Und wenn alles zuviel wird, dann zieht mein Körper die Notbremse. Mal wieder.

Montag nach der Klausur bin ich zu Mama und wollte von dort aus eigentlich nur kurz nach Hause, das Katerkind und die Quietschnasen füttern, ein paar Sachen holen und wieder zurück. Pustekuchen. Bis in die Hauptstadt schaffe ich es, dann wirft mich die Panik um. Nichts geht mehr, kein Zentimeter vor, kein Zentimeter zurück. Welle um Welle, bis die Übelkeit kommt, sich mit der Panik abwechselt, bis der Kreislauf anfängt zu streiken. Bis ich irgendwann dann doch zu Tavor greife, atme, bis D. mich per WhatsApp begleitet zum Gleis und im Zug und letztendlich bis vor meine Haustür. An nochmal raus gehen oder zu Mama zu fahren ist absolut nicht zu denken. Und zwischen Kotzen und Zittern und Heulen steht irgendwann fest, dass es nicht geht. Dass ich nicht Lernen kann und auch beim besten Willen keine Klausur schreiben. Selbstfürsorge. Auch wenn meine Gefühle eskalieren, mir tausend wenn und aber durch den Kopf schießen, mein Pflichtgefühl mit Leuchtreklame durch die Gegend hüpft – es geht nicht. Die Panik ist zwar irgendwann weg, doch den Abend und die Nacht verbringe ich hauptsächlich auf meinem Badezimmerboden.

Und so schreibe ich gestern keine Klausur. Stattdessen fahre ich zu meiner Ärztin, die mir sagt, dass ich ziemlich beschissen aussehe. Doch sie strahlt, als ich ihr sage, dass es im Großen und Ganzen seit der dbt wirklich okay ist, dass da keine Selbstverletzung mehr ist, dass ich studiere. Sie freut sich ehrlich und ich muss lächeln, denn ich erinnere mich noch zu gut an die Gespräche in der Praxis, während sie mir Fäden aus dem Arm zieht oder entzündete Wunden versorgt.

Ich hasse es, wenn mein Körper aufhört zu funktionieren. Wenn schon die Psyche ein so völlig labiles Konstrukt ist, dann mag ich wenigstens einen Körper, der tut was er soll.

Heute noch. In 4 ½ Stunden schreibe ich Recht, dann ist es vorbei erstmal. Termin bei der Krisenbetreuung, meine Krankmeldung in den Attestbriefkasten schmeißen, meinen Kram bei Mama einsammeln und heim zum Zitronenkater und den Quietschis. Ausschlafen.

Am Freitag kommt die liebe fylgja zu mir, ich freue mich unglaublich darauf. Ich weiß, dass ich ihr nicht viel erklären muss, dass sie mich und mein Chaos versteht. Einfach fallen lassen können und ich sein, nach dem ganzen Durchhalten und Lächeln und den Schein wahren.

Atmen. Plan und Ziel für heute. Das irgendwie hin kriegen, dann ist es vorbei.

Und jetzt dreh ich mich nochmal ’ne Stunde um und versuche ein wenig Schlaf zu kriegen. Klausuren um 8 Uhr sind echt fürn Popo, da bin ich absolut noch kein Mensch.

Angst

Manchmal möchte ich meinen Körper und meine Gefühle gerne anbrüllen, möchte darauf einschlagen und toben und sie irgendwie dazu bringen die rationalen Dinge in meinem Kopf doch bitte zu verstehen.

Zum Beispiel, dass ich nicht sterben werde. Nicht plötzlich abends aus heiterem Himmel auf meiner Couch. Doch genau das behaupten Körper und Gefühle. Ich werde sterben. Sofort.

Eine weitere Welle der Panik flutet über mich, ebbt ab, doch bevor sie richtig abflachen kann türmt sich wieder eine Welle auf und flutet über mich, reißt mich mit, nimmt mir die Luft, bringt mein Herz zum Rasen, meinen Verstand an den Rand des Wahnsinns, bevor es langsam wieder nachlässt und dann die Angst vor der Angst wieder in einer neuen Welle endet. So vergeht Welle um Welle und ich sitze ein wenig später mit der Ärztin von Dienst in der Psychiatrie im Arztzimmer auf Station. Zitternd und bebend und mit Herzrasen, während auch sie mir sagt, dass ich nicht sterben werde und ich zum ersten Mal seit Jahren wieder Tavor nehme, weil mir gerade ziemlich egal ist was passiert, Hauptsache diese Panik hört auf.

