Auf dem Heimweg von der Klinik überflutet mich das unglaubliche Bedürfnis mir etwas Gutes zu tun. Das kommt völlig überraschend und ich brauche auch eine Weile, bis mir klar wird, was das grade ist. Es kommt selten vor, dass dieser Gedanke nicht bewusst in meinem Kopf entstehen in Richtung „ich muss/müsste mir mal was Gutes tun“ sondern als ein Bedürfnis auftaucht wie Durst oder Schlaf. Und ich weiß auch, dass es wirklich nötig ist, wenn dieses Bedürfnis so durchschießt durch die Wand aus Glaubenssätzen, die mir sagen, dass ich das nicht darf, dass es nicht okay und schon gar nicht gut sein darf. Also nehme ich es ernst und verschwinde, nach Telefonat mit der kleinen Hexe und Meeris ausmisten, im Bad. Fast eine Stunde verbringe ich unter der heißen Dusche und lasse das Wasser über mich laufen, genieße das Gefühl und stelle mir vor, dass all der Schmutz und der Ekel und die Scham von mir herunter fließen und im Abfluss verschwinden. Ich gönne mir die Zeit, gönne mir eine Haarkur und genieße den Duft von Duschzeug, Shampoo und allem, creme mich danach in aller Ruhe ein und schlüpfe in bequeme Hose und Lieblingspulli. Dann kuschel ich viel und lange mit dem Kater, füttere ihn und die Meeris, schmeiße mir Camembert in den Ofen, weil ich total Lust darauf habe, esse in Ruhe und liege nun eingekuschelt im Bett. Mich selbst ernst nehmen und mir viel Gutes tun, vor Freiburg quasi undenkbar ohne danach komplett durchzudrehen und mich zu verletzen. 

Zwischendurch suche ich nach der Datei, die ich vor einigen Jahren geschrieben und nie wieder geöffnet habe. Als die erste Erinnerung hochkam, die erste klare Erinnerung mit Bildern und Geräuschen und Gerüchen und dem Wissen, wer dieser Mensch ist, musste ich das aufschreiben, denn mir war klar, dass ich es lange, vielleicht auch niemals, aussprechen werden kann, was genau da passiert ist. Außerdem wollte ich dieses absolut Unfassbare einfach aus mir raus haben. Ich habe es damals mit in die Therapie genommen, meiner Therapeutin gegeben, ich wollte es nur weg haben, dieses böse Blatt Papier voller böser Worte, ich konnte es auch nicht vorlesen oder mir nochmal von ihr anhören. Ich wollte eigentlich nur von ihr hören, dass es Einbildung ist, ein völliger Blödsinn meines Hirns, doch den Gefallen tat sie mir damals nicht. 

Heute ist es die erste Erinnerung von vielen, die aus den Tiefen meines Ichs aufgetaucht ist. Heute weiß ich, dass diese Erinnerung real ist, auch wenn ich sie mir oft weg wünsche und sie viel lieber als Krankenhaus Phantasie meines Kopfes sehen würde. 

Ich will die Worte nicht lesen, als ich die Datei öffne, doch mein Blick fällt automatisch auf sie. Und mir fällt auf, dass ich vieles nicht benennen kann, weil ich die Worte in diesem Kontext einfach nicht finde. Es sind Worte, die zwar existieren in meinem Sprachgebrauch, die ich auch benutze, doch ich schaffe es nicht, wenn ich mich an diese Situation erinnere. Sie scheinen wie ausgebrannt, wie schwarze Stellen in meinem Gehirn, als ob ich wieder das kleine Mädchen wäre, dass diese Worte damals noch nicht kannte. Selbst ohne Dissoziation und Flashback, mit voller Realität um mich herum und als Erwachsene, bin ich sprachlich gesehen in diesem Moment das kleine Mädchen und kann nicht aussprechen, was es eigentlich ist. Ich kann umschreiben, kann sagen das da etwas ist, aber ich kann es nicht benennen. Nicht mit diesem Kontext. Und es macht mich ziemlich wahnsinnig, wo Worte doch genau das sonst ermöglichen beim Schreiben, Dinge zu benennen, die ich nicht aussprechen kann. Wo Worte so oft mein Halt waren und sind, mir Realität geben und ausdrücken, was ich kaum auszudrücken vermag. 

Verdammter Mist. 

Jedenfalls liegt das Blatt nun ausgedruckt da, denn der Therapeut wollte wissen, welche Situation mich am Wochenende da so herrlich als Flashback begrüßte. Ich bin gespannt auf die Stunde morgen und ich weiß, dass es alles andere als leicht werden wird. 

Konfrontation

In der Traumagruppe der Klinik gibt es die Möglichkeit, sich gezielt mit dem Trauma/den Traumata auseinander zu setzen. Beispielsweise in Form einer Lebenslinie. Ich habe vor einer Weile angemerkt, dass ich das gerne mal machen würde. Freitags ist immer doof, denn am Wochenende ist da eben nicht der Therapeut da, der notfalls auffangen kann. Heute wollte eine andere Therapeutin die Gruppe übernehmen, deswegen wollte ich sie mir erstmal anschauen, bevor ich dort einen Seelen-Striptease hinlege. 

Doch direkt nach dem Frühtreff läuft mir die Therapeutin, die bisher die Gruppe geleitet hat, über den Weg und sagt, dass sie heute die Gruppe nochmal übernimmt. 

Also mache ich mich darauf gefasst, dass ich mich in geballter Wucht mit meinem Leben auseinander setzen werde. Dass eine liebe Mitpatientin heute geht verbessert meine Anspannung nicht wirklich, doch wir nutzen die Zeit und trinken noch zusammen etwas in der Cafeteria. 

Mit jedem Moment in der Traumagruppe nimmt meine Anspannung zu. Die Eingangsrunde, in der jeder kurz sagt wie es ihm geht und wo die Anspannung steht, die Neuen sich kurz vorstellen und die Therapeutin ihnen kurz ein paar Dinge erklärt, dauert heute viel zu lange. Ich werde unruhiger und unruhiger, habe das Gefühl die Anspannung kaum noch auszuhalten, drücke die Spitzen des Akupressurballs fest in meine Haut. 

