Ihr müsst alles wagen, doch der Kampf wird hart. 

Gestern stiegen Selbstverletzungsdruck und Anspannung und Suizidalität irgendwann. Ich weiß nicht, ob es am Mitpatienten lag, der mich am Arm fasste und auf meine Erwiderung mich bitte nicht einfach anzufassen das selbe einfach nochmal tat oder an etwas anderem. Eigentlich hatte ich die Anspannung nach diesem Ereignis wieder runter geskillt. Hatte mir von Pfleger Arschkeks ein wenig Farbe auf die Haut bringen lassen. Mich bei Schwester Nathalie ausgekotzt und mir Eiswürfel abgeholt. 

Doch abends stieg meine innere Unruhe so immens, dass sie auch zur äußeren Unruhe wurde. Ich lief auf der Station hin und her, holte mir irgendwann Bedarf und schaffte es dann halbwegs ruhig äußerlich mit ein paar Mitpatienten auf dem Balkon zu sitzen und den Impuls mich einfach runter zu stürzen zu unterdrücken. Sonderlich viel mehr als gebrochene Knochen hätte es mir eh nicht eingebracht, von daher lasse ich solche Aktionen einfach ganz, außerdem sagt Pfleger Kai ja immer, dass man in seinem Dienst nicht vom Balkon springen darf. 😉 

Als Schwester Sabine dann meine diary card sehen will und die 5 entdeckt und mich vor Anspannung zitternd vor sich stehen sieht, ist also erstmal wieder skillen dran. So stehe ich mit ihr am Pflegestützpunkt, skille mich durch mein Notfalltäschchen, bis ich irgendwann den Koller kriege und ins Bad gehe, meine Arme unter den Wasserhahn halte und Minute um Minute das eiskalte Wasser darüber laufen lasse. „Gehen wir ein bisschen“ sagt Sabine einige Zeit später und wir ziehen unsre Runden über die Station. Sie sagt, dass das Arbeiten mit mir ganz anders ist als früher. Dass ich gereifter wirke. Dass schon meine Reaktion auf ihr Klopfen an der Badtüre und die Tatsache, dass die Tür unverschlossen blieb zeigt, dass ich weiter bin. Früher hätte ich nicht reagiert, hätte die Türe verschlossen und anstatt zu skillen hätte ich versucht mich auf irgend eine Art und Weise zu verletzen. Bis jemand mit dem Schlüssel die Türe aufgesperrt und aus dem Bad geholt hätte. 

Vieles ist anders als früher. Und ich bin froh drum. Ich bin mir zum Beispiel auch ziemlich sicher, dass ich nicht in 4 oder 5 Wochen wieder hier sein werde, so wie es der Psychopeut indirekt in unserem Gespräch meinte. Das war sowieso größtenteils sinnfrei, denn er begann mit mir über die Dauer der stationären Krisenintervention zu diskutieren. Er wollte 5 Tage festlegen als feste Dauer für zukünftige Situationen. Ich könnte dann ja immer noch sagen, dass ich die zwei Tage mehr brauche, wenn es soweit sei. Als ich ihm erkläre, dass es so rum bisher nie funktioniert hat hier, dass es meistens entweder ein endloser Kampf war den Abstand zwischen den Intervallen wieder zu verkürzen oder es einfach verneint wurde, stimmt er mir nicht zu. Er meint ich wäre trotzig und wolle einfach nicht zustimmen, weil ich erkläre, dass mich die Vorstellung hier her zu kommen mit dem Gefühl versagt zu haben inklusive dem Wissen, dass ich eine aussichtslose Diskussion über die Länge meines Aufenthalts führen muss, definitiv größtenteils davon abhalten wird in Notsituationen zu kommen. Ich sage ihm, dass er sich ja scheinbar von seiner Meinung auch nicht abbringen lässt, woraufhin er verneint und ich überlege, ob ich die vergangenen Minuten mit jemand anderem diskutiert habe. „Na, wenn Sie Ihre Meinung also doch ändern können: ich möchte weiterhin die 7 Tage als Möglichkeit, wenn es mir früher schon besser geht, dann gehe ich früher. In diese Richtung funktioniert das nämlich besser als andersrum.“ – „Dann bleiben wir eben bei den 7 Tagen“ erwidert der Psychopeut und ich wundere mich nochmals über diese sinnfreien letzten Minuten. 

Als alles skillen und reden und laufen nichts bringt schickt mich Schwester Sabine ins Bett. „Wie viel Sicherheit brauchen Sie von uns?“ fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern, weil ich völlig fertig und überfordert bin. „Okay. Wenn Sie nicht entscheiden können, dann entscheide ich für sie. Wir lassen die Türe auf und ich komme regelmäßig kucken.“ Ich nicke zur Bestätigung und bin froh, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. „Ich gehe noch eine rauchen“ murmle ich. „Okay, eine Zigarette, dann ins Bett? Versuchen Sie zu schlafen, vielleicht wirkt der Bedarf bald. Und wenn was ist, dann kommen Sie. Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen.“ Ich würde sie am liebsten knutschen für ihre Worte und ihr Handeln an diesem Abend, doch ich bin einfach zu kaputt um auch nur zu lächeln. 

Also rauche ich, trolle mich ins Bad (unterbrochen von einem „Ist alles okay da drin?“ von Schwester Sabine) und verkrieche mich dann im Bett. Während ich mich noch ein wenig mit dem Handy ablenke, mich in meine Kuscheldecke kuschel und mein Einhorn-Kisse fest an mich drücke, schaut sie regelmäßig ins Zimmer. Und irgendwann schlafe ich dann ein, mit dem Hörbuch in den Ohren und dem Bedarf im Körper und Dankbarkeit für die Unterstützung an diesem Abend. 

