weil dir nie jemand erklären konnte, wie man Vergangenheit in „Sonst“ verstaut

Vor einigen Jahren habe ich mit dem Linchen mal Narben angemalt. Es ging um die verquere Selbstwahrnehmung. Und weil sie aktuell mehr als verquer ist, weil ich mich so sehr nach neuen Wunden sehne, weil die Narben doch gar nicht schlimm sind und doch eh nur ein paar wenige, weil ich es so gar nicht sehen kann…

… hab ich mir vorhin Farbe geschnappt.

Und jede Narbe zahlt sich aus,
ist in schlechten Tagen Mahnmal
und in guter Zeit Applaus.

Es löst vieles aus. Es zeigt mir auf eine erschreckende Art und Weise, dass es vielleicht doch nicht so „wenig“ und so „harmlos“ ist. Es gibt mir ein wenig Bestätigung, dass die Vergangenheit wirklich schlimm war. Dass ich wirklich diesen Weg gehen musste um zu überleben. Und es macht mich traurig, weil es nötig war diesen Weg zu gehen um zu überleben. Es zeigt mir aber auch, dass ich stolz sein kann, denn seit langer Zeit sind dort keine frischen Wunden mehr.

Es sind viele Gefühle. Aber es hilft, es tut gut. Es bringt die Realität und meine Wahrnehmung ein wenig mehr in Einklang, es hilft dem Körpergefühl, es lenkt ab.

Im Anschluss schnappe ich mir im Bad die kleine Dose mit dem Peeling, das Frau S. mir damals in der dbt gemixt und in die Hand gedrückt hat. Ich rubbele mir damit und mit einer ordentlich kalten Ladung Wasser die Farbe von den Armen, spüre mich dabei so intensiv wie lange nicht mehr.

Vorhin hat es nicht funktioniert mit dem Schlafen. Aber nun bin ich deutlich weniger angespannt, deutlich mehr im Hier und Jetzt und in meinem Körper. So und mit einer Portion Bedarfsmedis klappt es nun hoffentlich.

Du kommst so selten oben an
und wenn dann nur an schlechten Tagen,
wenn man vom Leben gar nichts sehen kann.
Sind deine Taschen voller Staub,
weil dir nie jemand erklären konnt‘,
wie man Vergangenheit in „Sonst“ verstaut.
Mädchen, selbst wenn du verbrennst,
solang’s noch schimmert.
Bleibt hier alles halb so schlimm,
solang’s noch schimmert.
Nichts ist wichtig, nichts egal,
solang’s noch schimmert.
Solang du schimmerst!

„Crazy“ is, I believe, the medical term

Meistens fallen mir die Narben an meinen Armen gar nicht mehr auf. Sie gehören einfach zu mir, genau wie die Arme, auf denen sie sich befinden oder die ganzen Bänder an meinen Handgelenken. Ich beachte sie meistens nur, wenn sie anfangen zu jucken, oder der Herr Zitronenkater mir beim Spielen Kratzer an den Armen verpasst hat. Und da sich ziemlich viele Narben auf den Armen befinden ist die Wahrscheinlichkeit welche zu sehen, wenn ich Kratzer versorge, relativ groß. Ansonsten betrachte ich sie manchmal, wenn ich darauf angesprochen werde. Als wirklich „schlimm“ empfinde ich sie äußerst selten und bin völlig irritiert, wenn andere sie so sehen. Eine Mitpatientin in der DBT sagte mir irgendwann, dass sie beim Vorgespräch meine Arme gesehen hat und danach erstmal völlig schockiert und auch davon überzeugt war, dass sie die Therapie nicht braucht. Zwei Mitpatientinnen in der Reha sagten mir, dass sie meine Arme wirklich schlimm finden. Und ich stehe dann da und versteh die Welt nicht mehr, weil die „paar Kratzer“ doch nicht schlimm sind… 

Die Narben am Sprunggelenk hingegen, die ich von den 3 OPs nach dem Bruch habe, stören mich ungemein. Dabei sind sie fast verblasst und größtenteils nicht so breit wie die auf den Armen. Völlig kaputte Wahrnehmung. 