Dann darf ich beginnen. Zuerst mit dem wirren Geflecht aus Familie, aus Erklärungen, wieso ich bei meinem Vater aufgewachsen bin. Und dann mit meinem Leben. Jahr um Jahr arbeiten wir uns nach vorne. In rot stehen da die Ereignisse, die so unglaublich schwer waren, die Therapeutin fragt immer wieder nach den Auswirkungen und malt Pfeile. Und auch wenn es „nur“ bis zu meinem 17. Lebensjahr wirklich grausam war, so steht da doch unglaublich viel. Und dazwischen auch einige Dinge in grün, Dinge, die mir geholfen haben. Einerseits die Selbstverletzung, die natürlich nicht die beste Lösung, aber damals eine sinnvolle war. Die Therapie, die mir dann damals Halt gab. Meine Schwester, die trotz der Distanz immer so viel Halt und Wärme für mich bedeutet hat. Und letztendlich der große Knall, die Inobhutnahme. Zwischendurch suche ich immer wieder nach Worten. Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter und ich versuche nicht, diese Gefühle zu unterdrücken. Dann atme ich erstmal durch. Das Blatt an der Flipchart ist voll. Die wichtigsten Dinge stehen da, und auch wenn wir nicht in die Tiefe gehen, so ist es doch anstrengend und schmerzhaft. Es ist immer noch unglaublich schwer all diese Dinge in Zusammenhang mit meinem Vater zu nennen. Es ist schwer auszusprechen, dass da so viel war, das nicht hätte sein dürfen. Der sexuelle Missbrauch. Die körperliche Gewalt. Das ständige Abwerten und Kleinhalten und mir einreden, dass ich doch nie etwas schaffen werde, dass ich unnütz und unfähig bin, dass ich doch keine Probleme habe, dass ich selbst Schuld sei, wenn er mich verprügelt. Es tut weh diese Gesamtheit zu sehen, diese Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein. Und doch ist es nicht nur schmerzhaft, nicht nur furchtbar. Denn es gibt da auch diese Momente, in denen ich mich gewehrt habe. Zwar nicht direkt, aber dennoch. Ich bin hinter seinem Rücken zur Therapie gegangen. Und ich bin damals weg. Und ich habe die räumliche Distanz zwischen uns gebracht. Und ich habe den Kontakt abgebrochen. 

Danach dürfen meine Mitpatienten etwas dazu sagen. Ich entspanne mich langsam, denn es ist raus. Der Horror ist ausgesprochen, formuliert, aufgeschrieben. Meine Mitpatienten sind betroffen. Erstaunt, dass hinter der Fassade eine solche Geschichte steckt. Sie geben mir viel Positives mit, viele liebe Worte. Und die Therapeutin sagt, dass man manchmal denkt, dass ich doch klar komme und keinen Raum brauche, denn ich kann viel und weiß viel und kann damit überspielen, wie verletzlich ich hinter dieser Mauer doch bin. Und sie sagt, dass sie auch meine Wut gesehen hat. An dem Tag, als die Traumagruppe so triggerte und ich so am Boden war. Als der Moment kam, in dem aus der Anspannung und Hilflosigkeit die Wut auf meinen Vater wurde und ich diese Wut beim Armdrücken mit dem Supervisor auch endlich körperlich spüren konnte und durfte. 

Die Stunde tat gut. Unglaublich gut, denn mit jedem Mal geballte Kindheit und Jugend wird mir klarer, woher die ganzen Gefühle kommen und es wird mir klarer, dass ich wütend sein darf. Dass ich ihn auch hassen darf. Und die Therapeutin sagt noch etwas sehr wichtiges. Dass es auch in Ordnung ist, wenn beide Seiten existieren. Die Wut und der Hass, aber auch die Seite die ihn liebt, weil es auch positive Momente gab und er nunmal mein Vater ist. Es ist okay und es darf beides sein. Wichtig ist nur, dass ich auch beides zulassen kann. Und dass ich mich selbst schütze, wie beispielsweise mit dem Kontaktabbruch. Und für mich ist es auch so wichtig diese Wut zu integrieren, denn bisher konnte und durfte ich das nicht und es ging letztendlich immer gegen mich selbst. Ob in Form von Selbstverletzung oder in extremen Suizidgedanken oder sogar – versuchen. Ich darf wütend sein. Ich darf es. 

Nach der Stunde bin ich erschöpft. Die extreme Anspannung macht sich bemerkbar. Der Abschied von der lieben Mitpatientin schmerzt und es ist so schön sie einfach nochmal fest zu drücken und ihr nachzuwinken. Essen gehen kann ich nicht. Stattdessen sitze ich draußen und rauche erstmal, sammel dann meinen Kram für die Tiefenentspannung. Danach bin ich noch erschöpfter und unglaublich müde und froh, dass wir in der Körpererfahrung viel liegen. Und die Dinge, die wir da tun, helfen mir in meinen Körper zurück zu finden, der irgendwann während der Traumagruppe den Kontakt zum Rest von mir beendet hat. Ich bin danach zwar nicht weniger müde und erschöpft (eher im Gegenteil), doch ich spüre mich wieder und habe wieder das Vertrauen in meine Beine, dass sie mich tragen ohne unter mir wegzuknicken. 

Mein letzter Tagespunkt ist die Massage. Bei der ersten Berührung der Hände spannt sich mein Körper an, meine Muskeln verkrampfen und ich brauche einen Moment um wieder in die Wirklichkeit zu kommen, mich wieder zurück in den Raum zu holen und raus aus den Erinnerungen, die mich überfluten. Ich fange wieder an mich zu entspannen, während ich im Kopf all die Dinge durchgehe, die nun anders sind. Ich bin erwachsen. Es ist ein Mann, der mir nichts tun wird. Ich bin hier in Sicherheit. Es ist 2017. Alles ist gut. Es ist nicht damals, es ist nicht mein Vater. Und dann schießt plötzlich eine Erinnerung in mein Bewusstsein, die lange vergraben war: die Berührung am Po. Bis ich damals aus der Wohnung raus kam und seit ich denken kann, war diese Berührung da. Er hat mir immer an den Po gefasst wenn ich neben ihm stand, beim Geschirr spülen, beim vorbeigehen, bei so vielen Gelegenheiten zuhause. Ich mochte das nie, habe ihm das auch immer wieder gesagt. Doch meistens war die Antwort darauf „Du bist mein Kind, du bist mein Eigentum, ich kann tun was ich will.“ ergänzt von einem „das ist doch gar nicht schlimm.“ Und rückblickend wird mir klar, dass auch das eine Form von sexuellem Übergriff ist, dass da nicht nur der Missbrauch in der frühen Kindheit war, sondern diese Berührungen immer weiter gingen, auch wenn der Zwang ihn zu befriedigen, ob nun oral oder durch anfassen oder durch wirklichen Sex, aufgehört haben. 

Ich denke an die Worte der Körpertherapeutin in der dbt. „Massage ist eine Wertschätzung.“ Und als genau das versuche ich die Massage dann anzunehmen, als es mir gelingt die Hände auf meinem Körper auch dem Menschen zuzuordnen, der gerade neben mir steht. „Es ist okay“ antworte ich auf die Frage, ob alles gut ist oder er aufhören soll und ich entspanne mich vollends und genieße das Kneten und Rumgedrücke und merke, wie er die richtigen Punkte findet und ein paar meiner Wirbel wieder an die Stellen wandern, an denen sie eigentlich sein sollten. 

