Weltbester Psychiater

Mein Wecker klingelt kurz nach 6 zum ersten Mal und ich bin mir sicher, dass irgendwas daran falsch ist. Es kann noch nicht Morgen sein, die Nacht kann noch nicht zuende sein. Zwei Stunden Schlaf liegen hinter mir und ich schäle mich mit viel Mühe aus meiner Decke, bin kurz verwirrt über den Schmerz in meinem Fuß, bis mein Hirn den Zitronenkater, der wild mit meinem Fuß kämpft, mit dem Schmerz assoziieren kann. Dem Herrn scheint es nichts auszumachen, dass die Nacht unruhig und kurz war, er flitzt mir voraus in die Küche, jagt dann meine Füße auf dem Weg ins Bad, wo ich den Wasserhahn aufdrehe, um das Blut von meinen Armen zu waschen.

Moment. Blut? Erst in diesem Moment wird mir klar, dass meine Arme nicht zerschnitten sind, meine Beine auch nicht. Dabei waren sie es vor wenigen Augenblicken noch. Und wieder dauert es, bis mein Hirn seine Arbeit tut, bis ich begreife, dass es ein Traum war. Und ich beginne zu weinen, weil es mich zerreißt zwischen heilige Scheiße, es war zum Glück nur ein Traum und verdammt, es war nur ein Traum.

Was mir bleibt von der Nacht ist also keine Erholung, kein Ausgeruhtsein, sondern Druck, Anspannung und Sehnsucht, eine solche Sehnsucht nach dem Gefühl, dass so real war und immer noch ist. Ich spüre die nicht vorhandenen Wunden, ich spüre das feine Brennen, ich spüre die Erleichterung und will in diesem Moment nur die Tür des Badschranks öffnen, in dem eine unbenutzte Klinge liegt. Ironischerweise mit dem Namensaufkleber der Psychiatrie drauf, mit dem die persönlichen Dinge und die Akte dort gekennzeichnet werden. Wer damals auf die Idee kam mir die abgegebenen Klingen in den Entlassungsbrief zu stecken ist für mich bis heute ein Rätsel.

Also stehe ich heulend in meinem Bad um kurz nach 6, sehe das Wasser ins Waschbecken laufen und sehe doch eigentlich ganz andere Dinge. Bis der Zitronenkater in die nächsthöhere Oktave wechselt und so laut und erbärmlich jammert, dass ich schon Angst habe meine Nachbarn würden den Tierschutz rufen. Er will Futter und gekrault werden und versteht nicht, was ich da so lange und heulend im Bad mache, beißt mir auffordernd in die Wade und ist schon fast dabei noch eine Tonlage höher zu schreien, als ich den Wasserhahn wieder zudrehe und ihm in der Küche sein Frühstück verpasse, noch eine Gurke vom Tisch angel um die Schweinchen zu füttern und dann auf das Sofa sinke und mir erstmal eine Zigarette anzünde.

Ich nehme mir die Zeit durchzuatmen und dann den nicht mehr ganz so hungrigen Kater auf meinem Schoß zu kraulen, ich nehme mir sogar noch etwas mehr Zeit und lasse Haare ordnen und Schminken ausfallen, vergrabe lieber meine Nase im Fell des Zitronenkaters.

Dann purzel ich aus dem Haus, nehme Bus und Bahn und meine Füße tragen mich fast automatisch zum Drogeriemarkt am Bahnhof, denn ich könnte ja doch eigentlich Klingen kaufen und so ein ganz kleines bisschen verletzten, bevor ich beim Psychiater im Wartezimmer sitze zwischen all den Menschen und den Druck gar nicht mehr aushalte. Doch ich lasse es, vertröste mich selbst mit dem Gedanken, dass ich ja nachher noch kann, nach dem Termin.

Und so sitze ich dann im Wartezimmer. Angespannt, verkrampft, schreibe mit der lieben fylgja und lenke mich so ab.

Wie isses heute? fragt der Psychiater und ich muss mit den Tränen kämpfen. Ich erzähle von der Nacht, von den Träumen, von dem unglaublichen Druck. Und was tun wir nun mit Ihnen fragt er und ich zucke nur hilflos mit den Schultern. Er lehnt sich zurück, blickt mich über den Rand seiner Brille an und hat dann eine Idee. Akupunktur mal probiert? fragt er und ich erzähle ihm von der Akupunktur in der Klinik und das es meistens schon was brachte.

