Angst

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vor Sorge und Angst nicht schlafen konnte, wann ich zum letzten Mal mein Handy laut neben mir im Bett liegen hatte, wann ich zum letzten Mal so sehr hoffte, dass kein Anruf kommt.

Ich bin mit meinem kleinen Babymeeri in die Tierklinik gefahren und musste sie dort lassen. Ich musste fahren, voller Angst und Tränen, voller Ungewissheit.

Ich weiß nicht was die kleine Maus angestellt hat. Sie fraß, verschluckte sich wohl und schluckaufte dann vor sich hin. Eine Weile später lag sie schwach an Caramell gepresst, schnappte nach Luft.

Wasser in der Lunge sagt das Röntgenbild. Der Herzschlag viel zu langsam sagt das Abhören. Versuchen, alles, alles mögliche, sagt mein Mund. Und unter Tränen folgt ein „Sobald sie leidet, sobald sie sich zu sehr quält, erlösen.“

Sauerstoff und Entwässerung und hoffen sagt die Ärztin. Sie drückt meine Hand und meint, dass sie das gut findet. Dass ich mein kleines Meeri retten will, auch nachdem sie von den Kosten gesprochen hat. Doch mir ist es egal, ob dieses Wesen in eine Hand passt oder mich um 3 Meter überragt. Sie ist mein Tierchen, ob mit 300 Gramm oder 300 Kilo, sie ist ein Lebewesen, sie ist es wert um sie zu kämpfen.

Und so schlafe ich unruhig, nur leicht und erwache oft, neben mir mein Katerkind, schnurrend und immer wieder nass von meinen Tränen.

„Wenn sie die nächsten zwei Stunden überhaupt schafft…“ sagt die Ärztin und gute 3 Stunden später dann „stabilisiert und Kot und Urin, aber abwarten, immer noch nach Luft schnappend“ und ich habe ein wenig mehr Hoffnung, dass das kleine Kämpferherz es schafft, dass sie durchhält, dass sie zu mir zurück kehren kann.

Und so fließt Träne um Träne, rauche ich Zigarette um Zigarette, vergeht Sekunde um Minute um Stunde in der Hoffnung, dass alles gut wird.

Lange war ich nicht mehr so nah dran an Selbstverletzung und gleichzeitig so weit entfernt.

Es hilft nur hoffen und beten und die Daumen drücken und an das kleine Leben glauben, dass so tapfer kämpft.

Der Schädel schmerzt, your heart is beating.

Mir laufen sie Tränen über das Gesicht, während ich die Meerivilla sauber mache. Ich weine und weine, denn nun ist nichts mehr da von Flocke.

Eine Woche ist vergangen seit ich sie fand. Entspannt auf der Seite liegend, die Augen halb geöffnet, wie so oft, wenn sie vor sich hin döste. Doch dieses eine Mal wacht sie nicht auf, als ich sie anstupse. Der Schmerz wurde zu einem ersticken Schrei, während ich sie an mich drücke, auf dem Boden zusammen sinke und weine, weine, weine. Bis ihr Fell nass ist von meinen Tränen. Wie so oft. Nur leckt sie mir diesmal nicht die Feuchtigkeit von den Wangen, beißt mir nicht auffordernd in den Finger.

Ich habe sie begraben, oben am Waldrand. Mich von ihr verabschiedet und sie auf ihren Weg über die Regenbogenbrücke geschickt. So viele Jahre war sie an meiner Seite, seit dem Tag, an dem sie auf die Welt kam. Sie war die letzte von Rainis Kindern, das letzte übrig gebliebene Schweinchen, dass jahrelange an meiner Seite war.

Nun ist es leerer in der Schweinevilla. Caro und Caramell sind in dem einen Jahr das sie nun bei mir leben zwar zutraulicher geworden, aber immer noch schreckhaft und nicht so lebendig wie Flocke es war. Doch seit ein paar Tagen beginnen auch sie morgens lauthals zu quietschen, wenn ich aufstehe oder kommen nach vorne gerannt, wenn ich zur Haustür rein komme.

Es wird wieder ein Schweinchen hier einziehen. Eins oder mehrere, mal sehen. Vielleicht bald, vielleicht auch erst nach dem (hoffentlich bald funktionierenden) Umzug. Es wird wieder lauter werden in der Schweinevilla und Flocke hat ihren Platz bekommen in meinem Fotorahmen. Den Platz in meinem Herzen wird sie immer behalten.