Nun sitze ich zuhause. Völlig erschöpft und müde, aber entspannt. Mein Katerkind liegt auf meinem Schoß und hält ein Schläfchen und ich genieße die Wärme, die er ausstrahlt. Ich würde gerne einfach nur ins Bett kippen, doch dann bin ich entweder mitten in der Nacht wieder wach oder morgen müde von zuviel Schlaf. Außerdem muss ich noch etwas essen, denn mein Magen protestiert lautstark. Und es gibt auch noch ein paar Chaosstellen in meiner Wohnung, die nach Beseitigung schreien. 

Ich werde also noch was tun. Aber in meinem Tempo, mit viel Gutem für mich zwischendurch, denn ich finde, dass ich das nach dem Tag absolut verdient habe. Und heute kann ich das auch fühlen, kann mich absolut okay finden, kann die Erschöpfung akzeptieren und die anderen Gefühle, die dieser Tag in mir geweckt hat, aber ich kann auch die Dinge sehen, die positiv sind und ich kann akzeptieren, dass es heute eben ist wie es ist. Und wenn das schon mal funktioniert, dann sollte ich das definitiv wertschätzen. 

Ein Leben wie ein Gemälde, kaputt und verschmiert

Gestern

Stundenlang drehe ich mich im Bett hin und her. Ich döse kurz ein und bin einige Minuten später wach. Und das Ganze wieder von vorn. 

Ich fühle mich zerschlagen, Matsch, müde und habe Schmerzen. Ich will nichts mehr als einfach schlafen. 

Nein. Das stimmt nicht. Ich will mich verletzen. Ich glaube es ist zum ersten Mal seit der dbt wieder so schlimm. Ich habe das Gefühl nur noch aus Unterarmen zu bestehen, all mein Denken und Fühlen bündelt sich dort. Ich sehne mich so sehr danach die Klinge anzusetzen. Sehne mich nach dem Gefühl der Erleichterung, nach der Entspannung, nach dem feinen Schmerz, der eigentlich gar kein Schmerz ist. Ich fühle mich innerlich so verletzt, dass ich diese äußere Unversehrtheit kaum ertragen kann. 

Ich achte zu wenig auf mich in den letzten Tagen. Bin erledigt nach dem Klinikalltag. Und noch nicht mal so sehr von den Themen, sondern vom Drumrum. Die Lautstärke, die Menschen, die Fahrt. Ich frage mich, wie ich jahrelang fast jeden Tag von morgens bis mindestens nachmittags weg sein konnte, wie ich arbeiten konnte, wie ich mein Leben halbwegs auf die Reihe gekriegt habe. 

Und so sitze ich kurz nach 3 auf meinem Sofa. Mit dem Katerkind auf dem Schoß, mit enormem Selbstverletzungsdruck und mit Suizidgedanken. Ich frage mich, warum dieser Lebensvertrag mich noch hält. Eigentlich ist es nur ein Stück Papier. Und doch ist er auch mehr. Doch ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. Wenn ich doch noch nicht mal in meine eigene Haut schneiden kann. Es fehlt mir, es fehlt mir so sehr. Elf Monate kämpfen und funktional sein und ich habe langsam echt keinen Bock mehr darauf. Es kotzt mich an, es kotzt mich einfach nur noch an und ich will alles hinschmeißen. 

Eigentlich müsste ich Verhaltensanalyse an Verhaltensanalyse hängen. Doch ich weiß wo es hängt, weiß, dass ich mich viel um Selbsthass drehe und viel um das Wirrwarr in mir, dem ich keinen Ausdruck verleihen kann, verleihen darf. Da war und ist seit gefühlt immer die Selbstverletzung als Ventil, Ausgang und Lösung, als Überlebensstrategie, als rettender Halt. 

Ich spüre die Wärme des Katerkinds auf meinen Beinen, spüre sein Schnurren. Ich höre das Heu rascheln und ein gelegentliches Quietschen von einer der Schweinenasen. Ich kann nicht aufgeben. Ich darf nicht aufgeben. Was soll denn aus meinen Fellhaufen werden? Doch es fällt so schwer, so unglaublich schwer. Und ich weiß nicht, wie ich das anders durchstehen soll, als mit Selbstverletzung. 

Manchmal wünsche ich mir die Tage zurück, an denen die Erinnerungen so weit weg waren. Ich sehne mich danach, dass alles „doch gar nicht so schlimm“ war. Nach dem Verdrängen und Runterspielen und Kleinhalten. Doch es funktioniert nicht mehr. Im Endeffekt habe ich jahrelange Hölle hinter mir, Trauma an Trauma an Trauma an Trauma gereiht, habe jahrelang nur darum gekämpft die nächsten Stunden zu überleben, jahrelang nur von einem Schnitt zum nächsten gelebt. 

Ich weiß, dass es erstmal beschissen wird, bevor es besser wird. Nur hilft mir das gerade nur wenig weiter. Wie viel lieber hätte ich einfach nur einen gebrochenen Knochen. Gips drum und in spätestens 3 Monaten ist es wieder okay.

Und genauso wie ich mich nach der Zeit sehne, in der die Erinnerungen vergraben waren, so sehne ich mich nach der Zeit, in denen die Selbstverletzung noch einfacher war. Noch halbwegs harmlos, ohne den Rattenschwanz von Notaufnahme und versorgen lassen und beim Hausarzt zur Kontrolle antanzen. Ohne die Narben, die ich nun kaum noch verbergen kann. Ohne das schlechte Gewissen, weil ich es lassen will. Ohne zugeben zu müssen, dass es passiert ist. Da war einfach nur der Schnitt und die Erleichterung. Niemanden hat es interessiert, ich wollte nicht aufhören, perfekt.  

Doch es ist so vieles anders mittlerweile. Es ist nicht mehr so einfach wie früher, nicht mehr so egal. Ich bin mir nicht mehr so egal. Ich bin anderen Menschen nicht mehr so egal. Ich bin weiter. Und manchmal kotzt mich das echt an. 

Der Therapeut macht den Tag dann doch noch etwas besser. Wir sprechen über den Dienstag, darüber, dass ich von etwas total getriggert wurde. Genau wie freitags in der Traumagruppe. Wir sprechen über die Gefühle dabei. Die direkt danach, die, die dann kamen, die, die danach dann auftauchten. Das Chaos aus Wut und Scham und Angst und Selbsthass. Es tut weh, aber es tut auch gut. 

Nach der schlaflosen Nacht und dem anstrengenden Tag kippe ich zuhause zuerst aufs Sofa und dann ins Bett. Es dauert zwar lange bis ich einschlafen kann, aber ich schlafe wenigstens mal. 

Heute 

Mein Tag beginnt relativ früh und relativ gut. Ich bin zwar nicht sonderlich motiviert, aber es ist okay. Viel bietet mein Plan heute nicht, aber trotzdem ist der Kliniktag erst um 15 Uhr vorbei. Da ich nicht nach Hause komme (verdammter Fasching, verdammter Umzug!) und noch warten muss, bis die Busse wieder fahren, verbringe ich noch ein wenig Zeit bei einer lieben Mitpatientin auf dem Zimmer mit quatschen und Cappuccino. Und auf dem Heimweg merke ich, dass ich zum ersten Mal nicht völlig erledigt bin, nicht völlig kraftlos. 