Der Tag heute war okay. Abgesehen davon, dass ich wegen Bedarf ziemlich matschig bin und eigentlich Schlaf gebraucht hätte. Doch die Nacht war um kurz nach 7 vorbei, als meine Zimmernachbarin anfing zu jammern. Nach dem Frühstück klingelte dann mehrfach das Patiententelefon auf dem Flur, welches fast direkt neben meiner Zimmertüre hängt. Dann kam meine andere Mitpatientin ins Zimmer geschneit und erzählte mir tausend Dinge, also wieder kein Schlaf. Nach dem Mittagessen verkroch ich mich dann nochmal unter die Decken, doch dann schnarchte die Zimmernachbarin in den lautesten Tönen. Nach Aufstehen und Rauchen war ich gerade mit eBook fast beim einschlafen war… Klingelte ihr Telefon am Bett. 

Und nun bin ich hoffentlich so müde, dass ich einfach nur noch bald einschlafe. Morgen geht es heim. Mir wird der sichere Rahmen fehlen, denn zuhause weiter kämpfen ist einfach schwerer als in einer sicheren Umgebung mit ständigem Ansprechpartner, aber es ist nun auch wieder an der Zeit den sicheren Rahmen zu verlassen und weiter meinen neuen Weg zu gehen und ich denke, dass ich dafür auch wieder ausreichend „unsuizidal“ und stabil genug bin. Es wird Zeit wieder heim zu gehen. Und ich freue mich schon so unglaublich auf mein Katerkind, auf sein Schnurren und sein Fell und sein Miauen und seine Nähe. Und auf die Wutzis, das Quietschen und Mampfen und Rascheln. Und auf meine Wohnung, mein Bett, meine Freiheit. 

Du musst so schnell sein wie wildes Wasser.
Du musst so stark sein wie ein Taifun.
Du musst so heiß sein wie Höllenfeuer –
geheimnisvoll zugleich, so wie der Mond! 

Anders 

Abend Nummer 5 in der Klinik geht zuende. Noch zwei weitere Abende liegen vor mir, am Freitag werde ich nach Hause gehen. 

Ich habe in den letzten Tagen viel mit dem Pflegepersonal geredet. Mal über Belangloses, mal über die vergangene Zeit hier, mal über den aktuellen Kram. Immer wieder habe ich die Rückmeldung bekommen, dass ich nicht versagt habe. Dass ich richtig gehandelt habe, es die richtige Entscheidung war, es absolut okay ist, keiner vom Team es als Rückschritt sieht… Es tut gut diese Worte zu hören und langsam schaffe ich es auch damit gegen das Gefühl des Versagens anzukommen. Und langsam nehmen die Suizidgedanken auch weniger Raum ein, der Selbstverletzungsdruck wird weniger, es tut sich was. Abgesehen von den Momenten, in denen mich irgendwas umhaut, wie beispielsweise die Oberärztin, die heute mit der Entlassung um die Ecke kam, da es gerade ziemlich voll ist. Schließlich ist am Feiertag ja eh kein Programm und so. Ich sagte ihr, dass ich grade eher den sicheren Rahmen brauche als die Therapien. Sie meinte, dass sie nochmal schaut, ob sie es anderweitig lösen kann, aber gegebenenfalls nochmal am Mittag auf mich zukommt. Mit diesem Gespräch traf sie genau in die Wunde, die das Gefühl versagt zu haben, hinterlassen hat, traf genau in das „stell dich nicht so an“ und „du hast keine Hilfe verdient“. Ich war völlig neben der Spur danach, fragte Schwester Nathalie nach ein paar Minuten Zeit und als sie dann zwischendurch diese paar Minuten hatte, sprach ich ihr gegenüber diese Gefühle aus, sagte, dass ich grade am allerliebsten heim gehen würde und Mist bauen, sagte ihr, wie sehr ich gerade kämpfen muss. Völlig Heimatfilm statt Tagesschau. Es half und tat gut und auch von ihr hörte ich nochmal, dass ich nicht versagt habe, dass es gut und richtig war. Sie ließ sich noch die Hand drauf geben, dass ich nicht einfach nach Hause verschwinde und Mist mache. Danach war es besser. Die Anspannung ließ langsam nach, nachdem ich eine Runde draußen war und anschließend skillte und mir von Pfleger Arschkeks einen „Akut-Smiley“ malen ließ.

Danach war ich erstmal einfach nur unglaublich müde und fiel ins Bett, stand irgendwann wieder auf und ging kurz einkaufen (mein „Ich brauche Schokolade“ – Symptom taucht wirklich fast nur dann auf, wenn ich stationär irgendwo bin…) und fragte dann Pfleger Thorsten, ob er mit auf den Balkon kommt, denn das Wetter war so schön und als Raucher ist es auf dem Balkon auch um einiges angenehmer als im Raucherraum. 

So saß ich dann dort mit meinen dbt-Unterlagen und dem Manual und Block und Stift, um die „Hausaufgaben“ zu erledigen, die Sabine mir gegeben hatte: Eine Art Krisenplan zu schreiben für mögliche Krisenintervention hier, was hilft, was hilft nicht, was ist gut in welchen Situationen. Den habe ich ihr in die Hand gedrückt vorhin und sie will ihn weiter geben ans Team für die Teambesprechung morgen. Neben dem Schreiben quatschte ich mit Thorsten, rauchte, versuchte immer wieder den Faden zu finden und genoss die Sonne. Es tat gut und holte mich fast völlig aus dem morgendlichen Drama raus. 

Nach dem Essen kam dann noch N. vorbei und wir saßen draußen, den Abend habe ich mit meinen Mitpatienten auf dem Balkon verbracht. Und gerade ist es wirklich halbwegs okay hier zu sein, es sind nur noch zwei Tage, die ich allerdings für mich nutzen möchte, aber es ist auch okay dann wieder zu gehen und zuhause weiter zu machen. 