Jedenfalls saß ich gestern auf dem Sofa, habe meine Armbänder betrachtet und die am linken Handgelenk nach unten geschoben. Dort finden sich Narben, die nun über 15 Jahre alt sind. Weiß, jedoch nicht so feine Linien wie die anderen Narben aus dieser Zeit. An dieser Stelle war mein „Versteck“. Durch die Armbanduhr, die ich trug, immer verdeckt. Die Stelle, die ich immer und immer wieder nutzte um mich zu verletzen, vor allem im Sommer, damit niemand es sieht. War es doch mal zu wenig Platz, dann wickelte ich mir ein Tuch ums Handgelenk, für viele einfach ein modisches Accessoire, für mich die Möglichkeit meine „Überlebenstrategie“ zu verheimlichen. 

Nur wenige Narben kann ich genau zuordnen. Die beiden am Oberarm zum Beispiel, ich erinnere mich noch an die Verletzung und an den Chirurg in der Ambulanz, der eigentlich Schönheitschirurg war und auf seinen Job in der Ambulanz, und dann auch noch auf so ’ne Irre, die sich selbst verletzt, gar keinen Bock hatte. Dementsprechend sehen die Narben auch aus. Und ich kann die „neueren“ Narben aus den letzten zwei Jahren noch von denen unterscheiden, die aus der Zeit davor stammen. Ich weiß gar nicht mehr wie lange ich frei von Selbstverletzung war. 3 Jahre? Oder 4?Niemals hätte ich gedacht, dass es wieder so abwärts gehen könnte, dass die Selbstverletzung mich nochmal so sehr einnehmen würde. 

Und nun sitze ich hier und es trennt mich nur noch etwas mehr als ein Monat von dem Jahrestag der letzten Selbstverletzungen. Fast ein Jahr. Niemals hätte ich das vor einem Jahr gedacht. Ich erinnere mich noch daran, dass Pfleger Arschkeks mir Smileys auf den Arm malte für die Tage ohne. 5 Smileys für 5 Tage. 10 Smileys für 10 Wochen. Und nun haben sich die Tage summiert und ich zähle nicht mehr in Tagen oder Wochen sondern schon in Monaten. Das war ein großer Halt in den letzten Monaten. Die Erinnerung daran, der Wunsch ihm von dem erreichten Jahr zu erzählen. Und A., mit der ich zusammen feiern will. Und einfach der Wunsch das hinter mir zu lassen, die Erkenntnis, dass ich ein Stück mehr Lebensqualität zurück möchte, die Entscheidung für den neuen Weg, meine Mädels als Unterstützung. 
Die Tage vergehen. Morgen Nachmittag beginnt schon wieder ein Wochenende, ich frage mich, wo die Woche hin ist. Den Montag habe ich größtenteils in Anspannung und Dissoziationen verbracht, den Dienstag zuhause und beim Psychiater, der Mittwoch war ziemlich kurz und heute ist auch schon fast vorbei. Die Gespräche mit dem Therapeuten und die Gruppen tun mir gut, auch das Miteinander mit ein paar tollen Mitpatientinnen. Der Therapeut sagte mir heute, dass ich eine Woche länger bleiben werde, ich finde das gut. Außerdem gab er mir die Kontaktdaten eines Therapeuten, der lange in der Klinik war und sich Traumatherapie macht, mittlerweile hat er eine eigene Praxis. Ich könnte hin, er ist allerdings nicht kassenärztlich zugelassen. Also muss ich mal bei meiner Krankenkasse nachfragen, wie es generell aussieht mit Kostenerstattung. Und dann gegebenenfalls das ganze Prozedere durchziehen und mir zumindest die 5 Probesitzungen dann anschauen. Falls es klappt und mit ihm passt, dann wäre das eine prima Sache für die 2 Jahre, die ich nun bei meiner derzeitigen Therapeutin zwangsläufig pausieren muss. 

Es ist viel und es ist anstrengend, aber es ist auch gut. Und ich freue mich unglaublich auf das Wochenende, auf Ausschlafen und länger wach bleiben. Und außerdem muss ich dringend ein paar Sachen hier machen, vor allem aufräumen und so ’nen Kram. 