Ich muss an meine Tante denken. So lange habe ich keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, wie zu so vielen anderen Menschen. Es schmerzt, doch mit jeder weiteren Woche, mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Jahr fällt es schwerer sich zu erklären. Wie soll ich formulieren, dass ich neben Trauma (wieder)entdecken, Ausbildung und irgendwie noch klar kommen einfach keine Kraft hatte. Wie soll ich erklären, was mich da so umgehauen hat? Wie soll ich sowas der Familie erklären, wie soll ich sowas gegenüber einem Menschen äußern, der mit ihm aufgewachsen ist? Auch wenn da seit Jahren kein Kontakt mehr besteht (welch ein Wunder…), so ist es eben doch unsere Familie. Ich habe Angst vor der Reaktion. Angst, dass mir nicht geglaubt wird. Angst, dass an ihn weiter getragen wird, dass ich darüber spreche. So viel Angst ist da immer und immer wieder. 

Ich habe ihr eine SMS geschrieben. Ihr gesagt, dass ich gerne mal in Ruhe mit ihr reden würde. Ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen, dass ich gerne erklären mag wieso. Ich bin nervös. Warte auf eine Antwort. Habe Angst vor einer Ablehnung. Oder vor keiner Antwort. Ich male mir die schlimmsten Szenarien aus. 

Ich versuche nicht schreiend im Kreis zu rennen. Nicht durchzudrehen. Stattdessen werde ich meine heute tatsächlich vorhandene Energie nutzen und endlich mal wieder etwas kochen. Und ein wenig aufräumen. Und mein Bett frisch beziehen. 

Wir sind vom Leben gezeichnet
In den buntesten Farben
Und wir tragen sie mit Stolz
Unsere Wunden und Narben
Wir sind vom Leben gezeichnet
Mit Dreck und mit Schmutz
Doch es glänzt wie Perlmut
Wir sind so schön kaputt

Hier geht’s zum Rest des Lebens

Endlich finde ich die Zeit und Kraft zu schreiben von den letzten Tagen, es ist so vieles passiert, dass ich schon das Gefühl hatte bald zu platzen. 

Zuerst mal der Samstag. Im Vorfeld war da sehr viel Angst und Unsicherheit. Auch in Bezug auf Frau S., denn immerhin habe ich sie 8 Jahre nicht gesehen. Und eben die Angst vor der Fahrt, die Angst vor der Nähe und vor alten Gefühlen. 

Die Hinfahrt verlief dann doch ganz okay. Die Angst und Nervosität ließ sich ganz gut aushalten, ich habe viel Emotionssurfing probiert und mich viel abgelenkt. Als ich dann durch den Landkreis fuhr, als die Autokennzeichen plötzlich das so bekannte Kürzel zeigten, da wurde mir für einen Moment schon anders, aber es ging. Und es war gut einen Umweg zu fahren, dem Ort nicht ganz nah zu kommen. Und es war auch ein wenig Wehmut dabei, als ich dann wirklich den Rand des Schwarzwalds erreicht hatte, als es immer weiter hinein ging und einmal quer durch. Immerhin habe ich dort so viele Jahre gelebt und auch wenn es für mich nie wirklich Heimat war, so war es doch ein Stück Zuhause. Als ich dann zum letzten Teil meiner Reise kam, als die Orte vertraut wurden und die Dinge vor den Fenstern, da stieg die Nervosität unglaublich. Ich habe dann dort angekommen noch mit der kleinen Hexe telefoniert, war in dem Supermarkt, der immer noch dort steht wo er früher war und saß dann auf einer der Bänke, auf der ich auch früher saß. 

Und dann kam Frau S. und es fühlte sich nach wenigen Minuten wieder unglaublich vertraut und gut an. Wir haben viel geredet, ich habe viel erzählt. Von jetzt und wie es mir geht, von damals und von der Zeit zwischen damals und jetzt. Und ich habe auch über den Missbrauch geredet, zum ersten Mal völlig offen mit einem Menschen, über meine Gefühle, über die Angst die es immer noch macht, über die Zerrissenheit zwischen Wut und Liebe, über die Scham, über all den Kram der damit zusammenhängt. Und sie sagt wieder, dass es ihr schon damals eigentlich klar war, dass ich aber auf ihre Nachfragen hin so geblockt habe, dass sie merkte es ist gerade einfach besser so. „Es hätte ja auch niemand auffangen können“ sagt sie und sie hat Recht. Damals war ich so sehr am Kämpfen, so sehr am Überleben, dass dafür kein Platz gewesen ist, dass ich es einfach auch nicht überlebt hätte. Und ich bin froh und dankbar, dass sie mich damals so geschützt hat. Wir laufen lange durch die Natur, reden, reden,  reden. Sie zeigt mir ihre neuen Praxisräume, ich zeige ihr Bilder von meinen Tieren. Ich erzähle von meiner Schwester, Frau S. meint „Ja, sie war dir damals schon unglaublich wichtig.“ und ich nicke und lächle. Sie findet es toll, dass ich meine Ausbildung abgeschlossen habe, einen Schulabschluss habe, in meinem Beruf gearbeitet habe. Trotz allem. Wir sitzen im Café und trinken und essen und reden und reden. Sie findet es schön, dass ich meinen Humor nicht verloren habe, ich finde es schön, dass sie meinen Humor immer noch versteht.

Nach fast 6 Stunden begleitet sie mich noch zum Zug und winkt mir. Wir haben beschlossen, dass bis zum nächsten Treffen keine 8 Jahre mehr vergehen werden.

Die Rückfahrt hat mich dann doch noch ein wenig gestresst, denn es ist Wasen. Betrunkene Menschen in Massen, die sich alle in einen Zug quetschen… es stresst mich einfach. Aber dank Musik und Augen zu hat es irgendwie funktioniert und ich bin mit einer tiefen Zufriedenheit wieder in der Klinik angekommen. Zum einen, weil es so unglaublich gut tat Frau S. zu sehen und zu reden, zum anderen, weil ich es geschafft – und zwar gut geschafft – habe dort hin zu fahren.

Der Sonntag war dann ein wenig anstrengend. Wir wollten in den Tierpark fahren und haben das auch gemacht, trotz Regen. Aber irgendwann war es einfach nur noch kalt und nass und bäh und ich habe auch die Erschöpfung von Samstag deutlich gemerkt. Zurück in der Klinik brauchte ich erst mal eine heiße Dusche und eine Mütze Schlaf. Trotzdem war es schön dort und wir hatten eine gute Zeit, abgesehen vom Regen und der Kälte.
Heute ging es dann in der Einzeltherapie los mit dem großen bösen Thema „Gefühle“… Frau Psychologin erklärte mir wie angemessene Gefühle in einer Situation durch die Glaubenssätze zu Gefühlen werden, die einfach nicht mehr passen. So wie es oft im Vorfeld einer Selbstverletzung kippt und ich von etwas angemessenem wie Ärger zu Selbsthass schwanke, oder auch teilweise von Freude ins andere Extrem kippe. In meinem Kopf läuft automatisch so viel ab, dass mir das ganze oft passiert. 

Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin falsch. Meine Gefühle sind falsch. Ich darf keine Gefühle haben. Ich darf keine Meinung haben. Ich bin Schuld. Ich habe es verdient. All das sind Dinge, die so tief in mir verwurzelt sind, dass ich ihnen kaum etwas entgegensetzen kann. Dass ich automatisch so handle, so denke, so fühle. Doch ich habe momentan das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin um auch da etwas zu ändern.

Es geht voran und es geht weiter. Manchmal tut es weh und mag ich aufgeben. Doch es geht weiter. Und manchmal kann ich auch akzeptieren, dass es nun okay ist. Dass hier und jetzt der richtige Zeitpunkt ist um weiter zu gehen. Es ist okay, dass manche Dinge nun erst kommen und nun erst Platz und Raum finden um da zu sein. Es hätte ja auch niemand auffangen können. Hier und jetzt ist es okay auch mal nicht okay zu sein. Zeit zu brauchen. Es ist okay zu stolpern und hinzufallen. Aber es ist auch okay wieder aufzustehen und weitet zu machen. 

Ich bin der Typ, der nach den guten Zeiten schürft
Und wenn ich merk, dass meine Jugend Falten wirft
Such ich mein Yukon, wo die Reise einst begann
Und hier fang ich, hier fang ich an
Hier geht’s zum Rest des Lebens
Und danach such ich eben
Und ich grab, so tief ich kann

Der Tag heute war nicht leichter als der gestrige.
Ich bin heute morgen müde und matschig in die Hauptstadt gefahren zur Therapie. Dort saß ich dann und habe versucht Worte zu finden für das was gerade mit mir und in mir ist. Ich saß da und suchte nach den Worten zu den Bildern und Gefühlen, nach Worten, die ich damals, als es passierte, noch nicht hatte. Die Therapeutin hilft, sie fragt nach, gibt mir Worte für die Dinge, die damals passiert sind. Und ich rede zum ersten Mal bei ihr über die Dinge, die passiert sind, versuche sie beim Namen zu nennen, kämpfe gegen die Schmerzen, die sich in meinem Bauch ausbreiten und gegen die Übelkeit, kämpfe gegen die Angst und die Sprachlosigkeit. Es ist anstrengend und hart und danach fühle ich mich völlig ausgelaugt.
Die Alkoholleiche von meiner Couch ist aus der Klinik geflogen, weil sie wohl Drogen genommen hat, und versucht mich zu erreichen. Ich ignoriere sie einfach, weil ich dafür keine Kraft habe, weil ich versuche mich auf den Beinen zu halten und nach Hause zu kommen. Dort wickel ich mich in meine Decken, betäube das Chaos mit Bedarf, weil nichts anderes mehr geht, und schlafe zusammen mit dem Zitronenkater erst mal ein paar Stunden. Das macht es besser und erträglicher, die warmen Decken um mich, das schnurrende Katerkind auf mir, die Sicherheit meiner Wohnung.
Die Therapeutin sagte wieder, dass es besser wird. Dass es irgendwann nicht mehr so unglaublich viel Raum einnehmen wird, dass es irgendwann nicht ständig hoch kommt und da ist und triggert und mich aus der Wirklichkeit zieht. Ich mag daran glauben, ich will hoffen können, will den Mut nicht verlieren weiter zu machen. Einatmen und ausatmen. Tag für Tag.

I’m so tired of being here

Ich fühle mich seltsam. Da und doch nicht da. Lebendig und gleichzeitig tot. Wie eine leere Hülle, die handelt, während ich gefühlt kilometerweit weg bin.
Ich habe aufgeräumt. Gekehrt. Die Pfandflaschen in die Tasche geworfen. Das Geschirr in die Spüle geräumt. Die Katerklos sauber gemacht. Und dann im Supermarkt Salat für die Meeris gekauft und im Drogeriemarkt neues Putzzeug, meine Schwester am Bahnhof aufgelesen und mit ihr Französisch gelernt. Wir haben gelacht und gelernt und Skip-Bo gespielt und Schokolade gegessen. Es war schön, doch ich war auch da nicht wirklich anwesend, nicht wirklich bei mir.
Heute Abend habe ich es geschafft mal halbwegs anständig etwas zu essen. Zum ersten Mal seit Sonntag, als ich bei Mama Mittagessen war.
Ich fühle mich furchtbar. Ich fühle mich nicht in meinem Körper und doch fühle ich ihn. Fühle seine Hände auf mir, fühle mich eklig und dreckig. Fühle Schmerzen, fühle Taubheit. Ich will jede Stelle zerschneiden, die ich erreichen kann, um jede seiner Berührungen wegzuschneiden.
Es ist einer dieser Tage, an denen ich fühle, wie sehr ein Leben durch sowas zerbrechen kann. Ich fühle mich kaputt, benutzt, dreckig, zersprungen in tausend Stücke. Es liegt nun so viele Jahre zurück, so viele. Und doch ist es so aktuell gerade, doch fühlt es sich so furchtbar an, doch… Doch bin ich gerade einfach furchtbar kaputt.
Und ich denke darüber nach wie es sein wird in ein paar Jahren. Ob nochmal zehn und nochmal zehn Jahre etwas ändern werden. Lebenslänglich heißt es oft. Ein Opfer erhält lebenslänglich. Und dann bin ich mir sicher, dass ich das nicht will. Dass ich nicht mein Leben damit verbringen möchte, dass ich nicht so weiter leben möchte. Keinen einzigen Moment länger, keinen einzigen Atemzug. Ich will nicht weiter so kaputt sein, mich so benutzt fühlen, so beschmutzt, so zerstört. Ich will das Ganze nicht. Dieses Leben. Nicht so.

These wounds won’t seem to heal
This pain is just too real
There’s just too much that time cannot erase