Das Katerkind ist verwirrt über meine Trauer und mein Weinen. Vor einer Woche und auch heute. Er schmiegt sich an mich und beißt mir sanft in die Arme, klettert auf meinen Schoß und schiebt seinen Kopf unter meine Hand, damit ich ihn kraule. Er gibt mir so viel Wärme und Liebe, dass mein kleines trauriges Herz manchmal überlaufen möchte vor Zuneigung zu ihm. Ich bin so unendlich froh ihn in meinem Leben zu haben, hoffentlich noch viele viele Jahre lang.

Um mich rum dreht die Welt sich weiter, während ich aktuell manchmal das Gefühl habe, dass mein Leben still steht. Es ist so viel derzeit und es fordert so viel Kraft. Die Ämtersachen, die Angst vor dem Neubeginn, der Alltag. Ich sehne mich nach der Selbstverletzung, vermisse die Zeit, in der sie da war und Halt und Kraft gab, mir half solche Phasen durchzustehen. Mir fehlt das positive daran, denn es war nicht immer schlecht, sonst hätte ich mich nicht so viele Jahre verletzt. Und mir fehlt es auch, dass diese Leichtigkeit nicht mehr da ist, mit der ich früher zur Klinge greifen konnte, denn da ist so viel negatives mittlerweile, dass die Selbstverletzung mir nie wieder so helfen würde und könnte wie früher.

Und trotzdem wünsche ich mir, dass es passiert. Ich wünsche mir einen Moment der Unachtsamkeit, einen Moment des Kontrollverlusts, einfach, weil ich mich so sehr nach der Erleichterung sehne.

Und trotzdem mache ich weiter. Skill für Skill, Tag für Tag. Ich halte durch und kämpfe und Schwester Nathalie zog vorhin ihren imaginären Hut, als ich ihr von dem derzeitigen Chaos berichte.

Auch diese Phase wird wieder vorbei gehen. Es wird wieder besser werden, denn das habe ich gelernt aus den ganzen schlimmen Phasen. Es geht vorbei. Immer. Auch wenn es sich nicht so anfühlt und alles in mir nach aufgeben schreit.

Doch statt mir selbst zu schaden sorge ich für mich so gut es geht. Ich vergrabe mich unter der Kuscheldecke, schalte netflix an und genieße die Wärme des Katerkinds, das friedlich auf mir schlummert, den Bauch voller Maus und Futter.

Und das ist ernst gemeint: Es geht bis zum Ende weiter!
Keinen kümmerts was, aber es hält was es verspricht.

Bäh 

Sonntag 

Gestern morgen dauert es lange bis ich meine Augen öffnen und aus dem Bett krabbeln kann. Ich habe Bedarf genommen und bin einfach nur noch ins Bett gekippt. Schon Donnerstag  war es schwer nach meinem Einzel. Wir haben meine Verhaltensanalyse vom Suizidversuch besprochen und mir steigen die Tränen in die Augen, als die Ärztin meint, dass dieses Gefühl nichts wert zu sein wohl lange Bestandteil meines Lebens war und sich tief in mich gefressen hat. Die Gedanken begleiteten mich bis Freitag, als ich mit einer Mitpatientin draußen sitze und rede kommt es wieder hoch und ich heule erst mal eine Weile bei der Pflege. Nur wenige Stunden später ruft N. mich an und erzählt mir traurig, dass meine Lilly gestorben ist. Also heule ich wieder und beschließe zusammen mit meiner Bezugspflegerin, dass es heute einfach reicht und der Griff zum Bedarf absolut in Ordnung ist. Und nur kurz später kann ich meine Augen einfach nicht mehr aufhalten und verkrieche mich ins Bett. Meine Mitpatienten sind einfach toll. Ich werde in den Arm genommen und getröstet. Die Pflege reagiert verständnisvoll auf meinen Wunsch einfach nur noch im Zimmer zu verschwinden und Ruhe zu haben. 

Gestern war es besser.  Das Gefühl überfordert zu sein mit dem Chaos in mir ist der Traurigkeit gewichen. Und das ist auch okay. Mit Gefühlen, die gerade aufgrund der aktuellen Situation einfach angebracht sind, komme ich doch meistens recht gut klar. 