Letztendlich war es die einzig richtige Entscheidung hier her zu kommen. Vielleicht schaffe ich es ja auch bald das komplett so zu sehen, vielleicht kommt es auch im Gefühl noch an. Und vielleicht schreibe ich doch eine funktionale VA dazu. Oder eher eine „Anders-VA“, wie Frau S. sie immer nannte und was ich auch besser und treffender finde. Denn ich habe nicht gehandelt wie früher, habe den neuen Weg gewählt, habe mich entschieden, nicht mehr in den alten Mustern zu bleiben, habe nicht mehr so reagiert. Sondern eben anders. 

Alles auf Anfang, die Welt ist wieder Scheibe. 

Gestern saß ich irgendwann in der Therapie und saß doch nicht mehr da. Ich war nicht mehr wirklich anwesend, konnte den Worten meiner Therapeutin nicht mehr folgen. 

Zuvor hatten wir über Sonntag gesprochen. Über das Gespräch mit der Freundin meiner Mutter. Und mitten in der Therapie trifft mich die Erkenntnis, dass es nun also doch wahr ist. Dass dieser Teil in mir, der immer noch versuchte zu leugnen, dass es passiert ist, der hoffte, dass ich es mir nur einbilde, keine Grundlage mehr hat. Es gibt Menschen, die es vermutet haben. Schon immer. Meine ehemalige Therapeutin hatte die Vermutung schon vor 14 Jahren. Meine jetzige Therapeutin auch schon seit über 6 Jahren. Ich habe mich vehement dagegen gewehrt. Bis dann die Erinnerungen kamen. Und dennoch war die ganze Zeit der Teil im mir, der sich sicher war, dass es nicht sein kann. Und nun gibt es da Menschen, die von damals erzählen. Meine Tante, die mir berichtet, dass es auch Thema im Sorgerechtsstreit war. Und nun die Freundin meiner Mutter, die von ihren damaligen Vermutungen erzählt. Es nimmt mir die Grundlage weiterhin daran zu zweifeln. Es nimmt mir die Grundlage die Flashbacks als Einbildung abzutun, für die Körpererinnerungen andere Gründe zu suchen, für den Hass gegen mich und all diese Dinge. Und mit dieser Grundlage verschwindet der Boden unter meinen Füßen. 

Meine Therapeutin bleibt mit mir sitzen. Legt mir eine Decke um, während ich zittere und verkrampfe und nicht mehr da bin. Sie bleibt mit mir sitzen, bis ich wieder denken, reagieren, handeln kann. „Ich bin froh, dass ich Ihren Lebensvertrag hier habe.“ sagt sie kurz bevor ich gehe. 

Die Fahrt ist verschwommen und lückenhaft. Ich schaffe es nicht, die Tränen zurück zu halten und es ist mir auch egal. Ich bemerke die Menschen um mich rum kaum, habe Mühe auf die Haltestellen zu achten. 

Zuhause will ich den AvD der Klinik anrufen. Ich kann nicht mehr dafür garantieren, dass ich die Verantwortung für den Lebensvertrag nicht noch tragen kann. Doch meine Leitung ist tot. Mein Handy hat kaum noch Guthaben, doch ich kann es nicht aufladen, da der Server nicht erreichbar ist. Gestern Abend habe ich dann gelesen, dass dieses Problem wohl seit Tagen besteht beim Handyanbieter. 

Also rufe ich mit dem wenigen Guthaben an. Hänge in der Warteschleife, erreiche keinen. Dann ist das Guthaben leer. 

N. fährt los, um mir einen Aufladebon zu bringen. Kurz bevor es an der Türe klingelt, geht das Telefon wieder und ich habe die Therapeutin am Telefon, die für mich zuständig war bei meinem letzten Aufenthalt. Ich erzähle ihr was los ist und sie sagt, dass ich direkt vorbeikommen soll. Also packe ich ein paar Dinge, versuche gegen die Gedanken im Kopf anzukommen, die mir entgegenbrüllen, dass Klinik bedeutet versagt zu haben, dass ich doch lieber einfach schneiden soll oder mir einfach was antun. 

N. bringt mich bis auf die Station, wo Schwester Angelika mich begrüßt. Zusammen mit dem AvD verschwinden wir im Büro des Arztes und führen das Aufnahmegespräch. Ich erzähle kurz was passiert ist. Erzähle kurz von der Zeit seit meinem letzten Aufenthalt. Die Ärztin sagt, dass ich richtig gehandelt habe. Auch Schwester Angelika sagt das. Doch es fühlt sich einfach nur beschissen an, es fühlt sich nach Versagen an. 

Ich bekomme Bedarf. Verschwinde im Zimmer und gehe nur zum Rauchen ab und an mal vor die Zimmertüre in den Raucherraum. 

Abends sagt mir auch Schwester Laura nochmal, dass ich richtig gehandelt habe. Dass es kein Versagen ist. Dass es gerade so anders ist als früher, dass ich ganz anders hier her komme. Freiwillig, bevor was passiert. „Das hatten wir auch schon ganz anders, mit Krankenwagen und Polizei.“ erinnert sie mich. 

Auch Pfleger Thorsten und Pfleger Andreas erinnern mich am nächsten Morgen daran, dass es kein Versagen ist. 

Mit Pfleger Kai rede ich am Abend, weil plötzlich wieder alles einstürzt und mich umhaut. Ich weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann, ob ich es schaffe mich zu melden. Wir vereinbaren, dass ich auf Station bleibe. Er sagt mir, dass es derzeit eine ganz andere Situation ist als früher. Ganz andere Voraussetzungen. Er versorgt mich mit Bedarf und Finalgon. 

Schwester Sabine kommt in den Nachtdienst und setzt sich für eine Weile zu mir aufs Bett. Wir reden, sie fragt wie sie mich unterstützen können. Und ich muss lächeln, denn mit ihr habe ich früher viele Dinge besprochen und erarbeitet auf Grundlage der dbt, mit ihr und Schwester Nathalie. Nun sitze ich hier, nach der dbt, und schreibe freiwillig VAs und diary cards, während die beiden mich früher damit quälten. 