Tina fragt, ob ich sagen kann, was für eine Angst es ist. „Todesangst“ ist das einzige, dass ich heraus bekomme, und ich bin wieder 17 und bange um mein Leben. Mein Kopf weiß, dass ich nicht sterben werde. Der Rest von mir weiß es anscheinend nicht. Und so sitze ich kurz darauf auf der Station, zitternd und mit dem Igelball in der Hand, während eine Mitpatientin versucht mich abzulenken und mir von diesem und jenem erzählt, Schwester Sabine legt mir irgendwann eine Decke um die Schultern und steckt sie fest, weil ich so furchtbar friere, bis endlich langsam Ruhe einkehrt in mir, bis die Medikation endlich wirkt, bis da kaum noch was ist von der Angst. Was bleibt ist die endlose Kälte, die nun auch Stunden später unter 3 Decken noch zu spüren ist. Und es bleibt ein wenig mehr Angst vor der Angst, ein wenig mehr Angst vor dem nächsten Mal, an dem die Wellen über mir zusammen schlagen und ich wieder sterben werde.

Und es bleibt Wut. Wut darüber, dass mein Leben so kaputt ist wie es ist, dass ich so kaputt bin. Wut, weil ich ein Kind war, dass keinerlei Möglichkeiten hatte als sich anzupassen an die verrückte Welt, in der es aufwuchs, Wut, weil dieses Kind so viel Angst und Schmerz erleben musste, Wut, weil er all diese Dinge getan haben, die heute dazu führen, dass ich als Erwachsene immer noch sterbe.

Und Traurigkeit. Traurigkeit, weil dieses Kind das erleben musste, weil es keinen Ausweg gab, weil letztendlich Selbstverletzung und Selbsthass zum überlebensnotwendigen Mittel wurden, weil da bis heute so viel Selbsthass und der Wunsch mich zu zerstören sind, weil die über Jahre geschlagenen Wunden so viele Jahre länger brauchen um auch nur ansatzweise eine Kruste zu bilden, die bei der kleinsten Kleinigkeit wieder aufbricht.

In Nächten wie diesen möchte ich einfach nur verschwinden. Mich auflösen und nicht mehr existieren, weil ich so müde bin vom kämpfen, so müde von Therapie und Verhaltensänderungen und dem ständigen Arbeiten müssen an mir, obwohl ich für all diese Dinge doch nichts kann. Es kommt einer Verurteilung zu lebenslänglich gleich, denn es wird immer wieder Situationen geben, in denen mich diese Dinge beeinflussen. Egal wie viel Therapie ich mache, egal wie viel ich mich entwickeln werde. Es sind die dunklen Stunden, in denen das Damoklesschwert über meinem Kopf schwebt, in denen ich aufgeben möchte, weil der Kampf so sinnlos erscheint. Weil es keine Garantie gibt, weil ich vielleicht immer wieder in irgend einer Klinik auf irgend einem Stuhl irgend einem Arzt gegenüber sitzen werde, weil ich gerade sterbe. Oder gerade nicht sterbe, aber sterben will. Es erscheint so sinnlos zu kämpfen, Medikamente zu nehmen, mich nicht zu verletzen, Therapie zu machen, wenn es doch nie sicher sein wird, dass es okay ist. Oder besser wird. Oder vielleicht sogar gut sein könnte.

In den dunklen Stunden fehlt mir der Wille zu kämpfen, der Wille weiter zu machen. Damit meine ich gerade nicht, dass ich mich gerne umbringen würde, denn tatsächlich bin ich in Hinblick darauf erstaunlich sicher es nicht zu wollen (oder es ist nur die Tavorwatte in meinem Kopf oder die Erschöpfung nach der Panik). Ich will einfach nicht mehr existent sein. Verschwinden, ohne dass es irgendwelche Folgen für irgend jemanden hätte. Mich auflösen, als sei ich nie da gewesen.

Ich weiß, dass es andere Momente geben wird. Ich weiß, dass das nicht grundsätzlich meine Einstellung zum Leben ist.

Doch gerade, irgendwo zwischen der Angst und der Angst vor der Angst, während mein Körper es nicht schafft die Kälte los zu werden und meine Augen sich immer wieder mit Tränen füllen, da ist es einfach nur dunkel. Da mag ich mich auflösen und zu Nichts werden, nie existent gewesen sein.

Panik

Craving deluxe. Ein solches verdammtes Verlangen. Ich kann mir verdammt gut vorstellen wie es sich anfühlt von einer Substanz abhängig zu sein, ein solch unglaubliches verdammtes Verlangen nach etwas zu haben. Auch wenn es bei mir substanzunabhängig ist, auch wenn mich nicht das Verlangen nach Heroin oder Tavor oder Tilidin treibt. Ich sehne mich nach dem Gefühl des Schneidens. So unglaublich, dass es körperlich spürbar ist, dass ich das Gefühl habe den Schmerz nicht mehr aushalten zu können, dass ich überempfindlich jeden Millimeter meiner unverletzten Haut fühle und plötzlich bestehe ich aus nichts anderem mehr als diesen Stellen, die so unglaublich präsent sind, die zu brennen scheinen. Ich löse mich auf in Verlangen und Haut und Haut und Verlangen.

—— einige Zeit Pause ——

Während dieser Zeit merke ich, dass eine Panikattacke wie eine Welle von hinten anrollt und mich unter sich zu begraben droht. Und es ist gut, dass ich es merke, denn so kann ich handeln, kann unter der beginnenden Panik hinweg tauchen und mich so vor der Welle retten.