I’m unbroken 

Als ich aufwache ist es 3 Stunden später als geplant. Meinen Wecker habe ich einfach aus gemacht. Das geht bei dem Handy einfach zu leicht…
Katerkind kuckt mich verschlafen an, als ich aus dem Bett und ins Bad schieße. Ich mache mich im Schnelldurchlauf fertig, füttere den Zitronenkater und die Schweinemeerchen, ziehe dem Katerich noch eine Zecke auf dem Körper und gehe aus dem Haus. Gehe wieder zurück, weil ich meinen Geldbeutel vergessen habe und wieder raus und dann wieder rein, weil meine Fahrkarte auch noch drin liegt.
Im Zug mag ich mich in Luft auflösen. Er ist so voll und ich habe Kopf- und Nackenschmerzen, weil ich irgendwie doof gelegen habe.
In der Hauptstadt kaufe ich erst mal etwas zu trinken und nehme eine Schmerztablette.
Dann tapse ich zu meinem Psychiater. Der Aufzug ist kaputt, also geht es zu Fuß die Etagen nach oben, wo mich ein Schild empfängt, dass er Urlaub hat. Also sage ich der Sprechstundenfrau was ich brauche, was etwas länger dauert, da ich absolut nicht drauf komme welche Medikamente ich wann und wie nehme und wie sie heißen. Mein Kopf ist völlig leer. Als ich wieder unten stehe fällt mir nicht mehr ein, warum ich eigentlich in die Hauptstadt gefahren bin. Also setze ich mich auf eine Bank und rauche eine Zigarette und überlege, bis mir einfällt, dass ich zur Therapie muss.
Ich erzähle ihr von Ostern. Sie meint, dass ich meiner Mutter vielleicht irgendwann sagen muss, dass die Dinge die ich erlebt habe fuchterbar waren, sie aber keine Schuld daran hat. Vielleicht macht es das besser. Ich erzähle von meiner Waschmaschine, vom Katerkind und von Flashbacks. Von der Übelkeit manchmal und der Unfähigkeit dann irgendwas in den Mund so nehmen, von der Migräne und wie sehr die Übelkeit dann triggert, vom Kontrollverlust, der triggert, wenn ich Bedarf nehme. Sie sagt, dass es besser wird. Je mehr ich akzeptiere, dass es wirklich geschehen ist, dass es wahr ist, je mehr es wahr sein darf. Und ich glaube ihr zum ersten Mal, denn ich fühle wie es manchmal schon besser ist, wie es in manchen Momenten nicht mehr so viel Gewalt über mich hat, so viel Macht.
Nach der Therapie fahre ich nach Hause. Völlig erledigt und müde und mit dem Wunsch mich nur noch zu vergraben. Zwischen Bahnhof und daheim gehe ich noch einkaufen, vor allem für die Tiere.
Zuhause tue ich das einzige zu dem ich noch in der Lage bin: mich auf dem Sofa verkriechen, in die Decke wickeln, mit Katerkind bei mir. Ich pflücke noch eine Zecke aus ihm und schaue dann Serie, so lange, bis die Übelkeit in mir verschwindet, die Gedanken an den Missbrauch weniger werden, bis ich wieder etwas essen kann.
Morgen kommt meine Waschmaschinen. Endlich. Damit erledigt sich mein Chaos in der Küche dann auch, weil ich alles wieder an seinen Platz packen kann.

Den Zitronenkater musste ich gestern im Nachbargarten einfangen gehen. Der Weg von meinem Garten nach drüben war scheinbar einfach, zurück kam er wegen der hohen Umzäunung dann nicht mehr. Nochmal mache ich den Spaß aber nicht mit, beim nächsten Mal vertraue ich einfach darauf, dass er es irgendwann von selbst schafft den Weg nach Hause zu finden. Er war danach jedenfalls patschnass durch den Regen und so müde, dass er direkt nach ’ner Menge Wasser trinken und einmal putzen einschlief und sich auch dabei nicht wirklich stören lies, als ich ihn dann 3 Stunden später mit ins Bett genommen habe. Dort hat er sich auf meinen Füßen zusammengerollt und bis zu meinem Aufstehen geschlafen. Sehr anstrengend wohl so ein Ausflug durch die Welt.
Nun liegt er in meinen Kniekehlen und schnurrt glücklich vor sich hin, während meine Möhris an Paprika knabbern und ich immer müder werde.
Morgen muss ich noch in der Klinik anrufen und meinen Termin verschieben, weil ich noch Anfang nächster Woche zum Psychiater muss und zur Hausärztin zum impfen.

Every heartbeat, every breath 
Will show my will to fight 
Every scar upon my skin 
A path into the light 
When the past won’t fade away 
Nothing left to win 
I have all my soul to give 
I will not give in

Pfleger Arschkeks* mag Harry Potter nicht. Die Hexe will Kekse in Besenform. Cookie schläft friedlich auf dem Handtuch. Zitronenkater liegt in seinem Körbchen vom Kratzbaum und schaut mich aus halb offenen Augen an. Und ich, ja ich bin wach.
Ich habe Flashbacks. Fiese Flashbacks, die Schmerzen machen. Im Unterleib und da unten rum. Schmerzen, die eigentlich gar nicht da sind. Aber irgendwie doch. Und die Schmerzen machen Flashbacks. Und die Flashbacks Schmerzen und die Schmerzen… Ja. Ihr wisst schon. Und so rufe ich zitternd in der Klinik an mit unglaublicher Anspannung und lege wieder auf mit weniger Anspannung. „Ich mag keine Katzen“ sagte der Pfleger. „Sie sind ja auch nicht Alf“ erwidere ich. „Sie fangen ja an mich zu verarschen, dann ist es doch schon besser.“ Ich muss zwischendurch lächeln und lachen. Das Gespräch holt mich mehr runter, als alle Skills davor. Vielleicht war das eben der Skill, den ich gebraucht habe.
„Ich will, dass mein Name geändert wird“ meint der Pfleger, als ich sage, dass ich ja noch bloggen kann als Skill. Er meint, ich wäre nicht sonderlich kreativ bei der Decknamensfindung (wie denn auch nach Mitternacht und mit Flashbacks). „Ich kann Ihnen ja so schöne Spitznamen geben wie meinem Kater“ – „Welche denn?“ – „Arschkeks zum Beispiel.“ – „Pfleger Arschkeks ist okay. Aber nur für den Blog. Nicht bei den stationären Aufenthalten, das spricht sich sonst rum!“ Und so gibt es neben einer Hexe mit zwei Besen nun eben auch einen Arschkeks auf der Station. Und ich grinse und werde nun grinsend ins Bett gehen, Harry Potter als Hörbuch wieder anmachen, mich in die Kuscheldecke wickeln und an was schönes denken. An Kekse zum Beispiel. Ohne Arsch. Wobei Kekse toll sind, egal ob mit oder ohne.

Gute  Nacht Welt.

(*Name von der Redaktion geändert)

Fuck you, fuck you, fuck you.