Also piekst er mir Nadeln ins Ohr. Ohne dass ich dafür bezahlen muss, denn die Krankenkasse übernimmt das ja nicht, aber er will mir ja helfen und zwar jetzt. Ich liebeliebeliebe diesen wunderbaren Psychiater!

Er parkt mich im Nebenraum und ich lausche auf die Geräusche in der Praxis und draußen, spüre meinen eigenen Herzschlag und meinen Atem. Und ich spüre, dass die Anspannung nachlässt, dass der Druck nachlässt, dass mein Körper nicht mehr nur aus den Stellen auf meinen Armen besteht, an denen ich mich immer verletzt habe.

20 Minuten später fühle ich mich wie ein anderer Mensch. Es tut so gut die Anspannung verschwinden zu sehen, zu spüren, dass es besser ist, dass ich es schaffen werde der noch übrig gebliebenen Sehnsucht standzuhalten.

Nun gehe ich erstmal wieder ins Bett. Ein wenig Schlaf nachholen, Selbstfürsorge. Und die werde ich auch den Rest vom Tag so gut wie möglich betreiben, denn ich habe es heute wirklich verdient.

And she’ll fly, fly, fly

Mein gestriges Date mit dem Psychiater war gut. So wie eigentlich jeder Termin bei ihm gut ist und vor allem auch gut tut. Ich erzähle ihm, dass es gerade eher mittelprächtig ist, erzähle von der Antriebslosigkeit, der Müdigkeit, der Dunkelheit. Er schaut mich kritisch an und ich sehe dieses „und was gut läuft ignorieren Sie einfach“ in seinem Blick, denn er kennt mich einfach zu gut. 

„Auf einer Skala von 10 – supergut – bis 0 – richtig mies -, wo sind Sie da derzeit?“ – Hm. Bei einer 2? – „Und warum tun Sie dann Sachen, die eigentlich bei einer 6 oder 8 liegen oder wollen diese Sachen erreichen? Ist doch klar, dass das nicht funktioniert!“ 

Und er hat damit so verdammt recht. Ich will immer alles, am besten sofort und perfekt. Dass das nicht funktioniert weiß ich zwar, es ändert aber nichts daran, dass ich es will. 

„Was spricht denn gegen einen Tag im Bett?“ fragt er mich und eigentlich fällt mir da nicht viel ein, außer den Dingen, die mein Kopf dann brüllt. 

Er rät mir einfach ganz viele Dinge im Bereich von 0-1 zu tun, die mir gut tun und Kraft geben. Vielleicht auch maximal 2. Aber wenn es gerade eben so ist, dann ist es so und ich soll nicht Unmögliches von mir verlangen. (haha.) 

Zum Schluss kommt er mit einer seiner Geschichten um die Ecke. Er war mit einem Freund unterwegs im Bereich der Zugspitze. Schwere Rucksäcke hinten drauf und zügigen Schrittes den Berg hoch. Dabei überholten sie einen älteren Herren, der langsam vor sich hin lief. Und nach einer Weile waren beide so fertig, dass sie anhalten mussten und eine Pause einlegten. Nach einiger Zeit kam der ältere Herr in Sicht. Er ging in aller Ruhe zielstrebig seinen Weg weiter, hielt bei ihnen kurz an,  meinte in breitem Dialekt „Der Berg will ergangen werden.“ und setze seinen Weg fort. 

Und ich weiß, was er mir damit sagen will.

Und so genieße ich nach dem Termin die Sonne am Markt der Hauptstadt mit einem leckeren Kirschbier und einem Freund, ziehe nach Hause und telefoniere ein wenig mit einer Freundin und mache ein paar Dinge in der Wohnung. Und auch heute bin ich sparsam mit meiner Energie und versuche nicht zu hart mit mir ins Gericht zu gehen. So habe ich heute dann schon eingekauft, Wäsche gewaschen und aufgehängt, den Kater bespaßt und auf dem Bett in der Sonne gelegen und gelesen. Und sogar anständig gegessen. 