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Wenn die Anspannungssymptome Panik auslösen, wenn sich plötzlich alles einengt auf immer kleiner werdendem Raum… So viele Jahre sind vergangen, seit ich eines Abends meine damalige Therapeutin anrief, weil ich gerade stundenlang durch den Regen gelaufen war und nicht wusste was mit mir passiert und dann auf dem Küchenboden meiner Tante die erste richtige Panikattacke meines Lebens hatte. So lange war die Angst nicht mehr mein täglicher Begleiter. Nun verfolgt sie mich wieder, in jedem Augenblick sprungbereit um mich anzugreifen.

Seit jenem Abend. Seit dem Abend, den ich schreiend und heulend und kotzend auf dem Badezimmerboden verbracht, zum ersten Mal seit langem mit Panikattacken.

Seit dem Abend, an dem Erinnerungen kamen, die ich gut 12 Jahre beiseite geschoben hatte. Erinnerungen an einen Abend voller Angst. Seit dem Abend, an dem ich wieder die Todesangst von damals spürte. Ich hab alles verbuddelt und so getan, als wäre es nichts dramatisches. Bis es mir um die Ohren fliegt. Bis es mir genau so um die Ohren fliegt wie die Missbrauchserinnerungen damals. Damals fingen die Flashbacks und Dissoziationen wieder an. Jetzt sind die Panikattacke wieder da.

Ich weiß immer noch nicht was ich tun soll. Mit jenem Abend hier am Bahnhof in der Realität und jenem Abend der Inobhutnahme damals. Was ich tun soll mit dem, dass es ausgelöst hat. Was ich tun soll mit den Gefühlen und Gedanken und Erinnerungen. Was ich tun soll mit dem Schmerz. Und der Angst. Und der Anspannung.

Wohin mit dem Selbstverletzungsdruck und der Suizidalität? Nochmal steh ich das nicht durch, nochmal so ’ne Krise schaffe ich einfach nicht. Nicht jetzt. Nicht so dermaßen instabil.

Ich mag aufgeben.

Bewegen statt erstarren

Zivilcourage an sich ist ja ’n feines Ding. Schwierig wird es, wenn es zu Retraumatisierung führt und man später zitternd und heulend auf dem Badezimmerboden sitzt und immer wieder mit der Kloschüssel kuschelt.

Eigentlich ist alles gut. Es ist Dienstag und man hat schon Wochenende, freut sich auf die Wärme der Wohnung und das Katerkind. Vor dem Bahnhof stehen zwei Personen, ein Mann und eine junge Frau. Er hält sie fest, bedrängt sie, sie ruft immer wieder „Lass mich los!“. Sie geht, er folgt ihr. Weniger später Schreie vom Parkplatz. Menschen laufen vorbei, kucken doof, tun nichts. Man geht in die Richtung, zückt schon mal das Telefon… Und hat einfach Angst als Frau einzuschreiten und es kommt natürlich auch niemand mehr vorbei, man will aber auch nicht zurück gehen um jemanden zu holen, da ja etwas passieren könnte. Also ruft man die Polizei, erklärt, beschreibt die Personen, wartet. Letztendlich tauchen die Beamten auf und man ist erstmal erleichtert.

Und zuhause kommt der mental breakdown. Man, in diesem Fall ich, sitzt heulend und zitternd da und kann die aktuellen Bilder nicht mehr von den Bildern der Vergangenheit trennen, alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei und was bleibt sind die Schreie der jungen Frau, die sich mit meinen Schreien der Vergangenheit mischen. Ich bin plötzlich wieder 12 Jahre jünger und habe Angst um mein Leben, mein Herz rast in der Vergangenheit und in der Gegenwart, ich zittere im Hier und Jetzt und in der Vergangenheit, die Bilder der vorbeilaufenden Menschen aus der Gegenwart vermischen sich mit den Fragen der Polizisten aus der Vergangenheit, warum denn niemand etwas getan hat.

Flashback folgt auf Flashback und in den kurzen Momenten dazwischen gelingt es mir nicht aktiv etwas dagegen zu tun. Also vergeht Flashback um Flashback und Vergangenheit und Gegenwart geben sich in meinem Badezimmer die Klinke in die Hand, während ich versuche zurück zu finden ins Hier und Jetzt, in die Realität, in mein Badezimmer zu meinem Badezimmerboden und meiner Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt befördere, weg von alten Erinnerungen und Bildern und Worten, die eigentlich 12 Jahre zurück liegen.