Es fühlt sich immer noch furchtbar an hier zu sein. Aber gerade fühlt sich alles in mir einfach furchtbar an. 

Einatmen. Ausatmen. Es wird vorbei gehen. (auch wenn ich das gerade noch kaum glauben kann…)

‚Alles auf Anfang‘ klingt wie Aufbruch, doch hier bewegt sich überhaupt nichts mehr.
Manchmal tut’s gar nicht weh, manchmal ’n bisschen und manchmal sehr.

Alles tanzt um dich rum, aber du wünscht dich weg von hier.

Gestern kam eine Mail aus Freiburg. Ob ich am Montag kommen könnte für ein Vorgespräch. Bevor mein Hirn es sich anders überlegen konnte habe ich die Fernbusapp angeworfen, habe nach einer möglichen Verbindung geschaut und dann geantwortet, dass ich am Montag komme.
Danach bin ich erst mal fertig. Und stürze ab. Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, dass es nun einen Schritt weiter geht, dass das lange erwartete Ziel in greifbarere Nähe rückt. Damit fehlt irgendwas, ich habe Angst vor dem Danach, Angst was kommt nach der DBT.
Schwester Nathalie ist zu Glück da, redet mit mir, versucht mir die Angst zu nehmen. Sie sagt, dass niemand erwartet, dass ich danach wieder völlig fit bin, dass diesen Anspruch niemand hat. Dass es ein erstes Ziel ist, ein Anfang, eine Möglichkeit. Dass die Klinik danach immer noch steht und Anlaufpunkt bleibt. Dass Freiburg mit mir gemeinsam überlegen kann, wie es weitergehen kann. Sie hilft mir ein wenig mit ihren Worten, mit ihrer Art. Es hilft, dass sie in diesem Moment vom Sie aufs Du wechselt, dass sie so nah an meinen Gefühlen ist und mir einfach zuhört und da ist.
Heute habe ich mit dem Psychopeut geredet. Auch er sagt mir nochmal, dass niemand dann verlangt, dass ich nie mehr Hilfe brauche. Ich sage, dass ich gerne die Traumatherapie machen würde. Und am liebsten zwischen DBT und Traumatherapie weiter Intervalltherapie hier, je nachdem wie es ist eventuell mit einem längeren Intervall. Er meint, dass das eine Möglichkeit wäre.
Gestern war ich noch furchtbar wütend auf ihn und hätte am liebsten niemals mehr ein Wort mit ihm geredet. Er wollte ja montags die VA besprechen, ich bin ihm erst die ganze Zeit nach gelaufen und wollte nach einem Gespräch fragen, da kam immer nur „einen Moment“ sobald ich den Mund aufmachen wollte und er war schon wieder verschwunden. Als ich ihn dann endlich mal erwischt habe und fragte, ob er Zeit habe, fragte er wieso, ich entgegnete, dass er doch die VA besprechen wollte und bekam als Antwort ein „Ich habe noch andere Patienten“ in einem ziemlich ätzenden Ton. Wuuuuhaaaa! Ich war so geladen, habe mich in der Ergo ausgekotzt und bei Nathalie, habe irgendwann Dipi genommen, weil ich es nicht mehr aushalten konnte. Heute war es dann wieder einigermaßen okay, auch wenn ich ihm bei der Visite am liebsten für einen Moment ins Gesicht gesprungen wäre.
Sonst lief der Tag ganz okay. Die Panik von dem Danach ist nicht mehr so groß, nicht mehr so extrem. Ich habe auch das Gefühl langsam Ruhe hier zu finden und runter zu kommen. Die Anspannung ist heute zum ersten Mal echt okay, genau wie die Suizidgedanken. Endlich.

Alles schwarz in dem Haus, nur in deinem Zimmer brennt noch Licht.
Der Raum voller Rauch
so wie du dir den Kopf zerbrichst.
Hier ist Einsturzgefahr, wie du Löcher in die Decke starrst
und übersiehst dabei die ersten Sonnenstrahlen.
Du glaubst
Du bist nicht gut genug
und du denkst dich klein
weil du dir nicht reichst.

Doch wo ein König ist wird stets ein Henker sein.

Nach einer sehr kurzen und unruhigen Nacht habe ich es tatsächlich geschafft heute morgen um kurz nach 6 aus dem Bett, um halb 7 aus der Klinik und um 7 aus meiner Haustüre zu purzeln.
Die gestrige Nachricht hielt mich noch lange wach, um kurz vor 23 Uhr schrieb ich noch A. aus dem Zimmer nebenan und wir gönnten uns eine letzte Zigarette, bevor der Raucherraum geschlossen wurde. Auch sie trieb die Nachricht um, montags war J. noch auf der Station. Aus einer anderen Klinik, in der sie danach landete, war sie abhängig und wurde dann dort auf der Besuchertoilette gefunden. Die Reanimierungsmaßnahmen waren erfolglos.
Ich wurde oft wach in der Nacht, drehte mich hin und her und schlief wieder ein.
Nach zwei Zigaretten heute morgen bin ich dann einmal durchs Bad, habe mich angezogen und am Schwesternsitz geklopft. Pfleger Thorsten schaute mich irritiert an, es wusste mal wieder keiner, dass ich so früh weg muss und einen Termin beim Psychiater habe. Kommunikation ist alles…
Für heute steht noch auf dem Plan, dass ich meinen Vermieter anrufe, sobald es möglich ist, die Frau aus der Klinik für die DBT versuche zu erreichen, wieder in die Klinik zurück gehe und dort meine Therapien mache, ich muss mit dem Psychopeut meine Verhaltensanalyse besprechen… Es ist mir jetzt schon wieder alles zuviel. Aber Augen zu und durch, auch so ein voller Tag geht vorbei und heute Abend habe ich hoffentlich einiges erreicht.