Irgendwann habe ich mich dann auf den Weg gemacht um Mama am Bahnhof aufzusammeln. Wir hatten einen echt schönen Tag, sind viel rumspaziert, waren Essen und haben Kaffee getrunken und geredet über alles Mögliche. 

Heute bin ich einfach nur müde. Weil gestern ein langer Tag war und weil das Wetter einfach nur zum im Bett bleiben ist. Und genau dorthin werde ich nach dem Essen nochmal für eine Weile verschwinden, mich in meine Decken kuscheln und ein wenig schlafen, nachdem ich heute morgen schon mit meiner Verhaltensanalyse gekämpft habe. Später will ich mich noch in die Badewanne verziehen mit einem Buch, ein wenig entspannen und mir Gutes tun. 

Mittwoch 

Mein Körper streikt. Schon eine Weile habe ich Krankheitsgefühl, gestern ging es noch, heute fühle ich mich nur ausgekotzt. Kraftlos, matt, müde. In den letzten Tagen habe ich viel mit Anspannung und Druck gekämpft. Erfolgreich. Und so kam und ging der Tag an dem ich mich seit einem halben Jahr nicht mehr verletzt habe. Ich habe es erfolgreich geschafft mich nicht zu verletzen sondern zu skillen, durchzuhalten, weiter zu machen. 

Meine Ärztin ist auch krank, deswegen gibt es grade keine Einzeltherapie. Blöd, denn ich will endlich voran kommen und in Stufe 2, damit ich weiter machen kann in der DBT, an den anderen Gruppen auch teilnehmen kann… Ich hoffe einfach, dass sie schnell wieder da ist. Und auch, dass ich bald wieder fitter bin und mich weiter als zwanzig Meter vom Bett entfernen kann. 

Wir stecken alle in der Scheiße (jeder halt auf seine Weise)

„Das einzige was Sie dort finden können ist sich selbst.“ sagt die Therapeutin nochmal. „Und das kann niemals negativ sein.“ hängt sie an. 

Ich habe meine letzte Therapiestunde für dieses Jahr. Für dieses Jahr. Es fühlt sich merkwürdig an das zu sagen und zu schreiben. Vor allem da noch August ist.Es ist merkwürdig geplante Vorhaben mit einem ’nächstes Jahr‘  zu kommentieren. 

Und so erlebe ich momentan viele ‚letzten Male‘ für dieses Jahr. Das letzte Mal in die Praxis des Psychiaters gehen. Ich sage ihm, dass sich das ganze so merkwürdig anfühlt. Dass ’nächstes Jahr‘ so weit weg scheint. Er grinst und meint „Dann sehen wir uns also nächstes Jahr Frau Zitrone!“. Er wünscht mir alles Gute für die Zeit. Freut sich für mich. 

Auch die Therapeutin wünscht mir eine gute Zeit. Nette Zimmernachbarn. „Sie können mir ja mal schreiben wenn sie möchten“. 

Aufbruch. Weitergehen. Alles fühlt sich momentan danach an. Bald werden zu den ganzen letzten Malen viele erste Male kommen. Die Übernachtung ist gebucht. Die Einweisung liegt hier. Ich habe alles geregelt, was ich vorher noch regeln musste. Aufbruch. Weitergehen. 

Und mit jedem Tag nimmt die Panik zu. Nun sind es nicht mehr Wochen, es sind nur noch Tage. Es rückt näher und näher und ich mag eigentlich nur noch in eine Höhle kriechen und nicht mehr raus kommen. In manchen Momenten möchte ich eine Mail dort hin schicken, sagen, dass ich den Termin nicht wahrnehmen werde. Einfach nur, weil die Angst mich so sehr lähmt, umklammert und gefangen hält. 

Die Therapeutin fragt, welche Erwartungen und Ziele ich habe. Ich sage ihr, dass ich dieses letzte Schlupfloch, diese kleine Hintertür gerne schließen würde. Dieses „wenn alles scheiße ist kann ich mich immer noch umbringen“. Sie fragt mich wieso ich das gerne möchte. Ich erkläre es ihr und am Ende nenne ich eigentlich den wichtigsten Punkt. „Damit würde ich ihm eine Macht einräumen, die er in meinem Leben nicht haben darf. Die er nie hätte haben dürfen und nie wieder haben darf. Diese Macht über mich und auch über meinen Körper, wenn ich mich verletze.“ Denn trotz der vielen Kilometer ist er manchmal doch ständig da und hat dieselbe Macht über mich wie damals. Und ich habe verstanden, dass die ganzen Kilometer daran nichts ändern werden, auch wenn ich am liebsten mehrere Kontinente zwischen uns wissen würde. 