Eigentlich war es nie Thema. Natürlich war jener Abend vor fast 12 Jahren oft Thema, jener Abend, an dem ich in Obhut genommen wurde, seit dem es ein davor und danach gibt. Doch er war nie Thema als schwere Situation, als traumatisierendes Erlebnis an sich. Es gab die Dinge davor, ja. Aber wenn Momente und Situationen Thema waren, in denen ich traumatisiert wurde, dann spielte dieser Abend nie eine Rolle. Weder in meinem Bewusstsein, noch in dem der professionellen Helfer an meiner Seite. Natürlich erlebte ich die Inobhutnahme auch als sehr verstörend und ein Stück weit vielleicht traumatisierend und auch die Menschen, die in der Hinsicht mit mir gearbeitet haben. Aber eher als Prozess, als Schock der Normalität der Wirklichkeit, die mich traf, kannte ich doch nur das Leben davor, so völlig jenseits von Normalität. Als einzelner Abend – Nein. Ich glaube wirklich es war nie ein Thema.

Doch nun sitze ich hier (mittlerweile auf dem Wohnzimmerboden und immer noch nicht gänzlich in der Realität), versuche mich an die Wirklichkeit zu klammern und an Worte, versuche dem Schrecken in mir Raum zu machen, indem ich Worte zu Sätzen formuliere, versuche durch Schreiben und damit real machen der Dinge einen Weg zu finden dieser Sinnesflut Einhalt zu gebieten und dem Gefühl, dass ich nichts sagen darf, dass ich nicht existent sein darf, etwas entgegen zu setzen.

Der Teil von mir, der sich völlig in der Gegenwart befindet, der sich seit Jahren mit PTBS beschäftigt und auch fachlich einiges Wissen hat, brüllt in meinem Kopf „Bist du eigentlich blöde?!“. Denn ja, wie wahrscheinlich ist es denn bitte, dass man in einer Situation, in der man Todesangst hat, nicht traumatisiert wird? Todesangst, wirkliche Panik davor zu sterben, plötzlich mit der Endlichkeit des eigenen Daseins konfrontiert werden, wie geht man da völlig unbeschadet raus? Wenn jemand vor einem steht und sagt „Ich bring dich um.“ und man weiß mit völliger Sicherheit, dass es keine dahergesagte Floskel, sondern bitterer Ernst ist. „Ja, bist du eigentlich blöde?“ brüllt es weiterhin fröhlich in meinem Kopf.

Die Stunden danach waren und sind immer noch unwirklich. Die Zigarette im Auto mit Frau G., der Mitarbeiterin des Jugendamts. Interessanterweise kann ich mich an ihren Namen erinnern, weiß aber nicht mehr, wie die Mitarbeiterin hieß, die dann in den Jahren danach für mich zuständig war.

Der Morgen danach, als ich mit Frau B. im Lehrerzimmer sitze und ihr davon erzähle und erkläre, warum ich die nächsten Tage nicht in die Schule kommen werde. Die Ankunft bei der Notpflegefamilie, die ganzen Eindrücke, der rote Kater, der dort abends in „meinem“ Bett bei mir schläft. Alles verschwimmt zu einem diffusen Eindruckswattebausch, nicht wirklich greifbar, nicht zu entwirren. Was deutlich ist, sowohl damals als auch im Hier und Jetzt, ist die Angst. Wie ein schwarzer Dämon, der sich in mir ausbreitet und wächst, der seine eiskalten Klauen um mich legt, der mich mit einer Kälte durchdringt, die keine Wärme der Welt vertreiben kann, der mich im Hier und Jetzt Zittern und Hyperventilieren und Schreien lässt. Da ist kein Schmerz, keine Traurigkeit, keine Wut, sondern nur allumfassende Angst.

Und mit dem Wissen von heute erkenne ich, dass es damals Angst war, die mich so oft fast sterben ließ, in dem Zeitraum von 14 bis zur Inobhutnahme. Ich weiß schon lange, dass es damals Panikattacken waren, die mich eiskalt trafen, doch brachte ich diesen Namen der Sache nie mit diesem Gefühl in Verbindung, welches gerade so in mir tobt. Auch wenn ich rational wusste, dass es Panikattacken sind, nicht zuletzt weil meine Therapeutin (ja, auch Psychiaterin) mir damals Medikamente gegen Panikattacken verschrieb. Und ich habe das Aufhören der Panikattacken nie in Verbindung mit der Inobhutnahme gebracht. „Ja bist du blöde?“ brüllt es wieder.

Und wirklich, genau diese Dinge werden mir bewusst während ich sie schreibe, während ich Buchstaben zu Worten zu Sätzen forme. Ich lasse es Realität werden, indem ich schwarz auf weiß festhalte, was passiert ist. „Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf.“ sagt meine Therapeutin immer. Ich lasse es wahr sein, es darf wahr sein, es darf Realität sein.

Und für so etwas bedarf es dann einfach nur der Zivilcourage. Bämm. Und schon fliegt einem wieder einmal das Leben um die Ohren.

Ich zögere noch. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, ob es gerade so okay ist, dass ich sagen kann es ist okay. Ich weiß nicht, ob das gerade ein Moment ist für einen Anruf in der Klinik oder bei der Krisenhotline. Ich weiß nicht, ob ich lieber ausharren soll ohne mich zu bewegen, oder ob ich etwas tun soll. Und währenddessen taucht das Bild der Körpertherapeutin aus der dbt vor meinen Augen auf, wie sie mir im Einzel gegenübersteht und immer wieder „Bewegen statt erstarren!“ sagt. Also werde ich das gleich versuchen. Raus aus dieser Angst, raus aus der Vergangenheit.