I don’t like pain, but I bring it to life 

I don’t like scars but I am good with a knife 

I don’t like tears when I’m starting to cry 

And then I realize I’m destroying my life

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Und grad‘ deswegen 

Während ich am Strand liege, mit Meersalz in den Haaren und Sonne auf der Haut, betrachte ich meinen Körper. Er ist momentan völlig ohne Wunden, ein seltener Anblick. Denn selbst seitdem ich aufgehört habe sie mir selber zuzufügen waren da immer welche. Schließlich wohnt ein kleines wildes Katerkind bei mir. 

Ich betrachte meine Arme mit den Narben, die sich momentan entweder rot oder weiß von meiner Haut abheben. Und meine Beine, auf denen die Narben als deutliche Linien sichtbar sind, etwas dunkler als die Haut darum. 90% der Narben, vermutlich sogar mehr, stammen von mir selbst. Der Rest verteilt sich auf Unfälle, Operationen und eben einige Jahre des Zusammenlebens mit diversen Katzen. Auf meinem Oberarm erkenne ich momentan deutlich die Stelle, an der ich mir vor 13 Jahren den Namen meiner ersten großen Liebe in die Haut schnitt. Und ich muss lächeln, denn damals dachte ich, dass der Liebeskummer mich umbringen würde. Und dann fängt es an zu schmerzen, denn zum größten Teil Schuld am Ende dieser ersten Beziehung meines Lebens war mein Vater. Er verbot mir damals den Kontakt, verbot ihm anzurufen oder vorbei zu kommen, verbot mir zu ihm zu fahren oder ihn anzurufen. Und daran scheiterte diese erste große Liebe. Ich muss auf die Stelle am Handgelenk blicken, dort wo sich weiße Narben kreuzen. Immer und immer wieder habe ich damals an diesen Stellen geschnitten, denn ich konnte sie unter der Uhr oder Armbändern verbergen. Damals, als ein, zwei Schnitte noch reichten um den Druck in mir loszuwerden, klein und oberflächlich. Die meisten der noch roten und deutlich sichtbaren Narben auf meinen Armen stammen aus den letzten 19 Monaten. Sie markieren einen Tiefpunkt in meinem Leben, an den ich eigentlich nicht mehr kommen möchte. Aber gleichzeitig blicke ich auf meinen Körper und sehe neben den ganzen Narben vor allem eins. Eben nichts. Keine frischen Wunden, keine neu entstehenden Narben. Und ich bin doch ein klein wenig stolz auf mich, dass ich die ganzen schweren Momente schaffe ohne mir eine Rasierklinge in den Arm zu stecken. Bald steht die DBT an. Es macht Angst und es macht Hoffnung. Was es sonst mit sich bringt wird sich dann zeigen. Und mit der Zeit. 

In ein paar Tagen steht mein nächster Klinikaufenthalt an. Ich will besprechen wie es dann weiter gehen wird. Nach der DBT. Ich habe Angst den Halt der Klinik zu verlieren, auch wenn ich weiß, dass sie immer da sein wird. Ich habe Angst, dass ich nach 14 Wochen DBT nicht mehr mit der Welt draußen klar komme, mit mir alleine, mit meinem Alltag. Ich habe Angst vor dem was kommt, vor der DBT, vor dem Danach. Aber es ist der Weg, den ich gehen werde. 

Langsam aber sicher wandern meine Gedanken in Richtung Abreise. Noch zwei Tage bleiben uns, bevor es am Mittwochmorgen erst zurück nach Deutschland und dann zurück nach Hause geht. Durch die Zeitverschiebung gewinnen wir eine Stunde, was mir sehr gelegen kommt. Denn ich will zurück in Deutschland möglichst schnell in meine 4 Wände, zu meinem Katerkind und meinen Schweinchen. Möglichst viel Zeit dort verbringen, bevor ich am nächsten Morgen in die Klinik gehe. 

Und ich weiß, dass ich zurückkehren werde auf diese Insel. Irgendwann. Denn ich habe mich verliebt, zwischen dem Meer und dem Gebirge, zwischen alten Sagen und modernen Geschäften, zwischen Kilometern unbewohntem Gebiet und Großstädten, zwischen den Zikaden in Olivenbäumen und den ausgetrockneten Ebenen. Ich habe mich verliebt in diesen Flecken Erde, der genau wie ich so voller Gegensätze, voller Extreme steckt. Ich werde zurückkehren und das ist gut, denn es bedeutet, dass ich noch leben werde und tue, was mich oft so sehr am Leben hält und mich leben lässt. Reisen.