Es sind so viele kleine und große Dinge, die ich erreichen möchte. Weitergehen. Ich weiß, dass ich mit mehr Kompetenz und Stärke zurückkehren werde. Was ich sonst noch mitnehme, dass wird die Zeit zeigen. 

Nur noch Tage. Aufbruch. Weitergehen. 

Ich werde versuchen die Tage hier mit viel positivem zu füllen. Mit viel Katerkind und Meeris und Freunden und Momenten, die mir gut tun. Die mich von der Angst ablenken. 

Gestern zogen zwei kleine Meerchen bei mir ein. 

Ein kleines Rosettenmeeri und ein Schopfschweinchen. Einen wirklichen Namen haben sie noch nicht, auch wenn ich bei dem einen zu ‚Caramell‘ tendiere (wegen der Farbe), bei dem anderen zu ‚Karo‘ oder such ‚Caro‘, weil es auf dem Rücken aussieht wie ein Karomuster, an der Stelle an der die Farben sich abwechseln. Sie sind noch ein wenig ängstlich (kein Wunder, gestern zogen sie erst vom Besitzer in den Laden und dann zu mir), außerdem sitzt da ein großes Monster im Meerizuhause und versucht vor lauter Begeisterung mit allen Meeris gleichzeitig zu spielen. Das Katerkind findet das neue Leben in der Bude äußerst interessant, die Nacht hat er bei den Schweinen verbracht und versucht immer wieder mit ihnen Fangen zu spielen. Vermutlich wird er bald merken, dass auch die neuen Meeris nicht dafür zu begeistern sind. 

Mein alter Herr ist ganz happy vor lauter Glück, heute morgen lag er zwischen den zwei Kleinen und schlief selig. Gestern habe ich noch mit K. darüber gesprochen, dass er wohl alles überlebt. Bisher sind es zwei seiner Partnerinnen und zwei der Kinder, er ist wirklich auf dem besten Weg ein uralter Senior zu werden. 

Morgen wird meine Schwester kommen und wir werden uns voneinander verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich die bis Weihnachten nochmal zu sehen kriege, wenn sie nicht auf der Arbeit ist hat sie ständig etwas vor, ist mit ihrem Freund oder Freunden unterwegs, fährt zu ihrem Vater oder treibt sich sonst wo rum. Es ist manchmal immer noch schwer für mich zu sehen, wie schnell sie doch groß und erwachsen wurde. Vor allem da mein Vater mir die Chance geraubt hat mehr an ihrem Leben teilzuhaben. Wirklich konstant da bin ich für sie erst seit 8 Jahren. Und da war sie schon mitten in der Pubertät und auf dem Weg zum erwachsen werden. 

Noch 4 Nächte werde ich in meinem eigenen Bett verbringen. 4 Mal werde ich unter meine Decken krabbeln und aufstehen. Die Zeit vergeht viel zu schnell… 

Was deine Schmerzen schlimmer macht,
Das hast du dir selbst beigebracht.
Es gibt kein Maß für jemand sein,
Doch für Verständnis und für Zeit.
Und für den Rest Gerechtigkeit.