In your head, in your head they are dying

Ich sitze auf dem Sofa und schaue meinen Tierchen zu. Die Schweinebande frisst gemütlich Heu, während das Katerkind auf der obersten Etage der Meerivilla liegt und das Treiben beobachtet. Dann beschließt Lilly, das kleine verfressene dicke Schweinchen, dass es ja woanders noch viel tollere Sachen zu fressen geben könnte und macht sich auf den Weg nach oben. Und blickt dort direkt in zwei Kateraugen. Sie fängt an zu schimpfen und ich muss lachen, denn ihr Protest aus lautem Zähneklappern zeigt keinerlei Wirkung auf den Zitronenkater, der einfach nur faul im Heu liegt. Das merkt sie dann auch und beschließt, dass Fressen wichtiger ist als dieses komische Fellding, steigt kurzerhand über ihn drüber (was er mit einem sehr irritierten Blick quittiert) und fängt an genüsslich zu mampfen. Ich liebe meine Fellmonster so sehr, denn sie bringen mich immer wieder zum Lächeln. 

Meine Schlaflosigkeit scheint endlich ein Ende gefunden zu haben. Ich hatte ja erst Angst, dass ich durch die Dauerschlafphase meinen Schlafrhythmus völlig durcheinander gebracht habe, aber gestern bin ich normal ins Bett und heute normal aufgestanden. Und abgesehen von einem Moment in der Nacht, als ich wach wurde weil mir meine Lampe (die am Bett festgemacht ist) auf den Kopf fiel, habe ich auch durchgeschlafen. 

An meiner Türe klingelt es und meine völlig aufgelöste Nachbarin von ganz oben steht vor mir. Aus ihrem Schimpfen und Jammern entnehme ich, dass der Strom bei ihr nicht mehr funktioniert. Also schnappe ich meinen Schlüssel und stapfe die zwei Treppen nach oben, öffne ihren Sicherungskasten und lege den FI-Schalter wieder nach oben. Ihrem neugierigen Stöpsel erkläre ich dann, was ein FI-Schalter ist, während meine Nachbarin glücklich und dankbar ist. 

Gerade als ich beschließe, dass es mir und meinen schmerzenden Nieren sicher nicht schaden würde eine Runde ins Bett zu verschwinden, klingelt es wieder an meiner Türe. Ich bin schon darauf vorbereitet meiner Nachbarin nochmal zu erklären, wo sich ihr FI befindet, da blicke ich in die Augen meiner Mutter, die mir um den Hals fällt und immer wieder „Bin ich so froh!“ ruft. Ich schaue sie verwirrt an und sie erklärt mir, dass mein Großonkel (also ihr Onkel) ihr geschrieben hat, dass ich mit Nierenversagen im Krankenhaus läge. Hätte er bei Facebook gesehen. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder wütend werden soll. Ganz davon abgesehen, dass sich auf Facebook nur die Information befindet, dass ich gestern beim ärztlichen Notdienst war, Nierenschmerzen habe und nicht stationär bin. Manmanman, diese Familie. 

Meine Mutter ist natürlich direkt in Panik ausgebrochen, mein letzter Krankenhausaufenthalt scheint immer noch nicht lange genug vorbei zu sein (wobei von der Nachricht aus dem Bett gerissen zu werden, dass die Tochter auf der Intensivstation liegt nach einem Suizidversuch wohl nie „lange genug vorbei“ sein wird) und da sie Angst hatte, ich wäre im Krankenhaus, würde ihr aber nichts sagen, ist sie also schnurstracks zu mir gefahren und hier dann in Erleichterungsbekundungen ausgebrochen. Diese Familie, echt. Irgendwann machen sie mich wahnsinnig. 

Am Mittwoch ist die Abschlussfeier meiner Schwester. Vor ein paar Jahren stand ich selber dort und habe mein Zeugnis entgegen genommen. Manchmal finde ich es unfair, dass sie ohne größere Beeinträchtigungen durch die Welt geht, dass sie einen Vater hat, der zwar manchmal ein Idiot, aber doch grundsätzlich für sie da ist, dass sie immer bei unserer Mutter leben konnte. Aber diese Momente sind äußerst selten und ich bin einfach furchtbar stolz, dass mein kleiner Zwerg nun schon so groß ist und die Prüfungen geschafft hat. Ich freue mich auf den Tag, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich auf eventuelle Fragen meiner ehemaligen Lehrer reagieren soll. Vermutlich ehrlich, denn so ist es nun eben. Auch wenn ich mich manchmal deswegen mies fühle, so versuche ich doch zu akzeptieren, dass es eben so ist wie es ist. Die Schuldfrage ist für mich oft Thema und es fällt mir schwer zu sagen, dass es nicht meine Schuld ist. Dass all die Dinge, die damals geschehen sind, nicht meine Schuld sind. Und eigentlich muss ich mich auch nicht schämen, denn ich kämpfe und bemühe mich wieder zurück ins Leben zu finden. 