Nichts bleibt mehr
Wenn ich jetzt aufgeb‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Weg nicht geh‘
Und nichts bleibt mehr
Wenn ich weiter vor mir flieh‘
Nichts bleibt mehr
Wenn ich diesen Kampf verlier‘

Klinik

Auf ein neues: Klinik die weißgottwievielte.
Der normale Wahnsinn beginnt am Mittwoch schon an der Pforte. Vor mir sind 4 Handwerker, die Ausweise wollen und mit dem Formular gar nicht klar kommen.
Mit den Unterlagen in der Hand nehme ich den Aufzug und gehe zur üblichen Station. Dort treffe ich erst mal G., die gefühlt seit einem halben Jahr schon hier ist, bzw. wieder. Sie wurde vor 2 Wochen entlassen und ist seit 10 Tagen wieder hier.
Im Raucherraum erklärt mir eine Patientin von einer anderen Station, dass sie lesbisch ist aber eine Freundin hätte, deswegen darf sie nicht mit mir reden.
Das Aufnahmegespräch ist okay. Der Psychopeut und Schwester Tina loben mich, dass ich es die ganze Zeit ohne Selbstverletzung geschafft habe.
Die Ärztin fragt danach nach neuen Wunden, als Tina sagt, dass ich seit zehn Wochen nicht geschnitten habe meint sie „Das will ich sehen“ und ich halte ihr meine Arme vor die Nase. „Na das sieht ja gut aus.“ Die Ärztin, die vorher auf der Station war, nun auf einer anderen ist, aber wiederkommen soll, fragt wie ich das gemacht habe. „Skills.“ – „Kein kotzen?“ Ich schüttel den Kopf und sie lobt mich auch.
Mich überfordert das erstmal, soviel Lob auf einem Haufen. Ich selber kann, wie so oft, die Fortschritte nicht sehen.
Die Suizidgedanken lassen sich leider immer noch blicken und wollen nicht weg gehen.
Abends eskaliert es. Suizidversuch würde ich es nicht nennen, eher eine etwas extremere Form der Selbstverletzung. Ich habe meinen Schal mehrere Male so fest zugezogen, bis die Gedanken im Kopf ruhig waren. Bis da nur noch das Pulsieren des Blutes war.
Ende vom Lied war dann natürlich Sichtkontakt. Die Tür blieb auf, sobald ich kurz im Bad verschwand hatte ich eine Schwester vor der Türe stehen. Auch wenn es mich furchtbar genervt hat, konnte ich natürlich verstehen warum das nötig war.

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Am Tag danach kam der Psychopeut und meinte, dass er das Gefühl hat der Aufenthalt tut mir nicht gut und hätte das nun ausgelöst und eine Entlassung wäre vielleicht besser. In mir gingen direkt alle Barrikaden hoch und ich hätte am liebsten direkt meine Sachen gepackt und wäre gegangen. Nach seiner Pause kam er nochmals und wir haben geredet, statt Entlassung kam er dann auf die Idee, dass ich nun stattdessen 10 Tage bleiben soll und schlug einen Non-Suizid-Vertrag vor. Verstehen muss man diese Logik wohl nicht.
Jedenfalls habe ich nun einen Vertrag hier liegen, der beinhaltet, dass ich keinen Suizidversuch unternehmen werde während dem Aufenthalt, dass ich daran arbeite das selbstschädigende Verhalten zu reduzieren (haha, was tue ich denn die ganze Zeit?!) und keine Rasierklingen mit in die Klinik bringe. Das will ich morgen nochmals ansprechen, denn dass ich bewusst keine Mitbringe zur Aufnahme ist für mich dann klar, mir geht es aber auch um die Momente, in denen ich einfach durchdrehe, in den Supermarkt gefallen marschiere und welche kaufe.
Gestern war ich dann mit Freundinnen unterwegs. Hier war „das größte Volksfest im Südwesten“, wir hatten viel Spaß, halben viel gelacht, getrunken, gesungen.
Als ich heim kam dann der Absturz: in meiner Wohnung ist nur noch in der halben Küche und im Bad Strom. Erstmal habe ich Panik geschoben, weil ich dachte sie haben mir den Strom abgestellt, aber dann wäre ja gar keiner mehr da. Das hat mich so aus der Bahn geworfen, dass ich gar nicht mehr runter kam. Ich habe in der Klinik angerufen, habe mit Thorsten geredet, habe versucht zu schlafen, aber ich kam einfach nicht zur Ruhe.
Nun sitze ich wieder in der Klinik. Bevor etwas passiert bin ich mittags wieder hier her. Ich bin immer noch völlig Matsch nach der unruhigen Nacht, habe Kopfschmerzen und bin einfach fertig. Wäre es doch nur vom Alkohol, dann wüsste ich wenigstens woran es liegt.
Aber immerhin habe ich hier etwas mehr Sicherheit, dass nichts passiert. Und morgen sind es dann doch tatsächlich schon 11 Wochen ohne schneiden.