Und was immer ich gerade such

Ich wache auf und blicke in blaue Augen, habe blonde Haare im Gesicht, die mich kitzeln. Meine Schwester flüstert mir ins Ohr, dass sie nun fährt. Ich bin einen kurzen Moment verwirrt, frage wohin, und wünsche ihr dann viel Spaß und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Ich drehe mich um, bis ich an der Bettkante ankomme und wanke in Richtung Bad, wanke kurz darauf mit immer noch halb geschlossenen Augen in die Küche und plumse neben meiner Mutter auf einen Stuhl. Nach einer Portion Tee bin ich halbwegs wach, blicke auf die Uhr und finde, dass es zu früh ist für einen Samstag an einem Osterwochenende. Und dass mir etwas flauschiges auf meinem Schoß fehlt.
Mama fährt weg und ich wandere mit Kindle aufs Sofa und lese. Als sie zurück kommt frühstücken wir ausgiebig und ich schlüpfe eine Stunde darauf in meine Kleider und Schuhe und gehe die zwei Etagen nach unten zur Bushaltestelle. In der Hauptstadt angekommen ist mir mehr danach durch die Fußgängerzone zum Bahnhof zu laufen als die Straßenbahn zu nehmen. Kurz darauf bereue ich diese Entscheidung, denn es scheint als ob sämtliche Einwohner der Hauptstadt und des angrenzenden Auslands auf den Beinen sind und durch die Geschäfte streifen. So suche ich mir also einen Weg zwischen Kinderwägen, Hunden, Familien und Jugendlichen, laufe Slalom durch die Straße und dann hoch zum Bahnhof. Es ist dieses Wetter, dass zu warm ist für Jacke und zu kalt ist ohne.
Am Bahnhof suche ich mir eine Bank und rauche, versuche erfolglos einen Bericht zu lesen, da das Handy die App ständig beendet und höre Musik. Ich vermisse mein Handy, das größtenteils einfach tut was ich möchte, nicht mit der Helligkeit der Sonne blinkt, wenn es mir etwas mitteilen will und meine Musik sowie andere Apps nicht einfach beendet. Ich hoffe, dass ich es übernächste Woche abholen kann und nicht noch eine Woche darauf warten muss. Und ich hoffe, dass ich mich auf die Datensicherung verlassen kann und wieder alles drauf ist was ich benötige. Vielleicht habe ich auch Glück und sie haben es nicht zurückgesetzt, vermutlich aber schon, da es an ohne Sim nach 5 Minuten ganz laut piepst und schreit, dass das Handy vermutlich gestohlen ist und sich nur durch Eingabe einer Pin zum verstummen bringen lässt. Beim Abholen muss ich mal nachfragen, wie sinnvoll eine Verlängerung der Versicherung ist, oder ob das Handy nach zwei Jahren im Reparaturfall eher nicht mehr repariert wird, sondern ich den Wert ausgezahlt bekomme. Aber auch das wäre ja etwas.
Ich freue mich aufs Heimkommen, auf meinen Zitronenkater, auf die Möhris und einfach meine Wohnung.
Vor einem Jahr habe ich begonnen umzuziehen. Nun wohne ich also fast ein Jahr schon dort. Und ich fühle mich unglaublich wohl dort in meinen vier Wänden.

Oh Heimat, schön wie du mich anlachst
Du bist immer da, wenn ich keinen zum Reden hab
Oh Heimat, wie du wieder aussiehst
Ich trag dich immer, immer bei mir
Wie’n Souvenir

You feel you ‚re crawling on your knees

Dinge die mich zur Weißglut treiben, Platz Nr. 1: Nazis. Und Tierquäler.
Deswegen bin ich gerade dabei weiß zu glühen, immer noch.
Ich war mit dem Keksschwein beim Tierarzt. Die hat sowas auch noch nie gesehen, die Pfötchen des armen Schweinchens eingepackt und ihm mal ne Ladung Schmerzmittel gespritzt. Sie muss wirklich schlimm Schmerzen haben, sie traut sich gar nicht mit den Hinterbeinchen aufzutreten. Außerdem hat sie Pelzmilben, juhu! Drei Wochen lang kriegen meine Heuvertilger nun also eine Milbenkur. Wenn Cookie und ich ganz viel Pech haben, dann hat das arme Möhri auch noch einen Pilz, das erfahre ich allerdings erst in ein paar Tagen. Zum Glück beschränken sich die Milben auf die Quietschies und lassen den Zitronenkater in Ruhe. Keksschwein ist nun auf jeden Fall voll auf Medikamenten und wird auch schon frech. Beim Füßchen neu einwickeln hat sie mir volle Lotte in den Finger gebissen. Klar, sie hat ja auch Schmerzen. Jedenfalls ist sie nun viel agiler als gestern, hat Flöckchen schon mutig ein Stück Gurke geklaut und sich nun müde (kein Wunder bei den Schmerzmitteln) auf das Handtuch gekuschelt, dass ich ihr in das Meerizuhause gelegt habe. Die nächsten Tage bekommt sie noch Schmerzmittel, in ca. einer Woche sollte es wieder gut sein meinte die nette Ärztin. Ich hab vorhin bei meiner Nachbarin noch ziemlich getobt (obwohl die ja gar nichts dafür kann, aber wenn ich dann schon mal geladen bin…) und die wird es Morgen hoffentlich an die Vorbesitzerin weiter geben. Ich habe auch gesagt, dass ich die Kosten nicht alleine tragen werde, schließlich habe ich dem Keksschwein ja nicht in die Füßchen geschnitten. *schnaub* Menschen, ehrlich. Ich finde immer mehr Gründe, warum ich Menschen grundsätzlich einfach nicht mag.
Nun bin ich einfach erledigt. Ich bin müde von dem Tag und dem Aufregen, müde, weil ich den ganzen Tag schon Druck habe. Schon wieder habe ich nachts davon geträumt, wie ich mich verletze, wie ich immer und immer wieder die Klinge ansetze, wie das Blut meinen Arm hinunter läuft… Klar, dass ich dann ne Anspannung von 4238 habe. Dass ich seit Tagen mit Suizidgedanken kämpfe macht es dann auch nicht wirklich besser. Käsequark. Alles. Ich will so gerne alles hinwerfen, mir unter den einen Arm eine Kiste mit Meeris klemmen und unter den anderen Arm den Zitronenkater und einfach weg. Weg von allem, vor allem aber weg von mir. Nur nehme ich mich zwangsläufig immer mit. Den Kopf einfach in den Sand stecken macht es auch nicht besser. Also weiter machen. Tag für Tag und Schritt für Schritt.