Anstatt von mir Dinge zu verlangen, die ich vermutlich nicht schaffen würde, habe ich die Dinge getan, die ich hinkriege und so nicht Stunden damit verbracht gegen mich selbst zu kämpfen. Es fällt mir zwar enorm schwer mich nicht zu verurteilen, weil zu wenig, zu unperfekt, zu faul, zu unfähig, du doof aber es klappt dann doch irgendwie. Vielleicht schaffe ich es sogar noch ein wenig weiter in der Wohnung zu wuseln. Mit Maß und Ziel. Und vielleicht kriege ich es so hin in den nächsten Tagen etwas zu tun, nicht gänzlich unzufrieden mit mir zu sein und Stück für Stück wieder aus dem Loch zu krabbeln. Und vielleicht habe ich dann auch genug Kraft die beiden Ostertage zu überstehen, die ich bei meiner Familie verbringen will. Vermutlich leider mit Besuch des Großonkels, aber das lässt sich leider nicht vermeiden. Mal sehen, ob ich mich nicht mit ein paar Dingen eindecke, die mich von ihm ablenken und mich damit einfach im Zimmer meiner Schwester zurückziehe. Ich habe immerhin schon meine Grenzen gezogen, indem ich ’nur‘ Sonn- und Montag auftauche und nicht schon freitags. Denn vier Tage Familie, bei aller Liebe, halte ich wirklich nicht durch. 

She’s got her ticket

I think she gonna use it

I think she going to fly away

No one should try and stop her

Persuade her with their power

She says that her mind

is made up 

Drifting like a feather

Ich frage mich seit irgendwann in der letzten Nacht, wie ich eigentlich jahrelang mit einem schmerzenden Arm klar kam. Und zwar genau seit dem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nacht aufgewacht bin, weil es eben weh tat. Der Schmerz unterscheidet sich nur wenig von dem Schmerz frischer Schnitte. Die Schrift tut überhaupt nicht weh, dafür die farbigen Schattierungen umso mehr. Teilweise genieße ich den Schmerz auch, denn – ja verdammte scheiße – es hat mir gefehlt. Aber auf der anderen Seite stört es mich auch. Beim schlafen, beim Einkaufen und dabei den Arm ausstrecken um nach etwas zu greifen, beim einfach-nur-da-sitzen, bei irgendwie fast allem. Vielleicht ist das wieder ein Punkt, der mir zeigt, dass ich weiter bin. 

Draußen schien gestern wieder mal die Sonne. Es war schön und warm und ich war auch vor der Türe und einkaufen (Applaus!) und in der Reha+Nachsorge (nochmal Applaus!). 

Der Rückweg wurde dann allerdings zur Herausforderung. Als ich aus dem Bus steige,  um dort die Straßenseite zu wechseln und auf der anderen Seite auf den Anschlussbus zu warten, fanden meine Knie an zu zittern und ich weiß nicht, ob meine Beine mich tragen werden. Im Anschlussbus wird mir schlecht. Der Fahrer fährt wie ein Idiot, jemand stinkt und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Den Weg von der Haltestelle nach Hause lege ich wie in Trance zurück, bemüht einfach weiter zu atmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. 

Daheim muss ich mich an der Arbeitsplatte festhalten, während ich eine Dose öffne, einen Teil in den Teller schaufel und diesen dann in die Mikrowelle schiebe. Ich muss essen, unbedingt, sofort. Und beim besten Willen fällt mir nicht ein, wann ich zum letzten Mal „richtig“ gegessen habe. 

Ich habe dann den Rest des Abends auch in der Horizontalen verbracht. Mit Katerkind und Tee und Carcassonne auf dem Handy. 

Heute geht es meinem Kreislauf wieder besser. Ich werde wach, als das Katerkind anfängt mit meinen Füßen zu kämpfen und tobe mit ihm noch ein wenig im Bett, ständig auf der Hut, dass er meinem rechten Arm nicht zu nahe kommt. 

Die Sonne mag heute leider nicht so anwesend sein wie gestern, es sind fast 10 Grad weniger und ich werde wohl mit etwas langärmligen vor die Türe müssen später. Hmpf. Mein Tattoo findet frische Luft sicherlich besser als Stoff. 

Und ich hatte auch schon fast vergessen, wie nervig Wundpflege sein kann. Aber das ganze ist ja für eine gute Sache, auch wenn es derzeit aussieht wie ein schimmliger bunter Bluterguss. 