mit jeder Welle reiten neue Leichen an Land 

Seit gestern bin ich wieder in der Klinik.
Tagsüber ist es okay. Ich schiebe zwar mehr Panik als sonst, versuche mir das aber nicht anmerken zu lassen. Zu viele Menschen und eine zu hohe Lautstärke machen allerdings dann meist so viel Anspannung, dass ich mich zurückziehen muss. Aber auch das ist in Ordnung. Abends wird es schwerer. Die Panik nimmt mehr Raum ein, oftmals kommen Flashbacks dazu. Gestern hat einfach nur das Geräusch des Fernsehers gereicht, um alte Erinnerungen zu triggern. In meinem Kopf war nur noch der Gedanke an schneiden. Dann mischte sich ein wenig „raus aus dem Zimmer, einfach nur raus und zum Schwesternsitz“ darunter und das habe ich dann auch getan. Heulend und zitternd und mit enormer Anspannung. Irgendwann wurde mir von den Flashbacks so übel, dass ich mich übergeben habe. Und das hat dann auch den Strom aus Bildern unterbrochen, ich konnte Bedarf nehmen, habe die Übelkeit mit Kamillentee und Wärmekompresse bekämpft und bin irgendwann ins Bett und auch direkt eingeschlafen.
Heute ist es immer wieder anstrengend . Zu viele Menschen, zu laut, zu stickig. Zu viel Kopfchaos. Ich bin immer noch unglaublich müde vom Bedarf gestern, versuche mich aber so gut es geht wachzuhalten, nachdem ich heute morgen dann zwei Mal aus dem Schlaf gerissen wurde, zuerst durch einen Anruf meiner Krankenkasse, dann durch Klopfen an der Türe und Zimmerwechselei.
Die Flashbacks waren wieder extrem. Ich habe mich verletzt, danach war es aushaltbar, bis ich mich in meinem Bett zusammen gerollt und mir die Kopfhörer in die Ohren gesteckt habe. Dann habe ich mich wieder im Bad verkrochen, die Klinge ausgepackt, geheult ohne Ende und irgendwann den roten Knopf gedrückt. Nathalie kam und hat mit mir geredet. Über die Suizidgedanken in meinem Kopf. Über die Flashbacks und das Chaos und meinen Wunsch danach, dass es endet. Danach waren wir draußen und sind um den See spaziert, während mir immer noch die Tränen liefen und haben weiter geredet. Über die Möglichkeiten, die helfen könnten derzeit. Was hilft ist reden. Und raus gehen und dabei reden. Das Gefühl zu haben nicht alleine zu sein und erzählen können, was in meinem Kopf ist. Sie meint, ich soll doch mal Wellenreiten als Skill versuchen. Mir beispielsweise morgen früh, wenn es mies ist, immer wieder denken, dass Nathalie mittags kommt und ich mit ihr raus und reden kann. Und mich immer wieder daran erinnern und festhalten. Und gegen die Panik, dass mein Vater plötzlich da stehen könnte, soll ich versuchen das ganze zu splitten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Mutter ihm meine Adresse gibt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie über einen anderen Weg raus kriegt? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er dort auf mich wartet und mir bis zur mir nach Hause folgt? All diese Dinge sind relativ unwahrscheinlich und es hilft ein wenig gegen die Panik. Nathalie sagt immer wieder, dass es auch wieder besser wird. Dass ich die Kraft habe das zu schaffen. Es tut gut das zu hören, weil ich es selbst nicht schaffe daran zu glauben. Und sie fragt, ob ich will, dass sie mich dann findet. Möglicherweise ohne Puls. Sie oder Pfleger Arschkeks oder Pfleger Kai. Und ich schüttel den Kopf, denn natürlich will ich das nicht. „Und ich sage wieder den berühmten Satz: vor einem Jahr wäre das alles noch nicht möglich gewesen. Und es ist eben nur ein Jahr bisher.“ Ja. Vor einem Jahr hätte ich vermutlich schon längst versucht das ganze zu beenden. Auch wenn ich es in diesen Momenten, in denen ich heulend und zitternd mit dem Kopf voller Flashbacks irgendwo hänge, einfach nicht sehen kann. Dann sehe ich da keinen Fortschritt und keine Entwicklung, dann ist da nur der augenblickliche Horror und die Panik und die Angst und der Wille aufzugeben, nichts anderes. „Das ist wie ein Boxkampf. Nur eben da oben. Und ich glaube daran, dass Sie sich nicht umhauen lassen.“ sagt sie, als ich wieder einigermaßen bei mir bin und wir wieder auf der Station sind.
Danach ist es besser. Reden und gehen und gehen und reden hat geholfen, hat mich aus der Hochspannung und den Flashbacks geholt. Die Suizidgedanken sind immer noch da, aber so weit besser, dass ich nicht mehr das Gefühl habe direkt auf der Stelle einen Weg suchen zu müssen mir das Leben zu nehmen. Etwas Erleichterung in dem aktuellen Chaos.
Nun sitze ich mit Musik und Schokolade im Flur und schreibe. Und mit Nathalies Zetteln.
Tag für Tag.
Minute für Minute.Schritt für Schritt.
Skill für Skill.
Chakka!
Langsam komme ich auch wieder mehr runter und in der Realität an, fühle mich nicht mehr so extrem aufgewühlt und furchtbar. Auch wenn die Anspannung immer noch hoch ist und die Gedanken kreisen.
Bibi war dann noch kurz da und es tat gut mal in den Arm genommen zu werden, da in bisschen zu reden und zu rauchen.
Und manchmal kommt momentan dann auch der Gedanke in den Kopf, dass ich es vielleicht doch schaffe durch die aktuelle Krise, durch die furchtbaren Gedanken und den Horror, ohne dass ich daran sterbe. Vielleicht kann ich das Ganze doch durchstehen, aushalten, durchhalten, ohne dass ich mich ständig verletze oder mir sonst irgendwie schade.

du lässt die Wellen vor dir brechen 
Wenn du deine Fesseln sprengst
Ich will das Meer sehen 
Will in die Freiheit gehen 
Will über den Dingen stehen 
Ich will Wellen reiten

2015. Ein Rückblick.

In „meinem“ Forum gibt es seit Jahren die Tradition des Jahresrückblicks. Ich habe diese Tradition liebgewonnen, habe eigentlich jedes Jahr einen Jahresrückblick geschrieben, manchmal im Forum, manchmal im Blog, manchmal nur für mich.
Lange habe ich überlegt, ob ich einen für dieses Jahr schreiben möchte. Vor Silvester war es mir zu heikel, weil es ja doch ein wenig von melancholisch werden hat. Doch nun habe ich Lust darauf, mag zurückblicken und schreiben.