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Her dreams come crashing down
Like a burning sky at night
No longer a child
You are the one
You can’t deny
What you have become
It can’t hurt you
But it can eat you up inside

And everything is understood 

Meinen Sonntag habe ich bisher hauptsächlich faul in der Horizontalen unter meiner Kuscheldecke verbracht. Langsam bin ich dabei mich unter ihr heraus zu winden, denn ich habe das Bedürfnis doch noch ein wenig konstruktiv zu sein. Wäsche aufhängen, ein wenig aufräumen, durch die Wohnung fliegendes Meeristreu zusammenkehren, all solche Dinge. In gut zwei Stunden werde ich dann die 2 Stockwerke zu meiner Nachbarin hoch tapsen und eine Weile auf den Stöpsel aufpassen, bis sie wieder Zuhause ist. Da ja eh kein Tatort kommt verpasse ich ihn immerhin auch nicht.
Mal sehen, was ich dann noch so treibe mit dem Abend. Vielleicht ein wenig Bewegung mit der Wii. In den nächsten Tagen will ich mich nochmal an das Projekt Socken stricken machen. Bündchen und rund stricken kriege ich schon hin, mal sehen ob ich den Rest vom Socken auch irgendwie schaffe. Eine Herausforderung wird es auf jeden Fall das Knäuel Wolle vor dem Zitronenkater zu verteidigen. Er hat in den letzten Tagen mehrfach meine Dekoschale wieder ausgeräumt, ich glaube ich gebe es nun auf, die Kugeln immer wieder in der Wohnung einzusammeln und dort rein zu packen, sondern überlege mir etwas neues für in die Schale.
Die Möhris haben gestern Abend und heute Nachmittag noch gewaltig Krach veranstaltet, sie beginnen langsam die Rangordnung zu klären. Allzu lange dürfte es nicht dauern, Cookie ist noch sehr zurückhaltend, traut sich aber schon an den Fressnapf und läuft manchmal ganz mutig durch die Gegend. Man sieht aber, dass ihr das laufen teilweise schwer fällt, ich habe an ihren Füßchen nachgeschaut und gesehen, dass die Krallen viel zu kurz geschnitten wurden, bis fast auf das Nagelbett. Es muss gewaltig geblutet haben. Armes Meerli. Ich hoffe, dass sich das mit dem Laufen gibt, wenn die Krallen wieder länger sind.
Ansonsten kämpfe ich weiter vor mich hin. Ich bin immer noch ohne Selbstverletzung und habe es auch heute wieder geschafft anständig zu essen, sogar mit Frühstück. Auch sonst bin ich nicht mehr ganz so furchtbar destruktiv und gehe mit mir besser um. Wenn ich an meinen Geburtstag denke, dann wird mir allerdings immer noch übel. Aber ich sage mir, dass ich das schaffen kann. Zur Not ist die Klinik da. Zur Not kann ich mich mit Medis außer Gefecht setzen. Ich kriege das hin, ganz bestimmt.
Ich frage mich, ob solche Tage irgendwann ihren Beigeschmack verlieren. Ob irgendwann Weihnachten, Silvester und mein Geburtstag einfach okay und schön sein können, ohne das alte Erinnerungen mich einholen und ich nicht mehr hadere mit der Tatsache, dass ich lebe. Dabei kommt mir der Gedanke, dass mein 17. Geburtstag der letzte war, an dem mein Vater wirklich dabei war. Meinen 18. habe ich mit einem kleinen Teil meiner Familie und Freunden gefeiert, da Oma, Tante und Mama da waren, hat mein Vater nur ein Geschenk vor die Tür gestellt und ist wieder verschwunden. Seitdem habe ich jeden Geburtstag hier in meiner Heimat verbracht. 10 Jahre ist das bald her, mein 17. Geburtstag. In den zehn Jahren ist manches einfacher geworden. Ich habe nur noch sehr selten Gewissensbisse, dass ich ihn alleine gelassen habe. Ich denke selten an seinen Geburtstag, habe seltener das Bedürfnis zum Telefon zu greifen und ihn anzurufen. Vieles ist gleich geblieben, manches ist schwerer geworden. Der Entschluss, nach der DBT den Weg Richtung Traumatherapie zu gehen, wird in mir immer stärker. Ich glaube, dass ich das brauche um einigermaßen damit leben zu können. Damit gut leben zu können.
Und nun mache ich mich ein bisschen ans produktiv sein.