Morgen ist nun also mein Termin. Ich habe wahnsinnig Angst davor, ich würde mich so gerne verkriechen und dort nicht hingehen. Aber das löst auch keine Probleme. Es hängt so vieles davon ab, ich weiß gar nicht mehr wohin mit meinen Gedanken. Ich hoffe einfach nur, dass der Termin gut werden wird. Und noch schlimmer wird vermutlich dann das Warten auf das Ergebnis. 

Trotz allem versuche ich einfach zu schlafen. Denn eine schlaflose Nacht wird mir auch nicht wirklich weiter bringen. 

Another head hangs lowly
Child is slowly taken
And the violence cause of silence
Who are we mistaken?

Alles tut weh, aber wer hat dort gerade gewonnen?

Das Schönste am Zuhausesein sind definitiv die 5 Fellnasen. Ich hab die Möhrchen und den Zitronenkater unglaublich vermisst. Ich glaube die Möhris sind nicht sonderlich davon beeindruckt wenn ich weg bin, solange es etwas zu fressen gibt. Aber dennoch quietschen sie beim Klang meiner Stimme und lassen sich kraulen, stehen zu viert aufgereiht mit den Pfötchen auf dem Villarand und schauen mich an. Ich genieße ihr vertrautes Knabbern am Futter, das nächtliche Geräusch der Flasche wenn sie trinken und ihr Geplauder untereinander. Katerkind zeigt um einiges deutlicher, dass er mich vermisst hat. Er reibt sich an meinen Beinen, miaut lautstark, wirft sich schnurrend auf den Rücken um gekrault zu werden und weicht mir kaum von der Seite, redet wie ein Wasserfall und protestiert, wenn ich draußen bin ohne ihn.
Er schläft in der ersten Nacht zuhause auf mir, abwechselnd an meinen Bauch gekuschelt oder auf meinen Beinen zusammengerollt, am Morgen quetscht er sich zwischen Seitenschläferkissen und mein Gesicht, um dort noch 2 Stündchen weiter zu dösen und mir sein Fell in die Nase zu drücken. Ich genieße seine Nähe und das Schnurren, kraule ihn und werde sogar nicht böse, als er mir in die Zehen beißt. Er hat mir gefehlt und ich kann mir noch gar nicht vorstellen ihn 14 lange Wochen alleine zu lassen, sein Fell nicht zu streicheln und sein Schnurren nicht zu hören. Ich mag auch gar nicht großartig daran denken, denn dann bekomme ich das Bedürfnis einfach nicht nach Freiburg zu fahren, einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu riskieren, dass es nicht voran geht. Ich versuche mich daran festzuhalten, dass es dem Katerkind ja auch nichts bringt, wenn ich mich weiter quäle. Wenn ich weiterhin heulend im Bad sitze mit zerschnitten Armen, wenn ich in einem dunklen Moment mein Leben wegwerfe. Denn dann hat er mich gar nicht mehr. Und die Vorstellung, dass er irgendwo anders ist, miauend rumläuft und mich sucht und nie mehr findet, die bricht mir das Herz. Deswegen werde ich trotz aller Ängste weiter machen, das ganze durchziehen. Auch wenn es hart wird, nicht nur weil er mir dann so fehlt.

Als ich am Donnerstag vom Psychiater nach Hause fuhr, fand ich eine einsame Tasche mit Büchern von einer der zwei Unis der Hauptstadt. Im Zug war kein Schaffner, also nahm ich sie mit und postete ein Bild davon in diversen Gruppen und auf diversen Seiten des blauen social media-Netzwerks. Am Abend meldete sich dann eine überglückliche Besitzerin, die schon verzweifelt überlegte, wie sie 4 teure Fachbücher der Universität ersetzen soll. Mit ihr habe ich mich getroffen und gab ihr die Bücher zurück, wenn ich eh in der Hauptstadt bin habe ich  noch einen Abstecher zu Mama gemacht. Und mein Schwesterherz fest gedrückt, denn sie bekam gestern ihre Prüfungsergebnisse und hat bestanden. Ich bin so unglaublich stolz auf meinen kleinen Zwerg, ich kann noch gar nicht glauben, dass sie schon so erwachsen ist, bald 22 wird und in einem Jahr dann (wenn es klappt, wovon ich eigentlich überzeugt bin) ihre Ausbildung abgeschlossen hat.
Nach langem Überlegen habe ich meiner Mutter erzählt, dass ich am Montag zum Vorgespräch nach Freiburg fahre. Ich habe ihr gesagt, dass es wegen der Traumatisierung ist, nicht, dass ich eine DBT machen werde. Im Prinzip stimmt es ja auch, ohne den ganzen Traumakram hatte ich wohl auch kein Borderline. Sie war natürlich erst mal steif und fest der Meinung, dass die mich da unter Medikamente setzen (dass ich welche nehme weiß sie ja zum Glück nicht…) und mir das nicht hilft und so weiter. Das übliche eben.

