal und wie ein winziges Flämmchen, dass beim kleinsten Lufthauch erlischt, ist da auch Stolz. Und ich habe ihn wahrgenommen und angenommen. Nicht weggeschoben, nicht kleingeredet, er durfte da sein und seinen Platz haben. 

Die Tage sind schwierig. Ich kämpfe und skille und skille und kämpfe. Heute Abend gibt es ein High Five von meiner Bezugspflegerin beim Abendkontakt, weil ich noch eine Stunde zuvor heulend vor ihr stand, mich nicht beruhigen konnte, so voller Selbstverletzungsdrang und Selbsthass und Schuld und Traurigkeit. Sie sagt, dass ich weinen soll. Weinen darf. Dass es toll ist, dass ich zu ihr komme, mir erlaube schwach zu sein und Hilfe annehme. Und sie sagt, dass es auch okay sein darf. Dass ich okay sein darf. Dass ich skillen darf und muss und soll, egal wie laut gerade alles in mir brüllt, dass ich die Anspannung steigen lassen soll bis zur Explosion, bis zur unvermeidbaren Selbstverletzung. 

Ich bekomme viel positive Rückmeldung in den letzten Tagen. Weil es zwar beschissen ist, aber dennoch gut läuft. Weil ich kämpfe gegen unglaublich tief verankerte Glaubenssätze, weil ich kämpfe für mich und für mein Leben. Und ich versuche es anzunehmen, versuche zu verstehen, dass es Menschen gibt, die mich mögen, dass ich okay sein kann und okay sein darf, dass ich mich selbst wertschätzen darf, so viele Dinge, die sich neu anfühlen, ungewohnt, irgendwie falsch aber dennoch richtig und auch gut. 

Ich habe heute morgen begonnen ein weiteres Medikament zu nehmen. Gegen/wegen adhs. Vielleicht macht es einige Dinge in meinem Leben leichter, die vorher einfach noch nebenbei wahnsinnig anstrengend waren. 

Eins habe ich in diesen zehn Wochen hier bisher definitiv gelernt: ich werde nie wieder an bestimmten Punkten ankommen, denn ich gehe einen anderen Weg, einen neuen Weg. Ich habe zu viel gelernt um wieder am Anfang zu stehen. Ich werde vielleicht stolpern, vielleicht hinfallen, vielleicht auch mal eine Weile liegen bleiben, aber es wird nie wieder so sein wie es mal war. Und es fühlt sich verdammt richtig an. 

Dorthin zurückzugehen, wo man begonnen hat, ist nicht das Gleiche, wie nie zu gehen. 

Coming back to where you started is not the same as never leaving.
~Terry Pratchett – A hat full of sky

Vielleicht sieht man gleich schon das Meer

Heute habe ich etwas getan, was ich wirklich schon lange Zeit nicht mehr gemacht habe. Ich bin einfach in den Supermarkt marschiert, schnurstracks in die Drogerieabteilung, ab zur Kasse und zurück in die Klinik. Und dort dann zielstrebig über den Flur und direkt ins Bad. 

Tja. Und dann saß ich da eben, mit der Klinge in der Hand. Setzte sie auf meine Haut… Und heulte los. 

Kurz danach sitze ich vorm Pflegestützpunkt und warte auf die Schwester. Ihr drücke ich die Klingen in die Hand und wir überlegen, was mir helfen könnte. Schon mittags hat sie mir ein Peeling gemixt mit Lavendelduft, nachdem sie nicht gefragt hatte, welchen Duft ich gerne mag. Also verziehe ich mich nach einem kurzen Heulausbruch im Zimmer unter die Dusche, dusche abwechselnd heiß und kalt und bearbeite meine Arme, die förmlich nach neuen Schnitten schreien, einfach mit Peeling. Und danach ist es tatsächlich ein wenig besser. Wir reden noch viel über den Abend verteilt. Ich mag sie und ihre Art wirklich gerne und die Dinge, die sie mir sagt, tun mir auch wirklich gut und helfen mir weiter. Ich bin froh, dass sie meine Bezugspflege vertreten hat, denn ich kann mit ihr wirklich offen und ehrlich reden über die Dinge, die in mir los sind. 