Ich bin unglaublich froh, dass ich nachher ein Date mit meinem Psychiater habe. Es gibt so vieles, das gerade einfach so furchtbar verkehrt läuft. Und kaum habe ich diesen Satz getippt merke ich, dass ich schon wieder mitten in Selbsthass und Perfektionismus stecke. Denn es gibt noch mehr Dinge, die trotz allem einfach funktionieren, teilweise sogar gut funktionieren. 

Mir bleiben noch 2 ½ Stunden, bevor ich aus der Haustür fallen und in Richtung Hauptstadt ziehen muss. Und ich versuche es zu nutzen, dass ich heute nicht ganz so furchtbar antriebslos bin und werde versuchen ein wenig produktiv zu sein. Beginnend mit Wundversorgung am schimmelnden Bluterguss. 

She lives in the clouds and talks to the birds.
Hopeless little one, she’s not like the other girls I know.

Voller Tag

Aktuell frage ich mich, ob das Ding auf meinem Hals eigentlich auch einen Nutzen hat. Mein Hirn ist ein Sieb, ein verdammt großmaschiges Exemplar. 

Gestern stehe ich schon vorm Supermarkt, als mir einfällt, dass ich meinen Geldbeutel zuhause vergessen habe. Also wieder zurück, Geldbeutel holen, einkaufen und wieder zurück, weil ich die Unterlagen zuhause habe liegen lassen. Und auch heute morgen wieder ein ähnliches Spiel, im Supermarkt stelle ich fest, dass meine Fahrkarte noch zuhause liegt. Zum Glück bin ich früh dran, denn ich werde kurz nach der Weckzeit für die Klinik von alleine wach, habe aber noch über eine Stunde, bis überhaupt mal der Wecker klingelt. Der Termin beim Psychiater ist ausnahmsweise mal nicht mitten in der Nacht. 

Ich brauche also definitiv wieder eine Handyhülle mit Fächern. Aktuell habe ich eine Tasche zum reinstecken, die lasse ich aber gerne liegen. Die Klapphülle war da praktischer, denn die ist eben am Handy dran. Allerdings gibt es noch nicht wirklich viel Auswahl, da das Handy seit noch nicht mal ganz 4 Wochen auf dem Markt ist. Hmpf. 

Und während ich zum zweiten Mal aus dem Haus gehe, piepst das Handy und zeigt mir eine neue Mail. „Ihr Kontowecker hat geklingelt!“ steht da und ich mache einen Luftsprung, denn ich habe endlich Geld bekommen. Nach 7 Wochen auch definitiv mal Zeit. Ich frage mich zwar für welchen Zeitraum das nun ist, denn die Höhe ist für die kompletten 7 Wochen echt ziiiiemlich gering, aber da werde ich wohl auf den Bescheid im Briefkasten warten müssen. Falls es wirklich nur der Betrag für die Zeit ist, dann habe ich ein Problem, denn es ist deutlich weniger als mir beispielsweise mit alg2 zustehen würde. Aber ich hoffe einfach, dass es erstmal ein Teilbetrag war und hoffe weiter, dass der Rest nicht wieder Ewigkeiten auf sich warten lässt. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, auch wenn das angesichts der Bürokratie der Rentenversicherung ziemlich schwer fällt. 

Bei meinem Psychiater warte ich erst einmal. Und warte. Und warte. Als ich endlich dran bin sind fast 3 Stunden vergangen seit meinem eigentlichen Termin. Ich weiß ja, dass es immer etwas länger dauert, aber heute ist es extrem. Dennoch bin ich gut gelaunt, denn ich habe die Wartezeit mit Handy und Buch gut überstanden. 

Mein Psychiater schaut mich mit großen Augen an, als ich erzähle, dass ich ‚einfach mal so‘ am Trauma gearbeitet habe und immer noch selbstverletzungsfrei bin. Er sagt, dass ich mir selbst auf die Schulter klopfen kann, dass das von großem Kämpfergeist zeigt. Meine Erwiderung unterbindet er direkt, denn er weiß, dass ich sowieso nur etwas sagen werde um es runter zu spielen. Und ich muss lächeln, denn er hat einfach recht. 