Never gonna know if you never even try

Ich wache ausnahmsweise mal rechtzeitig auf und habe noch über zwei Stunden Zeit, bis ich zum Bus muss.
Also kraule ich das Katerkind ausgiebig, bis er auf meinem Schoß nochmal einschläft, hänge ein wenig im Internet, werde langsam wach. Irgendwann beschließe ich, dass ich doch keine Lust hab zu duschen, die Dusche gestern abend muss reichen und es gibt noch ein wenig Dusche aus der Dose dazu. Irgendwann ziehe ich mir dann die Kapuze über den Kopf, schnappe meinen Beutel und mache mich auf in den Regen und zum Rathaus um meinen Ausweis abzuholen. Auf dem Rückweg mache ich noch einen Abstecher zur Apotheke, wo ich wieder mein übliches Finalgon-Fenistil-Problem habe. Ich werfe die beiden immer durcheinander und die Frau Apotheke schaut mich verwundert an, als ich Finalgon mit Cortison will. Dann müssen wir beide lachen und ich mache mich mit meiner Fenistil auf den Weg zum Bus, auf zum Bahnhof und Richtung Hauptstadt um mich mit M. zu treffen.
Es ist schon verrückt wie das Leben manchmal spielt. Wir haben fast ein Jahr zusammen gearbeitet, haben uns quasi fast jeden Tag gesehen. Dass wir beide ein ähnliches Chaos in uns tragen ahnten wir vielleicht, konnten es aber nie mit Sicherheit sagen. Als sie mich dann irgendwann anonym übers Forum anschrieb war ich erst erschrocken, weil ich nicht wusste wer sie ist und wie sie mich gefunden hat, danach dann erstaunt und auch froh, dass es einen weiteren Menschen in meinem Leben gibt, der so gut versteht womit ich kämpfe. Seitdem treffen wir uns hin und wieder, die Zweier-Borderline-Gang, gehen essen und Shisha rauchen und versuchen beide für eine Weile zu vergessen welcher Kampf in uns tobt. Diese kleinen Auszeiten tun gut. Und so machen wir unser übliches Programm, stöbern noch durch zwei Kaufhäuser, werden nass vom Regen und quatschen.
Zuhause kriege ich einen kleinen Putzanfall und mache so immerhin ein bisschen Ordnung, damit morgen nicht mehr so ein riesen Berg zu tun ist. Denn morgen steht das übliche Programm für den Tag vor der Klinik an: aufräumen (denn schließlich gehen ja andere Menschen in meine Wohnung…), packen, nochmal für die Tiere einkaufen, Filme/Serien runter laden und die Schweine ausmisten.
Ich bin froh, wenn ich am Mittwoch in dir Klinik fliehen kann. In den letzten Wochen gab es gefühlt kaum einen Tag, an dem ich nicht irgendwas getan habe, Menschen um mich hatte, zu Terminen musste… Ich bin einfach erledigt. Und müde. Müde vom kämpfen, vom stark sein, vom durchhalten.
70 Tage ohne Selbstverletzung sind es nun, wenn ich es mindestens bis nach dem Urlaub durchhalte (und das will ich auf jeden Fall, erstens habe ich keinen Nerv für Diskussionen mit meiner Mutter, zweitens ist Sonne und Strand und Meer mit frischen Wunden echt scheiße…) habe ich also schon über 100. Wieder dreistellig. Ich freue mich darauf, weil es ein Ziel ist, dass ich schon lange wieder erreichen will. Andererseits macht es mir Angst, denn mit jedem Tag der vergeht habe ich das Gefühl, dass ich mehr wegwerfen würde, wenn es wieder passiert. Zehn Wochen sind nicht wenig und ich würde mich nun schon ärgern mir das zu „versauen“. Aber dann wieder über 100 Tage? Da „versaue“ ich mir ja noch mehr. Meine erste Therapeutin sagte immer, dass ich diese Tage nicht verliere. Dass ich sie geschafft habe, auch wenn ich wieder schneide, dass sie ein Stück des Weges zur Besserung sind, ein Stück Kampf, und nie verloren gehen werden, weil ich sie ja geschafft habe. Es fällt mir schwer das zu sehen. Genau wie die anderen Erfolge. Es ist schwer so zu denken und noch schwerer es irgendwie zu fühlen. Es kostet so unglaublich viel Kraft derzeit, diese ganzen Gedanken um die Selbstverletzung, um die Sehnsucht nach dem Schneiden, um die verblassenden Narben. Alles Themen für die Klinik. Vielleicht kann ich irgendwas davon angehen, bei irgendwas davon weiter kommen. Nur ein wenig würde reichen, das wäre schon eine Erleichterung.