Oftmals sagte meine Therapeutin „Schreiben Sie ihm“. Ein Brief, der nicht abgeschickt wird, keine Struktur braucht, eine Möglichkeit das Chaos, die Wut und den Schmerz loszuwerden. Oft habe ich angefangen, es aber nie zur einem Ende gebracht.
Es gibt so vieles, dass ich gerne schreiben würde. So viele Dinge, die in meinem Kopf und meinen Gefühlen sind, für die aber einfach die Worte fehlen. Es gibt so viele Augenblicke, so viele Momente, an die ich mich noch erinnern kann.
Mit 13/14 Jahren hatte ich meinen ersten Freund. P. ging mit mir in die selbe Klasse, er saß im Unterricht an dem Tisch neben mir. Wir haben oft Briefchen geschrieben über den langweiligen Unterricht, sogar eine Geheimsprache entwickelt.
Irgendwann gestand ich ihm meine Liebe und er mir seine. Ich war furchtbar verliebt damals, furchtbar glücklich. Er war bei mir zu Besuch, ich bei ihm. Lange habe ich gekämpft, dass er zu mir kommen darf. Eines Abends lagen wir zusammen in meinem Bett. Ich ohne Tshirt, er auch. Als du es gesehen hast bist du ruhig geblieben, bis P. weg war. Danach kam das Donnerwetter, die Schläge. Ich habe geheult, stundenlang. Als P. später anrief wie jeden Abend hast du ihm verboten jemals wieder zu kommen, jemals wieder anzurufen, und ich durfte auch nicht mehr zu ihm.
So endete unsere Beziehung dann auch bald. Weg gelassen hast du mich eh nie, auf keine Feiern und Feste. Und ohne telefonieren, ohne gegenseitige Besuche, tja. Somit hattest du meine erste Beziehung zerstört, meine erste große Liebe. Oft lese ich irgendwo, dass man die erste Liebe nie vergisst. Meine Erinnerungen daran sind aber geprägt i. von deinen Schlägen, von deiner Gewalt und deiner Wut.
Dann war da dieses eine Mal, bei dem du die Fernbedienung  gesucht hast. Du fragtest immer und immer wieder, wo ICH sie denn hingemacht hätte. Als ich irgendwann antwortete, dass ich sie ja wohl nicht gefressen habe, bist du ausgeflippt, wie so oft. Schläge, bis ich irgendwann behauptete, dass ich sie hatte aber nicht mehr weiß wo sie ist. Du hast oft auf mich eingeschlagen, bis ich irgendwas zugab, dass ich eigentlich gar nicht getan hatte. Letztendlich tauchte die verdammte Fernbedienung unter deinem Stapel auf dem Schreibtisch auf. Natürlich hatte ich sie da hingelegt, nicht du. Deine Fehler hast du so gut wie nie eingestanden.
Irgendwann, ich war noch im Kindergarten, hast du mir ein blaues Auge geschlagen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich so gut daran, weil du damals wolltest, dass ich lüge. Ich sollte erzählen, dass der Gurt im Auto kaputt sei und ich beim bremsen gegen den Vordersitz geknallt bin. Es ging eine lange Zeit so, dass ich diese Lüge erzählen musste, denn immer wieder fragte jemand nach, ob der Gurt repariert sei.
Ich weiß nicht wie viele Male du mir erzählt hast, dass ich nichts wert sei. Eine Schlampe, eine doofe Kuh, nichts würde ich jemals schaffen, außer Putzfrau zu werden. Du hast mich immer mit I. verglichen, einer Klassenkameradin. Sie war ja so hübsch und klug und sowieso bestimmt eine viel bessere Tochter als ich. I. ging relativ früh mit schlechten Noten vom Gymnasium ab, hat soweit ich weiß bis heute keinen Schulabschluss und keine anständige Ausbildung. Aber trotz allem war sie immer besser, hübscher, klüger, toller. Wie sehr sowas einem Kind wehtut, dass war dir völlig egal.
Brachte ich eine 3 nach Hause war direkt klar, dass aus mir nichts wird. Dass ich dumm bin, nichts kann. War es eine 2, dann hätte es ja besser sein können. Und bei einer 1 hieß es, dass andere das auch schaffen, das wäre keine Leistung. Ich konnte also tun was ich wollte.
Wie oft hast du mich in mein Zimmer geschickt. Ohne Mittag- oder Abendessen.
Essen war für dich sowieso wichtig. Dass ich bestimmte Sachen nie mochte war dir dabei egal. Dass der Geschmack mich zum würgen und erbrechen brachte auch. Ich musste es dennoch essen. Wollte ich etwas nicht, so war das für dich der direkte Beweis, dass ich ein undankbares Stück Dreck bin. Wollte ich keinen Nachschlag, dann war es natürlich nicht lecker und ich also direkt wieder undankbar.
Und so habe ich bis heute Probleme mit dem Essen. Oftmals ist es ein totales Chaos, manchmal esse ich bis mir schlecht wird und übergebe mich, manchmal esse ich tagelang kaum etwas. Essen war „Zuhause“ gleichbedeutend mit Liebe. Böses Kind, kein Essen. Gutes Kind, Essen. Kein Nachschlag, böses Kind, kein Essen. Nachschlag, gutes Kind, also gibt es Essen. Deine verquere Welt ist so tief in mir verwurzelt, dass es mir selbst nach fast 10 Jahren Freiheit ohne dich noch schwer fällt aus diesen Mustern auszubrechen.
Du hast dich immer beschwert, dass ich viel zu wenig helfe. Meine Wäsche durfte ich nicht selbst waschen, das könnte ich schließlich nicht. Habe ich gekocht oder gebacken meintest du immer, dass man nun die Küche renovieren müsste. Habe ich geputzt, war es natürlich nicht sauber, weil ich das nicht richtig mache. Deinen unterschwelligen Putzzwang habe ich immer schon mit Chaos im eigenen Zimmer bekämpft. Und bis heute finde ich pure Ordnung furchtbar, denn bei dir war das immer gleichbedeutend mit steril und „bloß nichts anfassen“.
Und dann gibt es noch diese unzähligen Momente, in denen du mir an den Po gefasst hast, drüber gestreichelt hast, selbst als ich schon ein Teenie war. Ich habe so oft gesagt ich mag das nicht, ich will das nicht. Aber für dich war ich dein Eigentum, schließlich hast du dazu beigetragen, dass ich auf der Welt bin und mich groß gezogen, also darfst du auch tun was du willst. Und das war mehr als nur den Po anfassen.
Wenn irgendwas nicht so lief wie du es wolltest, meistens nachdem du mich verprügelt hattest und ich unerklärlicherweise weinte, hast du mir immer gedroht mich zu meiner Mutter zu schicken. Denn ich sei ja genauso bekloppt, gestört, unfähig, doof. Diese Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Für mich war das die Drohung schlechthin, denn du hast mir jahrelang eingeredet, dass die psychisch gestört ist und nicht in der Lage ein Kind aufzuziehen. Und deine Manipulation hat auch bewirkt, dass ich dir geglaubt habe, dass sie mich überhaupt nicht liebt.
Und was auch immer zog war die Drohung, dass du dich umbringst wenn ich nicht mehr bei dir lebe. Denn schließlich würdest du mich über alles lieben, ich wäre das Beste auf der Welt, das einzig wichtige. So hast du mich aber nie behandelt.
Also habe ich immer gesagt, dass ich mich bessere (dabei habe ich nie was getan, was deine Gewalt rechtfertigen würde), gebettelt bei dir bleiben zu dürfen.
Hättest du deine Drohungen doch bloß wahr gemacht. Mein Leben wäre anders verlaufen, ich wäre jetzt vielleicht nicht ganz so kaputt wie ich es eben bin.
3 Jahre lang ging ich in Therapie bevor die Freiheit kam, 3 Jahre lang sagte mir meine Therapeutin immer und immer wieder, dass ich da raus muss. Aber meine Angst war einfach zu groß. Die Angst vor deiner Reaktion, wenn das Jugendamt ein Gespräch mit dir sucht, die Angst vor dir, wenn wir danach wieder alleine sind und du wieder wütend wirst.
Mein Körper ist voller Narben. Verlorene Kämpfe, die ich bis heute gegen mich führe. Ich bin kaputt. Du hast mir meine Kindheit und meine Jugend genommen und zerstört. Ich musste immer auf der Hut sein vor deiner verqueren Welt, in der die Dinge, die gestern noch richtig waren, im heute zu unberechenbaren Ausbrüchen führten.
Ja. Es gab auch schöne Momente. Aber was bringen schöne Momente in einer Kindheit und Jugend voller Angst und Gewalt. Jeder Schlag, jede psychische Gewalt, hat 100 schöne Momente zerstört und kann selbst durch 1000 schöne Momente nicht mehr ausgewogen werden.
Statt einem liebevollen Zuhause habe ich bei dir nur Unberechenbarkeit, Gewalt, Kontrolle, Beleidigungen und Angst gefunden. Jahrelang war das mein Alltag.
Unzählige Kämpfe. Unzählige Narben. Aber den Kampf um meine Freiheit habe ich gewonnen. Den Kampf um ein Leben ohne dich darin, zumindest nicht mehr physisch. Ich habe um ein Leben ohne dich gekämpft und es gefunden. Ein Leben jenseits deiner Vorstellungen und deiner Kontrolle.
Für dich habe ich nur noch ein großes „Fuck you“. Für all den Schmerz, die Angst, die Trauer und Wut, die du in mein Leben gebracht hast. Und für all die Momente, in denen ich bis heute kämpfe, um dich und das Geschehene nicht mein Leben bestimmen zu lassen.
Fuck you!