Da die Arzthelferinnen mittlerweile in der Pause sind, versucht der Psychiater selber das Btm-Rezept zu drucken und scheitert. Also bittet er mich später nochmal zu kommen und ich mache mich auf den Weg Richtung Jugendzentrum, denn ich war lange nicht mehr dort und mag meine ehemaligen Kollegen sehen und ein paar der Kids. 

Es tut gut dort zu sein und zu quatschen, ein paar der Kids zu drücken, in Erinnerungen zu schwelgen und Neues zu erfahren. Mir fehlt es zu arbeiten, doch ich merke auch, dass es mich überfordern würde derzeit. Die Lautstärke, der Trubel, es ist viel. Aber dennoch schön. 

Einige Stunden später ziehe ich wieder zum Psychiater, inklusive Rezept dann zur Stadtbibliothek, um mir dort einen Ausweis zu besorgen und dann zum Bahnhof. Auf dem Weg merke ich, dass mein Kreislauf langsam versagt und mir fällt auf, dass ich (mal wieder) völlig vergessen habe zu essen. Prima. Also nichts wie heim, kurz noch im Supermarkt vorbei im Ort und einkaufen und dann Sofa und was essen. So zumindest der Plan. Doch mein Körper hat langsam wohl keine Lust mehr darauf so sträflich vernachlässigt zu werden. Auf dem Weg die Treppen hoch zum Bahnsteig (die Rolltreppe ist natürlich ausgerechnet heute kaputt…) ist dann eben Ende und ich finde mich kurze Zeit später auf den Stufen wieder, umringt von ein paar Menschen. Während ich versuche meinen wirren Kopf zu sortieren und mich zu erinnern, wie zum Teufel ich nun auf den Stufen gelandet bin, versuche die fragenden Menschen zu beruhigen, dass es nur der Kreislauf ist und eigentlich wieder von den Stufen aufstehen möchte, steht plötzlich ein Sanitäter vor mir, den ein besorgter Mensch gerufen hat. Nachdem er mich kurz einige Sachen gefragt (was ist los, sind Sie okay, wie heißen Sie) und die Menschentraube ein wenig verscheucht hat, will er mich gemeinsam mit meinem Kollegen zum Krankenwagen bringen, woraufhin ich protestiere. „Mir ist nur der Kreislauf kurz abgestürzt, mir geht’s gleich besser.“ sage ich und will das demonstrieren, indem ich aufstehe, doch meine zitternden Beine machen da nicht mit und es beginnen schwarze Punkte vor meinen Augen zu tanzen, also stoppe ich auf halbem Weg und lasse mich wieder auf die Stufen sinken. „Ja, ich seh’s.“ erwidert der Sanitäter und so lande ich doch im Krankenwagen mit Blutdruck- und Pulsmessung und noch einem Berg Fragen. Mein Blutdruck ist viel zu niedrig, mein Puls zu hoch. Nach der Fragerunde, den Infos über meine Medikamente (vermutlich von allem wegen BTM…), meiner Äußerung, dass meine letzte Mahlzeit ein klein wenig länger zurück liegt, meinen Narben auf den Armen und meinem wirren Kreislauf ist es den Sanitätern wohl ein wenig zu heikel mich ziehen zu lassen und sie karren mich ins Krankenhaus. Dort beginnt das Fragespiel von neuem, bis ich irgendwann unterbreche, weil mir so unglaublich übel ist. Daraufhin kommt eine nette Ärztin, fragt nochmal kurz, hängt mich an eine Infusion und setzt dann die Fragerei fort. Sie erkennt letztendlich, dass es wirklich nur der Kreislauf ist, ich weder Drogen genommen habe noch sonst was angestellt, bittet mich nach Ende der Infusion nicht alleine heimzufahren, sondern jemanden anzurufen zum Abholen, ermahnt mich besser auf mich zu achten und zieht von dannen. 

Also rufe ich Mama an, sage ihr, dass sie unterwegs noch etwas essbares aufgabeln soll und mich dann bitte abholen und heim bringen. 

Nun liege ich endlich in meinem Bett. Erledigt vom Tag und dem kurzen Krankenhausintermezzo. Eigentlich war es völlig unnötig, ich kann aber auch verstehen, dass die Sanitäter auf Nummer sicher gehen wollten. 

Vielleicht war so eine Warnung meines Körpers auch mal nötig, ich muss wirklich mehr auf mich achten. 