Wir reden auch über das ätzende Thema Suizidalität und Notausgang schließen. Sie versteht, dass es mir Angst macht, sagt aber auch nochmal, wie sehr dieses Offenhalten mich hindert. Denn es ist wirklich so, ich habe ständig eine Hand am Türgriff, will diesen Weg nicht schließen aber kann so auch nicht weit weg von dieser Tür. Es ist immer im Hinterkopf, wenn ich mich auf neue Dinge einlasse, wenn Unbekanntes vor mir liegt. „Und vielleicht können Sie irgendwann ja nicht nur die Steine auf dem neuen Weg sehen. Sondern auch Margeriten. Und Gänseblümchen.“ Ich muss lächeln. 

Auch im Einzel am Freitag war der Notausgang Thema. Und ich fange an zu weinen. Die Psychologin fragt was los ist. Und da ist einfach ganz viel Angst. Angst, dass ich noch etwas loslassen muss. „Ich bin doch schon dabei die Selbstverletzung loszulassen.“ sagte ich dort und auch heute nochmal. „Suizidalität hat Vorrang vor Selbstverletzung.“sagte Frau S. vorhin. Und dass ich das doch auch für mich nochmal überdenken soll. Und sie hat Recht und vielleicht macht es weniger Angst, dass alles so zu sehen. Dass ich die Suizidalität loslasse uns gleichzeitig versuche mit Situationen anders umzugehen. Denn ich kann wohl besser damit leben zu sagen, dass es möglich ist, dass ich mich nochmal verletze als mit der Option nochmal einen Suizidversuch hinzulegen. „Hinfallen ist keine Schande. Aber es geht darum wieder aufzustehen. Nicht liegenzubleiben und noch Purzelbäume rückwärts zu schlagen auf den alten Weg.“ sagt Frau S. und hat wieder mal so verdammt Recht. 

Die Psychologin lobt mich viel. Dafür, dass ich das Thema Gefühle durchgezogen habe, dass ich mich sogar mit Selbstwert auseinander gesetzt habe, dass ich in der Skillsgruppe nicht einfach aufgestanden und gegangen bin, obwohl sie gemerkt hat, wie schwer mir das fiel. Sie meint, dass ich die Notausgangstüre schon um so viel weiter zu habe als noch am Anfang. Dass wirklich nur noch das letzte bisschen fehlt um sie ins Schloss fallen zu lassen. Es ist tatsächlich so und wenn sie aus dem Urlaub zurück ist, werden wir schauen, was mir noch helfen kann auf den letzten Millimetern. 

Und ich sage ihr, dass ich eigentlich die Nase voll habe von Selbstwert und all dem. Aber das doofe ist einfach, dass ich aus der Sache nicht mehr raus komme. Der neue Weg ist noch zu ungewohnt, um ihn als okay und angenehm zu empfinden, der alte Weg ist aber quasi schon verlassen. Und egal wie ich handel und was ich tue, es ist eben der neue Weg und damit automatisch etwas Gutes für mich. „Seien Sie ein wenig netter zu sich selbst.“ wünscht sie mir für mein Wochenende. 

Und obwohl es gerade schwer ist und obwohl ich richtig viel tun muss, damit es gerade nicht dysfunktional wird, schaffe ich es irgendwie. Ich habe es geschafft mich nicht zu verletzen und sitze halbwegs okay auf dem Sofa. Ich atme und atme und versuche mein Bestes und versuche mich und meine Entscheidung für den neuen Weg einfach okay zu finden. 

So lange der Weg sich auch anfühlt
So steil dieser Aufstieg auch ist
Ich bin mir sich er beginnt immer mit dem ersten Schritt