Do you really enjoy living a life that’s so hateful?
‚Cause there’s a hole where your soul should be
You’re losing control of it and it’s really distasteful
Fuck you
Fuck you very, very much
‚Cause we hate what you do
And we hate your whole crew
So please don’t stay in touch
Fuck you
Fuck you very, very much

und ist der Weg auch noch so weit

Der Tag heute war, ja was eigentlich? Gut, interessant, hart, anstrengend, schön?
Eigentlich wollte ich heute morgen gar nicht raus, überhaupt nicht aus dem Bett, meine Mama anrufen und absagen. Letztendlich habe ich mich dann doch aus dem Bett gequält, nachdem mein Handy zehn Mal laut „Baaanaaaanaaaa“ geschrien hat. Wenn meine Schwester mir schreibt oder mich anruft, dann gibt es immer Töne von sich, egal ob lautlos oder nicht. Ist ja auch gut so und war heute eben auch gut. Jedenfalls bin ich dann nach dem ganzen Baaanaaaanaaaa doch los in die Hauptstadt zur Körperwelten-Ausstellung. Die war wirklich interessant und gut, nur manche Dinge fand ich persönlich einfach schlimm, beispielsweise die Adern im Arm (die ich mir ja tatsächlich mal aus Versehen angeschnibbelt habe) oder alles was mit Sprunggelenk zu tun hat, weil ich dann jedes Mal das Gefühl hatte es bricht grade wieder. Bäh.
Aber das war eigentlich gar nicht das interessante an dem Tag, bzw. nicht das interessanteste. Mein Großonkel war nämlich auch dabei. Der Bruder der Mutter meiner Mutter. Und er fuhr mich anschließend heim. Der Spaß dauerte Dank Vollsperrung der Stadtautobahn nur ca. 3 Stunden anstatt der sonstigen höchstens 45 Minuten. Durch Deutschland ging gar nichts, die komplette Stadt bis in die Vororte dicht, also haben wir den Weg übers Ausland genommen, dort ging es zwar auch langsam voran, allerdings doch deutlich schneller als durch Deutschland.
Naja, jedenfalls hatten wir auf den 3 Stunden Weg genug Zeit zum reden, waren danach noch Sushi essen und einen Kaffee trinken und wollen uns in Zukunft auch wieder treffen. Denn, ich will mehr über mich und meine Vergangenheit und die meiner Eltern wissen. Und das findet er auch gut. Er wusste nicht, dass ich _so wenig davon weiß. Sonst hätte er mir das schon früher erzählt.
Mein Opa litt unter Psychosen. Meine Oma führte jahrelang eine Beziehung mit einer Frau. (der Verdacht stand lange im Raum, die Gewissheit habe ich jetzt.)
Und ich will wissen was damals passiert ist. Vor 23 Jahren, als mein Vater das Sorgerecht bekam. Ich will die Akten sehen, will Gewissheit über das Damals.
Ich werde der Mitarbeiterin des Jugendamtes schreiben, die nach der Inobhutnahme für mich zuständig war und fragen, wie ich an die Akten eines anderen Bundeslandes komme. Und ich werde hier anrufen und fragen, wie ich an die Akten hier komme.
Vielleicht ist es Zeit, dass ich nach den ganzen Jahren voller Lügen und Schweigen endlich eine Antwort finde.
Und ja, auch mein Großonkel sprach mich darauf an, ob es sein könnte, dass mein Vater mehr gemacht hat. Manchmal frage ich mich, ob wirklich alle etwas geahnt haben, ob jeder das dachte oder irgendwann fast sicher war, alle außer mir. Und vielleicht hilft mir das auch ein Stück weiter beim akzeptieren und annehmen. Ich bin nicht irre, ich bilde mir nichts ein. So gerne ich das auch manchmal einfach sagen würde. „Ja, es ist nur mein kranker Kopf.“ Aber das ist es nicht. Die Vergangenheit war da, sie wird auch immer so bleiben wie sie eben war.
Ich will diese Akten. Ich will wissen was war.
Und übrigens hat meine Mutter auch meinem Großonkel erzählt, dass das mit dem Missbrauch gar nicht sein kann. Mein Vater wäre ja schwul und würde seit Jahren in einer Beziehung mit einem Mann leben. Und es tut verdammt weh, dass sie einfach nicht hinter mir steht, sondern lieber so einen Mist in die Welt setzt. Dann soll sie doch einfach nichts sagen. Und selbst wenn er schwul wäre (ich kenne keinen homophoberen Menschen als meinen Vater, keinen größeren Rassisten, niemanden, der intoleranter ist. Mit seiner eigenen (lesbischen) Schwester redet er kein einziges Wort mehr.) schließt das ja nicht aus, dass er das getan hat. Wahrscheinlich ist meine Persönlichkeitsstörung einfach vom Himmel gefallen. Manchmal mag ich ihr wirklich vor die Füße kotzen!

Und am dunklen Horizont.
siehst das weit entfernte Licht
und du traust dich wieder nicht
den Schritt zu gehen.
Doch bleib nicht stehen,
denn gehst du weiter wirst du sehen
und vielleicht auch bald verstehen,
dass es das Ziel ist das uns treibt