Wir brennen selten für das Leben, das sich nur in unserem Herz versteckt

Falls jemand sich schon immer fragte, wann die Vögel anfangen zu zwitschern zu dieser Zeit im Jahr: 4.35 Uhr! 

Vorgestern konnte wieder nicht einschlafen. Ich lag wach, bis es irgendwann hell wurde, die Vögel zwitscherten und die Welt langsam erwachte. Als ich dann doch langsam in Richtung Schlaf sank… Wer hier öfter liest weiß es. Der Zitronenkater wurde putzmunter, öffnete meinen Kleiderschrank und begann ihn auszuräumen, hat mir dann ein paar Socken ins Bett getragen und mich erwartungsvoll angemaut. 

Die wenigen Stunden Schlaf waren unruhig. Eine meiner Bettdecken habe ich aus dem Bett geworfen während dem Schlaf, genau wie meine Schlafbanane. Den Zitronenkater hat es wenig gestört, denn er war ja müde vom Kleidersortieren und schlummerte selig quer über einem meiner Beine, egal wie ich mich drehte, er wanderte eben mit. Gegen halb 10 war ich dann wieder wach. Zumindest hatte ich die Augen auf und kein Bedürfnis nach weiteren unruhigen Stunden. Eine Weile habe ich damit verbracht in meiner Wohnung Pokemon zu jagen (ich habe als Kind Stunden mit dem Gameboy und Pikachu auf der Jagd und in Kämpfen verbracht und finde die neue App einfach tollig), ein wenig Ordnung geschaffen, Katerkind gekrault und mir was zu essen gekocht. Dann konnte ich der Anziehungskraft meines Bettes einfach nicht mehr widerstehen, habe noch ein paar Stunden geschlafen und bin anschließend mit N. in die Hauptstadt gefahren. Auf dem Markt habe ich mich fleißig selbst beschenkt. Ein Tascheneumel, eine neue bunte Hose, ein Airbrush-Tattoo und Libellen-Ohrstecker. 

 
Anschließend haben wir meine Mama eingesammelt und sind Richtung Konzert gezogen. Das war richtig klasse, wir hatten alle sehr viel Spaß. 

Gestern habe ich dann die meiste Zeit im Bett verbracht. Ich fühle mich wieder unglaublich kraftlos und mag einfach nur den ganzen Tag schlafen. Ich bin gespannt, was meine Hausärztin morgen meint. Denn gesund fühle ich mich absolut nicht. 

Heute war ich dann nach nur 5 Stunden Schlaf wieder wach. Der Zitronenkater beschloss, dass meine Füße super schmecken und begann reinzubeißen, dabei weiter zu schlafen ist quasi nicht möglich. Also bin ich aus dem Bett gepurzelt, habe mich angezogen und fertig gemacht und gefrühstückt, mein Oberteil von Katerhaaren befreit (was völlig sinnlos war, da er sich beim rausgehen an die Wand hängte und an mir rieb) und bin dann los Richtung Hauptstadt. 

Die typische Uhrzeit, zu der 80% der Bevölkerung unterwegs sind und ich mag schon nach 5 Minuten eskalieren. Wegen der Frau im Bus, die so übel riecht, dass mir direkt schlecht wird. Wegen den Leuten im Zug, die einen Mann mit Behinderung anstarren, als ob er ein Alien wäre. Wegen den Menschen, die während dem Gehen plötzlich stehen bleiben und einen zum Slalom zwingen. Wegen den zwei Frauen, die sich im Wartezimmer so laut unterhalten, dass die halbe Hauptstadt es hört. 

Ich erzähle meinem Psychiater von der Antriebslosigkeit, von den Schlafproblemen und von Freiburg. Wir besprechen, dass die Dosis vom Antidepressivum erhöht wird, es wirkt auf zwei verschiedene Rezeptoren und auf die zweiten scheinbar erst ab einer höheren Dosis. Und genau das probieren wir nun aus. Er fragt, wie es früher immer war mit den ADs, erinnert mich an die erhöhte Gefahr der Selbstverletzung und des Suizids und ich erkläre ihm, dass er sich da keine Gedanken machen muss und ich das schon hin bekomme. 