Als ich nach Hause fahre beginnt es mal wieder zu schütten. Trocken bleibe ich trotz Schirm nur kurz, denn das Wasser steht innerhalb weniger Minuten auch auf dem Boden so hoch, dass man von unten nass wird.
Nach Hause kommen fühlt sich merkwürdig an. Seit dem Einbruch hat mein geschützter Rahmen ein Loch bekommen, es fühlt sich furchtbar an zu wissen, dass jemand in meinen vier Wänden, in meinem Reich, in meiner Zuflucht war. Das ist noch schlimmer als der materielle Verlust. Ich bin froh, dass sie nicht bis ins Schlafzimmer gegangen sind, vermutlich würde ich dann gar keine Ruhe mehr hier finden. Morgen will ich aufräumen. Ordnung schaffen, vielleicht ein wenig umräumen. Vielleicht macht es das besser. Außerdem will ich mir die Dinge aufschreiben, die ich am Montag in Freiburg fragen will. Und dann eben früh ins Bett, denn ich muss quasi mitten in der Nacht wieder raus und los in Richtung Hauptstadt, um von dort aus den Fernbus zu nehmen. Die Panik ist nicht mehr ganz so groß, ich versuche einfach weiter zu machen und das ganze auf mich zukommen zu lassen. Es macht keinen Sinn nun schon viel zu viel über das Danach nachzudenken.

Und nichts ist beliebig und nichts ist egal.
Atme ein, atme aus, du hast immer die Wahl.
Keine Stufen von Grau, sondern Schwarz oder Weiß.
Und du weißt was es heißt,
wenn man tut was man hasst.
Und du kannst ja gehen
und wir sagen dir dann, wie’s war.

Es fühlt sich gut an wieder in meinem Bett zu liegen. Mit dem Zitronenkater auf den Beinen, meiner Bettdecke um mich rum, auf meinem Kopfkissen, mit der Kerze auf dem Nachttisch, die jede Nacht brennt. Und doch ist es anders. Meine Haustüre ist abgesperrt, der Schlüssel steckt von innen. Mein Fenster ist gekippt, obwohl ich es sonst in solchen Nächten weit offen habe. In meinem Hinterkopf schreit jedes Mal die Angst, wenn ich ein Geräusch höre, dass nicht aus meiner Wohnung stammt oder in meine Wohnung gehört. Ich bin gespannt wie es sich weiter entwickelt. Wie es in den Nächten wird, in denen ich extreme Panik habe, in denen ich früher schon immer alles abgesperrt habe und vor lauter Angst kaum etwas tun konnte. Die Nächte, in denen mich die Dämonen der Vergangenheit verfolgen und nicht los lassen. Und nun das ganze, nachdem jemand in meinem Reich war.
Ich werde einige Zeit mal schauen wie es ist. Eventuell dann ein paar Sicherheitsdinge kaufen. Vielleicht auch irgendwann wieder ohne Angst schlafen können.

Ämterhorror

Ich war beim Arbeitsamt. Da ich eh schon um kurz vor 6 wach wurde, musste mich zum Glück kein Wecker aus dem Schlaf reißen. Ich mir gedacht, gehste da ma hin, anmelden, warten, dann Daten aufnehmen, Papierkram kriegen, wieder heim gehen und anrufen wenn Papierkram erledigt. So wie das eben schon mal war nach dem Ende meiner Ausbildung, weil ich mich da ja auch melden musste aber zum Glück direkt einen Job bekam. Ja. Pustekuchen. Bis zu dem „Papierkram kriegen“ lief es wie gedacht. Dann kam aber „ja, dann können Sie jetzt direkt zum medizinischen Dienst“. Ähm. Direkt? Jetzt? Hilfe?! Da setzte die totale Überforderung ein. Die Frau sagte was von Arzt und körperlicher Untersuchung und dann war direkt bei mir Ende. Am liebsten wäre ich ja einfach schreiend aus dem Büro gerannt oder in Ohnmacht gefallen. Aber ich bin ja manchmal durchaus zu irgendwas in der Lage, also rüber zum medizinischen Dienst getappt. Die Dame dort war sehr nett, trotzdem wäre ich am liebsten gestorben. Die erste Entwarnung war ja, dass keine Untersuchung stattfindet, die zweite, dass kein Mann da gegenüber saß. Trotzdem wäre ich vor Anspannung am allerliebsten explodiert. Mit der Dame bin ich dann alle möglichen Fragen durchgegangen. Unglaublich anstrengend. Wann war ich wo und warum und bei wem wegen was in Behandlung und so ein Kram, was für Einschränkungen habe ich, blablubb. Am Ende meint sie, dass ich ja unglaublich angespannt sei, das würde man ja direkt merken. Dass ich mir erst mal keine Gedanken machen muss, vermutlich reicht es, wenn sie Unterlagen der behandelnden Ärzte anfordern und ich muss nicht nochmal dort hin.
Danach versuche ich irgendwie wieder runter zu kommen. Laufe durch die Stadt und einen Laden, dann zum großen Supermarkt. Ein wenig besser ist es nun, ich sitze an der Haltestelle und warte auf den Bus, will eigentlich nur in Tränen ausbrechen und habe fürchterliche Kopfschmerzen.
Diese Plötzlichkeit hat mich völlig aus dem Konzept gebracht, die Erwähnung von Arzt und körperlicher Untersuchung hat getriggert, dazu kommt eben noch die normale Anspannung, die man vor solchen Terminen ja eh schon hat. Und das zeigt mir mal wieder, wie kaputt ich manchmal bin. Zum Glück nicht immer, denn grundsätzlich machen mir spontane Dinge nicht sonderlich viel aus sondern eher Spaß, aber das grenzte nun einfach völlig an Überforderung. Dazu bin ich eh unglaublich müde nach nur um die 6 Stunden Schlaf und seit sowieso schon einigen Wochen durch die ständig kommenden Flashbacks angeschlagen.
Jetzt will ich einfach nur noch heim in meine sichere Zuflucht und zu meinem Katerkind, zu meinen Meeris und meinen kuscheligen Decken. Ich will mich verkriechen und endlich aufhören zu zittern und kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Und auch wenn es völliger Blödsinn ist, weil ja eigentlich nichts wirklich schlimmes passiert ist, will ich mich einfach nur verletzen.