And you’ll be on the walls of the hall of fame
You could go the distance
You could run the mile
You could walk straight through hell with a smile

Denn manchmal frag‘ ich mich: Wer bin ich hier, Was mach‘ ich hier, Und wofür?

Heute morgen beim Aufstehen knickte mir mein linkes Bein einfach weg. Nach ein paar vorsichtigen Schritten war mir klar, dass mein Knie mal wieder spinnt. Die Probleme habe ich schon immer, weil das Gelenk und die Gelenkpfanne nicht genau ineinander passen. Schlimm wurde es in der Pubertät, da habe ich mir regelmäßig die Kniescheibe irgendwo hin geschoben, wo sie nicht hin gehört und bin manchmal ewig die Treppen hoch und runter, um sie wieder an ihren Platz zu bekommen. Nachdem ich mir das linke Sprunggelenk gebrochen habe war es längere Zeit gut, da ich das linke Bein drei Monate nicht wirklich belasten durfte. In letzter Zeit tut es öfter mal wieder weh, das habe ich besonders nach meinen Touren durch Berlin, Hannover und Hamburg gemerkt. Und eben heute, also habe ich meine Bandage wieder ausgepackt. Ich mag das nicht, aber damit kann ich wenigstens ohne allzu große Schmerzen laufen.
Nachdem ich den Morgen in aller Ruhe mit Tee und Buch und Katerkind verbracht habe bin ich vorhin zur Klinik gelaufen um R. einen Besuch abzustatten, bevor er am Montag für längere Zeit in eine weiter entfernte Klinik geht. Auf dem Rückweg war ich kurz noch im Supermarkt, nun bin ich zuhause, werde mir gleich etwas zu essen machen und später mein Bad umdekorieren, Pflanzen dafür war ich schon gestern besorgen. Meine Fliesen sind grünlich, meine Fußmatten orange und ich will es ein wenig asiatisch angehaucht machen, mit Bambus und sowas.
Katerkind ist draußen unterwegs, ich hoffe er kommt auch heute nochmal zurück und diesmal ohne Zeckengeschenke.
Ansonsten geht es mir heute gut. Ich habe das erste Mal seit langem überhaupt gar kein Bedürfnis mich zu verletzen, sonst war es zumindest unterschwellig immer vorhanden. Vielleicht komme ich nach nun 6 Wochen ohne tiefer zu schneiden (und fast 3 Wochen ganz ohne) wieder in die Phase, in der es eine Weile leichter ist. Ich hoffe es bleibt ein paar Tage so erträglich, ich habe keine Lust auf kämpfen und skillen und durchhalten.
Gestern Abend war es eine Zeit lang kritisch, dieses übliche abstürzen nach einem guten Tag. Also lag ich im Bett und habe mir immer wieder gesagt, dass es okay ist. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Einatmen und ausatmen. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Der Tag war gut und er bleibt auch gut. Immer und immer wieder, bis die Worte in meinem Kopf von alleine abliefern, bis ich müde wurde und mich in meinen Decken vergraben habe und irgendwann einschlief mit den Worten im Kopf.
Ich blicke auf meine Arme und kann zum ersten Mal seit langem sagen, dass ich es schlimm finde, wie sie aussehen. Ich habe die Tage Bilder durchgeschaut. Bilder von vor 2 Jahren, auf denen keine dicken roten Linien zu sehen sind und die einzigen sichtbaren Narben sich blass und weiß auf meiner Haut abzeichnen, aber auch nur wenn man weiß wo sie sind. Ich habe mir Bilder von alten Verletzungen angeschaut (ja, davon habe ich Bilder, weil es mir manchmal hilft sie zu sehen um zu wissen, was ich mir nun eigentlich nicht antun mag), bei denen um die frischen Schnitte nicht überall Narben zu sehen sind.
Und heute saß ich in der Sonne und sehe die hunderte von feinen Linien, die sich auf meinen Unterarmen tummeln, die ganzen Narben, die man nur sieht, wenn man genau schaut. Narben, die teilweise nun 16 Jahre alt sind, damals noch von feinen Wunden, die nicht in die Tiefe gingen.
Vor ein paar Jahren habe ich mit dem Linchen aus Quatsch mal alle sichtbaren Narben nachgemalt. Es war schon damals erschreckend, heute will ich es erst gar nicht mehr tun. Ich wünsche mir, dass diese Gedanken mal dann da sind, wenn ich so enormen Druck habe, dass ich denke es zerreißt mich. Dass diese Gedanken dann auch im Kopf sind und mich davon abhalten. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwann kommen wird, dass irgendwann auch klare Gedanken möglich sind, wenn meine ganze Welt sich nur noch um die Rasierklinge dreht.