Nun bin ich mal gespannt und hoffe, dass die Antriebslosigkeit bald ein Ende findet. Denn es sieht hier aus wie nach einem Tornado und obwohl ich es selbst richtig furchtbar finde, kriege ich es einfach nicht hin etwas dagegen zu tun. Dabei muss es diese Woche erledigt werden, denn am Sonntag fahre ich zu Mama und von dort geht es am Montag in den Urlaub. 

Einen Anfang will ich heute machen. Und gleich einkaufen. Und mich heute Abend mal ein wenig um mich kümmern, Chrissie wollte vielleicht noch vorbei schauen. 

Aber was wenn alles gut geht
Was wenn jeder Plan gelingt
Was ist wenn wir feiern können
Weil jetzt endlich alles stimmt
Und was wenn wir ganz oben stehen
Und dabei bleiben wer wir sind
Was wenn alles gut geht

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Nach einer sehr kurzen und unruhigen Nacht habe ich es tatsächlich geschafft heute morgen um kurz nach 6 aus dem Bett, um halb 7 aus der Klinik und um 7 aus meiner Haustüre zu purzeln.
Die gestrige Nachricht hielt mich noch lange wach, um kurz vor 23 Uhr schrieb ich noch A. aus dem Zimmer nebenan und wir gönnten uns eine letzte Zigarette, bevor der Raucherraum geschlossen wurde. Auch sie trieb die Nachricht um, montags war J. noch auf der Station. Aus einer anderen Klinik, in der sie danach landete, war sie abhängig und wurde dann dort auf der Besuchertoilette gefunden. Die Reanimierungsmaßnahmen waren erfolglos.
Ich wurde oft wach in der Nacht, drehte mich hin und her und schlief wieder ein.
Nach zwei Zigaretten heute morgen bin ich dann einmal durchs Bad, habe mich angezogen und am Schwesternsitz geklopft. Pfleger Thorsten schaute mich irritiert an, es wusste mal wieder keiner, dass ich so früh weg muss und einen Termin beim Psychiater habe. Kommunikation ist alles…
Für heute steht noch auf dem Plan, dass ich meinen Vermieter anrufe, sobald es möglich ist, die Frau aus der Klinik für die DBT versuche zu erreichen, wieder in die Klinik zurück gehe und dort meine Therapien mache, ich muss mit dem Psychopeut meine Verhaltensanalyse besprechen… Es ist mir jetzt schon wieder alles zuviel. Aber Augen zu und durch, auch so ein voller Tag geht vorbei und heute Abend habe ich hoffentlich einiges erreicht.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.