Nur reden mag sie nicht

Es geht mir nicht gut. Ich wurde ohne Vorwarnung oder sonstiges mit meinem Vater konfrontiert, was mich gewaltig aus der Bahn geworfen hat. Nach Außen versuche ich mir wenig anmerken zu lassen, versuche weiter zu machen. In meinem Inneren tobt das pure Chaos. Sämtliche Sicherheit ist flöten gegangen, ich schrecke zusammen wenn es unerwartet klingelt, ich kriege Panik bei jedem Auto, dass vor der Türe hält. Bin ich in der Hauptstadt, dann macht mich jedes Auto der gleichen Farbe und Marke wie das meines Vaters völlig wahnsinnig, jeden Menschen, der mir unterwegs begegnet mustere ich mehr als sonst. Alkoholgeruch triggert mehr als sonst. Sachen im Mund auch. Tabletten schlucken ist jeden Morgen ein Kampf, mittags und abends klappt es ein wenig besser. Ich bin durch und mag einfach nur noch zusammenbrechen.
Stattdessen versuche ich einfach weiter zu machen. Ich war in der Hauptstadt (zweimal, weil einmal Psychiater zu hatte. Und dann nochmal, da hatte Psychiater Urlaub. Also gibt es nur ein Rezept für die Minipackungen von der Vertretung und ich muss am Montag schon wieder hin.), besuche Freunde oder habe Besuch, gehe einkaufen, koche und esse. Zu viel mehr reicht es nicht. Meine Wohnung ist ein Chaos und ich müsste so dringend ein wenig Ordnung schaffen, aber es geht nicht. Mir fehlt die Kraft, völlig.
Ich schlafe nicht gut. Ich träume schlecht und wache oft auch, manchmal klatschnass geschwitzt und heulend. So auch heute. Irgendwann hab ich es aus dem Bett geschafft und bin zur Apotheke und habe endlich meinen Krankenschein zur Post gebracht, zuhause habe ich wenigstens mal die Wäsche in die Maschine geworfen und mir einen Tee gekocht. Gleich mag ich nochmal für ein paar Stunden in mein Bett krabbeln, denn ich bin müde und erledigt von der Nacht.
Die Suizidgedanken kommen immer wieder so heftig, dass ich das Gefühl habe sie nicht auszuhalten und ihnen nachgeben zu müssen. Die Flashbacks hauen immer wieder so extrem rein, dass ich ihnen nichts entgegenzusetzen weiß. Nur mit viel Kraft schaffe ich es mich nicht so extrem zu verletzen, dass ich ins Krankenhaus muss. Langsam habe ich aber das Gefühl, dass mir die Kraft und die Kontrolle immer mehr flöten gehen.
Für heute habe ich mir vorgenommen ein wenig in meiner Wohnung Ordnung zu schaffen, ich kriege Besuch und einkaufen steht auch auf dem Plan. Alltag. Struktur. Dinge, an denen ich mich festhalten kann.
Weiter atmen. Einfach atmen. Ein und aus. Minute für Minute.

oft sitzt sie vor dem Fenster, schaut wie der Himmel weint
sieht so viele Schatten, obwohl die Sonne gar nicht scheint
seit unendlich langer Zeit lebt sie in einer dunklen Welt
sie hat viel zu früh gelernt, dass der Tod auch zum Leben zählt
wo Rosen regnen, da wäre sie so gern
wo Felder blühen, eine Welt so nah und fern
wo Milch und Honig fließt, das ist ihre Welt
kann ich noch etwas sehen: Hoffnung!