She says, „Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life 
Don’t let go 
Never give up, it’s such a wonderful life“ 

kann ich denn nie, nie, niemals vor meinem eignen Schatten flieh’n? 

Darf ich vorstellen: das ist Cookie.

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Cookie bereichert ab heute meinen Schweinehaufen. Sie ist 5 und ihr Freund ist vor einer Weile gestorben, also war sie ganz alleine. Die Besitzerin wollte sie nicht alleine halten und auch kein neues Meerli holen, und wie das scheinbar in letzter Zeit so läuft, jemand kennt meine Nachbarin und die erzählt direkt begeistert davon, wie ich mit meinen Tierchen umgehe. Und schwupps hab ich ein neues Fellmonster.
Cookie sieht aus wie mein erstes Meeri, nur den Wirbel hatte Arwen nicht. Ich muss lächeln wenn ich sie anschaue, denn sie erinnert mich an damals, als ich 17 war und begeistert stundenlang meinen Meeris zugeschaut habe, den ersten Haustierchen, die ich hatte.
Sie sitzt noch etwas ängstlich in ihrem neuen Zuhause, hat ihre neuen Mitbewohner (inklusive Katerkind) schon beschnuppert und eifrig Gurke gemampft.

Ich habe mir gestern irgendwann Dipi eingeworfen und dann auch relativ lange geschlafen. Heute war es dann zumindest etwas besser als gestern, zum Glück. Trotzdem will ich immer noch flüchten vor mir selber. Und schneiden. Oh wie gerne würde ich schneiden. Nur ein wenig. So ein kleines bisschen. Minimal. Aber genau das würde ja eh nicht funktionieren.
Immerhin habe ich heute mal halbwegs normal gegessen. Gefrühstückt, zwischendurch ein Schinken-Käse-Croissant gefuttert und heute Abend dann Spaghetti Bolognese. Gleich mache ich mir noch lecker Tee und versinke ein wenig unter meiner Decke auf dem Sofa mit DSDS und Dschungelcamp. Hirn aus und ein wenig ablenken lassen, bevor ich in mein Bett krabbel. Die Nacht mit Dipi war zwar nicht völlig ruhig, ich hab mich auch ein paar mal hin und her gewälzt, aber deutlich weniger als in den Nächten davor. Nur ist es ja auch keine Lösung, denn ich schlafe mit Dipi bis mittags und bin den ganzen Tag über gewaltig Matsch. Vielleicht wird es ja bald wieder besser.
Und nun tue ich mir einfach noch ein bisschen was Gutes.

 Wie wird man seinen Schatten los?
Wie lässt man alles hinter sich?
Wie jagt man sein Gewissen fort?
Wie flieht man vor dem eignen Ich?
Wie kann man flüchten
wenn man sich selbst im Wege steht?