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Der Abend war okay. Ich saß irgendwann mit dem Tatort auf dem Sofa und hatte das schnurrende und später schlafende Katerkind auf dem Bauch. Im Schlaf hat er Mäuse gejagt oder Bäume erklommen, ich muss immer lächeln wenn sich seine Pfoten und der Schwanz bewegen oder dann ein Ruck durch den ganzen Körper geht. Und ich muss lächeln, weil er mir so sehr vertraut, dass er auf mir in Tiefschlaf verfällt und träumt und sich sicher ist, dass ihm nichts passiert. Wenn ich an seine Vorgeschichte denke und die Dinge, die er in seinem jungen Alter schon erleben musste, dann ist es für mich immer noch ein Wunder, dass er sich so sehr auf einen Menschen einlassen kann.
Seit gestern ist eine seiner Pfoten blau, weil er natürlich wie immer viel zu neugierig war. Als ich meine Haarspitzen wieder bunt gemacht habe musste er natürlich ins Waschbecken hüpfen und durch die Farbe laufen. So brachte er mich gestern mehrere Stunden lang immer wieder zum lachen, denn es sieht einfach nur lustig aus.
Vorsorglich habe ich gestern dann ein wenig mehr meiner Abendmedis genommen und bin auf dem Sofa langsam immer müder geworden und schließlich ins Bett geplumst. Dort habe ich es gerade noch so geschafft mir mein Hörbuch anzumachen, bevor ich keine Kraft mehr hatte die Augen aufzuhalten und habe mich in meine Decken gekuschelt, den Zitronenkater auf mir. Und dann bin ich auch relativ schnell eingeschlafen. Die Träume waren ein wenig wirr und gegen 4 Uhr wurde ich wach, weil mein Vater durch meine Träume lief. Auch ohne ihn waren die Träume anstrengend, ich habe von der Klinik geträumt, von einigen Schwestern und dem Versuch, immer wieder an Klingen zu kommen und mich zu verletzen. Und trotz Medikamenten wache ich um kurz nach 8 dann wieder von alleine auf und bewege mich aus dem Bett und unter die Dusche. Ich bin mal wieder klatschnass geschwitzt, was nach Träumen von meinem Vater oft vorkommt. Also wander ich unter die Dusche und mein Bettzeug in die Waschmaschine. Ich überlege ob und was ich frühstücken soll, habe aber weder große Lust noch Appetit dazu und schnappe mir einfach nur eine Banane und falle auf mein Sofa. Von dort will ich eigentlich gar nicht mehr aufstehen und schon gar nicht in die kalte und graue Welt vor meinen Fenstern. Am liebsten würde ich wieder in mein Bett krabbeln und mir die Decke über den Kopf ziehen, was leider ja nicht geht. Ich muss mich anziehen und los in die Hauptstadt, muss zum Psychiater und einkaufen, muss heute noch Kuchen backen und Geschirr spülen und Chrissie kommt mit dem Hundemädchen. Und weil Katerkind beginnt mit viel Enthusiasmus und Milchtritt auf meinem Magen meine Banane wieder aus mir heraus zu befördern, stehe ich also auf bevor sie meinen Körper wieder verlässt und ziehe mich an. Dabei muss ich daran denken, dass ich morgen besser etwas mit langen Ärmeln anziehe, zumindest solange Mama da ist. Auf Diskussion und erschrocken-vorwurfsvolle Blicke habe ich an meinem Geburtstag definitiv noch weniger Lust als an sonstigen Tagen.
Letztes Jahr um diese Zeit lag ich noch auf der Intensivstation und habe gejammert, weil ich unbedingt rauchen wollte aber natürlich nicht durfte und konnte, habe mich auch davon abgesehen richtig furchtbar gefühlt mit Herzrasen und Übelkeit und immer noch bedöppelt von der Überdosis Tabletten. Und sonst waren um diese Zeit im Jahr die Hunde oft bei mir und K., weil Chrissie mit ihrem Freund in den USA war. Facebook zeigt mir in den letzten Tagen bei den Erinnerungen immer wieder Bilder von den zweien und ich schwanke jedes Mal zwischen lächeln und losheulen. Ich bin gespannt wie es heute wird mit Chrissie.
Mein Psychiater war wie immer einfach toll. Wir haben auch über meine momentan eher weniger vorhandene Therapie geredet und er hat mir ein wenig geholfen, bei der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Vermutlich werde ich der Therapeutin schreiben und um einen Termin bitten, um mit ihr zu reden. Ich will die Dinge, die in unserer letzten Sitzung geschehen sind, besprechen und schauen, ob wir die paar letzten verbliebenen Stunden nicht noch etwas auf die Reihe kriegen. Und während ich das schreibe habe ich ihr eine SMS gesendet und nach einem Termin gefragt und auch direkt erwähnt, dass ich über die Stunde im September reden möchte. Ich habe Bammel davor, aber ich glaube ich kriege das hin. Vielleicht mal nicht beleidigter Borderliner spielen sondern mich konstruktiv den Dingen stellen.
Und nun werde ich gleich mal schauen was ich essen soll heute und ob ich mich noch an den Kuchen mache oder das auf morgen verschiebe. Auf jeden Fall muss ich meine Wohnung noch hundesicher machen, also alles schokoladige außer Reichweite bringen (zum Glück findet der Zitronenkater Schokolade gar nicht toll, sonst hätte ich ein Problem…) und auch das Katerfutter außer Reichweite bringen.
Und währenddessen schaue ich „und täglich grüßt das Murmeltier“ (denn der 2. Februar ist Murmeltiertag! Also auch der Tag in dem Bill Murray im Film festhängt.) und trinke Tee. Dieser Tag ist definitiv besser als der 2. Februar im letzten Jahr.

Wer immer auf dem Boden bleibt, hat nichts was Ihn nach vorne treibt.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Stell dich quer, lass sie spür’n dass wir am Leben sind.
Dreh dich um, dreh dich in den Sturm
Wir sind Drachen und wir steigen im Gegenwind.
Lass los, lass los, lass los was dich nicht los lässt