Was hast du in diesem Jahr gelernt? Woran bist du gewachsen?
Das Wichtigste, was ich gelernt habe, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es geht immer weiter.
Ich habe viel über mich selbst gelernt. Viele Grundlagen, um mit mir und der Selbstverletzung und den Suizidgedanken umzugehen. Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, denen ich vertrauen kann und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ich habe gelernt offener durchs Leben zu gehen, mich auf fremde Situationen eher einzulassen. Ein wenig auch mehr auf mich stolz zu sein und auf mich zu achten. Und auch mir Gutes zu tun.

Womit hast du angefangen?
Damit mir Hilfe zu suchen, die Weichen zu stellen für eine DBT. Damit, alleine zu leben und mein Leben alleine zu gestalten. Ich habe angefangen, aktiv etwas gegen die Dämonen der Vergangenheit zu tun und mich nicht mehr nur davor zu verstecken. Damit, mir Gutes zu tun, egal wie schwer es fällt.

Worauf bist du stolz?
Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe mir Hilfe zu suchen und diesen Weg auch gehe, so schwer es manchmal ist. Ich bin stolz auf die Entwicklung, die ich im letzten Jahr gemacht habe. Ich bin stolz auf jeden Moment ohne Selbstverletzung, auf jeden Moment, der nicht von der Vergangenheit bestimmt wurde. Stolz auf jede Minute, die ich völlig unter Hochspannung ausgehalten habe. Stolz darauf, dass ich jeden Tag aufs neue atme und lebe.

Womit aufgehört/abgeschlossen?
Mit vielen Freundschaften habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass es manchmal an der Zeit ist alleine weiter zu gehen. Ich habe aufgehört mich selbst zu vernachlässigen bei dem Versuch möglichst normal zu sein und zu funktionieren. Abgeschlossen mit der Beziehung und dem dazugehörigen Liebeskummer, der sich noch durch das Jahr zog. Und endgültig damit aufgehört, meine Vergangenheit nicht akzeptieren zu wollen, denn es ändert nichts daran, dass es geschehen ist.

Schönster Moment des Jahres?
Einen schönsten Moment gab es nicht, eher mehrere kleine, für mich aber unglaublich schöne Momente.
Der Einzug in meine vier Wände. Als das kleine Fellbündel bei mir einzog. Neue Menschen kennen lernen und in meinem Leben haben. „Alte“ Menschen wieder in meinem Leben haben. Und noch so viele mehr…

Schlimmster Moment? (Und evtl. Erkenntnisse daraus?)
Der 2. Februar, als ich voller Schläuche und Kabel auf der Intensivstation vollends zu mir kam. Der Moment, in dem die Erinnerungen an die Stunden davor wieder kamen, an das, was ich getan habe. Meine Schwester danach zu sehen, ihre Augen voller Angst und Sorge. Chrissie danach zu sehen, zu hören welche Angst sie in dieser Nacht um mich hatte. Schwester Nathalie und Schwester Sabine danach zu sehen, die in dieser Nacht Dienst hatten und mich zu erklären.
Die Erkenntnis daraus ist, dass ich an diesen Punkt nicht mehr kommen möchte. Dass ich nie wieder so sehr die Kontrolle über mich verlieren will, nie wieder in eine Situation kommen mag, in der ich völlig der Kontrolle anderer unterworfen bin. Und auch die Erkenntnis, dass ich wahnsinnig verständnisvolle Menschen um mich habe. Meine Schwester, die mir verzeiht, Chrissie, die einfach nur froh ist, und Nathalie und Sabine, die mir zwar mehrmals eindringlich erzählen, was hätte schief gehen können, mir aber keine Vorwürfe machen.

Wem sagst du danke – und wofür?
Chrissie. Wie eigentlich in jedem Jahr. Du bist und bleibst die beste beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Danke für all diese Momente mit dir. Danke für diese eine Nacht. Danke für ein weiteres Jahr mit dir an meiner Seite.
Kat. Danke, dass wir immer noch Kontakt haben und normal miteinander umgehen können, danke für viele lustige Momente, danke, dass du immer noch ein Teil meines Lebens bist.
Meiner Schwester. Dafür, dass sie einfach da ist, dass sie mich nach dieser Nacht im Februar so oft besuchen kam. Für ihr Verständnis, dass ich unserer Mutter nicht alles erzählen möchte. Für ihr stillschweigendes Mitwissen über neue Narben und Klinikaufenthalte. Für die unerschütterliche Liebe zwischen uns.
J. dafür, dass du ein weiteres Jahr da warst, mir liebe Worte und manchmal auch Arschtritte geschickt hast, für Tee und Filmabende und Besuche und einfach dafür, dass du du bist.
Lili. Für unzählige Stunden am Telefon, fürs Dasein in schönen und schlechten Momenten, dafür, dass unsere Freundschaft auch nach langer Zeit der Stille immer noch so wunderbar und tief ist.
M. fürs shishen und essen gehen und trinken und Borderline-Witze machen und für die ganzen schönen Treffen im letzten Jahr.
J. & K. für die letzten Wochen und die Momente, dafür, dass ihr da seid und es sich anfühlt, als ob wir uns schon Jahre kennen würden.
Dem ganzen Team der Station , dafür, dass sie immer an mich glauben, auch wenn ich es manchmal nicht tue. Für Telefonate mitten in der Nacht, fürs mich in Hochspannung aushalten und mit mir gemeinsam durchhalten, für viele lustige Momente und viele Tiefs, dafür, dass sie Tag für Tag (und manchmal auch Nacht für Nacht) so viel mehr machen als nur einen Job, sondern mit so viel Verständnis, Geduld und Spaß da sind, auch wenn es manchmal richtig turbulent und anstrengend ist auf Station. (Das dürfen Sie auch gerne weitergeben Nathalie. 😉 )
Und sonst allen Menschen, die mich im letzten Jahr unterstützt und begleitet haben, hier im Blog liebe Worte hinterlassen haben oder mir aufmunternde Nachrichten schickten. Danke.