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Ich will den Sommer durchhalten. Will ohne Verband und lange Ärmel die Sonne genießen. Und ich will es noch länger schaffen. Weiter und weiter und irgendwann wieder das Jahr voll haben, dann die 2, dann die 3. Will, dass es wieder einfacher wird, dass die Momente, in denen ich mich verletzen will, wieder weniger werden. Schritt für Schritt. Skill für Skill. Tag für Tag.

Man kann sicher nicht behaupten
Dass es besser wär, wenn es anders wird
Aber anders muss es werden
Wenn es gut werden soll

In den Straßen von Berlin

Ich bin erledigt. Völlig. Aber positiv erledigt.
Mit jeder Minute mehr hier spüre ich, dass es die richtige Entscheidung war hier her zu fahren.
Ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der meine Füße mich vom ZOB zur U-Bahn und von der Haltestelle zum Hostel getragen haben.
Die Selbstverständlichkeit, mit der ich den Weg an den Botschaften und frierenden Polizisten gegangen bin in Richtung Unter den Linden und zum Brandenburger Tor. Und den bekannten Geruch und das Geräusch der U-Bahnen, der Menschen um einen rum.
Nun sitze ich frisch geduscht in bequemen Klamotten in der Lobby rum und schaue Walking Dead und schreibe hier. Gleich werde ich ein letztes Mal für heute vor die Türe gehen und eine rauchen und dann ins Zimmer tapsen und in mein Bett fallen. Bevor ich schlafen kann, muss ich eben dieses allerdings ein wenig frei räumen, da ziemlich viel darauf verstreut liegt.
Bisher habe ich 2 meiner Mitbewohner kennen gelernt. Ein Texaner, der spontan nach Griechenland flog und dort Lust auf Currywurst bekam. Nun wird er ein Semester in Berlin verbringen, bevor er in Texas weiter studiert.
Der andere ist ein Mann im mittleren Alter, der beruflich in Berlin ist. Von ihm bekam ich etwas zu hören, was ich bisher noch nicht gehört habe. „Was hast du da an den Armen? Das sieht ja interessant aus.“ Als interessant würde ich das Muster auf meinen Armen nun nicht bezeichnen.
Bevor ich dann unter meine Decken krabbel werde ich mir ein Wärmepflaster auf den Rücken packen, denn der ist von 11 Stunden Bus, den ganzen Tag rumrennen und die kleine Hexe im Rollstuhl schieben ordentlich erledigt und hat mich die letzten Meter zum Hostel fast umgebracht.
Ich war unglaublich viel unterwegs heute. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich eine quasi schlaflose Nacht hinter mir habe und seit nun fast 40 Stunden auf den Beinen bin.

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Ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der meine Füße mich einfach weiter getragen haben, trotz der Schmerzen.
Ich mag es um halb zehn abends in den Supermarkt zu gehen, weil ich noch eine Cola will.
Ich mag es mich mit den Menschen treiben zu lassen.
Und es fühlt sich gut an jetzt zu unglaublich erledigt hier zu sitzen. Unglaublich erledigt, aber unglaublich frei und glücklich.

Hat dein Herz auch Narben
Deine Tür bleibt immer auf
Ob du weißt, wie gut du tust
Bei dir regnet’s auch im Sommer
Und dein Schnee wird so schnell grau
Und du schreist, wenn du fluchst