Was bringt 2016/ Was wünschst du dir für 2016?
Weitergehen. Ein Stück mehr in meinem Leben ankommen. Ein Stück gesunder werden. Kämpfen, atmen, weitermachen, weniger selbst verletzen. Tag für Tag, Schritt für Schritt.

Unvergessenswertes?
Der Sommer im Garten, mit Meeris und Katerkind.
Die erste Nacht in meiner Wohnung.
Einige Teedates.
Die Telefonate mit Lili.
Der Besuch vom kleinen Bruder.
Die Frankfurter Buchmesse mit P.
Das erste Mal den Zitronenkater sehen und mich sofort verlieben.
Nevas Besuche.
Und noch so viele Momente mehr…

 

Insgesamt gesehen war 2015 ein sehr turbulentes Jahr, ein Jahr mit vielen Tiefpunkten, aber auch wunderbaren Momenten, die mir gezeigt haben wie lebenswert das alles ist. Ich war ganz unten und bin da wieder raus gekommen, habe vieles erreicht und bin nun an einem Punkt, der vor genau einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre.
Es geht weiter. Auch wenn ich manchmal zweifle und falle und aufgeben mag. Es geht weiter. Es geht immer weiter. Schritt für Schritt und Tag für Tag.

 

There were times in my life I was down on my knees, now it’s over

Ich bin wieder daheim. Juhu! Auch wenn es hier aussieht wie Kraut und Rüben (Arschkeks von Zitronenkater!).
Aber Zuhause. Katerkind und Meeris, mein Bett, mein Sitzsack, mein Sofa und WLAN.
Gleich werfe ich mich erst mal ins Bett. Ich habe seit gestern unterschwellig Kopfschmerzen (kein Wunder bei der Heulerei) und bin seit dem Mittagessen auch furchtbar müde. Da hatte ich auf Station allerdings schon kein Bett mehr…
Übrigens: niemals Nathalie von Neujahrsvorsätzen erzählen. Sie streckte mir direkt die Hand hin, als ich gestern erzählte, dass ich weniger Energydrinks trinken will. „Und das Zeug lassen Sie auch weg!“ Tja, nun habe ich ihr also die Hand drauf gegeben.
Der Herr Psychopeut hat heute noch mit mir gesprochen und ich habe ihm auch von der Angst erzählt, die ich habe vor dem „danach“. Vor dem, was nach der DBT kommt. Er hat mir nochmals versichert, dass ich auch danach jederzeit kommen kann und die Türen für mich offen stehen, ich habe gesagt, dass ich eventuell eine Traumatherapie anhängen möchte und er meinte, dass man im Team und im Gespräch ja auch kucken kann, ob ich nach der DBT weiterhin Intervalltherapie machen kann bis eventuell zu einer Traumatherapie, dann mit größeren Abständen als derzeit, wenn es passt.
Ich werde diesmal versuchen 6 Wochen daheim anzustreben. Wenn es nicht klappt, dann ist es auch okay, ich werde mich da selbst nicht total unter Druck setzen, weil ich dann letztendlich zwar 6 Wochen schaffe, aber das ganze vermutlich mit zerschnittenen Armen und völlig am Ende. Und das ist ja nicht der Sinn der Sache.
Und nun kuschel ich mich erst mal in mein Bett, bevor ich dann das Zitronenkaterchaos beseitige. Einkaufen und Meeris mache ich morgen, dafür habe ich heute gar keinen Nerv und das Wetter ist mir auch viel zu schlecht um nochmal vor die Türe zu gehen. Es läuft ja nicht weg. Heute ist ankommen angesagt, Gutes tun und das aushalten. „Chakka, Sie schaffen das!“ sagt Nathalie zum Abschied.

I’m back in the picture,
back in the picture

Jetzt hat sie mir doch tatsächlich ein Päckchen Zigaretten geklaut. Natürlich war sie es nicht und der Pfleger hat auch nichts bei ihr gefunden. Und dann stand sie im Raucherraum und zog mein Feuerzeug, dass im Zigarettenpäckchen war, aus der Hosentasche. Aber natürlich war sie es nicht und das Feuerzeug gehört ihr. Und ihr Feuerzeug hat zufällig an genau der selben Stelle die eine Macke, die meins auch hat.
Dann lief sie motzen über den Flur. Pfleger Thorsten hätte für sie ja nicht mal fünf Minuten, während die Frau Zitrone 3 Stunden da stehen könnte und es wird ihr zugehört. Na ich würde ihr auch nicht zuhören wollen, außerdem stellt sie sich immer demonstrativ auch dann da hin und mischt sich ein. Und sie wollte nur etwas haben, von dem Thorsten sagte, dass er geschaut hat und da ist es nicht. Soviel dazu, dass er keine Zeit für sie hat.
Am tollsten war ja, dass Menschen, die laut werden, Unrecht haben. Und sie wäre ja nie laut. Vermutlich kommt das Geschrei aus dem Blumentopf.
Ja, ich rege mich auf. Und es tut gut, dass aufzuschreiben und so raus zu lassen.
Ich habe mir Bedarf geben lassen, damit ich wenigstens irgendwie runter komme. „Ich hab es vorhin schon gesagt und ich sage es Ihnen jetzt auch: ich finde Sie haben diesen Aufenthalt gut gemeistert, auch trotz der Umstände. Sie können stolz sein.“ sagt Thorsten. Ich lächle und meine, dass ich es versuche. „Nein. Nicht versuchen. Tun Sie es einfach, seien Sie stolz“ antwortet er und ich muss lächeln und bin es dann wirklich ein bisschen. Stolz auf mich, dass ich die kritischen Tage um den Jahreswechsel überstanden habe, stolz, dass ich heute nicht geschnitten habe, stolz, dass ich die letzten Tage dieses Drama ertragen habe. Das erste Mal seit langem kann ich wirklich sagen: ich bin stolz auf mich.